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Dieses Buch befasst sich mit der seit 460 Mio. Jahren ablaufenden Entwicklung der Bewegung von Lebewesen an Land – und mit den erstaunlichen Erkenntnissen, die sich daraus für den Alltag ergeben. Da für die meisten der Physikunterricht schon etwas länger her sein wird, wird die Physik der Bewegung einfach und anschaulich mit vielen Zeichnungen erklärt. Faszien spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Dieses faszinierende Gewebe kann in unserem Körper ein tensegrales System entstehen lassen. (Was ist das eigentlich, fragen Sie sich sicher. Sie werden es erfahren!) Den Begriff Faszien haben Sie vielleicht schon einmal gehört. Faszien, die Struktur im Körper, die als Bindegewebe beschrieben werden haben in der Medizin in den letzten Jahren eine immer größere Aufmerksamkeit erhalten. Dabei wird ihr elementarer Zweck für die Physik der Bewegung häufig übersehen. Dieses Buch soll das ändern und erklärt, wofür die Natur das Bindegewebe eigentlich benötigt. Dieses Buch über die Geschichte der Aufrichtung von Lebewesen ist geschrieben für Amateur- und Profisportler, für Trainer, für Mediziner und Physiotherapeuten sowie für Psychiater, für Soziologen und für Esoteriker und ja sogar für Konstrukteure von Robotern. Oder einfach nur für Menschen mit Problemen im Bewegungsapparat. Dieses Buch wird Ihnen dabei helfen zu begreifen, wie die Bewegung des menschlichen und tierischen Körpers funktioniert. Wer das Prinzip verstanden hat, kann dann leicht selbst störende und krank machende Einflüsse beseitigen.
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dirk I. Baguß
Evolution der Bewegung
Und was der Sinn des Lebens und
die Selbstheilung damit zu tun haben
Überlegungen auf Basis der klassischen Ausbildung von Kavalleristen und Pferden für das Militär
1.Auflage
Copyright: © 2022 Copyright by Dirk I. Baguß
Jahr: 2022
Lektorat: Dr. Anja Becker, Riemerling
Illustrationen: Dirk I.Baguß
Covergestaltung: Simone und Niels von Rabenau
Verlagsportal: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
1.1 Auf der Suche nach dem Gleichgewicht
1.2 Sehen, aber doch nicht sehen
1.3 Die Punkte der Ausbildungsskala eines Reitpferdes
2.DIE EVOLUTION DER BEWEGUNG
2.1 Ziele der Evolution
2.2 Wechselwirkungsprinzip
2.3 Wechselwirkungsdenken
2.4 Die Evolution der Aufrichtung
2.5 Roboter lernen laufen
2.6 Der Pendelmechanismus
2.7 Das dynamische Gleichgewicht
2.8 Das dynamische Gleichgewicht verbessern
2.8.1 Die Erhöhung des Schwerpunktes
2.8.2 Die Energieerhaltung
2.8.3 Die Impulsverstärkung
2.8.4 Die Verkleinerung der Standfläche
2.9 Das Tarzan-Prinzip
2.10 Die Skala der Bewegung
2.11 Positive und negative Körperspannung
2.12 Das Stehen
2.13 Die Evolution der Bewegung
3.Schlussbetrachtung
3.1 Innere Bilder
3.2 Körperliche und geistige Kraftschlüsse
3.3 Die Natur belohnt das Ziel
3.4 Konzentration auf das eine
1. Einleitung
1.1 Auf der Suche nach dem Gleichgewicht
„Man kann in ein Auto steigen und sehen, was der Mensch erschaffen kann. Man muss auf ein Pferd steigen, um zu sehen, was Gott erschaffen kann“.– unbekannt –
Ich hatte mir vorgenommen, ein Buch über das Gleichgewicht in der Pferdeausbildung zu schreiben. Was ich im Verlaufe des Schreibens dabei fand, war ein Wunder der Natur.
