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Endlich eine Yogapraxis, die sich dir anpasst, nicht umgekehrt! Yoga ist so vielseitig wie die Menschen selbst, die es praktizieren. Damit du in dieser Vielfalt genau das Richtige für dich findest und um möglichst vielen Menschen Yoga zugänglich zu machen – unabhängig von Können, Körperform, Alter, Geschlecht oder körperlichen Beeinträchtigungen –, haben die beiden Yogaexpertinnen Dianne Bondy und Kat Heagberg ein Konzept entwickelt, mit dem alle Yoginis eine individuelle Yogapraxis kreieren können. Neben Themen wie Atmung, Meditation, Selbstwahrnehmung und Diversität stellen Dianne und Kat 60 angeleitete Asanas vor, die in unterschiedliche Level eingeteilt sind und wahlweise mit Hilfsmitteln ausgeführt werden können. Die zahlreichen Varianten ermöglichen es dir, dein Yogaworkout flexibel und abwechslungsreich zu gestalten, deinen eigenen Fokus zu bestimmen und deinen Wohlfühlmoment zu finden. Die beispielhaften Flows dienen dir dabei als Inspiration und Hilfe zugleich. So kannst du die Sequenzen ganz einfach auf deine eigenen Bedürfnisse abstimmen, denn Yoga sollte zu dir passen, nicht umgekehrt!
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2022
Dianne BondyKat Heagberg
EVERYBODY’SYOGA
Dianne BondyKat Heagberg
EVERYBODY’SYOGA
Dein Körper, dein Level, dein Flow – finde die Asanas, die am besten zu dir passen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtige Hinweise
Dieses Buch ist für Lernzwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung dar und sollte auch nicht als solcher benutzt werden. Wenn Sie medizinischen Rat einholen wollen, konsultieren Sie bitte einen qualifizierten Arzt. Der Verlag und die Autorinnen haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
1. Auflage 2022
© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2020 bei Shambhala Publications Inc., Boulder unter dem Titel Yoga Where You Are: Customize Your Practice for Your Body and Your Life. © 2020 by Dianne Bondy und Kat Heagberg. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Max Limper
Redaktion: Melanie Schölzke
Umschlaggestaltung: Manuela Amode
Bildnachweis: alle Fotos von Andrea Killam
Layout und Satz: Daniel Förster, in Anlehnung an das Original von Laura Shaw Design
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2075-9
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1844-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1845-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.riva-verlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Vorwort von Jes Baker
Warum Every Body’s Yoga?
GRUNDLAGEN
1. Yoga damals und heute
2. Yoga, Barrierefreiheit und Körperbild
3. Grundlagen des Yogaübens
4. Atemarbeit und Fokussierung des Blicks
5. Wie man Hilfsmittel einsetzt
DIE ASANAS
6. Grundhaltungen
7. Standhaltungen
8. Hüftöffner
9. Knie- und Sitzhaltungen
10. Rückbeugen
11. Umkehrhaltungen
12. Armbalancen
13. Haltungen in Rückenlage
14. Tiefenentspannung – Savasana und Alternativen
15. Meditation und einfühlsame Selbsterkenntnis
YOGASTUNDEN GESTALTEN
16. Inklusive Yogastunden
17. Beispielübungsfolgen
Quellenverzeichnis
Weiterführende Literatur und Kurse
Über die Autorinnen
Unsere Fotomodels
Als eine Frau, die in einem dicken Körper lebt, bin ich überzeugt: Jedem Menschen steht es zu, den eigenen Körper so bewegen zu dürfen, wie es ihm gefällt. Doch tatsächlich erlebe ich immer wieder, dass es vielen Menschen schwerfällt, ihr körperliches Selbst für sich zu beanspruchen, nachdem die Gesellschaft diesem das Stigma »anders« aufgedrückt hat. Als Aktivistin, die dem Körperfett gegenüber positiv eingestellt ist, setzte ich mich für eine Befreiung ein. Ich sehe es als meine Mission, das geläufige Paradigma des Selbsthasses in eines der Selbstakzeptanz und letztlich der umfassenden Freiheit zu verwandeln. In meinen beiden Büchern Things No One Will Tell Fat Girls und Landwhale spreche ich darüber, was dicke Körper alles tun können, wenn sie wollen. Dazu gehört unter anderem, Bewegung zu genießen, Liebe kennenzulernen und intime Beziehungen zu erleben. Meine Hoffnung ist, dass wir durch solche Diskurse, die auch andere unglaubliche Weltverändererinnen und Weltveränderer seit Jahrzehnten führen, einen Wandel bewirken können. Einen Wandel in Bezug auf das Narrativ unseres Körpers, das wir auf ermächtigende Weise neu schreiben können. Und ein Wandel, bei dem wir herausfinden, was wir persönlich auf unserem Heilungsweg brauchen.
Ich sehe und erlebe, dass es Menschen mit unkonventionellen Körpern manchmal schwerfällt, Freude an Bewegung zu finden. Lange Zeit standen die Fitnesskultur, die Wellnessbranche (die eigentlich nur umetikettiert für Diätwahn steht) und besonders auch Yoga unter dem Einfluss der gesellschaftlich akzeptierten Schönheitsnorm und der Schlankheitskultur. Aber Schönheitsnormen und Schlankheitskultur erzählen nur die eine Geschichte: Die nämlich, dass dünne, weiße, körperlich tüchtige und herkömmlich attraktive Menschen die wenigen Glücklichen sind, die über ihr Wohlbefinden und ihre Zufriedenheit bestimmen und diese genießen dürfen.
Genau dieses kulturelle Ideal hat beim Yoga akrobatische Haltungen, teure Sportkleidung und andere elitäre Ziele in den Mittelpunkt gerückt. In Wirklichkeit ist zwar niemand (wirklich niemand) verpflichtet, körperlich aktiv zu sein. Aber Bewegung kann ein wirkungsvolles Mittel sein, das Nervensystem zu heilen und Körper und Geist so wieder in Einklang zu bringen. Und das hat jeder Körper verdient. Besonders wichtig scheint mir, dass es Menschen, die aufgrund von kultureller Unterdrückung traumatische Situationen erlebt haben, möglich wird, durch mitfühlende Bewegung zu physischen Beziehungen zurückzufinden. Alle haben ein Recht auf Heilung.
Die Yoga- und Wellnessbranche hat sich ein Image zugelegt, das nur in seltenen Fällen die Vielfalt an Körpergrößen, Fähigkeiten, Herkünften, Altersstufen und sonstigen Aspekten der Diversität feiert, wie wir sie im wirklichen Leben um uns herum erleben. Dianne und Kat gehen diesen Punkt direkt an. Dieses Buch hat das Anliegen, mehr Menschen auf der Matte zu repräsentieren. Es will Klarheit darüber schaffen, was Yoga ist, und es will Asanas für mehr und für verschiedenere Körper möglich machen. Every Body‘s Yoga feiert die Vielfalt des Yoga in all seinen Haltungen, Atemübungen und philosophischen Ansätzen. Das Buch erkundet Yoga in der kollektiven Praxis über die individuellen Erfahrungen. Aber es hält auch Tipps für Lehrende bereit, wie sie für die Übenden sicherere, integrativere Lernumgebungen und Übungsfolgen schaffen können. Every Body‘s Yoga hilft dabei, an Selbstvertrauen zu gewinnen, seinem Körper zu glauben und seinen Platz auf der Matte zu finden.
