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Wie kann gute Erziehung heute aussehen? Was brauchen Kinder wirklich? Die wichtigste Botschaft dieses Buches ist: Bedingungslose Liebe schenken, Grenzen setzen und Selbstvertrauen fördern – das sind die Eckpfeiler einer entwicklungsförderlichen Erziehung. Müttern und Vätern wird erläutert, was es bedeutet, in Familien, speziell auch in Scheidungs-, Stief- und Patchworkfamilien zu leben, und was dabei in der Erziehung wichtig ist. Ebenso wird deutlich, dass Kinder andere Kinder brauchen und dass die Erfahrungen mit der Schule, die neuen Medien (Fernseher, Video, Computer, Handy) sowie Werbung und Konsum das Kinderleben stark beeinflussen. Dabei kann Erziehung auch schief gehen, wenn Kinder verwöhnt, misshandelt, mit Gewalt gezüchtigt oder gar vernachlässigt werden. Deswegen sollten Eltern wissen, wie sie an sich selbst Erziehungsfehler erkennen und was sie dagegen tun können. Urs Fuhrer ist seit 1994 Inhaber des Lehrstuhls für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie I der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften. Er hat 2005 beim Verlag Hans Huber das 'Lehrbuch Erziehungspsychologie' publiziert. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte bewegen sich im Schnittfeld von Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie.
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Seitenzahl: 588
Veröffentlichungsjahr: 2006
Urs Fuhrer
Aus dem Programm Verlag Hans Huber
Erziehungskompetenz
Psychologie Sachbuch
Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Dieter Frey, München
Prof. Dr. Kurt Pawlik, Hamburg
Prof. Dr. Meinrad Perrez, Freiburg (CH)
Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen
Prof. Dr. Hans Spada, Freiburg i.Br.
Von Urs Fuhrer ist im Verlag Hans Huber weiterhin erschienen:
Urs Fuhrer
Lehrbuch Erziehungspsychologie
415 Seiten (ISBN 3-456-84122-1)
Weitere Bücher zu Kindern im Verlag Hans Huber – eine Auswahl:
Françoise D. Alsaker
Quälgeister und ihre Opfer
Mobbing unter Kindern - und wie man damit umgeht
323 Seiten (ISBN 3-456-83920-0)
Jerome Bruner
Wie das Kind sprechen lernt
144 Seiten (ISBN 3-456-83891-3)
Gwyneth Doherty-Sneddon
Was will das Kind mir sagen?
Die Körpersprache des Kindes verstehen lernen
Aus dem Englischen übersetzt von Astrid Hildenbrand
263 Seiten (ISBN 3-456-84169-8)
Jürg Frick
Die Droge Verwöhnung
Beispiele, Folgen, Alternativen
168 Seiten (ISBN 3-456-84171-X)
Jürg Frick
Ich mag dich – du nervst mich!
Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben
349 Seiten (ISBN 3-456-84170-1)
Dan Olweus
Gewalt in der Schule
Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können
128 Seiten (ISBN 3-456-84390-9)
Informationen über unsere Neuerscheinungen finden Sie im Internet unter:
www.verlag-hanshuber.com
Urs Fuhrer
Erziehungskompetenz
Was Eltern und Familien stark macht
Verlag Hans Huber
Das Umschlagfoto: Jim Webb, Getty Images
Adresse des Autors:
Prof. Dr. Urs Fuhrer
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Institut für Psychologie
Postfach 4120
D-39016 Magdeburg
E-Mail: [email protected]
Lektorat: Monika Eginger
Illustrationen: Hans Winkler
Umschlag: Atelier Mühlberg, Basel
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
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EPUB-ISBN: 978-3-456-74370-7
Inhalt
Vorwort
Die Kunst guter Erziehung: eine Einführung
1. Kapitel
Eltern mit Kindern in unserer Leistungsgesellschaft
Gesellschaftliche Widersprüche und verunsicherte Eltern
Was Kindern heute Stress bereitet
Was Kinder glücklich macht, was sie schützt und stärkt
Kinder fordern ihre Eltern heraus
Elterliche Erziehung ist wichtig – nicht nur die Gene
Zusammenfassung
Buchtipps
2. Kapitel
Familienbeziehungen
Familie als intimes Beziehungssystem über Generationen
Die Beziehungen der Eltern zu ihren Kindern
Eltern mit Geschwister- und Stiefgeschwisterkindern
Die Elternbeziehung
Großeltern, Eltern und Enkelkinder
Zusammenfassung
Buchtipps
3. Kapitel
Familie im Wandel
Prekäre Bedingungen in heutigen Familien
Scheidung und Elternverantwortung für das Kindeswohl
Alleinerziehende Eltern, Stief- und Patchworkfamilien
Mütterliche Erwerbstätigkeit als Chance für Kinder und Mütter
Vorschulkinder in Kinderkrippen
Zusammenfassung
Buchtipps
4. Kapitel
Was Kinder von ihren Eltern wirklich brauchen
Geborgenheit und beständige Liebe
Körperliche Unversehrtheit und Sicherheit
Individuelle und entwicklungsgerechte Erfahrungen
Grenzen und Strukturen
Bindungssicherheit
Zusammenfassung
Buchtipps
5. Kapitel
Was gute Erziehung ausmacht
Autoritative Erziehung
Kindern Liebe und Wertschätzung geben
Kindern Grenzen setzen
Kinder nicht überwachen, aber informiert sein
Kindern im Streben nach Autonomie unterstützen
Zusammenfassung
Buchtipps
6. Kapitel
Erziehungsfehler: Ursachen, Folgen und Auswege
Überbehütung und Verwöhnung
Vernachlässigung
Körperliche und psychische Misshandlung
Bestrafung und gerechte Strafen
Gewaltfreie Erziehung
Zusammenfassung
Buchtipps
7. Kapitel
Kinder brauchen Kinder
Gleichaltrige und Freunde in der Kindheit
Das Verhältnis der Eltern zu den Freunden ihrer Kinder
Eltern mit jugendlichen Kindern: Loslassen und Haltgeben
Wie Gleichaltrige die Entwicklung Jugendlicher fördern
Stören oder fördern sich die Beziehungen zu Eltern und Freunden?
Zusammenfassung
Buchtipps
8. Kapitel
Medien in Kinderhand und Kinder als Konsumenten
Fernsehen: Der (un-)heimliche Erzieher in der Familie
Fernsehen und Computerspiele – der Weg zur Gewalt?
Kinder und Jugendliche surfen im Internet
Handys in Kinderhand
Kinder sollen Taschengeld bekommen – denn Sparen will gelernt sein
Zusammenfassung
Buchtipps
9. Kapitel
Eltern und Lehrer: Kooperation statt Konfrontation
Familie und Schule im Zusammenhang
Schule belastet Eltern und Kinder
Wie Eltern die Schulleistung ihrer Kinder beeinflussen
Wie Schule und Elternhaus kooperieren können
Zusammenfassung
Buchtipps
10. Kapitel
Integrative Elternbildung
Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung stärken
Wissen, was Kinder brauchen
Eltern und Familien stärken
Elternkurse und Online-Elterntraining
Familienzentren und lokale Präventionsnetzwerke
Zusammenfassung
Buchtipps
Adressen im Internet:
Wo Eltern Rat und Unterstützung finden
Literatur
Autoren
Sachwortregister
Die Bedingungen des Zusammenlebens für Kinder, Eltern und Familien haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Durch den Anstieg an nichtehelichen Gemeinschaften, Scheidungen, allein erziehenden Eltern und Patchworkfamilien, aber auch durch den veränderten Status der Frauen und die Zunahme von Spannungen zwischen Arbeitswelt und Familie sowie durch das Zerbröseln der Verklammerungen der Familie mit anderen gesellschaftlichen Institutionen haben sich die Rahmenbedingungen für die Erziehung, das Familien- und Kinderleben gewandelt. Diese veränderten Formen des familiären Zusammenlebens erfordern spezifische Anpassungen und Neuorientierungen. Gleichzeitig ist es für Eltern schwieriger geworden, sich an gesellschaftlichen Normen zu orientieren und die Erziehung ihrer Kinder darauf auszurichten. Mit dieser Verunsicherung scheinen viele Eltern überfordert. Trotzdem können sie sich der Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder nicht entziehen.
Zwar lernen Erwachsene, einen Bewerbungsbrief zu schreiben, einen Computer zu bedienen oder ein Auto zu lenken. Hingegen eignen sie sich nicht die grundlegenden Kompetenzen für ihre Rolle als Eltern und für den Umgang mit Kindern an. Viele Eltern trauen sich heutzutage die Erziehung ihrer Kinder nicht mehr zu oder haben den Umgang mit Kindern verlernt, wissen nicht mehr, was Kinder brauchen. So vergöttern und verhätscheln die einen ihre Kinder, andere wiederum lassen sie verhungern – oder bringen sie sogar um. Wiederum andere Eltern beäugen ihre Kinder auf Schritt und Tritt, wohingegen andere nicht bemerken, wenn ein Kind im Nachbarshaus vernachlässigt oder gar zu Tode geschüttelt wird.
So verunsicherte Eltern schauen sich dann die Probleme ums Kind im Fernsehen an, in den Sendungen wie «Super Nanny», mit bis zu 5,6 Millionen Zuschauern ein Quotenrenner bei RTL. Die Sendung trifft einen Nerv, weil sie viele Eltern an alltäglichen Familiendramen teilhaben lässt, die private Hilflosigkeit von Eltern erstmals öffentlich macht. Dass viele Eltern im Umgang mit ihren Kindern verunsichert sind, ist auch daran abzulesen, dass sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der abgeschlossenen Beratungen in den Erziehungsberatungsstellen nahezu verdoppelt hat. Dazu kommen Zehntausende von Rat suchenden Müttern und Vätern, die in Elternkursen und Erziehungsseminaren Hilfe suchen – und weitere Hunderttausende, die Ratgeberliteratur verschlingen. So wird geschätzt, dass derzeit im deutschen Buchhandel an die 400 verschiedene Titel erhältlich sind. Allein 2004 wurden schätzungsweise 750 Millionen Euro für Zeitschriften, Bücher oder Videos zum Thema Erziehung ausgegeben.1
Eine kritische Sichtung dieser Ratgeber ergibt kein einheitliches Bild. Viele greifen bloß einzelne Aspekte aus dem komplexen Prozess erzieherischen Handelns heraus und sie bearbeiten diese Teilaspekte meist in einer zu sehr vereinfachenden Weise. Darüber hinaus sind diese Ratgeber wissenschaftlich häufig unzureichend fundiert. Zwar stehen sie bei den Eltern hoch im Kurs, obgleich sie bei ihnen eher für weitere Verunsicherung und Ratlosigkeit sorgen, statt ihnen eine solide Orientierung und praktikable Hilfestellungen für eine positive Erziehung ihrer Kinder zu vermitteln.
