Erzählte Welt - Steffen Martus - E-Book

Erzählte Welt E-Book

Steffen Martus

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Beschreibung

Literatur ist Gesellschaft im Kleinen. Sie spiegelt nicht nur die fundamentalen Umbrüche, die immer schneller aufeinander folgen, sie durchlebt selbst die Krisen, die unsere Gegenwart ausmachen – sozial, politisch, ökonomisch und auch ästhetisch. 1989 wurden Autoren noch einmal auf die große Bühne gerufen: Von Christa Wolf erwarteten die Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz Orientierung. Im «deutsch-deutschen Literaturstreit» und in den Skandalen um Strauß, Grass, Handke oder Walser veränderte sich die Öffentlichkeit von Grund auf. Die «Popliteratur» erklärte Autoren nur noch zu Marken unter anderen. Im Hintergrund erprobte Amazon am Beispiel des Buchs erstmals die Möglichkeiten des digitalen Kapitalismus. Literatur war in einer neuen Zeit angekommen, aber anders als einst erhofft. Steffen Martus zeichnet ein Panorama der deutschen Literatur und ihrer Gesellschaft von 1989 bis zu den jüngsten Debatten um Migration, Identität oder Klassismus. Er öffnet die Augen für die Vielfalt der Literatur und zeigt, was sie über die Gegenwart verrät und für die Selbstverständigung unserer Gesellschaft bedeutet.

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Seitenzahl: 1107

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Steffen Martus

Erzählte Welt

Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute

 

 

 

Über dieses Buch

Literatur ist Gesellschaft im Kleinen. Sie spiegelt nicht nur die fundamentalen Umbrüche, die immer schneller aufeinander folgen, sie durchlebt selbst die Krisen, die unsere Gegenwart ausmachen – sozial, politisch, ökonomisch und auch ästhetisch. 1989 wurden Autoren noch einmal auf die große Bühne gerufen: Von Christa Wolf erwarteten die Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz Orientierung. Im «deutsch-deutschen Literaturstreit» und in den Skandalen um Strauß, Grass, Handke oder Walser veränderte sich die Öffentlichkeit von Grund auf. Die «Popliteratur» erklärte Autoren nur noch zu Marken unter anderen. Im Hintergrund erprobte Amazon am Beispiel des Buchs erstmals die Möglichkeiten des digitalen Kapitalismus. Literatur war in einer neuen Zeit angekommen, aber anders als einst erhofft. Steffen Martus zeichnet ein Panorama der deutschen Literatur und ihrer Gesellschaft von 1989 bis zu den jüngsten Debatten um Migration, Identität oder Klassismus. Er öffnet die Augen für die Vielfalt der Literatur und zeigt, was sie über die Gegenwart verrät und für die Selbstverständigung unserer Gesellschaft bedeutet.

Vita

Steffen Martus, geboren 1968, lehrt als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er schreibt regelmäßig für die «Süddeutsche Zeitung», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und «Die Zeit». Seine Biographie der Brüder Grimm war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, sein Epochenporträt der Aufklärung hob die «Zeit» als «ein faszinierendes Panorama» hervor, »modern und dynamisch, ein Jahrhundert erscheint in Bewegung und Konflikt». 2015 wurde Steffen Martus für sein wissenschaftliches Werk mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2025

Covergestaltung Frank Ortmann

Coverabbildung Nikada/Getty Images

ISBN 978-3-644-10025-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Claudia

Vorwort:Die Gegenwart der Literatur

2022 zeichnete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Kim de l’Horizons Debüt Blutbuch als «Roman des Jahres» mit dem Deutschen Buchpreis aus. Es war die erste Preisverleihung nach der historischen Zäsur der Coronapandemie. Das Verlangen nach Präsenz war groß. Die Veranstaltung verlief in diesem Fall besonders spektakulär: Nach der Bekanntgabe der Jury-Entscheidung stürmte de l’Horizon in gewagtem Kostüm vom Sitzplatz aus zunächst ins Publikum, dankte dann auf dem Podium tränenreich, gab ein längeres Ständchen zum Besten und rasierte sich anschließend vor laufenden Kameras den Kopf – eine Solidaritätsaktion mit den Frauen im Iran, die zeitgleich gegen ihre Unterdrückung durch das theokratische Regime protestierten.

Dem Beobachter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schien es, als ende mit diesem Auftritt eine Epoche: 1983 hatte sich Rainald Goetz während des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in einer drastischen Selbstinszenierung die Stirn aufgeschlitzt, sodass er schließlich blutüberströmt vor der Jury saß. Die Kronen Zeitung titelte damals: «Dichter verstümmelt sich! Blutlachen im ORF-Theater Klagenfurt. Entsetzte Jurorengesichter. Ein Zuhörer fiel in Ohnmacht.»[1] Am 17. Oktober 2022 um 18.44 Uhr verlor dieser Maßstab für «die intensivste Performance der neueren deutschen Literatur» seine Gültigkeit.[2] Der «Schlitzer von Klagenfurt»[3] musste sich dem Coiffeur von Frankfurt geschlagen geben. War das Publikum im Frankfurter Römer also gerade Zeuge einer literarischen Zeitenwende geworden?

Als ich erste Überlegungen dazu angestellt habe, wie ein literarisches Bild der deutschen Geschichte «nach 1989» aussehen könnte, war «Corona» eine Biermarke; Russland schien die Annektierung der Krim zu genügen; auf den Straßen hatten sich keine Personen festgeklebt, um auf verzweifelte Weise Maßnahmen gegen den Klimawandel zu erzwingen; ein offenbar nur locker bemäntelter Antisemitismus war noch nicht wieder so offen zutage getreten, als seien alle Bemühungen um eine Epoche «nach 1945» vergeblich gewesen; und die Orientierung in einer Welt, in der es «den Westen» nicht mehr gibt, schien ein Gedankenspiel für eine mögliche Zukunft zu sein. Damals genügten der epidemisch um sich greifende Autoritarismus und Populismus, die Meinungsexzesse in der digitalen Öffentlichkeit oder die empirisch wohlbegründete Sorge um die Zukunft des Buchs in der Medienkonkurrenz, um irritiert danach zu fragen, wo wir uns gerade befinden, wie wir dorthin gelangt sind und was die Leidenschaft für Literatur damit zu tun haben könnte.

Ich wollte keine Geschichte der Gegenwartsliteratur schreiben. Dafür hätten viel mehr Personen und Werke erwähnt werden müssen – einige der Autorinnen und Autoren, die mir am liebsten sind, kommen in diesem Buch gar nicht vor oder werden literarisch unter Wert gehandelt. Vor allem aber hätte sich eine Geschichte der Gegenwartsliteratur nicht auf erzählende Texte beschränken dürfen.[4] Stattdessen habe ich eine Literaturgeschichte unserer Gegenwart als «erzählte Welt» geschrieben. Im Zentrum stehen exemplarische Szenen, Debatten, thematische und formale Konjunkturen. Daraus hat sich ein Bild ergeben, das die jüngere deutsche Geschichte aus der Perspektive von Romanen und Erzählungen zeigt und aus dem Blickwinkel all jener Akteure, Medien und Institutionen, ohne die es diese Literatur nicht gäbe. Was also bedeutet es, Literatur als Gesellschaft im Kleinen zu betrachten?

Kim de l’Horizons Blutbuch berührte gezielt die «Triggerpunkte» der Gegenwart: Diskussionen um soziale Ungleichheit und Klassismus, Sprachregeln, Geschlechter- und Identitätspolitik.[5] Die eminente Gegenwärtigkeit des Buchs speist sich aus einer virtuosen Verarbeitung all jener Themen, deren Erregungspotential in den vergangenen Jahren so weit angewachsen ist, dass sie die Gesellschaft zu spalten drohen. Literatur aber wird zu Gegenwartsliteratur nicht allein durch relevante Themen. Und sie besteht nicht nur aus Texten. Es gäbe sie nicht ohne eine Gesellschaft, die erzählte Welten auf eine bestimmte Weise achtet und wertschätzt, die die Bildungsvoraussetzungen für ihre Lektüre zur Verfügung stellt und in der politische, rechtliche oder ökonomische Grundlagen dafür vorhanden sind, sich Zeit für Literatur zu nehmen. Umgekehrt gäbe es diese Gesellschaft nicht ohne literarische Texte, die Bildungsvorstellungen inspirieren, die politische Vorstellungskraft beflügeln und vielfältige Angebote unterbreiten, Geld und Aufmerksamkeit zu investieren oder zu verdienen.

Literatur ist daher so vielseitig und vielfältig, so in sich differenziert und gespalten wie unsere Gesellschaft: Einige erwarten von ihr ästhetische Herausforderungen, andere unterhaltsamen Zeitvertreib. Literatur dient als Anlass für öffentliche Debatten, als nützliches Objekt der Pädagogik und Wissenschaft, als Stoff für Partygeplauder, ernsthafte Diskussionen und ausufernde Vorträge, aber auch als Treibstoff für Feeds, Blogs, Instagram-Reels, TikTok- oder YouTube-Shorts. Literatur sorgt bisweilen für politische Aufregung oder provoziert juristische Auseinandersetzungen. Und nicht zuletzt ist sie ein wirtschaftliches Gut. Für manche bedeutet Literatur ein Lebenselixier, das sie wie die Luft zum Atmen benötigen, für manche ist sie eine schöne Nebensache, und einigen bleibt sie ein Leben lang schlicht gleichgültig. Warum aber ist das so? Was also sagt Literatur über die Gesellschaft aus, und wie tut sie das?

