Familie im Gepäck - Rosa Rechtsteiner - E-Book

Familie im Gepäck E-Book

Rosa Rechtsteiner

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Beschreibung

Unsere Herkunftsfamilie prägt uns viel mehr, als uns bewusst ist. Übernommene Muster, Werte und Leitsätze, die oft über Generationen auf uns einwirken, begründen nicht nur unsere Stärken und Lösungsideen, sondern ebenso unsere Schwächen und Blockaden. Diese sind dann spürbar, wenn wir uns selbst im Weg stehen oder Entwicklungsmöglichkeiten nicht wahrnehmen. Wenn wir etwa ein attraktives Jobangebot aus fadenscheinigen Gründen ablehnen oder die große Liebe durch kleinliche Streitereien ruinieren. Rosa Rechtsteiner vermittelt uns in diesem Buch, wie wir die Regeln in der eigenen Familie bewusst aufspüren und dadurch kraftvolle Veränderungsprozesse anstoßen können. Mithilfe von vielen Beispielen und graphischen Darstellungen zeigt sie anschaulich, wie man einengende Familienmuster hinter sich lassen und endlich aufbrechen kann in das eigene Leben.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Buch lesen

Cover

Haupttitel

Inhalt

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

HAUPTTITEL

Rosa Rechtsteiner

Familie im Gepäck

Patmos Verlag

Inhalt

EINLEITUNG: Hallo Familienbande – warum es sich lohnt, zu gucken, wo wir herkommen

TEIL EINS: Einflüsse und Prägungen der Familie und Sippe verstehen

1. Kapitel: Die Gleichmacher – warum wir an unsere Sippe fester gebunden sind, als wir es für möglich halten

Was verbirgt sich hinter der Konzentrationsschwäche?

Familienregeln: Was ist das überhaupt?

Mit der Logik von Steinzeitmenschen

Was passiert, wenn wir es doch ganz anders machen als die anderen

Moment mal: Heißt das, wir haben unser Leben nicht in der Hand?

2. Kapitel: Das Unbewusste ist Chef oder: Warum wir so häufig nicht handeln, wie wir uns das wünschen und vorgenommen haben

Eine neue Sicht auf das Unbewusste

Der Geburtstag meiner Mutter und ich

In den Fußstapfen unserer Ahnen

Herzenswünsche, die nicht in Erfüllung gehen

3. Kapitel: Von Kästen und Kreisen – von der Arbeit mit Genogrammen

Möglichkeiten und Grenzen des Genogramms

Wiederkehrende Muster im Genogramm – eine Frage der Sichtweise

Noch ein paar Worte zu meiner eigenen Arbeitsweise

TEIL ZWEI: Belastungen und Blockaden überwinden

1. Kapitel: Und wie ist es bei Ihnen?

2. Kapitel: Beruf und Karrieren – warum unsere Familie mit am Konferenztisch und im Vorstellungsgespräch sitzt

FALL I: Bin ich ein guter Chef?

FALL II: Meine Familie ist gebildet und wohlhabend – aber ich habe beruflich keinen Erfolg

FALL III: Erfolgreiche Frauen – und erfolglose Männer

FALL IV: Haken, Fließbänder, Marktstände – oder warum Details in Berufsfragen wichtig sind

FALL V: Wir sind Juristen. Und wir sind Bäcker.

3. Kapitel: Liebe und Beziehungen oder warum unsere Ahnen bisweilen mit im Ehebett liegen

FALL I: Beziehungsfaktor Stallgeruch oder »Ich liebe dich – aber du gehörst nicht zu uns«

EXKURS: Der berühmte Streit um die Zahnpastatube

FALL II: Alleinerziehende Mütter: Keiner mehr da

FALL III: Fremdgehen und Lügen setzen sich über Generationen fort

FALL IV: Patchworkfamilien oder warum es dort trotz aller Bemühungen oft lange Zeit knirscht

EXKURS: Trennungen, Tod von Eltern und Schuldgefühle

EXKURS: Der Halbbruder kommt

FALL V: Familienmitglieder aus verschiedenen Nationen

4. Kapitel: Der Krieg steckt uns noch in den Knochen – oder wie Schuld und Traumata aus früheren Generationen unser Leben beeinflussen

Die ängstlichen Deutschen

FALL I: Die Schuld des Großvaters wiedergutmachen

FALL II: Warum sind wir mit unserer Firma plötzlich so erfolglos?

5. Kapitel: Immer etwas Besonderes – warum Kinder im Familiensystem eher Symptomträger sind

FALL I: Warum bin ich so gewalttätig wie mein Großvater?

Exkurs: Gibt es Familienprobleme, die über Generationen weitergegeben werden?

FALL II: Wie eine Adoption oft das ganze Leben verändert

6. Kapitel: Ausblick oder: Und wie geht es jetzt weiter?

LITERATUR UND INFORMATIONEN

Allgemeine Bücher über das Thema Familie, transgenerationale Weitergabe, Genogramme

Persönliche Entwicklung in Beruf und Liebe – in Bezug auf die eigene Familie

Krieg und die Folgen des Krieges

Adressen und Informationen zu meinen Beratungen und Ausbildungen

HAMBURG:

BERLIN:

MÜNCHEN:

MENDEN, NÄHE DORTMUND:

Anmerkungen

Buch lesen

EINLEITUNG: Hallo Familienbande – warum es sich lohnt, zu gucken, wo wir herkommen

In diesem Buch geht es einerseits um Familien. Um den Teil der Familie, mit dem wir es unmittelbar zu tun haben, also unsere ­Eltern, Großeltern und Geschwister. Und um den Teil der Familie, den wir kaum kennen und oft gar nicht im Blick haben, also unsere Vorfahren und Ahnen, die uns unbewusst ebenfalls mit prägen.

