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Das Böse wurde in abergläubischen Zeiten dem Wirken des Teufels zugeschrieben. Der Teufel ist aber der Diabolo, und der Diabolo ist - etymologisch gesehen - derjenige, der alles durcheinander wirft (abgeleitet aus dem Griechischen "diabolein" = "durcheinander werfen"). Die Doppelsinnigkeit des "Leibhaftigen" enthält einen beabsichtigten Verweis auf die Rätsel des Bösen, die mittels Biografik enthüllt werden sollen. Mein Buch leitet dazu an, aus den "leib-haftigen" Spuren von Symptomen das Gesetz ihres Ursprungs zu lesen und kommt zu dem Schluss: Wenn es aus der Perspektive der menschlichen Kreatur so etwas wie das Grundunrecht unseres Lebens, das Kernproblem der Sünde, gar das Grundübel der Schöpfung, die Wurzel alles Bösen geben sollte, so handelt es sich um die Tatsache, dass ein jeder Mensch zunächst zum Ersatz für andere Menschen geboren zu sein scheint und dann doch darunter zu leiden hat, dass er ebendieser Ersatzfunktion nicht gerecht zu werden vermag. Darin liegt zweifellos eine grundlegende Paradoxie, auf die sich die unschuldige "Schuld" oder die schuldige Unschuld des menschlichen Lebens gründet. Wie wir damit umgehen, ist ein existentielles Problem, das wir nicht mehr abschütteln können, nachdem wir erst einmal ungefragt gezeugt und geboren sind. Statt uns aber wie Kaninchen zu verhalten und darauf zu starren, als seien wir jenseits von Eden auf die Schlange gestoßen, also statt die Infragestellung unseres Seins als ein Übel zu betrachten, ist es auch möglich, dass wir einander beistehen, um sie gemeinsam als die Ironie unseres Schicksals verstehen zu lernen. Das verlangt freilich Einigkeit im Humor, ist also mit harter Arbeit verbunden.
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Seitenzahl: 530
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Rainer Adamaszek
Familien-Biografik
Therapeutische Entschlüsselung undWandlung von Schicksalsbindungen
Neuveröffentlichung
Neuveröffentlichung
Dr. Rainer Adamaszek www.raineradamaszek.de
Über alle Rechte dieses Buches verfügt der Autor.Korrigierte und erweiterte Neuauflage 2011
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Herstellung E-Book: www.epub-eBooks.de
1. Auflage: Carl Auer Systeme, Heidelberg 2001
2. Auflage: Carl Auer Systeme, Heidelberg 2003
978-3-8442-0692-0
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek:
Dank (Januar 2001)
„Weil das Wesen der Krankheit ein biographisches ist, darum kann auch die Erkenntnis der Krankheit immer nur eine biographische sein.“ Diese Worte Viktor von Weizsäckers (1967, 259) haben sich mir als Leitsatz tief eingeprägt. Weizsäcker ist - durch Vermittlung meines Doktorvaters Wolfgang Jacob - mein Lehrer geworden, ohne dass ich ihn je persönlich erlebt hätte, denn er starb bereits, als ich zur Schule ging und mich noch gar nicht entschieden hatte, Arzt zu werden. Ihm verdanke ich die Richtung meines Fragens.
Um dies Buch zu schreiben, habe ich lernen müssen, meinen eigenen Sinnen zu vertrauen, wo die gängigen Kategorien der Heilkunde sich als Worthülsen erweisen. Vielleicht ist aus so wenigen Worten schon zu verstehen, dass ich damit meinen Eltern Dank sage. Mein Dank gilt darüber hinaus all den anderen, die mich - direkt und indirekt - dazu ermutigt und darin unterstützt haben.
Meine Frau Monika hat mich mit ihren biographischen Untersuchungen über den Zusammenhang von Leiblichkeit und Bindungsgeschehen dazu veranlasst, jene Schriften Viktor von Weizsäckers erneut zu lesen, mit denen ich während des Medizinstudiums am wenigsten hatte anfangen können, und deren Reichtum überhaupt erst selbst zu entdecken. Nicht zuletzt hat sie durch ebenso entschiedene wie geduldige Kritik und eigene Ideen sowohl die jetzige Form als auch den Inhalt des Textes stark beeinflusst.
Meine PatientIinnen forderten mich heraus, indem sie sich mir anvertrauten. Die Fallbeispiele sind - das sei an dieser Stelle erwähnt - von mir so bearbeitet, dass etwaige Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit in der Natur der dargestellten Gesetzmäßigkeiten liegen, bezüglich der Personen aber vermieden werden. KollegInnen haben mir mit Zustimmung ihrer PatientInnen im Rahmen gemeinsamer Fallsupervision Ausschnitte aus Familienbiographien überlassen und so eine weitere Überprüfung der Zuverlässigkeit des hier dargestellten Ansatzes ermöglicht.
Eveline Goodman-Thau hat mich mit ihrem unkonventionellen Denken insbesondere in den Anfängen meiner Entdeckungen persönlich begleitet, als sie 1993 im Rahmen der „Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit“ in Oldenburg als Gastprofessorin lehrte. Sie hat mir seither Einblick in Zusammenhänge des Geistigen vermittelt, die mir zuvor verschlossen waren, und mir Mut gemacht, auf jenen unbefangenen Ernst im Umgang mit dem Religiösen zu vertrauen, der meine Art der Würdigung hat reifen lassen.
Großen Anteil hat meine Auseinandersetzung mit den Weg weisenden Beobachtungen und Gedanken Bert Hellingers, dessen hohe Sensibilität für das, was dem Frieden zwischen den Lebenden und den Toten dient, und dessen Scharfsichtigkeit in der Kritik intellektueller Holzwege die große Fruchtbarkeit des phänomenologischen Ansatzes auf dem Gebiet der Heilkunde aufzeigt - wie mir scheint: seit Viktor von Weizsäcker erstmals wieder. Als ich besonders auf Ermutigung angewiesen war, hat er sie mir in seiner unnachahmlichen Art zukommen lassen.