Wichtig war mir deshalb für dieses Buch, dass es sich – im Unterschied zur herkömmlichen Ratgeberliteratur – auf wissenschaftliche Grundlagen stützt. Dabei rücken die Beziehungen zwischen den Beziehungen innerhalb von Familiensystemen und deren Zusammenspiel mit außerfamiliären Umwelten und sozialen Netzwerken in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dennoch möchte ich Eltern neben dem erforderlichen Fachwissen auch mit konkreten pädagogischen Empfehlungen praktikable Hilfen an die Hand geben, damit sie in der Lage sind, ihre Kinder entwicklungsförderlich zu erziehen und ihre Familienbeziehungen besser zu verstehen und zu gestalten.
Aber selbst das beste Erziehungsbuch hat seine Grenzen. Deshalb erfahren Sie ganz am Ende des Buches, wo Sie weitere Unterstützung erhalten können. Zudem finden Sie jeweils am Ende eines jeden Kapitels Buchtipps, um sich weitergehend über das behandelte Thema zu informieren. In der Weise soll Ihnen dieses Buch Wege sowohl zu einer entwicklungsförderlichen Erziehung Ihrer Kinder als auch zu einer positiven Gestaltung Ihres Familienlebens aufzeigen. Deshalb hoffe ich, dass Sie als Mütter und Väter aus der Lektüre und den vielen Handlungsempfehlungen Anregungen für sich finden, um daraus wertvolle Einsichten zu entwickeln, die sich in Ihrem Erziehungsalltag umsetzen lassen. Über ein Echo, Ihre Erfahrungen, Ihre Anregungen sowie über konkrete Verbesserungsvorschläge würde ich mich sehr freuen (E-Mail: [email protected]).
Magdeburg, im Sommer 2006
Urs Fuhrer
1 Die Zahlen basieren auf einem Beitrag, der in der Welt am Sonntag zur Serie «Familie 2006» vom 30. April 2006 (S. 17) erschienen ist.
Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr. Zu kaum einer Zeit war diese Volksweisheit so aktuell und so zutreffend wie heute. So geht auch aus der aktuellen «Vorwerk-Familienstudie» des Demoskopie-Instituts Allensbach hervor, dass 47 Prozent der deutschen Bevölkerung Kindererziehung als eine unangenehme und anstrengende Arbeit empfinden. Gleichzeitig ist der Erziehungsdruck auf Eltern in unserer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft enorm gestiegen. Mütter und Väter wollen nichts falsch machen und möchten für ihre Kinder nur das Beste: Sie sollen sich frei entfalten können, sollen glücklich aufwachsen, intelligent und emotional ausgeglichen sein und später nicht unter den Erziehungsfehlern ihrer Eltern leiden müssen. Kurzum, die Kinder sollen stark werden. Nur, wie erreichen Eltern dieses Ziel?
In der Erziehungspsychologie besteht auf diese Frage eine erstaunlich hohe Übereinstimmung, die sich auf den Nenner bringen lässt: kompetente Eltern haben kompetente Kinder. Im Klartext heißt das: Erziehungskompetente Eltern, sind Eltern, die ihre Kinder lieben, die mit klaren, erklärbaren und flexiblen Regeln, mit der Ermöglichung altersgerechter Anregungen und durch die Förderung des kindlichen Strebens nach Autonomie Einfluss nehmen. Kinder brauchen also Eltern, die ihnen Herzenswärme geben, Freiheiten in bestimmten Grenzen ermöglichen, und – je älter sie werden – brauchen sie Eltern, die sie loslassen können. Im Schnitt können Eltern, die ihre Kinder entlang dieser Leitlinien erziehen, damit rechnen, dass sie sich zu selbstbewussten, emotional stabilen, sozial kompetenten, selbstverantwortlichen und leistungsfähigen Persönlichkeiten entwickeln. Ungeachtet der immer häufiger werdenden Trennungen und Scheidungen der Eltern sowie der notwendigen Ablösung der jugendlichen und erwachsen werdenden Kinder von ihrem Elternhaus bleibt die Eltern-Kind-Beziehung lebenslang die einzige unaufkündbare Sozialbeziehung – wenigstens diese eine.
Allerdings lässt sich die kindliche Entwicklung weder auf den erzieherischen Einfluss der Eltern reduzieren, noch kann eine direkte Wirkung der elterlichen Erziehung auf diese Entwicklung unterstellt werden. Zwar weist die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen einerseits eine durch die Umwelt beeinflusste, aber auch eine genetisch mitbestimmte Systematik auf. Unbestritten ist jedoch auch, dass Kinder in mehr als nur in einer Beziehung aufwachsen. Gleichzeitig ist es so, dass Eltern nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern Kinder steuern auch ihre Eltern. Deshalb können Kinder vieles selbst aktiv regulieren und damit ihre Eltern entlasten – oder sie auch belasten.
Darüber hinaus brauchen Kinder, um sich positiv zu entwickeln, andere Kinder und weitere soziale Bezugspersonen, auch außerhalb der Familie. Ebenso wirken die schulischen Erfahrungen auf sie ein und das Elternhaus übt umgekehrt Einfluss auf die Schulbeziehungen ihrer Kinder aus. Daneben spielen die Medien, allen voran das Fernsehen, zunehmend auch Computer, Internet und Handy im Alltag unserer Kinder eine sozialisierende Rolle, und Eltern müssen sich fragen, wie sie erzieherisch mit den kindlichen Bedürfnissen nach Medienkonsum, aber auch mit den steigenden Konsumwünschen ihrer Kinder umgehen sollen. Und schließlich wachsen Kinder vermehrt mit berufstätigen, teils allein erziehenden Müttern und als Scheidungskinder in Patchworkfamilien auf.
Eltern für all diese vielschichtigen Aspekte und neuen Formen des Familienlebens und Aufwachsens heutiger Kinder die Augen zu öffnen, erscheint mir so wichtig, dass sich ein darauf ausgerichtetes Erziehungs- und Familienbuch lohnt. Es bietet sich auch deshalb an, weil es bislang keinen Erziehungsratgeber gibt, der Eltern dafür sensibilisiert, dass Kinder in gleich mehrfachen sozialen Beziehungen – innerhalb und außerhalb der Familie – und damit in unterschiedlichsten Sozialisationsumwelten aufwachsen, die auf Kinder (und ihre Eltern) mehr oder weniger intensiv Einfluss nehmen. Eltern sind deshalb gefordert, sich mit diesen vielfältigen Einflüssen erzieherisch kompetent auseinanderzusetzen – zum Wohle der Kinder. Was ist also zu tun?
Die Antwort ist denkbar einfach, aber das konkrete Handeln danach fällt Eltern meist schwer. Im Grunde genommen geht es für sie darum, Augen und Ohren offen zu halten, und die Herzen ganz besonders. Dabei soll die eigene Fehlbarkeit gelassen akzeptiert werden. Denn schließlich lernt man auch als Eltern immer wieder etwas dazu. Zudem werden Kinder auch Fehler ausgleichen können. So hilft das liebevolle Schauen und Zuhören von Vater und Mutter dem Kind, dass es sich angenommen und akzeptiert fühlt. Dieses Gefühl, von den Eltern geliebt zu werden, stärkt Kinder ungemein. Gleichzeitig ist auch das konsequente Grenzen setzen sinnvoll, wenn es auf Liebe beruht. Respekt der Kinder vor den Eltern ist auch gut, aber die Eltern müssen sich diesen Respekt erst erarbeiten. Und sie verdienen sich ihn bei ihren Kindern, wenn sie ihnen ihre Liebe schenken, und ihnen verlässliche Bindungen geben können. Kurzum: Es ist eine elterliche Autorität mit Liebe, die Kinder stärkt. Derart spiegelt sich dann im kindlichen Selbstvertrauen sowie in der kindlichen Hoffnung und Zuversicht die mütterliche und väterliche Liebe. Wer sie als Kind verliert, hat alles verloren. Denn wo Autorität ohne Liebe praktiziert wird, da schafft sie Traurigkeit, Opposition, Widerstand, seelische Verwüstungen und Leere. Und wer leer ist, kann nach außen kaum positiv wirken.
All das entspricht meiner Vorstellung einer entwicklungsförderlichen Erziehung, wie ich sie im Jahr 2005 erstmals in meinem Lehrbuch Erziehungspsychologie auf einer wissenschaftlich breit fundierten Grundlage dargelegt habe. Sie entspricht der allgemeinen Erfahrung, dass Kinder die Bereitschaft mitbringen, sich erziehen zu lassen. Denn Kinder finden es gut, wenn ihre Eltern den Ton angeben und Grenzen setzen: Kinder wollen starke Eltern – damit sie selbst stark werden. Die Aufgabe von Erziehung besteht nämlich darin, die kindlichen Kräfte und Potenziale auf die richtigen Inhalte, Gegenstände und Tätigkeiten zu richten. Dabei ist es eine der wichtigsten erzieherischen Herausforderungen, Kindern bei der Förderung ihrer Potenziale derart behilflich zu sein, dass wir ihnen immer wieder helfen, dass sie sich selbst zu helfen lernen. Denn nur wer sich selbst zu helfen weiß, wird sich auch selbst akzeptieren, wird Selbstvertrauen entwickeln und letztendlich als Persönlichkeit wachsen können. Darauf, Kindern zu helfen, dass sie sich selbst helfen können, beruht, so meine ich, die Kunst aller Erziehung.
Aber die Hilfe zur Selbsthilfe kann auch schief gehen. Deshalb sollten wir alles über diese Kunst, unseren Kindern zu helfen, sich selbst zu helfen, kennen lernen. So geht es mir darum aufzuzeigen, dass es die wichtigste Grundvoraussetzung von Erziehung ist, in Beziehungen zu leben, die ein stabiles, liebevolles und unterstützendes Zusammenleben, eben gute Bindungen, bieten. Nur in verlässlichen Beziehungen vermögen Kinder Erfahrungen zu sammeln, die ihnen helfen, die Herausforderungen unserer heutigen und der zukünftigen Gesellschaft erfolgreich zu bewältigen. Nur in sicheren Bindungen und unterstützenden sozialen Beziehungen können Kinder stark werden, können sie ihre Persönlichkeit entwickeln, ein erfolgreiches Beziehungsleben und persönliche Zufriedenheit erreichen, aber auch Höhen und Tiefen des Lebens, existenzielle Lebensthemen wie Erfolg und Misserfolg, Glück und Trauer, Liebe und Leid, Leben und Sterben erfahren und vermögen sie, all das gut zu meistern. Je besser Eltern ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen, je besser sie darüber informiert sind, was eine entwicklungsförderliche Erziehung ausmacht, desto besser werden sie selbst in der Lage sein, sich den Anforderungen und Anstrengungen zu stellen, die sich ihnen in der Erziehung ihrer Kinder auftun. Neben den erzieherischen Kompetenzen benötigen Eltern dazu auch immer wieder den Mut und die Zuversicht, in ihrem Familien- und Erziehungsalltag eigene Wege zu finden. Dazu bedarf es des Vertrauens darauf, dass allen Eltern in der Regel ein gewisses Maß an «intuitiver Erziehungsvernunft» eigen ist, mit der sie spüren, was in der jeweiligen Situation für das Kind – und für sie selbst als Eltern – am Besten zu tun ist.
