Falk 5: Der große Wolf - Achim Mehnert - E-Book

Falk 5: Der große Wolf E-Book

Achim Mehnert

0,0

Beschreibung

Diese werkgetreue Umsetzung als Roman umfasst den Inhalt des fünften Abenteuers aus den Piccolo-Comicheften 89-123 von Hansrudi Wäscher. Als Falk und Bingo die Alpen überqueren wollen, werden sie von einem strengen Wintereinbruch überrascht. In Schnee und Eis gelangen die Freunde ungewollt in den Besitz eines wertvollen Edelsteins, der aus einem ruchlosen Kirchenraub stammt. Der Ritter folgt der Spur des Raubes und sieht sich einer bestens organisierten Räuberbande gegenüber, die das Land mit Überfällen und Diebstählen terrorisiert. Ihr Anführer tritt nur mit einer Wolfsmaske in Erscheinung. Kann Falk den geheimnisvollen großen Wolf enttarnen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 288

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Originalausgabe Juli 2016

Charakter und Zeichnung: Nick © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

Text © Achim Mehnert

Copyright © 2016 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Petershagen

Lektorat:Katja Kollig

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © ihervas – fotolia.com

E-Book-Konvertierung: Thomas Knip | Die Autoren-Manufaktur

ISBN ePub 978-3-86305-235-5

www.verlag-peter-hopf.de

Folgen Sie uns für aktuelle News auf Facebook.

Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

 

ACHIM MEHNERT

Der große Wolf

 

Falk Band 5

 

 

 

EINS

 

»Wir hätten uns nicht so lange bei dem Grafen aufhalten dürfen«, sinnierte Bingo. »Der Weg ins Morgenland ist weit und voller Strapazen. Um in den Süden zu reisen, müssen wir zunächst das Gebirge überqueren. Eigentlich ist es zu spät im Jahr für ein solches Unterfangen. Hoffentlich sind die Pässe nicht schon verschneit!«

Das Schloss des Grafen Amberg lag hinter den Freunden Falk und Bingo. Vor einer Stunde waren sie aufgebrochen, nachdem sie eine ganze Woche bei ihrem Gastgeber zugebracht und sich ausgeruht hatten. Seitdem ritten sie Richtung Süden. Der dankbare Graf hatte sie einfach nicht gehen lassen. Wäre es nach ihm gegangen, hätten sie den bevorstehenden Winter in seiner Obhut verbracht.

»Es wäre Graf Amberg gegenüber unhöflich gewesen, unseren Aufenthalt in seinem Schloss abzukürzen«, belehrte der blonde Ritter seinen Begleiter. »Gastfreundschaft ist für ihn ein hohes Gut, das man nicht leichtfertig ausschlägt.«

»Ich weiß«, lenkte der Gaukler ein. »Ich sorge mich lediglich, dass wir zu viel Zeit verloren haben.«

Falk ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Du machst dir unnötige Gedanken. Wir haben einen goldenen Herbst. Mir scheint, das gute Wetter hält sich noch recht lange.«

»Du hast vielleicht eine Ahnung vom Gebirge«, brummte Bingo abschätzig.

In dem Punkt musste der Ritter seinem Freund recht geben. »Ich war noch nie in den Alpen. Deren Überquerung ist eine ganz neue Erfahrung für mich.«

»Na siehst du!« Der Gaukler mit dem Kinnbärtchen, das dem einer Ziege glich, und dem Zwirbelbart, der seine Oberlippe zierte, warf sich in die Brust. »Ich hingegen habe sie schon zweimal überquert. Ich versichere dir, dass dort oben ganz andere Witterungsverhältnisse herrschen als im Vorgebirge oder gar im Flachland. Du wirst Schneemassen zu sehen bekommen, dass dir die Augen übergehen. Sogar im Hochsommer liegt zuweilen noch Schnee auf dem Pass. Wir dürfen keine weitere Zeit verlieren, sonst kommen wir in diesem Jahr nicht mehr hinüber.«

Die Ausführungen des Dicken gaben Falk zu denken. »In dem Fall wäre es vielleicht besser gewesen, den Winter über doch bei Graf Amberg zu bleiben.«

»Unsinn.« Bingo schüttelte energisch den Kopf. »Wir schaffen das, wir dürfen nur nicht trödeln.«

»Trödeln?« Falk schaute über die Schulter zu dem Gaukler, der ein wenig hinter ihm zurückblieb. »Wer trödelt denn hier? Du musst mich mit deiner Mähre erst mal einholen, wenn du kannst.«

Bingos Wangen röteten sich vor Aufregung. »Du nennst mein Pferd eine Mähre? Na warte, mein Lieber. Los, Brauner, dem Angeber zeigen wir es.«

 

*

Anderthalb Wochen ritten sie durch zumeist menschenleeres Land. Nur gelegentlich begegnete ihnen ein Reisender. Nicht minder selten kreuzten fahrende Händler ihren Weg. Auf Feldern arbeitende Bauern sowie Ansiedlungen sahen sie nur aus der Ferne.

Nachts schliefen die Freunde an einem Feuer unter freiem Himmel, um früh am nächsten Morgen ihren Ritt fortzusetzen. Am elften Tag erblickte Falk zum ersten Mal die gewaltige Gebirgskette der Alpen, die sich majestätisch in den klaren Herbsthimmel erhob.

»Herrlich.« Der Ritter zügelte seinen treuen Vierbeiner Donner. »Ein erhebender Ausblick. Allein, um ihn zu genießen, hat sich die weite Reise gelohnt.«

»Gerate nicht allzu sehr ins Schwärmen«, gab Bingo unbeeindruckt zurück.

