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"Dustin-Justin, du machst mich Irrenhaus!" Keine Frage, Kinder sind das größte Geschenk auf Erden. Ein Geschenk allerdings, das man nicht umtauschen kann und auf das es auch keine Garantie gibt. Das letzte Geschenk mit einem derart mangelhaften Verbraucherschutz war wohl das Trojanische Pferd, die Folgen sind bekannt. Kein Wunder also, dass Fachleute zum Gegenschlag ausholen. Hinter vorgehaltener Hand flüstern sie sich zu, wie man mit schmutzigen Tricks einen Familienstreit sauber für sich entscheidet. Die Satire Erziehung ist Krieg enthüllt mit viel schwarzem Humor genau jenes Expertenwissen, das Ihnen auf Elternseminaren bislang vorenthalten wurde. Sie erhalten eine pädagogische Grundausbildung, lernen, wie sie unangenehme Aufgaben an kampferprobte Fachleute abgeben und erfahren, wie sie den Trojanischen Gaul zurück ins Kinderzimmer treiben, bevor er seinen Inhalt über ihrem Flokati Teppich entleert.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2016
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O. Stifter
Erziehung ist Krieg
Wie Eltern überleben - in sieben Schritten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Im Ausnahmezustand
Schritt 1: Suchen Sie nach Störungen, bevor es ein anderer macht
Schritt 2: Dein Berater, das unbekannte Wesen
Schritt 3: Pimp Your Kid
Schritt 4: Im Dschungel der Erziehungsstile
Schritt 5: Zu den Waffen!
Schritt 6: Das schlagende Argument
Schritt 7: Von Bienchen und Blümchen
Epilog
Impressum neobooks
Erziehst du einen Leoparden, dann bricht er dir das Genick.
Aus Afrika
Sie haben Zeit, ein Vorwort zu lesen? Dann geht es Ihnen noch nicht schlecht genug. Besuchen Sie einen Yoga Kurs oder trinken Sie eine Tasse Tee aus fairem Handel. Dieser Ratgeber ist nur für Eltern, die ganz unten angekommen sind.
Natürlich können Sie gut mit Kindern umgehen. Sie sind die Ruhe selbst, in Ihrer Wohnung herrscht Ordnung, alles ist sauber. Sie haben Ihre Kinder heute noch kein einziges Mal angeschrien oder die Hand gegen sie erhoben. Sie haben auch noch nicht vor Verzweiflung in die Tischplatte gebissen. Heimunterbringung oder Auswandern – heute kein Thema. Aber in wenigen Minuten werden diese kleinen Biester aufwachen, und dann können Sie für nichts mehr garantieren.
Ziehen Sie also noch einmal die Bettdecke über den Kopf, gleich ist es fünf Uhr morgens, gleich beginnt der Wahnsinn. Sie haben Kinder! Vorbei die Zeiten, in denen Sie sich um Ihre Karriere, Ihre Partnerschaft oder einfach nur um eine angenehme Freizeitgestaltung mit Freunden gekümmert haben. Jetzt können Sie froh sein, wenn Sie - übermüdet und dünnhäutig wie Sie herumlaufen - noch nicht von Ihrem Chef gefeuert worden sind. Und das wäre eine Katastrophe, denn Sie brauchen das Geld. Kinder sind wie Bausparverträge. Erst lässt man sie sich aufschwatzen, dann muss man sie jahrzehntelang abbezahlen. Ein Kind kostet bis zum 18. Geburtstag gut 120.000 €. Das wäre eine ansprechende Immobilie oder ein Sportwagen der Oberklasse. Aber Sie besitzen keine Immobilie und auch keinen Sportwagen. Sie drücken sich in einer kleinen Mietwohnung herum und wer Ihr Auto heute klaut, der bringt es morgen wieder zurück. Ihre Partnerschaft ist schon lange im Eimer, weil Sie sich gegenseitig für Ihre fatale Lage verantwortlich machen. Und zur Hälfte hat schließlich jeder von Ihnen beiden Recht. Ihr letztes sexuelles Großereignis fand statt, als Sie sich nach dem Duschen aus Versehen auf die Bob der Baumeisterfigur gesetzt hatten. Ihnen klingt noch heute in den Ohren, wie sich die schnell herbeigerufenen Sanitäter über Ihren nackten Hintern beugten, sich gegenseitig abklatschten und johlten: „Ja, wir schaffen das!“