Auf der anderen Seite geht es in diesem Buch um Sie selbst. Um die Momente, in denen Sie das Gefühl haben, dass Sie sich selber blockieren und sabotieren oder sich schlicht nicht so verhalten, wie es eigentlich gut wäre für Ihr persönliches Glück, für Erfolg im Job oder eine gelingende Beziehung. Momente, in denen man sich selbst im Weg steht, kennt so gut wie jeder Mensch. Die allermeisten wissen sofort intuitiv, was gemeint ist, wenn ein Schlagwort wie Selbstsabotage fällt, und verbinden damit bestimmte Situationen. Etwa dieses eine gut bezahlte und interessante Jobangebot vor ein paar Jahren, das man aus fadenscheinigen und im Nachhinein nicht nachvollziehbaren Gründen abgelehnt hat. Oder diese eine große Liebe, die man durch ständige, unnötige und kleinliche Streitereien ruiniert hat. Oder man denkt an eigene Herzenswünsche, die man aus einem unerfindlichen Grund nicht verfolgt und stattdessen ein Leben führt, dass sich zwar irgendwie okay, aber auch ein wenig fremdbestimmt anfühlt.

In meiner Praxis habe ich immer wieder festgestellt, dass viele Themen rund um Selbstsabotage und innere Blockaden sich letztlich auf eine Wurzel zurückführen lassen: Sie hängen unmittelbar mit den Kräften und Dynamiken zusammen, die aus unseren Familien über mehrere Generationen auf uns einwirken. Denn oft halten wir uns unbewusst an das, was unsere Eltern, Großeltern und Ahnen uns vorgelebt haben, was sie uns quasi an Werten, Ideen und Verhaltensregeln über die Generationen hinweg weitervererbt haben.

Durch die weite Verbreitung und die Akzeptanz der systemischen Therapieansätze und zum Teil auch der Familienaufstellung gehört es mittlerweile zum Allgemeinwissen, dass unsere unmittelbaren Familienkonstellationen – etwa das Verhältnis unserer Eltern zueinander oder deren Beziehung wiederum zu ihren Eltern – auch Auswirkungen auf unser Leben haben und Teile unserer Schwierigkeiten und Lösungsideen, unserer Stärken und Schwächen mit begründen.

Der Ansatz, den ich verfolge und den auch einige andere Kollegen aus der systemischen Therapie und Beratung und aus der Psychoanalyse auf ähnliche Weise vertreten, geht aber noch einen Schritt weiter: Auch die Ahnen, also Familienmitglieder aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert prägen unser Leben und unsere Lebensentscheidungen, unsere Gefühle und unsere Vorlieben und Abneigungen mit. Letztlich wirken zum Teil sogar die Erfahrungen und Regeln unserer gesamten Sippe, also der großen Gruppe von Menschen, mit denen wir durch die Jahrhunderte hinweg verwandt sind, noch immer auf uns ein und prägen unser Leben.

Im meiner über 20-jährigen praktischen Erfahrung mit Fami­lienstrukturen und in der Arbeit mit Genogrammen – also den grafischen Darstellungen von Ahnenreihen und Familienkonstellationen – ist mir immer wieder aufgefallen, dass das bewusste Aufspüren der Regeln in der eigenen Sippe sehr kraftvolle Veränderungsprozesse anstoßen kann, Blockaden löst und oft ein ganz neues Licht auf die Frage wirft, warum wir an manchen Punkten im Leben immer wieder die gleichen scheinbar unsinnigen Entscheidungen treffen, die gleichen Fehler machen, die gleichen Blockaden, Schwierigkeiten oder belastenden Konstellationen erleben. Bei sehr vielen meiner Klienten habe ich gesehen, wie sie durch die Arbeit am eigenen Genogramm bestimmte Selbstsabotagemechanismen loslassen und bisher immer wiederholte Verhaltensmuster hinter sich lassen konnten.

Anders als die meisten systemischen Schulen geht es in meinem Ansatz daher auch zentral um folgende These: In unserem Leben treibt uns unbewusst der Wunsch, zu unserer eigenen Familie und auch zu unserer weiteren Sippe dazuzugehören. Dieser Wunsch nach Nähe und Zugehörigkeit beeinflusst uns so stark, dass wir dafür zum Teil in lebenslangen Ambivalenzen leben, uns viel häufiger, als wir vermuten, gegen unsere persönliche Überzeugung, aber für die Norm der Sippe entscheiden oder uns in unserem gesamten Lebensweg unbewusst von der Frage leiten lassen, ob er letztlich zu den Zielen, Normen und Werten unserer Ahnen passt.

