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Im Kern jedes der neun Persönlichkeitstypen des Enneagramms befindet sich eine essenzielle Qualität, die uns im Laufe unseres Heranwachsens genommen, geschwächt oder verzerrt wurde. Diese "Mängel" sind es, die wir in uns heilen und integrieren wollen. Jeder Persönlichkeitstyp des Enneagramms repräsentiert eine bestimmte Haltung, eine Fixierung. Kämpfen wir gegen sie an, verstärken wir sie und verbergen oder überschatten so unsere Essenz. Wenn wir aber unsere Essenz mit all ihren Facetten erfassen, können wir die Fixierungen begreifen und anfangen, uns aus ihrem Griff zu befreien.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ebookausgabe 2021
Umschlaggestaltung: Silke Watermeier
Coverillustration: AdobeStock_305315189
Übersetzung: Karin Petersen
Copyright© 2006 Innenwelt Verlag GmbH, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck und fotomechanische Wiedergabe, auch auszugsweise,nur mit Genehmigung des Verlages
www.innenwelt-verlag.de
eISBN 978-3-947508-81-5
DAVID HEY
FIXIERUNGEN BEGREIFEN UND SICH DAVON LÖSEN
Vorwort
Die Geschichte des Enneagramms
1.Kinderspiel
2.Süßer als Honig
3.Ich bin mein eigener Meister
4.Der Herzensgeliebte
5.Göttliches Licht
6.Der Weg der weißen Wolken
7.Der heilige Narr
8.Feuer im Bauch
9.Gnade
Reife
Nachwort
SCHON FRÜH IN MEINER KINDHEIT BEGANN MIR ZU DÄMMERN, DASS ICH ein Anliegen hatte, das andere nicht zu teilen schienen – ich wollte wissen, wer ich war. Ich wusste, dass ich etwas suchte, aber ich hatte keine Ahnung, was es war oder wie ich es finden sollte. Nahe bei dem Haus, in dem ich aufwuchs, gab es ein großes, offenes Feld, zu dem ich im Sommer oft hinspazierte. Dort lag ich auf dem Rücken und sah zu, wie prächtige Wolken über den blauen Himmel zogen. Dabei hatte ich das Gefühl, in eine andere Dimension einzutauchen, so endlos und so fern von meiner Familie und meinen Freunden, dass sie sich fremd und verboten anfühlte – als sei es nicht richtig, diese Dimension des Lebens wahrzunehmen, diese unglaublich machtvolle Gegenwart.
Es war, als würde ich im Fluss meines eigenen Atems verschwinden, mich auflösen in die wechselnden Formen der Wolken, als zöge ich mit ihnen dort oben am Himmel entlang. Ich war völlig vertieft ins Erleben des Augenblicks, und wenn ich schließlich in meinen Alltag zurückkehrte, konnte ich spüren, wie klein und eng er war. Wer bin ich? Und um was geht es in diesem Leben eigentlich? Das alles war ein großes Mysterium, und diese Fragen begleiteten mich ständig und folgten mir in mein Erwachsenenleben.
Viele Jahre später schaute ich eines Tages in einer völlig anderen Umgebung den Wolken zu. Ich befand mich auf einem Hügel in der Nähe eines tibetischen Klosters außerhalb von Kathmandu. Auch hier die endlose Weite des blauen Himmels, aber die Erfahrung war so intensiv, dass ich meine ganze Kraft brauchte, um sie einfach nur aufzunehmen und bei jedem ekstatischen Atemzug präsent zu bleiben. Die Falken, die über den Bäumen kreisten, schienen sich so langsam zu bewegen wie in einem Traum, als stünde die Zeit still und mit ihr meine eigenen Gedanken, die sich so träge bewegten wie die Wolken, die am Himmel ihre Gestalt veränderten. Ich konnte meinen Gedanken aus großer Entfernung zuschauen und beobachten, wie sie allmählich in mein Bewusstsein traten und wieder verschwanden.
Ich fühlte mich, als sei ich der Raubvogel, getragen von der warmen Mittagsbrise, als sei ich die weißen Wolken, die über den blauen Himmel zogen – ich empfand mich als ekstatische Präsenz, die keiner Zeit, keinem Ort, keiner Form angehörte. Zu der Zeit meines Lebens glaubte ich, all jene Fragen beantwortet oder zumindest zugelassen zu haben, dass sie sich auflösten in einer Wirklichkeit, die jenseits von Fragen lag. Ich wusste, wer ich war. Oder wusste vielmehr, wer ich nicht war – nicht mein Körper, nicht mein Geist, nicht meine Konditionierung, nicht meine Überzeugungen, nicht meine Persönlichkeit.
