Erwachsen - Tobias Glück - E-Book

Erwachsen E-Book

Tobias Glück

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Beschreibung

Lebe ich so, wie ich selbst es möchte? Warum fällt mir Nähe schwer? Weshalb werde ich meine Ängste nicht los? Und warum wiederholen sich immer wieder dieselben Konflikte? Dieses Buch nimmt uns mit auf eine fesselnde Reise in die Tiefen unserer Psyche, um Antworten auf diese und viele weitere Fragen, die wir uns stellen, zu finden. Es beleuchtet, wie die Muster und Prägungen unserer Kindheit unbewusst unser Handeln und Fühlen bestimmen – und wie wir uns davon lösen können, um ein erfüllteres und bewussteres Leben zu führen. Der renommierte Psychologe und Therapeut Tobias Glück zeigt anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und mit bewegenden Fallbeispielen, wie alte emotionale Verletzungen und Traumata unser Selbstbild lebenslang beeinflussen. Sie sind unsichtbare Fesseln, aus denen wir uns befreien können. Nehmen wir die hinderlichen 'inneren Kinder' liebevoll an, ohne ihnen die Führung zu überlassen. Glück, der diese tiefen Zusammenhänge in der Arbeit mit seinen Patient*innen erlebt, spürt den dahinterliegenden Prozessen nach und liefert uns neue Denkanstöße für eine Auseinandersetzung mit unserem individuellen Erwachsensein. Erwachsensein, davon ist Glück überzeugt, ist nicht einfach ein Lebensalter, sondern ein fortlaufender Prozess. Sein Buch ist eine Ermutigung, Frieden mit sich selbst zu schließen, sich mit Mitgefühl zu begegnen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und es nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Es ist nie zu spät, erwachsen zu werden – lassen wir uns inspirieren und beginnen wir noch heute!

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zur besseren Lesbarkeit werden in diesem Buch die Begriffe „Klient/Klientin“ und „Patient/Patientin“ synonym verwendet.

INHALT

HERAUSFORDERUNG ERWACHSENSEIN

ERWACHSENSEIN – ANNÄHERUNG AN EINEN ZUSTAND

WENN KINDHEIT NACHWIRKT: DIE ROLLE DER ELTERN IN UNSEREM ERWACHSENEN-LEBEN

WIE FRÜHE TRAUMATA UNS ALS ERWACHSENE PRÄGEN

DIE MACHT DER INNEREN STIMME: SELBSTKRITIK UND SELBST-FREUNDLICHKEIT

DIE BOTSCHAFT DER EMOTIONEN: BEDÜRFNISSE ERKENNEN UND REGULIEREN

DER INNERE KOMPASS: WIE WERTE UNSERE ENTSCHEIDUNGEN BEEINFLUSSEN

KONTROLLE ERLANGEN UND GRENZEN WAH-REN: DER WEG IN EIN SELBSTBESTIMMTES LEBEN

WIE VIEL NÄHE BRAUCHEN WIR? WIE VIEL DISTANZ IST GUT FÜR UNS? EIN INDIVIDUELLER BALANCEAKT

VERANTWORTUNG UND AKZEPTANZ: DIE SÄULEN DES ERWACHSENSEINS

MUT ZUM EIGENEN ERWACHSENSEIN

HERAUSFORDERUNG ERWACHSENSEIN

Ican't do adult today!“, sagte vor einiger Zeit eine Klientin mit einem Augenzwinkern zu mir. Sie fühlte sich in ihrer beruflichen Situation herumgeschubst und war gezwungen, neue Aufgabenbereiche zu übernehmen, denen sie sich nicht gewachsen sah. Sie empfand sich als permanent von ihren Vorgesetzten kritisiert und sah keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren oder sich aus dieser Situation zu befreien. Ihre nicht ganz ernst gemeinte Aussage, einmal nicht als Erwachsene handeln zu müssen, entsprang dem nachvollziehbaren Wunsch, nicht allein dazustehen, die Zügel aus der Hand geben zu dürfen, nicht immer für sich einstehen zu müssen, die eigenen Grenzen nicht ständig verteidigen und keine Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen übernehmen zu müssen. So einen Zustand der ersehnten Pause vom Erwachsensein haben wir wahrscheinlich alle schon einmal in unterschiedlicher Ausprägung erlebt. Aber was ist eigentlich damit gemeint, erwachsen zu sein? Und weshalb ist es manchmal so schwer, der oder die Erwachsene im eigenen Leben zu sein? Bemerken wir überhaupt, wenn wir uns nicht „erwachsen“ verhalten oder fühlen? Das sind Fragen, die sich immer wieder aus der Arbeit mit den Menschen ergeben haben, die ich seit Beginn meiner Berufstätigkeit getroffen und beraten habe.

Das Schöne an meinem Beruf als Psychologe und Psychotherapeut ist, dass ich Menschen bei dem begleiten darf, was ich als „Erwachsenwerden“ bezeichnen würde. Damit meine ich, dass sie sich aus Situationen befreien oder es ihnen gelingt, Zustände hinter sich zu lassen, die sie in ihrer persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit behindern. Das kann bedeuten, dass sie sich von nicht hilfreichen Gewohnheiten verabschieden. Es kann sich darin äußern, dass sie beginnen, Grenzen zu setzen, Ängste zu überwinden und Veränderungen in ihren Leben durchzusetzen, auch wenn andere damit nicht einverstanden sind. Sie können sich aus einschränkenden Umständen befreien, über sich hinauswachsen und zu sich stehen.

