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Trotz ihrer herausragenden Relevanz befindet sich die Pflege in Deutschland in einer Problemspirale. Hauptursachen sind nach Ansicht der Autorinnen die fehlende Pflichterfüllung der Politik gegenüber der Pflege sowie die mangelnde Unterstützung durch die Gesellschaft. Unter der Prämisse, dass Pflege nicht nur systemrelevant, sondern vielmehr existenzrelevant ist, plädieren sie dafür, dass die Politik die Pflege entsprechend ihrer Relevanz aufbaut und regen an, welche Veränderungen dafür notwendig sind. Die beiden Autorinnen zeigen, wie sie selbst immer wieder mit den gleichen, für den Pflegeberuf typischen Schwierigkeiten konfrontiert wurden, aber diese überwinden konnten und machen damit auch anderen Pflegekräften Mut, für ihren Beruf und für ihre persönliche Entwicklung einzutreten.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Autorinnen
Birgit Ehrenfels, B. A., Jg. 1964, Humanistische Bildung (Großes Latinum und Graecum). 1987–1990 Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Nach dem Examen jahrelange Berufstätigkeit in Kinderkrankenpflege sowie ambulanter und stationärer Erwachsenenpflege. Pflegeexpertin für Demenzmanagement. Studium an der FernUniversität Hagen in Soziale Verhaltenswissenschaften (Schwerpunkt Arbeit und Organisation), Soziologie und Statistik. Seit 2016 als Mitglied des BeKD ehrenamtliche Tätigkeit im Landespflegerat Saarland sowie in diversen berufspolitischen Gremien. 2017–2020 Bachelorstudium an der HTW Saarbrücken in Management und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen. 2020 Weiterbildung an der Hochschule Osnabrück in Interprofessionelle Informations- und Versorgungskontinuität. Seit 2021 Qualitätsmanagerin beim Klinikum Saarbrücken.
© Gudrun Arndt
Annemarie Fajardo, M. Sc., Jg. 1985, nach dem Abitur 2004 absolvierte sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin und arbeitete anschließend einige Jahre als Pflegefachkraft in der Altenhilfe, bevor sie in diversen Leitungsfunktionen tätig wurde. Hinzu kamen berufsbegleitende Studiengänge in den Disziplinen Pflegemanagement an der Hamburger Fern-Hochschule und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen. Sie ist angestellte Pflegepionierin bei care pioneers GmbH sowie freiberufliche Beraterin und Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen in den Fächern Pflegemanagement und Psychologie, Autorin und Speakerin rund um die professionelle Pflege und das Pflegemanagement. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Deutschen Pflegerat als dessen Vizepräsidentin und im Bundesverband Pflegemanagement als dessen stellv. Vorsitzende.
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-042161-5
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-042162-2
epub: ISBN 978-3-17-042163-9
Ein besonderer Dank an meine 90-jährige Mama und meinen Mann Peter, die mich immer unterstützt haben. Birgit Ehrenfels
Ein großer Dank meinen Eltern. Für die unzähligen Impulse. Ein besonderer Dank meinem Lebensgefährten. Für die zahlreichen systemkritischen Gespräche. Annemarie Fajardo
Christian Karagiannidis
Das Gesundheitswesen steht am Beginn der 2020er-Jahre auch und insbesondere im Bereich der Pflege vor bisher nie dagewesenen Herausforderungen. Die Coronapandemie hat viele Krankenhäuser und Pflegeheime in ihren Kernbereichen an die Grenzen gebracht und die ohnehin bestehende Personalnot durch den stetigen und hohen psychischen sowie physischen Druck weiter deutlich verschärft. Sicherlich sind die Ursachen insbesondere des Pflegepersonalmangels tiefer verwurzelt als in der Pandemie, jedoch hat diese als Brennglas gewirkt und die bereits zuvor bestehende Krise deutlich verschärft. Damit liegt in der kommenden Dekade eine unglaubliche Herausforderung vor den Krankenhäusern und dem gesamten Pflegebereich. Das Gesundheitssystem befindet sich im stationären Sektor zudem unter einem erheblichen Kostendruck und die Pflegesituation zudem in einer merklichen Abwärtsspirale. Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen, weg von traditionellen Ausbildungsberufen hin zu einer weiter zunehmenden Akademisierung, womit per se auch eher weniger Berufsanfänger für den Pflegeberuf in seiner jetzigen Struktur zur Verfügung stehen werden. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Berufsleben und auf der anderen Seite dem fehlenden Nachwuchs wird dieses Problem weiter verschärft.
Wie können diese gravierenden Probleme gelöst werden?Die sehr renommierten Autorinnen zeigen eindrucksvoll Probleme und Lösungsmöglichkeiten der aktuellen Krise auf. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ein Gesundheitssystem überhaupt nur mit einer starken Pflege funktionieren kann. Nie war dies klarer als heute! Die Fehlregulationen des Systems in der vergangenen Dekade müssen dringend korrigiert werden. Hierzu gehört vor allem aber auch ein Wandel in der interprofessionellen Zusammenarbeit hin zu einem Arbeiten auf Augenhöhe, wie es beispielsweise in der Intensivmedizin häufig gelebt wird. Diese interprofessionelle Akzeptanz ist ein wichtiger Schritt aus der Krise, genauso wie die Reduktion des ökonomischen Druckes im Bereich der Daseinsvorsorge, aber auch die Schaffung neuer Perspektiven im Pflegeberuf. Eine funktionierende Gesellschaft braucht eine starke Pflege!
Prof. Dr. Christian Karagiannidis
Mitglied des Corona-Expertenrates der Bundesregierung zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in Deutschland.
