"Es soll dort sehr gut sein" - Elam, Sibylle - E-Book

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Elam, Sibylle

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Beschreibung

Als Trude Klumak 2005 in Zürich stirbt, findet ihre Tochter Sibylle Elam mehrere Bündel Briefe, darunter die Briefe, die Trudes Großeltern in den Jahren zwischen 1937 und 1942 aus Heilbronn an ihre Enkelin schickten. Trude war 1936, im Alter von zwanzig Jahren, zum Gesangsstudium in die Schweiz gekommen. Vom Konservatorium in Stuttgart war sie als Jüdin ausgeschlossen worden. Die Großeltern setzen all ihre Hoffnung auf Trude. Sie möchten, dass die Enkeltochter in die USA weiterzieht und sie nachreisen lässt, um so dem nationalsozialistischen Deutschland zu entkommen. Doch Trude bleibt. Was die Großeltern nicht wissen: 1941 hat Trude einen Sohn geboren, ein uneheliches Kind. Trude lernt ihren Mann Alex kennen, der 1938 aus Wien geflüchtet ist. Während Europa in Krieg und Vernichtung versinkt, versuchen die beiden – staaten- und mittellos –, sich in Zürich eine Existenz aufzubauen, anzukommen. Für Sibylle Elam öffnet sich mit den Briefen ihrer Eltern eine Tür zur Vergangenheit. Sie realisiert, wie viel verschwiegen und verdrängt wurde, und sie setzt die verlorene Geschichte ihrer Familie Stück für Stück, Brief um Brief wieder zusammen.

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sibylle Elam

»Es soll dort sehr gut sein«

Eine Familiengeschichte von Flucht,Vernichtung und Ankunft

Mit einem Nachwortvon Stefan Mächler

Der Verlag dankt folgenden Institutionen für die finanzielle Unterstützung

Georges und Jenny Bloch-Stiftung

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Im gedruckten Buch finden sich zusätzlich zahlreiche historische Bilder und Dokumente.

© 2017 Rotpunktverlag, Zürichwww.rotpunktverlag.ch

Umschlagbild: Februar 1942, Trude und Alexspazieren am Zürcher Üetliberg.

eISBN 978-3-85869-768-4

1. Auflage 2017

Inhalt

 

Einführung

 

Begegnung

 

Trude in Zürich, Alex in Thalheim: Liebe im Postverkehr

Teil I

Flucht – Von Heilbronn nach Zürich

 

Herkunft Trude

 

Von New York nach HeilbronnTrudes KinderjahrePapa Arthur – ein Waldo aus BerlinDie Juden in Süddeutschland bis zur Machtergreifung Hitlers 1933Die Franks und die Morgenroths – deutsches Landjudentum

 

Trude kommt in die Schweiz

 

Rette sich, wer kann: Briefe der Großeltern bis KriegsbeginnDie jüdische Bevölkerung wird entrechtetTrude soll heiraten oder Karriere machenNachrichten von Papa ArthurTrude erhält Unterstützung von der jüdischen FürsorgeDie jüdischen Gemeinden und die Flüchtlingsfrage

 

Fanny und Ike haben allen Grund, sich zu beunruhigen

 

Trudes Kind, der kleine KlausPapa Arthur und Trude haben den BluesJudenhäuser, Judenstern und viele weitere Schikanen

Teil II

Flucht – Von Wien nach Zürich

 

Herkunft Alex

 

Reisel Friedman aus BrodyReisel und Rudolf Klumak gründen eine FamilieAlex – ein junger WienerDas jüdische WienAlex auf der FluchtAuch Reisel, Selma, Anny und Camillo kommen in die Schweiz

 

Alex’ erste Jahre in Zürich: Fürsorge und Bürokratie

 

Arbeitslager für FlüchtlingeAlex’ Familie in SchaffhausenSchaffhausen – Ort der Rettung

 

Alex, Trude und Klaus werden eine Familie

 

Klaus kommt nach HauseKlumaks im Spiegel der Vormundschaft

Teil III

Vernichtung – Ein Ende mit Schrecken

 

Beginn der Deportationen

 

Selma Morgenroth fährt nach OstenFannys und Ikes Ankunft in HaigerlochEin Bräutigam! – Die glückliche Nachricht für die GroßelternDie letzten Briefe von Fanny und IkeIke und Fanny brechen auf zu ihrer letzten ReiseIm Ghetto TheresienstadtPapa Arthur – von Prag über Theresienstadt nach Riga

 

Belgien – eine schicksalhafte Wahl

 

Belgien und die JudenDas Internierungslager Gurs in FrankreichEdys Briefe aus GursGurs – Brüssel – Auschwitz – Groß-RosenRudolf Klumak stirbt in der InfirmerieBerta Klumak-Fischer stirbt in der SammelstelleJosi Baci fährt nach Nisko

Teil IV

Ankunft – Nach dem Krieg

 

Normalisierte Emigranten

 

Die Flüchtlinge sollen weiterwandernWohin nach dem Krieg?Sibylle, das Nachkriegsglück, und Klaus, der SchwierigeWalter S., der unterhaltspflichtige Kindsvater

 

Der Weg zur formalen Anerkennung

 

Aufstieg am Zürichberg

 

Alex und Trude bemühen sich um verlorenen Besitz

 

Zähes Ringen um Wiedergutmachung

 

Einbürgerung

 

Mit der Vergangenheit leben

 

Unsere jüdische Identität

 

Die Spurensuche

 

Nachwort von Stefan Mächler

 

Dank

 

Anmerkungen

Für Ayana, Julia und Dimitri

Einführung

Als ich ein Kind war, sprachen meine Eltern oft von den Kriegsjahren und von der Zeit vor dem Krieg, als sie in die Schweiz kamen. Meine Mutter Trude erzählte von den Schuldgefühlen gegenüber ihren Großeltern, Fanny und Ike, die in Heilbronn zuerst aus ihrem Haus gewiesen und später nach Theresienstadt deportiert worden waren und die sie, Trude, nicht aus Deutschland herausgeholt und gerettet hatte.

Mein Vater Alex sprach oft von seiner Kindheit in Wien und erzählte, wie die Mutter, seine Schwestern und er selber sich in die Schweiz gerettet hatten. Wir, das sprachen beide oft aus, hatten unendliches Glück gehabt, dass wir hier waren, dass wir beisammen waren. »Hier«, das war ganz konkret die Schweiz, hieß aber auch, dass sie den Krieg überlebt hatten. Wenn Alex und Trude von dieser dunklen Zeit sprachen, brauchten sie Wörter wie »Krieg« oder »Vernichtung«, sie erwähnten auch Theresienstadt und Auschwitz, später Gurs – von anderen Lagern war nie die Rede. Der Begriff »Holocaust« hat sich erst viel später eingebürgert. Alex und Trude haben ihn nie in ihren Wortschatz aufgenommen.