Und nicht genug damit, dass Ihr Kind Sie einen Haufen Geld kostet und Ihre untere Körperhälfte seit Jahren im Offline Modus klemmt. Auch sozial sind Sie isoliert. Kinder sollen in unserer Gesellschaft angeblich das höchste Gut sein. Dumm nur, dass man mit diesem höchsten Gut keine Wohnung mehr findet, und in die meisten Hotels kommen Sie eher mit einem Hund, als mit einem Kind. Natürlich dürfen Sie auch "Mal" abends weggehen, wenn Sie sich den Babysitter leisten können. Aber die spontanen Partys mit offenem Ende finden für Sie in einem anderen Universum statt. Sie stehen ständig unter Beobachtung. Bei einem Kratzer ruft der Kindergarten an, bei schlechten Noten fragt die Schule, ob der Bengel zu spät ins Bett geht oder Hardcore Videos anschaut. Wenn es mal etwas lauter wird, bewegen sich die Gardinen in der Nachbarschaft. Der Kinderarzt wird zum TÜV-Prüfer und einmal die Vorsorgeuntersuchung vergessen, schon klingelt das Jugendamt an der Tür. Die Bekanntschaft mit diesen Herrschaften kann Ihnen auch dann blühen, wenn Ihr Kind einen eigenen Kopf besitzt, sich gerne bewegt oder die Welt nach dem „Try and Error“ Prinzip erkundet. Mein Nachbar Matthias wird in ein paar Tagen nicht mehr mein Nachbar sein, weil er mit seiner Familie ausziehen muss. In unserem Viertel bekommt der Mann einfach keinen Fuß mehr auf den Boden und seine Frau wird beim Bäcker nicht bedient. Und das alles, obwohl Matthias ein angesehener Anwalt mit gutem Einkommen und gepflegten Manieren ist. Leider ist er auch mit einem wissbegierigen Söhnchen gestraft. Als dieser mit vier Jahren aufgeschnappt hatte, dass manche Menschen ins Gefängnis gesperrt werden, konnte mein Nachbar natürlich durch seine Treffen mit Mandanten den Wissensdurst seines Sohnes stillen. Ausführlich beschrieb er die verschiedenen Gefängnistypen, die baulichen Eigenarten, die Unterschiede zwischen Justizvollzugsanstalten für Jugendliche und für Erwachsene, die Eisenstäbe in manchen Innenhöfen, mit denen ein Fluchtversuch mit dem Hubschrauber vereitelt werden soll und so weiter und so fort. Über ein Jahr lang war der Kleine mit diesen Informationen zufrieden. Als mein Nachbar neulich mit Frau und Sohn in einem Restaurant zwei Straßen weiter zu Mittag gegessen hatte und er sich gerade den Mantel anzog, muss dem Sprössling die lange zurückliegende Unterhaltung wieder in den Sinn gekommen sein. Ohne Vorwarnung rief er von der Tür aus quer durchs vollbesetzte Lokal: „Papa, wo warst du schon überall im Gefängnis?“ Das war's dann. Das Ende einer wunderbaren Nachbarschaft.
Aber wenn Kinder ihre Eltern in den finanziellen Ruin, in die gesellschaftliche Isolation und vor den Scheidungsrichter treiben, warum wird man dann nicht vor ihnen gewarnt? Vor jeder Operation muss man sich einem Beratungsgespräch unterziehen, von dem man Alpträume bekommt. In jeder Medikamentenschachtel findet man auf dem Beipackzettel die Risiken und Nebenwirkungen, und auf jeder Zigarettenschachtel steht ein Warnhinweis, der in seiner Brutalität unter das Jugendschutzgesetz fallen müsste. Warum aber fehlt diese Warnung bei Kindern? Für Kinder gibt es noch nicht einmal ein Rückgaberecht nach 14 Tagen, so wie bei Haustürgeschäften oder Internetkäufen. Bringt sowieso nichts, meinen Sie? In den ersten 14 Tagen wäre das Baby noch süß, meinen Sie? Unsinn! Das Baby ist gleich ab der Geburt laut, stinkt und raubt uns nachts den Schlaf. Es zeigt also schon alle Verhaltensweisen, mit denen es uns als Teenager nervt. Eltern werden aus einem einzigen Grund nicht gewarnt. Die Warnung ist überflüssig, weil sie eine selbstverständliche Gefahr betrifft. Oder haben Sie schon einmal den Warnhinweis auf einem Panzer gesehen: Achtung, kann Schäden verursachen!