Das Thema „Erwachsensein“ beschäftigt mich aber auch in meiner Arbeit als Arbeitspsychologe in der Beratung von Organisationen und ihren Teammitgliedern. Zugespitzt formuliert, könnte man bisweilen den Eindruck gewinnen, dass ein Großteil der Arbeitszeit von Kindern abgeleistet wird, die in den Körpern von Erwachsenen stecken. Führungspersonen wie Mitarbeitende bemerken häufig nicht, dass sie im Arbeitskontext eigene – kindliche – Bedürfnisse mit beruflichen Anforderungen vermischen. Sie übersehen, dass die Erwartungen, die sie an ihr Umfeld stellen, nichts mit dem zu tun haben, was am Arbeitsplatz gefordert werden darf oder gesetzlich erlaubt ist. Da werden fachliche und dienstliche Vorwände vorgeschoben, um persönliche Motive wie Macht, Kontrolle oder Anerkennung zu befriedigen. Wird diesen Motiven zuwidergehandelt, entstehen massive Konflikte, die tief in die Wirren der eigenen kindlichen Anteile und Verletzungen führen.

Immer wieder begegne ich in meiner Tätigkeit auch Menschen, die einem Beruf nachgehen, ohne zu wissen, wie sie in diesem gelandet sind. Sie fühlen sich in einer ausweglosen Situation gefangen und realisieren nicht, dass sie erwachsene Personen sind, die bestimmte Entscheidungen getroffen haben und es ihnen nach wie vor freisteht, auch andere zu treffen oder mit ihrer damaligen Entscheidung eigenverantwortlich umzugehen. Nicht selten führen solche Dynamiken dazu, dass ganze Abteilungen stillstehen und frustrierte Mitarbeitende ihrem Arbeitgeber den Rücken kehren – nur um sich in der nächsten Firma wieder mit denselben Problematiken konfrontiert zu sehen.

Kindheitsprägungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen

Auch im Privatleben, bei anderen, aber auch bei mir selbst taucht das Thema „Erwachsensein“ in alltäglichen Interaktionen auf. Es zeigt sich darin, wie Menschen mit sich und anderen umgehen – ganz unabhängig von ihrem Lebensalter. Ab einem bestimmten Alter bezeichnen sich die meisten Menschen als erwachsen, doch sieht man genauer hin, sind viele – oft ohne es zu bemerken – verstrickt in den Prägungen, Wünschen, Erwartungen und der fehlenden Liebe aus ihren Kindertagen. Sie bleiben in manchen Bereichen ihres Lebens ein Leben lang Kind. Dies hindert sie daran, selbstbestimmt und unabhängig Entscheidungen zu treffen, befriedigende Beziehungen zu führen und ihr Leben frei nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten.

Letztendlich spielt das Thema „Erwachsensein“ damit auch in einem größeren Zusammenhang eine Rolle. Denn es hat Einfluss darauf, wie unsere Gesellschaften funktionieren, ob wir als Zivilisation notwendige Veränderungen umsetzen, welche Machtstrukturen wir aufrechterhalten und wie die politische Landschaft – und damit das Schicksal ganzer Nationen und unserer Erde – dadurch bestimmt wird.

Auch viele Entwicklungen der vergangenen Jahre stehen für mich im Zusammenhang mit dem Thema Erwachsensein. Mittlerweile werden Ansichten verbreitet, die vor Jahren noch ins Reich der Märchen verbannt worden wären, und magisches Denken aus Kindertagen bestimmt die Wahrnehmung von Geschehnissen. Menschen leben auf einmal in Parallelwelten, um ihre eigenen Ängste nicht wahrnehmen zu müssen oder weil die einfachen Erklärungen am bequemsten sind. Ein Teil der Gesellschaft setzt auf Wut und Hass, um die eigene Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen. Diese Menschen vermeiden Ambiguität und von der eigenen Erklärung abweichende Antworten und möchten sich nicht mit logischen Fehlern in der eigenen Argumentation auseinandersetzen. Wo früher Diskussion und Dialog den gesellschaftlichen Kontakt bestimmten, herrscht heute vielerorts Ratlosigkeit und Schweigen – nicht zuletzt, weil man sich nicht auf einen gemeinsamen Wahrheitsraum auf der Basis von Tatsachen einigen kann. Die Ursachen für diese Entwicklungen liegen zwar zumeist in unterschiedlichen Ansichten bezüglich gesellschaftlicher, ökologischer und technologischer Gegebenheiten, jedoch sind die Auswirkungen im Kern psychologisch begründbar und zeugen von einem kollektiven Mangel an Erwachsensein.

Es liegt auf der Hand, dass es im Zusammenhang mit Erwachsensein auch um das Verhältnis zu unseren Eltern geht und wie wir als Kind behandelt wurden. Viele von uns sind nicht wirklich erwachsen, solange wir uns den Wünschen und Forderungen der Eltern verpflichtet fühlen, auch wenn diese nicht unseren eigenen entsprechen. Oft stehen wir zeitlebens in einem für uns selbst ungeklärten oder belasteten Verhältnis zu den Eltern. Wir bleiben somit Kind – wenn auch nur in einzelnen Aspekten unseres Lebens oder in bestimmten Situationen.

Vom „inneren Kind“ zum selbstverantwortlichen Erwachsenen

Die Auseinandersetzung damit, dass wir zwar ein Leben lang Kind unserer Eltern sind, dass wir auf unsere Kindheit keinen Einfluss haben, sehr wohl aber darauf, wie und ob wir erwachsen werden, findet auf sehr unterschiedliche Weise statt. Der dafür entwickelte Begriff des „inneren Kindes“, der in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erfahren hat, zeigt hingegen nicht immer auf, wie wir eigentlich leben wollen und was „Erwachsensein“ für uns wirklich bedeutet. Das innere Kind bezeichnet die kindlichen Anteile in uns Erwachsenen – also frühere Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse und Verletzungen, die das heutige Verhalten und Erleben unbewusst beeinflussen. Es klingt schlicht und ergreifend griffiger, als wenn man jedes Mal sagen würde: die in unserem limbischen System, dem präfrontalen Kortex und dem Default-Mode-Network – einem Netzwerk, das beim Nachdenken über uns selbst aktiviert wird – abgespeicherten Erfahrungen aus unserer Kindheit und Jugend. Auch geht mit dem Fokus auf die häufig unangenehmen Emotionen und Verletzungen des „inneren Kindes“ der Blick darauf verloren, dass es zum Erwachsensein dazugehört, auch seine kindlichen und spielerischen Anteile zuzulassen und auszuleben. Gerade die Art und Weise, die Qualität dieser Auseinandersetzung, hat entscheidenden und vielfältigen Einfluss auf das ganze Leben.