Die vielleicht radikalste Stelle in de l’Horizons Blutbuch ist gar nicht eine jener Passagen, in denen «Kotze und Kacke, Sperma und Blut und Spritzer und Tränen»[6] den Text fluten. Viel härter, direkter und offener ist ein Brief, in dem sich das erzählende Ich an seine Großmutter wendet und über die Funktion von Literatur unter Bedingungen des Literaturbetriebs nachdenkt:

«Ich schreibe nicht über dich, weil ich nicht anders kann; ich schreibe über dich, weil ich ganz sicher bin, dass es die besten Texte ergibt, die ich im Moment schreiben kann. Das ist für mich der effizienteste Weg, um die Karriereleiter hinaufzuklettern. Die Literatur ist – abgesehen davon, dass sie ein bürgerlicher Zweig der Kunst ist – eines der wenigen kapitalistischen Spiele, bei denen meine Überempfindlichkeit und meine Angst nützlich sind. Wer die sozioökonomischen Aspekte des Schreibens leugnet (so prekär sie auch sein mögen), wer sagt, dass es in der Literatur nur um den ästhetischen Ausdruck unsagbarer Abgründe geht, ist ein reiches Kind, das ich schlagen möchte.»[7]

Ist das Klartext? Und wer hat dann de l’Horizons Karriereleiter gehalten? Was hat diese Geschichte mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu tun und mit dem Kapitalismus? Wie repräsentativ sind die Empfindlichkeiten und Ängste, die in Blutbuch artikuliert werden?

 

Meine Literaturgeschichte der Gegenwart beginnt mit den sozialen und politischen Veränderungen im wiedervereinigten Deutschland und führt über die Zäsur, die der 11. September 2001 für die Weltdeutung gehabt hat, bis zum aktuellen Zustand einer «postnormalen Gesellschaft».[8] Der Status von «Literatur» hat sich in diesen drei Jahrzehnten grundlegend verändert: Autonomieansprüche leuchten weniger ein, ebenso das hierarchische Gefälle zwischen Schreibenden und Lesenden oder überhaupt die strikte Unterscheidung zwischen denen, die Öffentlichkeit durch ihre Rede definieren, und denen, die durch aufmerksames Zuhören dazu beitragen.[9] Begleitet, verstärkt, zum Teil erst ermöglicht werden diese Entwicklungen von tiefgreifenden Umwälzungen der Medienlandschaft, die man auf den verführerisch einfachen Begriff der «Digitalisierung» gebracht hat.

Drei lange Linien verbinden die einzelnen Szenen. Erstens: Seit dem Mauerfall, also mit dem Ende der DDR und der «alten» BRD, hat sich die Auffassung davon, wer naturgemäß das Sagen hat, grundlegend verändert. Dies haben die literarischen Autoritäten wie viele andere auch zu spüren bekommen. Eng verbunden mit dieser Umwuchtung im Autoritätsgefüge der Gesellschaft haben sich – zweitens – die Anspruchs- und Bedürfnisselbstverständlichkeiten verschoben, mit der Menschen in ihre soziale Umgebung blicken, also die Wünsche, Ängste und Empfindlichkeiten, mit denen wir der Welt begegnen. In immer mehr Situationen darf so etwa erwartet werden, dass nicht das Publikum dem Buch, sondern das Buch den Leserinnen und Lesern entgegenkommt. Dies ist nur ein Beispiel für eine Bringschuld, die auch die Konten von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung oder Religion schwer belastet und häufig ruiniert. Damit hängt – drittens – ein verändertes Grenzregime zwischen gesellschaftlichen Zonen zusammen, um deren Trennung die Moderne etwa zweihundert Jahre lang gerungen hat: zwischen sozialen Feldern (z.B. Kunst/Wirtschaft) und gesellschaftlichen Sphären (z.B. privat/öffentlich), zwischen Rollen (z.B. Autor/Leser), Medien (z.B. analog/digital), Zugehörigkeiten (z.B. inländisch/ausländisch), politischen Richtungen (z.B. rechts/links), Lebenszeitordnungen (z.B. jung/alt) oder Geschlechtern (z.B. männlich/weiblich).

Aus dem gewohnten «Entweder-oder» ist inzwischen häufig ein «Sowohl-als-auch», ein «Weder-noch» und manchmal auch ein «So-oder-so» geworden. Die eigentliche Herausforderung besteht freilich darin, dass sich nicht mehr von vornherein absehen lässt, mit welcher der Konjunktionen man rechnen darf. Die Entscheidungszumutungen, die sich aus unseren Handlungsmöglichkeiten ergeben, erhöhen den sozialen Druck. Das eine – die Freiheit – ist ohne das andere – den Stress – nicht zu haben. Die Welt ist anstrengender geworden, aber auch größer und fülliger. Wenn es etwas zu verteidigen gilt, dann die Breite dessen, was uns möglich ist, und die Bedingungen, die für diese Spielräume sorgen. Was böte eine bessere Gelegenheit dazu als eine Auseinandersetzung mit dem Möglichkeitssinn der Literatur?

Kapitel 1Wende – wohin?

Wäre ich am 3. November 1989 Student an der Humboldt-Universität gewesen, hätte ich vielleicht abends einige Sachen gepackt und mir am folgenden Tag ein Auto geliehen, um erstmals ohne größere Unterbrechung von Ostberlin irgendwohin in «den Westen» zu fahren – etwa nach Regensburg, wo ich mein Studium damals tatsächlich gerade begonnen hatte. Noch wäre der Umweg über die ČSSR notwendig gewesen: Obwohl die DDR seit dem 1. November visafreie Reisen ins Nachbarland erlaubt hatte, stand die politische Führung unter ungeheurem Druck.

In der Prager Botschaft der BRD saßen rund sechstausend DDR-Bürger fest, die auf diesem Weg ihre Ausreise erzwingen wollten. Dann erreichte die Sondersitzung des Politbüros der SED eine beunruhigende Eilmeldung:[10] Miloš Jakeš, der tschechoslowakische Regierungschef, bat um Einverständnis, nicht nur die Botschaftsflüchtlinge ausreisen zu lassen, sondern auch die Grenzen zur BRD insgesamt zu öffnen. Das SED-Politbüro stimmte der Regelung zu. Noch am selben Abend richtete Egon Krenz, der Nachfolger Erich Honeckers, in Fernsehen und Rundfunk einen emphatischen Appell an die Bevölkerung, sie möge auf die Politik der Erneuerung vertrauen und im Land bleiben. Es half nichts: Vom 3. bis zum 5. November verließen mehr als dreiundzwanzigtausend Menschen das Land. In den folgenden Tagen gingen weitere Zehntausende über die Grenze.[11]

Vielleicht also hätte ich mich wie viele andere auf den langen Weg nach Westen gemacht. Wahrscheinlich aber wäre ich am 3. November 1989, glücklich über meinen Studienplatz, in Berlin geblieben. Es bedeutete in dieser Zeit keinen Stillstand, wenn man vor Ort verharrte, weil sich einfach alles bewegte. Für den 4. November war erstmals eine nichtstaatliche Protestkundgebung in Ostberlin genehmigt worden. Die Demonstration sollte an die Paragraphen 27 und 28 der Verfassung der DDR erinnern, die das Recht auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit einräumten, jedoch von «einschränkenden Paragraphen» ad absurdum geführt wurden.[12] Die konkrete Initiative ging – angeregt vom Neuen Forum – von Theaterschaffenden aus, die der junge Anwalt Gregor Gysi am 15. Oktober auf die Idee gebracht hatte, es doch einmal auf dem offiziellen Weg zu versuchen.[13] Die Polizei war zuvor in verschiedenen Städten brutal gegen die friedliche Protestbewegung vorgegangen. Noch immer stand die «chinesische Lösung» im Raum. In der Führungsriege der DDR hielt man die gnadenlose Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 durchaus für eine politische Option, obwohl sie mehrere Tausend Menschen das Leben gekostet hatte.

Der Vorschlag von Gysi kam überraschend, aber er funktionierte. Die Organisatoren machten sich an die konkrete Planung. In den folgenden zwei Wochen handelten sie die Modalitäten aus und einigten sich auf eine Rednerliste. Am 4. November formierten sich an mehr als fünfzig Orten der DDR Demonstrationszüge.[14] In Berlin schritten rund fünfhunderttausend Menschen mit Transparenten durch die Innenstadt, versammelten sich auf dem Alexanderplatz und hörten dort geduldig mehrere Reden. Die Mischung der Vortragenden wirkt auf den ersten Blick kurios:[15] Vertreter der politischen Führungsriege wie der SED-Regierungssprecher Günter Schabowski traten auf. Der ehemalige Geheimdienstchef Generaloberst a.D. Markus Wolf wandte sich an die Menge, nachdem der Liedermacher Kurt Demmler «Irgendeiner ist immer dabei/Von der ganz leisen Polizei» gesungen hatte. Die späteren PDS-Parteivorsitzenden Lothar Bisky und Gregor Gysi ergriffen das Wort und auch Studenten und Repräsentanten der Bürgerrechtsbewegung: Friedrich Schorlemmer von der Gruppe «Demokratischer Aufbruch», Marianne Birthler von der AG «Solidarische Kirche» und Jens Reich vom «Aufbruch 89 – Neues Forum».

Die meisten Redner stammten aus dem Künstlermilieu, das auch andernorts Kundgebungen organisiert hatte.[16] Ulrich Mühe, der Star des Deutschen Theaters, der gerade mit Heiner Müller die legendäre Inszenierung «Hamlet/Maschine» probte, stellte gemeinsam mit seiner Kollegin Johanna Schall die DDR-Verfassung durch die Rezitation ausgewählter Passagen bloß.[17] Der junge Jan Josef Liefers trat mit eingegipstem Arm auf. «Mein Name ist Liefers. Ich bin Schauspieler. Ich möchte drei Überlegungen mitteilen»: Er warnte davor, dass SED-Funktionäre jetzt auf den fahrenden Reformzug aufspringen und sich als Lokführer gerieren würden. Die «vorhandenen Strukturen», so meinte Liefers, müssten zerstört werden, um endlich im «demokratischen Sozialismus» leben zu können. Nach seinem Auftritt servierte ihm Markus Wolf ein Stück Pflaumenkuchen.[18]

Die Theaterlegende Ekkehard Schall vom Berliner Ensemble dankte zunächst den «vielen Tausenden, die in den sogenannten ungesetzlichen Demonstrationen der letzten Wochen» Druck aufgebaut hatten, was ihm nun die Rede vor einem so großen Publikum ermöglichte. Bevor auch er dafür warb, aus der DDR endlich ein «wirkliches sozialistisches Gemeinwesen» zu machen, formulierte er eine These, deren prophetischer Gehalt ihm nicht klar sein konnte und die sich – bei völlig veränderter Bedeutung – in den letzten drei Jahrzehnten als zutreffend herausstellen sollte: «Es gibt keine Einheit mehr, international nicht und national nicht, weder in den Klassen noch in den Parteien. […] Es geht nur noch um Mehrheiten, die sind allerdings schwerer zu gewinnen als eine nur behauptete Einheit, eine abverlangte, eine verlogene Einheit.»[19] Fürs Finale hatte man sich einen besonders eindrucksvollen Auftritt aufgehoben. Steffie Spira, «Ehrenmitglied» der Volksbühne, ließ ihre Rede in einen bejubelten Scherz münden: «Ich habe einen Vorschlag: Aus Wandlitz machen wir ein Altersheim! Die über Sechzig- und Fünfundsechzigjährigen können jetzt schon dort wohnen bleiben, wenn sie das tun, was ich jetzt tue – abtreten!»[20]

Und dann waren da noch die Schriftsteller. Die Reden von Stefan Heym, Christa Wolf, Heiner Müller und Christoph Hein fielen in Tonlage und Stil so unterschiedlich aus wie ihre Werke. Eines aber war ihnen gemeinsam: Sie sahen die einmalige, aber auch letzte historische Gelegenheit für einen demokratisch reformierten Sozialismus. Sie plädierten für eine Utopie, die von den folgenden Ereignissen rasch überholt wurde und vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung hatte.