Im 19. Jahrhundert war bei der Ausbildung von Militärpferden und Kavalleristen das Gleichgewicht der elementarste Grundbaustein. Über die damalige Ausbildung der Militärpferde und Kavalleristen sind uns unzählige Schriften und Bücher großer Ausbilder überliefert. Über deren Beschreibung des Gleichgewichtes landete ich erstaunlicherweise bei heutigen Hochhäusern, die es meines Wissens nie hätte geben dürfen.1 Ich stand plötzlich vor physikalischen Fragen, die heutige Konstrukteure von Bauwerken anscheinend bereits lösen konnten, denn Kräfte steigen exponentiell, desto höher man baut. Damit dürften die Grenzen des Machbaren ab ca. 400 m ausgereizt sein. Aber es stehen Gebäude mit über 600 m. Heute baut man ein Gebäude mit 1000 m und plant bereits bis 1600 m zu bauen.
Während ich dabei war, meine Gedanken zum Thema Gleichgewicht festzuhalten, lernten die Roboter von Boston Dynamics das Laufen. Das war im Jahr 2016. Einige Jahre danach, 2020, gingen ihre ersten vierbeinigen Roboter in Serie.2 Ein Jahr später schlugen ihre zweibeinigen Roboter dann schon Purzelbäume in der Luft und tanzten zur Musik.3 Beeindruckend.
Das größte Naturwunder spielte sich aber direkt vor meinen Füßen ab: Mein einjähriger Sohn fing an sich aufzurichten. Die Evolution der Bewegung live vor meinen Augen, während ich jeden Tag neue Erkenntnisse über unsere Bewegung gewann.
Durch Beschreibungen des Gleichgewichts alter Reitmeister wie Antoine de Pluvinel, Gustav Steinbrecht, Waldemar Seunig oder Francois Baucher, den neusten Erkenntnissen aus der Architektur, die Entwicklung der Robotik und den Versuchen meines Sohnes, sich aufzurichten, fing ich an, die heutige Vorstellung von Bewegungsabläufen zu hinterfragen.
1.2 Sehen, aber doch nicht sehen
„…, dass es ein Unterschied sei zwischen Sehen und Sehen, dass die Geistesaugen mit den Augen des Leibes in stetem, lebendigem Bunde zu wirken haben, weil man sonst in Gefahr gerät, zu sehen und doch vorbeizusehen.“– Johan Wolfgang von Goethe (1740–1832) –
Für mein Buch musste ich zunächst das „Gleichgewicht“ in der Pferde- und Reiterausbildung definieren. Dabei stellte ich fest, dass man Begriffe von alten Reitmeistern wie z. B. Aufrichtung, Biegung, Pendeln, Vorwärts, Impuls, Schwung und viele andere bei der Überarbeitung ihrer Werke aus dem Kontext nahm oder sie missinterpretierte. Das hat zur Folge, dass heutige Bezeichnungen, die in der Reiterei verwendet werden, eine andere Bedeutung haben als in den Naturwissenschaften. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob man diese Ausdrücke absichtlich änderte oder aus Unwissenheit. Da diese Tatsache, dass es diesbezüglich Unstimmigkeiten gibt, sehr offensichtlich ist, wird dem Reiter heute erklärt, dass Begriffe in der Reiterei anders verwendet werden, als sie in der Wissenschaft gebraucht werden. Man müsse aus diesem Grund also zwischen der reiterlichen Sichtweise und den physikalischen Betrachtungen unterscheiden.
Aber: Die alten Reitmeister waren studierte Offiziere, oder sie bewegten sich zumindest in diesen Kreisen, sie waren also durchaus mit der Wissenschaft vertraut. Hätten sie Begriffe falsch verwendet, wären sie bestimmt von ihren Kollegen oder ihren Schülern direkt darauf hingewiesen worden. Ich ging also erst einmal davon aus, dass ihre Begrifflichkeiten stimmen mussten. Ich schaute mir nun den Kontext genauer an, indem sie die besagten Begriffe verwendeten. Dabei stieß ich auf eine mir bisher unbekannte These der Definitionen Schenkel- und Rückengänger. Zu diesem Postulat gibt es heute in der Reitlehre keine vergleichbaren Erklärungen mehr. Als ich anfing, mich mit dieser Bewegungsbeschreibung zu befassen, erhielt ich den Eindruck, dass man damals versuchte, zwei unterschiedliche Bewegungsarten in ein und derselben Gangart eines Pferdes zu unterscheiden.