Mit den Jahren meinte ich, alles Wissenswerte gehört zu haben. Die Familie schien auch leicht überschaubar: Auf Trudes Seite waren einige wenige rechtzeitig in die USA emigriert, alle andern waren deportiert und ermordet worden. Es gab nur ein Familienmitglied, zu dem Trude Kontakt pflegte, das war ihr Großcousin Ludwig Frank in Israel. Sie nannte ihn ihren einzigen überlebenden Verwandten. Die Verwandten in den USA schienen nicht relevant, sie waren fern. Wären sie wirklich Familie gewesen, hätten wir Briefe von ihnen erhalten, sie wären zu Besuch gekommen, und wir hätten an den Feiertagen an sie gedacht.

Die Familie meines Vaters Alex war das genaue Gegenteil von Trudes mystifizierter, verschwundener, vernichteter und nur in ihren selektiven Erzählungen vorhandener Familie – Alex’ Verwandte waren präsent, sie pflegten einen regen Kontakt untereinander, Herkunft und Emigration mit all ihren Folgen waren oft Thema. Die Geschichten wurden immer wieder neu interpretiert, Vergangenes verherrlicht oder schlechtgemacht, über einiges wurde gestritten, über anderes gelacht. Wenig wurde hingegen über die Deportation von Alex’ Vater und seinem Bruder mit Frau und Kind gesprochen. Erst im Zuge dieser Recherche ist mir bewusst geworden, wie vieles auch hier verdrängt oder verschwiegen wurde.

Alex starb 1997, Trude 2005. Als wir nach ihrem Tod die Wohnung räumten, machte ich eine unerwartete Entdeckung. Ich fand mehrere Bündel von Briefen. Der dickste Bund enthielt Briefe, die die Großeltern an Trude aus Heilbronn geschrieben hatten, in den Jahren 1938 bis 1942 – bis zu ihrer Deportation. Ein weiteres Bündel war ein Wechsel von Liebesbriefen zwischen Alex und Trude aus den Jahren 1941/42, als sich die beiden eben kennengelernt hatten. Dann gab es noch die Schreiben von »Papa Arthur«, Trudes Vater, und einige Postkarten von Leuten, von denen ich noch nie gehört hatte. Auch von Alex’ Bruder waren Briefe erhalten, aus Belgien und aus dem Lager Gurs. Ein einziges Schreiben stammte von seinem Vater.

Diese Briefe waren für mich der Schlüssel zu meiner Familiengeschichte, die ich so Stück für Stück zusammensetzen konnte. Trudes Antworten auf die Briefe der Großeltern und des Vaters sind nicht erhalten.

In den Briefen der Großeltern, die als »Mama« und »Vater« unterschrieben, tauchten viele Namen von Angehörigen auf, von denen Trude nie gesprochen, die sie nie erwähnt hat. Nach der Lektüre dieser Briefe verstand ich erst, wie zahlreich ihre Familie eigentlich war, dass viele überlebt hatten und durchaus erreichbar gewesen wären. Dass aber auch viele, von denen sie nie gesprochen hat, umgebracht worden waren. Etliche von Trudes Familienmitgliedern habe ich wiedergefunden, sei es als noch erreichbare Person oder als bloßer Name im Internet, in Archiven, in Publikationen, auf genealogischen Websites oder auf den Listen der Vernichtungslager.

Als weitere Quelle zum Verständnis unserer Familiengeschichte dienten mir die archivierten Dokumente der jüdischen Flüchtlingshilfe (VSIA/VSJF1) betreffend Trude und Alex und dessen Familie. Hier konnte ich auf Quittungen, Sitzungsmemos, Korrespondenzen mit staatlichen Institutionen, Bittschriften, abschlägigen, aber manchmal auch freundlichen Antworten den mühsamen und für alle zermürbenden Flüchtlingsalltag ablesen, die Kraft auch, die es brauchte, um diese Jahre zu überstehen, eine Familie zu gründen und sie in einen ganz normalen Alltag zu führen. Eine weitere Geschichte erzählen die Vormundschaftsakten zu meinem Halbbruder Klaus, den Trude 1941 als uneheliches Kind zur Welt brachte. Diese Akten zeichnen ein detailliertes Sozial- und Sittenbild des Zürcher Alltags, in dem sich Trude und Alex zurechtfinden mussten – während gleichzeitig in Deutschland und Österreich die entrechtete Familie zuerst um ihr materielles Gut und dann um ihr Leben gebracht wurde.

Begegnung

Es war im Spätsommer 1941. Trude Waldo stand im Foyer der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ an der Lavaterstraße, wo seit einigen Monaten warme Mahlzeiten für Bedürftige ausgegeben wurden, und schaute sich nach einem freien Platz an einem der langen Tische um. Am liebsten war sie hier für sich, das Gespräch mit den Tischnachbarn suchte sie nicht. Die fünfzig Rappen für die Mahlzeit wurden ihr von den neunzehn Franken, die sie wöchentlich von der jüdischen Fürsorge erhielt, abgezogen.

Den Großeltern in Heilbronn, bei denen sie aufgewachsen war, hatte sie versprochen, einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Das war 1936. Trude war damals als knapp Zwanzigjährige von Heilbronn als Gesangsstudentin nach Zürich gekommen. Allerdings nicht ganz freiwillig, vielmehr war sie als Jüdin von ihrem Studium an der Musikhochschule in Stuttgart ausgeschlossen worden. In den ersten beiden Jahren hatte die Großmutter sie noch mehrmals besucht und ihr jeweils Essensgutscheine für das alkoholfreie Restaurant Oleander am Zeltweg 4 besorgt. Jetzt war dies nicht mehr möglich.

Trude studierte in Zürich an der Accademia di Canto von Professor Alfredo Cairati Gesang. Ihr gefiel das Leben im sicheren Zürich, sie schloss Freundschaften an der Accademia und verbrachte viel Zeit im Café Select, wo sich Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle und politische Flüchtlinge trafen. Der Mittagstisch der ICZ hingegen war für sie eine lästige Notwendigkeit. Sie fühlte sich dort nie wirklich zugehörig und suchte schon gar nicht Kontakt zu anderen Flüchtlingen aus Heilbronn. Schließlich war sie mit dem Status einer Studentin in die Schweiz gekommen, heilfroh, der Enge von Heilbronn und dem kleinbürgerlichen Mief endlich entkommen zu sein. Was nicht hieß, dass der Krieg und das Schicksal ihrer Familie nicht schwer auf ihr lasteten.