Gleichzeitig spielt es ebenfalls eine wichtige Rolle, in welcher Generation und welcher gesellschaftlichen Situation man als Kind geboren wurde, sei es Nachkriegsgeneration, Boomer, Hotel-Mama oder in den vergangenen zwanzig Jahren. Dies bestimmt maßgeblich die Einstellung zu Verantwortung und Erwachsensein der jeweiligen Personen.

Dieses Buch soll kein Selbsthilfebuch oder Ratgeber sein. Ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, was Erwachsensein bedeuten kann – vor allem aus einer psychologischen Perspektive. Das Buch soll Gelegenheit bieten, über verschiedene Aspekte des Lebens nachzudenken und zur Frage einladen, ob man in diesen Bereichen so frei und unabhängig ist, wie man es sein möchte oder zu sein meint. Es will dazu anregen, genauer hinzuschauen, und deutlich machen, dass es nie zu spät ist, „erwachsen“ zu werden: Entwicklung lohnt sich immer.

ERWACHSENSEIN – ANNÄHERUNG AN EINEN ZUSTAND

Die meisten Kulturen hatten und haben in irgendeiner Form Rituale und Definitionen, die festlegen, ab wann eine Person als erwachsen gilt. Mit diesem Status geht einher, als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen oder aufgrund seiner Rollen als solches angesehen zu werden. Dieser Status ist verbunden mit bestimmten Erwartungen und Pflichten, aber auch mit klar definierten Rechten.

Der Mensch ist ein zutiefst ritualaffines Wesen. Selbst wenn diese Rituale nicht explizit gesellschaftlich verankert sind, signalisieren sie Grenzen und Wendepunkte und geben Struktur. Religionen – jahrhundertelang die unangefochtenen Strukturgeber von Gesellschaften – liefern klare Rituale, die diese Übergänge markieren. Die Kommunion oder Konfirmation im katholischen bzw. evangelischen Glauben oder die Bar und Bat Mitzwa im Judentum sind Beispiele, mit denen die Mündigkeit im Sinne des jeweiligen Glaubens gefeiert wird. In den vergangenen hundertfünfzig Jahren hat die ethnologische Forschung vielfältige Beispiele für Initiationsrituale in den unterschiedlichsten Kulturen dokumentiert.

Anfang des 20. Jahrhunderts prägte der Ethnograf Arnold van Gennep dafür den treffenden Begriff „Übergangsriten“. Interessanterweise waren und sind viele dieser Riten nicht selten mit Schmerzen oder dem Überwinden von Gefahren verbunden. Bei einem Stamm im Amazonas stecken Jungen zur Initiation ihre Hände in mit Ameisen gefüllte Handschuhe, um durch das Aushalten der extrem schmerzhaften Stiche Stärke und Reife zu beweisen. Jungen der Sepik-Völker werden tiefe Schnittnarben zugefügt, um die Haut eines Krokodils zu symbolisieren und so den Übergang vom Kind zum spirituell erneuerten Mann zu vollziehen. Wenn man an die Berichte von „Aufnahmeritualen“

in Studentenverbindungen denkt, spielen diese Aspekte ebenso eine wichtige Rolle. Auch viele Sagen handeln von der inneren Reise, vom Überwinden eigener Grenzen und vom Ringen um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Die Helden dieser Sagen sind durch die Bank Männer. Als erwachsen gilt manchen daher immer noch, wer stark ist, Schmerzen erduldet, andere unterwirft oder zielstrebig ist. Bei Mädchen und Frauen gibt es ebenfalls Rituale, allerdings wird hier häufig die Menarche als Eintrittspunkt in das Erwachsenenleben herangezogen und das Erwachsenwerden geschieht vielmehr sukzessive, statt als bewusst vollzogener Eintritt wie bei Männern. Oder wie im Fall der brutalen Praktiken der Genitalverstümmelung, ist das Ziel der Rituale vielmehr, Frauen zu kontrollieren und zu unterwerfen. All diese Vorstellungen sind stark von patriarchalem und genderstereotypem Denken beeinflusst – und engen ein.

In unseren heutigen Gesellschaften gibt es noch immer solche Übergänge, auch wenn sie zunehmend an Bedeutung verlieren oder durch neue Formen ersetzt werden. Zum einen ist das positiv, da dem Individuum mehr Freiheit unabhängig von Konventionen und Erwartungen in der Entwicklung und Entfaltung zugesprochen wird, zum anderen kommen aber auch Sicherheit und Struktur abhanden, die bei der Orientierung und Identitätsfindung als Erwachsener helfen können. Ein Teil der aktuell so oft beschriebenen Orientierungslosigkeit und Suche nach Struktur vieler junger Menschen stammt sicherlich auch daher, dass wir uns bisher nicht auf neue gemeinsame Werte und Rahmenbedingungen einigen konnten, in denen sich Erwachsensein abspielt.