Zur zweiten Auflage (April 2003)
Einer weiteren Dankespflicht möchte ich anlässlich der zweiten Auflage nachkommen und nachträglich hervorheben, welche Offenbarung für mich das Denken von Emmanuel Lévinas gewesen ist. Mit seinen Schriften machte ich mich gerade rechtzeitig vertraut, als ich um die Begriffe zu ringen begann, in denen sich meine Erfahrungen als Arzt und Therapeut fassen ließen. Wenn ich ihn heute lese, wird mir klar, dass mein Buch ohne diese Schule des Denkens nicht hätte entstehen können.
Auch den Leserinnen und Lesern danke ich, die durch ihre Empfehlungen die Verbreitung des Buches ermöglicht haben und mir bestätigen, dass der Ansatz der biografischen Methode auch in der sehr gestrafft vorliegenden Darstellungsform bereits nachvollziehbar und fruchtbar ist. Das finde ich umso bemerkenswerter, als die zum gründlicheren Verständnis unverzichtbaren Ausführungen über die transpersonale Dynamik von Ohnmachtserfahrungen erheblich hatten gestutzt werden müssen. Ich arbeite an den notwendigen Ergänzungen, die einen gesonderten Rahmen fordern.
Vorwort zur Neuveröffentlichung
Für diese „dritte Auflage“ habe ich mein im April 2001 erschienenes Buch nur geringfügig überarbeitet. Damals eröffnete es einen neuartigen Blick auf Probleme, die in der Heilkunde bislang keine gründliche Würdigung erfahren, obwohl sich deren Missachtung in unbefriedigenden Heilungsversuchen zum Ausdruck bringt. Dieselbe Aufgabe erfüllt es heute noch immer.
Meine Arbeitsweise und meine Einsichten haben sich seit dem ersten Erscheinen des Buches weiter entwickelt. Auch die lediglich redaktionell korrigierte Gestalt von 2003 gibt meinen damaligen Wissensstand noch nicht wieder, präzisiert aber vollgültig meinen methodischen Ausgangspunkt. Seither habe ich keine Veranlassung gehabt, dauerhaft an der Richtigkeit des Grundkonzepts zu zweifeln. Wo immer Unsicherheiten auftraten und Zweifel sich anmeldeten, waren sie mir als Bewährungsproben willkommen. Hätten sie sich bestätigt, wäre mir die Mühe einer Neuveröffentlichung erspart geblieben. Stattdessen sind andere Publikationen in Vorbereitung, um meine weiterführenden Erfahrungen darzulegen.
Die jetzige Überarbeitung beschränkt sich im Wesentlichen auf eine graphische Aufbereitung sämtlicher Illustrationen. Allerdings habe ich ein Nachwort hinzugefügt, um den Standort der Biografik im gegenwärtigen Forschungsbetrieb herauszuarbeiten. Darin erläutere ich insbesondere die Brisanz der wissenschaftshistorischen Beziehung, die durch die Entwicklung der biographischen Methode zwischen Viktor von Weizsäcker und Bert Hellinger offenbar wird.
Mein tiefer Dank gilt noch einmal, wie in den beiden ersten Auflagen, meiner Frau Monika, die mir geduldig und geistesgegenwärtig geholfen hat, die zur Neuauflage führende Initiative zu ergreifen; darüber hinaus all denjenigen Freunden und Freundinnen, die nicht nachgelassen haben, mir die Notwendigkeit vor Augen zu halten, dass die gute alte „Familien-Biografik“ ungeachtet der notwendigen Folgeprojekte als „Grundlagenwerk“ verfügbar zu halten ist. Hervorheben möchte ich zwei davon: Helga Mack-Hamprecht, die begeisterte Leserin der ersten Stunde, die seither mit dafür gesorgt hat, das Buch bekannt zu machen, und außerdem unermüdlich Seminare über dessen Themen organisiert. Und Stephan Grätzel, denn auch ihm verdanke ich weit mehr als Ermutigung, vielmehr eine besondere freundschaftliche Begleitung, die räumliche Ferne zu überbrücken sowie den Widerspruch zwischen kritischer Distanz und vertrauter Nähe zu versöhnen und mit äußerst fruchtbaren Hinweisen zu verbinden versteht.
Im April 2011
Teil I
1 Spuren des Leibhaftigen
„Wenn demnach die Einteilung der Krankheiten ein zwar unvermeidliches, aber nicht besonders wichtiges Geschäft ist, so gibt es doch eine Art des Einteilens, welche der Krankheitsidee, die wir vertreten, entspricht. Das ist die, welche sich aus der Lebensordnung eines Menschen in seinem Zusammenleben mit anderen Menschen (vor, mit oder nach ihm lebend) ergibt.“ (Viktor von Weizsäcker)
1.1 Kindliche Liebe, leibliche Haftung und vertragliche Bürgschaft
Seit einigen Jahren häuft sich die Zahl von Untersuchungen, die auf die Entwicklung schicksalhafter familialer Verstrickungen und ihre Verwobenheit mit Krankheiten hinweisen. Nach meinen Beobachtungen ist die genaue Beachtung des Zeitpunkts, zu dem die Symptomatik sich bemerkbar macht, sowie des Ortes, an dem eine Erkrankung auftritt (Person, Organ, Organsystem), wegweisend für das Verständnis des krankhaften Geschehens. Anders gesagt: Häufig erscheinen Zeit und Raum geradezu als die wichtigsten Ordnungsmächte unseres Leibes.