Falk legte einen Finger auf die Lippen. »Still! Einen solchen Anblick muss man schweigend und mit der gebührenden Andacht in sich aufnehmen.«

»Meinetwegen«, murmelte der Gaukler. »Genieße das Bild, solange du kannst. Das Schwärmen wird dir vergehen, wenn dir das Gebirge erst sein weniger liebliches Gesicht zeigt.«

 

*

Die Warnung war nicht übertrieben. Bereits im Vorgebirge wurden die Gefährten von einem heftigen Wetterumschwung überrascht. Es schüttete so sehr aus tief hängenden schwarzen Wolken, dass sich rasch Rinnsale bildeten und den Weg überfluteten. Rauer Wind peitschte den Freunden den eisigen Regen mit solcher Macht ins Gesicht, dass Falk das Gefühl hatte, von tausenden Nadelstichen gequält zu werden. Binnen Minuten sog sich die Kleidung voll Wasser und die beiden Männer wurden nass bis auf die Haut.

Bingo hing tief vornübergebeugt über dem Nacken seines Braunen. »Na, du Schwärmer, was sagst du nun? Und das ist erst der Anfang!«

»Ich kann nichts sagen«, gab Falk prustend zurück. »Ich habe den Mund voll Wasser und muss achtgeben, dass ich nicht während des Ritts ertrinke.«

»Spaßvogel! Aber du hast Glück. Am Waldrand hinter dem Hügel liegt ein Gasthof. Dort können wir übernachten.«

»Bist du schon früher dort eingekehrt?«

Bingo schüttelte den Kopf. »Doch das Gasthaus genießt einen guten Ruf. Es ist berühmt wegen seines ausgezeichneten Weines.«

»Damit kannst du mich momentan nicht locken«, gestand Falk. »Vielmehr reizt mich ein kräftiges Kaminfeuer, an dem ich mich aufwärmen kann. Ich bin völlig durchgefroren.«

»Glücklicherweise betreibt der Wirt nebenbei einen kleinen Handel«, erzählte Bingo. »Wir kaufen uns warme Mäntel und zusätzliche Decken für die Pferde. In den höheren Lagen wird es noch kälter.«

Die Pferde kämpften sich durch den schweren Grund den Hügel hinauf, denn der Boden wurde zunehmend morastiger. Die Rinnsale begannen sich in reißende Bäche zu verwandeln. Falk konnte sich nicht erinnern, jemals einen dermaßen drastischen Wetterumschwung erlebt zu haben. Wenn Bingo nicht übertrieb und dies wirklich erst ein Vorgeschmack war, stand ihnen noch eine Menge Unbill der Natur bevor.

»Dort vorne liegt der Gasthof«, machte Bingo den Ritter auf einen aus Holzbohlen errichteten Bau aufmerksam, der im Schutz starker Palisaden lag.

»Das sieht nach einer Festung aus«, stellte Falk fest, obwohl der Regen immer dichter und die Sicht immer schlechter wurde.

»Das hat einen guten Grund«, erklärte Bingo. »Im Winter kommen die Wölfe aus dem Gebirge herunter. Sie finden dort oben nichts zu fressen, sodass der Hunger sie in tiefere Lagen treibt.«

Der Regen wurde immer dichter und machte den Gasthof fast unkenntlich. Der Wald glich einer düsteren Wand. Einzelne Tannen am Fuß des östlichen Hügels wiegten sich wie Geister im Wind. Falk zügelte Donner und lauschte, als sich ein lang gezogenes Heulen in das Wüten des Sturmes mischte.

»Hörst du das? Was ist das?«

»Es klingt wie Wolfsgeheul.« Bingo schüttelte den Kopf. »Nein, das kann nicht sein. Zu dieser Jahreszeit kommen sie noch nicht herunter.«

Doch Falk war jetzt sicher, dass es sich um das Heulen von Wölfen handelte. Er drehte den Kopf zum Waldrand hinüber, als der Wind Rufe aus dieser Richtung herübertrug. Ein mit Planen bespannter Wagen brach aus dem finsteren Tann hervor. Der Weg war in der fortgeschrittenen Dämmerung nicht zu sehen. Der Kutscher auf dem Bock trieb die Pferde, unter deren Hufen Wasser und Schlick aufspritzten, mit der Peitsche an. Drei Reiter preschten in wildem Galopp an dem Zweispänner vorbei.

»Öffnet das Tor!«, schrie einer der Männer. »Wölfe sind hinter uns her!«

Erst jetzt bemerkte Falk das graue Rudel, das hinter dem Planwagen herhetzte. In der zunehmenden Dunkelheit und den vom Himmel fallenden Wassermassen waren die Raubtiere kaum zu erkennen.

»Komm, Bingo!«

Falk zog sein Schwert und trieb Donner an, der Gaukler preschte hinter ihm her. Wie Sturzbäche klatschte ihnen der Regen ins Gesicht. Die Freunde ignorierten das Toben der Elemente, denn die Wölfe kamen dem Planwagen immer näher. Ihr schauriges Heulen versetzte die Pferde des Gespanns in Panik.

Der Wagen schüttelte sich und bäumte sich auf, als das rechte Vorderrad gegen einen dicken Stein krachte. Das Gefährt hob vom Boden ab und mit Getöse brach die Vorderachse. Während der Kutscher in hohem Bogen vom Bock flog und sich im Schlamm überschlug, ging das Gespann durch. Der Wagen schlingerte, drehte sich im Kreis und schlug schließlich um. Zwei Fahrgäste wurden aus dem Wagen geschleudert, ein grauhaariger älterer Mann und eine schwarzhaarige junge Frau. Sie fielen mitten unter die Wölfe.

»Vater!« Die Frau war schneller auf den Beinen als ihr Begleiter. Sie riss dessen Schwert an sich und drosch auf die angreifenden Bestien ein. Doch diese ließen sich nicht zurücktreiben.