Dass Arztkinder selbst wieder Ärzte werden, obwohl sie vielleicht auch noch andere Berufswünsche hätten, ist da eher ein plakatives Beispiel. Ein anderes Muster findet man häufig bei Akademikerinnen, die als erste und einzige Frauen ihrer gesamten Familie studieren oder beruflich erfolgreich sind. Sie leiden oft unter großen Un­sicherheiten, glauben, dass sie ihren Erfolg nicht verdient haben, bleiben oft lebenslang trotz bester Leistungen scheu und defensiv und können das, was sie sich im Leben erarbeitet haben, auch nicht genießen. Dieses sogenannte Hochstapler-Syndrom wurde in mehreren Studien untersucht und seine Existenz wurde besonders bei erfolgreichen Frauen aus Nicht-Akademikerfamilien bestätigt.1 Auch in meiner Arbeit mit Familiendynamiken begegnet mir diese ­Konstellation immer wieder: Frauen, die als Einzige in der Familie studieren, sind durch die »einsame Spitze« verunsichert, fühlen sich häufig gebremst und entscheiden sich dann irgendwann scheinbar aus einem reinen »Bauchgefühl« gegen einen noch weiteren Karriere­schritt. Bei manchen mag echte Intuition dahinterstecken. Bei einigen ist der unbewusste Druck, sich zu weit von der eigenen Familie zu entfernen, einfach zu massiv geworden. Und zwar auch dann, wenn sie von ihren Eltern und ihrer Familie im Alltag wohlwollend bestärkt werden. Oft wirkt eine rein irrationale Angst, aus der eigenen Sippe zu fallen, wenn man anders ist als die anderen.

Diese Sichtweise ist für viele Menschen spannend und schlüssig, für andere erst einmal gewöhnungsbedürftig und ein wenig unlogisch. Im Laufe des Buches erkläre ich deshalb zunächst grundsätzlich, welche Mechanismen in der Sippe meiner Auffassung nach wirken, und lege außerdem dar, welche Dynamiken und Muster mir in der Arbeit mit Genogrammen immer wieder begegnet sind. Ich werde mit zahlreichen Beispielen aus meiner Praxis arbeiten, aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse hinzuziehen und so ergänzende und erweiternde Schlaglichter auf andere, verwandte Disziplinen und Denkschulen werfen. In einem ersten Teil werde ich in drei kurzen Kapiteln einen Überblick über die grundlegenden Annahmen meines Ansatzes zu Sippen, Familien und den dort wirkenden Prinzipien geben.

Dabei geht es im ersten Kapitel ganz grundlegend um die Wirkung von Sippenstrukturen auf einzelne Person und um einen der beherrschenden Schlüsselsätze in allen Sippen, nämlich: »Bist du ­anders, bist du tot.«

Im Kapitel zwei dreht sich dann alles um die Frage, warum wir in unserem Handeln oft nicht klar und rational sind, sondern uns von unbewussten Impulsen leiten lassen. So sehr, dass wir zum Teil beinahe wie fremdgesteuert handeln, etwa, wenn wir eine gute berufliche Chance oder Kontaktangebote von Menschen, die wir eigentlich anziehend finden, nicht wahrnehmen. In diesem Kapitel wird es auch darum gehen, wie man dieses unbewusste Handeln verändern kann.

Im Kapitel drei stelle ich zunächst ein paar Grundsätze aus der Genogrammarbeit vor und beleuchte, woher das Arbeiten mit dem Genogramm kommt und wie es heute genutzt wird. Ich zeige auch, wie man selbst solche Familienstammbäume aufzeichnen kann und sich so auch als Laie zumindest einen ersten Eindruck über die eigene Familie und die dort wirkenden Dynamiken verschaffen kann. In einem Extrakasten stelle ich auch meine konkrete Arbeitsweise dar und skizziere den Ablauf einer typischen Beratungssitzung.

Auf diesen kurzen, eher theoretischen Teil folgt ein Teil mit Fallbeispielen (Teil zwei: Belastungen und Blockaden überwinden). Ich umreiße dort verschiedenste Lebenssituationen und beleuchte, welche Genogramm-Konstellationen sich dahinter typischerweise verbergen können. Es geht etwa um die Bedeutung der Herkunft für den eigenen Berufsweg und für die Qualität der eigenen Bezie­hungen, den Einfluss des Genogramms auf die Befindlichkeit von Kindern. Weiter werde ich anhand von Beispielen zeigen, wie sich Adoptionen und Patchwork-Konstellationen auf Einzelne und auf das Familiensystem auswirken können, warum sich bestimmte ­Marotten und ernste Probleme wie eine Neigung zur Sucht oder zur Gewalttätigkeit anscheinend in manchen Familien immer weiter »vererben«. Es wird hier auch ein Unterkapitel zu dem Thema geben, wie die Erlebnisse unserer Eltern, Großeltern und Urgroß­eltern ­während der Weltkriege unser Leben, Denken und Fühlen bis heute beeinflussen.

Dieser ausführliche Praxisteil ist das Herzstück des Buchs und dient natürlich auch dazu, dass Sie selbst ein Gefühl dafür bekommen können, wie Ihr Genogramm und Ihre Lebenssituation miteinander zusammenhängen könnten. Dabei hilft das Verstehen und Erkennen von solchen tiefen Mustern häufig schon, die damit verbundenen Blockaden und Mechanismen zu schwächen und den Grundstein für die Entwicklung von neuen Verhaltensweisen zu legen.

In einem abschließenden Ausblick beschreibe ich, welche Möglichkeiten es gibt, sich aus den festen Sippenmustern zu verabschieden. Und wie man ein selbstbestimmtes Leben führen kann – obwohl man sich der Tatsache bewusst ist, dass unsere Familien uns manchmal stärker prägen, beeinflussen und belasten, als uns das lieb ist.

Eins ist mir dabei ganz wichtig: Ich möchte, dass Sie aus dem Buch mehr Freiheit für sich selbst, mehr Unabhängigkeit von alten Mustern gewinnen, besser verstehen, welche Automatismen und Einflussfaktoren aus der eigenen Sippe Ihr Leben bisher mit geprägt haben. Dass man sich zwischendurch von den zum Teil plötzlich übermächtig wirkenden Familienkonstellationen ungut vereinnahmt fühlt, ist nur eine Phase des Prozesses und geht im Laufe des Erkenntnisprozesses vorüber. Wer in das Thema eintaucht, mit den Dynamiken im Familiensystem und in der Sippe arbeitet, fühlt sich irgendwann nicht nur freier – sondern oft auch entspannter und energievoller. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen des Buches und bei den Erkenntnissen, die Sie gewinnen werden.