Dabei fällt mir die Antwort ein, die Gautama Buddha einem seiner Schüler gab, als dieser ihn, während sie um den Tathagata (Im Sanskrit ein Synonym für Buddha, Anm.d.Ü.) versammelt waren, fragte: „Woher wissen wir, dass du erleuchtet bist?“ „Diese Erde ist meine Zeugin“, erwiderte der Meister und berührte mit seiner Hand den Boden. „Die Welt ist, wie sie ist, ich bin, wie ich bin – und es ist richtig so.“
Zu der Zeit meditierte ich viele Stunden täglich unter der Anleitung tibetischer Lamas. Es war eine Zeit voller Ekstase, Glückseligkeit und Staunen. Das Leben schien ein einziges Wunder zu sein und alle Dinge hatten eine Bedeutung, die weit über sie hinaus verwies. Alles war so lebendig, selbst die sogenannten „toten“ Gegenstände. Mein Geist und mein Körper fühlten sich durchscheinend an, durchlässig, als wäre mein Körper aus Licht. Ich spürte, wie ich auf alles, was mich umgab, empfindsamer reagierte, selbst auf die seltsamen Insekten, die mich in meiner Hütte besuchten.
Ich hatte das Gefühl, mich in einer anderen Dimension zu bewegen, genauso wie in meiner Kindheit, nur betrat ich sie diesmal bewusst. Es war, als würde ich die Wirklichkeit hinter jeder Form entdecken und das Paradies betreten.
Dieses Paradies erwies sich allerdings als ziemlich wackelige Angelegenheit. Ein paar Jahre später befand ich mich mitten in einem hässlichen Scheidungsprozess von meiner Frau. Ich war allein, hatte meine Richtung im Leben verloren und fühlte mich, als hätte man mich im Niemandsland ausgesetzt. Jeder Tag war ein Alptraum, voll von Selbstvorwürfen, Verzweiflung und Angst. Ich war in der Hölle gelandet und es gab keinen Ausgang, außer der Möglichkeit des Selbstmords. Und ich konnte meine Erfahrungen von Glückseligkeit, Ekstase und Licht mit der Dunkelheit und Depression, Hilflosigkeit und Scham, die ich jetzt erlebte, nicht in Einklang bringen. Warum im Licht leben, wenn es zugleich die dunkle Nacht der Seele gab? Wie sollte ich jemals diese beiden Erfahrungen, die so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht, zusammenbringen oder verstehen? Jahrelang brannten diese Fragen in mir. Die Antworten kamen schließlich in Form des Enneagramms zu mir, diesem uralten System zum Verständnis der Persönlichkeit.
Zum ersten Mal war mir das Enneagramm im Iran begegnet, wo sich damals viele meiner Freunde mit der Lehre von George Gurdjieff beschäftigten, dem russischen Mystiker, der das Enneagramm als Erster in den Westen brachte. Auf Drängen meiner Freunde hin las ich Ouspenskys Buch Auf der Suche nach dem Wunderbaren, das eine tiefe Wirkung auf mich hatte. Aber ich fand Gurdjieffs Ausführungen zum Enneagramm mysteriös und unverständlich. Ich wusste, das Enneagramm war ein System von neun Persönlichkeitstypen und hatte etwas mit spirituellem Wachstum zu tun, aber darüber hinaus begriff ich nicht, um was es da eigentlich ging.
Als ich viele Jahre später erneut auf das Enneagramm stieß, dieses Mal in Indien, präsentierte es sich mir ganz anders. Denn jetzt hatte jeder Persönlichkeitstyp ein spezifisches psychologisches Profil, wie zum Beispiel abhängig, vermeidend, narzisstisch und so weiter. Ich sah darin eine beeindruckende Verbesserung der christlichen Darstellung, die das frühere Enneagramm prägte, wo die Persönlichkeitstypen beherrscht waren von Sünde oder Charakterfehlern wie Lust, Neid, Stolz, Gier und Habsucht – negativen Eigenschaften, die ich eher Dantes Inferno oder Chaucers Canterbury Erzählungen zuschrieb als der heutigen Welt. Außerdem wiesen die dargestellten Persönlichkeiten jetzt sowohl gesunde als auch ungesunde Aspekte auf, und das half mir, manches negative Urteil, das ich über einzelne Persönlichkeitstypen hegte, zumindest im Ansatz zu mildern. Und ich konnte meinen eigenen Typ jetzt klar erkennen, die romantische Nummer Vier.