Ein dreifaches – nein, vierfaches – Hoch auf Dianne und Kat, die ihre jahrelange Erfahrung in der Yogawelt in diesen phänomenalen Leitfaden eingebracht haben. Ihre Erkundung des Yoga lässt uns tiefer in unsere Praxis eintauchen und holt uns gleichzeitig dort ab, wo wir uns gerade auf unserem Heilungsweg und in der Verbindung zu unserem Körper befinden! Das zu schaffen, ist alles andere als eine kleine Leistung – und wir brauchen mehr davon in unserer Welt.
Dieses Buch ist für dich und deinen Körper gedacht, ganz egal wie du bist und wo du stehst. Es ist das Yogabuch, nach dem wir uns auch selbst gesehnt haben!
Wir hoffen, dass dieses Buch dich dort abholt, wo du dich auf deinem Yogaweg gerade befindest – egal ob du Anfängerin oder Anfänger, Fortgeschrittene oder Fortgeschrittener bist. Wir wünschen uns zudem, dass es deine Kreativität und deine Fortentwicklung inspiriert, sowohl auf der Matte als auch im Leben! Als Lehrende, Ausbildende und seit vielen Jahren Lernende waren wir beide frustriert angesichts des Mangels an umfassenden und gleichzeitig verständlichen Yogabüchern. Verstehe uns jetzt nicht falsch: Es gibt viele Yogabücher, aber wir finden sehr viele davon für unsere Bedürfnisse entweder zu simpel oder zu esoterisch. Wir haben uns ein Buch gewünscht, das mitwächst, das ein Begleiter auf der Matte ist – ein Begleiter, an den man sich auch nach Jahren noch wenden kann. Wir wollten dabei kein starres Handbuch, das den »richtigen« Weg zum Üben von Haltungen weist. Wir wollten ein Buch, das die Kreativität entfacht und die Praxis und den Unterricht auch dann noch inspiriert, wenn sich Körper und Leben weiterentwickeln.
Yoga wird von Menschen aller Altersstufen, Herkünfte und Ethnien, Geschlechter, Körpertypen und Erfahrungsstufen praktiziert. Wir möchten, dass in unserem Buch eine größere Vielfalt an Menschen vertreten ist, als man sie normalerweise im Mainstream der Yogapublikationen zu sehen bekommt. In den letzten Jahren sind zunehmend auch Yogabücher von und für Menschen mit größerem Körper geschrieben worden, aber diese Bücher richteten sich oft speziell an Anfängerinnen und Anfänger (oder wurden als Anfängerbuch vermarktet). Wir freuen uns zudem über immer mehr Bücher von nicht-weißen Yogalehrenden.
Die Bücher für Lehrende und Personen, die erfahrener im Yoga sind, zeigen jedoch überwiegend Fotomodelle, die in das von den Medien gern generell propagierte Image des Yoga passen: jung, weiß, schlank, heteronormativ. Dabei wissen wir, dass Millionen von Menschen mit Essstörungen leben (über 30 Millionen allein in den USA, laut der National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders). Wir beide haben dies am eigenen Leib erlebt. Und wir sehen eine Gefahr in einem Yogaunterricht, der mit Botschaften über Reinigung, Entgiftung und Gewichtsverlust gespickt ist. Solche Botschaften halten wir vom Wesen her für schädlich. Deshalb haben wir ein Handbuch erarbeitet, das wir unseren Schülerinnen und Schülern ebenso wie unseren Yogalehrerinnen und Yogalehrern in Ausbildung empfehlen – ein Handbuch, das alle Körper feiert und in dem Yoga eine Ermächtigung für alle ist.
Yoga zu praktizieren (in Form von Asanas, Meditation und mehr), das hat unser Leben auf tiefer Ebene bereichert. Und wir möchten unsere Praxis daher auf eine Weise teilen, die für viele Körper zugänglich ist. Wenn wir eine Haltungsvariante zeigen, so stellt diese keine minderwertige Modifikation dar. Vielmehr ist sie ein Weg, der einer Vielzahl von Lernenden wunderbare Möglichkeiten eröffnet – Möglichkeiten, eine Haltung zu erkunden. Wir verwenden Formulierungen, die die Lernenden dafür feiert, dass sie weise Entscheidungen für ihren Körper und ihr Leben treffen. Wir hoffen, dass sich mehr Lernende und Lehrende solche Formulierungen in ihrem Sprechen aneignen. Barrierefreiheit ist eine Stärke.
Dieses Buch ist weder voller »so« und »so nicht«, noch voller »immer« und »nie« oder sonstigen willkürlichen Regeln darüber, wie eine Haltung aussehen oder sich anfühlen »sollte«. In Wirklichkeit dienen diese Regeln beim Yoga häufig nicht der Sicherheit, sondern basieren auf ästhetischen Vorlieben. Zwar wird die richtige Ausführung einer Haltung oft als universell betrachtet, aber im Laufe unserer gesammelten Lern- und Lehrjahre haben wir festgestellt, dass dies nicht der Realität entspricht. Was eine »gute« Haltung ist oder nicht, hängt von den Schülern ab: von ihrer einzigartigen Körperstruktur, von ihrem Hintergrund und ihren Erfahrungen sowie von ihren Zielen und Absichten. Zwei Beispiele aus unserem eigenen Leben:
Kat: Die Stockhaltung (Seite 157) besteht im Wesentlichen darin, mit nach vorn gestreckten Beinen aufrecht auf dem Boden zu sitzen, wobei sich die Arme seitlich am Körper befinden und die Hände neben den Hüften auf dem Boden liegen. Der Zweck der Stockhaltung besteht normalerweise darin, dass man eine lange, neutrale Haltung der Wirbelsäule findet und aufrecht sitzen lernt, ohne zusammenzusacken. Weil ich einen langen Oberkörper und kurze Arme habe, krümmt sich mein Rücken, sobald ich in dieser Haltung die Hände neben den Hüften flach auf den Boden lege – was dem Zweck der Übung zuwiderläuft. Um meine Wirbelsäule lang zu halten, drücke ich deshalb normalerweise meine Fingerspitzen (nicht meine Handflächen) gegen den Boden oder lege mir eine Stütze (zum Beispiel Yogablöcke) unter die Hände. Auf diese Weise kann ich die guten Wirkungen der Stockhaltung erleben. Aber in meiner ganzen Yogazeit hatte ich viele Lehrende – und nicht nur unerfahrene –, die meine Ausrichtung in dieser Haltung »korrigierten« und mich anwiesen, die Hände flach auf den Boden zu legen, weil »die Haltung so ausgeführt wird« (auch wenn das meine Wirbelsäule krümmte). Mir wurde versichert, dass ich meine Hände bestimmt dann flach auflegen könnte, wenn ich »gelenkiger werde«. Das finde ich schon lustig, denn egal wie gelenkig ich werde, meine Armknochen wachsen nicht mehr!