Mit einem herzlichen Gruß

Ihre Rosa Rechtsteiner

TEIL EINS: Einflüsse und Prägungen der Familie und Sippe verstehen

1. Kapitel: Die Gleichmacher – warum wir an unsere Sippe fester gebunden sind, als wir es für möglich halten

Lukas ist vor Kurzem zehn Jahre alt geworden. Ein großäugiger, aufgeweckter Junge mit braunen, verstrubbelten Haaren und Sommersprossen. Vor ein paar Monaten ist er in die vierte Klasse gekommen. Bisher war er ein guter Schüler, einer der stärksten in der Klasse: Aufgeweckt, vielleicht etwas hibbelig, versteht er meist schnell, was im Unterricht gefragt ist, egal ob in Mathe, Deutsch oder Sachkunde. Beim Elterngespräch zum Ende der dritten Klasse, als es um die Wahl der weiterführenden Schule geht, spricht Lukas’ Lehrerin den Eltern gegenüber jedenfalls eine ganz klare Gymnasialempfehlung aus. Lukas und seine Eltern freuen sich über diese positive Rückmeldung sehr. Doch ein paar Wochen nach diesem Gespräch verändert sich Lukas’ Verhalten in der Schule plötzlich, seine Leistungen fangen an, sich zu verschlechtern: Rechnen, bisher immer sein Lieblingsfach, kommt ihm plötzlich zu schwer vor, er kann sich nicht mehr konzentrieren, kapiert nach eigenen Angaben »auf einmal gar nichts mehr«. In Deutsch macht er lauter Flüchtigkeitsfehler und auch im Sachunterricht beteiligt er sich kaum noch. Seiner Mutter gegenüber sagt Lukas, er wisse auch nicht, was los sei, er habe irgendwie so einen Nebel im Kopf. Die Mutter ist ratlos. Erst denkt sie, ihr sonst so gut orientierter Sohn wird vielleicht einfach krank, bekommt eine dicke Erkältung oder sonst einen Virus. Dann überlegt sie sich, ob die Konzentrationsstörungen vielleicht eine Art vorpubertärer Schub sein könnten, von dem haben ihr schon einige andere Mütter aus dem Umfeld berichtet. Insgeheim fürchtet Lukas’ Mutter aber sogar, dass es vielleicht doch eine Störung wie ADHS sein könnte, denn ein solches Aufmerksamkeitsdefizit wurde zumindest bei zwei Kindern im weiteren Familienkreis eindeutig diagnostiziert. Außerdem macht sich die Mutter Sorgen, ob Lukas mit diesem neuen, merkwürdigen Verhalten den Anforderungen eines Gymnasiums gewachsen sein wird, und überlegt bereits, ob sie ihren Sohn vielleicht doch erst mal an der Realschule anmelden soll.

Was verbirgt sich hinter der Konzentrationsschwäche?

In dieser Situation kommen Lukas und seine Mutter zu mir in die Beratung, mit dem dringlichen Wunsch, dass ich mit Lukas an seinen Konzentrationsstörungen arbeite. Seit Beginn meiner Praxis­tätigkeit kommen immer wieder Schüler mit Konzentrations- oder Schulproblemen in die Praxis, mit denen ich in der Regel mit Gesprächen und Kinesiologie arbeite, zum Teil auch Genogramme und systemische Fragen in die Arbeit einbeziehe. Als Lukas und seine Mutter bei mir durch die Tür kamen, hatte ich also schon sehr viele verschiedene Schülerlebensgeschichten gesehen und gehört und ­entwickelte sofort das Gefühl, dass die Lernblockade mit der Familienkonstellation zusammenhängen könnte. Deshalb erstellte ich in der ersten Sitzung mit Hilfe der Mutter ein Genogramm, zeichnete also auf, in welchen Familienstrukturen Lukas mit seinen Eltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten und Großeltern steht. Besonders interessierte mich, wer in der Sippe welchen Beruf ausübt und welche Schulabschlüsse die einzelnen Familienmitglieder in den letzten Generationen gemacht haben. Tatsächlich wurde in der Arbeit schnell deutlich, dass Lukas das erste Kind in seiner ganzen ­Familie sein würde, das ein Gymnasium besuchen, möglicherweise in der Zukunft sogar Akademiker werden könnte. Die Großeltern mütterlicherseits hatten im Bayerischen Wald eine kleine Gaststätte gehabt, die Mutter hat mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss geschafft und eine Friseurlehre gemacht, Lukas’ Vater hat gar keinen Schulabschluss und arbeitet als Hilfsarbeiter auf dem Bau, dessen Eltern waren ebenfalls ungelernte Arbeiter gewesen. Auch von den Urgroßeltern ist keine besondere Schulbildung bekannt, sie waren Waldarbeiter gewesen. Und auch unter seinen älteren Cousinen und Cousins ist kein einziges Familienmitglied auf dem Weg zu einem höheren Schulabschluss. Diese hatten von Beginn der Grundschulzeit an eher Probleme mit Aufmerksamkeit, Konzentration und Schulnoten und haben immer mal wieder erhöhten Förderbedarf in einzelnen Fächern.

