Es muss nicht immer Spanien sein - Sandra Niemand - E-Book

Es muss nicht immer Spanien sein E-Book

Sandra Niemand

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Beschreibung

Mit einem Rucksack und zwei Füßen erkundet Sandra Niemand vier andere Wege in Italien, Schweiz, Österreich und Deutschland. Dabei kommt es nicht auf die Kilometer und die Geschwindigkeit an, sondern wie bewusst man sich auf das Gehen und auf die Ereignisse einer Reise einlässt. Jeder Tag hält Überraschungen, Humor, Begegnungen jeglicher Art, auch mit sich selbst, bereit. Die Schönheiten der Wege sind durch zahlreiche Fotografien dargelegt. "Erst dann beginnt eine Reise, wenn man sich für sie öffnet."

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für alle, die stets in Bewegung bleiben;

körperlich, geistig und seelisch,

denn Stillstand bedeutet nicht zu leben.

Inhaltsverzeichnis

Im Land, wo die Zitronen blühen

(Comersee)

Weiß-blau — durch heimische Gefilden

(Maximiliansweg)

Der etwas teurere Jakobsweg

(Schweizer Jakobsweg)

Unterwegs bei den Franken

(Altmühltal- Panoramaweg)

Im Land, wo die Zitronen blühen

I.

Diesmal führt mich mein Zeigefinger auf der Landkarte in mein Lieblingsland, dort wo die Zitronen blühen. Seit meiner Kindheit zieht es mich immer wieder zu Pizza und Pasta, und zu einer gestenreichen Sprache, die wie Musik in meinen Ohren klingt. Das Land des besten Cappuccinos und Espressos, und jenes, welches die höchste Rate an Muttersöhnchen heranzieht. Trotz des fest verwurzelten katholischen Glaubens, flackern bei ihnen die meisten halbbekleideten Damen über die Mattscheibe, und sie lassen sich stets in Versuchung führen. Der Verkehr wird nicht durch Straßenschilder geregelt, sondern durch Hupen und lautstarkes Palavern aus dem offenen Autofenster.

Ebenso wird auch jede vorbeischlendernde Frau begrüßt. Ein Land der Extreme und geistigen Zerrissenheit, und doch kann man sich seinem unwiderstehlichem Charme nicht entziehen. Lebensfreude, Herzlichkeit, Temperament und Sonnenschein verbinde ich mit dem mir so vertrauten Land »Italien«. Nachdem ich etliche Hotelurlaube dort verbracht habe, will ich jetzt das Land zu Fuß mit meinem Rucksack erkunden. Da ich nur eine Woche Urlaub habe und ich Berge und Seen liebe, entscheide ich mich für den »Comersee« in Oberitalien.

Der Lago di Como wird von den Einheimischen auch »Lario« genannt, und liegt nördlich von Mailand. Er ist nach dem Gardasee und Lago Maggiore der drittgrößte See Italiens. Der See hat die Form eines umgekehrten Y, und der westliche Arm wird »Como«, und der östliche »Lecco« bezeichnet, da dieser in jenen zwei größeren Städten endet.

Ich beginne in »Como« am westlichen Arm meine Reise.

Eigentlich will ich gemeinsam mit meiner Freundin Kira diese Trekkingtour erleben, nur leider quält sie sich seit einigen Tagen mit Magenproblemen herum. Nichtsdestotrotz setzen wir uns im frühen Morgengrauen Ende Mai zusammen in den Zug und fahren bis zu unserer Landeshauptstadt. Dort angekommen, geht es Kira erneut schlechter, sodass sie sich schweren Herzens auf die Heimreise begibt.

Nun bin ich plötzlich auf mich alleine gestellt, aber ich mache mir keine Sorgen, dass ich diese neue Situation nicht meistern könnte. Bis jetzt hatte ich zwar immer einen festen Standort, wenn ich alleine gereist bin, aber dann wird dies nun eben zu einer neuen Erfahrung führen.