Was dieses Erziehungsbuch nicht will: Es will nicht aus Eltern perfekte Eltern oder Erzieher machen. Denn weder Eltern noch ihre Erziehung können (und sollen) perfekt sein, sonst bilden sie für ihre Kinder kein lebendiges und echtes Gegenüber mehr, an denen sich Kinder reiben – und damit wachsen können. Leider ist es heutzutage aber so, dass viele Eltern ihre erzieherische Fehlbarkeit kaum noch ertragen können. Sie kaufen sich dann einen Erziehungsratgeber nach dem anderen, belegen für viel Geld Erziehungskurse und Familienseminare und sind hinterher oft so hilflos wie zuvor. Denn die richtige Erziehung, die man in Kursen lernen und sich heute sogar mit einem Eltern- oder Erziehungsführerschein beglaubigen lassen kann, die gibt es nicht. Das ist auch gut so. Ansonsten droht nämlich Eltern die Gefahr, dass ihnen vor lauter hektischem Bemühen, erzieherisch alles perfekt zu machen, ihre natürliche elterliche Erziehungsintuition verloren gehen kann.
Zudem haben fast all die vielen Familien- und Erziehungsratgeber etwas Gedämpftes, einen mahnenden, absichernden und risikoscheuen Tonfall. Sie sorgen sich um das Kind, dass ihm etwas passieren kann, dass ihm zu viel zugemutet, dass es überfordert oder in seiner Eigenheit nicht richtig erkannt wird. Sie wollen das Kind schützen, bewahren, endlos motivieren und fördern. So besteht die große Gefahr, dass Kinder allzu oft pädagogisch (zu) weich eingehüllt, pädagogisch überversorgt werden und kindliches Tun immer und überall erzieherisch abgefedert ist. Das ist sicher nicht ganz falsch. Es ist gut so, dass Eltern für ihre Kinder da sein und für sie das Beste wollen. Nur machen besorgte Eltern immer auch ängstliche Kinder. Denn der Erwartungsdruck der Eltern führt zur Angst des Kindes, es den Eltern nicht recht zu machen.
Und noch etwas scheint mir heute als eine bedenkliche Tendenz. Es ist das Bestreben vieler Eltern, aus ihrem Kind ein perfektes Kind zu machen. Kindererziehung wird zum wissenschaftlichen Projekt. Das sind dann jene Eltern, die immer weniger bereit sind, Kinder so hinzunehmen, wie sie sind, mit ihren geistigen und körperlichen Eigenheiten. So werden Kinder immer mehr zum Zielpunkt ehrgeiziger wie planvoller Bemühungen. Dabei sollen möglichst alle «Mängel» korrigiert und möglichst alle Anlagen sollen gestärkt werden. Deshalb absolvieren dann diese Kinder all die Trainings, Kurse, Förderprogramme, Spezial- und Sonderlernprogramme – und das möglichst bereits im Vorschulalter, obschon Hirnforscher und Psychologen vor übertriebener Frühförderung warnen und zu mehr Intuition statt Instruktion raten. Leider bemerken manche Eltern gar nicht, dass ihre Kinder dabei auf der Strecke bleiben. Sie steigen innerlich aus. Denn diese Art von Überförderung und -erziehung einerseits und die völlige Vernachlässigung von Erziehung andererseits sind die widersprüchlichen und unliebsamen Folgen. Deshalb möchte ich Eltern dazu ermutigen, sich aus diesem modernen Bildungs- und Erziehungsdruck, der historisch ohne Vorbild ist, zu befreien.
Denn vielen Kindern geht es heute nicht gut: Eine wachsende Zahl von ihnen hat Bewegungs- und Motorikstörungen, zeigt Haltungsschäden, Konzentrationsstörungen und Aggressionen, etwa 20 Prozent sind übergewichtig, rund 10 Prozent fettleibig und wiederum andere leiden an chronischen Kopf- und Bauchschmerzen, an Hyperaktivität, Magersucht und Selbstverletzungen, Störungen, die bei Kindern leider rapide zunehmen. So suchen immer mehr Eltern professionelle Hilfe auf. Im Jahr 2004 mussten insgesamt 45200 Familien mit 101100 Kindern und Jugendlichen durch die sozialpädagogische Familienhilfe unterstützt werden. Das waren acht Prozent mehr als im Vorjahr. So bringen immer mehr gestresste und hilflose Eltern ihre Kinder wie zur Reparatur in psychotherapeutische Praxen – weil diese angeblich nicht mehr zur Ruhe kommen.
Wir brauchen also dringend ein notwendiges Gegengewicht: Eltern sollen ihren Kindern Mut machen – nicht nur immer zur Vorsicht mahnen und sie durch elterlichen Förderehrgeiz unter Dauerspannung setzen. Vielmehr sollen sie den Wagemut, die Abenteuerlust und die Neugier der Kinder schützen und stärken. Vielen Kindern mangelt es heutzutage an der Aufregung, an der Überraschung, die ein Kind antreibt. Es fehlt jene Spannung, bei der ein Kind aus sich heraus gehen kann, der jubelnde Stolz, aber ebenso die Fehler und Missgeschicke, die passieren können (und sollen) und die bitteren Niederlagen, die es zu verarbeiten gilt. Sogar die können ein Kind stärken. In dieser Weise werden für Kinder Gefahren, Risiken und das Scheitern meist von den Eltern abgewendet. Aber die Erfahrungsmöglichkeiten für das Kind werden damit eben auch eliminiert. Derart hat das Kind dann wieder nicht gelernt, aus Fehlern, Misserfolgen und Missgeschicken zu lernen. So bilden sie kein Selbstvertrauen für ein risikoreiches und spannendes Leben. Starke Eltern schaffen es, ihren Kindern auch das Scheitern zu ermöglichen. Auch das gehört zu einer kräftigen Kinderseele: die Tränen, die Enttäuschungen, der Misserfolg, das Hinfallen – der Schmerz. Allerdings müssen die Eltern dann, aber erst dann, Tränen trocknen und trösten.
Trotzdem wäre es viel zu kurz gegriffen, Eltern Techniken und Rezepte vorzuschlagen, wie sie sich im Alltag mit Kindern am besten verhalten sollten. Vermitteln möchte ich vielmehr das, was Kindsein heißt und was Elternsein als Erziehersein ausmacht. Eltern und Kinder sind nämlich Partner, nicht Gegner. Aber Partnerschaft hat nichts mit Freundschaft zu tun. Damit ist auch nicht eine Erziehung gemeint, die Kinder ständig an sich bindet. Eltern müssen akzeptieren, dass Kinder auch für sich sein wollen. Unbeaufsichtigte Aktivitäten, bei denen sie Grenzen unabhängig von Erwachsenen austesten können, sind von entscheidender Bedeutung für ihre Entwicklung. Kinder blühen auf, wenn sie die Freiheit haben, die Welt mit ihren Freunden zu erkunden. Sie müssen dabei auch Fehler machen können und daraus ihre Konsequenzen ziehen dürfen. Das ist etwas, was sie unter Aufsicht von Erwachsenen meist nicht tun können. Kinder ständig zu überwachen und sie «in Watte zu packen», sie zu bevormunden, behindert sie nicht nur in der Entwicklung ihrer kindlichen Potenziale. Gleichzeitig entwickeln Eltern dabei selbst immer mehr Ängste und hemmen so ihre eigene Entwicklung – und eben auch massiv die ihrer Kinder.
So wünsche ich mir, dass Sie als Väter und Mütter aus der Lektüre dieses Buches, aus den vielen Beispielen und Handlungsempfehlungen für die Erziehungs- und Familienpraxis Einsichten gewinnen sowie Anregungen, Denkanstöße und praktische Hilfen für die Erziehung in Ihrer eigenen Familie finden. Das Buch will Ihnen helfen, dass Ihre Kinder gut aufwachsen und sich positiv entwickeln. Dazu brauchen sie Väter und Mütter, die kompetent erziehen, den Kindern in Nöten beistehen und ihnen helfen, mit Problemen und Konflikten umgehen zu können. Dabei sollen Sie als Väter und Mütter ihre natürliche erzieherische Intuition nicht verlieren, sondern bewahren, vielleicht wieder entdecken – oder eben stärken.
So sind nämlich die Grundbedürfnisse unserer heutigen Kinder noch die gleichen, weil sich genetisch fast nichts verändert hat, jedenfalls nicht in den letzten 5000 Jahren. Kinder möchten gut und tüchtig sein, sie wollen lernen, sie streben danach, die Welt zu entdecken und zu verstehen, sie wollen gebraucht werden, wünschen sich Liebe, Zeit des Zusammenseins mit ihren Bezugspersonen, Akzeptanz, Verlässlichkeit, Bewegung, Spiel, Körperkontakt und Muße. Auch ungeachtet der elterlichen Verunsicherungen in der Erziehung gilt gestern wie heute: Die allermeisten Eltern lieben ihre Kinder und wollen für sie nur das Beste. Dennoch hat es den Anschein, dass immer weniger Eltern wissen, was ihre Kinder bewegt und dass sie von ihren Eltern zu wenig von dem bekommen, was sie wirklich brauchen, wenn die Kinder zuviel von dem bekommen, was sie wollen.
Trotzdem wollen Väter und Mütter immer wieder ganz genau wissen, wie sie die kindliche Entwicklung erzieherisch positiv fördern, ihre Kinder stark und tüchtig machen können. In diesem Buch will ich die von so vielen Eltern gestellte Frage, was eine gute Erziehung ausmacht, beantworten. Als Leitlinie gilt: Damit eine entwicklungsförderliche Erziehung gelingt, müssen die Erziehungskraft, aber ebenso die Beziehungskraft von Eltern und Familien gestärkt werden. Denn Kinder werden nur stark, wenn sie auch starke Eltern haben.