 

 

»Haltet aus!«, schrie Falk gegen das Tosen des Unwetters an. »Wir helfen Euch!«

Dann waren die Freunde heran. Falk führte sein Schwert mit Geschick, Bingo mit wilder Entschlossenheit. Sie drängten die überraschten Wölfe zurück, doch die wilden Tiere ließen sich nicht vertreiben. Zu groß war ihr Hunger, zu gewaltig ihre Gier. Obwohl zwei ihrer Artgenossen blutend und zuckend im Schlamm verendeten, griffen sie erneut an. Doch nun kam Unterstützung von anderer Seite. Inzwischen hatte der Wirt des Gasthauses seine Knechte zusammengetrommelt. Grölend und Äxte schwingend kamen die Männer herbeigelaufen. Endlich gaben die Wölfe auf. Die Meute zog den Schwanz ein und floh in die anbrechende Nacht hinaus.

Bingo senkte sein Schwert. »Gott sei Dank, sie flüchten. Dem Mädchen scheint nichts passiert zu sein.«

Dem grauhaarigen Mann hingegen schon. Er lag regungslos am Boden und die junge Frau beugte sich über ihn.

»Vater, hörst du mich?«

Mit einem Satz war Falk aus dem Sattel. Er ging in die Knie und untersuchte den bewusstlosen Mann. »Euer Vater ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Ich bringe ihn ins Gasthaus.«

»Ich danke Euch« hauchte die junge Frau.

Falk hob den Verletzten auf und trug ihn zu dem offen stehenden Tor, während sich die Reitereskorte daran machte, die durchgegangenen Zugpferde einzufangen.

 

*

Die junge Frau kümmerte sich um ihren Vater, der schon bald die Augen aufschlug. Man hatte ihn im Wirtshaus auf eine Bank gelegt. Zum ersten Mal hatte Falk Gelegenheit, beide näher zu betrachten. Die von einem Band gehaltenen langen, dunklen Haare des Fräuleins umrahmten ein zierliches Gesicht mit einer kleinen Stupsnase und einem vollen Mund. Die Ärmel ihres blauen Kleides waren gebauscht, um den Hals trug sie eine Kette. Das Gesicht des Mannes war ebenmäßig gezeichnet, sein grauer Bart unterstrich ebenso wie die Kleidung den Eindruck eines vornehmen Reisenden.

»Dem Himmel sei Dank, du kommst wieder zu dir, Vater.«

»Ursula!« Beim Anblick seiner Tochter huschte ein Lächeln über das Gesicht des grauhaarigen Mannes. Er richtete sich auf. »Wir sind gerettet?«

»Ja, Vater.« Das Mädchen deutete zu Falk und Bingo. »Diesen beiden Männern haben wir zu verdanken, dass wir noch am Leben sind. Sie sind uns zu Hilfe geeilt und haben die Wölfe so lange zurückgehalten, bis der Wirt mit seinen Knechten zur Stelle war.«

»Verzeiht, wenn ich widerspreche«, ergriff der Ritter das Wort. »Die Darstellung Eurer Tochter ist nicht ganz richtig. Wenn nicht sie es gewesen wäre, die tapfer auf die Wölfe einschlug, wären Bingo und ich zu spät gekommen.«

Der Gaukler verbeugte sich. »Mein Kompliment, schönes Fräulein! Ihr habt uns fürwahr beeindruckt. Ihr könnt mit dem Schwert besser umgehen als so mancher Mann.«

»Meine Tochter ist sozusagen mit dem Waffenhandwerk groß geworden. Sehr zu meinem Kummer, wie ich gestehen muss. Diesmal jedoch scheinen ihre Fertigkeiten mit dem Schwert ein Glücksfall gewesen zu sein.« Der Grauhaarige betastete die Stelle am Hinterkopf, wo er auf den Stein geschlagen war, und verzog das Gesicht. »Mein Kopf schmerzt.«

»Ich bringe dich in deine Kammer, Vater.« Ursula wandte sich Falk und Bingo zu. »Entschuldigt uns bitte.«

Der Ritter trat beiseite. »Selbstverständlich.«

Der Verwundete erhob sich von der Bank. »Wir sehen uns morgen früh. Dann werde ich hoffentlich in besserer Verfassung sein. Ich danke Euch noch einmal.«

»Ihr könnt mir jetzt folgen.« Der Gastwirt beleuchtete mit einer Kerze die Stufen einer hölzernen Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte. »Die Mägde haben Eure Kammer hergerichtet, Herr.«

»Georg, Lutz und Hans, holt unser Gepäck aus dem umgestürzten Wagen«, wies Ursula die drei Reiter an, die den Planwagen begleitet hatten und sich still im Hintergrund hielten.

Hans spähte unruhig durchs Fenster. »Es wird schon dunkel. Sicher lauern die Wölfe noch draußen.«

»Ich lasse euch von einigen Knechten begleiten«, bot der Gastwirt an.

Bingo musterte die drei Männer. »Ihr seid die Bediensteten der Herrschaften?«

»Ganz recht«, antwortete Lutz mürrisch. »Aber was geht dich das an?«

»Nicht viel.« Der Gaukler zwirbelte seinen Oberlippenbart. »Ich weiß nur, dass ich euch auf der Stelle hinauswerfen würde, wenn ich euer Herr wäre.«

»Was erlaubst du dir?«, empörte sich Lutz.