Die Beschreibung meiner eigenen Persönlichkeit traf so genau zu, dass ich anfangs völlig verblüfft war. Wie konnte ein System so gründlich über mich Bescheid wissen? Wie konnte es mein Innenleben, meine Gefühlszustände, meine Überzeugungen und Motive so genau kennen? Und obwohl mich die neuere Version des Enneagramms beeindruckte, konnte ich immer noch nicht die praktischen Anwendungsmöglichkeiten dieses Systems der Persönlichkeitstypen erkennen.
Erst als ich begriff, welche Rolle die Essenz im Enneagramm spielt, begann ich seine wirkliche Bedeutung zu verstehen. Im Kern jedes einzelnen Persönlichkeitstyps des Enneagramms befindet sich eine essenzielle Qualität, ein wichtiger Aspekt unseres Seins, die uns im Lauf unseres Heranwachsens genommen, geschwächt oder verzerrt wurde.
Das Enneagramm ist eine Art kosmischer Spiegel, der uns nicht nur unsere Persönlichkeit widerspiegelt, sondern sämtliche verschiedenen Dimensionen unseres Wesens, unserer wahren Natur. Für mich war das Enneagramm die Tür zum Verständnis von Dunkelheit und Licht in mir, sowohl der Qual als auch der Ekstase.
Durch meine Arbeit mit der Essenz und dem Enneagramm erlebte ich ganz real, dass im Kern jedes Themas oder jeder Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert sind, Essenz ist. Diese Arbeit wurde zum Weg, auf dem ich die essenziellen Qualitäten, mit denen ich nicht mehr in Kontakt war, zurückgewann. Die Essenz und das Enneagramm waren der Schlüssel, um sowohl die Grenzen meiner Persönlichkeit als auch die transpersonalen Erfahrungen, die über die Persönlichkeit hinausweisen, zu verstehen. Durch dieses Verstehen erfüllte sich die tiefste Sehnsucht meines Herzens.
DIE SCHRIFTLICHEN AUFZEICHNUNGEN ÜBER DIE GESCHICHTE DES Enneagramms sind fragmentarisch und lückenhaft. Tatsächlich wissen wir über dieses uralte Symbol eigentlich nur, dass es über viele Jahrhunderte hinweg einen Weg zum Verständnis der spirituellen Entfaltung des Menschen gewiesen hat. Es besteht kein Zweifel daran, dass es in der Weisheitslehre der Alten, sowohl der Ägypter als auch in der christlichen und jüdischen Mystik und der spirituellen Arbeit der Sufis, der Mystiker des Islams, einen festen Platz einnahm. Welche Rolle das Enneagramm historisch tatsächlich gespielt hat, wissen wir nicht genau. Die mündlichen Überlieferungen der Sufis bilden wahrscheinlich den Kern der spirituellen Weisheit des Enneagramms. Und die Sufis spielen eindeutig eine zentrale Rolle für die zeitgenössische Auffassung.
Gurdjieff behauptete, seine Auslegung des Enneagramms stamme von der Sarmong Bruderschaft, Sufi-Derwischen, die in der Umgebung von Bukhara, Usbekistan, lebten. Faisal Muqaddam und A.H. Almaas, zwei Mystiker, die die Auslegung der unterschiedlichen Eigenschaften von Essenz weiterentwickelten, übernahmen ihre Auffassungen über Essenz weitgehend von den Sufis im westlichen Iran.
Die moderne Erblinie des Enneagramms beginnt mit Gurdjieff, der das Enneagramm in den Westen brachte und großes Interesse daran weckte, auch wenn seine konkrete Anwendung und sein Verständnis des Enneagramms im Licht heutiger Methoden zur Transformation der Persönlichkeit etwas primitiv erscheinen.
Oscar Ichazo, ein bolivianischer Psychotherapeut, brachte die Typen in die derzeitige Reihenfolge. Ichazo gab den einzelnen Typen klar erkennbare Profile und definierte als Erster die Beziehung zwischen Sein und Persönlichkeit.