Bergmann, W. (2006). Die Kunst der Elternliebe. Weinheim: Beltz.
Bergmann, W. (2006). Gute Autorität: Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung. Weinheim: Beltz.
Hurrelmann, K. & Unverzagt, G. (2000). Kinder stark machen für das Leben. Herzenswärme, Freiräume, klare Regeln. Freiburg i.Br. Herder-Spektrum.
1. Kapitel
Eltern sind in Erziehungsfragen tief greifend verunsichert und mit ihren Kindern häufig überfordert. In der Folge nehmen die Probleme der Kinder zu: Kinder können kaum zuhören, vermögen es nicht mehr, fehlerfrei zu lesen und zu schreiben, wissen sich nicht mehr zu benehmen. Moderne Eltern wollen nicht autoritär sein, sie wollen auch nicht erziehen, wie sie von ihren eigenen Eltern erzogen worden sind. Elterliche Konflikte, Trennungen und Familienarmut tragen mit dazu bei, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr positiv zu erziehen vermögen. Solche Pressemeldungen sind kein Einzelfall. Fast tagtäglich ist zu lesen, dass Kinder aufgrund von Erziehungsunsicherheit und -resignation der Eltern kaum noch Grenzen kennen. Es wird von seelisch verwahrlosten Kleinkindern, verhaltensauffälligen und an Gesundheitsproblemen leidenden Grundschülern oder von gewaltbereiten Jugendlichen berichtet. Wer solche Nachrichten liest, gleichzeitig als Mutter oder Vater die Erfahrung macht, dass Klassenkameraden und Schulfreunde der eigenen Kinder kaum noch Grenzen kennen, wird sich früher oder später fragen: Warum läuft in der Erziehung so manches falsch? Was macht Eltern im Umgang mit den Kindern so unsicher? Warum fühlen sich viele Eltern in der Erziehung überfordert? Der Beantwortung dieser Fragen widmet sich das erste Kapitel.
Wären alle Kinder gleich, wäre Erziehung nicht gerade ein Kinderspiel, aber doch sehr viel einfacher. Kinder sind jedoch sehr unterschiedlich – und ihre Eltern sind es auch. Eltern haben oft sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Kinder brauchen. In der Folge fühlen sich viele Mütter und Väter im Spagat zwischen überholten Modellen von autoritärer und antiautoritärer Erziehung verunsichert. Überall grassiert die Angst vor falscher Erziehung. Allein schon wegen der negativen sprachlichen Assoziationen im Sinne von «ziehen» und «Zucht» wird Erziehung von vielen Eltern abgelehnt. So hat sich bei zahlreichen Konflikten des Alltags ein nervendes Herumverhandeln mit Kindern entwickelt: Fernsehen, Konsum von Süßigkeiten, Kleidungsfragen, Hausaufgaben, Ausgeh- und Schlafenszeiten unterliegen permanenter Verhandlungen. Dabei haben viele Eltern den Mut zur Erziehung verloren. In der Konsequenz wird Kindern kein verbindlicher Vergleichsmaßstab zur Orientierung mehr verfügbar gemacht. Eltern und Kinder machen auf kumpelhaft cool und Kinder lernen kaum noch Grenzen kennen. Bei einem Anteil von durchschnittlich bis zu 20 Prozent psychisch gestörter Kinder (Ihle & Esser, 2002) ist es verständlich, dass Eltern den vermeintlichen Experten mit der einfachen Lösung herbeisehnen.
Erziehung in der Vergangenheit. In früheren Zeiten war noch alles klar. Kinder hatten zu gehorchen, und zwar nach Regeln, wie sie Brauch und Recht waren. In den meisten Haushalten gab es den Struwelpeter und, als Mahnmal elterlicher Autorität, einen Klopfer aus Weidenruten. Die sprichwörtlichen «paar auf den Hintern» wurden kaum in Frage gestellt. Frühere Generationen verbrachten keine Zeit damit, sich über Sinn oder Unsinn des handfesten Strafens den Kopf zu zerbrechen. Vielmehr handelten sie aus einer gesellschaftlich akzeptierten Überzeugung, dass die gängigen Normen und Regeln ihre Richtigkeit haben. Zudem übten Lehrer in der Schule dieselben Erziehungspraktiken aus (auch wenn das nicht unbedingt die sinnvollsten waren) wie die Eltern zu Hause. Gleichzeitig hatte noch die Oma ein wichtiges Wörtchen bei der Erziehung der Enkel mitzureden. Ebenso gab die Cousine vielleicht mit ihren Kindern ein brauchbares Vorbild ab und die Schwiegermutter stand zur Verfügung, wenn Not am Mann war. Heute ist die Situation völlig anders.
Erziehung heute. Nichts ist in der Erziehung mehr selbstverständlich, und Eltern sind sich in ihrer Rolle nicht mehr sicher. Vom Teppichklopfer haben sie sich zwar weitgehend befreit, aber wie sie ihre Kinder «richtig» erziehen sollten, darüber herrscht Uneinigkeit. Streng? Liberal? Partnerschaftlich? Autoritär? Alles geht irgendwie, aber nichts funktioniert so richtig gut. Auch ziehen Elternhaus und Schule häufig nicht mehr an demselben Strang. Gleichzeitig sind auch zwischen Familien sehr unterschiedliche Erziehungshaltungen zu beobachten. So dürfen die Kinder bei Familie Meier bis spätabends noch fernsehen, wohingegen die von Familie Müller täglich nur eine halbe Stunde fernsehen dürfen. Gemeinsame Mahlzeiten sind bei Müllers Pflicht, die Kinder der Meiers dagegen bedienen sich selbst aus dem Kühlschrank, wenn sie Hunger haben. Auch verfügt bei Meiers die zehnjährige Tochter bereits über ihr eigenes Handy, während Müllers ihrem 16-jährigen Sohn den Handy-Besitz noch nicht erlauben. Derart müssen heutige Mütter und Väter vieles nach eigenem Gutdünken entscheiden. Jeder scheint seine eigenen Regeln zu machen, und es fehlt an gemeinschaftlich akzeptierten Orientierungshilfen. Deshalb scheint es für Eltern anstrengend, mit Kindern gut über die Runden zu kommen. Sie sollen als Erzieher zwar den Kurs angeben, haben aber keinen Kompass dazu. Das ist deshalb so, weil jeder versucht, sein eigenes Wertesystem zu definieren und seine persönlichen Erziehungspraktiken zu suchen – und das nutzen die Kinder sehr geschickt aus.
Kindheit und Erziehung in der Risikogesellschaft. Eltern und Familien sehen sich heutzutage Lebensbedingungen gegenüber, die so komplex, widersprüchlich und in ihrer zukünftigen Entwicklung so schwer einschätzbar sind, dass sie kaum noch allein zu bewältigen sind. Diese Herausforderungen stehen in einem engen Zusammenhang mit vier Konzepten, die für Familien in der heutigen Gesellschaft typisch sind (vgl. Abb. 1.1 auf Seite 22):
Rascher gesellschaftlicher Wandel
Individualisierung
Pluralisierung
Enttraditionalisierung.
Ein erster Grund für die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen, wenn man dem Münchner Soziologen Ulrich Beck (1986) folgt, ist der schnelle gesellschaftliche Wandel, der die Menschen mit immer komplexeren Lebensbedingungen konfrontiert. Gesellschaftliche Strukturveränderungen mit ihrem erhöhten Druck und der Mobilität in der Berufswelt, die Angst um den Arbeitsplatz, die existenzielle Sicherheit, die Schnelllebigkeit sowie die Ungewissheiten hinsichtlich der Lebensgrundlagen und der weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen schaffen Unsicherheit – auch in der Erziehung. Auch deshalb ist Erziehung schwieriger geworden.
Abbildung 1.1: Ursachen elterlicher Erziehungsunsicherheit und Gründe dafür, warum Erziehung für Eltern schwieriger geworden ist
Die heutige Gesellschaft zeichnet sich durch eine wachsende Vielfalt von Werteorientierungen und Lebensstilen aus, führt damit zu einer Vielgestaltigkeit und Offenheit der persönlichen Lebensentwürfe, der familiären Lebensformen, der Eltern-Kind-Beziehungen und der Kindheit als Lebensphase. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Veränderungen haben sich die familiären Lebensbedingungen in den letzten vierzig Jahren gewandelt. Lebensläufe sind nicht mehr normativ vorgegeben, sondern werden individuell gestaltet. So entstehen vielfältige «Bastelbiographien» oder «Patchwork-Identitäten» (Keupp, 1997). Auf der Gewinnseite dieser Individualisierung, Pluralisierung und Auflösung von Traditionen in den Lebens- und Zusammenlebensformen, wie Soziologen diese gesellschaftlichen Trends bezeichnen, eröffnen sich Eltern und Kindern vielfältige Optionen zur Selbstbestimmung und -verwirklichung für ihre Lebensgestaltung in einem bislang unbekannten Ausmaß. Mit den sich bietenden Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung der eigenen Lebens- und Zusammenlebensformen (Individualisierung) wachsen einerseits die Chancen zur persönlichen Selbstverwirklichung, andererseits steigen die Risiken, die eigenen Entscheidungen nicht nur treffen zu können, sondern auch treffen zu müssen. Damit ist der Entscheidungs- und Handlungsdruck für den Einzelnen bei gleichzeitigem Brüchigwerden der traditionellen Sozialisationssysteme (Enttraditionalisierung) wie Familie, Schule oder Kirche größer geworden. In der Konsequenz bedeutet das, dass mit dem Gewinn an Handlungsspielräumen und -optionen gleichzeitig ein tendenzieller Verlust an Sicherheit und Handlungswissen durch garantierte soziale Regeln und Normen einhergeht. Gleichzeitig sind in einer Zeit des schnellen gesellschaftlichen Wandels Werte vergänglich und Wissen veraltet schnell. Auch damit geht ein Stück Handlungssicherheit verloren. Gleichzeitig verlangen der Arbeitsmarkt sowie die Welt der Medien und des Konsums größere Fähigkeiten zur selbständigen Orientierung, als dies zuvor erforderlich war.