Im Laufe der Beratungsstunde erarbeiten wir, dass diese Fami­lienkonstellation für Lukas großen Stress verursacht: Als erste und einzige Person im System, die nach höherer Bildung strebt, steht er automatisch außen vor und ist isoliert von den anderen. Dieser vollkommen unbewusste Druck kann manchmal derart stark sein, dass ein Kind tatsächlich plötzlich anfängt, in der Schule schlechter zu werden. So war es jedenfalls bei Lukas. Sein Beweggrund bei diesem scheinbar selbstschädigenden Verhalten: Er tut in diesem Moment einfach alles, um nicht aus dem System seiner Familie und deren Lern- und Berufsgeschichte auszubrechen. Er will sich also eigentlich etwas Gutes tun, nämlich dazugehören, blockiert damit aber sich selbst und seine eigene Entwicklung. Ich stellte Mutter und Sohn gegenüber also zunächst mal die Vermutung an, dass Lukas durch diese Dynamik aus der Sippe plötzlich unbewusst in der Schule absackte. Die beiden näherten sich dieser Idee im Laufe der Sitzung immer mehr an und konnten schließlich viel damit anfangen. Um den Ausgang der Arbeit vorwegzunehmen: In den gemeinsamen zwei Sitzungen haben wir beinahe ausschließlich an dem Thema der Familienkonstellation und ihrer Wirkung auf Lukas gearbeitet und so sehr effektiv alte Verbote und Blockaden beseitigt, die vorher komplett im Dunkeln lagen. Auf Lukas wirkten Verbote und Ideen ein wie: »Wenn du das Abitur machst, gehörst du nicht zu uns«, oder: »Wenn du gut in der Schule bist und später beruflich erfolgreich bist, brichst du unsere Familientradition.«

Die Konzentrationsstörungen verschwanden komplett und er geht heute auf ein örtliches Gymnasium in die siebte Klasse, wo er zwar kein Überfliegerschüler ist, aber ganz gut mitkommt und auf jeden Fall an einem für ihn passenden Platz sitzt. Es ist zu erwarten, dass er an der Schule auch irgendwann sein Abitur machen wird.

Familienregeln: Was ist das überhaupt?

Das Beispiel von Lukas zeigt deutlich, dass es sich lohnt, sich gewisse Regeln, Verbote und Gesetze, die in Familien herrschen, genauer anzuschauen, da sie stark sind und uns oft sehr binden. Denn erst wenn uns solche Verstrickungen mit familiären Regeln bewusst werden, lässt das mehr persönliche Entwicklung und Wachstum zu. Die bekannte französische Psychotherapeutin Anne Ancelin Schützenberger ist etwa der Meinung, dass wir nur dann eine Veränderung im Leben erwirken können, wenn wir unsere Familienverstrickungen betrachten. Sie sagt: »Es ist besser, seine Geschichte zu kennen, als diese passiv zu erleiden.«2

Um besser zu verstehen, welch große Bedeutung solche ungeschriebenen Gesetze unter der Vielzahl der möglichen Verstrickungen in Familien haben, lohnt es sich, sie noch genauer zu betrachten. Es geht hier ja um Regeln, die in Familien nicht bewusst aufgestellt werden und die immer wieder verbal oder nonverbal vermittelt werden – und das letztlich über mehrere Generationen. Sogenannte transgenerational weitergegebene Sippensätze und Sippengesetze sind stark und in sie fließt das Wissen und die Erfahrungen unserer Eltern, Großeltern und Urahnen mit ein. Dabei sind die Gesetze zwar innerhalb einer Sippe meist stark und eindeutig, im Vergleich zwischen verschiedenen Familien können sie dagegen sehr, sehr unterschiedlich sein. In einem Adelsgeschlecht kann die Regel sein: »Wenn du einen Ausbildungsberuf ergreifst, bei dem du körperlich und mit den Händen arbeitest, bist du keiner von uns.« Dagegen lautet vielleicht in einer Familie von Handwerkern der Grundsatz: »Verlier bloß nie die Bodenhaftung im Job und arbeite möglichst ehrlich und mit den Händen.« Bezogen auf Beziehungen kann in einer Familie voller glücklicher Paare der Auftrag lauten: »Finde selbst auch eine glückliche Beziehung und erhalte sie, sonst gehörst du nicht hierher.« Und in einem Clan mit vielen unglücklichen, untreuen Elternpaaren kann – je nach der Position, die man selbst in der Familie einnimmt – die Regel auch lauten: »Um hier dazuzugehören, musst du eine schlechte und unfaire Beziehung führen.«

Das klingt ausgesprochen paradox, denn man könnte ja auch denken, dass in einer Familie nur Regeln weitergegeben werden, die zu Glück, Freude und Reichtum führen. Dennoch ticken Menschen so, dass sie vor allem die Regeln wiederholen, die im eigenen System bisher dominant sind. Sie folgen damit einer stammesgeschichtlichen Logik. Denn es gibt bei all den unterschiedlichen und zum Teil auch vertrackten und verschachtelten Familienregeln eine Art Gesetz, eine Regel hinter der Regel, die letztlich bei allen Familien gleich ist. Sie lautet: »Sei wie wir alle, verhalte dich wie wir alle – sonst wirst du verstoßen, sonst geht es dir schlecht.« Es geht bei ­dieser übergeordneten Regel (die man ja auch in Volksweisheiten wie »Blut ist dicker als Wasser« oder »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm« wiederfindet) übrigens nicht darum, ob eine Familie wirklich so grausam handeln würde und jemanden, der anders ist, verstößt. Dass beispielsweise die Familie des kleinen Lukas den Jungen in irgendeiner Weise ablehnen oder ausschließen würde, wenn er plötzlich aufs Gymnasium geht, ist zwar möglich, aber doch unwahrscheinlich. Doch die instinktive Angst, den Anschluss an die eigene Gruppe zu verlieren, ist dennoch da, sie lässt Menschen un­bewusst oft all die Verhaltensweisen minimieren, mit denen sie möglicherweise ihre Position innerhalb der Familiengruppe verlieren könnten.