Dianne: Als nicht-weiße Frau mit einem kräftigeren Körper fühle ich mich oft von der Yogakultur ausgeschlossen – von eine Yogakultur, die hauptsächlich auf schlankere, athletischere Körper ausgerichtet ist. Wenn ich in Kursen Schwierigkeiten mit einer bestimmten Haltung habe, sind die Lehrenden oft nicht in der Lage, mir Hilfe anzubieten. Die meisten Yogalehrenden kennen sich mit größeren Körpern nicht aus. Für Körper mit Behinderungen gilt dies ebenfalls. Manchmal hängen Lehrende so sehr an ihrer Tradition oder an ihren Ausrichtungsprinzipien, dass sie gar keine Chance haben, auf Lernende einzugehen und ihnen bei den Asanas zu helfen. Um sich zum Wohle der Lernenden hilfreiche Haltungsvarianten ausdenken zu können, braucht man Einfallsreichtum und eine Offenheit für Denkansätze jenseits von Überlieferung und Schulmeinung. Ich sage immer: Kartoffeln kann man auf vielerlei Art zubereiten und Asanas kann man auf vielerlei Art üben. Wir sollten untersuchen, wie sich unterschiedliche Körper bewegen, und diese Bewegungsarten ins Gesamtbild des Yoga integrieren. Als beleibtere Frau musste ich Yogahaltungen an meinen Körper anpassen. Diese Anpassungen kann ich dann mit anderen teilen. Es ist zu meiner Mission geworden, das Üben des Yoga so niedrigschwellig zu gestalten, wie es nur möglich ist.
Zu unserer Enttäuschung (aber nicht Überraschung) haben uns schon viele Menschen gesagt: »Ich habe ein Buch über Yoga zur Hand genommen und festgestellt, dass es nichts für mich ist.« Wir glauben aber, dass Yoga wirklich etwas für alle ist. Und wir möchten, dass daraus mehr wird als nur ein Slogan.
Zusammengenommen verfügen wir über mehr als 30 Jahre Unterrichtserfahrung. Wir haben das große Privileg gehabt, mit Menschen mit Behinderungen oder größeren Körpern zu arbeiten, ebenso mit älteren Personen und mit Anfängerinnen und Anfängern. Aus diesen Erfahrungen ziehen wir Wissen und die Gewissheit, dass wir einem größeren Kreis von Menschen den Zugang zum Yoga erschließen können.
Wir haben auf der ganzen Welt unterrichtet und dabei viel neu gelernt, umgelernt und verlernt. Vor allem haben wir gelernt, Fragen zu stellen, neugierig zu sein und offen für neue Herangehensweisen beim Praktizieren des Yoga. Unsere leidenschaftliche Entschlossenheit, einen vielfältigen und inklusiven Erfahrungsraum innerhalb der Yogakultur zu erschaffen, hat uns verschiedenste Asana-Varianten erfinden lassen. Wir freuen uns, dir viele dieser Varianten hier vorstellen zu können – nicht damit dein Yogaprogramm so aussieht wie unseres, sondern damit du dir Yoga wirklich zu eigen machst. Du sollst es so praktizieren können, dass es deinen individuellen Bedürfnissen und Zielen entspricht. Und wenn du Lehrerin oder Lehrer bist, sollst du den Bedürfnissen und Zielen der Lernenden besser gerecht werden können.
Der erste Teil des Buches liefert nützliche Informationen über Yoga, feiert seine vielfältigen Wurzeln, ergründet seine Beziehung zum Körperbild und stellt die Grundlagen des Yogaübens vor. Wir danken Colin Hall, Professor für Religionswissenschaft und Kinesiologie an der University of Regina in Saskatchewan, Kanada, für seine Unterstützung beim Abschnitt über die Geschichte des Yoga.
Im zweiten Teil des Buches stellen wir dir eine riesige Auswahl an Haltungen und Haltungsvarianten vor. Egal, ob du erfahrener Yogi oder beginnende Yogini bist, wir hoffen, dass dieser Abschnitt deinen Yogaweg bereichert und dich Neues ausprobieren lässt.
Der dritte Teil des Buches hilft bei der Gestaltung und Anpassung deines Yogaprogramms und regt zur thematischen Zusammenstellung von Übungen an.
Am Ende des Buches geben wir dir einige Hinweise auf hilfreiche Medien und Tipps für Kurse und stellen dir unsere wunderbaren Fotomodelle vor.
Egal, ob du beginnend oder fortgeschritten bist oder Yoga unterrichtest – wir haben dieses Buch für dich geschrieben. Es soll dir in jeder Phase deines Yogawegs als Nachschlagewerk dienen.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Vorhaben! Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, was es mit dem Yoga auf sich hat, findest du die wichtigsten Informationen in Teil 1, unter anderem in den Kapiteln »Yoga damals und heute« und »Yoga, Barrierefreiheit und Körperbild«. In Kapitel 3, »Grundlagen des Yogaübens«, stehen unsere Top-Ten-Tipps für den Einstieg in Yoga. Diese helfen dir bei den ersten Schritten zu deiner individuellen Yogapraxis, die deinen Bedürfnissen und Zielen entspricht. Das Kapitel 4, »Atemarbeit und Fokussierung«, zeigt dir, wie du dich durch Atmung und Konzentration zentrieren und dich ausgeglichener fühlen kannst. Kapitel 5 erläutert, welche Hilfsmittel am nützlichsten sind, und nennt dir auch gebräuchliche Haushaltsgegenstände, die du anstelle von speziellem Zubehör verwenden kannst.
Teil 2 des Buches behandelt die verschiedenen Arten von Haltungen und deren Varianten, von grundlegenden Haltungen in Kapitel 6 bis hin zu Varianten der Entspannungslage (Savasana) in Kapitel 14. In Kapitel 15 geht es um Meditation.
Teil 3 befasst sich damit, wie du deine eigenen Übungen und Übungsfolgen gestalten kannst (Kapitel 16). Eine Reihe von vollständigen Übungsfolgen wird beispielhaft in Kapitel 17 vorgestellt. (Wir empfehlen, mit den Übungsfolgen »Grundhaltungen« oder »Alles auf dem Stuhl« zu beginnen.) Alle Haltungen werden im Abschnitt »Haltungen« ausführlich beschrieben – mit vielen Varianten und allerlei Tipps und Tricks, damit du sie dir aneignen kannst.
Wirf ebenfalls einen Blick auf die »Empfehlungen und Ressourcen« am Ende des Buches. Dort schlagen wir dir einige Videokurse vor, an denen du online teilnehmen kannst (darunter auch Kurse, die von uns beiden unterrichtet werden!).
Wenn du wissen willst, wie du schwierige Haltungen meistern kannst, oder wenn du Lust auf witzige neue Varianten hast, kannst du zu Teil 2 vorblättern. Damit du dort besser findest, was du suchst, fassen die Kapitel immer Übungen bestimmter Kategorien zusammen (Stehhaltungen, Armbalancen, Haltungen in Rückenlage und so weiter). Brauchst du dagegen Inspiration oder Übungsfolgen für die Yogapraxis zu Hause, dann schau mal in die Beispielabläufe des Kapitels 17. Oder hol dir frische Ideen im Abschnitt »Übungsfolgen und Vinyasas kreativ gestalten« in Kapitel 16.