Als erstes stelle ich fest, dass ich absolut zeitlos bin. Aus Gewichtsgründen haben meine Freundin und ich uns abgesprochen, welche Dinge wir nur einmal benötigen. Mit dem Verlassen von Kira, hat mich somit auch die Zeit verlassen, denn sie trägt nun den einzigen Wecker mit nach Hause. Eine Uhr trage ich nie, aber ein Wecker wäre schon wichtig gewesen, damit ich mein lebensnotwendiges Frühstück nicht verschlafe, und nicht erst zur Mittagszeit zum Wandern aufbreche.

Gott sei Dank ist jeder Bahnhof mit großen Uhren ausgestattet, sodass ich zumindest nicht das Umsteigen verpasse.

Eine Woche bin ich nun völlig auf mich allein gestellt. Ich habe weder Musik, noch etwas zum Lesen dabei, also gibt es nichts, was mich von mir selbst ablenkt.

Zehn Stunden Zugfahrt liegen nun vor mir, in denen ich als einzige Beschäftigung die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen kann.

Ein Vorteil meines plötzlichen Alleingangs ist, dass ich nun zwei reservierte Plätze für mich habe. So hat mein Rucksack neben mir Platz und ich habe mehr Beinfreiheit, was bei einer Größe von 1,89 m von Nutzen ist.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon bald habe ich Mailand erreicht. Hier habe ich einen längeren Aufenthalt, und mir kommt schon fast der Verdacht im falschen Zug zu sitzen, da nur noch eine Handvoll Leute im Zug verweilen. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Italienerin, die vorübergehend den Zug verlässt, und eine Frau bittet, einen Blick auf ihr Gepäck zu werfen. Kurze Zeit später betritt ein junger, unsympathischer Mann den Zug, der den wenigen Gästen einen komischen Geschenkanhänger hinwirft. Danach kommt er erneut vorbei, und verlangt dafür zwei Euro. Ich kaufe es ihm nicht ab, da ich ein ungutes Gefühl bei dem Mann habe. Mein Gefühl trügt nicht, denn als er bei dem Platz der Italienerin vorbeikommt, nimmt er einfach das Taschenbuch von ihrem Sitz mit. Bis ich dies der eigentlichen Aufpasserin unter sprachlicher Barriere versuche zu erklären, ist der Typ natürlich bereits über alle Berge.

Normalerweise wäre mein Reaktionsvermögen schneller gewesen, aber ich wollte mein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen, denn oft kommt ein Gauner selten allein. Nach dem unangenehmen Vorfall fährt der Zug bald aus diesem zwielichtem Großstadtviertel, und ich erreiche um 16 Uhr endlich Como.

Ich steige aus dem Zug, und mediterranes Klima schlägt mir entgegen. Die Sonne strahlt vom fast wolkenlosen Himmel, nur sehe ich weit und breit keinen See. Ich verlasse mich ganz auf mein Gefühl und schlage eine Richtung ein, die mich zuerst in den Stadtkern, und dann ohne Umwege direkt an das Ufer des Comersees führt.

Lieblich zwischen grünen Hügeln eingebettet, kann das hellblaue Wasser dem Himmel Konkurrenz bieten.

Im Internet habe ich mir ein paar Unterkünfte herausgesucht, die eventuell für eine Übernachtung in Frage kommen. Eine finde ich auf Anhieb, nur leider muss ich zur Öffnung noch eine Stunde warten.

Ich setze mich an das Ufer auf eine Bank, um von dieser fast heruntergefegt zu werden, denn plötzlich kommt ein richtiger Sturm auf, und ich kann nur hoffen, dass dies in Wassernähe nicht üblich ist.