Nach einem viermonatigen Pflegepraktikum auf einer internistischen Station mit überwiegend alten Menschen, die einen Schlaganfall erlitten hatten und bettlägerig waren, stand für mich fest, dass der Pflegeberuf ein sehr anspruchsvoller und sehr wertvoller Beruf ist und dass ich möglichst viel über die professionelle Pflege lernen wollte. Gleichzeitig war mir klar, dass ich diesen Beruf, wenn ich ihn so ausüben wollte, wie es richtig gemacht wird und für die Kranken notwendig ist, wegen der körperlichen Belastung nicht lange würde ausüben können. Denn professionelle Pflege ist nun mal eine körperlich sehr schwere Arbeit, selbst mit Hilfsmitteln wie Lifter oder elektrische Betten, die aber Ende der 1980er Jahre noch gar nicht zur Verfügung standen. Während meiner Dienste ging ich regelmäßig mit einer der Pflegehelferinnen durch die Patientenzimmer und bettete die Kranken, lagerte sie um, machte sie frisch, wickelte bzw. topfte sie, wusch sie und zog sie um. Da die PatientInnen1 teilweise oder sogar vollständig immobil waren, waren diese grundpflegerischen Maßnahmen sehr anstrengend. Ich merkte, welche Verantwortung mit der Pflege verbunden war, welche Nähe sich durch die Pflege entwickelte und welches Vertrauen mir die PatientInnen entgegenbrachten, obwohl ich »nur« Praktikantin war. Während die Pflegehelferinnen (es gab nur weibliche Hilfskräfte) mit mir die körperlich schwere Arbeit machten, erledigten die examinierten Pflegekräfte andere Tätigkeiten wie Medikamente richten und verabreichen, Infusionen vorbereiten und anhängen, Verbände erneuern, Dokumentation schreiben. Die Examinierten machten sich manchmal darüber lustig, dass ich so engagiert war, dass ich mich so müde arbeitete durch das korrekte Betten der Kranken, dass ich auch nach dem x-ten Klingeln immer noch mal zu den Kranken ging und dass ich die Arbeit trotzdem gern machte. Sie prophezeiten mir keine lange Berufstätigkeit in der Pflege. Trotzdem entschied ich mich voller Enthusiasmus für diesen Beruf. Ich absolvierte dann noch ein Praktikum in der Kinderkrankenpflege und merkte, dass die körperliche Beanspruchung in diesem Pflegebereich längst nicht so stark war. Die anschließende Ausbildung in der Kinderkrankenpflege habe ich dann auch nicht nur gewählt, weil ich Kinder sehr mag und gern mit ihnen arbeite, sondern vor allem aus Selbstschutz, um meinen drohenden körperlichen Verschleiß, über dessen unweigerlichen Eintritt ich mir von Anfang an bewusst war, möglichst lange abzuwehren.
Heute, nach über dreißig Jahren Berufstätigkeit in der Pflege, kann ich sagen, dass ich alle Facetten der Pflege kenne: Kinderkrankenpflege, Erwachsenenpflege, ambulante Pflege, stationäre Pflege im Krankenhaus und im Seniorenpflegeheim. Darüber hinaus kenne ich die Pflegewissenschaft und die berufspolitische Vertretung der professionellen Pflege. Die Angehörigenpflege führ(t)e ich bei vier hochbetagten Verwandten teilweise zeitgleich seit 2007 sehr umfangreich und sehr engagiert zusätzlich zur Berufstätigkeit und zur akademischen Weiterbildung durch. Dabei sind meine professionellen Kenntnisse und Kompetenzen von großem Vorteil. Auch die Patientenperspektive ist mir vertraut, da ich diverse Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte hinter mir habe.
Mein persönliches Fazit nach diesen Jahren, nach allen Erfahrungen und nach meinen Studien lautet: so sehr ich die Pflege liebe, so sehr lehne ich die überall üblichen, aber allzu oft missbrauchten Strukturen dieses Berufes und die politisch verursachte Fehlentwicklung der Pflege ab. Die Umstände, unter denen Pflegende arbeiten und mit denen sie sich im Arbeitsalltag auseinandersetzen müssen, sind katastrophal. Jedes Jahr werden die Arbeitsbedingungen unzumutbarer, die Anforderungen steigen immer mehr, die Löhne stagnieren im Verhältnis dazu. Auch die gesellschaftliche Position der Pflege wird immer schlechter. Pflegekräfte steigen immer früher aus dem Beruf aus. Weder die Gewerkschaft Ver.di noch die berufspolitischen Vertretungen der Pflege und auch nicht die politisch Verantwortlichen tragen zu einer maßgeblichen Verbesserung der Gesamtsituation des Pflegeberufes bei. Leider bewirkt auch die Akademisierung bisher noch keine entscheidende Verbesserung des Pflegeberufes.
Während meiner Berufsausübung bin ich häufig mit einfach unglaublichen Situationen und Vorgängen konfrontiert worden, die ich mir vor meiner Ausbildung niemals hätte vorstellen können, weil sie nicht einer von Mitmenschlichkeit, Respekt und Verantwortung gekennzeichneten Arbeitsumgebung entsprechen, wie sie gerade im Gesundheitswesen erwartet wird. Dazu werden in diesem Buch an manchen Stellen persönliche Erfahrungen geschildert. Diese Situationen und Vorgänge stehen in keinem konkreten Zusammenhang mit den Kranken oder ihren Angehörigen, sondern sind einerseits begründet in der traditionsbedingten hierarchischen Organisationsstruktur der Gesundheitsbetriebe und andererseits in der über hundert Jahre langen Diskriminierung der Pflege als typischem Frauenberuf. Eine Überwindung dieser historisch gewachsenen Gegebenheiten und eine durchgreifende Änderung dieser überalterten Strukturen ist überfällig und wäre ein Anfang für eine Weiterentwicklung des Pflegeberufes.
Neben den hierarchischen Organisationsstrukturen hat mich schon immer die Stellung der Pflege innerhalb der Gesellschaft beschäftigt. Dieses Thema ist auch deshalb so bemerkenswert, weil Deutschland gegenüber anderen Ländern in Ausbildung, Entwicklung und gesellschaftlichem Ansehen des Pflegeberufes sehr weit hinterherhinkt. Um dieses zum Ausland schon lange bestehende Gefälle auszugleichen, ist ein Systemwechsel dringend geboten.