Ab wann gilt man als erwachsen? Gesellschaftliche, juristische und biologische Unterschiede

Bereits in der Antike gab es klare Regelungen, ab wann ein Mann als Erwachsener galt. Im antiken Griechenland mussten die Jugendlichen mit 18 Jahren den zweijährigen Militärdienst ableisten. Danach setzten die jungen Männer ihre geistige Bildung bis zum Alter von 30 Jahren fort. Durch die Heirat wurde man ein respektabler Erwachsener. Im römischen Recht gab es kein Konzept der Volljährigkeit, auch wenn die männlichen Jugendlichen im Rahmen einer Zeremonie mit 16 Jahren die Toga Virilis anlegten und sich in die Bürgerliste eintrugen. Die männlichen Jugendlichen blieben bis zum Tod des Vaters unter der Autorität des pater familias und wurden erst mit dessen Tod zum „vollwertigen“ Erwachsenen. Starb der Vater, wurde der Jugendliche zum Zögling und hatte bis zum Alter von 25 Jahren einen besonderen rechtlichen Status, da er zwar de facto Familienoberhaupt war, jedoch weiterhin einem Mentor unterstand.

In Österreich oder auch Deutschland gilt jemand juristisch als erwachsen, wenn er oder sie das 18. Lebensjahr erreicht. Es gibt durchaus Stimmen, die infrage stellen, ob man ab diesem Alter tatsächlich bereits Verantwortung für sich und andere übernehmen und die Folgen des eigenen Handelns wirklich abschätzen kann – wie man dies im gesellschaftlichen Sinn von Erwachsenen erwartet. Allerdings sind auch diese Altersgrenzen nicht in Stein gemeißelt und unterliegen einer gewissen Willkür. 1974 wurde in der Bundesrepublik Deutschland die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt. In der DDR erfolgte dies bereits in den 1950er-Jahren. In Österreich wurde 2007 das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt – das Land ist damit, gemeinsam mit Malta, Vorreiter in Europa. In Deutschland wird Wählen mit 16 Jahren ebenfalls diskutiert, wobei dies auf kommunaler und Landesebene in einigen Regionen bereits der Fall ist und ebenso für die Europawahlen gilt.

Es ist wünschenswert und sinnvoll, dass junge Menschen eine Stimme bei Entscheidungen haben, die ihre Zukunft betreffen. Doch nur weil jemand wählen darf, bedeutet das noch lange nicht, dass er oder sie mit Weitsicht jene Vertreter und Vertreterinnen auswählt, die das Beste für sie oder das Land im Sinn haben. Das Wahlrecht geht auch nicht mit dem Recht einher, beispielsweise wirtschaftliche Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen oder Verträge abzuschließen – was hierzulande erst mit dem Erreichen der Volljährigkeit möglich ist. Wie unterschiedlich diese Verantwortungen geregelt sind, zeigt ein Blick über den Atlantik: In den USA kann man als Kind bereits eine Waffe besitzen, wenn auch nicht kaufen, in manchen Bundesstaaten ab 12 Jahren mit Einverständnis der Eltern heiraten, ab 16 Jahren ein Auto fahren – aber erst mit 25 Jahren ein Auto mieten, ab 18 Jahren wählen und als Soldat für sein Land im Einsatz sterben, jedoch erst mit 21 Jahren Alkohol trinken.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie unterschiedlich Gesellschaften mit Verantwortung und Verpflichtungen umgehen – und wie unterschiedlich sie Selbst- und Fremdgefährdung bewerten. Davon hängt ab, wann jemand in einem bestimmten Lebensbereich als erwachsen gilt. Damit bleibt die Frage offen, was Volljährigkeit und Erwachsensein auf individueller Ebene und in tiefergehender gesellschaftlicher Hinsicht tatsächlich bedeuten – und was über rechtliche und soziale Festlegungen hinaus alles dazugehört.

Übergänge wie der Abschluss einer Ausbildung oder der Eintritt ins Berufsleben und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit – dass also eine Person in der Lage ist, selbst für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen und keine finanzielle Unterstützung durch die Eltern benötigt – galten bisher als Meilenstein auf dem Weg ins Erwachsensein. Diese Meilensteine erodieren allerdings zusehends. Der Eintritt ins Berufsleben ist für viele junge Erwachsene aufgrund verschiedener wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen deutlich schwieriger als für vorige Generationen – erkennbar an Schlagworten wie „Generation Praktikum“ und der Prekarisierung von Anstellungsverhältnissen.

Gleichzeitig sehen sich viele, die mit der Berufstätigkeit in die „Welt der Erwachsenen“ eingetreten sind, mit Systemen konfrontiert, die eher an die Schulzeit oder autoritäre Strukturen erinnern. Auf der einen Seite fordern Unternehmen von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Eigenverantwortlichkeit ein – und damit klar erwachsene Verhaltensweisen –, auf der anderen Seite finden sich viele Menschen in erstarrten Systemen wieder, mit Führungspersonen, die sie das Ausgeliefertsein ihrer Kindertage wiedererleben lassen. Zwar wird in Stellenausschreibungen gern „purpose“ und Selbstverwirklichung angepriesen, die auch als Ziele des Erwachsenenlebens gesehen werden können. Die Möglichkeiten, diese in herkömmlichen Beschäftigungsverhältnissen zu erleben, sind jedoch begrenzt. Dazu kommt, dass die lebenslange Jobgarantie auch mit guter Ausbildung und vielen Qualifikationen bei Weitem nicht mehr in dem Ausmaß gegeben ist wie früher. Fragmentierte Erwerbsbiografien, Phasen der Arbeitslosigkeit und untypische Beschäftigungsverhältnisse sind immer häufiger die Folge. Wenn Erwachsensein für viele bedeutet, gesellschaftlichen Erwartungen nach einer lebenslangen erfüllenden Berufstätigkeit zu entsprechen, ist dies ohne die früher vorhandenen Sicherheiten deutlich erschwert.