»Ich spreche nur aus, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ihr Kerle habt eure Herrschaft feige im Stich gelassen, als der Wagen umschlug. Statt zu helfen, hattet ihr nichts anderes im Sinn, als euch selbst in Sicherheit zu bringen.«

»Wir mussten dafür sorgen, dass das Tor geöffnet wurde«, behauptete Georg. »Ansonsten wäre es für alle schlecht ausgegangen.«

»Dazu waren gleich drei Männer nötig?«

»Misch dich besser nicht in unsere Angelegenheiten ein, Dicker«, versetzte Hans. »Sonst bekommt es dir schlecht.«

»Dicker?«, brauste der Gaukler auf. »Da soll doch gleich …«

»Halte ein, Bingo«, hielt Falk seinen Freund zurück. »Die Burschen haben recht. Es geht uns nichts an. Wenn die Reisenden sich mit Feiglingen umgeben, ist das ihre Sache.«

»Wie nennst du uns? Feiglinge?« Georg ballte die Hände zu Fäusten. »Jetzt reicht es!«

»Ja?« Falk stellte sich dem Burschen entgegen. »Sprich dich ruhig aus. Also, was hast du mir zu sagen?«

Georg wich zurück. »Nichts. Es ist schon gut.«

»Kommt, wir holen das Gepäck«, forderte Hans seine Kameraden auf.

Die drei Männer verließen das Gasthaus, während Ursula und ihr Vater von dem Gastwirt nach oben geführt wurden. Die Freunde ließen sich an einem Tisch nieder und bestellten Wein und etwas zu essen.

 

*

Obwohl der Gasthof einsam am Rande der Berge lag, füllte sich der Schankraum in der nächsten Stunde mit Reisenden und Fuhrleuten. Bald waren sämtliche Tische besetzt. Stimmengewirr und Becherklirren erzeugten eine lebhafte Geräuschkulisse. Irgendwer rief lautstark nach Wein und Würfeln. Falk beobachtete das bunte Treiben.

»Ich hätte nicht erwartet, dass hier am Abend so viel Betrieb herrscht.«

»Aber ich«, entgegnete Bingo. »Das Gasthaus liegt an einem Kreuzweg und niemand reist in diesen unsicheren Zeiten gerne bei Nacht, noch dazu bei solch einem Wetter. Wer kann, sucht sich eine trockene und sichere Unterkunft. Es war gut, dass wir rechtzeitig angekommen sind. Wer jetzt noch eintrifft, kann von Glück reden, wenn er selbst für gutes Geld noch ein Plätzchen im Heu findet.«

»Ich möchte wissen, wer die beiden Reisenden sind«, grübelte Falk.

»Das Fräulein heißt Ursula, wie du gehört hast. Sicher erfahren wir morgen früh mehr. Wenn du deine Neugier bis dahin nicht zügeln kannst, gibt es allerdings noch eine andere Möglichkeit.« Bingo winkte dem Wirt zu. »Gesellt Euch doch bitte an unseren Tisch und setzt Euch zu uns.«

»Gleich!« Der Wirt gab seinen Mägden ein paar Anweisungen, dann nahm er bei den Freunden Platz, die ihm einen Becher Wein spendierten. »Ich danke Euch für die Ehre, Ihr Herren. Wie kann ich Euch dienlich sein?«

»Wir wüssten gerne, wer der Reisende und das Fräulein sind«, eröffnete Bingo. »Ihr wisst doch, für jemanden, den man gerettet hat, fühlt man sich verantwortlich.«

»Ja, ich verstehe. Die beiden sind sehr hochwohlgeborene Herrschaften«, gab der Gastwirt bereitwillig und mit wichtiger Miene Auskunft. »Es sind Graf Engelbrecht von Eschenburg und seine Tochter Ursula. Der Besitz des Grafen beginnt eine knappe Tagesreise östlich von hier. Der Herr Graf ist ein sehr großzügiger Mann, müsst ihr wissen.«

»Das freut mich für Euch.« Bingo hob seinen Becher und trank von dem tiefroten Wein.

»Der Graf hat eine außergewöhnliche Tochter«, meldete sich Falk zu Wort. »Ihr hättet sehen sollen, wie sie die Wölfe mit dem Schwert ihres Vaters abwehrte. Wir staunten nicht schlecht.«

»Das glaube ich gerne.« Der Wirt lächelte und senkte die Stimme zu einem Flüstern hinab. »Man erzählt sich, sie habe einmal an einem Turnier teilgenommen. Unglaublich, nicht wahr?«

»Allerdings.« Falk war beeindruckt. »Allerdings scheint mir der Graf nicht sonderlich glücklich zu sein über diese Eigenschaften seiner Tochter.«

»Ganz und gar nicht. Er …«

»Wirt!«, rief jemand von einem anderen Tisch herüber. »Wollt Ihr Euch nicht auch um Eure übrigen Gäste kümmern?«

»Selbstverständlich!«, beeilte der Gastwirt sich zu antworten. Er nickte den Freunden zu. »Entschuldigt bitte.«

»Aber sicher.« Falk sah ihm amüsiert hinterher. »Was würdest du tun, wenn du eine solche Tochter hättest, Bingo?«

»Schwer zu sagen.« Der Gaukler biss herzhaft von einer Hühnerkeule ab. »Stell dir vor, du wolltest sie übers Knie legen, doch sie stände in voller Rüstung vor dir.«

Der Ritter lachte auf. »Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor. Gehen wir schlafen. Morgen früh müssen wir frisch und ausgeruht sein, wenn wir uns wieder auf den Weg machen.«

»Einverstanden.« Bingo schob die abgenagten Knochen von sich.

»Wartet!«, rief ein Mann vom Nebentisch, der mit zwei anderen ein Würfelspiel austrug. »Wollt ihr euch etwa schon aufs Ohr legen? Setzt euch zu uns und würfelt mit.«

»Vielen Dank«, lehnte Falk ab. »Wir haben morgen eine lange und beschwerliche Reise vor uns. Gute Nacht.«

Einer der Würfelbrüder lachte. »Gute Nacht, ihr Schlafmützen.«

»Was hast du gesagt?«, brummte Bingo. Er schickte sich an, auf die Würfelnden loszugehen.