Mit der Logik von Steinzeitmenschen

Aber warum ist es für uns überhaupt so wichtig, dass wir immer nah bei anderen sind und zur eigenen Gruppe gehören? »Das Haupt­bedürfnis des Menschen ist es, nicht isoliert zu sein oder allein dazustehen. Man will dazugehören und eine Heimat haben«, schreibt der Sozialwissenschaftler Frank Keuper in einem Standardwerk über Gruppenmechanismen in der Wirtschaft.3 Diese Aussage lässt sich noch weiterdrehen: Wir sind Sippenwesen und deshalb instinktiv darauf gepolt, zur Gruppe dazuzugehören, dort Anerkennung und Schutz zu erfahren. Anthropologen wissen seit Jahrzehnten, dass Menschen extrem darauf angewiesen sind, mit anderen in Gemeinschaften zu leben, dass der Kontakt mit anderen nicht nur angenehm, sondern überlebenswichtig war und ist. Wer in einer Gruppe von Steinzeitmenschen lebte oder heute in einem Stamm im Dschungel oder in der Steppe, für den bedeutet das Zusammensein mit ­anderen Sicherheit und Leben. Das Alleinesein bedeutet dagegen Risiko, möglicherweise sogar Tod. Evolutionsbiologen und Anthropologen sind sich mittlerweile einig, dass auch heute noch unsere unbegründete Angst vor dem Alleinsein letztlich eine stammesgeschichtlich bedingte Angst vor dem Tod ist. Dazu passen Beobachtungsstudien, in denen gezeigt wurde, dass Stammesmitglieder, die aus ihrer Gruppe ausgestoßen werden und sich allein in der Wildnis durchschlagen müssen, oft eine Art Tod durch Isolation sterben.4 Das heißt, sie sterben nicht, weil sie ohne die Gruppe nicht genug Nahrung finden oder von wilden Tieren bedroht sind, sondern sie sterben schon nach kurzer Zeit, weil sie allein sind. Sie fügen sich also quasi in ihr Schicksal, dass sie ohne Gruppe nicht leben können. Auch wenn solche Beobachtungsstudien Einzelfälle schildern, ist die Möglichkeit eines Todes durch soziale Isolation auch für viele Menschen in Industrienationen zumindest fühlbar. Der Wunsch, zu den anderen zu gehören, ist also fest in uns verankert, gehört zu unserem festen Motiv- und Verhaltensrepertoire.

»Unser Bedürfnis nach Vernetzung ist zumindest teilweise genetisch bedingt«, sagt Nicholas Christakis, Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Yale.5 Der renommierte Forscher konnte in mehreren Studien belegen (er führte Versuchsreihen über mehrere Jahre zu dieser Fragestellung durch), dass Menschen nicht nur soziale Wesen sind, sondern sich auch bei der eigenen Ausrichtung von Werten, Moden und Verhaltensweisen streng an ihren Verwandten und zum Teil auch an ihren besten Freunden orientieren. Das geht so weit, dass Menschen, die sich verwandtschaftlich nahestehen, häufiger schlechte Gewohnheiten wie rauchen oder zu viel essen untereinander weitergeben.6 Auch positive Verhaltensweisen wie sport­liche Aktivitäten und ein gewisses Gesundheitsbewusstsein setzen sich innerhalb von engen Netzwerken und vor allem innerhalb von Familienbanden fort.

Bezogen auf unsere eigene Familie und ihre Gesetze kann aus solchen Studien aus der Anthropologie und den Sozialwissenschaften gefolgert werden, dass wir häufig immer noch unbewusst nach dem Grundsatz handeln, unbedingt zu den anderen dazugehören zu müssen und zu wollen. Wenn ich es bei Klienten auf den Punkt bringen will, dann spreche ich häufig davon, dass wir letztlich nach der aus der Steinzeit stammenden und instinktiven Devise »Bist du anders, bist du tot« handeln. Dieser Satz ist eine starke Leitlinie für das, was uns in unseren Sippen und Familien zusammenhält.

Dass die Angst vor dem Ausgestoßensein uns heute immer noch antreibt, unser Handeln und unsere Entscheidungen beeinflusst, ist zum Teil nur schwer vorstellbar. Evolutionsbiologische Forschungen sind in anderen Bereichen viel leichter nachvollziehbar, zum Beispiel wenn es um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen (Männer jagen und sammeln, Frauen versorgen die Familie) oder um instinktive Flucht- und Kampfreaktionen geht. Es ist bekannt, dass unser Körper in Stresssituationen, etwa im Job oder in der Beziehung, immer noch so reagiert, als würde er gerade einem Säbelzahntiger gegenüberstehen, nämlich mit der Bereitstellung von Energie zur Flucht oder zum Angriff. Die Auswirkungen, die das ebenfalls evolutionär vererbte Anschlussmotiv auf uns hat, werden dagegen oft nur unterschwellig spürbar. Wenn wir etwa auf einer Party mit niemandem ins Gespräch kommen und uns das über die Maßen aufwühlt und alarmiert. Oder wenn wir uns in der Familie an Weihnachten dem Gruppenkonsens beugen und »im großen Kreis« feiern, obwohl wir eigentlich ein Bedürfnis nach Ruhe und einer Feier im kleinen Kreis hätten – beispielsweise nur mit dem Partner.