Wir hoffen, dass dir dieses Buch bei der Unterrichtsplanung dienlich ist. Vor allem wünschen wir uns aber, dass es deinen Lernenden hilft, angenehme, ermächtigende und zugängliche Haltungsvarianten kennenzulernen, die für sie funktionieren. Schau mal in den Übungsteil, der mit dem Kapitel 6 in Teil 2 beginnt, dort findest du unzählige Anpassungsmöglichkeiten.
Auch bei der Unterrichtsplanung stehen wir dir zur Seite, indem wir dir vielfältige Anregungen liefern. So kommst du aus dem Alltagstrott heraus und kannst Neues ausprobieren. In Teil 3, »Yogastunden gestalten«, haben wir dir viele hilfreiche Materialien zusammengestellt – von einer ausfüllbaren Vorlage für Übungsabläufe über Tipps zur Unterrichtsgestaltung bis hin zu kreativen Ideen für mehr Abwechslung im Programm. Du kannst dich übrigens auch von den Übungsfolgen in Kapitel 16 inspirieren lassen.
Ebenfalls in Kapitel 16 stehen unsere vielleicht noch wichtigeren »Zehn Maßnahmen, um einen geschützten Raum zu schaffen«, die wir dir sehr ans Herz legen. Mehr als alles andere fragen uns Lehrende tatsächlich, wie sie ihren Unterricht einladender und inklusiver für alle Körpertypen und Leistungsstufen gestalten können. Diese Frage beantworten wir und geben dazu umsetzbare Tipps, die deinen Unterricht verbessern und dafür sorgen, dass sich die Übenden durch Yoga sicherer und gestärkt fühlen.
Wir wissen, dass es nicht leicht ist, Ausbildungsgänge und Weiterbildungen zu leiten! Wir haben es beide schon gemacht. Und wir waren oft frustriert – vom Umgang mit Hausaufgaben, von den Fragen nach der »richtigen« Ausführung oder Anleitung einer Haltung. Was wir auch bedrückend fanden, war die Mühe, den Auszubildenden das wahre Unterrichten beizubringen: nämlich Fragen zu stellen, Neues zu erfinden und zu improvisieren statt Anleitungen auswendig zu lernen oder nach einem Skript zu unterrichten. Das ist ein wichtiger Grund, warum wir dieses Buch verfasst haben: Wir wollen dir und deinen zukünftigen Auszubildenden wirklich brauchbares Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen.
Deine Auszubildenden können alle Varianten in den Haltungskapiteln durcharbeiten und die Grundlagen der Körperausrichtung begreifen (und auch lernen, wann, warum und wie man die »Regeln« bricht). Sie bekommen Anregungen und Informationen darüber, wie man die »typische« Form einer Haltung so verändert, dass sie ihren Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern mehr Nutzen bringt. Wir hoffen, dass deine Auszubildenden nicht nur die im Buch aufgeführten Varianten erproben, sondern sich auch ermutigt fühlen, bei Bedarf eigene Varianten zu entwickeln.
Auszubildende haben oft haufenweise Fragen zum Ablauf von Kursen (und das aus gutem Grund). Von daher haben wir Arbeitsmaterialien angehängt, die deine Auszubildenden beim Erstellen sicherer, unterhaltsamer und wirkungsvoller Unterrichtspläne unterstützen. Dazu gehören ebenfalls Tipps zur Gestaltung von Übungsabläufen und themenbezogener Kurse sowie Beispielsequenzen und noch vieles mehr – alles ist in Kapitel 16 und 17 zusammengefasst. Das Kapitel 16 enthält auch eine Vorlage für Übungsabläufe, die angehende Lehrende ausfüllen können, wenn sie ihre ersten eigenen Kurse zusammenstellen.
Wir wünschen dir alles Gute auf deinem Yogaweg, ganz gleich auf welcher Stufe du dich gerade befindest. Und wir hoffen, dass dir dieses Buch im Hier und Jetzt und in den kommenden Jahren als Informationsquelle und Ratgeber dient. Du schaffst das.
Dianne und Kat
In vielen Teilen der Welt ist Yoga zu einer Ware geworden. Yoga ist ein milliardenschwerer Teil der Fitness-, Wellness- und Selbsthilfebranche. Es wird als Möglichkeit vermarktet, durch kontinuierliche, nie endende Selbstverbesserung zu einer Verwandlung des Selbst zu finden – eine Aussicht, die seltsamerweise oft den Konsum antreibt und ein gewisses Maß an Unzufriedenheit fördert.
Da auch wir unseren Lebensunterhalt in der Yogabranche verdienen, wissen wir um die Komplexität des Problems. Laut einer aktuellen Studie der Yoga Alliance gibt es in den Vereinigten Staaten schätzungsweise 37 Millionen Menschen, die Yoga betreiben. Und es gibt wahrscheinlich weitere Millionen, die Yoga gern ausprobieren würden, sich aber nicht willkommen fühlen. Um zu wissen, wo wir stehen, wie wir hierhergekommen sind und wohin wir gehen, müssen wir zunächst einen Schritt zurücktreten. Wir müssen die Wurzeln des Yoga verstehen und würdigen, aber auch nachvollziehen können, wie Yoga in den Westen kam und zur Ware wurde. Erst wenn wir diese Geschichte kennen, können wir das tiefgreifende Veränderungspotenzial des Yoga wirklich nutzen – sowohl für uns selbst als auch für die Gesellschaft.
Das Wort Yoga bedeutet »Joch«, was man als »Anschirren« verstehen kann, also als ein Zusammenführen und Vereinen. Sobald wir sehen, dass wir alle zusammenhängen, können wir den Raum für Veränderungen schaffen. Yoga kann der Katalysator für großen Wandel in unserem eigenen Leben und in der Welt sein.
Yoga entstand vor Tausenden von Jahren als Mittel für spirituelle Befreiung, Selbstverwirklichung und Seelenwachstum. Heute wird es dagegen oft als Werkzeug für Schönheit, Fitness oder Erfolg eingesetzt. Wir möchten die Geschichte des Yoga aus einer neuen Perspektive erzählen – aus einer, die die vielfältigen Wurzeln würdigt und die betont, dass auch wir am Rande Stehende dazugehören.
Die Geschichte des Yoga reicht viel tiefer, als wir in diesem kurzen Kapitel vermitteln können, aber wir möchten dir einen Vorgeschmack geben. Indem wir den Wurzeln des Yoga Ehre erweisen und die Bedeutung des »Vereinens« hervorheben, geben wir dir hoffentlich auf vielfältige Weise neue Anknüpfungspunkte für die Yogapraxis in deinem Leben. Yoga hat sich entwickelt und wird sich – genau wie die Menschheit – immer weiterentwickeln. Dabei hat Yoga vielen Achtsamkeits- und Bewegungsmethoden den Weg geebnet, die ihre Ursprünge in diesem uralten Übungsweg haben.