Heym griff ins pathetische Register, erinnerte an den Wortsinn von Demokratie («Herrschaft des Volkes») und ließ seine Rede für den «richtigen» Sozialismus so emphatisch gipfeln, als stände er auf der Agora in Athen: «Freunde, Mitbürger – üben wir sie aus, diese Herrschaft!» Passenderweise war er als «Nestor unserer Bewegung» auf die Bühne gebeten worden.[21] Christa Wolf bemühte sich mehr um Nuancen, betrieb Sprachkritik, aber auch sie bewies Sinn für die rhetorische Pointe: «Also träumen wir mit hellwacher Vernunft: Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!» Christoph Hein rieb Salz in die Wunde der Revolution, um erst gar keine Veränderungszufriedenheit aufkommen zu lassen. «Es gibt für uns alle sehr viel zu tun, und wir haben wenig Zeit für diese Arbeit.» Seine Forderungen setzten ganz oben an: «Verfilzung, Korruption, Amtsmissbrauch, Diebstahl von Volkseigentum – das muss aufgeklärt werden, und diese Aufklärung muss auch bei den Spitzen des Staates erfolgen.» In einer riskanten gedanklichen Volte erinnerte Hein an Erich Honecker als warnendes Beispiel für einen Menschen, der sich in selbst geschaffenen Strukturen verfangen hatte.[22]

Bei der großen Demonstration am 4. November 1989 machten die Plakate und Parolen das verborgene «literarische Volksvermögen» (Christa Wolf) der DDR auf dem Alexanderplatz öffentlich: Mit Witz und Ironie zeigten die Menschen, wie lächerlich die DDR-Regierung auf sie wirkte. Wenige Tage später fiel die Mauer.

Heym, Wolf und Hein blickten in die Zukunft und arbeiteten an einer To-do-Liste für den politischen Umbruch. Für Heiner Müller ergab das keinen Sinn.[23] Wenn so viele Menschen offen gegen die Staatsmacht auf die Straße gehen durften, dann hatten sich die Machtverhältnisse bereits verändert. Nun musste es grundsätzlicher werden, nicht programmatisch und rhetorisch, sondern ganz konkret. Statt die Veranstaltung einfach zu verlassen, nutzte er die Gelegenheit, die Privilegien, die ihn wie alle anderen Redner erst auf die Bühne gebracht hatten, in einer Brecht’schen Verfremdungsaktion auszustellen: Im Backstagebereich war ein Ehepaar an ihn herangetreten, das sich unter die Prominenz geschmuggelt hatte. Die beiden suchten einen Redner, der ihr Flugblatt für die Gründung unabhängiger Gewerkschaften verlesen würde. Müller machte sich zum Sprachrohr des Volkes – und das hieß damals: derjenigen, denen kein Mikrophon und keine Bühne zur Verfügung standen.[24]

Es handelte sich um einen überaus spröden Text. Anfangs erntete Müller mit seiner Inszenierung hier und da noch matten Applaus. Dann wurden Buhrufe und Pfiffe laut. Der bürokratische Charme dieser Vereinsprosa bediente nicht den rhetorischen Erlebnishunger des Publikums. Rekonstruiert man Müllers politische Position aus seinen Schriften, dann zählte auch er zu den Reformsozialisten.[25] In dieser Situation aber vermied er die Wohlfühlrhetorik des politischen Großprojekts und holte sich einen letzten Lacher mit einem subversiven Bonmot, das die eigentümliche Demonstrationsdisziplin aufs Korn nahm: «Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktreten sollte, darf auf Demonstrationen getanzt werden.»[26]

Die Vision eines «wahrhaften», «wirklichen», «echten» oder «richtigen» demokratischen Sozialismus in einer besseren DDR zerbrach an der Realität der massenhaften Bewegung auf der Straße. Die Parole «Wir sind das Volk!» ging im tosenden Einheitsslogan «Wir sind ein Volk!» unter. Vor die Wahl gestellt, es mit einer eigensinnigen und wie auch immer halbwegs souverän agierenden DDR zu versuchen oder die deutsche Einheit ohne Wenn und Aber anzustreben, entschieden sich die Wählerinnen und Wähler in überwältigender Zahl für die Versprechungen Helmut Kohls, für Freiheitswunsch, Protestlust und Konsumverlangen. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller bewiesen also wenig Realitätssinn. Es handelte sich um Fachleute für Fiktionen, für mögliche, nicht für tatsächliche Welten. Allerdings: Warum hätten sie es besser wissen sollen? Es war die Zeit der großen Fehleinschätzungen und durchkreuzten Pläne. Die Dinge entwickelten sich zu schnell, zu viele Faktoren spielten zusammen, und nur nach und nach kam Licht in all die Geheimnisse und Scharaden der DDR-Regierung.[27]

Ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie überraschend der ganze Prozess verlief, bot einige Tage nach der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz allerdings zunächst einmal Helmut Kohl. Der amtierende Bundeskanzler hatte sich, nichts ahnend von den kommenden Entwicklungen, kurz vor dem Mauerfall auf eine Regierungsreise nach Polen begeben. Am Tag des spektakulärsten Ereignisses der deutschen Nachkriegsgeschichte befand er sich also nicht dort, wo er seinem historischen Selbstverständnis nach eigentlich hingehört hätte: im Zentrum des Geschehens.

Schon zuvor hatte Kohl eine einmalige Auftrittsgelegenheit verpasst, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: Am 30. September 1989 war sein Aufmerksamkeitsrivale Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der bundesdeutschen Vertretung in Prag zur Stelle, um vor laufenden Kameras und einer frenetisch jubelnden Menge die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge zu verkünden. Sollte es nun wieder so sein, dass Kohl die große Bühne anderen überlassen musste?[28] Die Polenreise wurde irgendwie ohne diplomatischen Eklat beendet. Als Kohl jedoch am 10. November vor dem Rathaus Schöneberg gemeinsam mit Walter Momper, dem Regierenden Bürgermeister Berlins, und Willy Brandt auftrat, schätzte er die öffentliche Stimmung falsch ein und verfehlte die richtigen Worte. Seine Ansprache ging in einem gellenden Buh- und Pfeifkonzert unter. In Erinnerung blieb nicht die Erscheinung eines Kanzlers, den der Mantel der Geschichte heroisch umweht, sondern der irrlichternde Blick eines Mannes, der Anerkennung zu verdienen glaubte und sich missverstanden fühlte.

Fehleinschätzungen waren mithin auf allen Seiten an der Tagesordnung, und ihre Zeit ist nicht vorbei. Noch heute bietet das Wodurch und Warum der deutschen Wiedervereinigung Gelegenheit zum Streit, etwa um die Frage, wer die «deutsche Revolution» eigentlich verursacht hat: die kleinen Kreise der Protestbewegung oder die diffuse Menge der Bevölkerung? Oder um die Frage, welche Effekte der abschätzige Blick «des Westens» auf «den Osten» gehabt hat und ob es sich beim Osten vielleicht sogar um «eine westdeutsche Erfindung» handeln könnte.[29] Unsicher ist außerdem das Wozu und Wohin eines Prozesses, der – betrachtet man allein die politischen und ökonomischen Kennziffern – nicht abgeschlossen ist und vielleicht unter einem Idealbegriff von Einheit auch zu sehr gelitten hat, weil die damit verbundene Homogenitätserwartung nur enttäuscht werden konnte – «ungleich vereint» lautet die Losung für die Zukunft.[30]

Dass Christa Wolf, Stefan Heym, Heiner Müller und Christoph Hein vor der versammelten Menge auf dem Alexanderplatz für Ideen votierten, die zwar viel Applaus bekamen, sich für die politische Praxis aber als irrelevant erwiesen, ist das eine. Ob sie sich auf eine interessante Weise geirrt haben, das andere. Die Autorinnen und Autoren liefen wie auch Vertreter der Politik, der Medien oder der Bürgerrechtsbewegungen in eine historische Sackgasse. Für eine Literaturgeschichte der Gegenwart ist das an sich nicht so erheblich. Viel aussagekräftiger ist hingegen, dass den Autoren als Autoren dieser Weg überhaupt angeboten wurde, dass man ihnen als Vertretern von Kunst und Kultur eine herausragende, für das Gemeinwesen insgesamt relevante Position zuerkannte und dass sie diese Rolle wie selbstverständlich übernahmen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller galten in dieser Situation als Sprachrohr des Zeitgeists, als Menschen, die die historische Stimmung besonders sensibel erfassen und so zu artikulieren vermögen. Sie waren wenige und verkörperten doch «die Öffentlichkeit». Auf dem Alexanderplatz räumte man ihnen ein außerordentliches Rederecht ein, weil sie wie selbstverständlich über repräsentative Qualitäten zu verfügen schienen. Sie nahmen dieses Recht wahr, zum Teil widerwillig, zum Teil gern, zum Teil erhoben sie sogar Anspruch darauf. Letztlich zelebrierten sie die Position, die ihnen in der DDR seit den 1970er Jahren zugewachsen war, als sich neben der offiziellen, von der SED definierten Öffentlichkeit immer deutlicher eine zweite herausgebildet hatte.[31] In Texten von Autoren wie Hein, Heym, Wolf oder Müller erkannte sich die schweigende Mehrheit, die die Potemkinschen Dörfer einer verordneten und politisch gewollten, aber offenkundig bloß phantasierten Realität durchschaute. Nun sollte diese zweite zur ersten, zur offiziellen Öffentlichkeit werden. Der Auftritt auf dem Alexanderplatz war ein Signal für diesen Wechsel von Vorder- und Hinterbühne.