Der Leibbegriff hat eine vielschichtige Tradition. Den „Leib“ vom „Körper“ zu unterscheiden, dient dazu, den lebendigen Organismus vor Verwechslungen mit einem Leichnam zu bewahren. Der Leib ist grundsätzlich der lebende Organismus: der „beseelte Körper“, die „bekörperte Seele“, der „Körper“, der der Seele seine Form schenkt, zugleich die „Seele“, die den Körper mit Inhalt erfüllt. Sobald es nämlich nicht mehr um physikalische „Körper“ geht, sondern um lebendige „Leiber“, verändert sich zwangsläufig die Bedeutung der Rede von Raum und Zeit. In einer belebten Welt zeigt sich, dass Raum und Zeit eben nicht, wie Kant (1787, 69 ff) meinte, bloße „Formen der Anschauung“ sind, sondern in der Tat Ordnungsmächte. Lebensraum und Lebenszeit stellen keine bloßen Einteilungsschemata für eine beliebige Anordnung von Körpern dar. Vielmehr wirken sie als Kräfte, die den historischen und biografischen Prozessen des Lebens die Bedeutung vorgeben und einer erkennbaren leiblichen Ordnung Geltung verschaffen.
Leib und Leben, die wir von unseren Eltern erhalten haben, sind kein Blankoscheck, sondern eine Mischung aus Guthaben und Hypothek. Dass das so ist, lässt sich prüfen. Es hängt damit zusammen, dass unsere Eltern mit ihren Eltern in einem Austausch stehen oder gestanden haben, der spätestens durch ihre Partnerschaft miteinander mehr oder weniger drastisch unterbrochen worden ist. Es hängt außerdem damit zusammen, dass die Eltern als Partner zueinander in einem Austausch stehen oder gestanden haben, der allerspätestens durch unsere Geburt ebenfalls unterbrochen bzw. modifiziert worden ist: Was die Eltern dann mit ihren Eltern (und Geschwistern) noch nicht ins Reine gebracht haben und was sie untereinander nicht ins Reine bringen, das wird unbewusst auf einem imaginären oder virtuellen Konto verbucht und wirkt im Leben ihres Kindes entweder als Soll oder als Haben. Und es zeigt sich, dass es keineswegs gleichgültig ist, ob dies Kind das erste, zweite oder dritte Kind der Eltern ist. Für diese unbewusste Buchführung (Boszormenyi-Nagy u. Spark, 1983) ist auch nicht gleichgültig, ob es sich dabei um den ersten, zweiten usw. Sohn bzw. um die erste, zweite usw. Tochter handelt. Ja, häufig ist es sogar von großer Bedeutung, ob das erste Kind ein Mädchen oder ein Junge wird, ob danach ein Kind des anderen Geschlechts kommt usw. Das alles wird von dem betreffenden Neugeborenen spontan erfahren, ohne dass es sich darüber Rechenschaft ablegen könnte. Und im weiteren Leben kommen weitere Erfahrungen derselben Art hinzu, wenn nahe Angehörige der Eltern sterben oder auf andere Weise dem lebendigen Austausch verloren gehen.
Der Austausch selbst steht unter dem impliziten, unbewussten, also gleichsam „objektiven“ Thema, inwiefern es den Beteiligten gelingt, die Güte des Lebens zur Geltung zu bringen. In jedem Kind, das entsteht, lebt die Hoffnung darauf, dass die Liebe, der es sein Leben verdankt, sich erfüllt und dazu führt, die Welt reicher zu machen und den Reichtum der Welt zur Entfaltung zu bringen. Zuweilen gewinnt man freilich auch den Eindruck, dass die Hoffnung der Eltern in dem Augenblick, in dem das Kind entstanden ist, bereits verloren sei. Das aber heißt ja nicht, dass das Kind frei wäre von dieser Hoffnung - im Gegenteil: Es trägt dann die ganze Last, die die Eltern ihm in ihrer Hoffnungslosigkeit übertragen haben. Ein solches Kind ist im allgemeinen völlig überfordert und hält sich mit einem Hauptteil seiner Kraft an andere Menschenkinder, um die Hoffnung, die ihm übertragen worden ist, angesichts der eigenen Schwäche dennoch zur Geltung zu bringen.
Das ist der Kern eines blinden historischen Prozesses, dem wir auf die Spur kommen, wenn wir die Stellvertretungsfunktionen untersuchen, die Menschen zunächst innerhalb von Familien, dann aber auch außerhalb von Familien füreinander erfüllen. Man kann diese Funktion als Buchungs- und Umbuchungsvorgänge beschreiben, wenn man beachtet, dass es dabei nicht um Geld, sondern um die Erfüllung der Liebe zur Welt, zu den Eltern und zum Leben geht. Diese Art der Betrachtung liefert den Schlüssel zur Erkenntnis jenes blinden Treibens emotionaler Beziehungen, das von Sigmund Freud als „Triebgeschehen“ bezeichnet worden ist und das im Untertitel meines Buches „Schicksalsbindung“ genannt wird.
Freud hat das Triebgeschehen theoretisch auf unser physisches Erbe zurückzuführen versucht. Damit hat er angedeutet, dass es keine Kleinigkeit sei, daran etwas zu ändern. Modernere, darum nicht unbedingt weitsichtigere Theoretiker haben diesen materialistischen Grundgedanken aufgegriffen und auf die Erfolge der Genforschung bezogen - in der Hoffnung, dass es vielleicht möglich sein werde, einen besseren Typ Mensch zu züchten als den, der es seit Jahrtausenden nicht verstanden hat, Frieden mit der Welt, mit den Anderen sowie mit dem eigenen Leben und Sterben zu schließen. Ich halte diese Denkrichtung für eine Illusion und meine stattdessen, dass es sich um Grundfragen der Kultur, nicht der Natur des Menschen handelt, dass es hier also nicht um offene Fragen der Naturwissenschaften geht, sondern um offene Fragen des Wissens um das Wesen der menschlichen Kultur.