Trotz einer Frisur, die einem wild gewordenem Handfeger gleicht, bekomme ich ein Zimmer für 50 Euro ohne Frühstück in der besagten Pension, mit einem grandiosen Ausblick auf die zwei Meter entfernte schmuddelige Wand des nächsten Hauses. Während ich in Deutschland für diesen Preis wahrscheinlich eine Luxussuite bekommen hätte, kann ich hier noch nicht einmal Tageslicht erwarten. Man merkt einfach, dass die Schweiz in nächster Nähe liegt, und dieser See den großen Stars vorbehalten ist.

Ich habe mich von meiner Freundin vor der Reise aufklären lassen, dass Georg Clooney und Brad Pitt hier ein Feriendomizil haben.

Ich interessiere mich nämlich herzlich wenig, für das private Leben jener Schauspieler. Allerdings ist der Georg schon ein hübscher Mann, und es soll hier in Como ein Barkeeper arbeiten, der mit ihm abgelichtet wurde, da er ganz genauso aussieht.

Nach einer heißen Dusche begebe ich mich erneut nach draußen, und komme auch prompt an der besagten Bar vorbei, die eher einem Schloss gleicht. Tatsächlich sehe ich auf der Terrasse den Kellner bedienen, und kann nur bestätigen, dass dieser wirklich eine verdammte Ähnlichkeit mit dem Clooney hat. Eigentlich hätte ich dort gerne einen Kaffee getrunken, aber mit meinen Wanderklamotten und den Bergschuhen finde ich mich dann doch zu »overdressed«. Also setze ich mich auf einer kleinen Piazza im Ortskern in die abendliche Sonne vor einem Restaurant nieder, welches das normale Fußvolk bedient. Dementsprechend schmeckt auch das Essen. Eigentlich bin ich von Italien eine gute Küche gewöhnt, aber hier scheine ich in den braunen Eimer gegriffen zu haben. Glücklicherweise habe ich genügend Abnehmer, die nicht ganz so anspruchsvoll sind. Spatzen tummeln sich in meinem Brotkorb, denn die haben wenigstens den Vorteil, dass sie sich an dem alten Brot nicht die Zähne ausbeißen, und Tauben sitzen zu meinen Füßen und freuen sich, wenn etwas für sie abfällt. So habe ich gleichzeitig eine nette Gesellschaft, und eine gute Tat vollbracht. Zumindest mussten die Vögel nicht mit knurrenden Magen schlafen gehen, was ich dann um 21 Uhr tat.

II.

Trotz der Dunkelheit im Zimmer und des nicht vorhandenen Weckers kann ich mich auf meine innere Uhr verlassen, die mich um ca. 8 Uhr aus den Federn schmeißt. Ich bezahle das Hotel, welches plötzlich fünf Euro billiger ist, was ich meiner heutigen gepflegten Frisur zuschreibe. Ich trete hinaus in den Sonnenschein, und auch der Wind hat sich etwas gelegt. Ich gehe in die Innenstadt, wo ich ein kleines nettes Kaffee finde, in dem ich mich erstmal für den Tag stärke.

Nachdem mich eine Frau fast von meinem Stuhl schubst, da ich nämlich genau im Öffnungsbereich des Kühlschrank sitze, weiß ich wenigstens gleich, wo ich mein Mineralwasser kaufen kann, was ich für meinen ersten Wandertag benötige. Um halb zehn Uhr verlasse ich das Kaffee mit dem sympathischen älteren Besitzer.

Ich folge zunächst der Straße, die direkt am Ufer des Comersees entlangführt. Zur rechten Seite schaukeln einzelne Schiffe im Hafen und zur Linken reihen sich teure Villen aneinander, die von parkähnlichen Gärten umringt sind.

Umgeben von dem Duft des Wassers und den Blüten der zahlreichen Blumen, die überall blühen. Da muss ja Urlaubsstimmung aufkommen, und ich wandere motiviert los.

Nach mehreren Kilometern, in denen ich immer noch der Straße folge, vermischen sich die Gerüche allerdings vermehrt mit den Abgasen der vorbeirasenden Autos.