Claudio Naranjo, ein aus Chile stammender Psychiater, verlieh den Typen ihr detailliertes psychologisches Profil. Autorinnen und Autoren, die halfen, das Enneagramm im Westen zu verbreiten, wie Don Riso und Helen Palmer, stammen ursprünglich von der Linie Oscar Ichazos ab.
Die moderne Auffassung von Essenz geht auf Menschen zurück, die in den siebziger Jahren mit Claudio Naranjo in Kalifornien zusammengearbeitet haben, darunter auch A.H. Almaas, Faisal Muqaddam und Sandra Maitri.
Meine Auffassung von der Beziehung zwischen Essenz und Enneagramm ist stark beeinflusst durch Faisal, mit dem ich viele Jahre in Italien zusammengearbeitet habe.
Als Essenz bezeichnen wir die verschiedenen Eigenschaften des Seins, das unsere wahre Natur ist. Essenz definiert die unterschiedlichen Aspekte unserer wahren Natur. Dabei handelt es sich um grundlegende Eigenschaften wie Freude, Stärke und Wille. Diese Eigenschaften haben ganz bestimmte Bedeutungen. Jeder der neun Punkte auf dem Kreis des Enneagramms (siehe Abbildung A) repräsentiert nicht nur einen Persönlichkeitstyp, sondern auch eine essenzielle Eigenschaft. Das Enneagramm könnte auch dargestellt werden in Form eines Kreises, der wie eine Torte in neun gleiche Stücke geteilt ist (siehe nächste Seite).
Jede Zahl des Enneagramms repräsentiert einen Persönlichkeitstyp und eine grundlegende Eigenschaft, mit der dieser Typ hauptsächlich zu tun hat.
Das Enneagramm
Selbst wenn eine bestimmte Eigenschaft die „Essenz unserer Fixierung“ darstellt und damit die Eigenschaft unserer Persönlichkeit, mit der diese primär beschäftigt ist, sind wir mit sämtlichen unterschiedlichen Eigenschaften der Essenz eng verbunden.
Beim Enneagramm geht es im Grunde um Essenz und Abspaltung von Essenz, um Sein und Abspaltung davon. Essenz ist eng verbunden mit unserem Sein, unserer wahren Natur, und mit dem, was uns davon trennt – unsere Grenzen, unsere Mängel, das, was wir in uns heilen oder integrieren müssen.
Essenz & Enneagramm
Jeder der neun Persönlichkeitstypen auf dem Enneagramm repräsentiert eine feste Einstellung oder einen festen Standpunkt. Deswegen benutze ich auch den Begriff „Fixierung“, um die neun Persönlichkeitstypen zu beschreiben. Die Fixierungen des Enneagramms beruhen auf den festen Einstellungen der einzelnen Persönlichkeitstypen.
Wir können sie vergleichen mit unterschiedlichen Masken. Dabei handelt es sich um ganz verschiedene mentale und emotionale Verhaltensmuster sowie psychische Formen von Schutz und Abwehr. Unsere Fixierung stellt eine einzigartige Form der Abspaltung von Essenz dar. Jede Fixierung ist mit einer tief greifenden genetischen Konditionierung vergleichbar, die unser Nervensystem, unsere Körperhaltung, unsere geistige und emotionale Disposition prägt.
Wenn ich das Wort „Fixierung“ benutze, meine ich meistens die ganze Persönlichkeit, nicht nur die primäre Fixierung, die ich zu Beginn jedes Kapitels beschreibe.
Wenn wir versuchen, gegen die Muster unserer Fixierung anzukämpfen, verstärken wir sie lediglich oder geben ihnen noch mehr Energie. Wer seinen Persönlichkeitstyp loswerden oder seine Fixierung leugnen will, befindet sich auf verlorenem Posten. Der Kampf mit unserem Ego ist zum Scheitern verurteilt. Die Fixierungen stehen in direktem Gegensatz zu den Eigenschaften der Essenz und verbergen oder überschatten unsere innere Essenz. Indem wir die Essenz verstehen, können wir auch unsere Fixierungen begreifen und anfangen, uns aus deren Griff zu befreien.