Widersprüchlichkeiten in der heutigen Kindheit. Eines der zentralen Merkmale unserer heutigen Gesellschaft ist das der Widersprüchlichkeit oder Ambivalenz. Die Widersprüchlichkeiten zeigen sich darin, dass einerseits die Handlungsmöglichkeiten wachsen, sich andererseits Gefährdungslagen und Risiken ergeben, weil der Rückhalt durch stabile Gemeinschaften zunehmend brüchiger wird. So gewinnen Kinder und Erwachsene immer mehr Zeit durch Technologien und Innovationen, gleichzeitig entsteht ein immer stärkerer Zeitdruck durch die wachsende Vielfalt an Optionen und die damit verbundene Steigerung der Ansprüche. Der Kindheitssoziologe Alan Prout (2005) sieht jüngst sogar noch einen zusätzlichen Ambivalenzgenerator darin, dass die Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen in vielen Bereichen verschwimmen. So zeichnet sich die moderne Gesellschaft durch eine auffällige Verjugendlichung von Kindern – aber auch von Erwachsenen aus (vgl. Hengst, 2002). Damit ist gemeint, dass beispielsweise die Konsumlaufbahn heutiger Kinder bereits im Kleinkindalter beginnt. Sie umfasst Fastfood und Girokonto ebenso wie Handy und Computer oder Markenkleidung, Taschengeld, Werbung und Shopping. Kinder sind Käufer, Multiplikatoren für die Werbung, Sparer, manchmal schon Schuldner. Fakt ist, dass sie zunehmend Medienangebote, Musikgruppen, Kleidermoden usw. favorisieren, die man noch vor wenigen Jahrzehnten mit den Interessen von Jugendlichen in Verbindung gebracht hat. Dabei sind Kinder mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich außerhalb von Familie und Schule Modelle für diesen Übergang von einer Welt, die primär auf Generationendifferenzen basiert, zu einer, in der die Differenzen des Geschlechts im Vordergrund stehen, zu suchen. Kinder finden sie in den realen oder in virtuellen Gruppen Altersgleicher, wie sie die Medien – etwa in der Musikkultur der Girl- und Boy-Groups – scheinbar sehr erfolgreich vermitteln. Derart findet Kinderkultur zunehmend unter Bedingungen einer «jugendlichen Gesellschaft» statt (Hengst, 2002, S. 150). Das ist eine Gesellschaft, in der Normen und Konsumstile Jugendlicher und junger Erwachsener dominieren. Eine gelingende Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Chancen und Risiken in der heutigen Gesellschaft erfordert breite Basiskompetenzen auf Seiten der Heranwachsenden. Dazu zählen Fähigkeiten wie intelligentes Zeitmanagement (z.B. zwischen Schulzeit-Freizeit-Familienzeit) oder die Toleranz, Widersprüchlichkeiten nicht als Bedrohung wahrzunehmen, sondern vielmehr die für die eigene Biographie und den eigenen (Familien-)Alltag passenden Optionen auszuwählen.
Schattenseiten der Risikogesellschaft. Die Schattenseiten des gesellschaftlichen Wandels treten immer deutlicher hervor. Familien werden labiler, Kinder wie Eltern müssen mehr und mehr damit fertig werden, dass die Ehe zunehmend zu einer Verbindung auf Zeit anstatt auf Dauer wird. Zur klassischen Kleinfamilie gesellen sich neue Familienformen wie Alleinerziehende, Stief- und Patchworkfamilien. Außerdem werden Großeltern, Eltern und Verwandte als Vorbilder oder soziale Sicherung zunehmend unwichtig, da sie als Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, für die heutige Gesellschaft nicht mehr tauglich sind. Derart werden die Gestaltung des eigenen Lebensentwurfs ebenso wie die Sozialkontakte im Alltag immer mehr abhängig von Eigenaktivität und Mobilität des Einzelnen. Wem die Entscheidungsgrundlagen und Orientierungen fehlen, fühlt sich rasch überfordert, aus den vielen und ständig wachsenden Lebensmöglichkeiten immer wieder für sich selbst die jeweils (richtigen) auszuwählen. So erlebt man sich zunehmend hilflos und ohnmächtig, hört auf das, was andere sagen und wie es andere machen oder verfällt in Resignation. So sind sich Pädagogen, Psychologen und Mediziner heute über die tieferen Ursachen der Zunahme kindlicher Verhaltensstörungen einig. Sie werden hauptsächlich in Erziehungsfehlern der Eltern vermutet. So haben immer mehr Kinder, wie der Erziehungswissenschaftler Peter Struck (1997) vermutet, kein erzieherisch günstiges Familienleben mehr. Sie werden gar nicht, falsch, inkonsequent oder schlichtweg zu selten erzogen. Viele Eltern unterliegen gar dem Irrglauben, dass Kinder sich von selbst gut entwickeln werden, wenn es ihnen nur materiell gut geht. In der Konsequenz sind sie mit sechs Jahren nicht schulreif, nicht gruppenfähig und nicht lernbereit. Sie bringen vielfach derart gravierende Erziehungsdefizite in die Schule mit, dass die Bildungsbemühungen der Schule ihnen gegenüber fruchtlos bleiben müssen. Gleichzeitig beeinträchtigen sie mit ihrem Stören und ihren bremsenden Effekten auch das Lernen ihrer Mitschüler, so dass die Schule zum erzieherischen Handeln ihnen gegenüber gezwungen ist. In dem Maße, wie Familien erzieherisch versagen, werden der Schule Erziehungsfunktionen übertragen, die sie entweder mit Appellen an die Familien zurückgeben will oder als Zumutungen mit dem Hinweis ablehnt, dass sie nicht ihrem eigentlichen Auftrag entsprechen würden, oder sie an die Sozialen Dienste weiterleitet. Oder aber sie nimmt sie an, womit sich Schule und Lehrer häufig überfordern.
Erziehung ist schwieriger geworden. Manche Eltern ziehen sich heutzutage gar aus der Erziehung zurück, indem sie aus Angst, alles falsch und verkehrt zu machen, entweder gar nicht (mehr) erziehen oder sich in überholte und fragwürdige Erziehungsmythen flüchten. Andere wiederum betreiben eine eigentliche Wankelpädagogik, indem sie einmal so und einmal anders reagieren. Es ist die Tendenz zu Extremen, der Hang, entweder einer autoritären oder einer freizügigen Erziehung den Vorrang zu geben oder von einer dieser Positionen zur anderen überzuwechseln. Gleichzeitig wächst auch die Zahl der Eltern, die sich aktiv mit dem Thema Erziehung auseinandersetzen, denn der familiäre Wandel manifestiert sich nicht nur im Wandel der Familienformen und der Eltern-Kind-Beziehung, sondern auch im Wandel der Erziehungsziele, die heute nicht mehr so sehr um die Tugenden Fleiß, Gehorsam und gute Schulnoten kreisen, als vielmehr die Entwicklung von Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstverantwortlichkeit und sozialen Kompetenzen vorsehen (Rupp, 2004). Für genau die Eltern sind dann auch jene Erziehungsstrategien und -regeln gedacht, die in der wachsenden Fülle von Erziehungsratgebern zu finden und die als eiserne Ration an Orientierungshilfen für Eltern im Umgang mit ihren Kindern und Jugendlichen gedacht sind, um Reibungsflächen in der Eltern-Kind-Beziehung zu reduzieren. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich Erziehung nicht auf eine Reihe einfacher Techniken reduzieren lässt, mit denen Kindern schnell mal Kritikfähigkeit, Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen anerzogen werden kann. Zwar sind schnelle und einfache Lösungen für Eltern verlockend, aber sie sind einer entwicklungsförderlichen Erziehung, die einerseits auf die relativ langsam sich vollziehenden Entwicklungsprozesse von Kindern Rücksicht zu nehmen hat, und andererseits zu nachhaltigen Veränderungen in diesen Entwicklungen führen soll, nicht angemessen. (Siehe Kasten S.26.)
Die Diskussion in der heutigen Kindheitsforschung geht von der These aus, dass sich Kindheit als Schutz- und Vorbereitungsraum konstituiert, der durch die gesellschaftlichen Veränderungen in Richtung Individualisierung und Pluralisierung einerseits expandiert, andererseits brüchiger wird (Hurrelmann & Bründel, 2003). Die Konsequenz, die daraus für Kinder resultiert, ist die, dass die soziale Rolle «Kind» nicht mehr festgelegt ist, sondern zunehmend frei gestaltbar wird.
Empfehlungen für die Erziehungspraxis
Die Kraft zur Selbststeuerung der Kinder fördern
Wie soll Erziehung in Zeiten scheinbar grenzenloser Freiheiten und großer Zukunftsunsicherheiten aussehen, wo sich um die Kinder und ihre Eltern herum, so vieles dramatisch verändert, wo sich dem Einzelnen eine Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten bieten, um an seinem eigenen Lebensentwurf «basteln» zu können, aber andererseits von ihm eigenverantwortliche Entscheidungen abgefordert werden bei gleichzeitigem Verlust an verlässlichen Sozialbeziehungen? Die Antwort ist:
Kinder und junge Menschen müssen mit einer Kompetenz ausgestattet werden, die sie befähigt, künftig aus eigener Kraft mit vollkommen unvorhersehbaren Lebensbedingungen, Herausforderungen und Krisen fertig zu werden.
Dazu bedarf es eines in der Geschichte zuvor kaum gekannten Maßes an Kompetenz zur Selbststeuerung.
Um diese Kompetenz zu entwickeln, bedürfen junge Menschen der Kontinuität der Bindungen, besonders der Bindungen an ihre Eltern.
Schon Kinder verfügen mehr denn je über die Chance und die Verpflichtung, ihre Entwicklung eigenständig zu gestalten und ihren Lebensalltag selbstständig zu bewältigen. Dabei führt die den Kindern heute zugestandene Eigen- und Selbstständigkeit unvermeidlich zu einem hohen Anspruch, etwas Besonderes zu sein. Vermutlich zählt es deshalb zur wichtigsten Aufgabe von Eltern, Eigen- und Selbständigkeit der Kinder zu fördern, ihnen ausreichende Anregungen und Unterstützungen für ihre Persönlichkeitsentwicklung zu geben, ohne sie zu bevormunden. Gleichzeitig ist die Lebenssituation von Kindern durch eine eigentümliche Spannung gekennzeichnet. Zum einen sind die Freiheitsgrade für die selbstaktive und eigenverantwortliche persönliche Lebensgestaltung sehr hoch. Zum anderen werden jedoch diese Chancen durch Lockerung von sozialen Bindungen erkauft, die Kindheit riskanter machen, der Entwicklung von Kindern abträglich sind, weil es sie überfordern kann. Die Aufgabe, Kindern Anleitung und Unterstützung auf der einen und Ablösung und Freisetzung auf der anderen Seite zu ermöglichen, ist deshalb für Eltern eine schwierige Gratwanderung. So müssen Eltern ihren Kindern eine Umwelt anbieten, die zugleich beschützt, ihnen Wurzeln gibt, aber gleichzeitig auch ihre Selbstständigkeit fordert und fördert. Viele Eltern kommen mit dieser schwierigen Doppelaufgabe nicht zurecht.