Die Unterentwicklung des Pflegeberufes wirkt seit Jahren negativ auf die Personalrekrutierung. Immer weniger junge Menschen wollen den Pflegeberuf erlernen. Aus diesem Grund ist es mir ein großes Anliegen, für diesen Beruf zu werben. Tatsächlich werden inzwischen gewagte Wege beschritten, um junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. So werden z. B. Videos gedreht mit tanzenden Pflegekräften oder mit hübsch gestylten und frisch und ausgeruht aussehenden jungen Menschen. Der Pflegeberuf ist allerdings keine Unterhaltung. Ob man dafür mit unterhaltsamem Schauspiel werben will, ist sicher eine Geschmacksfrage. Aber sollen sich junge Leute unter falschen Voraussetzungen für eine Ausbildung entscheiden? Jeder Mensch sollte eine möglichst genaue Vorstellung davon haben, was ihn erwartet. Das gebieten auch die Fairness und der Respekt. Gesundheitsbetriebe haben nichts davon, wenn sich zwar viele Auszubildende für eine Pflegeausbildung entscheiden, aber nach wenigen Monaten abbrechen oder nach der Ausbildung nicht im Beruf bleiben, weil sie enttäuscht sind von den Umständen, unter denen sie arbeiten müssen. Deshalb ist es wichtig, dass jede Person, die sich für eine Pflegeausbildung entscheidet, möglichst genau weiß, was auf sie zukommt. Das wiederum bedeutet, dass sowohl die positiven Seiten der Pflege als auch ihre großen Probleme dargestellt und erklärt werden müssen, damit alle Interessierten einschätzen können, worauf sie sich einlassen. Zudem sollten im Arbeitsalltag Problemlösungen aufgezeigt und Hilfestellungen angeboten werden, damit Auszubildende an den bestehenden Verhältnissen nicht verzweifeln und dem Beruf schon früh den Rücken kehren, sondern durchhalten, sich engagieren und couragiert für Änderungen eintreten.
Selbstverständlich braucht der Pflegeberuf dringend Nachwuchs, zumal mit Blick auf die nächsten Jahrzehnte und auf die gesellschaftliche Entwicklung Pflege und Gesundheit neben Umweltschutz und Klima die existenziell entscheidenden Themen der Menschheit darstellen. Diese Themenbereiche hängen eng miteinander zusammen, da die Umweltbedingungen und das Erdklima sich unmittelbar auf die Gesundheit der Menschen auswirken (z. B. Wasser- und Ressourcenmangel, Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, die inzwischen gefährliche Sonneneinstrahlung, die Vielfalt und Qualität unserer Nahrung usw.). Die Menschheit kann ohne eine intakte Natur und ohne ein gesundes Klima nicht dauerhaft überleben, aber eben auch nicht ohne Pflege und Gesundheit. Die Politik hat hier leider in den letzten Jahrzehnten falsche Prioritäten gesetzt und der Wirtschaft gegenüber dem Pflege- und Gesundheitswesen und gegenüber Klima- und Umweltschutz deutlich den Vorzug gegeben, obwohl letztendlich wirklich niemand Geld essen oder sich Gesundheit als solche kaufen kann. Vielleicht kann man sich mit Geld bessere Voraussetzungen schaffen für ein gesünderes Leben, z. B. durch teurere und bessere Lebensmittel oder durch eine Privatversicherung für bessere Gesundheitsleistungen. Aber spätestens bei einem physischen oder psychischen Trauma oder bei einer schweren Erkrankung merkt jeder Mensch, dass nicht materielle Güter und nicht der Konsum für das menschliche Leben und für seine Lebensqualität entscheidend sind. Wirtschaft kann die Entwicklung einer Gesellschaft – positiv oder negativ – beeinflussen, aber sie ist kein Garant für das Überleben einer Gesellschaft und sie ist kein Ersatz für andere wichtige Gesellschaftsbereiche. Im Gegenteil, sie benötigt gesunde Menschen für ihren Bestand und für ihr Wachstum. Das hat spätestens die Coronakrise gezeigt.
Wer möglichst viel weiß über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Pflege, Krankheit, Natur und Natürlichkeit, ist im Vorteil. Ebenfalls ist diejenige Gesellschaft, die sich dieser Zusammenhänge, aber auch ihrer Möglichkeiten und Stärken bewusst ist, gut gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft. Also stellt sich die Aufgabe, allen BürgerInnen möglichst viel von diesem Wissen zu vermitteln. An dieser Stelle schließt sich der Kreis und führt wieder zur Politik und zum Thema Systemwechsel zurück.
Es sind auf allen Gesellschaftsebenen, also auf der Mikro-, Meso- und Makroebene, Änderungen notwendig, damit die Pflege endlich den Platz erhält, den sie ihrer Bedeutung nach verdient. Deshalb werden im vorliegenden Buch auch alle Ebenen angesprochen. Die Perspektivenvielfalt soll zu Erkenntnissen über den Pflegeberuf und zu seiner Weiterentwicklung beitragen. Die im Buch verwendeten Fremdquellen werden alle angegeben.
Mit größtem Respekt danken wir Herrn Prof. Karagiannidis für sein Geleitwort. Indem er sich als Mediziner hier zur Situation des Pflegeberufes geäußert hat, hat er sich einer besonderen Herausforderung gestellt. Wir sehen seinen Beitrag als einen weiteren Brückenschlag zwischen den Berufsgruppen. Außerdem empfinden wir große Freude darüber, dass er in vielen Punkten unsere Ansichten und die der Berufsgruppe der professionell Pflegenden teilt. Vielleicht finden die ärztliche und die pflegerische Berufsgruppe künftig auch sonst eine gemeinsame Linie beim Einsatz für die Gesundheitsversorgung.
Zuletzt noch ein Wort zur Erarbeitung dieses Buches: Annemarie Fajardo und ich haben neben unserer hauptberuflichen Arbeit und neben unseren ehrenamtlichen Tätigkeiten innerhalb weniger Monate mit diesem Buch ein Werk geschaffen, in dem wir viel niedergeschrieben haben, was uns seit langer Zeit bewegt. Wir glauben, dass wir mit diesem Buch auch sehr vielen anderen Menschen, vor allem aber den Pflegekräften aus dem Herzen sprechen. Dieses Projekt haben wir sehr leidenschaftlich und mit großem Stolz auf die Beine gestellt. Entsprechend war die Zusammenarbeit immer begleitet von einem sehr konstruktiven Austausch. Wir haben dadurch auch neue Erkenntnisse gewonnen und Ideen bekommen, die wir gerne an die Leserinnen und Leser weitergeben möchten. Und nicht zuletzt hatten wir so viel Spaß, dass wir uns schon für weitere Projekte verabredet haben.