Alex Klumak sah Trude sofort, als sie das Foyer betrat. Zusammen mit anderen Wiener Emigranten saß er an einem Tisch mit Blick zum Eingang. Alex hatte Wien sechs Wochen nach der Annexion Österreichs durch Deutschland überstürzt verlassen und suchte seither immer wieder die Gesellschaft anderer Wiener. So auch in Zürich, wo er sich an der Kreuzstraße ein Zimmer mit zwei Landsleuten teilte, Flüchtlingen wie er.

Die Wiener trafen sich jeweils mittags und abends in der ICZ – allerdings nicht nur wegen der Mahlzeiten, ebenso wichtig war der Austausch von Informationen: Die Schweiz erwartete damals von den Flüchtlingen, dass sie sich in erster Linie um die sogenannte Weiterwanderung bemühten. Und so wurde in der Wienerrunde angeregt über Möglichkeiten spekuliert, Wunschvorstellungen mischten sich dabei mit konkreten Erfahrungen, Tipps und Gerüchte wurden aufgenommen, verworfen, vermehrt: Welche Länder verliehen zu welchen Bedingungen Einreise- oder Transitvisa, wie ließen sich fehlende Papiere beschaffen, welche Berufe waren wo gefragt, welche Hilfskomitees konnte man anschreiben, wo brauchte es welche Bürgschaften, und wo gab es allenfalls Verwandte, die solche Bürgschaften leisten konnten …

Doch Alex interessierte sich jetzt nicht für die Gespräche an seinem Tisch. Seine ganze Aufmerksamkeit galt der jungen Frau, die soeben den Saal betreten hatte. Sie trug eine kornblumenblaue Bluse und einen grünen Jupe mit buntem Muster, war eher klein, schlank und ging sehr aufrecht. Ihre Haare waren leuchtend rot. Alex hatte sie schon vor ein paar Tagen bemerkt, sie jedoch pflegte den Wiener Stammtisch geflissentlich zu übersehen.

Beide haben sich später noch sehr genau an diese erste Begegnung erinnert.

Nach dem Essen nahm Trude ihr schwarzes Notenköfferchen und machte sich auf den Weg. Alex ließ seine Freunde kurzerhand sitzen und folgte ihr. »Fräulein«, sprach er sie an, »darf ich Sie ein Stück begleiten und Ihre Tasche tragen?« »Wenn Sie wollen«, antwortete sie, »aber ich bin gerade auf dem Weg zu meinem Sohn.« Worauf Alex seinen Wiener Charme spielen ließ und schmeichelte: »Was, ein Kind hat schon ein Kind?«

Er begleitete sie ins Kinderheim Schanzacker und lernte so am selben Tag nicht nur seine zukünftige Frau, sondern auch seinen zukünftigen Sohn kennen – den kleinen Klaus, den Trude damals Bimbo nannte.

Trude in Zürich, Alex in Thalheim: Liebe im Postverkehr

Schon bald nach dieser ersten Begegnung musste Alex in ein Arbeitslager des Bundes für Flüchtlinge einrücken. Wie es ihm dort erging und wie Trude diese Zeit in Zürich verbrachte, erfahren wir aus den Briefen, die die beiden sich schrieben. Der erste Brief von Alex datiert von November 1941, als die beiden sich noch siezten. Offenbar ließ ihn Trude anfangs noch etwas zappeln. Trudes erste erhalten gebliebene Briefe an Alex sind von Mai 1942, als die Beziehung schon eng war. Der Briefwechsel endet im Oktober 1942.

Im November 1941 wurde Alex also ins Wallis geschickt, zuerst ins Arbeitslager in Vouvry, von wo aus er den ersten Brief an Trude schickte. Darin äußert er die Befürchtung, es in diesem Monat wohl kaum noch nach Zürich zu schaffen. Obwohl er den Brief an die »Kleine Trude« richtet, ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Vertrautheit zwischen den beiden spürbar.

Doch Alex schaffte es wohl doch, »Dispensation« zu erhalten – eines der Zauberwörter im Lagerjargon. Der zweite Brief ist vom 28. November 1941 und kommt aus dem Arbeitslager in Gampel, ich vermute, dass sie sich in der Zwischenzeit wiedergesehen haben: Der Ton ist vertrauter, Alex thematisiert bereits eine mögliche Beziehung und schreibt, dass ihm Trudes Nähe fehle. Gampel findet er eng, die Berge behinderten die Fernsicht, es sei »ein kleines, schmutziges Walliserdorf«. Sie arbeiten im Kartoffelfeld, schlafen in einem kalten Raum auf Strohsäcken, waschen sich im Freien am Brunnen – insgesamt findet Alex den Lageralltag vor allem öde:

Man geht ins Kaffee, weil es da vielleicht wärmer ist, hie und da schaut man in ein Buch, weil man doch noch etwas Kultur hat, wenn auch beschränkt, wie überhaupt die Freizeit, die einem zur Verfügung steht. So ist es, und auch die Gedanken sind dem Zustande angepasst, beschränkt.

Noch bevor das Jahr zu Ende ging, waren die beiden ein Liebespaar. Erhalten ist ein Couvert mit dem Briefstempel 1941 und einer Karte mit nur einem Satz: »krank, Kleinchen? Grüße Alex.«

Die folgenden Briefe handeln immer wieder von ihrer Beziehung – die beiden durchleben in diesen Monaten alle Höhen und Tiefen einer jungen Liebe –, gleichzeitig erzählen sie sich von ihrem Alltag: Trude kämpft in Zürich mit der Disziplin und leidet gelegentlich unter depressiven Verstimmungen, weil es ihr nicht gelingt, den eigenen Ansprüchen wie auch denen des Gesangsprofessors gerecht zu werden. Viel Platz nehmen auch kleinere Dramen ein, es geht um die Konkurrenz zwischen Musikern und Musikerinnen, um Anerkennung und Erfolg. Mit der Zimmerwirtin hat Trude regelmäßigen Ärger, Freude bereiten ihr hingegen die Besuche bei Klaus. Auch nimmt sie rege am kulturellen Leben in Zürich teil. Über die Situation der Großeltern verliert Trude in diesen Briefen nicht viele Worte, die politischen Entwicklungen verfolgt sie, wie sollte es anders sein, mit großer Sorge – aber auch mit Distanz.