Die viel berufene Krise der Repräsentation hat aber nicht nur die Politik, sondern auch die Literatur tiefgreifend verändert. Was 1989 wie ein Zeichen des Wandels und Neuanfangs aussah, entpuppte sich als Endpunkt: Es war das letzte Mal, dass den Schriftstellerinnen und Schriftstellern diese große gesellschaftspolitische Bühne bereitet wurde, um die sie in der DDR jahrzehntelang gerungen hatten. «Was bis zum Herbst 1989 in literarischen Texten zwischen den Zeilen stand, konnte nun in jeder Nachrichtensendung und in jeder Zeitung oder Zeitschrift gehört beziehungsweise gelesen werden.»[32] Die Verhältnisse veränderten sich tiefgreifend, aber eben nicht so, wie es die Feier des «Wir», des dominierenden Pronomens vor allem in der Rede von Christa Wolf, hoffnungsvoll andeutete.[33]

Ein grelles Zeichen dafür setzte der sogenannte deutsch-deutsche Literaturstreit, der sich nicht einmal ein Jahr nach dem Mauerfall an Wolfs Was bleibt entzündete. Eine Autorin mit universalem Anspruch, die ja auch tatsächlich im Westen wie im Osten überaus anerkannt war, fand sich auf einmal in einem nunmehr provinzialisierten Sektor des literarischen Felds wieder: der «DDR-Literatur».[34] Auch die wüsten Polemiken, mit denen reformsozialistische Autoren das Volk im Zuge der Wiedervereinigung überzogen und es als konsumverliebte Masse geißelten, zeigten die Enttäuschung darüber, dass man so gar nicht auf sie hören mochte. Protestzüge und Wahlentscheidungen bewiesen, dass zwischen der Mehrheit auf der einen Seite und den Intellektuellen auf der anderen ein tiefer Spalt klaffte.[35] Der repräsentative Anspruch von Literatur wurde 1989 im Osten einer Realitätsprüfung unterzogen und erwies sich als Phantasma.

Kapitel 2Das Ende der Nachkriegszeit

In der «Wendezeit» wurde die Beziehung zwischen Literatur, Politik und Gemeinwesen neu bestimmt.[36] Drei große Literaturdebatten der 1990er Jahre[37] fragten danach, wie sich Deutschland selbst verstehen und in die internationale Gemeinschaft einfügen sollte: Mit seinem Essay über den Anschwellenden Bocksgesang (1993) zergrübelte Botho Strauß linksliberale Deutungsmuster und wurde als Wegbereiter der Neuen Rechten beiseitegelegt; Peter Handke provozierte mit der zunächst medienkritisch gedachten Forderung nach Gerechtigkeit für Serbien (1996) die Vermutung, er schlage sich auf die Seite einer Vernichtungspolitik; und Martin Walsers Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede (1998), die er bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels kundtat, verstanden einige Kritiker als Aufforderung, den Holocaust aus dem neuen deutschen Geschichtsbewusstsein auszublenden. Angesichts der naheliegenden Frage, wie sich das literarische Feld zum Nationalbewusstsein verhalten sollte, erscheint es nur konsequent, dass bereits der deutsch-deutsche Literaturstreit, die «Mutter aller Feuilletonschlachten» der 1990er Jahre,[38] an den Historikerstreit der Jahre 1986/87 anschloss. «Der Kampf», so meinte damals der Literaturkritiker Ulrich Greiner, «ist endlich ausgestanden. Erst jetzt ist das Verhängnis, das 1933 begann, an sein wirkliches Ende gekommen. Eine neue Zukunft beginnt.»[39]

Betrachtet man freilich das längerfristige Erstarken des Nationalismus als internationales Phänomen, die Neigung zu Autoritarismus und Populismus in sehr unterschiedlichen politischen Kulturen und Systemen, dann liegt es nahe, nach Veränderungen zu suchen, die an bestimmten historischen Ereignissen wie etwa der deutschen Wiedervereinigung besonders gut sichtbar werden, sich aber nicht darauf zurückführen lassen. Hätten sie mit der deutschen Geschichte zu tun gehabt, wären die Schriftstellerinnen und Schriftsteller damit womöglich ganz gut zurechtgekommen. Solche Konflikte boten willkommene Gelegenheiten, sich als repräsentative Stimme zu artikulieren. Nun aber geschah etwas Neues. Mit Jürgen Habermas formuliert: Die Literatur erlebte einen umfassenden «Strukturwandel der Öffentlichkeit». Was sich normalerweise schleichend vollzieht, drängte sich für Autoren der DDR in einem historischen Moment zusammen. Ihre Lebensleistung verlor drastisch an Wert.

Dieser Achtungsverlust betraf auf längere Sicht auch die Gegenseite: Frank Schirrmacher etwa, Feuilletonchef der FAZ, formulierte 1990 als Mitinitiator des deutsch-deutschen Literaturstreits seine Kritik an Christa Wolf unbarmherzig-selbstbewusst. Im Rückblick klingt sein Artikel jedoch wie der Schwanengesang des großen Nachkriegszeitfeuilletons, irritiert schon der enorme Aufwand, den er betrieb. Allein die Länge seiner programmatischen Artikel, die er in kurzer Folge in der Wendezeit publizierte, wäre heute in einer Tages- oder Wochenzeitung undenkbar. Die allmähliche Verkleinerung der Formate und die Verkürzung von Aufmerksamkeitszumutungen signalisierten, dass sich in der neuen Epoche der Öffentlichkeit die Art und Weise veränderte, wie man sich um ein Werk zu bemühen hatte. Kein renommierter Autor, keine angesehene Autorin durfte unter diesen Bedingungen mit einem allgemeinen Beachtungskonsens rechnen.

Für diese Demontage der Gatekeeper macht man gern und mit guten Gründen die sozialen Medien verantwortlich.[40] Allerdings liefern Lesestudien Belege dafür, dass sich bereits in den 1990er Jahren, als der Einfluss der Digitalisierung in der Öffentlichkeit des Kulturlebens nur zu erahnen war, das Verhalten gegenüber dem literarischen Kanon, also den kulturellen Autoritäten aus Vergangenheit und Gegenwart, stark veränderte. Ein Buch, auch einen Klassiker, einfach wegzulegen und schlicht deswegen nicht kennen zu müssen, weil man damit nicht gleich etwas anfangen kann, verursachte immer weniger Lesern ein schlechtes Gewissen.[41] Die Schockwellen dieses sozialen und kulturellen Strukturwandels sind Jahrzehnte später – durch neue Medien in die soziale Breite und mentale Tiefe verstärkt – umso drastischer zu spüren.

Im Mauerfall bündelten sich fundamentale Veränderungen. Das gilt räumlich: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit macht nicht an Grenzen von politischen Systemen halt. Der Historiker Bodo Mrozek hat am Beispiel der Geschichte der Popkultur herausgearbeitet, wie ideologische Gegner – etwa das konservative FAZ-Feuilleton der 1960er Jahre und die SED-Propagandaabteilung – mit denselben normativen Abwehrreflexen auf Oberflächenphänomene wie neue Tanz-, Musik- oder Kleidungsstile reagierten, weil die kulturellen Koordinaten systemübergreifend in Frage standen.[42] Das bedeutet dann eben auch, dass sich diese Einstellungen und Einstellungsveränderungen nicht als direkte Reflexe auf die deutsche Vergangenheit deuten lassen, weil sich in anderen Ländern mit ihren je eigenen Vorgeschichten ähnliche Entwicklungen vollzogen haben.[43] Die Ursprünge dieser Entwicklungen reichen weit zurück: «1989» ist Teil eines längeren Prozesses, der seit Mitte der 1950er Jahre den Ansprüchen einer Überflussgesellschaft Geltung verschafft hat. Variantenreich und mit milieuspezifischen Unterschieden, aber systemübergreifend haben «postmateriale, nachbürgerliche Werte» an Bedeutung gewonnen.[44]

Was sich in der «Wendezeit» politisch als Ende einer bipolaren Ordnung von Links und Rechts oder von Ost und West und als Menetekel jener multipolaren Unübersichtlichkeit zeigte, die von nun an gewohnte Formen des Regierens auf die Probe stellte, war nur ein Aspekt der umfassenden Neuordnung aller Verhältnisse. Ostdeutschland eignete sich als Projektionsfläche zur Auslagerung von Problemen und Krisenphänomenen, weil sich dort alles so sehr verdichtete, dass man langfristige und schleichende Entwicklungen wie in einer Art Zeitrafferaufnahme gut beobachten konnte.[45] Bei allen lokalen Besonderheiten[46] handelte es sich aber, mit etwas Abstand betrachtet, vielfach um globale Herausforderungen: die Erosion bestimmter sozialer Beziehungen und das Entstehen neuer gesellschaftlicher Bindungen; die Prekarisierung von Lebensverhältnissen; die Kränkung des Verlangens nach Respekt, Wertschätzung und Achtung; die Durchsetzung neoliberaler Wirtschaftsformen als Chiffre der ökonomischen Beanspruchung des Individuums; die Verachtung der Errungenschaften demokratisch verfasster Staaten; die Tendenz zur Wahrnehmung spezifischer Öffentlichkeiten, in denen sich Bewohner einer Meinungsprovinz wechselseitig und irritationsfrei ihrer Identität und ihrer Haltung zur Welt versichern.