Auch Eigentum aus eigener Kraft zu erwerben – etwas, das in unseren Gesellschaften nach wie vor mit Erwachsensein assoziiert wird –, ist für viele mittlerweile unmöglich geworden. Ebenso wird der Schritt zur Familiengründung von immer mehr Menschen infrage gestellt. Während Kinder und das Gründen einer eigenen Familie lange als selbstverständlicher Bestandteil des Erwachsenwerdens galten, fragen sich heute viele, ob sie unter den gegebenen Bedingungen Kinder bekommen können oder wollen und ob sie Kinder in eine Welt setzen möchten, in der bereits die nahe Zukunft ungewiss ist. Früher lebte man in der Zuversicht, dass es trotz aller Ungewissheiten weitergehen würde – selbst wenn man nicht sagen konnte, wie die Welt in zehn Jahren aussieht. Heute hingegen empfinden viele eine tiefe Unsicherheit darüber, wie sich die Welt bereits in fünf Jahren verändert haben könnte. Doch Erwachsensein heißt auch: eine Vision von Zukunft zu haben und das eigene Leben auf etwas Beständiges hin auszurichten.

Berücksichtigt man aktuelle Ergebnisse aus der Entwicklungsforschung und Neurobiologie, sind die meisten rechtlichen und sozialen Festlegungen von Erwachsensein hinfällig. Als erwachsen gilt in biologischer Hinsicht, wer die sexuelle Reife zur Reproduktion erreicht hat. Dies ist jedoch teilweise schon bei unter Zwölfjährigen der Fall, wobei die Gehirnentwicklung in diesem Alter noch lange nicht abgeschlossen ist und verantwortungsbewusstes, eigenständiges Handeln mitnichten vorausgesetzt werden kann. Bis in die frühen 2000er-Jahre wurde davon ausgegangen, dass mit dem Ende der Pubertät und dem Erreichen der körperlichen Reife sowie der Vollausbildung der sexuellen Reproduktionskapazität auch das Ende der Pubertät besiegelt ist. Bislang nahm man an, dass dieser Prozess mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres abgeschlossen sei. In den vergangenen Jahren fand die neurobiologische Forschung jedoch heraus, dass der teils fundamentale Umbau des Gehirns, der in der Pubertät noch einmal vieles über den Haufen wirft, was bis dahin innerhalb der Entwicklung als Kind passierte, erst mit dem 25. Lebensjahr sein Ende findet. In der Pubertät passiert eine enorme Restrukturierung des Gehirns, bei der mehr als vierzig Prozent der Synapsen abgebaut und neu angelegt werden, mehrheitlich im präfrontalen Kortex. Also jenem Teil des Gehirns, der für Impulskontrolle, Entscheidungen und dem, was weithin als rationales Denken bezeichnet wird, zuständig ist. Auch im limbischen System und anderen Hirnbereichen geschehen Veränderungen, was auch zur emotionalen Impulsivität in der Pubertät beiträgt, da hier die Veränderungen vor jenen im präfrontalen Kortex beginnen. Erste Anzeichen des kognitiven Abbaus lassen sich bereits ab dem dreißigsten Lebensjahr messen.

Sollte Erwachsensein also als der Beginn des Endes definiert werden? Keineswegs. Vielmehr geht es um die zunehmende Reifung des präfrontalen Kortex, der die Interaktion zwischen Emotionen, Kognitionen und zielgerichtetem Handeln sowie die Entscheidungsfindung steuert – und bei Bedarf korrigiert. Dies lässt sich im weitesten Sinne als erwachsenes Verhalten und Erleben beschreiben. Die Entdeckung der Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, sich, wenn auch in abnehmendem Ausmaß, bis ins hohe Alter anzupassen und neue synaptische Verbindungen zu schaffen – wirft die Frage auf, ob man in diesem Kontext je wirklich als erwachsen betrachtet werden kann. Darin liegt für mich aber auch eine Stärke und ein Auftrag des Lebens. Es bedeutet, dass sich sowohl Lernmuster als auch die Art und Weise, wie das Gehirn Verhalten und Wahrnehmung in den neuronalen Netzwerken organisiert, bis ins hohe Alter verändern lassen – zum Positiven wie auch zum Negativen.

Erwachsensein aus psychologischer Perspektive

Eine prägnante psychologische Definition von Erwachsensein könnte folgendermaßen lauten: Wer unabhängig handelt, Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt und sich selbst versorgen kann, ist erwachsen. Das umfasst auch die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse, Emotionen, Gedanken, Motive und Handlungen sowie deren Bezug zur Biografie wahrzunehmen und entsprechend einzuordnen. Und vor allem: danach zu handeln.

Auch kann man im psychologischen Sinn nicht von Erwachsensein sprechen, ohne das Konzept der Weisheit einzubeziehen. Erwachsensein ohne Weisheit ist meines Erachtens nicht möglich. Galt Weisheit lange als Gegenstand philosophischer Betrachtung, begann ihre Erforschung in der Psychologie in den Siebzigerjahren. In den Achtzigerjahren wurde das Berliner Weisheitsmodell von Paul Baltes und Ursula Staudinger entwickelt, um die Auswirkungen von Weisheit auf die Lebensführung von Menschen zu untersuchen. Es beschreibt Weisheit als besonderes Wissen über das Leben und den Umgang mit schwierigen Fragen des Lebens. Jemand wird als weise angesehen, der durch Lebenserfahrung und Entwicklung intellektuelle Fähigkeiten, Vorwissen und Erfahrung in seine Entscheidungen einbezieht, aber auch Unsicherheit aushält und sich unangenehmen Erfahrungen stellen kann. Weisheit beinhaltet darüber hinaus auch Reflexionsfähigkeit, Mitgefühl und das Streben nach Wahrheit, wobei eine weise Person sowohl das eigene als auch das Wohl anderer anstrebt. Vor allem ist eine als weise angesehene Person in der Lage, andere Meinungen und Ansichten neben der eigenen zuzulassen und auch zuzugeben, wenn sie sich geirrt hat. Auch wenn es keine einheitliche Definition von „Erwachsensein“ gibt und es eher ein Konstrukt mit unterschiedlichen Aspekten ist, klingt das doch ziemlich erwachsen, oder?