Jede Phase der Kindheitsentwicklung ist verbunden mit einer bestimmten Erfahrung von Essenz. Enneagrammtyp Acht zum Beispiel, der Boss, macht in der Trennungsphase (im Alter von 6-12 Monaten) eindringliche Erfahrungen mit der roten Essenz (Stärke). In dieser Phase beginnt das Kind mit der Ablösung von der Mutter, um die Welt außerhalb des Wirkungskreises dieser wichtigen Person zu erforschen.
Die Acht macht als Kind nicht nur Erfahrungen mit der roten Essenz, sondern erlebt auch Einschränkungen der Freiheit, ihre Umgebung zu erkunden. Diese Einschränkungen lösen Ärger aus, und das führt dazu, dass die Acht ständig mit dem Thema Kontrolle beschäftigt ist.
Boss-Typen machen tief greifende Erfahrungen mit der Essenz der Kraft. Sie haben das Gefühl, dass es ihnen an dieser Eigenschaft mangelt und setzen sich deswegen ständig mit dieser Essenz auseinander. Sie wird zum Kern ihrer Fixierung. Während wir die verschiedenen Phasen der Kindheit durchleben, integrieren wir sie nicht vollständig. In jeder Phase müssen wir die Aufgaben der verschiedenen Entwicklungsschritte absolvieren, bestimmte Dinge lernen und andere aufgeben.
Wir erleben in einer bestimmten Phase nicht nur Essenz, sondern auch die Schwierigkeiten, diese Phase und die entsprechende essenzielle Eigenschaft zu integrieren. Zum Beispiel Enneagramm Typ Zwei, der Gebende: Er hat viele Erfahrungen mit der Goldenen Essenz (verschmelzende Liebe) in der symbiotischen Phase der Kindheit (0-6 Monate) gemacht. Dies ist die Phase, in der viel „Süße“ zwischen Mutter und Kind da ist. Aber das Zweier-Kind hat auch starke Ängste, von der Mutter getrennt zu werden, sodass es Schwierigkeiten hat, diese Phase zu integrieren bzw. sie gut zu lösen.
Deswegen sind Zweier-Kinder mit dem Verlust der Goldenen Essenz so beschäftigt. Das kann dazu führen, dass versucht wird, eine bestimmte essenzielle Qualität wegzuschieben, weil der Verlust der Essenz so schmerzlich ist. Oder das Kind, das den Verlust einer bestimmten Essenz zu spüren bekommt, fängt an, diese Eigenschaft zu imitieren, um diesen Verlust zu kompensieren. Die Schwierigkeiten, die jede Phase unserer Kindheit begleiten, hindern uns daran, die nachfolgenden Stadien erfolgreich zu bewältigen. In dem Maße, wie die Integration der einzelnen Phasen unvollständig ist, geht Essenz verloren. Manche Eigenschaften sind uns leichter zugänglich als andere – das hängt von unseren Kindheitserfahrungen in der jeweiligen Phase ab.
Meistens gilt, dass sich unsere Fixierung in der Phase abzuzeichnen beginnt, die für uns als Kind besonders schwierig war. Je größer die Schwierigkeiten in einer bestimmten Kindheitsphase, desto größer der Verlust an Essenz und desto stärker die Fixierung. Bei unserer Geburt sind wir noch ganz in Kontakt mit dem Sein. Wir sind schutzlos und durchlässig. Während wir heranwachsen und die verschiedenen Phasen der Kindheit durchlaufen, zeichnet sich unser Ich immer deutlicher ab, doch wir sind immer weniger in Berührung mit der Essenz oder dem Sein.
Meistens erleben wir in jeder kindlichen Entwicklungsstufe einen gewissen Verlust an Essenz. Unsere innere Essenz wird von unserer Umgebung nicht voll unterstützt, es kommt zu Verletzungen, sodass wir die einzelnen Kindheitsphasen nicht vollständig integrieren können. Das Leuchten in den Augen des Kleinkinds wird allmählich schwächer. Wenn wir uns der Essenz innerlich verschließen, kommt es zu Energieblockaden im physischen, emotionalen und mentalen Körper. Etwas macht dicht.
Oft kompensiert das Ego diesen Verlust an Essenz, indem es versucht eine bestimmte Eigenschaft zu imitieren. Die Schwierigkeit liegt darin, dass das Ego keine Essenz erzeugen kann. Stattdessen verstärkt es mit seinen Aktivitäten unsere Fixierung. Wir verwandeln uns von einem leuchtenden Stern in ein schwarzes Loch, das versucht, sich das Licht zurückzuholen. Wir fühlen uns, als hätten wir etwas verloren oder als fehle uns innerlich etwas, aber wir wissen nicht, was. Was verloren ging, ist Essenz – und die müssen wir zurückgewinnen.