Alex zermürbt im Lageralltag mehr der Müßiggang, die Langeweile denn strenge Arbeit. Er möchte in Trudes Nähe sein, möchte sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

Mitte Mai 1942 muss er ins Arbeitslager Thalheim übersiedeln. Am 18. Mai schreibt er optimistisch:

Bald sehe ich Dich wieder und das ist das Schönste an dem Lager. Der Eindruck war gar nicht so schlimm, man könnte sogar ein paar Tage Urlaub hier verbringen, bis jetzt habe ich auch noch nichts gearbeitet. […] Gerade heute ist Tonfilmabend und ich habe so gar keine Lust dazu. Die Umgebung ist schön, hügelig, man ist mitten im Grünen, am Lande und nicht so weltabgeschieden.

Am nächsten Tag beginnt er zu arbeiten:

Den ersten Arbeitstag habe ich also hinter mir, es war nicht gerade sehr arg, ich arbeite an der Steinbrechermaschine. Muss es leider nehmen, so leicht es geht; früher hätte ich gesagt, ich müsse mich eingewöhnen, heute aber weiß ich, dass ich mich nie eingewöhnen werde und nicht will. Habe ich nicht die reizendste und charmanteste Frau? Ist nicht meine Geliebte in Zürich, allein und ferne von mir, muss ich es nicht als eine Qual empfinden, hier festgehalten zu sein, während mein Herz und meine Gedanken immer bei Dir sind? Was machst Du wohl jetzt […]? Bist wohl fleißig? Wir stehen um 6 Uhr auf und bis um 8 Uhr denke ich, ob Du wohl auch schon so weit bist. Stehe früh auf, Kleinchen, und nütze den Tag!

Diese väterlich vorgetragenen Ermahnungen zu Disziplin kommen in vielen Briefen vor und entsprechen dem Muster, das in diesen ersten Jahren die Beziehung prägt: Alex ist der pflichtbewusste zukünftige Versorger, Trude die Sensible, deren Verzweiflung und psychische Schwankungen er aufzufangen sucht.

Später verbrachte Trude einige Tage in Thalheim, sie fand ein Zimmer bei einer Bauernfamilie in der Nähe. Die beiden genossen diese gemeinsame Zeit sehr – umso schwerer fiel ihnen die Trennung danach.

Dass Nachrichten von den Großeltern in Deutschland in den Briefen wenig Raum einnehmen, heißt nicht, dass diese kein Gewicht gehabt hätten. Anfang Juni schreibt Trude an Alex: »Von zu Hause hatte ich heute eine ganz optimistische Karte. Unseren Brief hatten sie noch nicht. Ich lege Dir die Karte bei. Wenn sie wahr ist, freue ich mich riesig.«

Die Karte ist nicht erhalten, eine Antwort von Alex hingegen schon: »Über die Karte von deinen Eltern freue ich mich sehr! Siehst Du, Du kleine Pessimistin, man muss sich nicht immer gleich Sorgen machen!«

Doch zur Sorge gab es durchaus Grund: Die Großeltern – mittlerweile 71 und 74 Jahre alt – waren einige Monate zuvor gezwungen worden, ihr Haus in Heilbronn zu verlassen und in ein »Judenhaus« zu ziehen. Im Februar 1942 waren sie dann praktisch ohne Hab und Gut in die südlich von Stuttgart gelegene Kleinstadt Haigerloch gebracht worden, ins Wohnviertel Haag, wo sie in den leeren Häusern der jüdischen Familien, die bereits nach Osten deportiert worden waren, untergebracht wurden.

Im Mai hatten die Großeltern von Trude schließlich die frohe Nachricht erhalten, dass sie den Mann fürs Leben gefunden habe. Die Zustimmung der Großeltern zu ihren Heiratsplänen war Trude sehr wichtig. Am 9. Juni schreibt sie an Alex: »Und nun – der ersehnte Brief ist eingegangen, ich lege ihn bei. Du wirst Dich freuen damit. Ich bin nämlich froh über diesen Brief. Den Segen der Eltern.« Die Großmutter schien ob der Ankündigung ganz aus dem Häuschen gewesen zu sein. So spottet Trude im Brief vom 15. Juni an Alex: »Von zu Hause habe ich heute Post gehabt. Die Mutter hat ein wenig überspannt geschrieben. Man muss sie halt verstehen. Sie lebt in Superlativen.«

Wie sehr nahmen Trude und Alex die Dramatik der Situation wahr? War ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass es bei den Großeltern um Leben oder Tod ging? Sie selber fühlten sich in der Schweiz sicher, sie machten sich zwar Gedanken über eine mögliche »Weiterwanderung«, jedoch ohne Dringlichkeit, sie planten dies eher für die Zeit nach dem Krieg:

Was meinst du zu England? […] Man sollte wohl nicht den Ausgang des Krieges abwarten und dann erst anfangen, sich um die Ausreise zu bemühen. Wir müssen wohl jetzt damit beginnen. Ich werde morgen anfangen an die verschiedenen Adressen nach USA zu schreiben. Zu rasch wird es ohnedies nicht klappen. Deutschland hat eine ganz gewaltige Schlacht in Libyen geschlagen. Hast Du gesehen das Vorgehen mit Tanks und einem riesigen Einsatz von Feuerwerfern? Es ist unsagbar grausam. Wir wollen doch glücklich sein, dass wir das Lager ertragen dürfen, als dass wir im Krieg wären. Nicht wahr, Darling? Wir haben es ja noch so unsagbar gut so.

Trude bemühte sich, ihren Optimismus zu wahren, doch trotz ihrer Verliebtheit und den Heiratsplänen ging es ihr nicht gut. Ihre depressiven Verstimmungen behinderten sie in ihrem Studium stark, zudem war ihre finanzielle Lage dermaßen prekär, dass sie sich kaum ausreichend ernähren konnte.

All diese Widrigkeiten hinderten sie allerdings nicht daran, aktiv am kulturellen Leben teilzunehmen. So berichtet sie in den Briefen an Alex nicht nur von ihrer verzweifelten Stimmung, sondern auch von Kinobesuchen – »der reizendste detektivische Lustspielfilm«, »ein sentimentaler Film mit der Bergman« –, im Puppentheater sieht sie eine Aufführung von Shakespeares Sturm, oder sie ist »wie geschlagen« von einem Konzert mit Wilhelm Furtwängler: »Es war ein sehr, sehr großes Erlebnis. Beethoven 7. und Brahms 4. Symphonie. Du machst Dir überhaupt keinen Begriff, wie Furtwängler sein Orchester mitreißt. Er dirigiert fast wie im Trancezustand.« Bücher holt sie sich aus der Pestalozzi-Bibliothek. Oder sie sitzt »im Bali bei einem Café, der Zeitung und guten amerikanischen Tanzplatten«. An anderer Stelle schreibt sie ergriffen von einer Gedenkfeier für Stefan Zweig, die von der Kulturgemeinschaft der Emigranten in Zürich organisiert wurde. Stefan Zweig hatte sich im Februar 1942 im Exil in Brasilien das Leben genommen.