Die Wucht, mit der 1989/90 Institutionen des westlichen Politik- und Wirtschaftssystems der DDR übergestülpt wurden, hatte desaströse Folgen. In vielen Hinsichten erwies sich die Abwicklung der DDR mit allen Nebenwirkungen jedoch auch als Laborsituation für Entwicklungen, die entweder in der BRD bereits erfolgt waren oder, viel wichtiger, die den sogenannten alten Bundesländern strukturell vergleichbar zugemutet wurden.[47] Dies gilt etwa für die «Zonierung» der Gesellschaft in einen wirtschaftlich und beruflich eher sicheren Bereich, eine «Zone der Verwundbarkeit», in der das Risiko lebensgeschichtlicher Instabilität deutlich steigt, einen «Kranz der Fürsorge», in der alimentiert werden muss, sowie eine «Zone der Exklusion und Entkoppelung, in der Bindungen zerreißen und soziale Isolation droht».[48] Der Osten erscheint aus dieser Perspektive als «Pionierregion neoliberaler Deregulierung».[49] Mit anderen Worten: Auch «der Westen» erlebte seine «Wendezeit», veränderte oder verlor sogar seine Nachkriegsidentität. Das Ende der DDR bedeutete zugleich das allmähliche Ende der BRD, zumindest jener BRD-Idyllisierung, die vom Traum einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft zehrte.[50]

 

In diesem Kontext büßte die Literatur ihr Ansehen als gesamtgesellschaftlich relevantes Phänomen ein – im Osten schlagartig, im Westen schleichend.[51] Auch dort hatte der repräsentativ agierende Schriftsteller mit universellem Anspruch auf der Bühne der Öffentlichkeit traditionell eine große Rolle gespielt. Das galt zwar gewiss nicht für alle und jeden. Aber selbst wer diese Rolle nicht übernehmen wollte, verhielt sich zumindest dazu oder wurde von den Kulturexperten dazu ins Verhältnis gesetzt: Man grenzte sich dann dezidiert vom schriftstellerischen Engagement ab – entweder (in der popliterarischen Variante) aus geschmacklichen Gründen oder (in der eher avantgardistischen Variante) aus Gründen der literarischen Unabhängigkeit oder (in der unterhaltungsliterarischen Variante) weil sich private Sorgen und Nöte besser verkauften. Negative Beziehungen, Abgrenzungen und Distanzierungen halten das literarische Feld nicht weniger dicht zusammen als positive Beziehungen.

Im Verlauf der 1990er Jahre, die mit dem deutsch-deutschen Literaturstreit eingeläutet wurden, endete dann in den Debatten um Botho Strauß’ Rechtswendung, Peter Handkes Serbien-Apologie und Martin Walsers Paulskirchen-Rede die Zeit der Literaturskandale, die auch jenseits des Feuilletons für Resonanz sorgten, also mehr als nur den Literaturbetrieb selbst in Wallung brachten. Zwar gelang es einem Autor wie Günter Grass, die Schwelle des Jahres 2000 zu überwinden und mit Aplomb von Fettnapf zu Fettnapf zu springen: von Ein weites Feld über Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel bis zu Was gesagtwerden muss. Grass aber, und das war dann 2015 der Grundtenor der Nachrufe, sprach noch als Autor der Nachkriegszeit zu einer Öffentlichkeit, die sich bereits in der Nachwendezeit eingerichtet hatte – der Literaturnobelpreis wurde ihm 1999 vor allem für die Ende der Fünfziger erschienene Blechtrommel verliehen. Insgesamt machte sich, egal von welcher ästhetischen Warte aus die Kritik an der deutschen Literatur der 1990er Jahre erfolgte, der Eindruck breit, dass die Schriftstellerinnen und Schriftsteller – verglichen mit älteren Zeiten – ins soziale Abseits gerieten.[52]

Die Literaturkritikerin Iris Radisch brachte diese Diagnose auf den Punkt, als sie 1995 Peter Rühmkorfs Tagebücher der Wendezeit (1989 bis 1991) besprach: Auf der einen Seite situierte sie «die Garde der zornigen jungen alten Herren, denen deutsche Nachkriegsliteratur mehr als nur ihren Ruf verdankt», also Autoren vom Schlag eines Martin Walser, Peter Rühmkorf oder Günter Grass, die sich zu allen weltbewegenden Dingen im vollen Selbstbewusstsein ihrer Repräsentativität und Bedeutsamkeit äußerten: «zu Saddam Hussein und den ostdeutschen Braunkohlegebieten, zur amerikanischen Rüstungsindustrie und zum deutschen Lastenausgleich, zu den Personalproblemen in der Volkswagen-Vorstandsetage und den Bomben auf Pale». Auf der anderen Seite platzierte Radisch den «Nachwuchs», der sich vergleichsweise zurückhaltend gab: «Unvorstellbar ein Kommentar von Durs Grünbein zur Lage in Ruanda oder ein Aufsatz Helmut Kraussers über den Niedergang der SPD.» Von einer Generation zur nächsten akzeptierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller jene Neuplatzierung, die ihren Standesvertretern in der DDR als Schockerfahrung von heute auf morgen zugemutet wurde:

«Der ‹Zuständigkeitsbereich› der Literatur ist innerhalb einer Generation vom megalomanen Höchststand auf einen kaum unterbietbaren Tiefststand geschrumpft. Heute sind es – wie in jeder ordentlichen Angestelltengewerkschaft – allenfalls die berufsinternen Angelegenheiten, ein paar Blödheiten im ‹Literarischen Quartett›, der Verriß eines Kollegen, die Querelen in den Schriftsteller-Organisationen, die für Aufregung sorgen. Auf die Zeit der Universalisten, der ehrwürdigen Veteranen und der zerfurchten Schmerzensmänner folgt nun die Zeit der hochintelligenten Angestellten des Kulturbetriebs, der Spezialisten und gutausgebildeten Sparten-Jünglinge.»[53]

Radisch folgte damit zwar einem längeren Diagnosetrend zur Demontage des Großintellektuellen,[54] rüttelte aber bezeichnenderweise nicht am Wertegerüst aus der guten alten Zeit literarischer Repräsentativität. Die «Angestellten des Kulturbetriebs» – das klang nun auch nicht so, als ob die neue Autorengeneration den Erwartungen der Kritikerin entsprechen würde.

Die Strukturgemeinschaft der deutsch-deutschen Literatur deutete mithin auf jene historischen Positionen, die sich – letztlich locker umspielt von unterschiedlichen politischen Alternativen – gemeinsam im globalen Wandel befanden. Die Wende bedeutete das Ende der DDR, aber eben auch der «alten» BRD und weit darüber hinaus der Nachkriegszeit. Als westdeutsche Autoren Beiträge zur Wendeliteratur leisteten, nahmen sie zunächst Abschied von den Kriegsteilnehmern (1992, Hanns-Josef Ortheil) und blickten dann mit zunehmender Wehmut zurück auf Das Beste, was wir je hatten (2009, Jochen Schimmang). Die stabile Orientierung, die die weltweiten Folgen der nationalsozialistischen Schrecken geboten hatten, verlor ihre Verbindlichkeit. Und so ließ sich auch an der literaturhistorischen Epochalisierung beobachten, dass der Begriff der «Gegenwart» neu gefasst wurde: Bis in die 1990er Jahre meinte «Gegenwartsliteratur» die Literatur «nach 1945», dann wurde der Begriff historisiert und bezeichnet nun die Literatur «seit 1989».[55]

Die Post-DDR-Literatur blickte mit einem erheblichen Erfahrungsvorsprung auf die Verhältnisse, weil «einer umfassenden Kontinuität auf der westdeutschen Seite eine umfassende Diskontinuität auf der ostdeutschen Seite gegenüber» zu stehen schien.[56] Das führte zwar einerseits dazu, dass der Westen ideologisch dominierte (und entsprechende Abwehrreflexe provozierte). Andererseits ermöglichten die Schockerfahrungen im Osten viel deutlichere Einblicke in das, was historisch zur Disposition stand. Tatsächlich lagen die Autoren, die auf dem Alexanderplatz auftraten, im Rückblick auch gar nicht so sehr daneben, wie es zunächst scheinen mochte. Denn ihre Ratlosigkeit und Erschütterung, als sich die reformsozialistischen Hoffnungen in nichts auflösten, nahmen die Desillusionierung und Ernüchterung vorweg, die allgemein auf den Taumel der Einheitsfeierlichkeiten folgten.

Die Eigenheiten der DDR, die die Redner auf dem Alexanderplatz produktiv behaupten wollten, wurden in der Entfremdung zwischen Ost und West zum Dauerthema.[57] Mehr noch: Die Kassandrarufe der Wendezeit nahmen auch die Kritik an einem leerlaufenden Kapitalismus und die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft in der jüngeren Gegenwartsliteratur vorweg. Die mentalitätshistorischen Merkmale, mit denen zunächst der Osten nach 1989 als Problemfall verhandelt wurde – sozialer Stress, Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Angst, das Erarbeitete zu verlieren –, prägen die gesellschaftliche Stimmung insgesamt.[58] Ostdeutschland ist zweifellos «ein besonderer Raum, mit besonderen Erfahrungen», stellt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk fest. Er fügt jedoch hinzu, dass es sich bei den «neuen Bundesländern» auch um ein «Laboratorium der Globalisierung» handle.[59] Mit anderen Worten: Ein bisschen Osten ist überall.

Kapitel 3Die Ästhetik der Revolution

Der Bevölkerungssturm auf die Mauer wurde durch eine Theateraufführung ausgelöst. Der unkontrollierten Grenzöffnung ging eine Bühnenimprovisation voraus, ein kurzer Einakter, der im Fernsehen übertragen wurde und dem Publikum ein Schauspiel zerbröckelnder politischer Macht bot. Der Text für diese kleine Aufführung stammte von einem Autorenkollektiv, das den Entwurf für ein Gesetz zur Regelung «ständiger» Ausreisen aus der DDR überarbeiten sollte. Die AG hielt sich nicht ganz an die Vorgaben und machte auch einen Vorschlag für vorübergehende Ausreisen. Der Entwurf ging an Egon Krenz, der ihn am 9. November im Eilmarsch durch die Gremien und von dort weiter an Günter Schabowski leitete. Der Regierungssprecher hatte die Beratung über den Text verpasst und sollte ihn nun – entsprechend schlecht präpariert – zwischen 18 und 19 Uhr live der versammelten Presse präsentieren. Schabowskis Auftritt, eine Sternstunde des politischen Improtheaters, zählt zu den folgenreichsten Politinszenierungen aller Zeiten.