Birgit Ehrenfels
1 In diesem Buch wurde stets versucht, eine geschlechtsneutrale Formulierung zu wählen. Wenn dies jedoch nicht möglich war, wurde aus Gründen der gendergerechten Sprache das Binnen-I verwendet. Hiermit sind selbstverständlich alle Geschlechter gemeint.
Danksagungen
Geleitwort
Vorwort
1 Einführung
2 Die Stärken der Pflege
2.1 Pflege als Berufung
2.2 Erfahrungsberichte zu den Werten des Pflegeberufes
3 Die Existenzrelevanz der Pflege
3.1 Die existenzerhaltende Strategie der Pflege
3.2 Die Bedeutung von Pflege und Gesundheit während einer Pandemie
4 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft vs. Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf
4.1 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft
4.2 Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf
5 Pflegeausbildung
5.1 Ausbildungsreformen zur Stärkung der Pflege
5.1.1 Altenpflegeausbildung und ihre Bedeutung
5.1.2 Die Notwendigkeit einer generalistischen Ausbildung
5.1.3 Einführung der generalistischen und hochschulischen Pflegeausbildung
5.1.4 Angemessenheit der generalistischen und akademischen Ausbildung
5.2 Mögliche Auswirkungen eines fehlenden Pflegestudiums
5.2.1 Komplexität des Pflegeberufes nach Maßgabe des Pflegebedürftigkeitsbegriffs
5.2.2 Vielseitige Wahrnehmung des Pflegestudiums
5.2.3 Ein Beispiel zur internationalen Anerkennung der pflegerischen Berufsausbildung in Deutschland
5.2.4 Komplexität des Pflegeberufes im internationalen Kontext
5.2.5 Der Stellenwert der akademischen Pflege
6 Interprofessionalität im Gesundheitswesen
6.1 Konzept der interprofessionellen Zusammenarbeit (IPZ)
6.2 Machtmissbrauch gegenüber Pflegekräften durch Hierarchien
6.2.1 Erfahrungsbericht im Zusammenhang mit Hierarchien – aus der Perspektive einer Kinderkrankenschwester
6.2.2 Erfahrungsbericht im Zusammenhang mit Hierarchien – aus der Perspektive einer Altenpflegerin
7 Forderung nach Systemänderungen
7.1 Ein gesundheitsbezogenes Entgeltsystem
7.2 Engere Verknüpfung von Wissenschaften und Teilsystemen durch Interdisziplinarität
7.3 Forderung nach Schutzkonzepten
7.3.1 Konzept zum Schutz von Kindern und Jugendlichen
7.3.2 Weitere Effekte des Konzeptes zum Schutz von Kindern und Jugendlichen
7.3.3 Konzept zum Schutz von BewohnerInnen in Altenpflegeeinrichtungen
7.3.4 Konzept zum Schutz von Flüchtlingen
7.4 Beispiele zur Ineffizienz politischer Maßnahmen
7.5 Gesellschaftliche Haltung gegenüber der Pflege
7.5.1 Begrenzte Leistungserbringung aufgrund vorgegebener Strukturen
7.5.2 Begrenzte Leistungserbringung aufgrund fehlenden Personals
7.5.3 Ableitende Erkenntnisse für eine bessere Haltung gegenüber der Pflege
7.6 Das Bildungssystem als Spiegelbild unserer Gesellschaft – ein Erfahrungsbericht
7.7 Professionelle Pflege als soziale Höchstleistung in unserer Gesellschaft
8 Entlohnung
8.1 Pflegebetriebe sind Wirtschaftsbetriebe
8.2 Kranken- und Pflegeversicherung als finanzielle Stütze
8.3 Politische Maßnahmen zur Verbesserung des Lohnniveaus in der Pflege
8.4 Lohnniveau der Pflege im internationalen Vergleich
8.5 Gewerkschaftliche Vertretung der Pflegenden bei Tarifverhandlungen
9 Berufspolitische Vertretung der professionellen Pflege
9.1 Rückabwicklung von Pflegekammern
9.1.1 Entwicklung der Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz
9.1.2 Andere Bundesländer – andere Sitten
9.1.3 Bedeutung der Bundespflegekammer
9.2 Die Selbstverwaltungspartner im Gesundheitswesen
9.3 Erfahrungen im Ehrenamt des Deutschen Pflegerates
9.4 Die Verweigerung der pflegeberuflichen Selbstverwaltung
10 Fazit und Ausblick
Quellen
Die Professionalisierung und damit auch die Selbstverwaltung des Pflegeberufes gehen in Deutschland nicht voran. Erst seit 2015 gibt es die erste deutsche Pflegekammer, nämlich in Rheinland-Pfalz (Mürbe & Stadler, 2019). Fast alle anderen Bundesländer haben bis heute noch keine Pflegekammer. Dem gegenüber existieren schon seit dem 19. Jh. Handwerkskammern (Büker, 2018) und ärztliche Standesorganisationen (Siegrist, 2005). Ebenso lange gibt es schon andere Berufekammern, z. B. Industrie- und Handelskammern, Rechtsanwaltskammern und Apothekerkammern (Büker, 2018). Bereits seit 1947 ist eine Bundesärztekammer installiert (Bundesärztekammer, 2021). International betrachtet sind Pflegekammern in sehr vielen anderen Ländern schon sehr früh etabliert worden, z. B. 1903 in den USA, 1919 in England, 1920 in Australien, 1972 in Neuseeland (Büker, 2018). In Europa gibt es in den meisten Ländern schon lange eine Pflegekammer (Büker, 2018). Die Selbstverwaltung des Pflegeberufes in Deutschland hinkt also deutlich hinter anderen Berufen und hinter vielen Ländern her.