Bei der spirituellen und der psychologischen Arbeit haben wir es mit zwei Arten von Leere zu tun – guter Leere und schlechter Leere. Schlechte Leere ist Leere als Mangel, wie die Psychologie sie definiert, und gute Leere ist die transpersonale Leere der Spiritualität.
Die eine Leere ist die des Gautama Buddha, sein Begriff Shunyata verweist auf eine transpersonale Leere, die wir auch als Fülle oder innere Weite bezeichnen können.
Die andere Leere ist Leere als Mangel und stellt aus psychologischer Sicht ein Ungenügen dar, das Gefühl, nicht genug oder nicht „richtig“ zu sein. Die psychologische Leere hängt zusammen mit dem Verlust von Essenz in der Kindheit. Geht Essenz verloren oder wird blockiert, kommt es zu energetischen Verhärtungen. Diese Leere empfinden wir als ein Ungenügen, das das Ego vergebens zu übertünchen oder zu verbergen sucht. Leere als Mangel ist nicht wirklich „leer“, sondern voll von unangenehmen emotionalen Zuständen. Wir können das Ego auch als Widerstand betrachten, denn es ist meistens bis zu einem gewissen Grad damit beschäftigt, sich gegen unsere innere Unzulänglichkeit, das Gefühl nicht genug oder nicht richtig zu sein, zu wehren. Unser Unbehagen hängt direkt mit dem Verlust an Essenz zusammen, dem Selbstverlust.
Spirituelle Leere ist in Wirklichkeit die Erfahrung von Sein. Wenn wir diese Erfahrung machen, fühlen wir uns oft besser geerdet, lebendiger, bewusster, präsenter und so weiter – je nachdem, mit welcher Eigenschaft der Essenz wir gerade in Berührung sind. Wenn wir eine bestimmte Eigenschaft der Essenz erleben, ist das jedoch nicht nur mit guter Leere oder guten Gefühlen verbunden.
Machen wir zum Beispiel Erfahrungen mit der Essenz des Willens, erleben wir auch, wie diese Essenz in uns geschwächt oder gebrochen wurde. So kann uns zum Beispiel schmerzlich klar werden, dass unser Vater uns in unserem Leben nie oder kaum unterstützt hat. Wir erleben auch, auf welchem Weg wir versucht haben, dieses Gefühl von mangelnder innerer Unterstützung zu kompensieren.
Die Essenz eröffnet uns ein radikal neues Verständnis dieser beiden Welten, der spirituellen und der psychologischen Leere, und zeigt außerdem präzise auf, wie der Zusammenhang zwischen diesen beiden Dimensionen tatsächlich aussieht.
Psychische und spirituelle Leere
Wir bewegen uns innerlich ständig hin und her zwischen Leere als Mangel und Leere als innerer Weite, zwischen Erlebnissen, die auf Essenz, und Erlebnissen, die auf unserer Fixierung beruhen (siehe Abbildungoben).
Grundsätzlich wechseln wir dabei hin und her zwischen der eigentlichen Erfahrung des Seins und den Aktivitäten, die unser Ich verfolgt, um zu kompensieren, dass es mit dem Sein nicht in Kontakt ist.
Jeder der neun Persönlichkeitstypen ist in Bezug auf seine Ich-Aktivität verwirrt und glaubt, damit zum Sein zu gelangen. Befangen in seiner Fixierung, kann unser Ego nicht verstehen, dass es sich mit seinem Tun und Machen vom Sein abschneidet, und damit von dem, wer wir eigentlich sind.