Diese Auffassung habe ich durch meine Tätigkeit als Arzt und Therapeut gewonnen. Die entscheidende Erfahrung ist die Entdeckung gewesen, dass zeitliche Rhythmen im Leben der Menschen eine schicksalhafte Bedeutung haben, dass aber diese zeitlichen Rhythmen, die sich quasi naturwissenschaftlich berechnen und bestimmen lassen, insofern einen historischen Charakter haben, als sie den Verlauf des Lebens unserer Vorfahren abbilden. Man kann die Beschäftigung mit solchen Rhythmen durchaus mit der Betrachtung der Jahresringe von Baumstämmen vergleichen: In ihnen findet sich die Erinnerung an die wechselvollen klimatischen Verläufe vieler Jahre. Etwas ähnliches findet sich bei der Betrachtung des Leibgeschehens: In unseren Leibern sind die Biografien unserer Familien enthalten, als bildeten die Lebensläufe unserer Vorfahren darin virtuelle Jahresringe.
Derartige Zusammenhänge zwischen den Biografien der Mitglieder von Familien werden verständlich, wenn man sie auf ebenjene Buchungen und Umbuchungen, Kredite und Hypotheken bezieht, die in den Ordnungen und Unordnungen der Liebe zwischen den Menschen heimlich zur Geltung gelangen. Das Heimliche ist das Gesetzmäßige. Das Verschlossene zu enthüllen, das Chiffrierte zu entschlüsseln heißt: das Gesetz, das darin wirkt zu erkennen. Erkennen und berechnen lassen sie die Zeitpunkte und die Orte, wann bzw. wo ein Kredit fällig ist oder ein Guthaben für die Auszahlung bereit liegt. Die Metaphern des Geldverkehrs sind stimmig, insofern das Geld als materialisierte Gestalt von Liebe angesehen werden darf: In ihm ist die Verpflichtung eines im Tausch systematisch ausgeschlossenen, vorerst beliebigen, unbekannten Dritten symbolisiert, dem schon vorweg und blindlings die Aufgabe auferlegt wird, die Schuld des Geldgebers gegenüber dem Geldnehmer zu einem späteren Zeitpunkt zu begleichen. Der Begriff der Liebe konkretisiert sich im Zweck des Tausches. Er bedeutet: wechselseitige Verleihung von Lebensrecht. Und die Funktion des Geldes ist die Vermittlung dieses Zwecks im Sinne eines Aufschubs seiner Realisierung bis zu dem Zeitpunkt und bis an jenen Ort, wo die Hoffnung des Geldnehmers auf Gewährung von Lebensrecht durch den Nächsten, d. h. durch den nunmehr nahen Dritten erfüllbar wird. Diese Hoffnung, aber auch diese Sicherheit sinnfällig zu machen, sinnlich darzustellen, zum festen Besitz eines Anteils am Sinn des gesellschaftlichen Lebens zu deklarieren, ist die im Geldverkehr symbolisch gewahrte Funktion des Geldes. Insofern ist Geld an sich Kredit. Und Kredit ist sozial garantiertes Vertrauen, institutionalisierte Vertrauenswürdigkeit. Um diese zu verkörpern, ist ein politisch hochentwickelter Stand der Arbeitsorganisation Voraussetzung.
Was gesellschaftlich geschieht, ist auf politischer Ebene eine bewusste Umsetzung und Formverwandlung dessen, was auf leiblicher Ebene immer schon bewusstlos, spontan geschieht. So betrachtet, stellt politische Ökonomie den Versuch dar, leibliche Gebundenheit, wo möglich, durch politisch-moralische Verpflichtung zu ersetzen und dieser den Charakter juristisch sanktionierter vertraglicher Bindung zuzuweisen. Auf dem Weg des Humanismus soll eine unwillkürliche leiblicheHaftung durch willensabhängige vertragliche Bürgschaft übertroffen werden. Das ist eine Utopie. Um deren Berechtigung, aber auch deren Grenzen zu verstehen und die gesetzhaften Bedingungen politisch-ökonomischer, juristischer und pädagogischer Rationalität zu erkennen, ist es erforderlich, die grundlegenden Gesetze leiblicher Haftung biografisch zu untersuchen.
Ob nun aber die Erkenntnis biografischer Gesetzmäßigkeiten eine bewusste Wandlung unter bewusster Wahrung des Gesetzes ermöglicht, ist eine praktische Frage. Sofern sich in der therapeutischen Praxis Antworten darauf ergeben, so bestätigt sich auch dort, dass unsere leibliche Haftung keinen regional abgezirkelten Bereich darstellt, den man von außen betrachten könnte, sondern unser Leib ist der Gesichtspunkt aller Gesichtspunkte. Unsere Leiblichkeit wirkt zurück auf alle Phänomene sozialer Entwicklung und reicht bis in alle Sprache und jedes Sprechen hinein.
Die leibliche Grundproblematik ist vergleichbar mit der Frage, wie es möglich sei, trotz Gravitation aufrecht gehen zu lernen. Und dort zeigt sich: Die Wirkung der Gravitation kann den aufrechten Gang nicht verhindern, aber auch nicht erzeugen. Um Gehen zu lernen, muss das Kind zu allererst auf seine Fähigkeiten vertrauen. Und diese Fähigkeit wohnt ihm inne. Sie kann ihm von nirgends her eingepflanzt werden, wenn nicht durch Zeugung und Geburt. Sie stammt von den Eltern. Es ist die Macht der Liebe, die sich in der Hoffnung auf die Güte des eigenen Lebens offenbart und die auf den Zweck der Erfüllung der elterlichen Liebe hin orientiert ist. Im Zusammenleben, in der gegenseitigen Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Menschen wirkt unweigerlich ein Vertrauen auf das Gelingen des Lebens. Das wird insbesondere dann deutlich, wenn man sich den Zeitpunkt und den Ort von Erkrankungen unter familiendynamischen und systemischen Gesichtspunkten anschaut. Dann nämlich erscheint eine Erkrankung oder die Krise einer Paar-beziehung wie eine Zwangsvollstreckung, bei der die Einlösung eines fremden Wechsels ansteht.