Ähnliches gilt für die Akademisierung des Pflegeberufes. Die moderne Medizin entwickelte sich in Preußen Mitte des 19. Jh. zeitgleich mit den Naturwissenschaften so schnell, dass die deutsche akademische Medizin international damals vorne lag (Siegrist, 2005). Dagegen gibt es Pflegestudiengänge in der Bundesrepublik überhaupt erst seit Ende der 1980er-Jahre und auch nur in geringer Zahl. In den USA, England und Skandinavien ist Pflege sogar schon seit der ersten Hälfte des 20. Jh. voll akademisiert (Mürbe & Stadler, 2019).
Also ist außer der Selbstverwaltung auch die wissenschaftliche Ausbildung der Pflege deutlich hinter der Medizin und international gesehen hinter den meisten Ländern zurück. Damit ist klar, warum die Entwicklung des Pflegeberufes und damit verbunden auch das öffentliche Ansehen der Pflege in Deutschland bis heute nicht in Einklang stehen mit der enormen Bedeutung, die der Pflege innerhalb der Gesellschaft tatsächlich zukommt. Erst mit Beginn der Coronapandemie im Jahr 2020 wurde in Deutschland der Pflegeberuf durch die Politik und durch die Gesellschaft insgesamt immerhin als »systemrelevant« anerkannt und diesbezüglich öffentlich gewürdigt!
Die Pflegenden müssen besondere Leistungen erbringen, damit sie den vielen Anforderungen, die an sie gestellt werden, nachkommen können. Gerade unter der aktuellen Pandemie sind sowohl die Anforderungen als auch die Leistungen noch um ein Vielfaches erhöht. Um allen Ansprüchen begegnen und die erforderlichen Leistungen im Berufsalltag abliefern zu können, brauchen die Pflegenden bestimmte Voraussetzungen und bestimmte Stärken, wie in Kap. 2 dargelegt wird (Kap. 2).
Das Angewiesensein auf den Pflegeberuf während der Coronapandemie und der weiter gestiegene Leistungsanspruch an die Pflegekräfte während dieser Krise haben die Politik zur Bezeichnung »systemrelevant« veranlasst. Allerdings ist diese Erkenntnis der Politik genauso unzureichend wie die Bezeichnung und wird der außerordentlichen Bedeutung der Pflege nicht gerecht. Fakt ist: Pflege ist für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt existenzrelevant. Dieser Punkt wird in Kap. 3 erörtert (Kap. 3).
Der Staat und die Gesellschaft ziehen zwar großen Nutzen aus der Pflege, kommen aber nicht ihren Pflichten gegenüber der Pflege nach. Dazu stellen wir in Kap. 4 einerseits den vielfältigen Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft dar und erläutern andererseits die Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber der Pflege, die nicht annähernd erfüllt werden (Kap. 4).
In Kap. 5 wird die Ausbildungssituation des Pflegeberufes in Deutschland einschließlich der Akademisierung sehr ausführlich beschrieben, Vergleiche zur Pflegeausbildung im Ausland werden gezogen und Konsequenzen aus den hiesigen Gegebenheiten erläutert (Kap. 5).
In Kap. 6 wird das international bekannte und erfolgreich erprobte Konzept der Interprofessionalität vorgestellt, das aber in Deutschland bisher kaum Beachtung findet. Dieses bewährte Konzept wird von der World Health Organization (WHO) seit 2010 empfohlen. Hier wird erläutert, warum dieses Konzept auch für unser Gesundheitssystem so wichtig ist (Kap. 6).
Nach unserer Meinung hätten schon lange weitergehende Systemänderungen vollzogen werden müssen, da das Überleben unserer Gesellschaft künftig davon abhängen kann, wie aktuell gerade durch die Coronakrise offenbart wird. In Kap. 7 wird konkret begründet, warum welche Systemänderungen notwendig sind. Außerdem werden Konzepte dazu beschrieben und erörtert (Kap. 7).
Kap. 8 widmet sich der Entlohnung für den Pflegeberuf. Auch hier zeigt ein Vergleich zum Ausland, dass die Gehaltsentwicklung für den Pflegeberuf in Deutschland deutlich zurückliegt. Es wird erklärt, warum das so ist, wie sich das auswirkt und welche Alternativen denkbar sind (Kap. 8).
Für uns liegt auf der Hand, dass sich die Position der Pflege in unserer Gesellschaft in verschiedener Hinsicht möglichst schnell und sehr deutlich verbessern muss. Wir erwarten, dass alle Verantwortlichen diesbezüglich an einem Strang ziehen. Dazu gehört auch, dass die Errichtung der Pflegekammern bundesweit zügig durchgeführt und von der Politik unterstützt werden muss. Es darf keine Rücksicht mehr genommen werden auf außerhalb der Pflege liegende Interessen. Pflegekammern sind international schon lange etabliert und müssen endlich auch in Deutschland vorangebracht werden. Das Thema Selbstverwaltung wird in Kap. 9 ausführlicher behandelt (Kap. 9). Am Ende des Buches wird in Kap. 10 ein Fazit gezogen und ein Ausblick gegeben (Kap. 10).
Durch dieses Buch sollen gerade vor dem Hintergrund der Coronapandemie möglichst viele BürgerInnen, aber vor allem Pflegende, Leitungskräfte von Krankenhäusern und von anderen Gesundheits- bzw. Pflegeeinrichtungen, PflegewissenschaftlerInnen sowie PolitikerInnen zur umfassenden Auseinandersetzung mit dem Pflegeberuf aufgefordert werden. Mit unseren Beiträgen wollen wir Denkanstöße liefern, die dann hoffentlich schnell auch entsprechende Konsequenzen durch die Verantwortlichen nach sich ziehen. Es sollen schon lange notwendige Veränderungen herbeigeführt, die Weiterentwicklung des Pflegeberufes beschleunigt und sein Ansehen in der Gesellschaft massiv gestärkt werden.