Das ausgeprägte Bedürfnis, sich mit den Themen der persönlichen Entwicklung, Freiheit und dem Bewusstwerden des eigenen Selbst auseinanderzusetzen, spiegelt sich in unzähligen Ratgebern und Selbsthilfebüchern zu diesen Themen wider. Stefanie Stahl hat mit ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“, das seit Jahren die Bestsellerlisten anführt, sicherlich einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass viele Menschen sich mit sich selbst, ihren Prägungen sowie Denk- und Handlungsmustern auseinandersetzen. In verständlicher Sprache hat sie darin die neuesten Ansätze psychotherapeutischer Behandlungen erklärt und einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Gleichzeitig stellt sich die Frage, weshalb ein solches Buch, das ein so anspruchsvolles Thema behandelt, so erfolgreich war und ist. Ich denke, einer der Hauptgründe für diesen Erfolg liegt in der tiefen Sehnsucht vieler von uns, sich selbst besser zu verstehen oder – um Sigmund Freud zu paraphrasieren – endlich „Herr im eigenen Haus“ zu sein. Kurz gesagt: aus sich und seinen Begrenzungen zu erwachsen und sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Die Menschen, mit denen ich arbeite, die unzufrieden oder sogar unglücklich in ihren Leben sind, eint alle der Wunsch, zu sich selbst zu finden, sich ihrer bewusster zu sein und das Leben authentisch und unabhängig zu gestalten.

Häufig sitze ich Menschen gegenüber, die mit großer Betroffenheit dem berühmten Satz von Theodor W. Adorno zustimmen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Doch wie kommen wir zu einem Leben, das uns wirklich entspricht? Und weshalb führen so viele von uns ein Leben, das sie unglücklich macht und das sie in Situationen versetzt, in denen sie sich ähnlich ausgeliefert fühlen wie in ihrer Kindheit – und in dem Bewusstsein, dass sie nicht wie „Erwachsene“ handeln?

Einer der zentralen Faktoren, auf die ich an späterer Stelle noch zu sprechen kommen werde, sind unsere biografischen Erfahrungen und Prägungen. Auf den argentinischen Psychiater Jorge Bucay geht die wunderbare Geschichte zurück, die klarmacht, weshalb wir uns oft als Gefangene unseres Selbst erleben. Sie beschreibt, weshalb ein Zirkuselefant trotz all seiner Stärke auch als ausgewachsener Elefant nur einen dünnen Strick zum Anbinden braucht, um nicht davonzulaufen. Die Pointe ist, dass er bereits als Baby mit einem solchen Strick angebunden wurde. Damals war er zu schwach und klein, um sich loszureißen, und obwohl er es immer wieder probierte, kam der Tag, an dem er sich in sein Schicksal fügte und nicht mehr versuchte, etwas an seiner Situation zu verändern. Erwachsensein im Sinne dieses Buches bedeutet demnach auch ein Sich-Befreien aus den angelegten Fesseln. Es soll Mut machen, an diesen Fesseln zu rütteln.

Braucht jede Seele eine Heilbehandlung?

Ich bin nicht der Ansicht, dass jeder Mensch Psychotherapie benötigt oder dass Psychotherapie jedem Menschen guttut. Nicht jede Seele braucht eine Heilbehandlung – um die eigentliche Definition von Psychotherapie zu zitieren. Genauso wenig, wie sich nicht jeder Mensch am Knie operieren lassen muss, nur weil andere das auch gemacht haben. Immer wieder kommen Menschen in meine Praxis, denen ihr Freundes- oder Bekanntenkreis nahegelegt hat, doch einmal eine Therapie zu probieren, oder die laut ihren Freunden eine Therapie brauchen, weil sie gerade eine schwierige Phase in ihrem Leben durchlaufen. Wenn ich dann versuche nachzufragen, wo der Schuh drückt, stellt sich jedoch heraus, dass diese Personen sehr gut mit ihren Erlebnissen umgehen können und Strategien haben, um die Situation zu meistern. Das Einzige, was sie zu mir geführt hat, war die Verunsicherung, weil alle anderen ihnen eingeredet haben, Hilfe zu benötigen. Meine einzige Intervention in solchen Fällen ist, sie in ihrem Weg zu bestärken. Diese Personen brauchen wahrscheinlich keine Therapie.

Steckt hingegen jemand in einer problematischen Situation fest, findet allein keine Lösung, zeigt immer wieder problematische Verhaltensweisen oder entwickelt Krankheitssymptome, ist eine Therapie – manchmal geht es nur um wenige Einheiten – natürlich sinnvoll. Viele warten zu lange, bis sie sich in eine psychologisch-psychotherapeutische Praxis begeben, und entwickeln einen bereits ausgeprägten Leidensdruck. Durch eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz und die Entstigmatisierung von Therapie verringern sich diese Fälle jedoch und immer mehr Menschen möchten die Entwicklung ihres Lebens selbst bestimmen.