Auf der Suche nach vergleichbaren Beschreibungen in der heutigen Zeit stieß ich auf unterschiedlichste Forschungsergebnisse verschiedenster Wissenschaftsbereiche. Diese standen zunächst erst einmal nicht mit der These der alten Meister in Verbindung. Doch im Laufe meiner Recherche erklärte genau diese Beschreibung unterschiedlicher Bewegungsmöglichkeiten von Pferden den Sinn der Aufrichtung und bringt die gesamte Evolution der Bewegung auf einen Punkt oder besser: auf zwei Punkte.
Bevor ich auf den Zweck, der hinter der Aufrichtung steckt, stieß, habe ich noch gedacht, dass die Bewegung von Mensch und Tier heute weitestgehend erforscht sei und alle auf ein und demselben Grundprinzip beruhen. Immerhin hat Leonardo da Vinci den menschlichen Gang bereits vor mehr als 500 Jahren genau untersucht.
Da Vincis wichtigstes Prinzip seiner Forschungen bestand darin, nur der Mathematik und seinen Sinnen zu trauen. Er glaubte vor allem nur, was er sah. Leider hat sich dieses Prinzip, an Probleme heranzugehen, bis heute in der westlichen Wissenschaft nicht geändert. Dieser Grundsatz hat sich bei Menschen im 20. Jahrhundert manifestiert, sodass selbst Albert Einstein (1879–1955) seine Erkenntnisse daran im Nachhinein anpasste.
Die eigentliche Feldgleichung enthielt eine, wie er es nannte, „Eselei“, einen Platzhalter für eine Unbekannte (Λ, Lambda), damit das Universum statisch wird. Die nahm er nach einer Beobachtung von Edwin Hubbel (1929) allerdings wieder aus seiner Gleichung heraus4, als dieser nachwies, dass das Universum expandiert.
Aber genau in dieser „Eselei“ sehen heute einige Wissenschaftler den eigentlichen Geniestreich Einsteins. Heute ist die theoretische Deutung der kosmologischen Konstante Λ, auch als „Dunkle Energie“ bezeichnet, eine der größten Herausforderungen in der Physik. Das liegt an der Tatsache, dass wir bisher keine Wechselwirkung zu ihr herstellen können. Anders und einfach formuliert: Wir können diese Dunkle Energie nicht sehen.
Ein ähnliches Problem hat die Biomechanik, also die Kombination aus Bewegungs- und Sportwissenschaft für mich, als ich anfing, mich näher mit ihr zu befassen. Allein „Körperspannung“ definiert jede Sportart anders.5 Man sollte meinen, dass dieser Grundbegriff der Bewegungslehre heute in allen Bereichen der Bewegung gleichermaßen Gültigkeit haben müsste. Sucht man in der Biomechanik nach Antworten, wird man schnell enttäuscht. Sie kann bis heute nicht erklären, warum ein Mensch ein Auto anheben kann, wenn er glaubt, sein Kind liegt darunter. Sie kann nicht erklären, warum ein Tennisball mit 230 km/h von einem Tennisspieler abgeschlagen werden kann. Sie kann nicht erklären, wie es ein Karatekämpfer mit bloßen Händen schafft, 20 Backsteine zu zerschlagen. Sie kann nicht erklären, wie man sich mit schwerem Rucksack langsam hinsetzen, aber dann nicht wieder genauso aufstehen kann. Das sind nur wenige Beispiele, die nachweislich mit Muskelkraft allein nicht zu begründen sind. Die Definition von Körperspannung stößt aber allein schon bei den Begriffen von Anspannung und Entspannung an ihre Grenzen. Jeder wird, wenn er genauer drüber nachdenkt, selbst Beispiele kennen oder davon gehört oder gelesen haben.
Zu diesen Ungereimtheiten kommen neueste Versuche, die eines immer deutlicher machen: Das Wechselwirkungsprinzip als Grundlage in der Biomechanik kann nicht alles erklären. Damit wird ihr Problem aber immer offensichtlicher: Ihr fehlt eine Unbekannte. Erinnern Sie sich? Ich schrieb oben, ich wisse nicht, ob man Begriffe zum Thema Gleichgewicht absichtlich änderte oder aus Unwissenheit. Vor 100 Jahren war solch eine „Eselei“, also eine zusätzliche Größe in der Betrachtung des Bewegungsapparates von höher entwickelten Lebewesen, ein fester Bestandteil in der Pferde- und Reiterausbildung.