Schabowski eierte durch die Konferenz bis zu der Formulierung, dass es nun «jedem Bürger der DDR möglich» sein werde, über «Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen».[60] Daraufhin machte sich Unruhe im Pressecorps breit. Auf Nachfragen stammelte Schabowski: «Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.» Und fügte zitierend noch hinzu: «Also, doch, doch: ‹Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen.›» Im Rückblick handelt es sich um eine Aufführung mit hohem Unterhaltungswert, aber auch um einen Beleg für die Macht von Worten. Schabowskis Satzfetzen hatten alles angebahnt, die Interpretation seines Auftritts erfolgte dann durch die Medien, wo sich die Pressekonferenz in einem Überbietungswettbewerb von Platz 6 in den 19-Uhr-Nachrichten des ZDF, die zurückhaltend allein die Option der Ausreise in Aussicht stellten, auf Platz 1 in der 20-Uhr-Tagesschau der ARD vorarbeitete. Die Deutsche Presseagentur hatte um 19.41 Uhr die Meldung herausgegeben: «Die sensationelle Mitteilung: Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen!» Die Tagesschau brachte es auf die Schlagzeile: «DDR öffnet Grenze.»[61]

Diese Meldung war noch als Ankündigung gedacht. Als der taz-Redakteur Arno Widmann am Checkpoint Charlie den Grenzübertritt versuchte, passierte er den ersten, dann den zweiten Grenzer, bis er von einem dritten aufgehalten wurde: «Sie befinden sich widerrechtlich auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik. Verlassen Sie es sofort.» – «Aber die Grenze ist doch offen?» – «Nur für unsere Leute.» Die Beamten, so erschien es Widmann, genossen sichtlich den Moment, in dem es einmal mehr Freiheiten für die Ossis als für die Wessis gab. Als er zurückkehrte, kamen ihm seine taz-Kolleginnen in Feierlaune aus dem Café Adler mit einer Sektflasche entgegen. Dabei erwischte ihn ein emsiger Fotograf, der sich gleich nach den Nachrichten zur Grenze aufgemacht hatte. Es kam zu einer folgenreichen Verwechslung: «Ein von westlicher Fitneß-Ideologie völlig unberührter DDR-Bürger wird willkommen geheißen von überaus attraktiven blonden Frauen und einer Flasche Schampus» – das Bild ging um die Welt.[62]

Mit dem Mut zum Irrtum schaukelten sich die Medien wechselseitig hoch und fanden eine Interpretation für das Polittheater, das eigentlich nur von Möglichkeiten und von der Zukunft gehandelt hatte. Sie gaben damit das Signal für eine unaufhaltsame nächtliche Massenbewegung. Nicht die flammenden Appelle von Schriftstellern, sondern Fernsehbilder haben «das Volk» in dieser Nacht auf die Straße gebracht.[63] Um 22.15 Uhr verkündete Hanns Joachim Friedrichs in den Tagesthemen die Maueröffnung. Die Menge setzte sich in Bewegung.[64] Die Wende war die erste Revolution, die ohne das Fernsehen nicht zustande gekommen oder zumindest nicht in dieser Dynamik verlaufen wäre. Nicht die klassischen Intellektuellen und ihre bevorzugten Medien gaben den unmittelbaren Impuls für den Sturm auf die Mauer. Der «Ansteckungseffekt» ging von TV-Sendungen wie der Tagesschau oder heute aus. Die zweite narzisstische Intellektuellenkränkung bestand darin, dass dabei letztlich nur wenige engagierte Teile der bewegten Massen einer politischen Reformvision folgten, viele jedoch auf der Straße einfach nur ihrem Gefühl tief sitzender Unzufriedenheit Ausdruck verliehen.[65]

 

Bevor also die Mauer in ihre Einzelteile zerfiel und in Bruchstücken als Souvenirware kursierte, zerbröselte die Sprache der Machthaber. Im Rückblick fällt an den Auftritten von DDR-Politikern auf, wie gestanzt ihre Sprache war und wie sehr man glaubte, Politik auf den Nenner von Parolen bringen zu können, die ja tatsächlich im ostdeutschen Alltag auf Plakaten und Bannern omnipräsent waren. Die offenkundige Diskrepanz zur Realität störte sie nicht. Politik arbeitet immer mit rhetorischen Mitteln und Slogans, aber die Schlagwortkaskaden, Plattitüdenserien und syntaktischen Ungetüme der sozialistischen Parteiprosa spielten in einer eigenen Liga und provozierten dadurch Gegendiskurse.[66] Die DDR war eine mehrsprachige Gesellschaft, in der die Übersetzungsprobleme im Herbst 1989 eklatant hervortraten. Die Bürgerrechtsbewegung wollte öffentliche und private Sprachen zur Deckung bringen – und dies bedeutete auch: die Opposition als repräsentative Instanz «der Bevölkerung» zu behaupten, deren Belange authentisch zum Ausdruck kommen sollten.[67]

In der Fernsehkomödie, die zum Fall der Mauer führte, trat daher nicht nur einfach ein schlecht vorbereiteter Funktionär auf, der den Staat durch das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden um seine Grenzhoheit brachte. Schabowski führte vielmehr vor, wie das Sprachgerüst, das die politischen Herrschaftsverhältnisse getragen hatte, in sich zusammenbrach. So versucht er zwar am Ende auf die Frage, was nun aus der Mauer werde, die Grenze in gewohnter Manier sprachlich zu stabilisieren. Abgesehen davon aber, dass dies ohnehin nicht mehr weiter interessierte, versagte ihm auch dabei die Syntax ihren Dienst: Immer wieder fiel er sich selbst ins Wort, verpasste Anschlüsse und holperte sich so bis zum Ende der Pressekonferenz um 19 Uhr durch. Nach dem Mauerfall wechselte die omnipräsente Diagnose der Sprachlosigkeit die Seiten. Nun fehlte es nicht mehr «der Bevölkerung» an Artikulationsmöglichkeiten, sondern «den Herrschenden».[68]

Weil die wirklichkeitsstiftende Kraft der Worte in der DDR so grell ausgestellt wurde,[69] legte der Staat – im positiven wie negativen Sinn – ein besonderes Augenmerk auf seine Dichterinnen und Dichter. Die Protestbewegungen setzten auch deswegen an der Sprachkultur an. Bis heute gilt es als wichtige Leistung, dass unter dem Dach der Kirchen nicht nur «das demokratische Miteinander», sondern auch «die Fähigkeit zur öffentlichen Sprache […] eingeübt wurde».[70] Die Bürgerrechtler «prägten Kultur und Sprache der Revolution».[71] Sie erwarteten daher, wie ihr politischer Gegner, repräsentative Literatur. Als Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs und Katja Havemann zum vierzigjährigen Jubiläum der DDR «die Bürger» in einer Interviewsammlung zu Wort kommen ließen, diagnostizierten sie Sprachnot und Sprachverfall durch die herrschende Politik. Geradezu naturgemäß richteten sich die Hoffnungen auf die Literatur: «Wer kann uns aus dieser Sprachlosigkeit erlösen? Wo sind unsere Dichter und Schriftsteller, warum versuchen sie nicht, die Wahrheit sichtbar zu machen, warum sprechen sie nicht, warum schweigen sie? Ist ihnen der Paß wichtiger geworden als die Sprache?»[72]

Die wohlkalkulierte Erwartungsenttäuschung ist hier weniger wichtig als das rhetorische Anreizen eines Erwartungsreflexes. Und deswegen war es auch konsequent, dass die Alexanderplatz-Demonstration ein Arrangement aus dem Geist des literaturwissenschaftlichen Einführungskurses bot. Das Podium dominierten Sprachkünstler, die auf vorbildliche Weise jene drei Gattungen repräsentierten, die Goethe zu Naturformen der Poesie erklärt hatte: Die Theater- und Filmleute vertraten die dramatische Kunst; die Liedermacher standen für die Lyrik; und drei der vier auftretenden Großautoren, Stefan Heym, Christa Wolf und Christoph Hein, verdankten ihr Renommee vor allem ihren Erzählungen und Romanen. Sie formulierten im hohen Ton, zogen das pathetische Register, blickten von oben auf die Menge – und auf deren Sprachkunst: Die Demonstration fiel nicht nur wegen ihrer Größe, der Medienpräsenz und Prominenz der Rednerinnen und Redner aus dem Rahmen der Protestkultur, sondern auch wegen der gewitzten Parolen auf den Transparenten.

Ein Topos der friedlichen Revolution lautete, dass «das Volk» seine «Stimme» gefunden habe. «Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden», zitierte Stefan Heym aus dem Brief eines Ungenannten.[73] «Jede revolutionäre Bewegung», so Christa Wolfs Eröffnungsvolte, «befreit auch die Sprache.»[74] Am Abend direkt nach der Demonstration griff Bernd Niestroj in der Hauptausgabe der Aktuellen Kamera die Formulierung von Heym auf und kommentierte: «Das Volk hat seine Sprachlosigkeit überwunden, unüberhörbar heute auf dem Berliner Alexanderplatz, in den Worten der Redner, im Beifall der Hunderttausenden, auch in den Pfiffen und Buhrufen, den Transparenten und Aktionen an Häuserwänden und öffentlichen Gebäuden.»[75]

Die sprachliche Vielgestalt war tatsächlich eindrucksvoll und kontrastierte überdeutlich mit dem Parolenreservoir, das in der DDR für Demonstrationen im Neuen Deutschland zur Verfügung gestellt wurde – etwa am 6. April 1989 für die Kundgebungen am 1. Mai:[76]

«1. Es lebe der 1. Mai, der Kampftag der internationalen Arbeiterklasse!