Ich bin überzeugt, dass wir alle von Möglichkeiten profitieren, Selbsterfahrung zu machen und mit sich in Kontakt zu treten, wobei auch Methoden der Psychologie zum Einsatz kommen sollten. Ohne ein Bewusstsein für die eigenen psychischen Abläufe und roten Knöpfe sowie die Bedingungen, weshalb man die Welt so wahrnimmt, wie man es tut, ist Erwachsensein nur schwer möglich. Für alle von uns ist es hilfreich, sich kritisch mit der Biografie auseinanderzusetzen und sich vor diesem Hintergrund als Person einzuordnen. Als erwachsene Person sollten wir in der Lage sein, Bedürfnisse und Emotionen sowohl wahrzunehmen als auch konstruktiv mit ihnen umzugehen, ohne in automatische Kompensationsmechanismen zu verfallen. Grundvoraussetzung dafür ist, ein Verständnis zu entwickeln, woher diese Mechanismen stammen. Der nächste Schritt ist dann, Verantwortung zu übernehmen, um an Verhaltensweisen zu arbeiten, die einen hemmen oder einem selbst und anderen schaden – auch wenn diese möglicherweise nie vollständig oder gar nicht abgelegt werden können.

Damit eine Psychotherapie wirksam sein und eine nachhaltige Veränderung einleiten kann, sollte sie auf drei Ebenen ansetzen: Das eine ist die Klärungsebene, bei der es um das Verstehen der Entstehungsbedingungen sowie das Entwickeln eines Bewusstseins für psychische Zusammenhänge geht. Die zweite Ebene ist die Beziehungsebene, bei der Emotionen aktiviert und alte emotionale Muster bearbeitet werden. Die dritte Ebene wird als Lösungsebene bezeichnet; hier werden konkrete Verhaltensänderungen angestoßen und neue Fähigkeiten erlernt. Es wird mittlerweile seit mehr als zwanzig Jahren diskutiert, dass ein auf eine therapeutische Schule beschränkter Ansatz der Komplexität psychischer Vorgänge und Probleme nicht gerecht werden kann.

Psychotherapeutische Ansätze im Wandel der Zeit

Sigmund Freud schrieb über das Erwachsensein: „Erwachsen ist man, wenn man das vereinen kann: lieben, arbeiten, genießen.“ Demnach muss eine Balance der Ansprüche der inneren Instanzen – in Freuds Modell das Es, das Ich und das Über-Ich – gegeben sein. In Freuds Strukturmodell der Psyche würde wahrscheinlich das „Ich“ dem am nächsten kommen, was man mit Erwachsensein in Verbindung bringt. Es ist die Instanz, die zwischen den inneren Bedürfnissen und den Ansprüchen des Außen vermittelt und Einklang zwischen diesen Ansprüchen herstellt. Ihm schreibt Freud den kritischen Verstand und somit die Fähigkeit zum Verzicht und Aufschub von Bedürfnissen zu.

Freuds Methode bestand darin, seine Patienten und Patientinnen frei erzählen zu lassen und ihre Erinnerungen, Träume und Gedanken in seinem Beisein frei zu äußern. Anschließend teilte er ihnen seine Deutung der Inhalte sowie deren Bezug zu verdrängten kindlichen Erlebnissen und Gefühlen mit, um das heutige Erleben besser zu verstehen und unbewusste Konflikte bewusst zu machen. Die Stärke dieser Therapieform liegt auf der bereits erwähnten Klärungsebene. Auch wenn manches davon heute nicht mehr praktikabel erscheint oder wissenschaftlich hinsichtlich der Wirksamkeit oder der vermuteten Mechanismen nicht bestätigt wurde, hat Freud mit seinen Theorien und Arbeiten in vielen Bereichen den Grundstein für die moderne Tiefenpsychologie und für die weitere Auseinandersetzung mit dem Kräftespiel in uns gelegt.

Um die eigene Entwicklung zum Erwachsensein anzustoßen, sich seiner selbst bewusster zu werden und aus sich im wörtlichen Sinn zu er-wachsen, erscheinen aus aktueller Sicht jedoch Ansätze am vielversprechendsten, die mit einem Teilemodell der Psyche arbeiten. Diese integrieren verschiedene therapeutische Techniken und Schulen und basieren auf der Annahme, dass menschliches Erleben und Verhalten am besten verständlich wird, wenn man die Wechsel zwischen unterschiedlichen emotional-kognitiven Zuständen berücksichtigt. Ausgelöst werden diese Zustände durch Situationen und zwischenmenschliche Interaktionen sowie deren Bewertung.

Vereinfacht ausgedrückt, sind diese Zustände das Ergebnis aus positiven wie negativen biografischen Erfahrungen, verinnerlichten Selbst- und Fremdbewertungen durch Eltern und andere Bezugspersonen sowie Beziehungserfahrungen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir am Arbeitsplatz mit einem schwierigen Problem konfrontiert werden und dasselbe Gefühl der Überforderung erleben wie unser sechsjähriges Ich bei der Mathehausaufgabe. Dann haben wir das Gefühl, wir könnten es nicht und seien dumm, während wir vielleicht zehn Minuten zuvor noch ein großes Meeting souverän geleitet haben. Oder auch jene Situationen, in denen wir uns wieder wie ein Kind fühlen und verhalten, weil eine andere Person etwas gesagt oder getan hat, das uns an ein Erlebnis von früher erinnert. Oder Momente, in denen wir übermäßig kritisch mit uns selbst oder anderen sind, weil wir – aus unserer eigenen Perspektive – das Gefühl haben, dass wir oder unser Gegenüber sich falsch verhalten oder bestimmte Erwartungen nicht erfüllt haben. Manche Menschen fühlen sich jedes Mal so, wenn sie ihre Eltern besuchen – obwohl sie vielleicht bereits selbst Eltern sind und erfolgreich im Leben stehen. Ähnliche Dynamiken treten aber auch in bestimmten Situationen in ihren Partnerschaften auf. Je näher man einander ist, desto leichter können diese Zustände und Gefühle ausgelöst werden. Um dieser Anspannung und den unangenehmen Gefühlen zu entkommen, fügen sich viele in diesen Situationen ihrem Schicksal, weil sie vielleicht gelernt haben, dass Widerstand zwecklos ist. Oder sie lenken sich mit ungesunden Verhaltensweisen oder Aktivitäten ab, um Gefühle nicht wahrnehmen und erleben zu müssen. Andere wiederum machen ihr Gegenüber klein, weil sie sich selbst unsicher und ängstlich fühlen. Die Gemeinsamkeit dieser Kompensationsstrategien ist die Aktivierung kindlicher Muster, die in jenem Moment das Fühlen, Denken und Handeln bestimmen, ohne jedoch wirklich am Steuer zu sein.