Auch im Lager in Thalheim gab es kulturelles Leben. Alex, der sich zu allem Notizen machte, um seine Trude daran teilhaben zu lassen, berichtet von einem »bunten Abend«: Da spielen die Herren Felix Mahler und Hans Viebahn Mozart vierhändig, darauf gibt Rudi Wasservogel eigene Dichtung zum Besten, »Ironie« und »Erwachen«. Als Nächstes spielt Mahler zwei Etüden von Chopin, und ein Franz Hirschfeld singt Lieder. Es folgen kabarettistische Einlagen, einer singt Mamatschi und das Fiakerlied, später wird ein anderer Mamatschi gar parodieren, Pianist Viehbahn spielt Liszt und Brahms, Kurt Fenster singt Negrospirituals und Chansons, und ein Gerhard Liwschitz trägt arabische Erzählungen vor … Es muss ein sehr langer Abend gewesen sein im verrauchten Saal. Gut möglich, dass unter den Vortragenden mehr als ein begabter oder renommierter Künstler war.

Auch Trude wäre gerne aufgetreten. Sie wollte öffentlich ihr Können zeigen, sich einen Namen machen, wie es ihr der Professor empfahl. Alex scheint sie dabei nach Kräften unterstützt zu haben. Über das Lager vermittelte er ihr Kontakte zur Kulturgemeinschaft der Emigranten in Zürich. Doch es scheint ein Weg voller Komplikationen gewesen zu sein, geprägt von Konkurrenz, von Kränkungen, Neid und Missgunst.

Leistung war zwischen den beiden ein wichtiges Thema – Trude hatte künstlerische Ambitionen, konnte sie aber wegen psychischer Probleme nicht umsetzen. Für Alex wiederum bedeutete Leistung vor allem »ein freier Mensch unter Menschen sein und nicht gedrückt und scheu von Entbehrungen, es nicht wagen zu dürfen, mich anderen Menschen gleich zu empfinden«, wie er am 6. Oktober 1942 schreibt.

Trude wohnte in diesen Monaten an der Freischützgasse 12 bei einer Frau Kaufmann, einer nicht ganz einfachen Zimmerwirtin. Mal hatte Trude Krach mit ihr, weil sie zu viel Geld fürs Gas verlangte, dann wiederum war »Madame« beinahe zu nett und ließ ihr »keine ruhige Minute«, da ihr Freund sie verlassen hatte und sie Trude nun von ihrem Leid berichten wollte.

Im ihrem letzten Brief nach Thalheim vom 28. Oktober beschreibt Trude einen großen Krach mit ihrer Vermieterin. Frau Kaufmann hatte Trude abgepasst, als diese nach einer »schmerzhaften Zahnextraktion«, nach der sie noch Klavierstunden gab, völlig erschöpft nach Hause kam:

Frau Kaufmann ließ einen solchen Auftritt von Stapel, als ich nach Hause kam, dass ich auf sie losging, sie zu verhauen. Ich regte mich maßlos auf.

Angefangen hatte es damit, dass sie wieder den hohen Tisch ins Zimmer stellte und behauptete ich hätte den anderen absichtlich kaputt gemacht. Dann ging es weiter, ich würde aus Rache von ihren Sachen stehlen und – jetzt kommt der Höhepunkt, stelle Dir vor, Darling – ich würde mich herumtreiben […]. Sie will auch dafür sorgen, dass ich ins Lager komme, ich sei moralisch verkommen. Dass ich ein Kind habe, nicht selbst es versorge, sondern dass man immer auch für mich sorgen müsse und ich jeden Menschen ausnütze. […] Und dann schoss mir plötzlich so eine Wut in den Kopf, dass ich auf sie losging, aber ohne sie dann zu hauen (leider). […] Sag’, Darling, darf ich solche Vorwürfe, von einer Wahnsinnigen gesprochen, auf mir beruhen lassen? Ich hätte sie einfach totprügeln sollen, diesen Wurm.

Die Vorwürfe sind schrecklich, umso beeindruckender ist, dass Trude das nicht auf sich sitzen ließ – welch wunderbare, welch temperamentvolle, welch kindliche Wut!

Im August 1942 wurden die Großeltern von Haigerloch nach Theresienstadt deportiert. Die genaue Adresse, die der Großvater in seinem letzten Brief noch schicken wollte, erreichte Trude nicht mehr, sie erhielt von den Großeltern nie mehr ein Lebenszeichen. Wie sie das in diesen Monaten verkraftete, wissen wir nicht, die Deportation der Großeltern wird im Briefwechsel nicht erwähnt.

Teil I

Flucht – Von Heilbronn nach Zürich

Herkunft Trude

Gertrud Paula Waldo kam am 13. September 1916 in Düsseldorf zur Welt, als Tochter von Selma Sibylla Sophie Waldo-Morgenroth und Arthur Aaron Waldo. Die junge Mutter Selma war gerade mal zwanzig Jahre alt und starb acht Tage nach Trudes Geburt an Kindbettfieber. Trudes Vater, Papa Arthur, war viel auf Reisen und sah sich nicht in der Lage, das Neugeborene bei sich zu behalten. Die Großeltern Fanny und Isak »Ike« Morgenroth-Frank hatten früh ihren Sohn David verloren und mussten nun auch noch den Tod der geliebten Tochter verkraften. Sie waren gerne bereit, das Enkelkind zu sich zu nehmen. Fanny war damals 46, Ike 49 Jahre alt.

Von New York nach Heilbronn

Fanny und Ike hatten die ersten Jahre ihrer Ehe in New York gelebt. Beide stammten aus kleinen süddeutschen Städten, Fanny aus Bad König im Odenwald (Hessen), Ike aus Ernsbach im Kochertal (Baden-Württemberg). Weshalb und wann Ike nach New York emigrierte, weiß ich nicht. Fanny folgte ihm 1892 – eine junge Frau, die zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Bertha das Wagnis auf sich nahm und über den Ozean ins fremde Land reiste. Vermutlich kannten sich die Familien, und die beiden waren einander bereits versprochen, sonst hätte Fannys Familie, die traditionell lebte und fromm war, sie wohl kaum reisen lassen.