Die Zwiespältigkeit heutiger Kindheit. Die Zwiespältigkeit in der Lebenssituation vieler Kinder drückt sich in einem widersprüchlichen Zusammenspiel von individueller Optionserweiterung und mangelnder erzieherischer Unterstützung aus: Auf der einen Seite versuchen Eltern sehr viel mehr als früher, die Grundbedürfnisse von Kindern zu berücksichtigen und ihre neuen persönlichen Gestaltungspotenziale anzuerkennen. Deshalb wird eine Form der Erziehung gesucht, die fördert und fordert, aber nicht diszipliniert und reglementiert. Kindern wird genauso wie Erwachsenen zugetraut, dass sie ihre Entwicklung selber gestalten können. Kinder werden nicht mehr als unfertige Wesen, sondern als kindliche Persönlichkeiten betrachtet und behandelt. Sie werden als Akteure verstanden, die selbstständig handeln und sich nicht erst in der Zukunft, sondern in ihrem gegenwärtigen Kinderleben verwirklichen wollen. Auf der anderen Seite werden viele Kinder in ihrer eigenaktiven Selbstentwicklung, in der Aneignung und Verarbeitung ihrer Lebenswelt völlig allein gelassen. Es fehlt an einfühlsamer Unterstützung und erzieherischer Anleitung. Viele Kinder laufen gleichsam «neben» den Erwachsenen her und finden kaum soziale und räumliche Umwelten vor, die sie selbst altersgerecht gestalten können, weil die Erwachsenen schon viele Handlungs- und Spielräume für ihre Zwecke besetzt haben. So sind alltägliche Verkehrsräume, Wohnung, Straße und Quartier meist alles andere als kinderfreundlich gestaltet. Gleichzeitig erleben sie durch Fernsehen, Video und Computer eine Überstimulierung ihrer Sinne und erfahren demgegenüber im emotionalen, haptischen und motorischen Bereich eine drastische Verarmung. Derart bringen die heutigen Lebensbedingungen für Kinder sehr viele Entwicklungs- und Kreativitätschancen mit sich, die Kindern mehr Selbstständigkeit und Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen als das in früheren Generationen möglich war. Aber zugleich bringen sie auch neue Belastungen mit sich, die teilweise die Bewältigungskapazität von Kindern überfordern, weil diese häufiger werdenden Handlungs- und Autonomieoptionen meist weder alters- noch entwicklungsgerecht sind, und Risiken des Scheiterns, des Leidens, des Unbehagens und der Unsicherheit – auch für die Eltern – in sich bergen.
Psychische Störungen bei Kindern. Es kann somit nicht erstaunen, dass sich heute für 40 bis 50 Prozent der Jugendlichen eine psychische Störung im Verlaufe ihres Lebens ermitteln lässt. Die Ein-Jahres-Auftretenshäufigkeit liegt sogar zwischen 22 und 27 Prozent (Petermann, 2002). Dazu wurde in Deutschland eine bundesweit repräsentative Studie an 3000 deutschen Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 18 Jahren durchgeführt (Lehmkuhl et al., 1998). Tabelle 1.1 zeigt die relativen Häufigkeiten, mit der ein Item oder mehrere Items einer Problemskala des Elternfragebogens in der Stichprobe der 4- bis 10-jährigen Kinder als auffällig beurteilt wurde. Beispielsweise zeigen 7,7 Prozent aller Jungen nach Einschätzung der Eltern ein Symptom der Skala «Sozialer Rückzug», bei 1,8 Prozent sind es zwei Symptome und bei weiteren 0,2 Prozent drei oder mehr. Die gesamte Auftretenshäufigkeit liegt – je nach Grenzwert für die Bestimmung von Auffälligkeiten – zwischen 13 und 28 Prozent. Damit sind solche Störungen bei Kindern und Jugendlichen in etwa gleich häufig wie bei Erwachsenen. Zudem ist in den letzten Jahrzehnten eine generelle Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen (Petermann, 2002).
Tabelle 1.1: Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten auf den Skalen des Elternfragebogens über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen bei 4- bis 10-jährigen Kindern (Lehmkuhl et al., 1998; siehe Petermann, 2002, S. 48)
Geschlechtsunterschiede. In der Auftretenshäufigkeit psychischer Störungen zeigen sich bedeutsame Geschlechtsunterschiede. Als besonders auffällig erweist sich die Tatsache, dass Jungen bei externalisierenden Störungen (z. B. hyperkinetische Störungen, Delinquenz) und Entwicklungsstörungen, Mädchen hingegen bei den internalisierenden Störungen (z. B. Depression, Angststörungen) und Essstörungen überwiegen. Die Ursachen für die Geschlechtsunterschiede werden in biologischen und psychosozialen Faktoren sowie in Entwicklungsfaktoren vermutet (Petermann, 2002). Unter die psychosozialen Faktoren fallen etwa die unterschiedlichen elterlichen Erziehungspraktiken. So werden bei Jungen körperliche Aggressionen, die mit dem männlichen Sexualhormon Testosteron verknüpft sind (der biologische Faktor), eher toleriert und verstärkt als bei Mädchen. Gleichzeitig sind Jungen bei den Entwicklungs- und aggressiven Störungen überrepräsentiert, da sie ihre geistige und physische Entwicklung langsamer durchlaufen als Mädchen. Treten bei Jungen mit aggressivem Verhalten zusätzlich hyperkinetische Störungen auf, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Verhalten als störend empfunden wird und in der Umwelt auffällt. Umgekehrt scheinen soziokulturelle Faktoren wie zum Beispiel Darstellungen in Medien und in der Werbung sowie gesellschaftliche Werthaltungen mit dem starken Überwiegen von Essstörungen bei Mädchen verknüpft zu sein, weil diese den gesellschaftlichen Erwartungen gemäß schlank aussehen wollen. Im Allgemeinen treten solche Geschlechtsunterschiede besonders mit dem Einsetzen der Pubertät deutlich hervor.
Chronische Erkrankungen. In gleicher Weise belegen die Daten des Jahres 2002 aus dem LBS-Kinderbarometer, dass Kinder häufig über bestimmte chronische Erkrankungen oder wiederkehrende Symptome berichten (LBS Initiative «Junge Familie», 2003). Fast die Hälfte der Kinder hat eine Allergie und andere geben an, bei Stress mit Bauch- oder Kopfschmerzen zu reagieren. Besonders bei stressbedingten Schmerzsymptomen leiden Mädchen mehr als Jungen, weil letztere häufiger Formen des Stressabbaus finden. Ebenso stehen Versagensängste der Kinder in der Schule mit 39 Prozent in der Häufigkeit kindlicher Ängste ganz oben, wobei Kinder ausländischer Herkunft in besonderer Weise von solchen Ängsten betroffen sind. Das bedeutet, dass heutzutage bereits Kinder und Jugendliche an den so genannten Zivilisationskrankheiten leiden.
Der Stress hat die Kinder erreicht. Die frühe Ausprägung von Gesundheitsbeeinträchtigungen, gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen, psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter sind ein Indiz dafür, wie ähnlich Kinder, Jugendliche und Erwachsene heute mit Problemsituationen in ihrem Alltag umgehen. Der bekannte Bielefelder Jugend- und Gesundheitsforscher Klaus Hurrelmann (2002) vermutet, dass die kindlichen Problemlagen etwas mit Überbeanspruchung zu tun haben. Es handelt sich um stressartige Reaktionen, die meist in bio-psycho-sozialen Spannungen wurzeln, die sich aus dauerhaften Überforderungen der Anpassungskapazitäten im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich ergeben. All die kindlichen Problemlagen sind letztendlich Signale dafür, dass die Kinder mit einer für sie belastenden Situation in Familie, Schule, Freizeit und sonstigem Alltag nicht (mehr) zurechtkommen. (Siehe Kasten S.30.)
Das Verschwinden der Kindheit. Für heutige Kinder zählen Leistungsanforderungen sowie Beurteilungs- und Ausleseprozesse zu den bedeutsamsten und nachhaltigsten Erfahrungen, die sie in der Schule machen (Ulich, 2001). Die schulische Leistung beeinflusst nicht nur die soziale Anerkennung durch Lehrer, Mitschüler, Freunde und Eltern, sondern sie hat auch weit reichende Konsequenzen für die späteren Berufs- und Lebenschancen. Dabei ist für Kinder und Jugendliche die ständige schulische Leistungsbereitschaft sehr belastend. Die Vermutung liegt auf der Hand, dass Prüfungen und Klassenarbeiten mit Ängsten verbunden sind. Gar 44 Prozent der Schüler und Schülerinnen beklagen sich über zu hohen Leistungsstress in der Schule (vgl. Sardei-Biermann, 1992 und Kapitel 9 in diesem Band). Stress in der Schule kann sogar eine der Ursachen für das relativ schlechte Abschneiden deutscher Schüler und Schülerinnen im internationalen Vergleich der PISA-Studien sein (vgl. Seiffge-Krenke, 2006). So berichten deutsche Jugendliche über erhebliche schulische Stressoren, aber nur relativ wenig über Stress in der Familie. Dabei zieht der Schulstress der Jugendlichen – und der Lehrer (Burnout) – gravierende gesundheitliche Folgen nach sich. Darüber hinaus wird von deutschen Pädagogen sogar schon hochgerechnet, dass es, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, sinnvoll wäre, Kinder schon ab 4 Jahren einzuschulen. So wären wir dann in der Tat da angelangt, dass für immer mehr Kinder eine gesonderte Lebensphase «Kindheit» als Raum für eine entwicklungs- und altersgemäße Entfaltung gefährdet ist. Das ist so, weil dann viele Kinder unter dem wachsenden Druck einer leistungsorientierten Früherziehung stehen und bereits im Vor- und Grundschulalter einen erbarmungslosen Wettbewerb um günstige Ausgangspositionen für ihre Schul- und Bildungskarriere erleben. Angesichts solcher Veränderungen im Kinderleben vertrat David Elkind (1991) bereits vor über zehn Jahren die These, dass Kinder kaum noch entwicklungsgemäß Kinder sein können, weil Eltern die gesellschaftlichen Leistungsanforderungen, die sie selbst erfahren, unmittelbar an ihre Kinder weitergeben. Für immer mehr Kinder scheint Kindheit zu einer Ernstphase des Lebens, ohne jeden Schonraum und mit nur begrenzten Möglichkeiten für die eigene Selbstentfaltung geworden zu sein. Dieser Zustand ist deshalb alarmierend, weil die meisten psychischen Störungen des Erwachsenenalters ihren Ursprung in Störungen des Kindes- und Jugendalters haben (Heinrichs, Saßmann, Halhweg & Perrez, 2002). Kinder sind nämlich, so folgert Klaus Hurrelmann (2002), soziale, kulturelle und gesundheitliche Seismografen, die Erwachsene in aller Deutlichkeit auf die Unzulänglichkeiten der gesellschaftlichen und familiären Lebensorganisation hinweisen. Kinder sind zwar oft in alle Alltagsvollzüge der Erwachsenenwelt mit einbezogen, aber Erwachsene vergessen meist, dass es noch Kinder sind. Sie verfügen noch nicht über die Bewältigungskapazitäten, mit denen Erwachsene sich ihre Welt erträglich machen. Sie leiden stärker als sie, weil sie die Belastungen der Leistungsgesellschaft unvorbereiteter treffen.