Ausschnitt aus der Heeresdienstvorschrift 12 (H. Dv. 12) von 19266, Kapitel 5: Lehre von der Bewegung des Pferdes, Seite 307: „Gleichgewicht. Ein Körper befindet sich im Gleichgewicht, wenn er derart unterstützt ist, daß die Schwerkraft oder Anziehungskraft der Erde aufgehoben erscheint, mithin jede auf ihn einwirkende Kraft in vollem Maße zur Geltung kommen.“
Sie, liebe Leserin, lieber Leser, benötigen für das Verständnis von Bewegungen von höher entwickelten Lebewesen keine fundierten anatomischen und physikalischen Kenntnisse. Sie benötigen lediglich die Neugier, Bewegung aus einer neuen Perspektive heraus zu betrachten. Ich werde in meinen Ausführungen auch nicht näher auf komplexe biomechanische Vorgänge im Körper von Menschen und Tieren eingehen. In diesem Buch wird es hauptsächlich um die Physik hinter der Bewegung gehen.
Da ich kein ausgewiesener Fachmann, sondern nur ein interessierter Beobachter bin, beansprucht dieses Buch auch nicht, vollständig und fachlich richtig zu sein. Das hier ist kein Lehrbuch oder wissenschaftliche Ausarbeitung von Muskelgruppen oder des Skeletts von Lebewesen. Es soll lediglich Amateur- und Profisportlern, Trainern der unterschiedlichsten Sportarten sowie Medizinern, Physiotherapeuten, Psychiatern, Soziologen, Esoterikern und kranken Menschen oder auch Entwicklern von Robotern einen Anreiz geben, Bewegung unter einem anderen als dem bisher bekannten Blickwinkel zu betrachten. Das hört sich für Sie zunächst recht simpel an, aber als ich meine Recherchen über das Gleichgewicht von Pferden beendet und mein Manuskript darüber fertig geschrieben hatte, haben mich die Erkenntnisse daraus im Nachhinein erstaunt. So erstaunt, dass ich zunächst das vorliegende Buch vorstellen möchte, weil die gewonnenen Erkenntnisse, die ich in einem weiteren Buch veröffentlichen werde, für die heutige Reiterei sonst zu abstrus klingen würden. Dazu kommt, dass meine Beobachtungen und Schlüsse in fast alle Wissenschaftsbereiche hineinreichen. Sie geben in allen Gebieten, die den Menschen betreffen, Anlass zum Nachdenken – und vielleicht auch zum Umdenken.
Für mich ist es aus meiner heutigen Sicht auf unseren Bewegungsapparat kein Wunder mehr, dass Osteopathen, Homöopathen, Esoteriker, Anthroposophen und andere Heilpraktiker immer mehr Zulauf erhalten. Es überrascht mich auch nicht, dass heute immer mehr Menschen in die Spiritualität „abwandern“ und der Medizin den Rücken kehren.
Früher habe ich noch fest dran geglaubt, dass Physik und Mathematik etwas Reales, etwas Greifbares, etwas Nachvollziehbares und etwas sehr Logisches sein müssen. Ich war fest der Meinung, in der Wissenschaft könne es nur eine einzige richtige Lösung geben. Fängt man aber an, sich mit Kräften in einem dynamischen Gleichgewicht zu beschäftigen, kann es schnell philosophisch werden.
In abgeschlossenen Systemen können Kräfte wirken, die für uns nicht offensichtlich sind. Zu deren Nachweis müsste es eine Wechselbeziehung zwischen uns und ihnen geben. In einem dynamischen Gleichgewicht ist solch eine Wechselwirkung allerdings keine Bedingung. Aber was wir können, ist, die Auswirkungen dieser Kräfte zu betrachten. Dies ist der Grund, warum wir erst 5 % unseres Universums kennen.7 Denn wir haben heute nur zu 5 % unseres Universums eine Wechselwirkung. Menschen glauben und verstehen aber erst etwas, wenn sie es auch sehen. Und genau das ist in einem dynamischen Gleichgewicht keine Bedingung. Bei der Betrachtung von Bewegung wird dieses Dilemma sehr schnell sichtbar.
In der Bewegung scheinen Kräfte zu wirken, die wir nicht so einfach sehen und begreifen können. Der Ausbilder Siegfried von Haugk versuchte diese Auswirkungen dieser Kräfte in seinem Buch „Die Ausbildung der Rekruten im Reiten“8 mit Hilfe einer „Skala“ zu beschreiben. Diese Skala ist bis heute noch das Fundament und ein fester Bestandteil in der Ausbildung von Pferden und Reitern.