In New York wohnten Fanny und Ike wie viele andere jüdischen Familien in Lower East Manhattan, in der 441 E. 19 Str. Ihre Tochter Selma – Trudes Mutter – kam dort am 15. Juni 1896 zur Welt. Materiell muss es ihnen bald recht gut gegangen sein, wenngleich unklar ist, was Ike in New York beruflich machte. In Selmas Geburtsurkunde steht unter der Rubrik »Beruf des Vaters«: Beerbottler, doch damit wird er wohl kaum zu Geld gekommen sein. Zwei Jahre nach Selma, am 23. Juni 1898, wurde David geboren. Doch Dewey – so sein Kosename – starb 1907 im Alter von neun Jahren an Masern oder Grippe.

Nicht lange nach Deweys Tod erreichte Fanny und Ike ein Telegramm von Ikes Bruder Max. Dieser war einige Jahre zuvor Teilhaber der Schuhfabrik seines Schwagers Hermann Buxbaum in Würzburg geworden und sah nun eine günstige Gelegenheit für Ike, einen Schuhladen in Heilbronn zu übernehmen. Und so befand sich die Familie wenige Wochen später bereits auf der Rückreise.

Anfänglich wohnten sie in Heilbronn über dem Schuhgeschäft an der Inneren Rosenbergstraße 22, doch schon bald konnten sie ein eigenes Haus an der Staufenbergstraße 36 mit zwei oder drei Wohnungen erwerben.

Selma war bei der Rückkehr nach Deutschland 1908 oder 1909 ein Teenager. Die Großeltern erzählten Trude später, ihre Mutter habe Deutsch mit amerikanischem Akzent gesprochen und sei sehr musikalisch gewesen. Selma erhielt am Konservatorium eine Klavierausbildung. Wo und wie sie Arthur Waldo kennenlernte, den Sohn aus wohlhabendem Berliner Haus, weiß ich nicht. Es wird sich wohl nicht um eine arrangierte Ehe gehandelt haben, denn Fanny und Ike sollen vom Schwiegersohn wenig angetan gewesen sein. Trude hat immer wieder betont, wie traurig ihre Mutter auf dem Verlobungsbild aussieht. Arthur war dreizehn Jahre älter als Selma, sie heirateten am 25. November 1915. Ob diese kurze Ehe, die so früh mit Selmas Tod endete, wirklich eine unglückliche war? Trude hat später möglicherweise die Sichtweise der Großeltern übernommen.

Trudes Kinderjahre

Ike und Fanny mussten sich jetzt also wieder auf das Leben mit einem Kleinkind umstellen. Ein Kindermädchen half bei der Betreuung der kleinen Trude, welche die Großeltern Selma, nach dem Rufnamen der verstorbenen Tochter, nannten. Trude war vielleicht der Trost ihrer Großeltern, doch ein einfaches Kind war sie nicht. Fanny soll Trude oft einen Nagel an ihrem Sarg genannt haben, bevor sie sich dramatisch, eine Schwäche inszenierend, auf die Chaiselongue im Musikzimmer fallen ließ.

Von ihrem Großvater Ike hat Trude immer mit viel Zärtlichkeit und Bewunderung gesprochen. Er war groß gewachsen, sehr schlank, mit ins Olive spielendem Hautteint und dunklen Augen, sein Haar war bereits weiß, als Trude noch ein kleines Kind war. An Sonntagen zog er oft früh zum Fischen los und kehrte gegen Mittag mit seinem Fang zurück, meist brachte er auch einige frische Eier mit, die er bei Bauern auf dem Land erstanden hatte. Ein gradliniger, anständiger Mensch, der von seiner Umgebung geschätzt wurde und der – auf eine stille Art – seine Enkeltochter liebte. Großmutter Fanny war klein und rundlich mit blonden Locken, eine lebhafte Frau und sicher sehr tüchtig. Sie arbeitete im Schuhgeschäft mit, war aber auch eine Hausfrau, die gerne kochte und buk. Sie hatte hinter dem Haus einen Gemüsegarten und hielt zeitweise auch Hühner. Im Keller gab es Steinguttöpfe mit eingemachtem Kraut, zudem lagerten dort Gemüse und heiß in Gläser eingefüllte Früchte. Auch ein Fässchen Wein stand immer im Keller, kein Wunder, liegt doch Heilbronn in einer fruchtbaren Weingegend. Trude hat wenig von dieser bodenständigen Seite der Großmutter gesprochen, die ihr selber so gänzlich abging. Sie hat Fanny vor allem als überspannt beschrieben, als ängstlich und übertrieben fürsorglich. Leider habe ich nie ein Bild meiner Urgroßeltern gesehen. Trude deponierte sämtliche Fotos, die sie von ihnen hatte, bei ihrem Psychoanalytiker und verlangte sie dann nie zurück.

Fanny und Ike waren beide nicht besonders fromm, obwohl sie orthodoxen jüdischen Familien entstammten. Sie führten keinen wirklich koscheren Haushalt und besuchten die Synagoge meist nur an den Feiertagen. Sie waren Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde, übten dort jedoch keine Funktionen aus. In erster Linie waren sie deutsche Staatsbürger, angepasst und emanzipiert, wie die Mehrzahl der Jüdinnen und Juden in Süddeutschland.

Trude erhielt dennoch eine jüdische Erziehung, vermutlich ging sie in den jüdischen Religionsunterricht der Gemeinde. Ihrem geliebten Großonkel David, Fannys Bruder, der als Religionslehrer, Schächter und Friedhofsvorsteher in Alsbach (Odenwald) lebte, schrieb sie immer wieder Briefe auf Deutsch mit hebräischen Buchstaben.

Schon als kleines Kind klimperte Trude mit Freude auf dem Klavier. Die Großmutter sah die Begabung und begann deshalb früh, das Kind am Klavier zu unterrichten. Als Trude dann in die Schule kam, schickte man sie in den Musikunterricht. Wie die meisten Kinder übte sie nicht gern: Nach dem Mittagessen sollte sie täglich ihre Übungen machen, die Großmutter legte sich derweil zur Mittagsruhe. Doch jedes Mal, wenn Trude meinte, Fanny sei jetzt eingeschlafen, und sich leise davonstehlen wollte, tönte es von der Chaiselongue herüber: »Weiter!«

In der Schule eckte Trude mit ihrer lebhaften Art bald an. Nach der vierten Klasse wechselte sie ins Gymnasium, und zwar ins Knabengymnasium, da dies der pädagogischen Leitung für das temperamentvolle Kind passender schien. Doch die Trennung zwischen Knaben- und Mädchenschule war offenbar nicht ganz so strikt, und so kamen mit der Zeit noch zwei, drei weitere Schülerinnen dazu. Die Schule hatte ein eigenes Schulorchester, in dem Trude mit viel Begeisterung mitwirkte. Im Alter von zwölf Jahren durfte sie bei einer Schulaufführung als Solistin ein Klavierkonzert von Mozart spielen. Sie liebte es, ihr Können zu zeigen, und es mangelte ihr durchaus nicht an Selbstvertrauen.