Yogaforscher haben Belege dafür gefunden, dass Yoga nicht nur aus Indien stammt, sondern dass seine Spuren auch in Teile Afrikas führen, insbesondere nach Ägypten. Die Yogapraxis wurde von People of Color (PoC) als Mittel des spirituellen Wachstums gesehen, als Weg zur Vereinigung geistiger und körperlicher Erfahrungen. Im Laufe der Zeit hat sich dies zu vielen verschiedenen Formen weiterentwickelt – manche davon sind zugänglicher als andere. Heutzutage haben viele Menschen eine bestimmte Vorstellung davon, wie Yoga »aussehen« sollte – eine Erwartungshaltung, die mit den Wurzeln des Yoga oft wenig oder gar nichts zu tun hat. Wenn wir modernes Yoga als eine Sammlung von achtsamen Bewegungen betrachten, sehen wir, dass auch andere Kulturen einen Einfluss auf die Geschichte und Entwicklung des Yoga gehabt haben. Zum Beispiel erkennen wir den westlichen Einfluss in vielen niederschwelligen Yogarichtungen, aber ebenfalls in der Herausbildung von fitnessorientiertem Yoga.
Viele verschiedene Kulturen haben spirituelle Praktiken hervorgebracht, die Bewegung und Atem verbinden, sei es in Form von Tanz, Asanas (Haltungen) oder Übungen. Ein solches Beispiel ist das kemetische Yoga.
Kemetisches Yoga hat seinen Ursprung in Ägypten. Dieses Yoga konzentriert sich auf den Energiefluss durch den Körper, um sich mit dem eigenen höheren Selbst und mit dem Göttlichen zu verbinden. Man praktiziert kemetisches Yoga in einem viel langsameren Tempo, als man gewöhnlich im Yoga Asanas ausführt, und legt den Schwerpunkt stärker auf Meditation und die Chakren (Energiezentren). Die Körperhaltungen des kemetischen Yoga sind antiken Darstellungen ägyptischer Göttinnen und Götter entnommen. Diese Yogatradition mit afrikanischen Wurzeln ist in der weithin verbreiteten Yogakultur kaum aufzufinden. Angesichts der historischen und gegenwärtigen Unterdrückung von Menschen afrikanischer Abstammung in Nordamerika ist das nicht überraschend. Die Beiträge nicht-weißer Menschen zur modernen Gesellschaft gelangen selten in die Geschichtsbücher, obwohl sie eine große Rolle bei der Entwicklung der Weltkultur spielen.
Mehrere herausragende Erforscher der kemetischen Kultur – vor allem Sehu Khepera Ankh, St. Clair Drake und Yirser Ra Hotep – haben sich dafür eingesetzt, kemetisches Yoga und damit den afrikanischen Einfluss auf zeitgenössische spirituelle Praktiken bekannter zu machen. Berichte über Verbindungen zwischen Afrika und Yoga haben Dianne in ihrem Gefühl bestätigt, dass diese Praxis ihr im Blut liegt und dass sie in diese Kultur hineinpasst.
Kemet – oder KMT – war zu Zeiten der Pharaonen ein antiker Name für Ägypten. Untersuchungen legen nahe, dass die Urbevölkerung Ägyptens schwarzhäutig war und aus dem Sudan, Äthiopien und Südarabien sowie aus Babylon stammte.1 Die Kemeter entwarfen und bauten Pyramiden und leisteten wichtige Beiträge auf vielen Gebieten, darunter Mathematik, Architektur, Chemie und Medizin. Sie drückten ihre Vorstellungen in heiligen Symbolen aus, wie man sie in den Pyramiden und im Grab Tutanchamuns vorfindet.
Yirser Ra Hotep (auch bekannt als Elvrid Lawrence) ist mit über 30 Jahren Erfahrung im Praktizieren und Lehren der ranghöchste Lehrer für kemetisches Yoga in den Vereinigten Staaten. Er hat ausführlich über die kemetischen Symbole und ihre Verbindungen zum Yoga geschrieben. Er erklärt: »Was diese Menschen des Altertums mit ihren symbolischen Zeichnungen und Reliefs sagen wollten, erscheint in modernen Augen dunkel und rätselhaft. Mit den Augen eines ihrer Weltanschauung Teilhaftigen sind ihre klaren und großartigen Botschaften leicht zu verstehen.«2
Ein Beispiel, das Yirser Ra Hotep aufführt, ist das einer Schnitzerei an der Rückenlehne eines Stuhls, der in König Tutanchamuns Grab gefunden wurde. Abgebildet ist ein Mann namens Shu. Hotep beschreibt, was Shu repräsentiert:
Sein langer, gewellter Bart weist darauf hin, dass die alten Ägypter oder Kemeter ihn als einen Gott oder als eine Naturgewalt ansahen. In der altkemetischen Kosmologie repräsentiert Shu das Konzept des Atems, der in uns ein- und ausströmt und der unserem physischen Körper so Leben verleiht. Zudem ist er auch die Atmosphäre, die die Erde umgibt, und eines der vier Elemente der Schöpfung, die da sind: Erde, Luft, Feuer und Wasser.
Ägyptologen, die die altägyptische Zivilisation studiert haben, kennen dieses Abbild seit Tausenden von Jahren, doch niemand hat Shu jemals mit Yoga in Verbindung gebracht. Aber man braucht nur seine Position zu untersuchen und die in den Stuhl geritzten Symbole, zu denen die Sonnenscheibe auf seinem Kopf und zwei Kobras gehören, und schon wird die Verbindung zum Yoga offensichtlich. Die Sonnenscheibe auf seinem Kopf entspricht dem Kronenchakra, dem Energiezentrum, das für das höhere Selbst und die Erleuchtung steht. Die Kobras stehen für zwei der drei Haupt-Nadis, die dem yogischen Wissen nach Kanäle sind, durch die Energie oder Lebenskraft fließt. Der menschliche Körper wird so genährt und belebt.
Die Haltung des Shu und die unzähligen anderen Yogahaltungen, die in der altägyptischen Kunst und Literatur vorkommen, gehören nicht ausschließlich zu dieser Kultur. Sie finden sich auch in anderen Teilen Afrikas und in der westlichen Hemisphäre, wohin afrikanische Menschen schon Tausende Jahre vor Kolumbus reisten.3
Hotep und andere Gelehrte haben überzeugende Nachweise für einen Zusammenhang zwischen Yoga und altafrikanischen Überlieferungen erbracht. Dies macht den Gedanken realistisch, dass an verschiedenen geografischen Orten aus achtsamen Bewegungsübungen eigene Yogatraditionen entstanden sind – es also mehrere kulturelle Quellen für Yoga gibt. Eine Verbindung von Bewegung und spiritueller Erfahrung zeigt sich in den ostasiatischen Kampfkünsten ebenso wie bei der indigenen Bevölkerung Nordamerikas in ihren Traditionen des Trommelns und Tanzens. Letztendlich trägt die Erforschung der vielfältigen Ursprünge des achtsamen Übens nur dazu bei, die Yogakultur weiter zu bereichern.