2. Hohe Leistungen zum Wohle des Volkes und für den Frieden – Alles für die Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED – Vorwärts zum 40. Jahrestag der DDR!

3. Mit dem Blick auf den XII. Parteitag der SED lösen wir die Aufgaben der Gegenwart!»

So geht es dann weiter bis zur Parole Nr. 30:

«Jung- und Thälmannpioniere! Mit guten Ergebnissen bei der Erfüllung des Pionierauftrages ‹Meine Liebe, meine Tat meiner Heimat DDR›! Vorwärts zum 40. Jahrestag der DDR!»

Das Neue Deutschland hatte also lediglich sprödeste Prosa im Angebot. Am 4. November 1989 aber beherrschte für einen kurzen historischen Moment Poesie den öffentlichen Raum der Berliner Innenstadt. Die Ästhetisierung der politischen Parolen sollte die gestanzte Sprache verfremden, die die offizielle Politik bis zu diesem Zeitpunkt dem Volk zur Verfügung gestellt hatte. Ganz anders klingt daher das Gedicht in freien Versen und vorwiegend unregelmäßigen Rhythmen, das Volker Braun in seinem Arbeitstagebuch am Tag der Alexanderplatz-Demonstration notierte:

krenz zu tisch!

rücktritt ist fortschritt

volksauge sei wachsam

rechtssicherheit ist die beste staatssicherheit

zieht euch um und schließt euch an

kein artenschutz für wendehälse

lieber häufiger übermüdet als ständig überwacht

öko-daten ohne filter

wer die wahl fälscht hat die qual

es geht nicht um bananen, es geht auch um die wurst!

visafrei bis hawaii

reformbrot für die stasi-kantine

keine privilegien mehr für uns berliner

wenden – nicht winden

wir brauchen keine tapezierer sondern architekten

blumen statt krenze

sägt die bonzen ab, schützt die bäume

wer war egon krenz

 

(wer war harry tisch?)[77]

Braun hätte eigentlich auch auf der Kundgebung sprechen sollen, fand allerdings die Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit nicht ausreichend – «zu fordern», so fand er, «wäre volkssouveränität». Zudem störte sich Braun an den (mutmaßlichen) Stasi-Kontakten einiger Organisatoren. Angesichts des enormen Zulaufs geriet er dann aber doch ins Grübeln: «inmitten der zu nichts und zu allem entschlossenen menge, ihrer ruhigen, unaufgeregten kraft erkenne ich meinen kleinmut. es ist eine erfahrung der freiheit.»[78] Immerhin ließ sich in Stefan Heyms Rede eine Referenz an Brauns Gedichtband Training des aufrechten Ganges (1979) in der Bemerkung erkennen, man sei jetzt dabei, «den aufrechten Gang zu erlernen». Vier Tage später jedenfalls, am 8. November, saß Braun bei Christa und Gerhard Wolf mit Vertretern unterschiedlicher Bürgerinitiativen. Alle gemeinsam unterzeichneten einen Aufruf, im Land zu bleiben. Am Tag darauf fiel dieses Dokument einer «wirklichkeit» zum Opfer, die sich «wilder als unsere wünsche» verhielt.[79]

Noch aber bewegen wir uns auf dem Alexanderplatz. Die Organisatoren hatten Christa Wolf die Aufgabe übertragen, etwas zur «Sprache der Wende» zu sagen, und die fand die Sprachkritikerin genau dort, wo auch Braun das Material für sein Gedicht aufgelesen hatte: in der Poesie der Transparente.[80] Es handelte sich um 180-Zeichen-Lyrik avant la lettre. Heutzutage wären die Sprüche tausendfach «repostet» und «gelikt» worden: «Demokratie, jetzt oder nie!» – «Trittbrettfahrer – zurücktreten!» – «Bürger, stell die Glotze ab, setz dich jetzt mit uns in Trab!»[81] Den größten Applaus und anhaltendes Gelächter erntete Wolf mit einem wiederum wohlgeformten Epigramm: «Ein Vorschlag für den Ersten Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei.» Die Zustimmungsernte wollte sie nicht allein einfahren und fügte hinzu: «Alles nicht von mir, alles nicht von mir, das ist literarisches Volksvermögen.» Eigentlich eine unnötige Bemerkung, denn Witz und Humor zählten nicht gerade zu den hervorstechenden Qualitäten von Wolfs Prosa.

In Christa Wolfs Rede hing das Thema Sprache ganz selbstverständlich und unmittelbar mit Politik zusammen, mit Fragen der Demokratisierung, der revolutionären Umgestaltung der Machtverhältnisse und überhaupt mit dem Selbstbewusstsein politischer Handlungsfähigkeit: «Das ‹Staatsvolk der DDR› geht auf die Straße, um sich als ‹Volk› zu erkennen», erklärte Wolf, und so zitierte sie aus dem Sprachschatz ebendieses Volkes, damit es sich selbst beklatschen und bejubeln und als politischer Akteur empfinden konnte. Zugleich übersetzte Wolf die auf dem Fernsehschirm nur schwer zu entziffernde Transparentlyrik in gesprochene Worte und machte so die Parolen für die Massenmedien kompatibel.[82]

Wolf beschrieb diese soziale Dynamik als Umkehrung der Verhältnisse: «Ich würde von revolutionärer Erneuerung sprechen. Revolutionen gehen von unten aus. ‹Unten› und ‹oben› wechseln ihre Plätze in dem Wertesystem, und dieser Wechsel stellt die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße.» Die Transparente hinterfragten aber nicht nur die alte Aufteilung in «oben» (Partei) und «unten» (Bevölkerung), sondern auch «die sozialistische Gesellschaft», die Wolf bewahren wollte. Die Regierung glaubte, Politik auf den Nenner von Parolen bringen zu können, weil der SED-Sozialismus von der Planbarkeit sozialer Prozesse ausging. Sie hielt Geschichte für machbar und die Bevölkerung für dirigierbar. Die Alexanderplatz-Transparente setzten dieser Auffassung des Politischen einerseits Poesie, andererseits Satire und Ironie entgegen, und beides ist überaus bedeutungsvoll. Während die offiziellen Parolen mit platten Aufforderungen und Willensbekundungen so bierernst daherkamen, dass es im Rückblick schon wieder witzig ist, setzten die Demonstranten gezielt auf Wortspiele und die Karikatur des Parolenunwesens und lieferten damit die Quellen für eine Literaturgeschichte der nicht nur friedlichen, sondern auch poetischen Revolution.

Gerade soziale Systeme mit totalem Steuerungsanspruch reagieren allergisch, wenn sie scherzend und satirisch in Frage gestellt werden. Das Lachen rührt tief an das Selbstverständnis. Es hat also seinen guten Grund, dass jene Umbruchphase, die durch Schabowskis Improtheater am 9. November eingeleitet wurde, auch in eine zweite Politinszenierung mündete, die diesmal dem Muster der Verlachkomödie folgte: Als Stasichef Erich Mielke am 13. November vor der Volkskammer Rede und Antwort stehen wollte, demonstrierte nichts besser die Ohnmacht dieser einstmals so mächtigen Person als die prustenden Reaktionen auf die Floskeln, die man ihm nur wenige Wochen zuvor problemlos und mit ernster Miene hätte durchgehen lassen.[83] Noch mehr als Schabowski zerfielen ihm dabei vor Publikum und Fernsehkameras die Sätze. Und als sich das Ganze dann bei Mielkes stotternder, emphatischer Beteuerung, er liebe doch alle Menschen, zu brüllendem Gelächter steigerte, konnte wirklich kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Zeit der Stasiherrschaft zu Ende war.

Dass auf der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November die Parolenmacht der Regierungspartei nicht nur mittels Verballhornungen, Ironisierungen und gewitzten Um- und Entwendungen von Sprüchen bestritten wurde, sondern die Losungen im Gegensatz zur SED-Prosa häufig auch versifiziert und spielerisch gereimt waren, verweist auf den fundamentalen politischen Umbruch, der sich hier vor aller Augen als ästhetischer Umbruch vollzog. Der Typus des witzig-poetischen Transparents verließ sich nicht auf Programme, die der politischen Umsetzung eine konkrete Richtung gegeben hätten – auch das unterschied die Parolen der Demonstranten von den SED-Losungen. Die Spruchlyrik der Demonstranten machte vielmehr Stimmung und sorgte für ein Meinungsklima, in dem bestimmte Formen der Politik einfach nicht mehr gingen: nicht weil es der ökonomische Sachverstand oder eine überzeugende juristische Darlegung geboten hätte oder sich eine bestimmte Regierungsform als eindeutig überlegen erwies, sondern weil vielen Leuten eine bestimmte Form von Politik, eine bestimmte politische Ästhetik so verbraucht erschien, dass sich auch noch die schwächste Zustimmungsbereitschaft in Luft auflöste.

Kapitel 4Helden wie wir: Der deutsch-deutsche Literaturstreit

Die Transparentpoesie unterzog die Politik einem Lächerlichkeitstest. Sie erzeugte und verstärkte eine Stimmungslage, aus der heraus sich eine «Volksbewegung» ergab. Diese Bewegung räumte allerdings nicht nur die SED-Regierung, sondern auch jenen Sozialismus ab, den Christa Wolf und ihre Schriftstellerkollegen als Reformidee bewahren wollten. Der eigentliche Angriff auf Wolf erfolgte daher nicht im völlig witzlos gemeinten deutsch-deutschen Literaturstreit, in dem ihr Status letztlich bestätigt wurde. Viel heftiger war die Humorattacke eines Autors der kommenden Generation. Er erzählte 1995 die Wendegeschichte tatsächlich so, dass dadurch die Hierarchie von «unten» und «oben» nicht nur, wie Wolf es sich vorstellte, vom Kopf auf die Füße gestellt, also einfach verkehrt wurde, sondern er verabschiedete sich von dieser Ordnung insgesamt. Thomas Brussigs Helden wie wir wurde damit zur kommerziell erfolgreichsten Wendegeschichte. Mit diesem Schelmenroman kam die friedliche Revolution literarisch bei einem breiten Publikum und im Kapitalismus an.