Dazu gehört auch eine Portion Selbstreflexion. Jeder kann selbst hinterfragen, warum die Situation der Pflege heute so dramatisch aussieht und warum der Pflegeberuf so schlecht dasteht. Dafür will das Buch sensibilisieren und teils durch Offenlegen von Erfahrungen, teils durch Wissensvermittlung und teils durch konkrete Lösungsvorschläge den Horizont der Interessierten bezüglich der Profession Pflege erweitern.
Durch den Perspektivwechsel auf die Mikro-, Meso- und Makroebene der Gesellschaft soll das Buch die erforderliche Auseinandersetzung mit dem Thema anstoßen.
Wir Autorinnen stellen uns auch gern selbst jeder Diskussion, die aus diesem Buch erwächst, und warten gespannt auf die Resonanz innerhalb der Gesellschaft.
Der Pflegeberuf hat viele schöne Seiten. Pflege erfüllt einen hohen ethischen Anspruch durch die Hilfe und Unterstützung, die Pflegende den Menschen bei gesundheitlichen Problemen zukommen lassen, und durch die große Verantwortung, die mit der Pflege anderer Menschen übernommen wird. Das macht den Beruf auch zu einer sehr sinnvollen Arbeit. Pflege ist auf den Menschen ausgerichtet und findet im Kontext der Gesundheitsversorgung statt. Dadurch ist Pflege ein sehr sozialer Beruf. Pflege ist außerdem sehr abwechslungsreich und wird nie langweilig. Die Pflegenden müssen sich immer wieder neu auf viele verschiedene Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen einstellen. Pflege entwickelt sich fachlich auch immer weiter. Ein rasanter medizinisch-technischer Fortschritt und immer neue pflegewissenschaftliche Erkenntnisse treiben diese Entwicklung voran. Insofern bleibt der Beruf immer interessant. Darüber hinaus bietet er ein großes Spektrum an Betätigungsfeldern, sodass eine Pflegekraft verschiedene Möglichkeiten hat, sich in diesem Beruf zu verwirklichen.
Aber jede Person, die in der Pflege arbeitet, selbst wenn sie dort nur ein Praktikum macht, merkt schnell: dieser Beruf ist kein Zuckerschlecken. Pflege ist physisch, mental und psychisch überaus anstrengend, unabhängig davon, ob man in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege tätig ist, ob man in der ambulanten Pflege, im Krankenhaus, in einem Seniorenpflegeheim oder in der Psychiatrie arbeitet. Die Anforderungen sind enorm hoch.
Wer in der Pflege arbeitet, wird im Berufsalltag mit vielen Ansprüchen und Herausforderungen konfrontiert. Das liegt zum Teil an Gegebenheiten, die der Beruf naturgemäß mit sich bringt. So machen z. B. sehr schwere Krankheitsbilder, mit denen Pflegekräfte umgehen müssen, oder extreme Versorgungslagen bis hin zur Sterbebegleitung oder der Kampf um Leben und Tod bei einer Reanimation den Beruf sehr anstrengend. Außerdem hat z. B. jede/-r Pflegebedürftige bezüglich der Pflege Erwartungen, die individuell verschieden sind und die die Pflegenden nach Möglichkeit erfüllen. Ferner fordern Ausbildung und Gesetzesvorschriften von einer Pflegekraft in bestimmten Situationen ein bestimmtes Vorgehen. Ausbildungsinhalte und Gesetzesvorschriften sind aber keine konstanten Größen, sondern ändern sich je nach Erfordernissen und Entwicklungsstand des Berufes und der Gesellschaft. Das beste Beispiel ist die aktuelle Coronapandemie mit den speziellen Schutzmaßnahmen, die per Gesetz den Pflegekräften während ihrer Arbeit auferlegt werden. Zudem stellt jeder Arbeitgeber an eine Pflegekraft eigene Ansprüche, z. B. zeitliche Verfügbarkeit, Bereitschaft zu Weiterbildungen und Fortbildungen, Übernahme anderer Tätigkeiten wie Anleitung (von Praktikanten, Auszubildenden oder Berufsanfängern) oder Lagerhaltung. Schichtdienst zu leisten, ist notwendig, da viele kranke und alte Menschen rund um die Uhr versorgt werden müssen. Viele Pflegebedürftige brauchen 24 h an allen 365 Tagen im Jahr pflegerische Versorgung. Und die Pflegekräfte sind in ihrem Dienst immer ansprechbar und ziehen sich nicht zurück. Das sind nur einige Anforderungen, denen sich Pflegekräfte stellen müssen und die unumgänglich sind. Zum Teil erschweren darüber hinaus aber unnötige und störende organisatorische und strukturelle Gegebenheiten die Arbeit, z. B. hierarchische Machtstrukturen, ungeregelte Pausen, häufige und viele Überstunden, eine Unmenge schriftliche Dokumentation in Papierform und/oder digital (oft sogar doppelt oder mehrfach), fehlende arbeitserleichternde Hilfsmittel, schlechte personelle Ausstattung, schlechte Diensteinteilung, ungünstige Arbeitskleidung, schlechte oder unzureichende Arbeitsmaterialien, schlechte Raumgestaltung und ungünstige Einrichtung der Pflegezimmer (veraltete Klingelanlagen, enge Räume, veraltete Bäder bzw. Nasszellen, schlechte Lüftungsmöglichkeiten etc.).
Die stetig zunehmende ambulante Behandlung von Kranken hat in den Krankenhäusern zu einer ebenfalls steigenden Fluktuation geführt, d. h., in immer kürzerer Zeit werden immer mehr kranke Menschen durch ein Krankenhaus geschleust. Dadurch müssen alle Abläufe viel schneller abgewickelt werden: viel häufigeres Ein- und Ausräumen der Zimmer, erhöhter Bedarf an Hilfsmitteln, Materialien, Medikamenten und Wäsche, die gerichtet und wieder entsorgt werden müssen, viel mehr Büroarbeit. Kranke werden bis in den Abend und auch am Wochenende entlassen. Dieser Durchlauf verursacht mehr Unruhe und Stress sowohl für die Pflegenden als auch für die Kranken. All das birgt insgesamt ein erhöhtes Fehlerrisiko und für die Bewältigung dieser Mehrarbeit wird entsprechend mehr Personal benötigt, sowohl Fachkräfte als auch Hilfskräfte.