Als Lehrende und Praktizierende des höheren Bewusstseins müssen wir offen sein für die Erkenntnis, dass Yoga viel größer ist, als wir es zu glauben meinen oder zu glauben gelernt haben. Dazu kommt, dass seine Ursprünge wahrscheinlich viel reicher und komplexer sind, als wir denken und als es die heutige Yogakultur vermuten lässt. Für Schwarze und andere nicht-weiße Menschen ist es wichtig zu wissen, dass ihre Geschichte Bedeutung hat. Auch ihnen gehört die Welt. Und ihre Erfahrungen und Beiträge sind wichtig. Schwarze und nicht-weiße Leben zählen und spielen eine maßgebliche Rolle bei der Gestaltung unserer heutigen Welt. Das muss anerkannt werden. Lässt man zu, dass eine Kultur ihre Wurzeln kennt, stolz auf ihren gesellschaftlichen Anteil ist und ihr Erbe und ihre Traditionen würdigt, dann nimmt das nichts von der vorherrschenden Kultur weg. Solches unterdrückt die vorherrschende Kultur nicht, sondern bereichert unser aller Leben. Wenn nicht-weiße Menschen für ihre Leistungen gefeiert und in der Gesellschaft als gleichwertig angesehen werden, können wir endlich die weiße Vormachtstellung abbauen und mit der Heilung unserer Gesellschaft und unserer Welt beginnen.
Wie bereits erwähnt, ist das Yoga, das viele von uns heute praktizieren, eine Kombination aus Körperübungen und spirituellen Praktiken aus der ganzen Welt, Asien, Afrika und der Westen eingeschlossen. In Indien liegen die Ursprünge des Yoga Tausende von Jahren zurück. Aber eine der wichtigsten Einflüsse auf das moderne Yoga bildet die Traditionslinie von Swami Vivekananda, einem indischen Hindu-Mönch, der als Narendranath Datta geboren wurde – Ende des 19. Jahrhunderts führte er die indischen Philosophien des Vedanta und des Yoga in den Westen ein.4 Ein weiterer großer indischer Gelehrter und Yogameister war Tirumalai Krishnamacharya, der in Tibet studierte und im 20. Jahrhundert einflussreich war. Er kombinierte die Techniken des Hatha Yoga mit Turnen, Gymnastik und Ringen. Viele seiner Schüler – B. K. S. Iyengar, K. Pattabhi Jois, Indra Devi und T. K. V. Desikachar – haben seine Techniken angepasst und prägten so nachhaltig die inzwischen auf der Welt verbreiteten Yogahaltungen. Die prominenten Lehrenden von heute stehen größtenteils in Traditionslinien, die sie mit diesen Urvätern verbinden.5
Nichts auf dieser Welt ist statisch. Und so entwickelt sich auch unser Wissen über die Geschichte des Yoga weiter und wächst. Dieser Abschnitt bietet einen kurzen Einblick in Geschichte und Entwicklung des Yoga und behandelt einige der wichtigsten Schriften – Bücher, auf die deine Lehrerin oder dein Lehrer im Unterricht möglicherweise oft Bezug nimmt.
Der Rigveda – das Sanskrit-Wort Rig bedeutet »Lob« und Veda bedeutet »Kenntnis« – enthält eine der ersten bekannten schriftlichen Erwähnungen des Yoga. Es ist auch einer der ältesten publizierten Texte in einer indogermanischen Sprache. Untersuchungen haben ergeben, dass zumindest einige der 1028 Hymnen im dritten oder sogar vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstanden sind. Das Gayatri-Mantra, das noch heute in vielen Yogakursen gesungen oder im Hintergrund gespielt wird, findet sich im Rigveda. Die anderen drei vedischen Hymnentexte sind der Yajurveda (»Kenntnis vom Opfer«), Samaveda (»Kenntnis der Gesänge«) und Atharvaveda (»Kenntnis von Atharvan«, einem berühmten Feuerpriester).
Auch die Bhagavadgita (»Gesang des Erhabenen« in Sanskrit) wird von vielen als wertvolle Yogaschrift angesehen. Sie enthält über 700 Verse, die in ihrer zentralen Botschaft die Leser dazu ermutigen, sich dem Bösen tatkräftig entgegenzustellen – wahres Leben heißt zu handeln, das eigene Ego zu überwinden und den Schwierigkeiten des Lebens nicht länger auszuweichen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Bhagavadgita um 500 vor unserer Zeitrechnung geschrieben wurde. Sie gehört zum Mahabharata– einem der großen Nationalepen Indiens (ein anderes ist das Ramayana).
Über das Leben von Patanjali, dem Autor (oder den Autoren) der Yogasutras (die man als Yogaleitfäden verstehen kann), weiß man kaum etwas. Aber sein Text wird von vielen Lehrenden und Lernenden als entscheidend für die Yogapraxis angesehen.
Gelehrte datieren die Yogasutras auf das vierte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Der Text umfasst 196 (in manchen Übersetzungen 195) Merksprüche zum Yoga. Interessanterweise beziehen sich lediglich drei dieser Sutras auf Yogahaltungen – und zwar wahrscheinlich nur auf eine sitzende Meditationshaltung, nicht auf die große Vielfalt an Asanas, die wir aus dem zeitgenössischen Unterricht kennen. Die Yogasutras sind in vier Kapitel oder Padas unterteilt. Das zweite Kapitel, »Sadhana Pada«, befasst sich mit dem Üben (Sadhana bedeutet »Üben«), und dort finden sich die acht Glieder des Yoga, ein achtfacher Weg zur Befreiung:
Yama ist das erste Glied und bezieht sich auf Prinzipien, die unserem Handeln in der Welt eine Richtung verleihen. Es gibt fünf Yamas: Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (Nicht-Stehlen), Brahmacharya (richtiger Umgang mit Energie) und Aparigraha (Nicht-Gier oder Nicht-Horten).
Das zweite Glied, Niyama, bezieht sich auf unseren Charakter und darauf, wie wir unsere Sicht auf die Welt verbessern können. Es gibt auch fünf Niyamas, die dazu beitragen sollen, dass wir durch Wahrnehmung und Handeln der Erleuchtung näherkommen. Die fünf Niyamas sind Saucha (Sauberkeit), Santosha (Zufriedenheit), Tapas (Disziplin oder brennendes Verlangen oder umgekehrt: das Verbrennen des Verlangens), Svadhyaya (Selbststudium oder Selbstreflexion und Studium spiritueller Texte) und Ishvara Pranidhana (Unterwerfung unter eine höhere Macht).
Das Wort Asana bedeutet auf Sanskrit wörtlich »Sitz«. Hier dreht es sich nicht um die Fähigkeit, den perfekten Krieger oder eine komplizierte Balancehaltung zu schaffen. Es geht um das Vermögen, sich zur Meditation niederzulassen und das eigene Leben wahrzunehmen. Patanjali fordert für die Ausführung der Asanas: Sthira Sukham Asanam – »Die Haltung sollte fest und entspannt sein.«
Das Wort Prana bedeutet »Lebenskraft«. Es bezieht sich auf die Essenz oder die Energie, die uns am Leben erhält. Unter Pranayama kann man »Atemarbeit« verstehen, also Atemübungen und -techniken, die den Geist beruhigen und dazu beitragen, dass wir vollständiger mit dem gegenwärtigen Moment in Verbindung treten. Wir können damit auch besser mit dem Körper in Kontakt kommen und Stress abbauen.
Das Wort Pratya bedeutet »zurückziehen« oder »einziehen«, und Ahara bezieht sich auf alles, was wir »aufnehmen«, also Ideen, Berührungen, visuelle Eindrücke, Geräusche und Gerüche. Beim Üben von Pratyahara geht es darum, sich zu zentrieren und sich die Sinneseindrücke bewusst zu machen, die einen von der Meditation abbringen können. Ziel ist, im gegenwärtigen Augenblick präsent zu sein, damit Dinge wie Empfindungen und Geräusche den Geist nicht allzu leicht ablenken.