Grundwissen für die Erziehungspraxis
Risiken für eine gesunde kindliche Entwicklung
Risikofaktoren. Die «soziale Ozonschicht» für Kinder, die ihnen Schutz für eine positive Persönlichkeitsentwicklung sichern kann, hat erhebliche Löcher und Ausdünnungen erhalten. Die gefährlichen Strahlen der gesellschaftlichen Entwicklung treffen immer direkter Kinder. Dabei sind die folgenden Risiken besonders hervorzuheben:
Die Auflösung sozialer Bindungen im Familienleben, die Erwachsenen freie Formen von Partnerschaft ermöglichen, gleichzeitig aber das Bedürfnis nach stabiler Gemeinschaft verletzt. Kinder werden von dieser Unsicherheit und Unbeständigkeit getroffen.
Die wachsende Bedeutung der Freizeit hat das Bedürfnis nach körperlichen und geistigen Grenzüberschreitungen erhöht. Kinder und Jugendliche sind davon besonders stark betroffen.
Das Vordringen der Medien mit ihren Informationsmöglichkeiten, aber auch mit ihrem Informationsüberschuss erschwert Kindern eine realistische Einordnung und Erprobung ihres Weltbildes.
Die Intensivierung und Verdichtung der Leistungsanforderungen, die sich in der Verlängerung der schulischen und beruflichen Ausbildung und in einem Aufschaukeln der elterlichen Bildungserwartungen an ihre Kinder ausdrückt. Schon sehr früh fühlen sich Kinder durch eine lange Abfolge von Qualifikationen innerlich bedroht, und auf sie strahlt die Unsicherheit zurück, später vielleicht keinen Arbeitsplatz zu erhalten oder unzureichend qualifiziert zu sein.
Die Zunahme von kulturellen und sozialen Spannungsfeldern, die sich durch das Öffnen der Schere zwischen Arm und Reich ebenso ausdrückt wie durch die Entfremdung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher Ethnien. Die alltägliche soziale Orientierung ist schwieriger geworden. Weil gerade Kinder und Jugendliche Sinn, Perspektiven und Orientierungssicherheiten suchen, verarbeiten sie diese Entwicklung intensiv.
Risikokinder. Besonders jene Kinder sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, psychische Störungen zu entwickeln,
die keine enge, positive Beziehung zu ihren Eltern aufbauen können,
einer strafenden, inkonsequenten Erziehung ausgeliefert sind oder
deren Eltern selbst psychische Störungen aufweisen.
Kommen noch ungünstige Wohn- und Schulbedingungen dazu, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder unter der Kumulation solcher Risiken klinisch bedeutsame Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.
Quelle: Hurrelmann (2002)
Angesichts der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen von Kindheit stellt sich die Frage nach dem Wohlbefinden heutiger Kinder. Denn sie scheinen in der Leistungsgesellschaft mit den prekärer werdenden Bedingungen familiärer Beziehungen eine besonders verletzbare Altersgruppe darzustellen. Dass jedoch das in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild heutiger Kindheit häufig der Lebenswirklichkeit der Kinder nicht oder nur teilweise gerecht wird, zeigen Vergleiche mit Selbstbeschreibungen von Kindern (Zinnecker, Behnken, Maschke & Stecher, 2002). Ebenso belegen groß angelegte Befragungsstudien mit Kindern, dass sich diese glücklicher fühlen, als manche Kritiker moderner Kindheit meinen. Um die Frage zu beantworten, was Kinder stark und glücklich macht und was sie schützt, basieren die nachfolgenden Darlegungen auf Ergebnissen aus dem Salzburger Kindersurvey (Bucher, 2001), aus dem LBS-Kinderbarometer (LBS-Initiative «Junge Familie», 2003) sowie auf dem aktuellen Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (vgl. Alt 2005a; b). Darüber hinaus kann auf die Forschung zur kindlichen Resilienz (d.h. Widerstandskraft) zurückgegriffen werden (vgl. Opp, Fingerle & Freytag, 1999).
Der Salzburger Kindersurvey. Die Ergebnisse basieren auf Befragungsdaten von über Tausend 10- bis 13-jährigen Kindern aus dem Salzburger Land (vgl. Bucher, 2001). Im Hinblick auf die Frage nach dem Kindheitsglück zeigen die Befunde, dass sich die Kinder im Allgemeinen sehr glücklich fühlen (sehr glücklich: 54 %; glücklich: 39,3 %, nicht so glücklich: 5,6 %, eher traurig: 1 %, traurig: 0%). Selbst jene 20 Prozent der Kinder, die angeben, jeden Tag traurig zu sein und jene 31 Prozent, die sich mehrmals pro Woche bedrückt fühlen, schätzen ihre Kindheit als «sehr glücklich» ein.
Sieht man sich das Glücksbefinden in verschiedenen Bereichen an, so zeigen die Befragungsdaten, dass sich die Kinder in den Ferien, sodann an Weihnachten und bei Freunden und Freundinnen am glücklichsten fühlen, wohingegen sie sich beim Zahnarzt und bei schulischen Tätigkeiten am wenigsten glücklich erleben. Mit steigendem Alter sinkt das Wohlbefinden in der Schule. Fernseher und Computer werden als Freizeitbeschäftigungen deutlich weniger glücksrelevant eingestuft als Spielen, Radeln oder Musik hören.
Grundwissen für die Erziehungspraxis
Die Familie ist der wichtigste Faktor für Kindheitsglück!
Wichtig für das Kindheitsglück sind gemeinsame Familienaktivitäten: Je mehr gemeinsames Tun in der Familie stattfindet, umso höher das Kindheitsglück, desto seltener die Traurigkeit und desto extensiver das Glückserleben in der Familie. Auch ein gutes Familienklima, Anerkennung und Lob machen Kinder glücklich. Umgekehrt mindern elterliche Strenge und Schimpfen ihr Glücklichsein. Ob Kinder ihr bisheriges Leben als glücklich bilanzieren, hängt somit ganz entscheidend vom Zusammenleben in der Familie ab.
Quelle: Bucher (2001)
Tabelle 1-2: Merkmale glücklicher und unglücklicher Schulkinder (n. Bucher, 2001)
Ein glückliches Schulkind…
Ein unglückliches Schulkind…
wächst in einer vollständigen Familie auf wird häufig gelobt,
langweilt sich häufig,
erfährt Anerkennung und
fürchtet sich vor Schularbeiten und
unternimmt mit seinen Eltern in der Freizeit viel, was aber gleichzeitig
sitzt überdurchschnittlich lange an den Hausaufgaben,
häufiges Zusammensein mit Freunden und Freundinnen nicht ausschließt.
wird von seinen Eltern streng, d. h. oft mit Schimpfen erzogen und
Es wird nicht streng, sondern vielmehr mit Argumenten erzogen und
bekommt selten lobende und nette Worte zu hören;
nimmt die elterliche Wohnung als nicht beengt wahr.
es hat wenig Freizeit und
Ferner hat es Erfolge in der Schule,
unternimmt wenig mit Freunden und Freundinnen und
erlebt Lehrerinnen und Lehrer als freundliche Personen und
fühlt sich in seiner Wohnung beengt.
einen spannenden Unterricht, so dass es sich
vor Schularbeiten nicht fürchtet.
LBS-Kinderbarometer. Um die Allgemeingültigkeit der sich so positiv darstellenden Lebenswirklichkeit von Kindern aus dem Salzburger Land einzuschätzen, werden zusätzlich Daten aus dem LBS-Kinderbarometer herangezogen. Dabei werden vom Pro-Kids-Institut seit 1997 jährlich in einer für Nordrhein-Westfalen repräsentativen Stichprobe mehr als 2000 Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren zu den Lebensbereichen Familie, Schule, Freizeit, Freundeskreis sowie zu ihrem Wohnumfeld befragt (vgl. die jüngste Studie in LBS-Initiative «Junge Familie», 2003). Die befragten Kinder beschreiben – ähnlich wie die Kinder aus dem Salzburger Land – ihr Wohlbefinden überwiegend positiv. Jeweils ein Drittel der Kinder fühlt sich im Allgemeinen «sehr gut» oder «gut». 20 Prozent fühlen sich «eher gut». Dennoch beschreiben 15 Prozent der Kinder ihr Wohlbefinden als «mittelmäßig» bis «sehr schlecht». Das bedeutet, dass für einen nicht unerheblichen Anteil der Kinder das Wohlbefinden in hohem Maße beeinträchtigt ist. In ähnlicher Weise wie bei den Kindern aus dem Salzburger Land verschlechtert sich dieses mit zunehmendem Alter leicht. Diese sich parallel zur einsetzenden Pubertät vollziehende Entwicklung beruht vor allem auf Verschlechterungen des Wohlbefindens in den Lebensbereichen Familie und Schule, in denen die 13- und 14-Jährigen zunehmend Konflikte austragen, die sich negativ auf ihr Wohlbefinden auswirken.
DJI-Kinderpanel. Schließlich zeigt sich in den Ergebnissen aus dem jüngsten Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (Internet: www.dji.de/kinderpanel), dass das emotionale Klima in den Familien recht positiv ist (vgl. Alt 2005, a; b). Die meisten der 8- bis 9-jährigen Kinder fühlen sich in Familie und unter Freunden wohl. Fast alle der Kinder finden sich selbst «okay». Sie erleben sich sozial und kognitiv als sehr aufgeschlossen, probieren Neues aus und lernen gerne neue Kinder kennen. Auch die Eltern beschreiben ihre Kinder ähnlich positiv. Dennoch sind für viele Kinder Kummer und Enttäuschung eine normale Alltagserfahrung: Drei Viertel der 8- bis 9-Jährigen sind hie und da traurig oder ängstlich, die Hälfte fühlt sich manchmal allein. Trotzdem geht ein positives Familienklima mit einem positiven Selbstbild und einer größeren Aufgeschlossenheit der Kinder einher.