In den Senioren- und Pflegeheimen hat sich die Zahl der alten und hochaltrigen BewohnerInnen sowie Pflegebedürftigen extrem erhöht. Plätze in der Tagespflege oder Kurzzeitpflege sind rar. Wegen der großen Nachfrage werden Wartelisten geführt. In den Heimen wird immer mehr Pflegepersonal mit hoher Fachkompetenz benötigt, um den multimorbiden (= mit vielen Erkrankungen behafteten) Menschen in ihren komplexen Versorgungslagen trotzdem einen guten Lebensabend zu ermöglichen.
Bei den ambulanten Pflegediensten steigt ebenfalls ständig die Nachfrage nach häuslicher Versorgung von Pflegebedürftigen. In manchen Regionen kann der Bedarf an ambulanter Pflege nicht mehr zufriedenstellend gedeckt werden.
Diese Mangellagen sind für die im Pflegeberuf Tätigen äußerst unbefriedigend und bedeuten für sie einen zusätzlichen Stressfaktor, da tagtäglich eine wachsende Arbeitslast auf immer weniger Schultern verteilt wird.
Das sind inzwischen »normale« Anforderungen, die an Pflegende in ihrer täglichen Arbeit gestellt werden.
Mit der Coronapandemie sind nicht nur die Belastungen in der Pflege vielfach gestiegen, es wurde eine neue Dimension erreicht. Erstmals müssen die Pflegenden selbst ständig Nachweise über ihren eigenen Gesundheitsstatus erbringen und sich seit mittlerweile zwei Jahren ständig testen lassen. Abgesehen von wunden Nasen und Rachen vieler Pflegenden wird seit Monaten allen Pflegenden die Gefahr, in der sie sich durch die Versorgung der Kranken selbst befinden und die damit auch ihrer Familie droht, ständig vor Augen geführt. Tatsächlich wurden auch viele Pflegekräfte durch ihre Arbeit mit Corona angesteckt, wie Auswertungen der Barmer oder der Techniker Krankenkasse belegen. Viele Kranke, die notfallmäßig in ein Krankenhaus eingeliefert werden, müssen schnell versorgt werden, bevor ihr Testergebnis zur Coronainfektion vorliegt, und sie müssen auch behandelt werden, obwohl sie positiv sind. Viele Pflegekräfte haben sich dadurch in Ausübung ihrer täglichen Arbeit selbst mit Corona infiziert und viele an Corona erkrankte Pflegekräfte leiden unter den Folgen von Long-Covid oder Post-Covid. Seit nunmehr zwei Jahren besteht für die Pflegenden ebenfalls die ständige Pflicht zur Einhaltung besonderer Hygienevorschriften (spezielle Schutzkleidung, Desinfektionsmaßnahmen etc.). Pflegekräfte können die Schutzkleidung nicht einfach nach Belieben während der Arbeit ablegen, sondern müssen acht Stunden mindestens mit dichtem Mund-Nasen-Schutz, teilweise noch mehr vermummt mit Schutzkittel, Haube und Handschuhen ihren Dienst versehen. Des Weiteren müssen sich die Pflegekräfte in allen Krankenhäusern ebenso wie in Senioren- oder Pflegeheimen ständig mit einem kompletten Umorganisieren des ganzen Arbeitsbetriebes befassen: PatientInnen und BewohnerInnen testen, positiv Getestete isolieren, d. h. umquartieren in ein anderes Zimmer, Zimmer ein- und ausräumen, besondere Schutz- und Hygienematerialien bereitstellen, spezielle Schutz- und Hygienemaßnahmen vornehmen, zusätzliche Dokumentation führen, außerdem ständig Besucher kontrollieren und Besucher testen. Das sind bereits seit Monaten dauernde und irgendwann ermüdende, zusätzliche Belastungen aller Pflegenden. Dazu kommen noch die erschwerte Pflege der an Corona Erkrankten, die Sorge und oft der Kampf um das Leben der schwer Erkrankten, teilweise wegen Bettenmangels noch verbunden mit der Triagierung (= Einstufung nach Dringlichkeit bei der Behandlungsreihenfolge) oder mit der Angst vor einer möglichen Triagierung. Alle diese Umstände geben vielen Pflegenden den Rest und führen letztlich zu ihrer Überlastung.
Seit zwei Jahren werden den Pflegenden durch die Politik ständig wechselnde gesetzliche Regelungen und Anordnungen aufgebürdet, die sich regional unterscheiden, bei denen sich Bund und Länder teilweise widersprechen und bei deren Umsetzung im Arbeitsalltag sich die Pflegenden selbst überlassen bleiben. Das Pflegepersonal unterliegt als »systemrelevante« Berufsgruppe damit einer nun schon zwei Jahre dauernden extremen Fremdbestimmung.
Schon vor Corona erforderte die Bewältigung der Ansprüche und Belastungen, die auch im normalen Arbeitsalltag auf die Pflegenden einstürmen, bestimmte Voraussetzungen und Stärken von den Pflegekräften. Durch die Coronapandemie ist nicht nur die Bedeutung der Ausübung von Pflege, sondern noch vielmehr die Bedeutung der speziellen Stärken der Pflegenden enorm gewachsen. Deshalb wird nachfolgend zunächst erklärt, welche Charakteristika und besonderen Stärken mit der Profession Pflege untrennbar verbunden sind.
Im Zusammenhang mit der Ausübung professioneller Pflege wird oft von »sich dazu berufen fühlen« bzw. von »Berufung« gesprochen, was bedeutet »für diese Tätigkeit besonders geschaffen oder begnadet zu sein« (Bünting, 1996, S. 163). Worin liegt aber die besondere Befähigung zur Pflege?
In Abgrenzung zu anderen Berufen weist der Pflegeberuf einige typische Besonderheiten auf.