Doch diese Sicherheit sollte sie schon bald verlieren, denn mit Beginn der Dreißigerjahre bekam sie den Antisemitismus immer deutlicher zu spüren. Ob sie den latent immer vorhandenen Antisemitismus schon früher bewusst wahrnahm, kann ich nicht sagen. Die Beziehungen zu den nichtjüdischen Nachbarn im Haus waren sehr gut, und Trude hat oft von ihren nichtjüdischen Freundinnen erzählt, mit denen sie im Quartier spielte. Doch mit dem Aufstieg der NSDAP wurde der Antisemitismus immer offener zur Schau getragen. Der Heilbronner Beobachter war ab 1930 antisemitisches Hetz- und Sprachorgan, das täglich Jüdinnen und Juden verunglimpfte. Trude wurde in der Schule zunehmend ausgegrenzt. Es gab Mitschülerinnen und Mitschüler, ja auch Lehrer, die den Gehsteig wechselten, um sie nicht grüßen zu müssen. Der Schulweg wurde für Trude zur Qual. Nicht alle machten bei der Ausgrenzung aktiv mit, aber die wenigsten wagten es, weiter zu ihr zu stehen.

Papa Arthur – ein Waldo aus Berlin

Als Kind nannte Trude die Großeltern »Papa« und »Mama«. Ihr leiblicher Vater, Papa Arthur, war wie bereits erwähnt, oft unterwegs. Er sah Trude nur selten, und die Beziehung war nie sehr eng. Er ließe sich wohl als Lebemann bezeichnen, hatte einen Hang zum Luxus, was wohl nicht zuletzt mit seiner Herkunft zu tun hatte.

Arthur Aron Waldo kam am 22. Oktober 1883 in Berlin als Sohn von Selig Waldo und Pauline, geborene Lubszynski, zur Welt. Pauline starb bereits 1898 im Alter von 45 Jahren. Angeblich entstammte sie derselben Familie wie der berühmte Regisseur Ernst Lubitsch.

Die Familie Waldo war bürgerlich, gebildet, mit einem aufgeklärten Zugang zum Judentum – das lässt sich aus Trudes Erzählungen, aus den Adressen in Berlin sowie den sehr gediegenen Familiengräbern schließen, die im wunderschönen alten Jüdischen Friedhof Weißensee liegen.

Trude hat sich erinnert, dass sie als kleines Kind mit Papa Arthur ihren Großvater Selig Waldo und dessen zweite Frau einige Male in Berlin besucht hatte. Sie schwärmte von dem großartigen Eingang zum Haus, von einem Treppenhaus, dessen Wände mit Marmor verkleidet waren, und einem Aufzug mit Spiegeln und samtbezogenen Sitzbänkchen, der direkt in die geräumige Wohnung der Großeltern fuhr. Eine Waldo, sagte ihr der Vater, esse nie mit gewöhnlichem Besteck, und schenkte ihr ein vergoldetes Messer und eine vergoldete Gabel. Trude fühlte sich nie ganz wohl bei den Waldos, die Tafel war zu lang, das Essen wurde serviert, und auch die Tischmanieren waren allzu strikt. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, redete ihr Papa Arthur vor einem der Besuche auch noch ein, das Essen sei vergiftet, sodass sie sich erst recht nicht mehr traute, etwas anzurühren.

Ich habe in Berlin nach den Spuren der Familie Waldo gesucht und auch einige gefunden: Selig Waldo (beziehungsweise Sally, wie er sich auch nannte) ist unter den wahlfähigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Berlin aufgeführt.2 Er starb 1928, damals war Trude elf Jahre alt. Eine Anfrage im Landesarchiv Berlin, seit wann die Familie in Berlin ansässig war, hat leider nichts ergeben, die Einwohnerdateien aus dem 19. Jahrhundert sind nur unvollständig erhalten. Eine ergiebigere Quelle sind die Berliner Adressbücher aus jener Zeit. Dort finden sich die Wohn- und Geschäftsadressen sowie die Namen der Hausbesitzer. Selig Waldo war, so geht es zumindest aus den Adressbüchern hervor, nicht Bankier, wie Trude immer erzählt hat, sondern Textilgroßhändler. Er erscheint erstmals 1882 als »S. Waldo, Manufakturwr. u. Trikotagen Engr., Inhaber«, zusammen mit einem Louis Mode. 1901 verkaufte er die Firma und firmierte im Adressbuch fortan als »Rentier«. Seligs Bruder Siegfried war zu Beginn des letzten Jahrhunderts Besitzer einer »Bank für Hypotheken und Grundbesitz«, zudem waren die beiden Eigentümer mehrerer Liegenschaften in Berlin, die sie jeweils nach wenigen Jahren weiterverkauften. Vielleicht hatte Trude deshalb die Vorstellung, der Großvater sei von Beruf Banker gewesen und nicht »Schmattesverkäufer«, also Textilhändler, wie so viele andere Juden. Was die Wohnung angeht, so hat sich Trude aber offenbar richtig erinnert: In den Berliner Adressbüchern fand ich die Wohnadresse des Hauses. Es steht an der Leibnizstraße 60 und trägt die Inschrift »Erbaut 1904, renoviert 2004« – ein Haus mit großzügigen, sehr hohen Räumen, einem wunderbaren Eingang und Treppenhaus: mit Marmorplatten an den Wänden, einem Kristallleuchter an der Decke und einem großen Spiegel in der Gangflucht, der alles noch großartiger erscheinen lässt.

Papa Arthur pflegte unregelmäßig, oft überraschend und mit wenig Zuverlässigkeit in Heilbronn aufzutauchen – im Wagen, mit eigenem Chauffeur. Oft kam er mit großen und für Trudes Alter unpassenden Geschenken, ganz zum Missfallen von Fanny und Ike. Sehr gut kannte er seine Tochter wohl nicht, so kroch er noch unter den Tisch und rief »wo ist denn mein kleiner Schatz«, als Trude bereits zur Schule ging. Oder er brachte ihr ein Fahrrad mit, für das sie noch zu klein war – und das die Großmutter ihn auch sogleich wieder einzupacken bat, da ein Rad doch sowieso viel zu gefährlich sei für das Kind.