Aber jetzt ist es ohnehin zu spät. Die Kinder sind da. Sie müssen sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie Sie die Tragödie hätten verhindern können. Sie befinden sich im Krieg. Im Krieg? Ist das nicht etwas zu hart in der Wortwahl? Ein Krieg ist doch nur dann gerechtfertigt, wenn Sie ein Mandat der UNO erhalten (damit ist bei aller Brisanz ihrer Lage nicht zu rechnen), oder wenn der Verteidigungsfall eintritt. Genau hier erklärt sich der Titel dieses Buches. Der Verteidigungsfall tritt nämlich bereits mit der Geburt Ihres Kindes ein. Ab diesem Zeitpunkt sind Ihre Ressourcen wie Geld, Lebensraum und Gesundheit in Gefahr. Also Sirenen an und Helm auf den Kopf. Ihr Ziel muss es nun sein, den Angriff abzuwehren und den Zustand wiederherzustellen, der vor der Geburt Ihres Nachwuchses bestanden hatte. Die soziale Aufwertung als Eltern und die steuerlichen Vergünstigungen nehmen Sie natürlich mit, aber den Lebenswandel umstellen, nur weil man jetzt Kinder hat, das ist wirklich zu viel verlangt.
Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie mit diesem Buch lernen, gegen Ihr eigenes Kind in den Krieg zu ziehen. Schauen Sie sich doch um, das machen die anderen Eltern auch. Überall leben Eltern so weiter, als hätten sie nie ein Kind bekommen. Überall werden Kinder zu Sündenböcken für das Versagen der Gesellschaft abgestempelt und die neueste Mode unserer Zeit ist es, Kinder mit Hilfe von Psychopharmaka für neu erfundene Krankheiten kaltzustellen. Überall treffen Sie auf Eltern, die sich ihr Leben nicht von ihren Kindern versauen lassen – nur Sie hier haben mal wieder keine Ahnung. Aber dafür gibt es ja nun dieses Buch. Die seriösen Erziehungsratgeber helfen Ihnen nicht weiter, die sind wie Kochbücher. Man bekommt nie alle nötigen Zutaten zusammen, die Beschreibungen sind in einem seltsamen Fachchinesisch gehalten und zum Schluss haben die hübschen Hochglanzfotos im Kochbuch nicht die geringste Ähnlichkeit mit der verhunzten Pampe in ihrem Topf.
Im Ratgeber Erziehung ist Krieg erfahren Sie dagegen, wie Sie Ihrem Nachwuchs den Stempel „Problemkind“ auf die Stirn drücken und damit von Ihren eigenen erfolglosen Erziehungsversuchen ablenken. Sie erfahren, wie Sie sich professionelle Helfer im Kampf gegen Ihr Kind holen und welchen dubiosen Stellenwert die körperliche Bestrafung in unserer Gesellschaft einnimmt. Sie lernen, Ihr Kind so mit Förderprogrammen zuzuscheißen, dass Sie wieder Zeit für Ihr eigenes Leben haben, und Sie bekommen ein Nahkampftraining für Konflikte. Ausgerüstet mit einer Sammlung der wichtigsten Erziehungsstile können Sie auf Partys selbst den größten erzieherischen Murks schönreden und im Kapitel über Aufklärung erfahren Sie schließlich, wie Sie in fünfzehn Jahren nicht auch noch zu Großeltern werden.