Falk packte ihn am Schlafittchen und zog ihn mit sich. »Lass es gut sein. Musst du denn immer streiten?«

Der Wirt führte sie in den ersten Stock und offenbarte ihnen eine enge Kammer, in der er sie alleine ließ. Bingo sah sich mürrisch um. Die Freunde zogen sich aus und krochen unter die Decken. Bingo presste sich die Hände auf die Ohren.

»Die Burschen machen einen ganz schönen Krach da unten«, beschwerte er sich. »Hoffentlich können wir bei dem Lärm überhaupt einschlafen.«

»Bestimmt«, versicherte Falk. »Ich bin jedenfalls hundemüde.« Er rollte sich auf den Rücken und schloss die Augen.

Im Schankraum ging der Lärm munter weiter.

 

*

Genervt richtete Falk sich auf. Er war zu zuversichtlich gewesen. Zwar war er rechtschaffen müde, doch jedes Mal, wenn er gerade in den Schlaf hinüberdämmerte, polterte jemand mit schweren Stiefeln die Treppe hinauf. Bingo störte das nicht. Der Gaukler schlief tief und fest. Er schnarchte sogar wie ein Bär, der Winterschlaf hielt.

Falk drehte sich um und drückte sich ein Kissen auf die Ohren. Dennoch fand er keinen Schlaf. Eine Stunde lang wälzte er sich von einer Seite auf die andere, dann polterte endlich der letzte Gast die knirschenden Stiegen hinauf. Ruhe kehrte danach dennoch nicht ein. Immer wieder drang von unten Gelächter herauf. Wenig später gesellte sich dumpfes Krachen dazu. Es klang, als würden die verbliebenen Zechbrüder Tische und Schemel umwerfen. Der Ritter hatte endgültig genug. Er erhob sich vom Bett und öffnete die Tür, während Bingo ungestört weiterschlief.

Auf dem Treppenabsatz vernahm er andere Geräusche. Es war der unverkennbare Klang von aufeinanderprallenden Schwertern. Im Schankraum wurde gekämpft.

Falk stieg die Stufen hinunter und wurde Zeuge eines ungerechten Duells. Drei Männer drangen auf einen zierlichen, jungen Burschen ein, der sich eine Stunde zuvor noch nicht im Gasthaus aufgehalten hatte. Er trug einen langen Umhang, ein breites Barett und einen Bart, der sein Gesicht bedeckte. Die drei anderen hingegen erkannte Falk auf Anhieb. Es waren die Würfelspieler, mit denen Bingo um ein Haar aneinandergeraten wäre.

»Wir sollen Falschspieler sein?«, schimpfte einer der Würfelbrüder. »Für diese Unterstellung wirst du büßen!«

»Schluss damit!«, schritt der Ritter ein. »Bei diesem Lärm kann kein Mensch schlafen. Tragt eure Händel morgen aus, aber nicht zu nachtschlafender Zeit.«

»Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, legte ihm einer der Würfelbrüder nahe. »Zieh dir einfach die Bettdecke über die Ohren.«

»Jetzt geben wir es dem Herrchen!«

Die drei Raufbolde wandten sich wieder ihrem Gegner zu. Der jedoch zeigte sich von der Übermacht nur wenig beeindruckt.

»Drei gegen einen, aber meinetwegen. Kommt nur, ihr Feiglinge!«

Der Ritter hatte keine Ahnung, was dem Kampf vorausgegangen war. Anscheinend ging es um das Würfelspiel. Er überlegte, was zu tun sei. Er konnte nicht tatenlos zusehen, wie die drei Raufbolde den schmächtigen Jüngling umbrachten. Er lief die verbliebenen Stufen hinunter, packte den Würfelbruder, der gleich am Fuß der Treppe stand, und stieß ihn beiseite. Dessen Kumpane fuhren herum, sekundenlang irritiert, dann stürzte sich einer von ihnen auf Falk, während der andere sich dem ursprünglichen Gegner entgegenstellte.

Falk riss einen Schemel in die Höhe und fing damit den Schwertstoß ab. Blitzschnell zog er den Raufbruder zu sich heran und schickte ihn mit einem Kinnhaken ins Reich der Träume. Sogleich warf er sich auf den Letzten des Trios und setzte ihn mit einem Faustschlag außer Gefecht.

»Danke für Eure Hilfe, aber ich hätte sie auch alleine …« Der Jüngling brachte den angefangenen Satz nicht zu Ende. Er wankte und verlor das Bewusstsein.

Geistesgegenwärtig fing Falk ihn auf, bevor er zu Boden stürzte. Unter dem vom Kopf rutschenden Barett quoll eine Fülle rabenschwarzer Haare hervor und der Bart verrutschte.

»Bei allen guten Geistern!«, stieß Falk aus. »Fräulein Ursula!«

Vom Lärm aufgeweckt, betrat der Wirt den Schankraum. »Was ist geschehen?«

»Fragt nicht lange. Das Mädchen hat eine Wunde am Arm. Holt heißes Wasser und sauberes Linnen!«

»Ich verstehe das alles nicht.«

»Das braucht Ihr auch nicht. Ich bin sicher, später wird sich alles klären. Geht und holt, was ich Euch aufgetragen habe.«

Der Wirt sputete sich. Nachdenklich betrachtete Falk die bewusstlose Frau. Ihm ging es nicht anders als dem Schankwirt. Auch er konnte sich keinen Reim auf diese merkwürdige Geschichte machen.

 

*

Im selben Moment, in dem der Wirt mit Tüchern und einem Topf voll dampfenden Wassers zurückkam, stieg Graf Engelbrecht von Eschenburg die Stufen hinunter. Als er seine bewusstlose Tochter entdeckte, gruben sich Sorgenfalten in sein Gesicht.