Das Wanderwegenetz ist hier nicht so eindeutig beschildert wie in Deutschland, und bisher habe ich noch keine Abzweigung gefunden, die mich in die grünen Hänge oberhalb der Straße lenkt. Nach einiger Zeit wandere ich durch ein kleines Bergdörfchen, welches etwas über der Hauptstraße liegt. Dort frage ich einen urigen alten Opi nach dem richtigen Pfad, und er plappert mit seinem zahnlosen, freundlichen, faltenreichem Gesicht in Italienisch auf mich ein.

Anhand meiner Karte kann er mir dann den richtigen Weg deuten. Ich muss nun meine verschütteten Italienischkenntnisse aus den tiefsten Kellern ausheben, denn hier ist trotz des Tourismus »italienisch« die Landessprache, und nicht wie am Gardasee »deutsch«.

Das macht aber auch den Charme dieser Gegend aus, und zu Not kann man sich immer noch mit Händen und Füßen verständigen, worin die Italiener ohnehin die absoluten Meister sind.

So gelange ich dank dem liebenswürdigen Herrn auf einen Wanderweg, auf dem ich endlich von Natur umgeben bin. Alte Steinplatten wechseln sich mit einem weichen Waldboden ab, und zwischendurch wird der Pfad nur zweifußbreit, und ich bräuchte fast eine Sichel, um mich durch das grüne Dickicht zu schlagen.

Um Wegerneuerung und dessen Pflege sorgen sie sich bisher nicht. Irgendwann stehe ich dann mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes »im Wald«, und der Weg ist im Niemandsland verschwunden. Erneut kommt ein älterer Mann des Weges und weist mir die Richtung. Der erzählt mir dann ausführlich die Story vom toten Hund. Sein Sohn hat in Deutschland in Bochum für ein Jahr studiert. Dann ist er nach Indien gereist und hat in Neapel zu Ende studiert. Mich wundert es selber, wie viel italienisch ich noch verstehe, aber vielleicht hat er auch ganz etwas anderes berichtet. Er macht mich dann darauf aufmerksam, dass unterhalb der Straße das Haus von Georg Clooney stehen soll. Ich habe es aber leider nicht entdeckt.

Er ist auf jeden Fall begeistert, dass ich alleine als Frau mit dem Rucksack unterwegs bin, denn als er jung war, hat er dies auch gemacht. Zum Abschied schüttelt er mir herzlich die Hand, und wünscht mir ein schönes Leben.

Nun gehe ich erneut eine Weile an der Straße, bis ich eine Abzweigung finde. Ich folge weiterhin den roten Punkten, die sporadisch angezeichnet sind, außer dort wo wichtige Kreuzungen sind, denn da fehlen sie im Allgemeinen. Irgendwann lande ich dann erneut in der Sackgasse, und vor mir endet ein steiler Hang an der Straße. Ich rutsche diesen Berg mehr oder weniger hinunter, um dann vor einem riesigen Zaun zu stehen, der mich nun von der Landstraße trennt.

Es gibt keine Möglichkeit ihn zu überwinden, also bleibt mir nur die Alternative, den Hang wieder zu erklimmen. Oben angekommen wartet auch schon ein Boxer mit sabberndem Maul auf mich. Als dann auch noch ein Mann dazu stößt, bin ich in keiner Weise beruhigt.

Dann aber springt ein kleines Mädchen um die Ecke, und mein Adrenalinstoß lässt sichtlich nach. Ich folge nun diesem Trio, um abermals die Zivilisation zu erreichen.

Beim nächsten Mal weist mir erneut ein Hund den Weg. Er lenkt mich nämlich zu einer Frau, die mir bestätigt, dass ich umkehren muss, da dieser Pfad nur in die Berge führt. Sie gibt mir zusätzlich den Ratschlag, dass ich einen Stock tragen soll, da es hier Wildschweine gibt.

Ich entschließe mich, lieber die restlichen Kilometer an Abgasschwaden zu ersticken, als von wilden Tieren angefallen zu werden, und stundenlange Umwege in Kauf zu nehmen.