Persönlichkeitstyp Nummer Fünf zum Beispiel, der Beobachter, verwechselt diamantene Essenz, innere Führung und wirkliches Verstehen, mit intellektuellen Tätigkeiten und dem Anhäufen von Informationen. Diese Ich-Aktivität überschattet die diamantene Essenz und verhindert wirkliche innere Führung. Der Tüchtige, Enneagrammtyp Drei, verwechselt Autonomie mit zwanghaftem Tun und Eigenwerbung. Das Resultat ist bei beiden das gleiche: Der Kontakt mit dem Sein geht verloren. Das Ego tut sein Bestes, um die als Mangel empfundene schlechte Leere abzuwehren. Wir könnten die gesamte Persönlichkeitsstruktur als „Schutzburg“ gegen unsere Begrenzungen und Unzulänglichkeiten betrachten. Unser Ich versucht das Gefühl von Mangelhaftigkeit und Selbstverlust zu kompensieren, aber seine Aktivitäten führen meistens dazu, dass wir uns noch weiter vom Sein entfernen. Wenn das Ego in seiner Aktivität nachlässt und den Druck und das Bemühen aufgibt, passiert eine Bewegung hin zu Essenz und Sein. Die Dinge geschehen auf natürliche Weise und unser Handeln ist im Fluss.
Essenz hat sowohl persönliche als auch unpersönliche Eigenschaften. Manche Qualitäten, wie die allumfassende Liebe (das lebendige Tageslicht) und das Absolute (Kristall-Essenz) sind eher unpersönlich oder transpersonal und gehören in das Reich der essenziellen Natur der Existenz. Hier handelt es sich eher um globale als um persönliche Themen.
Andere Qualitäten wie Kraft (rote Essenz) und Autonomie (Perlenessenz) sind eher persönlich. Diese persönlichen Eigenschaften sind oft direkt mit der Differenzierung und Individuation verbunden, die zu einer reifen Persönlichkeit führen, und hängen auch enger mit unserer Konditionierung in der Kindheit zusammen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes persönlich. Viele Qualitäten der Essenz, denen ich begegnete, als ich mich auf den tibetischen Buddhismus einließ, waren unpersönlicher Natur. Sie hatten wenig zu tun mit Individuation oder psychologischer Reife. Die persönlichen Eigenschaften, auf die ich später bei meiner spirituellen Reise vor allem durch psychologische Arbeit stieß, sind sehr viel enger mit der Förderung der reifen Persönlichkeit verbunden. Die Entwicklung eines reifen Selbstgefühls bereitet den Grund für den Prozess, in dem wir uns wieder an die Essenz anschließen.
Viele unserer Vorstellungen von Spiritualität stammen aus dem Osten, vor allem aus Indien. Bis zum letzten Jahrhundert wusste Indien nur wenig vom Prozess der Individuation, der Entwicklung zu einem einzigartigen, differenzierten Selbst. Psychologisch betrachtet lebte das Land fast noch im Mittelalter, mit arrangierten Ehen, fürs Leben geschlossen, Großfamilien, die in einem einzigen Wohnhaus zusammenlebten, einem Kastensystem, in dem jeder genau wusste, wo er sozial und ökonomisch stand.
Religiöse und dörfliche Sitten beherrschten sämtliche Lebensbereiche. (Das gilt für das heutige urbane Indien natürlich nicht mehr.) Es gab ein ausgeprägtes „Wir“-Gefühl, während das „Ich“-Gefühl der Menschen äußerst schwach war. Die Entwicklung zu einem eigenständigen, differenzierten Selbst sah für Inder völlig anders aus als für die westliche Welt. Die meisten spirituellen indischen Lehrer verstanden den westlichen Prozess der Individuation hauptsächlich deswegen nicht, weil sie ihn nicht selbst erlebt hatten. Sie forderten westliche Menschen auf, das Ego aufzugeben oder sich davon zu befreien. Das verstärkte die Konflikte und den Kampf mit dem Ego und seinen Aktivitäten meistens noch.
Die Meister aus dem Osten tendierten auch dazu, die unpersönlichen Qualitäten von Essenz, die mit der göttlichen Natur der Existenz oder „dem Absoluten“ eindeutiger verbunden sind, zu betonen. Gleichzeitig werteten sie die eher persönlichen Eigenschaften von Essenz, die für den Individuationsprozess eine wichtige Rolle spielen, im Allgemeinen ab. Es existierte also in Bezug auf Individuation und Erleuchtung, Ego und Sein, viel Verwirrung und Konflikt.
Auch historisch gesehen, hat man in Indien den unpersönlichen Qualitäten von Essenz (die oft fromme Eigenschaften waren) mehr Wert beigemessen als deren eher persönlichen Wesenszügen. Brahma, Vishnu und Shiva zum Beispiel repräsentieren göttliche Aspekte der Existenz. Und zugleich stehen sie für unpersönliche natürliche Kräfte. Die Gläubigen singen ihre Namen, um Kontakt aufzunehmen mit den unpersönlichen oder transpersonalen Qualitäten, die diese Götter verkörpern.