Die Gesetzmäßigkeit derartiger Komplikationen leiblicher Haftungen vorausgesetzt, lässt sich das Prinzip der leiblich verfaßten Grundordnung folgendermaßen ausdrücken: Der Lebensinhalt eines Kindes liegt in seinem Ursprung begründet, das heißt, in der Liebe der Eltern, der es seiner Entstehung verdankt. Er besteht in der Aufgabe des Kindes, sein Leben in Achtung der elterlichen Liebe zu führen, damit offenbar wird, dass es ein Recht, etwas Gutes sei, dies Leben empfangen zu haben. Aus dem Zweck, für die Liebe der Eltern zu haften, ergeben sich die Lebensthemen eines jeden Menschenkindes als gewissermaßen angeborene Stellvertretungsaufgaben: Ein Kind haftet seinen Eltern gegenüber stellvertretend für die anderen Personen, mit denen die Eltern in ihrem Leben nicht ins Reine gekommen sind. Durch diesen Zweck wird es in seinem Leben spontan geleitet und bewegt. Diesen Zweck in seiner Tiefe zu verstehen, ist aber oftmals so schwer, dass ein Kind daran scheitert. Die Quellen und den Lauf des Gelingens und Scheiterns beispielhaft darzustellen und aufzuzeigen, inwiefern das Prinzip gilt, wonach jedes Kind für die Erfüllung der in ihm wohnenden Liebe mit seinem ganzen Leib, mit Haut und Haaren haftet, ist mit den Mitteln der von mir entwickelten Art von Biografik möglich. Darum habe ich mein Buch „Familien-Biografik“ genannt.
Solange Heilkunde sich nicht vornehmlich auf Biografik sondern auf Energetik zu stützen versucht, ähneln ihre Bemühungen denen eines Vogelpärchens, dem der Kuckuck sein Ei ins Nest gelegt hat: So sehr die beiden sich auch verausgaben, um angesichts der maßlosen Gier des seltsamen Nestbewohners ihren Brutpflichten nachzukommen - es will ihnen einfach nicht gelingen, ihre wahren Jungen aufzuziehen. Diese liegen längst entseelt unter dem Baum und können sich nicht mehr bemerkbar machen.
Dies Bild drängt sich auf, wenn man von außen betrachtet, wie eine mit den technizistischen Scheuklappen der Naturwissenschaften versehene Medizin über sich hinaus wächst in dem Bemühen, Heilwirkungen zu entfalten. Ihm gegenüber verhält sich der Leib eines Menschen wie ein Kuckucksei und entwickelt sich völlig anders, als die ratlosen Eltern es sich wünschen. „Weiß der Kuckuck, was noch alles nötig ist, damit er endlich Frieden gibt und es gut sein lässt!“ So etwa könnte der Ausruf der entnervten, von Erschöpfung bedrohten Mediziner vor dem Moloch der mit jedem neuen Heilmittel weiter ausufernden Krankheitsunbilden lauten.
Aus dem Blickwinkel biografischer Heuristik freilich verwandeln sich die Metaphern der Leiblichkeit und erhalten eine versöhnlichere Bedeutung. Meine Behauptung lautet nämlich: Der menschliche Leib verhält sich nicht wie ein Kuckucksei sondern wie eine Kuckucksuhr. Und auf Krankheit bezogen, lässt sich präzisieren: Das Symptom ist wie der Kuckuck, der zu bestimmten Zeiten aus seinem Verschlag im Innern der Uhr herauskommt und ruft: „Guck, guck!“ Dieser seltsame Vogel, dem der Volksmund einigen Raum für irrsinnige Geschichten zugebilligt hat, ist offenbar gemeint, wenn es heißt, jemand habe einen Vogel. Er fordert auf seine Weise dazu auf, genau hinzuschauen, was die Stunde geschlagen habe. Das wiederum, so werde ich zeigen, ist ohne profunde Kenntnis des Vergangenen nicht möglich.
Es ist aber auch nicht möglich, ohne die grundlegenden Gesetze anzuerkennen, nach denen das Leibgeschehen verläuft. Vor allem nämlich ist das, was da betrachtet werden muss, an sich unsichtbar - nicht etwa nur, weil es schon längst der Vergangenheit angehört, sondern vor allem darum, weil es gefehlt hat, weil es nicht geschehen, nicht Fakt geworden ist. Das eben ist das Irrende und Irreführende an der Aufforderung des Kuckucks: dass es um Schuld geht, um eine Schuld nämlich, die zunächst in gar nichts anderem besteht als darin, dass eine Verantwortungnichtwahrgenommen bzw. einer Verpflichtung nicht entsprochen worden ist. (Allein in diesem weiteren, auch primären Sinne, den ich auf Seite 290 eingehender erläutere, wird der Schuldbegriff im folgenden von mir verwendet, wenn er im Text unkommentiert in Anführungszeichen auftaucht.) Der Kuckuck steht als Fabeltier für ein Schulderbe oder für eine Erbschuld: Er legt seine Eier in fremde Nester. Wenn das Kuckucksjunge ausgeschlüpft ist, wirft es die rechtmäßigen Jungen aus dem Nest und gebärdet sich unersättlich, bis es flügge wird und zur Plage einer nächsten Generation fremder Eltern. So ist das Verhalten des Kuckucks im Volksmund nicht nur zum Synonym für jede Art von Verrücktheit geworden, sondern für das Unheimliche, Verhexte und Vertraxte des Zusammenhangs von Geburt, Tod und „Schuld“. Tatsächlich gibt es einen für alle Familienbiografien verbindlichen Zusammenhang zwischen Unsterblichkeit und Schulderbe einerseits, Schulderbe, Sünde und Krankheit andererseits.