Am frühen Abend erreiche ich dann endlich mein Tagesziel »Argegno« und finde direkt an der Hauptstraße ein Hotel, dass mir ein Zimmer für 50 Euro anbietet.

Diesmal allerdings mit Frühstück, und einem wunderbaren Ausblick auf den Hinterhof, und den Inhalt der Mülltonnen. Glücklicherweise brauche ich das Zimmer nur immer für eine Nacht.

Tagsüber war die Sonne oftmals hinter Wolken versteckt, was zum Wandern ideal war, und nun kann ich die letzten Strahlen des Tages bei einem Glas »Campari« am Ufer des Sees genießen. Später esse ich in meinem Hotel eine große Pizza und trinke ein gutes Gläschen Rotwein dazu. Dies habe ich mir heute sichtlich verdient, da ich bestimmt einige Kilometer umsonst gewandert bin. Aber auch jeder Umweg hat seine Vorteile, denn so bin ich zumindest geistig darauf vorbereitet, wenn plötzlich ein Schwein vor mir stehen würde.

III.

Heute bin ich sogar um sieben Uhr erwacht.

Nach einem hauseigenen ausgiebigen Frühstück beginne ich den neuen Tag. Ich gehe weiterhin auf dem weißen Strich der Straße entlang, da hier sogar der Bürgersteig wegrationalisiert wurde.

Die vielen Lastwägen, die an mir um Haaresbreite vorbeidonnern, unterstützen ihren Lärm noch mit ständigem Hupen. Wobei mir nicht klar wird, ob sie nun hupen, da ich eine Frau bin, und es für sie etwas ungewöhnlich erscheinen mag, dass sie hier mit schwerem Rucksack auf dem Strich entlang marschiert, oder sie mich doch tatsächlich darauf aufmerksam machen wollen, dass diese Art der Fortbewegung nicht ganz ungefährlich ist, da die Straße in den Tunnels gerade noch minimalen Platz für den Gegenverkehr bietet. Deshalb passe ich auch möglichst die Momente ab, wo sich gerade keine Autos durch die Dunkelheit zwängen, und durchquere die Tunnels im Laufschritt.

Endlich erreiche ich in Coronno eine Nebenstraße, die mir etwas Ruhe gönnt. Dort wandere ich an alten Häusern und an Feldern mit knorrigen Obstbäumen vorbei.

In der nächsten Ortschaft Sala Comacina begrüßt mich dann zum wiederholten Male die Hauptstraße.

Da mir mein linkes Knie Probleme bereitet, und ich langsam genug habe von der Inhalation der Autoabgase, entschließe ich mich kurzer Hand auf das Schiff umzusteigen, und somit meine heutige Etappe etwas abzukürzen.

Ich genieße die warmen Sonnenstrahlen und den blauen Himmel über mir, und fahre an kleinen Inseln vorbei, die mit großen Villen bebaut und von grünen Bäumen umgeben sind.

Vor einem Grand Hotel in Tremezzo steige ich aus, um zwar wieder der Straße zu folgen, aber diesmal wenigstens auf dem Bürgersteig und direkt am See entlang. Nach der Hälfte der Reststrecke kehre ich in einem öffentlichen Schwimmbad zum Mittagessen ein.

Es liegt direkt am See, ist fast nicht besucht, und hat eine tolle Poolbar, neben der ich mich auf der grünen Wiese in einen Korbsessel fallen lasse. Angenehme musikalische Klänge und der Blick über den glänzenden See, vermittelt das absolute Urlaubsflair. Dort lasse ich es mir erstmal bei einem Sandwich richtig gut gehen.

Danach lege ich die restlichen Kilometer mit Schmerzen zurück. Ich nehme das erste Hotel in Menaggio, welches ich entdecke, und was diesmal nur 40 Euro kostet. Dafür liegt aber das WC und das Bad auf dem Gang.