Was Kinder Stärkt. Das Konzept der Resilienz (d.h. psychische Widerstandsfähigkeit angesichts bedeutsamer Belastungen) beschreibt die Fähigkeit eines Kindes, relativ unbeschadet mit den Folgen belastender Lebensereignisse umgehen zu können (vgl. Holtmann & Schmidt, 2004). Resilienz stellt eine Komponente dar, die sich im Laufe der Kindheit herausbilden kann – oder auch nicht. Folglich sind die Mechanismen, die bei einem Kind etwa zu einem positiven Selbstwertgefühl oder zu einer hohen Überzeugung der eigenen Wirksamkeit führen, für die Resilienz-Forschung besonders bedeutsam. In dem Sinne meint Resilienz den Erwerb altersspezifischer Bewältigungsfähigkeiten trotz aversiver Lebensumstände.
Das widerstandsfähige Kind. Wieso scheitert das eine Kind bei Belastungen, während das andere damit fertig wird? Dem widerstandsfähigen Kind stehen innere und äußere Ressourcen zur Verfügung, mit deren Hilfe es Schwierigkeiten angeht. Von sich aus sucht es nach Lösungen und wird dadurch nicht zum Opfer missliebiger Umstände. Damit sich diese Fähigkeiten entwickeln können, ist das Kind auf förderliche Faktoren in der Interaktion mit den Menschen seines Umfeldes angewiesen. Als Kinder besonders stark machende Ressourcen gelten soziale Vorbilder wie Eltern oder Geschwister, aber ebenso die elterliche Beaufsichtigung des Freizeitverhaltens ihres Kindes. Zusätzliche Ressourcen außerhalb der Familie sind die Verbindung mit Freunden aus stabilen Familien sowie mit den Eltern dieser Freunde. Solche Beziehungen helfen Kindern, eine positive Lebensperspektive aufzubauen. Zudem helfen derartige soziale Beziehungen, etwa eine Trennung der Eltern besser zu bewältigen oder mit psychisch gestörten Eltern zusammen zu leben, ohne dass die Kinder sich negativ entwickeln. Ebenso kann ein Lieblingslehrer ein positives Rollenmodell und damit eine Ressource für Kinder sein. In diesem Sinne können positive Schulerfahrungen den Einfluss von Stress im Elternhaus lindern.
Grundwissen für die Erziehungspraxis
Was Kinder stärkt
Resiliente, krisenfeste, widerstandsfähige und damit starke Kinder…
können jederzeit zumindest eine Person (Onkel, Tante, Oma oder Opa) im weiteren Familienumfeld nennen, die sie wirklich achten. Das ist eine Person, zu der das Kind eine stabile positive emotionale Beziehung hat, die immer geduldig tröstet, die konsequent glaubwürdige Werte vertritt, die stets nach Kräften Hilfe zur Selbsthilfe leistet,
verfügen über ein stabiles Netzwerk von Verwandten, Freunden und Nachbarn, bei denen sie Trost und Unterstützung holen können,
kommen oft aus Haushalten mit klaren Strukturen und Regeln,
verfügen – im Falle von Jungen – über ein männliches Familienmitglied, das als Identifikationsmodell dient beziehungsweise – im Falle von Mädchen – über eine weibliche Fürsorgeperson, die für sie da ist,
sind in ihrem Temperament angenehm, intelligent, aufgeschlossen und wirken positiv auf ihre Umwelt,
zeichnen sich durch eine positive Lebens- und realistische Zukunftsperspektive aus
und haben Eltern, die ihnen mit emotionaler Wärme und Unterstützung begegnen, ihnen klare, aber flexible Grenzen setzen und ihre Autonomie fördern.
Quelle: Opp, Fingerle & Freytag (1999)
Empfehlungen für die Erziehungspraxis
Resilienz können Kinder erlernen
Auch wenn weder in der Kindheit noch in der Jugendzeit Resilienz fördernde Erfahrungen gemacht werden konnten, muss sich kein Kind seinem Schicksal hilflos ergeben. Resilienz kann nämlich erlernt werden, wenn Kindern und Jugendlichen die notwendige Unterstützung gegeben wird – und das sollte möglichst frühzeitig geschehen. Die US-Amerikanische Psychologen-Gesellschaft (APA) schickt deshalb speziell geschulte Psychologen in die Grundschulen, um Kindern beizubringen, wie sie mit den unvermeidlichen Widrigkeiten des Lebens am besten fertig werden können. Die Psychologen trainieren die Kinder in resilientem Verhalten. Derart will das Programm Kindern helfen, mit alltäglichen Belastungssituationen wie Schikane, schlechte Noten oder Enttäuschungen umzugehen, aber auch vor schwerwiegenderen Problemen wie Misshandlung, Vernachlässigung, Scheidung der Eltern oder Gewalterfahrungen nicht zu kapitulieren. Beigebracht werden den Kindern die Kernpunkte der Resilienz:
Suche dir einen Freund, und sei anderen ein Freund.
Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich.
Glaube an dich selbst.
Die Bezugspersonen eines Kindes können mit ihrem Handeln im Alltag dazu beitragen, dass das Kind Vertrauen in die eigene Kraft und die eigenen Fähigkeiten gewinnt, dass es sich selbst als wertvoll erlebt und dass es durch seine eigenen Handlungen Veränderungen bewirkt und die Kontrolle über sein Handeln behält.
Quelle: Nuber (2005, S.23)
Von der Fremderziehung zur Selbsterziehung. Es lohnt sich, Kinder und Jugendliche in ihrem Suchen nach Halt und Orientierung, aber ebenso nach Autonomie und Lebenssinn zu unterstützen. Dabei ist die Aufgabe, Kinder und Jugendliche erzieherisch in ihrer Kompetenz zur Selbststeuerung zu stärken, von höchster Bedeutung. Allerdings wäre es eine fatale Illusion zu glauben, dass Selbsterziehung die Fremderziehung – etwa im Sinne einer antiautoritären Erziehung – ersetzen könnte. Vielmehr geht es in der Erziehung immer wieder darum, Selbst- und Fremderziehung in ihrer wechselseitigen Ergänzung zu erkennen und zu betreiben. Kinder und Jugendliche benötigen Erwachsene, sie brauchen Autoritäten, die sie akzeptieren, respektieren und auf die sie sich einlassen können. Gleichzeitig brauchen sie Gemeinschaftserfahrungen, vor allem mit Gleichaltrigen, von denen sie sich gleichermaßen akzeptiert, gerecht und fürsorglich behandelt erleben. Vor diesem Hintergrund ist es auch immer wieder wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, was die berühmte Kinderpsychologin Hildegard Hetzer bereits 1937 in ihrem Buch «Kindheit und Armut» gesagt hat. Es ist – auch in einer unter chaotischen Bedingungen lebenden Familie – eine einzige Ordnung, Sicherheit und Zuwendung gebende Person notwendig, um ein Kind vor einer Fehlentwicklung bewahren zu können.
Im Standardmodell der Erziehung erziehen Erwachsene Kinder, nicht umgekehrt. Erzieher geben sich als kompetent, Kinder erscheinen bedürftig. Diese Asymmetrie erscheint funktional und notwendig. Erziehung hat in aller Regel Defizite zur Voraussetzung, die ausgeglichen werden sollen. Die eine Person liefert, was die andere nicht hat, aber haben muss, wenn sie in irgendeiner Hinsicht besser zu funktionieren hat. Allerdings wissen wir, dass sich dieses Modell auch umkehren lässt, denn Kinder gelten längst nicht mehr als passive Adressaten von Erziehung: Kinder steuern nämlich auch ihre Eltern.
Kinder Steuern ihre Eltern. Bereits die amerikanische Kinderpsychologin Rheingold (1969) vertrat die Auffassung, dass ein Kind die Personen seiner Umgebung stärker «erzieht», als dass es selbst durch seine Eltern erzogen werde. So beeinflussen Kinder nicht nur den Tagesablauf ihrer Eltern und die Gestaltung der äußeren Situation (z. B. Einrichtung der Wohnung), sondern sie lösen nachhaltige Veränderungen im elterlichen Verhalten aus, etwa dadurch, dass sie bestimmte Zielvorstellungen, Wünsche und Befürchtungen hervorrufen. Im Kindes- und Jugendalter verlangen dann Freizeitinteressen, Moden, Freunde und vielerlei Autonomieansprüche der Kinder Anpassungsleistungen der Eltern. Kinder vermitteln ihren Eltern Fertigkeiten, schulisches und außerschulisches Wissen, aber auch Einstellungen, Wertungen und Normen; und Kinder konfrontieren ihre Eltern mit abweichenden Ansichten und fordern ihre Eltern auf diese Weise heraus (Pauls & Johann, 1984).
In einer 1997 durchgeführten Studie bei 371 Kindern im Alter zwischen 8 und 12 Jahren – einer von Pauls und Johann 1984 durchgeführten Befragungsstudie – wurde im Vergleich zu den Ergebnissen von 1982 im Jahre 1997 eine deutliche Zunahme problematischer kindlicher Steuerungen gegenüber den Eltern wie Ignorieren, Bestrafen oder Opponieren sowie eine Abnahme aktiv-konstruktiver Formen der kindlichen Einflussnahme auf die Eltern registriert (Hermens & Tismer, 2000). Mädchen wählen eher passiv-resignative Lenkungsstrategien, Jungen zeigen eher eine Vorliebe für Lenkungsversuche durch Bestrafung und Ignorieren. Darüber hinaus verfügen die 11- bis 12-Jährigen im Vergleich zu 8- bis 10-Jährigen über ein differenzierteres Repertoire der Beeinflussungsformen und können diese besser an die jeweiligen Situationen anpassen.
Grundwissen für die Erziehungspraxis
Wie Kinder ihre Eltern steuern können
Hier eine beispielhafte Alltagssituation: Es ist längst Zeit, schlafen zu gehen. Die Mutter sagt: «Schau mal auf die Uhr. Du gehst sofort ins Bett!» Das Kind hat nun mehrere Varianten, um seine Mutter zu lenken:
Konstruktiv-aktive Steuerung durch zum Beispiel logisches Argumentieren und Aushandeln von Kompromissen. Reaktion des Kindes: «Ich bin aber noch gar nicht müde».
Oppositionelle Steuerung durch Drohen, Trotzen oder Erpressen. Reaktion des Kindes: «Ich gehe nie mehr Sonntag mit dir spazieren».
Steuerung durch Bestrafung wie zum Beispiel durch Schreien oder Nerven der Eltern. Reaktion des Kindes: Das Kind äußert Schimpfwörter zu seiner Mutter.
Steuerung durch Ignorieren elterlicher Normen zum Beispiel durch demonstrative Hilflosigkeit und Passivität. Reaktion des Kindes: Das Kind bleibt stumm vor dem Fernseher sitzen.