Dass wir so stark auf die Gesetze und das Überleben der eigenen Sippe gepolt sind, scheint wenig zeitgemäß. Und erst, wenn wir genau darüber nachdenken oder Lebensentscheidungen überdenken, merken wir, wie oft wir letztlich so handeln, wie unsere Familie es tun würde oder wie sie es von uns erwartet. Wie oft wir Berufe ergreifen, die denen unserer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eben doch ein wenig ähneln oder einen in etwa vergleichbaren gesellschaftlichen Status ermöglichen. Und wer kennt nicht das Gefühl, sich in bestimmen Beziehungskonstellationen zu befinden, die denen unserer eigenen Eltern oder Großeltern auf beinahe gespenstische Weise ähneln. Hier sind nicht nur psychologische Mechanismen wie das Lernen am Modell am Werk, sondern auf jeden Fall auch die unausgesprochenen Sippenregeln.

Dabei darf man den Satz »Bist du anders, bist du tot« übrigens nicht so verstehen, dass die anderen sich uns gegenüber bewusst nach diesem Satz verhalten. Aber wenn man anfängt die Dynamik genauer zu betrachten, beobachtet man häufig, dass im Grunde die gesamte Familie auf genau diesen einen Satz gepolt ist und sehr häufig danach handelt.

Was passiert, wenn wir es doch ganz anders machen als die anderen

Sehr häufig, werden Sie jetzt sagen, machen Menschen aber auch etwas ganz anderes, als von ihrer Familie vorgezeichnet wurde. Und das stimmt natürlich auch. Ich habe allerdings oft bei Klienten erlebt, dass sie zwar durchaus Lebensentwürfe, Wünsche und Erfolge hatten, die komplett entgegengesetzt zu den Normen der eigenen Sippe waren, und meistens waren diese Menschen auch langfristig glücklicher und erfolgreicher als andere in ihrer Familie. Doch trifft man dann bei diesen Leuten unterschwellig auf eine gewisse Unruhe oder Unsicherheit, quasi eine Angst, dass man das Glück wieder weg­genommen bekommt, oder auf ein Schuldgefühl, das Glück nicht verdient zu haben. Auch wenn viele Menschen, die das schildern, nicht weiter darüber nachdenken, woher dieses Schuldgefühl kommt: Häufig kann man es aus der Familiengeschichte herleiten. Und oft lautet der dahinterliegende Satz: »Ich fühle mich schuldig, weil es mir besser geht oder ich mehr Erfolg habe als mein Vater, meine Mutter oder andere Menschen in meiner Familie.« Oder, um es noch simpler zu sagen: »Ich fühle mich schuldig, weil ich Unruhe und Disharmonie in unser Familiensystem bringe und andere damit belaste.«

In dem Zusammenhang fällt mir Stefan ein, Chef einer kleinen Werbeagentur in Stuttgart. Der zupackende und smarte Enddreißiger hat sich in den letzten Jahrzehnten viel aufgebaut. Er ist zusammen mit seiner jüngeren Schwester bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die als Sekretärin arbeitete und beide Kinder mit ihrem mageren Gehalt durchbrachte. Der Vater, der sich um die Kinder nach der Scheidung der Eltern nicht kümmerte, ist depressiv und frühberentet und lebt in Berlin, Stefan hat bis auf gelegentliche Telefonate kaum etwas mit ihm zu tun. Schon während seines BWL-Studiums in Mannheim hatten die beiden kaum noch Kontakt. Jetzt ist Stefan nicht nur im Beruf erfolgreich, vor drei Jahren hat er auch eine Frau kennengelernt, die er liebt und die er im letzten Jahr geheiratet hat. Stefans Frau ist Juristin, arbeitet halbtags, eigentlich wünschen die beiden sich jetzt auch bald eigene Kinder. Das Glück scheint perfekt, aber wenige Wochen nach den Flitterwochen fängt das Paar an, sich immer häufiger zu streiten. Stefan nervt plötzlich die komplizierte, verkopfte Art seiner Frau, die aus einer alteingesessenen Juristenfamilie stammt. Immer häufiger bezeichnet er sie als divenhaft und umständlich, sie wehrt sich entsprechend, zieht sich sexuell zurück und klagt gleichzeitg, dass die beiden doch eigentlich jetzt ein Baby wollen. Der Konflikt spitzt sich zu. Als Stefan auf Empfehlung eines Freundes in meine Praxis kommt, sagt er selbst, er habe »das Gefühl, dass er eine Kettenreaktion ausgelöst hat«. Die Krise mit seiner Frau begann mit einem Miniproblem und hat sich in wenigen Wochen zu einem so großen Konflikt hochgeschaukelt, dass mittlerweile sogar eine Trennung im Raum steht. Dazu kommt noch, dass Stefan eine junge, gut aussehende Sekretärin hat, von der er sich plötzlich angezogen fühlt. Auch wenn er seine Frau nicht betrügen würde: Stefan hat das Gefühl, als würde ihn irgendetwas dazu treiben, von seiner Frau wegzudriften, vielleicht sogar die Beziehung zu zerstören.

Dieses Gefühl, nach einer guten Phase wie aus heiterem Himmel nach destruktiven Impulsen zu handeln, schildern viele Klienten. Sie hadern plötzlich mit ihren Beziehungen, Jobs oder tiefen Freundschaften. Ähnlich wie Stefan registrieren viele anfangs noch, dass sie sich gerade selbst eine Falle stellen. Aber nachdem sich der Konflikt erst mal ein paar Wochen hochgeschaukelt hat, kann man ihn so leicht nicht mehr aufhalten. Und man verliert aus den Augen, dass man ihn anfangs möglicherweise auch mutwillig initiiert hat.