Hauptsache ich kann endlich mein Knie schonen, da nehme ich doch alles dafür in Kauf. Später setze ich mich mit einem gekauften Buch auf eine Bank in die Sonne an die Seepromenade. Menaggio ist ein wirklich süßer Ort. Hier fühle ich mich richtig wohl. Er liegt genau auf der linken Hälfte des Sees, wo sich die zwei Arme teilen.

Zum Abendessen kehre ich in mein Hotel zurück, und verstehe gar nicht den plötzlichen Ansturm der vielen Gäste, da der Kellner nicht gerade der schnellste, gepflegteste und arbeitsfreudigste ist. Aber das Essen schmeckt.

Danach ziehe ich mich mit meinem Roman in meine »wohnlichen Gemächer« zurück, und lese bis spät in die Nacht.

IV.

Für den nächsten Tag leiste ich mir eine Auszeit vom Wandern. Ich setze mich zum Frühstück in ein kleines Kaffee im Ortskern, welches mit großartigen schwarz- weiß Landschaftsaufnahmen verschönert ist, und genieße meinen Cappuccino und ein paar Croissants.

Ich beschließe mit dem Mittagsschiff in den gegenüberliegenden Ort Bellano zu schiffen. Momentan versteckt sich sowieso noch die Sonne hinter einer dicken Wolkenwand.

Ich werde noch eine Nacht in diesem Ort verweilen, bis sich meine Knieschmerzen hoffentlich etwas gelegt haben. Ohne schweren Rucksack komme ich auch wesentlich leichter vorwärts. Mittags besteige ich dann das Schiff, und die Sonne scheint auch für mich.

Dieser kleine Ort Bellano überrascht mich mit süßen, engen kleinen Gässchen, die sich in den Hang schlängeln, und immer wieder weite Ausblicke auf den See bieten.

Ich besuche die Schlucht von Bellano, welche natürlich nur mit Eintritt betretbar ist.

Die Schlucht ist ein natürlicher Hals, der vor ca. fünfzehntausend Jahren von den Wassern des Sturzbaches Pioverna gebildet wurde, und sich zwischen Valsassina und Bellano grub.

Die Besonderheit der Schlucht ist, dass man eine kurze Wanderung im Inneren des Halses über eingebaute Laufstege machen kann. Schäumendes Wasser, die Wasserfälle, die geschliffenen Felsen, und die Vegetation am Wasser stellen ein überwältigendes Naturereignis dar.

Ich lasse mir Zeit, und halte die schönsten Bilder mit meiner Kamera fest. Es sind auch nicht viele Touristen hier, sodass ich bald alleine durch die Schönheiten wandle.

Irgendwann kommt der Kartenverkäufer und gibt mir zu verstehen, dass er nun gerne seine Mittagspause machen würde. In einer Stunde würde er wieder kommen. Er bietet mir an, dass ich die Zeit ruhig hier bleiben könnte, er aber die Schlucht zusperrt. Da ich nicht wirklich auf seine Pünktlichkeit vertraue, verlasse ich doch lieber dies Naturspektakel.

Auch ich suche mir in einem dieser verwunschenen Gässchen ein Restaurant, wo ich auf einer Terrasse sitzen, und bei einem guten Essen das rege Treiben der Touristen beobachten kann. Ich komme zur rechten Zeit an den Hafen, wobei mich das Schiff erneut nach Menaggio fahren darf. Bis jetzt verlässt mich mein Zeitgefühl in keiner Weise.

Ich lasse mir die Seeluft um die Nase wehen, und genieße die einzelnen Wasserspritzer, die ich ab und an auf meinem Gesicht spüre.

Wir schlagen zuerst die Richtung gen Norden ein, obwohl mein Zielort genau gegenüber liegt. Nachdem wir an einem Ort angelegt haben, geht es nun erneut zurück nach Bellano, und abermals hält das Schiff dort. Ich denke schon, dass ich das falsche Boot erwischt habe, aber glücklicherweise legt es erneut ab, und schlägt endlich die korrekte Richtung ein.