»Ursula!«

»Seid unbesorgt«, beruhigte Falk den aufgebrachten Vater. »Eure Tochter ist nur leicht verletzt. Ich glaube, ihr war gar nicht richtig bewusst, was sie tat. Und als sie die Gefahr, in der sie schwebte, erkannte, fiel sie in Ohnmacht.«

Der Adlige kniete nieder und bettete den Kopf des Mädchens auf seine Oberschenkel. Falk gab dem Wirt einen Wink.

»Stellt das Wasser hierher und gebt mir das saubere Linnen. Kümmert Euch um diese drei Helden, während ich den Arm des Fräuleins verbinde.«

Beide machten sich an die Arbeit. Die Würfelbrüder rührten sich nicht. Der Ritter hatte ihnen ordentlich zugesetzt, doch außer ein paar blauen Flecken hatten sie keine Wunden davongetragen.

Nachdem Falk den Arm der jungen Frau verbunden hatte, sah er von seiner Tätigkeit auf.

»Vielleicht besitzt Ihr die Freundlichkeit, mir zu verraten, was das alles zu bedeuten hat, Graf.«

»Was meint Ihr? Ich verstehe nicht.«

»Findet Ihr es nicht sonderbar, dass Eure Tochter zu mitternächtlicher Stunde mit fremden Reisenden dem Würfelspiel nachgeht, noch dazu als Mann verkleidet?«

Der Graf rang nach Worten. Offenbar wusste er nicht recht, was er sagen sollte. Er wurde einer Antwort enthoben, als seine Tochter die Augen aufschlug. Vorsichtig half er ihr auf die Beine.

»Jetzt kann Euch meine Tochter selbst die Aufklärung geben und mir ebenfalls«, brachte er stockend hervor.

Ursula schlug die Hände vors Gesicht. »Ich konnte nicht schlafen«, begann sie. »Der ständige Lärm aus der Gaststube hat mich wach gehalten.«

»Aha, das alte Lied also.« Der Graf seufzte schwer. Anscheinend hatte er ähnliche Erfahrungen schon früher gemacht. »Ich nehme an, als du das Gelächter aus der Schankstube vernommen hast, wolltest du mitspielen.«

»So ist es«, gestand Ursula.

Falk konnte es kaum glauben. »Das ist der einzige Grund für die dramatischen Vorkommnisse?«

»Ja.« Die junge Frau nickte energisch. »Da es für ein Mädchen unschicklich ist, mit Fremden zu würfeln, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu verkleiden.«

»Und wie kam es zu der Auseinandersetzung?«

»Die Burschen haben mit präparierten Würfeln gespielt«, erklärte Ursula grimmig. »Das konnte ich mir nicht gefallen lassen.«

»Nein, natürlich nicht.« Falk rang ungläubig mit den Händen. »Das ist doch alles nicht wahr! Sagt mir, dass ich träume, Graf!«

»Das tut Ihr nicht.« Der grauhaarige Mann furchte die Stirn. »Es ist nämlich so: Meine Tochter hat ihren eigenen Kopf. Aber das war das letzte Mal, Ursula!«

»Was soll das heißen, Vater?«

»Dass ich dich nach unserer Rückkehr in ein Kloster bringe. Ich habe ein für allemal genug von deinen Eigenwilligkeiten. Glaube mir, es ist nur zu deinem Besten.«

»Was?« Die schwarzhaarige Frau schnappte empört nach Luft. »Wer trägt denn die Schuld daran, dass ich so geworden bin? Niemand anderes als du! Du und deine Enttäuschung darüber, dass dein erstes Kind kein Sohn war, sondern eine Tochter. Bei jeder Gelegenheit hörte ich dich klagen: ›Ja, wenn es ein Junge wäre!‹ Doch das war ich nicht. Deine Worte habe ich mir aber schon als kleines Kind zu Herzen genommen und alles versucht, um so zu sein wie ein Junge. Es dauerte nicht lange, bis ich im Reiten und Fechten besser war als jeder Junge aus unserer Nachbarschaft. Ich weiß, wie stolz du darauf warst.«

»Ursula!«, entfuhr es dem Grafen. »Spricht man so etwa mit seinem Vater?«

»Begreifst du denn nicht? Ich habe alles unternommen, damit du mich liebst – so als ob ich ein Junge wäre.«

Der Adlige schob seine Tochter zur Treppe. »Bitte geh in deine Kammer. Es ist unschicklich, dass wir vor Fremden über diese Dinge sprechen.«

Ursula warf sich herum und stürmte mit gramverzerrtem Gesicht die Stufen hinauf. Graf von Eschenburg ließ das Kinn auf die Brust sinken. Wortlos hatte Falk dem Disput zwischen Vater und Tochter gelauscht. Er wünschte, er wäre nicht Zeuge der Auseinandersetzung geworden.

»Verzeiht, Graf, der Vorfall ist mir peinlich«, versicherte er. »Ihr könnt voraussetzen, dass ich alles eben Gehörte bereits wieder vergessen habe.«

»Ich danke Euch. Ihr seid ein Edelmann.«

»Wo ist der junge Mann?«, erklang eine Stimme aus dem Hintergrund.

»Sieh an, die Helden sind wieder zu sich gekommen«, stellte Falk gelassen fest.

Die drei Würfelspieler hatten sich aufgerappelt. Sie machten keinen besonders freundlichen Eindruck. Einer verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse, ein anderer drohte mit der geballten Faust.