In den Sitzungen mit Stefan haben wir rasch erarbeitet, dass er aufgrund der Konstellation in seiner Kernfamilie eigentlich nicht glücklich und erfolgreich sein darf, wenn er dazugehören will. Keiner in seiner engsten Sippe ist geschäftstüchtig, keiner verdient so viel Geld wie er. Schon diese Konstellation würde ausreichen, um Stefan das ständige Gefühl von Schuld zu geben – und das Gefühl, er müsse seinen Eltern gegenüber, die ja eher ein leidvolles und schwieriges Leben hatten, irgendwas wiedergutmachen. Mit einer erfolgreichen Selbstständigkeit allein hat Stefan den Druck, anders und erfolgreicher zu sein als seine Familie, noch ausgehalten. Als er sich allerdings auch noch verliebte und heiratete, wurden die Schuldgefühle gegen seine Sippe, vor allem gegen Mutter und Vater, für ihn zu groß. Unbewusst musste Stefan, wenn er weiterhin zur eigenen Familie gehören wollte, mit seiner Frau Streit anfangen und eine unglückliche Beziehung führen, in letzter Konsequenz sogar auf eine Scheidung hinarbeiten.

Wir arbeiteten bei den verschiedenen Treffen an der unbewussten Familienregel: »Ich gehöre nur zu meiner Familie, wenn ich in der Liebe unglücklich bin.« Stefan formulierte für sich dann noch als Erkenntnissatz: »Ich habe Erfolg im Beruf und bin glücklich in der Liebe – und gehöre dennoch zu euch.« Nach diesen Sitzungen – ich werde im Praxisteil noch genauer erklären, wie ich in meinen Beratungssitzungen vorgehe – wurden die Streitereien zwischen Stefan und seiner Frau langsam weniger und lösten sich irgendwann ganz auf.

Das scheinbar paradoxe Verhalten von Stefan – sein Liebesglück zu zerstören, weil er ja bereits beruflich erfolgreich ist – ist eine typische Ausgleichsreaktion, die auch in der systemischen Therapie häufig beschrieben wird: Jemand will die Harmonie wieder ins Fami­liensystem bringen, indem er versucht, ein gewisses Maß an Leid auf sich zu nehmen, um ähnlich viel Schmerz zu erfahren wie die eigenen Eltern.

Der renommierte ungarische Psychotherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy war einer der Ersten, der mit Begriffen wie Gerechtigkeitsausgleich und Loyalität in Familiensystemen operierte und dessen Thesen aus den 60er- und 70er-Jahren heute zu den Standards der Familienaufstellungsarbeit gehören. Seine Idee war es, dass wir in unserer Familie innerlich Buch führen über Geben und Nehmen. Eltern geben ihren Kindern überaus viel, deshalb sind Kinder den Eltern gegenüber in einer Art »Schuld«, die sie auszugleichen versuchen. Ziel aller Familienmitglieder, so auch der Kinder, ist es, eine Balance zwischen Geben und Nehmen herzustellen. Dabei kann es vorkommen, dass sich ein Familienmitglied selbstzerstörerisch und irrational verhält, um die Schuld auszugleichen, die entsteht, wenn es ihm im eigenen Leben viel besser geht als den Eltern.7

Stefan ist für diese Theorie ein Paradebeispiel. Erst als er erkannt hat, wie stark der Einfluss seiner Schuldgefühle den Eltern gegenüber ist, konnte er sich von dem selbstzerstörerischen Sog befreien, den ständigen Zank mit seiner Ehefrau beilegen, wieder harmonischer und ruhiger mit ihr leben.

Dass Menschen irgendwann das Gefühl haben, dass sie zu viel Glück, Erfolg und Liebe in ihrem Leben haben, erscheint ebenfalls erst mal als eine seltsame Vorstellung. Denn: Wollen wir nicht alle einfach nur rundherum glücklich sein? Dennoch haben mittlerweile viele Therapeuten und Psychologen dieses Phänomen erkannt und benennen es in ihren Ratgebern und Sachbüchern. Die renommierte Berliner Coachin Petra Bock beschreibt diesen Mechanismus etwa in ihrem Bestseller »Mindfuck«8. Und der kalifornische Berater und Therapeut Gay Hendricks hat dem Phänomen sogar ein ganzes Buch gewidmet, mit dem Titel: »Lebe dein Leben, bevor es andere für dich tun«. Er nennt es das Oberlimit-Syndrom und bezeichnet damit seine Beobachtung, dass es für viele Menschen eine Art innere Schallgrenze von Glück und Erfolg gibt.9 Hendricks geht davon aus, dass Menschen sich nach besonders guten Phasen im Leben, beispielsweise wenn sie mehr Geld verdient haben als sonst oder eine besonders glückliche Zeit in ihrer Beziehung erlebt haben, mit selbst inszenierten miesen Gefühlen und Selbstsabotage-Akten wieder auf den gewohnten Status quo zurückregeln. Dann sitzen sie wieder zwischen Baum und Borke in einem Halb-Glück-halb-Unglück-Zustand, aber sie sind wieder im gewohnten Terrain angekommen. Auch für ihn liegt die Wurzel dieses zurückregulierenden Verhaltens häufig darin, dass man Menschen in der eigenen Familie nicht wehtun will, sie nicht überflügeln und beleidigen will, sondern lieber solidarisch an ihrer Seite bleibt und sich unglücklich fühlt.