Der Begriff Dhar bedeutet »halten« oder »erhalten« und Ana bedeutet »anderes«. Dharana und Pratyahara gehören zusammen. Um sich aufmerksam auf etwas zu konzentrieren, müssen die Sinne zurückgezogen werden, damit alle Aufmerksamkeit auf diesen einen Konzentrationspunkt gerichtet wird.
Wir erreichen Dhyana, wenn wir uns ohne Ablenkung voll und ganz auf unsere Meditation einlassen. Es ist der eigentliche Meditationszustand.
Das Wort Samadhi kommt von Sama, was »gleich« oder »gleichwertig« bedeutet, und Dhi für »sehen«. Samadhi ist die Fähigkeit, gleich oder wahrhaftig zu sehen und sich der Umwelt voll bewusst zu werden, Frieden zu schließen und all das, was man durch die acht Glieder lernt, noch klarer zu verstehen.
Hatha Yoga Pradipika – der Titel dieser Schrift bedeutet »Licht auf Hatha Yoga«, wobei eine beliebte Übersetzung auch »Sonne und Mond« ist – gemeint ist ein Gegensatzpaar. Ganz allgemein werden mit Hatha Yoga die Leibesübungen des Yoga bezeichnet. Die Pradipika stammt aus dem 15. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und wird einem Autor namens Svatmarama zugeschrieben. Sie befasst sich mit Asanas (hier bezogen auf bestimmte Haltungen), Pranayama, Shatkriya (was man »Reinigungstechniken« nennen könnte) und Samadhi. Der Asanas-Teil beschreibt 15 Haltungen und ihre mutmaßlichen Wirkungen. Obwohl es sich in erster Linie um Sitzhaltungen handelt, sind sie heutigen Übenden größtenteils bekannt (einige kommen sogar in diesem Buch vor).
Viele Yogakundige sehen die Rede von Swami Vivekananda vor dem Weltparlament der Religionen im Jahr 1893 in Chicago als Beginn des modernen Yoga an. Damals wurden ihm vom amerikanischen Publikum stehende Ovationen zuteil. Zwar waren schon vor seinem Besuch andere Yogalehrer in den Westen gekommen, aber Swami Vivekananda hatte den unmittelbarsten und nachhaltigsten Einfluss. Sein Lehrer Ramakrishna hatte ihn ermutigt, die Lehren des Yoga in Übersee zu verbreiten. Und tatsächlich hatte sein Wissen über Yoga eine tiefe Wirkung auf zahlreiche Menschen dort. Auf seinen Reisen durch Nordamerika begeisterte er viele für die Macht des Yoga und gewann sie als Schüler.
Ein weiterer prominenter Yogi, der das Yoga im Westen bekannter gemacht hat, war Paramahansa Yogananda, der 1920 nach Boston kam. Paramahansa Yogananda war der Gründer der Self-Realization Fellowship, der Gemeinschaft der Selbstverwirklichung, und Verfasser des bekannten Buches Autobiographie eines Yogi, das noch heute viel gelesen wird.
Sowohl Swami Vivekananda als auch Paramahansa Yogananda standen für eine Yogarichtung, die die Menschen im Westen verstehen konnten, denn sie basierte auf Selbstentwicklung und spiritueller Erleuchtung. Bevor Yoga in den Westen kam, begriff man Hatha Yoga (die Körperübungen) in Indien oft als etwas, das Straßenkünstler gegen Geld darboten. Oder man sah es als ein Bündel streng ritualisierter Praktiken geheimer Sekten an. Als Yoga jedoch im Westen das Interesse an körperlicher und spiritueller Ertüchtigung erweckte, begann sich die Wahrnehmung von Hatha Yoga auch innerhalb der indischen und hinduistischen Kultur zu verändern. In den 1920er-Jahren gewann Yoga im Westen immer mehr an Popularität. Ein bemerkenswerter Yogi namens Shri Yogendra kam 1919 nach Long Island und beeindruckte die Amerikaner mit der Kraft und Energie des Hatha Yoga. Im Westen liebte man an seiner Variante des spirituellen Weges besonders die Körperlichkeit. Shri Yogendra gründete den amerikanischen Zweig von Kaivalyadhama, einer indischen Organisation, die der verstorbene Swami Kuvalayananda geformt hatte. In den letzten Jahrzehnten hat diese Organisation maßgeblich zur wissenschaftlichen Erforschung des Yoga beigetragen.
Durch den Einfluss vieler Lehrender entwickelte sich Yoga im Laufe des 20. Jahrhunderts weiter – von seiner ursprünglich vielfältigen spirituellen Praxis wurde es zu einer körperlicheren, aber dennoch achtsamen Bewegungserfahrung. Einer der bekanntesten Lehrer ist Tirumalai Krishnamacharya. Krishnamacharya wird oft als »Vater des modernen Yoga« bezeichnet. Er entwickelte das Vinyasa Yoga – heute eine der beliebtesten Yogaformen. Vinyasa Yoga kombiniert Atmung mit Bewegung und betont, wie wichtig es ist, nur das zu lehren, was für den einzelnen Schüler angemessen ist. Viele moderne Yogakurse setzen auf Bewegungen im Vinyasa-Stil, bei denen die Lernenden – ähnlich wie beim Tanzen oder Turnen – in freudvoller körperlicher Aktivität aufgehen können.
Bemerkenswerterweise hatten viele der indischen Yogis, die eine herausragende Stellung in der westlichen Yogakultur innehatten, eine westliche Schulbildung genossen. Erwähnenswert ist auch, dass fast alle der in diesem Kapitel erwähnten einflussreichen Lehrer Cis-Männer waren, also Männer, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizierten. Das bedeutet keineswegs, dass Menschen mit anderem Geschlecht oder Bildunghintergrund nicht Yoga praktizierten. Und es hat auch keine dahingehende Aussagekraft, dass sie keine großen Lehren zu bieten hätten. Es ist vielmehr ein Spiegelbild gesellschaftlicher Normen und Werte. Man muss auch erwähnen, dass die Geschichte des Yoga keineswegs frei von Skandalen oder Missständen ist. So erschienen in der Zeit, als wir dieses Buch geschrieben haben, Berichte zu sexuellen Übergriffen von Pattabhi Jois auf Schülerinnen – Pattabhi Jois ist der Gründer des Ashtanga Yoga. Auf dieses Thema einzugehen, würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Aber uns ist es wichtig, dass du davon weißt und dass Lehrende und Lernende darüber nachdenken, wie sie in ihren Kursen für Sicherheit sorgen, wie sie Opfer sexueller Gewalt unterstützen und wie sie Täter zur Rechenschaft ziehen können – und dies unabhängig davon, wie »berühmt« oder »weise« sie auch sein mögen. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, müssen wir uns fragen: Was wurde ausgelassen? Wessen Geschichte wird nicht erzählt und warum? Und dann: Wer wird heute vom Diskurs ausgeschlossen? Und was können wir tun, um das zu ändern?