Zuvor aber hatten im Sommer 1990 die Feuilletonchefs der Zeit und der FAZ im Abstand von nur einem Tag heftig gegen Christa Wolf und ihre Erzählung Was bleibt polemisiert. Es handelte sich beim deutsch-deutschen Literaturstreit nur um eine unter vielen Debatten in dieser Zeit: Andere diskutierten das Verhältnis von Intellektuellen und Bevölkerung, die Nachteile und Vorzüge eines neuen nationalen Selbstbewusstseins, den Verlust der Utopie oder die Stasi-Verstrickungen bedeutender Autorinnen und Autoren.[84] Diese Auseinandersetzungen sind inzwischen verblasst, wohingegen der Streit um Christa Wolf immer wieder aufgerufen wird, wenn es um die neue Rolle von Literatur nach 1989 geht.

Was bleibt, der Text, in dem Wolf über ihre Überwachung durch die Stasi in den Jahren nach der Biermann-Ausbürgerung reflektierte, war noch nicht einmal erschienen, als die Großkritiker mit der Attacke begannen. Ulrich Greiner warf Wolf in der Zeit vom 1. Juni vor, mit der Bedrohung in einem historischen Augenblick kalkuliert zu spielen, in dem ein literarisches Aufbäumen gegen die Stasi gerade nicht mehr gefährlich und Heroismus nicht mehr nötig war.[85] Frank Schirrmacher attestierte Wolf am 2. Juni in der FAZ einen «autoritären Charakter» und griff sie persönlich als Exempel für den «zweiten totalitären Sündenfall» der deutschen Intellektuellen im 20. Jahrhundert an.[86] Dass damit ein literaturkritisches Schisma provoziert wurde, machte bereits die positive Rezension klar, die Volker Hage parallel zu Greiners Kritik in der Zeit publizierte.[87] Und tatsächlich ging es dann Schlag auf Schlag und hin und her. Wolf hatte so prominente und wortgewandte Verteidiger wie Walter Jens oder Lew Kopelew eindeutig oder wie Günter Grass ein wenig halbherzig auf ihrer Seite. Aber auch das Lager der Kritiker war – etwa mit Hellmuth Karasek, Uwe Wittstock und dem zu polemischer Höchstform auflaufenden Karl Heinz Bohrer – stark besetzt.

Im Prinzip waren sich alle in einem Punkt einig: Eigentlich ging es gar nicht um die Erzählung Was bleibt,[88] noch nicht einmal um die Person Christa Wolf und um die Frage, ob sie sich so heldenhaft verhalten hat, wie es unter Bedingungen der DDR möglich und richtig war. Vielmehr wurde ein Scherbengericht zunächst über die DDR-Literatur, dann über die gesamte deutsche Nachkriegsliteratur abgehalten, für die stellvertretend und in Überschätzung ihrer Position[89] die Gruppe 47 belangt wurde. Am 2. Oktober 1990, also einen Tag vor der Wiedervereinigung, nahm Frank Schirrmacher «Abschied von der Literatur der Bundesrepublik». Die große Geste ermöglichte eine ziemlich gute Anfangspointe: «Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland wurde 43 Jahre alt. Wie jener der DDR steht auch ihr das Ende bevor.»[90]

Schirrmachers Argumentation war gedanklich eher lose gestrickt und drehte sich irgendwie um den Geschichtsverlust, den die Gruppe 47 der Nachkriegsliteratur beschert haben soll. Das Feindbild hatte er allerdings klar im Visier: den Schriftsteller (und es ging mit Ausnahme von Christa Wolf tatsächlich nur um Männer) als kritisch-moralische Instanz und «Sprecher und Repräsentant der Nation».[91] Schirrmacher prangerte eine Vorstellung von Literatur an, die sich als Aufbauhelfer, Stütze und identitätsbildende Maßnahme einer ganzen Gesellschaft verstand. Genau einen Monat später zog Ulrich Greiner nach. Er hatte sich inzwischen Gedanken über ein gutes Label gemacht und brachte den knackigen Begriff der «Gesinnungsästhetik» ins Spiel, um «das gemeinsame Dritte der glücklicherweise zu Ende gegangenen Literaturen von BRD und DDR» zu bezeichnen.[92]

Weil den Literaturkritikern kein Podium auf dem Alexanderplatz zur Verfügung stand, griffen sie zum Aufmerksamkeitsverstärker der Polemik, um pro domo zu reden. Mit Erfolg: Es fällt schwer, von der Literaturgeschichte der deutschen Revolution zu sprechen, ohne sie, die nichts dazu beigetragen haben, zumindest als Phänomen zu erwähnen. «Die Medien» übertönten als sich selbst bespiegelndes Phänomen die Literatur, die Journalisten jonglierten mit den Autorinnen und Autoren. Die Literaturkritik aber war so eng mit der Literatur verbunden, dass sie diese «Medialisierung» der Öffentlichkeit nicht schadlos überstand.

Tatsächlich kündigte das Feuilleton nur an der Oberfläche den Pakt mit der Nachkriegsliteratur auf. Christa Wolf blieb gerade auch in den gegen sie gerichteten Polemiken die geachtete Autorin – erst sie verlieh den Attacken Bedeutsamkeit. Journalisten wie Greiner oder Schirrmacher zehrten von der weltweiten Anerkennung Wolfs. Dabei mussten sie sich so richtig anstrengen: Ihre Argumente gingen ins Grundsätzliche, etwa in Überlegungen dazu, wie das Ästhetische vor der Bevormundung durch die Moral zu retten ist. Oder sie bedachten fundamentale Fragen des historischen Selbstbewusstseins, wenn sie die deutsche Geschichte aus dem Schatten der Jahre 1933 bis 1945 hervortreten lassen wollten. Sie bemühten sich um besonders geschliffene und scharfe Formulierungen. Und sie nahmen sich in ihren Zeitungen viel Platz, um ihren Attacken Gewicht zu verleihen.

Selbst wenn also aus dem Gesamtgefüge der Ton jener guten alten Zeit herüberklang, in der Literatur und das gehobene Feuilleton noch allen Ernstes glauben durften, sie bewegten die Welt, gaben die Texte gleichwohl verborgene Hinweise auf die große Transformation, der mittlerweile auch die literaturkritische Führungsriege zum Opfer gefallen ist.[93] Bereits vor der Konfliktausweitung von Christa Wolf über «die» DDR-Literatur auf «die» Nachkriegsliteratur in Ost- und Westdeutschland wurde immer wieder betont, dass es sich um eine epochale Zäsur handelte, von der der Fingerzeig auf die da im Osten nur ablenke. Die Effekte einer «global noch nie dagewesene[n] radikale[n] Historisierung einer Epoche», so warnte Uwe Schütte die übermütigen Wolf-Kritiker in der Frankfurter Rundschau, würden sich erst im Lauf der Zeit zeigen. Man müsse mit fundamentalen Umwälzungen auf allen Seiten rechnen.[94] Hellmuth Karasek erklärte die Heftigkeit der Auseinandersetzung mit dem Trennungsschmerz, den der «Abschied von Gestern» mit sich bringe.[95] Und Rainer Hoffmann hielt in der Neuen Zürcher Zeitung fest, dass mit der DDR auch die BRD zu Ende gegangen sei.[96] Bereits die ersten Analysen stimmten diesen Diagnosen zu und erkannten die «DDR/BRD-spezifische Ausprägung eines globalen Problems», nämlich der «problematischen Rolle des Intellektuellen in den modernen (postmodernen) Gesellschaften».[97]

Diese grundsätzliche Erschütterung konnte jedoch nicht von den Thesen der Kritiker oder Verteidiger Christa Wolfs ausgehen: Dass gute Literatur und gute Moral häufig zwei Paar Schuhe sind, war auch 1990 keine neue Nachricht. Und so oft, wie der Schriftsteller sich in die repräsentative Pose des literarischen Engagements geworfen hatte, so oft war dies schon Anlass dazu gewesen, darüber enerviert die Augenbrauen zu heben. Überhaupt hat man den Eindruck, dass der Auftritt der besonders hart urteilenden Kritiker wie Greiner, Schirrmacher oder Bohrer ein erhebliches Maß an Autoaggression nach außen lenkte: Sie bestritten Repräsentationsansprüche mit einem überaus repräsentativen Habitus; sie wollten die Ästhetik vor der Bevormundung durch die Moral mit dem heftig moralisierenden Verdikt gegen eine Autorin retten; und sie warfen Christa Wolf Risikoscheu vor, sie, die auf eine Schriftstellerin einhauten, deren politisches Anliegen bereits auf die historischen Bretter gegangen war. Mit einer gewissen Nostalgie blickt man auf das Selbstvertrauen und Pathos zurück, das aus allen diesen Texten spricht. Damals trug dies alles noch dazu bei, das Nachdenken über Christa W. zu stimulieren, und bestätigte so die außerordentliche Bedeutung dieser Schriftstellerin als einer exemplarischen historischen Person.

 

Ganz anders sah die Attacke aus, die fünf Jahre nach der Eröffnung des deutsch-deutschen Literaturstreits durch Greiner und Schirrmacher von einem Autor geritten wurde, der einer deutlich jüngeren Generation angehörte.[98] Der damals dreißigjährige Thomas Brussig verabschiedete Wolf in seiner DDR-Wende-Groteske Helden wie wir, indem er sie schlicht lächerlich machte. Er nutzte dazu – wie auffällig viele andere «Wenderomane»[99] – das Modell des Schelmenromans: Gattungsgemäß beginnt die Geschichte mit der Geburt des Helden, aus dessen naiv-verständig-unverständiger Perspektive das ganze Geschehen auch erzählt wird. Der Erzähler fühlt sich in Zonen des schenkelklopfenden Humors wohl und betrachtet das menschliche Leben vornehmlich aus Perspektive der körperlichen Bedürfnisse und Begierden. Brussig erzählte die Geschichte des Losers Klaus Uhltzscht, der sich in seinem Traumjob bei der Stasi sogar als medizinisches Versuchskaninchen hergibt und durch seine Blutspende das Leben des krebskranken Erich Honecker verlängert.

Als Uhltzscht am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz an der großen Demonstration teilnimmt, hört er dort «die Rede