Verantwortungsvolle Arbeit und Sinnhaftigkeit charakterisieren zwar auch Berufe bei der Polizei, Feuerwehr oder Sozialarbeit, aber die Pflege verkörpert eine enorme Vielfalt an Werten, die bei anderen Berufen nicht in dieser Konstellation zu finden ist.
Krankenpflege wird seit jeher durch die Werte Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft gegenüber Kranken und Schwachen charakterisiert in Anlehnung an den christlich-humanitären Begriff der Barmherzigkeit (vgl. Lademann, 2018; Cassier-Woidasky, 2007; Baumhauer et al., 1983). Abgesehen von Freundlichkeit, taktvoller Distanz und Einfühlungsvermögen gegenüber Pflegebedürftigen wird dem Pflegepersonal ein »harmonisches Miteinanderwirken von Gefühl und Verstand, von menschlicher Zuwendung und der Anwendung medizinischen Wissens« (Baumhauer et al., 1983, S. 4) zugeschrieben. Krankenpflege wird dargestellt als »Dienst am Kranken« (Baumhauer et al., 1983, S. V) individuell, darüber hinaus aber auch als Dienst an der Gesellschaft allgemein, womit eine Gemeinwohlorientierung betont wird (vgl. Cassier-Woidasky, 2007).
Diese Werte und Eigenschaften gelten nach wie vor bei der Pflege. Nach wie vor sind alte, kranke, behinderte, arme und sozial schlechter gestellte Menschen auf Pflege angewiesen. Heutzutage wird von »personenbezogener Dienstleistung« gesprochen, also von einer auf den Menschen ausgerichteten Arbeit (Müller, 2018, S. 82). Auch die »menschenfreundliche« und »zugewandte Grundhaltung« (Müller, 2018, S. 83) der Pflegenden wird immer wieder betont.
Doch die Werte und Eigenschaften, die Pflege ausmachen, entsprechen nicht dem Zeitgeist des 21. Jh. und stehen ganz gewiss nicht im gesellschaftlichen Fokus. Wer denkt heutzutage über taktvolle Distanz und Einfühlungsvermögen nach? Außerdem haben die pflegetypischen Werte leider oft zu missverständlichen Interpretationen des Pflegeberufs geführt. Insbesondere der Aspekt des »Dienens« oder »Diensttuns« hat der Pflege oft eine unterwürfige Haltung gegenüber der Ärzteschaft und gegenüber einer bewusst künstlich geschaffenen Hierarchie nahegelegt, obwohl dazu überhaupt keine Veranlassung besteht und auch niemals bestanden hat. »Dienen« bedeutet in der deutschen Sprache »eine Aufgabe erfüllen«, »nützlich sein« (Bünting, 1996, S. 248). Darin liegt überhaupt nichts Unterwürfiges, ganz im Gegenteil. Welch wichtige Aufgaben die Pflege erfüllt und in welch außerordentlich hohem Maße sie nützlich ist, zeigt die aktuelle Coronapandemie. (Der vielfältige Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft wird ausführlich erörtert in Kap. 3.)
Gleichzeitig kämpfen Pflegekräfte als Menschen, die ihrer Gesinnung nach eher freundlich zugewandt, taktvoll distanziert und einfühlsam sind, weniger für ihre eigenen Rechte, sondern setzen sich mehr für die Rechte derer ein, die nicht selbst für sich kämpfen können, also wiederum für die Alten, Kranken, Schwachen. Dieser Umstand, dass sich die Pflege in Deutschland sehr lange weitgehend zurückgehalten hat mit der Durchsetzung ihrer eigenen Wünsche und Interessen, hat ihre Unterentwicklung in unserem Land stark begünstigt.
Neben dem sichtbaren physischen Erfolg von Pflegemaßnahmen, der sich allerdings leider nicht bei allen Pflegebedürftigen einstellen kann, ist einer der schönsten Momente, wenn durch die Pflegemaßnahmen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekräften Vertrauen und Vertrautheit zustande kommen. Dieser Moment wird ausgedehnt zu einem bleibenden Vertrauensverhältnis, wenn bei länger andauernder oder sogar permanent dauerhafter Pflege Vertrauen und Vertrautheit wachsen und nicht missbraucht werden. Nicht selten entwickelt sich durch die Pflege eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pflegekräften und Pflegebedürftigen, wenn die Pflegemaßnahmen zur Zufriedenheit aller Beteiligten ausgeübt werden. Die Beziehung wird oft gefördert durch die emotionale und mentale Unterstützung der Pflegekräfte, die sie den Pflegebedürftigen bieten. Das geht weit über die reine Durchführung von Pflegemaßnahmen hinaus. »Vielmehr wird Pflege mit einer zwischenmenschlichen Dimension, mit Beziehung und Interaktion verknüpft, in der beide Seiten, zu pflegender Mensch und Pflegeperson, in besonderer Weise miteinander verbunden sind« (Müller, 2018, S. 86). Diese besondere Verbundenheit entsteht i. d. R. bei der Pflege chronisch kranker, schwerbehinderter oder auch sterbender Menschen, oft in enger Beziehung nicht nur zu den Pflegebedürftigen, sondern auch zu deren Angehörigen.
Meistens wird zunächst durch eine wertschätzende Grundhaltung und durch Empathie, darüber hinaus aber auch durch das eigene Selbstvertrauen, durch das eigene Selbstbewusstsein und durch die eigene Charakterstärke den Pflegebedürftigen Halt und Zuversicht vermittelt. Wenn sich eine charakterstarke Pflegekraft mit ihrer eigenen Persönlichkeit auseinandersetzt und sich ihrer eigenen Schwächen und Fehler bewusst ist, kann sie sich besser in die Pflegebedürftigen hineinversetzen und besser mit den Schwächen, Fehlern und Krisen der Pflegebedürftigen umgehen. Das ist besonders wichtig bei lang dauernden Pflegebeziehungen und bei der Pflege schwerkranker Pflegebedürftiger. Die Beziehung zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigen hängt dann sehr vom Selbst-Bewusstsein der Pflegekraft ab.
Von den Pflegenden erfordert Pflege ständig Selbstreflexion, Selbstkritik und den Mut