Im Westen drehte es sich beim Yoga bisher vor allem um individuelle Übungen zur persönlichen, körperlichen und spirituellen Entwicklung. Allerdings verlagert sich der Schwerpunkt aktuell. In abnehmendem Maß wird Yoga als Körperertüchtigung verstanden, die auf Selbstverwirklichung abzielt; zunehmend wird Yoga als etwas gesehen, das im Kampf gegen Unterdrückung helfen und zur Veränderung des Bewusstseins beitragen kann. Yoga bedeutet Einheit und Einheit umfasst uns alle. Deshalb liegt es nahe, dass dies schon immer der Weg des Yoga war – Ungerechtigkeit beenden, Frieden schaffen und die Welt retten. Langsam verstehen wir, dass Yoga ein Mittel zur Befreiung von Körper, Geist und Seele sein kann, und zwar in einem sehr großen Maßstab. Yoga ist ein Werkzeug, um kritisches Bewusstsein auszubilden. Yoga vermittelt uns die Idee einer göttlichen Quelle, die in uns allen wohnt. Dass in uns allen ein Licht ist. An der Wurzel unseres Seins wissen wir, dass das Unrecht in der Welt aufhören muss. Die Frage ist nur: Was tun?
Ein Weg der Spiritualität oder Selbstreflexion, wie Yoga einer ist, kann dazu führen, dass wir die drängendsten Fragen unserer Zeit in neuem Licht sehen. Zum Beispiel das soziale Konstrukt der »Rasse«. Es gibt viele verschiedene Blumenarten. Aber wir diskriminieren Gänseblümchen nicht, weil sie keine Rosen sind. Wir erkennen die Schönheit beider Blumen. Wir erkennen die Schönheit in der Vielfalt der Natur. Warum ist das bei Menschen so anders? Warum lassen wir immer noch Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung zu? Warum sehen wir das Leiden in der Welt um uns herum und nehmen es nach wie vor hin? Wie können wir Yoga so praktizieren, dass wir Leiden lindern und mehr Gleichberechtigung schaffen?
Das Yogaüben kann unseren Horizont erweitern und uns die Vorstellung nahebringen, dass wir alle Teil eines größeren Bewusstseins, einer größeren Energie oder eines größeren Wesens sind. Wenn wir uns darauf einigen, dann, und nur dann, können wir die unfairen und ungerechten Strukturen unserer Welt abschaffen.
Yoga kann ein Werkzeug für globalen Wandel sein. Organisationen wie Amplify and Activate, Yoga Service Council, Skill in Action, Accessible Yoga, Mind Body Solutions, Sanctuary in the City und die Yoga and Body Image Coalition treten dafür ein, dass wir Aktivismus, Selbstreflexion und die spirituellen Lehren des Yoga nutzen, um in der Welt Veränderungen zu bewirken. Sie machen Ungleichheiten sichtbar und zeigen, wie man Raum für Verständigung schaffen kann. Ihre Arbeit ist durch Präsenzveranstaltungen, soziale Medien und Online-Kurse zugänglich. Gerechtigkeit ist Mitgefühl, Gleichheit und universelle Liebe. Yoga gibt uns das Gefühl, dass wir in diesem Kampf vereint sind. Es ist wichtig, mehr Bewusstsein für die kollektiven Herausforderungen zu haben.
Die Menschen erkennen langsam, dass die Kraft zur Veränderung von innen kommt. In unserem gegenwärtigen Bewusstseinszustand glauben wir an das, was in der Yogaphilosophie Asmita heißt und oft mit »Ego« übersetzt wird. Wir glauben häufig, dass wir die Herrscher über all das sind, was wir sehen. Wir sind egoistisch geworden und nehmen die Welt um uns herum gar nicht wirklich, als eigenständigen Kosmos, wahr, sondern nur in Bezug auf uns. Wir haben vergessen, dass unsere Worte und Taten einen Einfluss auf das Leben anderer haben. Schlimmer noch: Wir haben vergessen, dass Untätigkeit und Apathie das Verhängnis der Gerechtigkeit sind. Wie es uns der große Aktivist Martin Luther King Jr. sagte: »Wir mögen alle auf verschiedenen Schiffen gekommen sein, aber jetzt sitzen wir im selben Boot.«
Im menschlichen Körper kann kein Organ oder Glied abgetrennt vom Gesamtsystem leben. Alle Teile des Körpers müssen zusammenwirken, damit er funktioniert. Das Herz kann nicht unabhängig von der Lunge arbeiten und der Magen nicht unabhängig vom restlichen Verdauungssystem. Gleiches gilt für das Dasein der Menschen. Wir vergessen oft, dass wir alle gemeinsam für dasselbe Ziel arbeiten: für Glück, Liebe und Erfüllung in dieser Welt. Wir müssen erkennen, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass wir der Menschheit mit Rassismus, Ausgrenzung und Hass nur schaden. Wir müssen Raum für Veränderung schaffen. Solange wir eine Wir-gegen-sie-Mentalität pflegen, wird es keine Verbesserung geben. Wir können als Volk, Gesellschaft oder Kultur nicht wirklich frei sein, wenn wir nicht allen Menschen ihre Freiheit zugestehen. Um uns voll und ganz dem Yoga zu widmen, dürfen wir seine Wortbedeutung – Vereinigung – nicht vergessen und müssen seine reiche und komplexe Geschichte würdigen.
Der Körper ist politisch. Unser Körper ist das einzige Medium, über das wir Zugang zur Welt haben. Das Aussehen unseres Körpers bestimmt oft, wie wir behandelt werden und wo wir Zutritt erhalten. In der westlichen Kultur bekommen nicht behinderte Körper, weiße Körper und dünne Körper mehr Möglichkeiten als Körper, die diese Eigenschaften nicht haben. Körper, die konventionell als attraktiv gelten, besitzen etwas, das man »Schönheitswährung« nennen könnte.
Ein Äußeres, das die Gesellschaft für »schön« erachtet, öffnet unabhängig vom Geschlecht viele Türen und gewährt eine bessere Teilhabe. Ob es nun das Recht ist, die Gerechtigkeit, die Gesundheitsversorgung oder das Vermögen – die Ressourcen und Chancen sind nicht gleichmäßig unter uns verteilt. Unsere Körper haben ihren Preis. In einer von Weißen dominierten Kultur sind Nicht-Weiße ständig gezwungen, ihren Wert unter Beweis zu stellen. Menschen am Rande dessen, was konventionell als schön gilt, müssen darum kämpfen, wegen ihrer Menschlichkeit, Erfahrung und Expertise geschätzt zu werden. Hautfarbe, Behinderung, Alter und Konfektionsgröße haben allesamt einen großen Einfluss darauf, wie die Gesellschaft jeden von uns wahrnimmt.
Selbstzweifel sind größtenteils eine Nebenwirkung der kulturellen Konditionierung. People of Color und Menschen, die sich nicht an gesellschaftliche und kulturelle Normen halten, verinnerlichen Selbstzweifel und das Gefühl von Unzulänglichkeit. Diese vermittelte Herabminderung, die wir uns nach und nach selbst zuführen, wird als »verinnerlichte Unterdrückung« bezeichnet. Der Mainstream legt die Leitplanken dessen fest, was »normal« oder »begehrenswert« ist, und das hindert Menschen in Randgruppen daran, ihr wahres Potenzial auszuschöpfen. Es gibt strukturelle Barrieren, die bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligen. Dass Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung, Ableismus,