Je nach therapeutischer Schule wird im Bezug auf diese Muster beispielsweise von Modi (Schematherapie), States (Ego-State-Therapie) oder Ich-Zuständen (Transaktionsanalyse) gesprochen, wobei es noch weitere Schulen und Konzepte gibt. All diesen therapeutischen Konzepten gemeinsam ist jedoch, dass sie im Grunde von drei Zustandsklassen in einer Person ausgehen: Kind, Eltern und Erwachsener. Zusätzlich entwickeln wir noch Bewältigungsstrategien, um die Spannung zwischen diesen Zuständen auszugleichen. Diese Strategien können sowohl konstruktiv als auch weniger konstruktiv sein. Die Kind-Zustände sind die alten, neuronal festverdrahteten emotionalen Erfahrungen aus der Biografie, also Momente, in denen wir uns verletzlich, schwach, aber auch wütend, trotzig oder ungeduldig und impulsiv wie als Kind erleben, aber auch glücklich und unbeschwert. Die Eltern-Zustände sind die internalisierten Be- und Abwertungen sowohl von Bezugspersonen als auch die eigenen Gedanken eines Kindes in einer Situation, kurz gesagt, der innere Kritiker. Die Erwachsenen-Zustände sind die konstruktiven und funktionalen Reaktionen und Erlebensweisen beziehungsweise die Zustände, in denen bewusste und angemessene Verhaltensweisen gesetzt werden. Das Ziel all dieser Ansätze ist, den fürsorglichen und kompetenten Erwachsenen in uns zu stärken. Dieser Weg beginnt, indem ein Bewusstsein für die verschiedenen Zustände entwickelt wird, und führt dazu, die Fähigkeit zu entwickeln, sich selbst beruhigen und sein Verhalten und Erleben regulieren zu können, wenn es nötig ist. Dazu gehört auch, neue Verhaltens- und Denkweisen zu erlernen oder ganz bewusst im Erwachsenen-Modus zu handeln, aber auch die positiven kindlichen Anteile in uns zu fördern, um zukünftig anders als bisher mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können.

In den folgenden Kapiteln möchte ich einzelne psychologische Aspekte beleuchten, die hilfreich sein können, um aus sich heraus zu er-wachsen. Denn das ist doch eigentlich, was Erwachsensein bedeutet: das Er-Wachsen, das Herauswachsen aus Prägungen und Mustern, die authentisches Fühlen erschweren; das Ablösen aus emotionalen Verstrickungen mit Bezugspersonen; das Verwirklichen eines Lebens im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen und Entscheidungen, ohne dabei auf andere zu vergessen. Gleichzeitig bedeutet es auszuhalten, dass man es nicht jedem recht machen kann, und mit dieser Spannung umzugehen. Es bedeutet auch zu lernen, für sich selbst fürsorglich einzustehen und bei Fehlern sich und anderen Unterstützung und Trost zu bieten, um mutig neue Wege beschreiten zu können. Diese persönliche Entwicklung ist nicht für alle Menschen im gleichen Ausmaß möglich. Dennoch gibt es in jedem Leben Bereiche, die Potenzial für Veränderung und damit zu einem Er-Wachsen bieten. Wenn es gelingt, die eigenen unveränderlichen Anteile zu akzeptieren, kommt auch hier Veränderung und ein Entwicklungsprozess in Gang, allein durch die bewusste Übernahme von Verantwortung für sein So-Sein.

WENN KINDHEIT NACHWIRKT: DIE ROLLE DER ELTERN IN UNSEREM ERWACHSENEN-LEBEN

Wir Menschen werden durch ein komplexes Zusammenspiel unserer genetischen und biologischen Ausstattung sowie den Umwelteinflüssen zu denen geformt, die wir sind. Jede menschliche Zelle besteht aus 46 Chromosomen, die in 23 Paaren angeordnet sind. Bei der Zeugung erhalten wir zu gleichen Teilen die mütterlichen wie die väterlichen Gene über jeweils 23 Chromosomen von unseren Eltern. Die Kombination der Geschlechtschromosomen – X und Y – bestimmt in der Regel, mit welchem Geschlecht wir geboren werden. Dabei stammt das entscheidende Chromosom vom Vater. Die Gene und Chromosomen bestimmen jedoch nicht vollkommen unveränderlich, wer wir sind, da es immer auch darauf ankommt, wie diese Gene exprimiert, also „angeschaltet“ werden, was auch durch unsere Umwelt beeinflusst wird. Auch ist es mitnichten so, dass damit festgelegt wäre, zu welchen Menschen wir werden. Es wird davon ausgegangen, dass rund 50 Prozent unserer Persönlichkeit durch die Gene festgelegt werden. Die übrigen Anteile werden durch Umwelteinflüsse und unsere persönlichen Erfahrungen, Verhaltensweisen und Entscheidungen geprägt, die unser Wesen beeinflussen. So kann es sein, dass jemand vielleicht die Anlage zu einer Erkrankung hat, diese aber aufgrund äußerer Lebenseinflüsse und des Lebensstils nicht auftritt, oder dass er mit bestimmten genetischen