Um den Geschichten vom Kuckuck noch ein Stück zu folgen: Woran wir uns erinnern sollen, wenn wir den Schall der Kuckucksuhr - von Stunde zu Stunde nachdrücklicher, am nachdrücklichsten zur Mittagszeit und um Mitternacht - hören, das ist die vergangene Schuld, die uns ins Nest unseres Lebens gelegt ist, die wir auszubrüten uns anschicken und die immer gefräßiger wird, je mehr wir uns um sie bemühen, ja die uns unserer Nächsten und Liebsten beraubt. Ein solches Verständnis für die Zusammenhänge verlangt auch der „Kuckuck“, den der Gerichtsvollzieher anheftet im Falle von Zahlungs-unfähigkeit und fortbestehender Schulden. Er macht einen potentiellen neuen Eigentümer der betreffenden Gegenstände darauf aufmerksam, dass ihnen eine unabgelöste Verpflichtung anhaftet, die von seinem Besitzer zu zahlen sei.
Eine weitere Beziehung zwischen Kuckuck und Kuckucksuhr wird durch den Kinderspruch deutlich: „Lieber Kuckuck, sag` mir doch: Wieviel` Jahre leb` ich noch?“ Diese Frage richtet sich, halb ernst, an den sich verbergenden Kuckuck, der in der Ferne zu hören ist. Gezählt wird dann die zufällige Häufigkeit seiner Rufe. Dieser spielerisch gehütete Aberglauben rührt an die von Aristoteles hervorgehobene geheimnisvolle Beziehung zwischen Seele und Zahl. In der Beziehung zwischen Tod, „Schuld“, Symptom und Zeitstruktur des Lebens wirkt, wie ich zeigen werde, tatsächlich ein Gesetz von Zahlenverhältnissen, das sich aufklären lässt. Das heimlich-intuitive Verständnis geht mit dem Gefühl des Unheimlichen, Tabuisierten einher. Und das ist es vor allem, was das erwähnte Kinderlied mit seinem „Simsalabim-samba-saladu-saladim!“ andeutet : dass hier vom Magischen, von Hexerei die Rede ist - d. h. von einer als überwältigend erfahrenen, unbegreiflich erscheinenden, unendlichen Verwandlungsmacht des Leiblichen. Das spielt auf eine Macht an, die im Ruf und Leumund des Kuckucks vom Volk intuitiv erfasst, wenngleich nicht klar verstanden, nicht begrifflich, sondern nur bildhaft treffend ausgedrückt wird.
Das früher beliebte Lied „Der Kuckuck und der Esel“ hebt, ganz nach dem Geschmack der Kinder, den Zusammenhang von Hören, Sehen und Erkennen, aber auch warnend den Zusammenhang von Kulturlosigkeit und Streitsucht hervor. Es parodiert die Ähnlichkeit von „Kuckuck“ und „Esel“, wenn diese einen komischen Streit darüber austragen, „wer wohl am besten singe“. Dies Lied führt die Kleinen, die noch ganz in ihrer Leiblichkeit befangen sind, auf mitreißende Weise zum genauen Hinsehen („Guck, guck!“) und zum genauen Hinhören („I-aah“). „Dummheit“ ist ja ursprünglich Taubheit. In die weit weniger faszinierenden Worte von Erwachsenen übersetzt, lautet die Moral des Liedes: Streit entsteht zwischen denen, die nicht bereit sind, jenes Unsichtbare wahrzunehmen, das sich allein in Sprache offen dartun lässt. Missklang entsteht, wenn man die Worte der Wissenden mit den Lauten von Tieren gleichsetzt. Wer das Sprechen auswendig zu lernen versucht, als gälte es, Tierlaute nachzuahmen, dem werden auch die Gesänge eines Orpheus wie bloßer Lärm vorkommen, und der wird, statt sich am Gespräch der Menschen sinnreich zu beteiligen, nur Kumpanen im Chaos finden und gegen deren Getöse allein die größere Lautstärke setzen, um nicht ruhig zuhören zu müssen.
1.2 Das Leibhaftige als Erkenntnisproblem
Das verwirrend Chaotische, aller Logik Spottende des Leiblichen wahrzunehmen, führt zu einer ganz anderen Art von Wissen als die Erforschung der Bewegungsgesetze von Körpern: Die Naturwissenschaften befinden sich auf der Suche nach den Gesetzen einer utopischen Energetik, die es dem Menschen erlauben soll, die dem Kosmos innewohnenden Kräfte zu verwenden, um beliebige Bewegungen der Körper innerhalb des Weltgetriebes zu vollziehen oder zu veranlassen. In den Gesetzen, nach denen die Naturwissenschaften fahnden, bleibt der Unterschied zwischen Gut und Böse von der Art ihrer Begrifflichkeit her undenkbar. Darum sind diese Gesetze zum Verständnis dessen, worum es im Leben geht, in letzter Instanz untauglich. Sie zu erkennen, hilft nicht, Verantwortung wahrzunehmen, sondern erhöht lediglich den Grad an wahrnehmbarer Verantwortlichkeit. Die medizinische Technik zum Beispiel ist eine heilkundliche Anwendung der Naturwissenschaften. Die für die Entwicklung der Heilkunst entscheidende Frage aber, ob automatisch durch machtsteigernde Medizintechnik Glück und Würde der Menschen vermehrt und Gerechtigkeit im Zusammenleben verbessert werden, weckt nicht nur Skepsis sondern ist rundweg zu verneinen. Was für den Bezug zwischen Naturwissenschaften und Medizin gilt, das gilt ebenfalls für den Bezug zwischen Naturwissenschaften und allen anderen Kulturwissenschaften, die man ja zurecht auch als „politische Wissenschaften“ bezeichnen kann: für Philosophie, Jura, Ökonomie, Pädagogik usw..