»Er ist fort, doch der blonde Jüngling, der ihn unterstützt hat, ist noch da. Auf ihn, Männer!«

Der Ritter wich keinen Schritt zurück. »Habt ihr noch nicht genug?«

»Haltet ein!« Der Graf trat dazwischen. »Was schuldet Euch der junge Mann, mit dem Ihr gewürfelt habt?«

»Wieso?« Die Männer zögerten. »Fünfzehn Goldstücke. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch ich verstehe Eure Neugier nicht. Was habt Ihr damit zu tun?«

»Ich übernehme die Begleichung seiner Schulden.« Der Graf zog einen Lederbeutel aus seinem Wams und entnahm die geforderte Summe. »Hier, nehmt.«

Die Würfelbrüder sahen sich ungläubig an. »Also schön. Doch was ist mit dem Schmerzensgeld?«

»Unverschämter Kerl!«, schritt Falk ein. »Zahlt den Burschen keinen Heller, Graf, bevor ich mir die Würfel nicht genauer angesehen habe.«

»Lasst die Würfel«, hielt Graf von Eschenburg den Ritter zurück. »Mir liegt nichts an weiterem Streit. Ich möchte diese leidige Geschichte aus der Welt schaffen. Hier sind zwanzig Goldstücke, Männer. Genügt das?«

»Ja.« Der Wortführer der Würfelbrüder nahm das Geld entgegen. »Vielen Dank.«

»Gut, und nun verschwindet.« Der Graf wandte sich an den Helfer seiner Tochter. »Mit Euch möchte ich noch sprechen, wenn Ihr gestattet.«

Falk hatte nichts dagegen. Durch die Vorkommnisse war er ohnehin hellwach. Sie ließen sich von dem Gastwirt zwei Becher Wein bringen und zogen sich an einen Tisch in der Ecke der Schankstube zurück.

 

*

»Das ändert alles, Ritter Falk«, sagte Graf von Eschenbach, nachdem Falk sich vorgestellt hatte. »Fast hätte ich Euch eine Belohnung für Eure Hilfe angeboten. Ein schöner Missgriff. Verzeiht mir!«

Falk nahm seinem Gegenüber das Missverständnis nicht übel. »Sprechen wir nicht mehr über den Zwischenfall. Was ich tat, war eine Selbstverständlichkeit. Doch wenn Ihr erlaubt, hört auf meinen Rat. Seid nicht zu streng mit Eurer Tochter. In Wahrheit war sie es, die Euch vor den Wölfen gerettet hat.«

»Das habt Ihr am Abend schon einmal angedeutet. Ich habe es wohl nicht richtig begriffen. Ich war einfach zu benommen. Es fiel mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Schildert mir bitte, was genau geschehen ist, nachdem ich mir den Kopf anschlug.«

»Der Sturz des Wagens schleuderte Euch und Eure Tochter mitten unter die Wölfe«, berichtete Falk. »Fräulein Ursula nahm geistesgegenwärtig Euer Schwert an sich und hielt die Wölfe so lange zurück, bis Bingo und ich heran waren. Ohne Ursulas beherztes Eingreifen wäre es schlechter für Euch ausgegangen. Ihr seht, Eure Erziehung hatte durchaus etwas Gutes.«

Schwermütig strich sich der Graf die schulterlangen Haare nach hinten. »Ich weiß nicht, wie es kommt, aber Ihr flößt mir Vertrauen ein. Ich kenne mich selbst nicht mehr, dass ich meine persönlichen Sorgen mit Euch bespreche, wo wir uns doch erst vor wenigen Stunden kennengelernt haben. Ihr müsst wissen, dass Ursula nicht nur so wild ist, wie Ihr sie erlebt habt. Etwas anderes ist viel schlimmer. Sie ist böse. Sie hasst mich geradezu.«

»Auf keinen Fall«, widersprach Falk. »Hätte sie Euch dann unter Einsatz ihres eigenen Lebens beschützt, obwohl es für eine junge Frau aussichtslos erschien?«

Der Graf nickte nachdenklich. »In der Tat, das ist ein Widerspruch. Doch Ihr kennt die Beweggründe für mein Misstrauen nicht.«

»Wenn Ihr mögt, nennt Sie mir«, bot der Ritter an. »Bei mir sind Eure Worte sicher.«

»Nun denn«, willigte der Adlige ein. »Seit einiger Zeit wird die Bevölkerung meiner Grafschaft von einer Räuberbande terrorisiert. Ihr Anführer verbirgt sein Gesicht unter einer Maske, einem Wolfskopf. Er nennt sich selbst der ›große Wolf‹. Niemand kennt sein wahres Aussehen. Alle Versuche, die Wolfsbande unschädlich zu machen, scheiterten.«

»Eine üble Geschichte«, gab Falk zu. »Ich begreife jedoch nicht, was sie mit Eurer Tochter zu tun hat.«

»Ich befürchte, dass sie der geheimnisvolle Anführer der Bande ist.«

»Was? Ihr haltet Eure Tochter für den großen Wolf? Wie kommt Ihr darauf?«

»Bisher war es nur eine Vermutung«, fuhr der Graf fort. »Doch sie genügte, um wie ein furchtbarer Alpdruck auf meiner Seele zu lasten. Das war schon schlimm genug, doch seit vorgestern ist alles noch schlimmer geworden. Ich erhielt eine Depesche aus meinem Schloss. Seit Ursulas Abwesenheit hat die Bande nicht mehr zugeschlagen.«

Falk hielt diese Argumentation für wenig beweiskräftig. »Ihr solltet mehr Vertrauen zu Eurem eigenen Kind haben.«

»Das ist leicht gesagt, doch leider spricht alles gegen Ursula.«

»Ich bin anderer Meinung«, erklärte Falk. »Ich glaube nicht an die Schuld Eurer Tochter, wenngleich sie mir, wie ich gestehen muss, recht sonderbar vorkommt. Doch das ist für mich noch lange kein Grund, jemanden eines Verbrechens zu beschuldigen. Nun jedoch entschuldigt mich, Graf. Mein Freund und ich haben morgen eine lange Reise vor uns.«