Versuchen Sie also gar nicht erst, zu dieser weltfremden Minderheit zu gehören, die ihre Kinder in einem harmonischen Klima zu liebevollen, eigenständigen Persönlichkeiten erziehen will. Sie werden mit diesem Anspruch scheitern. Egal wie sehr Sie sich engagieren, in ein paar Jahren kennt Ihr Kind Sie nicht mehr. Nachdem Sie Ihr eigenes Leben die Toilette hinunter gespült haben, erhalten Sie von Ihrem erwachsenen Kind die Antwort, die Sie bereits vom Ausloggen aus dem Internet kennen: „Sie wurden erfolgreich abgemeldet.“
Machen Sie sich also nichts vor. Sie brauchen kein intelligentes, durchsetzungsstarkes Kind, das Ihnen auf der Nase herumtanzt. Sie wollen doch keinen selbstbewussten Neunmalklugen zuhause, der ständig neue Impulse von Ihnen benötigt, Sie kritisiert und seine Rechte kennt. Sie brauchen in ihrer schwierigen Lage ein Kind, das nicht stört. Sie brauchen ein Kind mit den Bedürfnissen eines Bandwurmes, den man, wenn die Zeit gekommen ist, nur über einen Weg wieder loswird. Und hierbei hilft ihnen dieser Ratgeber.
Sie sind noch immer nicht überzeugt? Sie glauben, sie hätten das Zeug dazu, aus Ihrem Kind doch noch einen überragenden Wissenschaftler oder den Bewahrer des Weltfriedens zu machen? Vielleicht glauben Sie ja, Sie gehören zur intellektuellen Oberschicht, nur weil Sie einmal besoffen auf ein Lexikon gekotzt haben. Sie meinen, Sie hätten diesen Ratgeber nicht nötig, weil Sie mit Ihrem humanistischen Halbwissen Ihr Kind schon auf den richtigen Weg bringen werden. Dann sei Ihnen eines gesagt: Seneca, einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, ein Philosoph aus der ersten Reihe, war der Erzieher von Nero. Nun streiten sich die Wissenschaftler noch heute, ob Nero tatsächlich Rom angezündet hat oder nur vergaß, die Herdplatte auszuschalten. Fest steht jedoch, dass Nero einer der größten Flachpfosten des römischen Imperiums war - ein Massenmörder und größenwahnsinniger Musiker, der sich zwischen seinen Metzeleien gerne mal auf Sängerwettbewerben zum Sieger wählen ließ. Man stelle sich eine heutige Casting Show mit einem singenden Terrorchef vor. Nero ließ schließlich seine eigene Mutter umbringen und trieb Seneca, seinen Erzieher, in den Selbstmord. Wenn also selbst ein derart brillanter Denker wie Seneca nur einen meuchelnden und brandschatzenden Hilfspoeten hervorbringen konnte, dann malen Sie sich doch bitte aus, um wie viel schlimmer Ihr eigener Nachwuchs geraten muss. Verstecken Sie also besser jetzt schon einmal Küchenmesser, Streichhölzer und Blockflöte.
"Zuerst hatte ich befürchtet, Robin leidet an ADHS. Aber unser Kinderarzt konnte mich beruhigen. Es ist etwas viel Schlimmeres." Nancy P., Bruchköbel
Gemäß der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Gesundheit ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Selbst wenn man also nicht krank ist, dann ist man für die WHO noch lange nicht gesund. Diesen von der WHO beschriebenen Zustand erreicht man quasi nur, wenn man auf einer geselligen Swinger Party Sex im schön dekorierten Da Vinci Zimmer mit anschließender Diskussion hat. Die Definition der WHO ist nicht nur der Grund dafür, warum sich Ärzte trotz aller finanziellen Einbußen zwei Luxusautos und eine Finca auf La Palma leisten können. Die Definition ist auch ein Freischein dafür, Ihr Kind als nicht gesund zu bezeichnen. Störungen bei Kindern sind eine wunderbare Sache für Eltern. War noch vor ein paar Jahrzehnten ein Kind auffällig und hat nicht so gespurt, wie es sollte, dann hieß es gleich: die Eltern haben es verkorkst, die Eltern haben in der Erziehung versagt. Dank der mittlerweile erfolgten Verlagerung auf den Krankheitsbegriff sind auch Eltern mit den erzieherischen Qualitäten eines Plastikbechers auf der sicheren Seite. Nicht die Erziehung ist katastrophal, sondern die Kinder sind krank. Und während man auf Probleme in der Erziehung mit anstrengenden, langwierigen Verhaltensänderungen reagieren muss und dies schnell in Arbeit ausartet, gibt es bei Krankheiten Pillen oder die Kerze in der Wallfahrtskirche. Sie müssen sich als Eltern nicht fürchten, dass Sie Ihre Kinder zu schnell oder zu leichtfertig als krank bezeichnen. Sie haben eine riesige Lobby aus Ärzten hinter sich, die Ihnen den Rücken stärken und die angebliche Krankheit Ihres Kindes in den Vordergrund stellen.