1.3 Die Punkte der Ausbildungsskala eines Reitpferdes
Die Punkte der Ausbildungsskala des Pferdes sind:
Diese 6 Punkte, die bei der Ausbildung eines Pferdes zum Reiten und Fahren zu beachten sind, fassen die Pferdeausbildung zusammen. Diese Ausbildungsskala, auch „Skala der Ausbildung“ genannt, stellt eine fundamentale Rolle in der Ausbildung von Pferd und Reiter in unterschiedlichsten Reit- und Fahrweisen dar. Diese Skala soll den Reitern und Fahrern dabei helfen, die Bewegungsmöglichkeiten und Fähigkeiten ihres Reit- und Fahrpferdes zu stärken, damit es möglichst bis ins hohe Alter gesund und leistungsstark bleibt. Durch die Förderung dieser Punkte soll es jedem Reiter und Fahrer möglich sein, Pferde leichter, harmonischer und verständnisvoller reiten und fahren zu können. Siegfried Hauck entwickelte die 6 Punkte dieser Skala aus der bereits zitierten H. Dv. von 1926. Diese Vorschrift war eine Ausbildungsanweisung der Reichswehr, um gesunde, gehorsame und willige Militärpferde zu erhalten. Um dies zu ermöglichen, sollte sich die Ausbildung an der Natur der Pferde orientieren. Damit meinte man damals und auch heute noch, dass sich die Ausbildung nach den natürlichen und individuellen Anlagen und Bedürfnissen der Pferde ausrichtet.
Diese H. Dv. 12 gilt unter heutigen Fachleuten als die vollumfängliche und reinste überlieferte „klassische deutsche Reitlehre“. Nachdem diese im Jahr 1926 erschienen war, veränderte sich der militärische Auftrag der Kavallerie allerdings drastisch. Die Reichswehr wurde in die Wehrmacht umgewandelt. Das Kämpfen auf dem Pferd verlor in der Ausbildung an Bedeutung und das Reiten (als Fortbewegung) rückte als primäres Ziel in den Fokus. Die neuen Aufgaben der Kavalleristen sahen nun vor, mit dem Pferd zum Kampfplatz zu reiten, abzusitzen (die Pferde haben sogenannte Pferdehalter in Deckung festgehalten), um dann vom Boden aus in Deckung zu kämpfen. Darüber hinaus wurden Kavalleristen aber noch in anderen Bereichen des Militärs eingesetzt, z. B. zur Erkundung und Übermittlung von Nachrichten oder zur Spionage in feindlichen Gebieten. Dafür wurde 1937, also nur 11 Jahre später, die H. Dv. 12 geändert bzw. gekürzt, nämlich von 316 auf 204 Seiten. Die auszubildenden Kavalleristen waren ab sofort eher Infanteristen, denen das Reiten beigebracht werden musste. Sie mussten nur noch die nötigsten Grundlagen erlernen, um ihre Pferde nicht in deren Bewegung zu stören, sie zu lenken und die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Dadurch konnte die Wehrmacht die Ausbildungszeit der Kavalleristen stark verkürzen, nämlich von 12 auf 2 Jahre. Dafür brachte die Wehrmacht die H. Dv. 12 von 19379 heraus. Damit begann das Dilemma, zumindest für die Pferdeausbildung. Das Ziel war nicht mehr – wie gesagt – das Kämpfen auf dem Pferd, sondern Pferde als Transportmittel auszubilden und Infanteristen das Reiten beizubringen. Diese Kürzung war nur möglich, indem man die Jahrhunderte alten und komplex zu vermittelnden Prinzipien des Gleichgewichtes einfach aus der Ausbildung herausnahm.
Das Fatale an dieser Geschichte: Unsere heutige Ausbildung von Reitern und Pferden geht aus dieser gekürzten H. Dv. 12 von 1937 hervor. Damit baute das letzte Jahrhundert der Ausbildung von Reitern auf eine abgespeckte Version ohne Prinzipien des Gleichgewichts auf. Diese Änderung hat bis heute weitreichende Folgen, denn genau die herausgenommenen Prinzipien des Gleichgewichtes machen das Reiten so schwierig zu verstehen und umzusetzen.