Es zeigt sich aber insbesondere im Umgang mit Kranken und mit Krankheit, dass in Bezug auf unser Wohlbefinden erforschbare Gesetze wirken, die unser Leben unter nachprüfbare Bedingungen stellen und die von uns die Anerkennung von realer, wenn auch in Maßen veränderlicher Ohnmacht fordern. Es liegt nahe, diese Gesetze unter dem Begriff „Biografik“ zusammenzufassen, weil sie sich aus der Erforschung von Lebensläufen erschließen. Mit meinem Buch unternehme ich den Versuch, den Weg zu beschreiben, auf dem diese - anthropologisch zu nennende - Forschung fruchtbar gewesen ist und weiter furchtbar sein wird, und ich möchte darin die Grundsätze darlegegen, die ich als wegweisend erachte. Für die spezifischen Verhältnisse der menschlichen Lebenswelt, in der die Unverfügbarkeit der Toten und die Hierarchie der Ursprungsordnung unveräußerbar ist, gilt:
Die Gesetze der Biografik sind den Gesetzen der Energetik übergeordnet, nicht etwa umgekehrt, wie insbesondere in der wissenschaftlichen Medizin seit dem 19. Jahrhundert vorauszusetzen üblich geworden ist.
Indem die Heilkunde sich biografisch orientiert, wird sie primär zur einer Kulturwissenschaft und gelangt in eine Position, vor der aus es überhaupt erst möglich wird, die Bedeutung der Naturwissenschaft angemessen zu würdigen.
Die in der kindlichen Liebe begründete leibliche Haftung aller Kinder ist das Mysterium, das sämtlichen Phänomenen des sogenannten „Leibhaftigen“ zugrunde liegt. Und um den Zusammenhang dieser Phänomene aufzuspüren, muss man sozusagen zum Fährtenleser werden und die Spuren des Leibhaftigen erkunden.
Mein Buch ist konzipiert als eine Einladung, sich auf eine ungewohnte Perspektive und Denkweise einzulassen, die in erster Linie aus dem Umgang mit Kranken stammt und jedenfalls auf Erfahrungen im Umgang mit Kranken gegründet wird. Die einzelnen Kapitel entfalten alle für sich ein einziges Grundprinzip und sind insofern einzeln lesbar. Dennoch gibt es eine logische Reihenfolge des Aufbaus. Der Gesamttext gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil, der mit diesem ersten Kapitel bereits begonnen hat und ein weiteres Kapitel umfasst, entspricht einer Einführung in die Thematik der Leiblichkeit und leiblichen Gebundenheit. Im zweiten Kapitel stelle ich anhand einiger Krankengeschichten die überraschenden Phänomene vor, auf die ich als Arzt gestoßen bin und deren Zusammenhänge aus ganz praktisch-therapeutischen Gründen beschrieben und verstanden werden müssen.
Der zweite Teil, der aus vier Kapiteln besteht, ist nach den drei großen Fragen einer heilkundlich orientierten Biografik gegliedert: „Warum ausgerechnet jetzt?“, „Warum ausgerechnet hier?“ und „Warum gerade so?“. Die vier Kapitel, die hier zusammengefügt sind, schreiten vom Abstrakten zum Konkreten fort. In ihnen werden diejenigen unter den LeserInnen, die der praktischen Überprüfbarkeit und dem therapeutischen Wert meiner Beobachtungen und Erfahrungen das größte Interesse entgegen bringen, die Kernaussagen des Buches finden:
Im dritten Kapitel beginne ich mit jenem sozusagen Übersinnlichen, jedenfalls mit dem Abstraktesten, ohne dessen Beachtung meine Untersuchungsergebnisse bodenlos erscheinen müßten. Und zwar behandle ich hier die Fragen, die uns die Zeit - wie es eine Dichterin wunderbar treffend gesagt hat - als „blinde Führerin“ stellt (A. Michaels, 1997, 13): Ich werde nachweisen, dass in den Brüchen des Lebensprozesses Bewährungsproben der Liebe zu erkennen sind, dass in unerfüllter Liebe das stärkste Band zwischen den Generationen besteht, dass ein ausbleibender Vollzug der Liebe den Kern jeder Symptomatik bildet und dass die zeitlichen Rhythmen des Lebens den Schlüssel zum biografischen Verständnis sowie zur biografischen Erforschung symptomatischen Geschehens liefern. Dies Kapitel gipfelt in einer mathematischen Überprüfung der Präzision, mit der Altersrelationen als diachrone Mächte des Augenblicks wirken. Der zeitliche Aspekt hat bei meinem biografischen Ansatz eindeutig Vorrang. Insofern nimmt dies Kapitel eine organisierende Stellung ein. Es greift zur Illustration therapeutische Erfahrungen und Ausschnitte aus Krankengeschichten auf.
Im vierten Kapitel stelle ich in zunächst systematischer Form die Früchte vor, die sich als praktisch-therapeutisch anwendbare Erkenntnisse aus einer konsequent biografischen Methode ergeben. Es geht dabei - parallel zum zeitlichen Leitfaden - um den Bezug auf wichtige Andere, der uns in eine Fremdheit uns selbst gegenüber versetzt. Dies Kapitel gibt Antworten auf die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten der Übertragung von Stellvertretungsfunktionen, die zu bestimmten Zeiten in Familien stattfindet: Wo ist der Ort, an dem ein Mangel aus der Vergangenheit einer Familie zur Geltung gelangt, wenn er sowohl intrafamilial als auch transfamilial als übertragene Verantwortlichkeit nachwirkt? Wie findet man diesen Ort, und mit welcher Methode kann man von der Wirkung eines Schulderbes auf den Ort der Schuldentstehung zurück schließen? Thema ist hier eine Rangordnung des leiblichen Bindungsgeschehens, die ich als Stellvertretungsordnung bezeichne.