Durch diesen kleinen Umweg konnte ich somit die Fahrt etwas länger genießen.

Den Abend verbringe ich in einem feinen, edlen Restaurant, welches direkt am See liegt. Ich setze mich bei Kerzenschein auf die überdachte Veranda, und mit meinem edlen Wollponcho kann ich wenigstens meine Wanderkleidung etwas kaschieren.

Vor mir liegt der See, auf dem ein einzelnes blaues Segelboot schaukelt, und die letzten Sonnenstrahlen zaubern ein magisches Licht auf die Hügel und das Wasser vor mir. Im Hintergrund erklingen sanfte Klaviermelodien.

Ich genieße diesen Moment in vollen Zügen, und finde zu totaler Stille in mir selber.

Mit einer Freundin wäre dies eine ganz andere Reise geworden, aber ich weiß nun, warum alles anders kam. Nun finde ich nämlich endlich Ruhe, die ich nach den letzten Jahren dringend benötige, um wieder zu mir selber zu finden.

Bis 22 Uhr lasse ich meinen Gaumen verwöhnen und erfreue mich an dem Beginn der Nacht, die sich über den See herabsenkt. Bald spiegeln sich die Sterne im Wasser wider, und die gegenüberliegenden Orte verwandeln sich in Lichtermeere. Mit diesem schönen Bild im Herzen gleite auch ich bald in meine Träume.

V.

Ich erwache bereits um 6.30 Uhr, welches ich durch das Schlagen der Kirchturmuhr erkennen kann. Das Hotel ist wahnsinnig hellhörig, sodass ich sogar mitbekomme, wenn bei meinem Nachbarn eine Mücke surrt.

Bis acht Uhr schlage ich die Zeit tot, denn vorher hat kein Kaffee geöffnet. Nach einem reichlichen Frühstück checke ich in meinem Luxushotel aus, und besteige das Schiff nach Varenna. Ich möchte heute nämlich meine Wanderung fortsetzen, und auf der gegenüberliegenden Seite dem rechten Arm Richtung Lecco folgen. Laut Karte sind es heute ca. 10 km am See entlang, die ich doch leicht schaffen müsste.

Auf dem See ist es noch sehr stürmisch, und das Boot schaukelt kräftig hin und her. Ich hoffe, dass das Wetter sich noch verbessert.

Zuerst kaufe ich etwas Proviant ein. Dieser Ort ist auch sehr ansprechend, aber sehr touristisch. Dann suche ich mal wieder vergeblich nach besagtem Wanderweg. Nach mehreren Sackgassen will ich schon aufgeben und zurückfahren, bis ich doch noch einen Einstieg finde.

Diesmal ist der Weg richtig beschildert mit dem »Sentiero di Viandate«, und ich folge einem schönen Hohlweg, der mich mit Steinmäuerchen umgibt. Bald verschmälert sich der Weg zu einem kleinen Pfad, und er steigt ständig bergan. Irgendwie muss ich die Höhenlinien in meiner Karte übersehen haben.

Dieser nette kurze Spaziergang entpuppt sich gerade zu einer ausgiebigen Bergtour. Mein Knie wollte sich heute eigentlich nur kurz einlaufen, und außerdem habe ich auch keine Bergstöcke dabei, womit ich das Gewicht etwas ausgleichen könnte. Zum Umdrehen habe ich nun aber auch keine Lust mehr. So schlängele ich mich immer weiter bergauf, bis der Pfad nur noch zwei- oder ein Fußbreit ist, und sich zu meiner Rechten der steile Abgrund befindet.

Da ich nicht unbedingt schwindelfrei bin, ist dies nun wirklich keine entspannte Wanderung mehr. Zwischendurch ist der Weg dann auch noch mit Seilen gesichert, wo sich tiefe Schluchten unter mir ausbreiten, sodass ich mich immer wieder auf mein Gottvertrauen stützen muss, damit ich nicht in Panik ausbreche.