»Darf ich fragen, wohin Ihr reist?«

»Über das Gebirge.« Falk erhob sich vom Tisch. »Bingo und ich wollen in den Süden reiten. Wir müssen uns sputen, bevor der Pass unpassierbar wird.«

»Es ist bereits zu spät.«

»Was meint Ihr?«

»Dass wir vor drei Tagen über den Pass zurückgekehrt sind.« Auch der Graf stand auf. »Viel hätte nicht gefehlt und wir wären in einem Schneesturm umgekommen. Die Schneefälle begannen dieses Jahr ungewöhnlich früh. Es wäre reiner Selbstmord, jetzt noch einen Versuch zu unternehmen, über den Pass zu gelangen.«

»Im Gegensatz zu Euch sind wir ohne Wagen. Allein mit den Pferden schaffen wir es«, zeigte sich Falk zuversichtlich.

»Das bezweifle ich. Glaubt mir, es ist zu spät, selbst wenn Ihr Euch durch den Schnee schlagt.« Der Graf streckte einen Arm aus und deutete nach draußen. »Hört ihr das Wolfsgeheul?«

»Ich glaube nicht, dass sie uns am helllichten Tag angreifen.«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig. Sie sind über uns hergefallen, obwohl wir eine bewaffnete Eskorte dabeihatten. Die Wölfe scheinen schon jetzt so ausgehungert zu sein, dass sie kein Risiko scheuen. Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals schon so früh im Jahr in die Niederungen herunterkamen.«

Die Worte des Grafen klangen überzeugend. Es war fürwahr unverantwortlich, sich auf ein solches Wagnis einzulassen. Falks Entschlossenheit, die Reise fortzusetzen, bröckelte.

»Verschiebt Eure Reise bis zum Frühjahr. Ihr seid herzlich willkommen auf meinem Schloss«, offerierte der Graf. »Begleitet mich und seid meine Gäste, bis der Pass wieder frei ist und Ihr ungefährdet über die Berge gelangen könnt.«

»Vielen Dank für das Angebot, doch die Entscheidung kann ich nicht allein treffen. Ich spreche mit Bingo darüber und gebe Euch morgen früh Antwort.«

Die neuen Bekannten wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht und zogen sich in ihre Kammern zurück.

 

*

Am nächsten Morgen herrschte auf dem kleinen Hof vor dem Gasthaus schon früh reger Betrieb. Es war kühl, doch es regnete nicht mehr. Die Mägde sammelten die Eier der Hühner auf und mehrere Reisende, die die Nacht unter dem Dach des Gastwirts verbracht hatten, bereiteten sich auf den Aufbruch vor. Die Eskorte des Grafen war mit der Reparatur des Wagens beschäftigt.

»Wie lange wird es dauern, bis wir unseren Weg fortsetzen können?«, erkundigte sich Graf Engelbrecht von Eschenburg.

»Wir tun, was wir können, Herr«, antwortete Georg. »Zwei Tage brauchen wir bestimmt.«

»Nun gut.« Der Graf gesellte sich zu dem Wirt. »Meine Tochter nimmt das Frühstück in ihrer Kammer ein. Sorgt dafür.«

»Ich schicke gleich eine Magd nach oben, Herr Graf.«

Der Adlige zog einen Beutel mit Münzen aus der Tasche. »Nehmt dies, damit Ihr vergesst, was vergangene Nacht geschehen ist.«

»Vielen Dank, Herr, doch das ist nicht nötig.«

»Ich bestehe darauf.« Der Graf steckte dem Wirt den Beutel zu. »Sind Falk und Bingo eigentlich noch nicht aus ihrer Kammer gekommen?«

»Ihr meint den jungen Ritter und seinen dicken Begleiter?«

»Genau.«

»Sie sind schon kurz nach Sonnenaufgang fortgeritten.«

»Wie bitte? Seid Ihr sicher?«

Der Gastwirt nickte. »Sie haben Mäntel, Decken, Packpferde und verschiedene Kleinigkeiten gekauft und sich dann auf den Weg gemacht.«

Graf Eschenburg bedauerte die Entscheidung des Ritters und seines Freundes. Er hatte erwartet, die beiden würden seine Einladung annehmen. Er hoffte, dass ihnen oben in den Bergen kein Unbill zustieß.

 

 

ZWEI

 

Der Wald lag hinter den Gefährten. Sie ritten entlang eines Flusses das Tal hinauf. Die Morgenluft war kühl und trocken. Zumindest fürs Erste sah es nicht nach weiteren Regenfällen aus. Allerdings wusste Bingo zu berichten, dass in den Bergen das Wetter von einer Minute auf die nächste umschlagen konnte.

»Was hältst du von den Vorgängen letzte Nacht?«, fragte Falk. Er hatte dem Gaukler erzählt, was sich unten im Schankraum zugetragen hatte.

»Ich bin froh, dass du die Einladung des Grafen nicht angenommen hast. Meiner Meinung nach ist er nicht ganz richtig im Oberstübchen, genau wie seine Tochter.«

Falk lachte. »Das ist etwas übertrieben. Sicher, er hat sich einen Sohn gewünscht und das merkwürdige Verhalten von Fräulein Ursula ist das Ergebnis falscher Erziehung. Der Graf weiß das selbst, will es aber nicht zugeben. Trotzdem würde ich die beiden nicht für verrückt erklären.«

»Und dass er seine Tochter für die Anführerin einer Räuberbande hält?«, gab Bingo zu bedenken. »Das ist doch nicht normal für einen Vater.«