Das Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS):
ADHS Kinder sind wie italienische Sportwagen. Sie können nur schnell und laut. Auf einer leeren, geraden Strecke ist das eine tolle Sache, aber versuchen Sie einmal, mit so einem rot lackierten Boliden durch die Fußgängerzone zu kommen, ohne dass Ihnen danach ein nasses T-Shirt am Rücken klebt. Ständig heult der Motor auf und weil das Geschoss nicht weiß, wohin mit seiner Kraft, legen die durchdrehenden Reifen alle paar Meter schwarze Kreise auf den Asphalt. An die Verkehrsregeln können Sie sich gar nicht halten, Tempo 30 findet in einem Drehzahlbereich statt, bei dem es noch keine Kraftübertragung gibt und die Tachonadel wie festgeklebt stillsteht. So und nicht anders läuft das bei ADHS Kindern ab. Das AD steht für Aufmerksamkeitsdefizit und es ist Ihnen sicher klar, dass Ihrer Aufmerksamkeit der ein oder andere Blumentopf im Fenster entgeht, wenn Ihr Sportwagen mit 240 Sachen durch den verkehrsberuhigten Bereich schießt (womit dann auch das HS im Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom beschrieben ist). Jeder Autofahrer würde so ein PS Monster einem langweiligen Kleinwagen mit Einparkhilfe vorziehen, aber bei Kindern bezeichnet man das ADHS als unliebsame Störung. Ohne die Hyperaktivität wird aus dem Krankheitsbild ein ADS, Typ Träumer und aus dem italienischen Sportwagen mit aufheulendem Motor ein sanft dahinschwebender Gleitschirmflieger. Nimmt der hyperaktive Flitzer seine Umgebungen wegen der hohen Geschwindigkeit und dem heißlaufenden Motor nicht wahr, so entgeht dem Gleitschirmflieger der Sinn für Details einfach aufgrund der Höhe, in der er sich befindet. In diesen sphärischen Welten ist die Realität des Alltags ganz klein. Hier oben ist man eins mit sich und der einen umgebenden Ruhe. Den Boden der Tatsachen lernt man erst nach einem schmerzhaften Absturz kennen, rafft seinen Schirm dann schnell zusammen und entschwebt wieder in grenzenlose Freiheiten.
Sportwagen oder Gleitschirm - es dürfte wohl nicht allzu schwer sein, Ihr Kind irgendwo zwischen diesen beiden Extremen unterzubringen. Der Vorteil bislang - Sie mussten nur die Buchstaben der Abkürzung in den Mund nehmen, und schon nickte ihr Umfeld verständnisvoll. Sie haben es halt nicht leicht als Eltern mit so einem Kind. Ach, ADHS? Ja das erklärt alles, die armen Eltern. Unglücklicherweise entwickelt sich gerade ein Trend, der es Eltern immer schwerer macht, ihre verpfuschte Erziehung unter dem Deckmantel der ADHS Diagnose zu verstecken. Ein erster Aufschrei ging vor kurzem durch Elternselbsthilfegruppen, nachdem ein Facharzt allen Ernstes behauptet hatte, ADHS sei keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen. Auf Partys und anderen gesellschaftlichen Anlässen kommen Sie also mit ADHS nicht mehr so leicht durch, auch weil ADHS in seiner Gewöhnlichkeit mittlerweile das Mallorca unter den Störungsbildern bei Kindern ist. Aber in einem Punkt kann diese Diagnose ein wahrer Segen sein. Für Ihr im Schnellverfahren von einem Landarzt als Zappelphilipp beschriebenes Nervkind bekommen Sie kostenlos Substanzen, für die Sie sonst auf dem Bahnhofsklo eine Menge Geld hinblättern oder unappetitliche Sachen machen müssten. Und mit diesen unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Mittelchen können Sie Ihr Kind problemlos in die Vollanästhesie schicken. „Ich erkenne mein Kind nicht wieder“, schwärmen Eltern nach der ärztlich verordneten Drogenabgabe. Und was können Eltern Schöneres sagen, die elf Jahre lang vergeblich versucht haben, ihr Kind nachträglich im Krankenhaus zu vertauschen.