Eine weitere Schwierigkeit in der Begegnung von Ost und West hängt mit Entfremdung zusammen. Der Osten konnte das Ausmaß an Entfremdung vom Sein, das Menschen im Westen erlebten, nicht wirklich verstehen, weil hier der Prozess der Individuation und Differenzierung weniger ausgeprägt oder weniger gestört war. Das Identitätsgefühl ist im Osten stärker mit Sein und Essenz verbunden als im Westen. Der Osten war mit der Idee von Entfremdung in keiner Weise vertraut. Tibetische Lamas hatten zum Beispiel anfangs große Schwierigkeiten, die Angst, die Depressionen und den Stress zu verstehen, den westliche Menschen erleben. Bevor die Tibeter Kontakt mit dem westlichen Ausland hatten, waren diese Zustände unter ihnen kaum verbreitet.
Gleichzeitig haben Menschen aus dem Westen die Spiritualität des Ostens oft völlig falsch verstanden. Westliche Sucher haben Spiritualität häufig mit Verschmelzung verwechselt. Sie entwickelten ungesunde Beziehungen zu Gurus oder spirituellen Gemeinschaften, von denen sie ihr Selbstwertgefühl und den Sinn ihres Lebens abhängig machten. Diese Tendenz westlicher Menschen, mit einem Meister oder einer spirituellen Gemeinschaft in einem Zustand der Verschmelzung oder Co-Abhängigkeit zu verharren, stellte ein Hindernis für ihre psychologische Reife dar. Oft benutzten sie den spirituellen Weg, um dem Individuationsprozess auszuweichen und nicht erwachsen werden zu müssen.
Unser Individuationsprozess – die Entwicklung eines gefestigten, stabilen und reifen Selbstgefühls – ist für jede spirituelle Aktivität Voraussetzung. Er gibt uns bei der spirituellen Suche Wurzeln und hilft uns, die transpersonalen Erfahrungen, die wir in der Meditation und bei anderen spirituellen Forschungsreisen machen, aufzunehmen. Menschen mit einem schwachen Selbstgefühl und einer schwachen Ich-Struktur haben oft viele essenzielle Erlebnisse, können diese jedoch nicht aufnehmen oder integrieren. Wenn wir spirituelles Wachstum und die verschiedenen Eigenschaften von Essenz nicht verstehen, können wir den Individuationsprozess als hinderlich und sinnlos erleben. Noch wichtiger ist, dass der Individuationsprozess, wenn wir Essenz und Fixierung nicht begreifen, oft verflacht, da ihm die volle Reife eines bewussten Ichs fehlt. Der Entwicklungsprozess der Individuation braucht die Dimension des Seins, sonst fehlt ihm etwas. Umgekehrt gilt: je größer die Schritte, die wir in unserer Individuation machen, desto besser können wir die verschiedenen Eigenschaften von Essenz aufnehmen und integrieren.
Bei meinen ersten Meditationserfahrungen ging ich von der falschen Annahme aus, dass ich, wenn ich mich auf der Ebene von Sein erlebe, auch meinen Individuationsprozess fördere – die Entwicklung zur psychisch reifen, vollständigen Persönlichkeit. Das führte zu einem inneren Konflikt zwischen Ego und Sein, zwischen dem klein geschriebenem Selbst (Ego) und dem groß geschriebenem SELBST (essentiell oder transpersonal). Zu der Zeit hatte ich die starke Tendenz, das Ego loswerden zu wollen (als sei so etwas überhaupt möglich), und mich ausschließlich mit den eher unpersönlichen Eigenschaften von Essenz identifiziert.
Dieses Missverständnis löste in mir sehr viele Konflikte und Verwirrung aus und führte zu einer völlig unreifen Spiritualität. Wenn wir ausschließlich in der Essenz oder bestimmten essenziellen Qualitäten leben wollen, entwickeln wir eine eindimensionale, narzisstisch motivierte Spiritualität. Der indische Mystiker Osho sprach davon, dass diese Suchenden „an schönen Orten hängen bleiben“.
Um zu wachsen und zu reifen, müssen wir mit dem Schatten als auch mit dem Licht in uns arbeiten, mit allen Qualitäten der Essenz als auch mit all den Problematiken, die mit ihnen verbunden sind.