Eine der beiden Schwestern von Papa Arthur war mit einem Kurarzt in Karlsbad verheiratet. Und so pflegte er dort regelmäßig seine Ferien zu verbringen, manchmal ging er auch nach Marienbad. Oft nahm er Trude nach Karlsbad mit, oder er ließ sie, als sie schon älter war, dorthin kommen. Diese gemeinsamen Ferien müssen für Trude recht spaßig gewesen sein: Sie saß mit ihrem Vater im Kaffeehaus und beobachtete die Leute, am Nachmittag gab es Kurkonzerte im Park, und am Abend gingen sie auswärts essen. Papa Arthur verfügte damals noch über genügend Mittel und gab das Geld, wie es seine Art war, mit beiden Händen aus.

Trude hat immer erzählt, er habe vom Vater seinen Erbteil ausbezahlt bekommen und so lange auf großem Fuß gelebt, wie dies nur ging – das Auto jedenfalls habe am Schluss dem Chauffeur gehört, weil Arthur ihm den Lohn nicht mehr bezahlen konnte.

Er arbeitete anscheinend als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitschriften und verfasste Reiseberichte für den Mosse-Verlag. Noch vor dem Krieg ließ er sich in der damaligen Tschechoslowakei nieder und akquirierte für den Verlag Inserate für Reisebeilagen.

Im Vergleich zu ihrem Großvater Ike schnitt Papa Arthur bei Trude immer schlecht ab. Der Großvater verkörperte Anstand und Aufrichtigkeit, Papa Arthur Leichtsinn und Unzuverlässigkeit – zudem eine emotionale Überschwänglichkeit, der Trude nie wirklich traute.

Die Juden in Süddeutschland bis zur Machtergreifung Hitlers 1933

Wenn Trudes Großeltern Ike und Fanny auch keine frommen Juden waren, so war ihre Lebensweise doch geprägt von ihrer Herkunft aus dem süddeutschen Landjudentum.

Juden gab es in den Gebieten des heutigen Deutschland schon zur Zeit der Römer, sie sollen mit den römischen Söldnern ins Land gekommen sein. Die Juden waren das einzige Volk in Europa, das sich der Christianisierung verweigerte. Im Mittelalter ist ihre Anwesenheit tragischerweise vor allem durch zahlreiche Pogrome dokumentiert. Sie wurden von den Glaubenskriegern der Kreuzzüge verfolgt, gejagt und getötet, wurden während Pestepidemien und sonstigen Zeiten der Not als Sündenböcke abgeschlachtet oder vertrieben. Oft verlangte man von ihnen, dass sie sich schon von Weitem als Jüdinnen und Juden zu erkennen gaben. In Würzburg zum Beispiel, so schreibt der Historiker Roland Flade, mussten im 14. Jahrhundert alle jüdischen Männer eine safranfarbige Scheibe an ihrer Kleidung befestigen, die Frauen zwei gelbe Streifen an ihrem Schleier. Außerdem trugen »wohl auch die Würzburger jüdischen Männer den überall im Reich üblichen sogenannten Judenhut, eine hohe gelbe Kopfbedeckung, deren Spitze hornartig gekrümmt oder mit einem Knauf versehen sein muss«.3 Der gelbe Judenstern hat also eine lange Vorgeschichte.

Vielerorts brauchten jüdische Familien einen Schutzbrief, um sich in einer Gemeinde niederlassen zu können, dieser konnte aber von den jeweiligen Herrschern willkürlich und jederzeit widerrufen werden. Ihnen standen zu den meisten Zeiten und an den meisten Orten nur wenige Erwerbsmöglichkeiten offen, sie durften kein Land kaufen und – da von den zünftischen Vereinigungen ausgeschlossen – auch kein Handwerk ausüben.

So kam es, dass sie vor allem Handel betrieben, was jeweils so lange erlaubt war, bis sie der heimischen Konkurrenz lästig – und folglich ausgewiesen – wurden. Was ihnen ebenfalls offenstand, war der Geldverleih, den die Kirche den Christen verbot. Damit machten sie sich zwar für so manchen Herrscher unentbehrlich, im Volk dafür umso verhasster. Ihre Ermordung oder Vertreibung hatte für die christliche Kundschaft jeweils die angenehme Nebenwirkung, dass damit sämtliche Schuldansprüche verfielen. So wurden Juden unter anderem 1437 ein weiteres Mal aus Heilbronn vertrieben, nur weil zu viele Bürger bei ihnen verschuldet waren – nachzulesen bei Hans Franke, der die Geschichte und das Schicksal der Juden Heilbronns erforscht hat.4 Dort, wo sie sich niederlassen konnten, mussten sie oft höhere Steuern bezahlen als die christliche Bevölkerung, wobei eine Niederlassung meist nur reichen Familien gewährt wurde, die dem Staat einen hohen Obolus entrichten konnten.

Die Lage der Juden verbesserte sich etwas durch die Gedanken der Aufklärung und der Emanzipation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Juden zogen mit in die Kriege gegen Napoleon und galten, entgegen bisheriger Vorurteile, als gute Soldaten. Pogrome wurden seltener, kamen aber immer noch vor. Auch viele Diskriminierungen blieben erhalten, so unter anderem höhere Steuern, kein Zutritt zu öffentlichen Orten, kein Wahlrecht, kein Einlass in den Staatsdienst als Beamte oder der sogenannte Matrikel-Paragraph. Dieser Erlass beschränkte die Anzahl der bewilligten Eheschließungen und diente dem gewünschten Effekt, dass weniger jüdische Familie gegründet werden konnten und damit weniger Jüdinnen und Juden ansässig wurden. Mit der Märzrevolution von 1848 begann die rechtliche Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger, vielerorts dauerte es aber noch Jahrzehnte bis zur faktischen Emanzipation der Jüdinnen und Juden.

Reichskanzler Bismarck war den Juden anfänglich wohlgesinnt, nicht zuletzt, weil viele seine Partei wählten. Schon in den 1870er-Jahren begann er aber vermehrt, rechte Bündnispartner zu suchen, woraufhin sich die antisemitische Stimmung allmählich wieder verstärkte. So gab es in Heilbronn im Dezember 1880 zum Beispiel einen Antrag für eine Petition an Bismarck, er möge »eine Einschränkung des Einflusses der Juden veranlassen«5.

Die Beziehung zwischen den jüdischen und den christlichen Deutschen ab dem 19. Jahrhundert war ambivalent für beide Seiten, aber auch kulturell fruchtbar und bereichernd.