Das Asperger Syndrom:
Helle Aufregung herrscht auf der Kommandobrücke. Die Offiziere der Sternenflotte verfolgen mit bangem Blick das Geschehen auf dem riesigen Schirm. Der Kapitän und eine Handvoll Besatzungsmitglieder wurden in ihrem kleinen Raumgleiter vom grausamen Herrscher des Planeten entführt. Dem Erkundungstrupp droht die ewige Sklaverei und der erfolgreichen Fernsehserie das vorzeitige Aus. Vom Maschinenraum kommen pausenlos Schadensmeldungen, Befehle werden hektisch gebrüllt. Nur ein Offizier mit spitzen Ohren bleibt ruhig, zieht eine Augenbraue nach oben und kommentiert das Drama mit einem schnöseligen „faszinierend."
Ein paar Sternzeiten später will ein Roboter in Menschengestalt und mit tuntigem Make-up wissen, weshalb seine Kollegen im Raumschiff über Witze lachen. Er setzt sich deshalb einen Chip für menschliche Emotionen ein. Der Zuschauer erkennt, dass der Wandel vom Hochleistungscomputer zum Menschen erfolgreich war, als sich auf dem Gesicht des Androiden ein dämliches Grinsen zeigt.
Diese Science Fiction Figuren haben eine Gemeinsamkeit mit Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein und Sir Isaac Newton. Sie alle können als Werbeträger einer Störung aus dem Autismus Spektrum herhalten: dem Asperger Syndrom.
Das Asperger Syndrom ist eine Krankheit, die unter diesem Namen erst 1944 erfunden wurde. Sie erfreut sich vor allem unter gesunden Menschen immer größerer Beliebtheit, weil man den einen oder anderen Spleen elegant als medizinischen Vorfall erklären kann. Menschen mit Asperger sind nämlich eigentlich ganz clevere Kerlchen, aber sie haben etwa so viel Einfühlungsvermögen in ihre Mitmenschen wie ein Urologe beim Harnröhrenabstrich. Das fehlende Softwareprogramm für zwischenmenschliche Beziehungen, eine gewisse Verbohrtheit in wenige Interessen und ein oft ungebremster Redeschwall sind die wichtigsten Zutaten für diesen Störungscocktail.
Auf Partys erkennen Sie den Asperger sofort. Er ist das Abflussloch der guten Laune. Unterhält sich lachend eine Gruppe von Gästen, dann stellt sich der Asperger dazu, ohne jemanden direkt anzuschauen. Kaum hat er angefangen zu reden, verabschieden sich die anderen mit einem "Äh, tja also" und suchen sich neue Gesprächsgruppen. Ein typischer Aspergerauftritt sieht ungefähr so aus: Im Anschluss an eine Wahlparty vergleichen Sie das gerade bekannt gegebene vorläufige Endergebnis der Wahl mit den Wahlergebnissen der ehemaligen DDR. Sofort spult der Asperger seinen monoton gehaltenen Text herunter, wonach es keine ehemalige DDR gibt, weil auch keine aktuelle existiert. Die DDR, so geht der Vortrag weiter, habe von 1949 bis 1990 bestanden. Und es gibt nur die eine. Goethe, der von 1749 bis 1832 lebte, bedürfe schließlich auch nicht der speziellen Bezeichnung als ehemaliger Goethe. Diese wie ein tibetisches Mantra vorgetragene Rede schlägt Sie natürlich in die Flucht und Sie bekommen die Zurechtweisung nicht mehr mit, wonach das vorläufige Endergebnis ein Widerspruch in sich ist.