Das fünfte Kapitel überschreitet den scheinbaren Formalismus des fünften und bietet Ansätze, um sich der besonderen Tragik und Dramatik jener typischen Lebensthemen anzunehmen, die sich als die aus speziellen kindlichen Stellvertretungsfunktionen resultierenden Kernkonflikte der Persönlichkeiten darstellen. Gegenstand sind hier die in ihren Ursprüngen schwierig zu diagnostizierenden und in ihren zähen Symptomatiken schwierig zu behandelnden Komplikationen des leiblichen Stellvertretertums. Diese ergeben sich dadurch, dass die primär spielerische Zuordnung von transgenerational übertragenen Verantwortlichkeiten infolge des Fehlens von primären Stellvertretern allzu früh in einen bitteren Ernst des Lebens umschlägt. Das hat eine Überlastung der ursprünglich liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern zur Folge und führt zu nachhaltigen, zuweilen lebensbedrohlichen, häufig lebenslangen, situationsabhängigen Beschwerdebildern.
Das sechste Kapitel vermittelt einen konkreten Einblick in die spontane Ausprägung und Zuordnung von Stellvertretungsfunktionen. Thema ist deren konstitutive Vergeblichkeit samt den daraus resultierenden symptomatischen Komplikationen der Ohnmacht. Hier wird die räumliche Dimension der Lebensordnungen zum Schwerpunkt der Untersuchung, auch wenn der zeitliche Aspekt nicht verloren geht. In diesem Kapitel wird gleichsam sinnlich nachvollziehbar, wie das gesetzmäßige Scheitern von Stellvertretungsfunktionen sich anfühlt und erlebt wird. Das siebte Kapitel zeigt auch auf, wie die primären transgenerationalen Gebundenheiten sekundär in transfamiliale Bindungen umschlagen und wie auch die letzteren nach phänomenologischen Methoden aufgeklärt werden können. Dies Kapitel illustriert die Ursprünge der Vorstellung, dass die Welt der Leiber eine Welt des Theaters und das Leben ein bloße Bühne sei. Aber doch bleibt es das Ziel meiner Untersuchungen, Wege aus einer Welt des verwirrenden Scheins zu finden. Es soll sich darin zeigen, dass es in ernsten Situationen nicht nur nötig sondern auch möglich ist, innerhalb des Reichs der Lebenden von der Bühne abzutreten.
Der dritte Teil soll das geheimnisvoll Andersartige der biografischen Betrachtungsweise im Zusammenhang darstellen und den Unterschied der dabei ins Auge fallenden Gesetzmäßigkeiten im Vergleich zu physikalischen Gesetzen herausarbeiten. Er wird im siebten Kapitel mit einer kursorischen Rückbesinnung eingeleitet, um zu erkunden, welche Bedeutung dem Tod und den Toten in verschiedenen Entwicklungsstufen bisheriger biografischer Forschung eingeräumt worden ist.
Das achte und letzte Kapitel ist eine kritische Bestandsaufnahme jenes biografischen Wissens, das sich unter Beachtung familialer, transgenerationaler Gebundenheiten ergibt. Die Leitfrage lautet: Wodurch erheben sich Krankengeschichten über jede mögliche naturwissenschaftliche Darstellung von Wirkzusammenhängen? Sigmund Freud hat zwar eine heiße Spur des Leibhaftigen verfolgt, als er mythischen Gestalten, wie Narziss und Ödipus, eine zentrale Bedeutung verlieh. Er hat jedoch mit der psychoanalytischen Triebtheorie die leibliche Haftung in einer Weise ausgeschaltet, als wollte er das theologische Dogma endgültiger Getilgtheit der menschlichen Erbschuld allzu umstandslos bestätigen, indem er es durch materialistische Heuristik ersetzte. Demgegenüber entfalte ich einige Schlussfolgerungen, die sich aus dem biografischen Forschungsansatz für das Schuldproblem ergeben. Würde man das letzte Kapitel des Buches schlicht philosophisch nennen, so wäre ich nicht einverstanden, denn ich teile die Kritik Viktor von Weizsäckers an der philosophischen Tradition: Diese wolle allzu oft ewige Weisheit erlangen, ohne sich dem Leiden am konkreten historischen Prozess der Menschheit zu stellen, und das eben sei nicht möglich.
Alle acht Kapitel kreisen um die Frage nach dem Gesetz, das dem Leben der Menschen vorgibt, was in dieser Welt und in diesem Zusammenleben eines Menschen mit dem Anderen als Ordnung (Kosmos) oder was als Unordnung (Chaos) zu verstehen ist. Die Ordnungsprinzipien von Raum und Zeit lassen sich nicht auf anatomische und physiologische, d.h. auf Kategorien materieller, an sich bedeutungsloser Veränderungen reduzieren, ohne dass die Würde des Lebens, die Schönheit der Welt, die Wahrheit der Geschichte und die Güte des Menschen verloren ginge. Das zu erkennen, ist der Kern der notwendigen Kritik an der Vorläufigkeit bisheriger therapeutischer Terminologien, wie sie aus der Psychoanalyse Freuds direkt und indirekt erwachsen ist. Und die Überwindung dieser falschen Denkrichtung ergibt sich erst dann, wenn die leibliche Teilhaftigkeit des Lebens unter den Gesichtspunkten leiblicher Ordnungsprinzipien erkannt wird. Diese Prinzipien erschließen sich in ihrer symbolischen Tiefe, d.h. gewissermaßen „tiefenpsychologisch“, wenn man sie anhand geschichtlicher Bezüge zwischen den großen Verbindungen und den großen Trennungen im Leben eines jeden einzelnen Menschen wahrnimmt.
Die Fragen, die diesem wissenschaftlichen Programm einer ärztlich orientierten Biografik entsprechen, sind von Viktor von Weizsäcker erstmals mit allem Nachdruck gestellt worden. Er fragte angesichts existenzieller Lebensereignisse, vor allem angesichts von Erkrankungen: „Warum gerade jetzt?“, „Warum gerade hier?“ und „Warum gerade so?“ (Ges. Schriften Bd. 7, 366 ff) Es geht dabei um die Klärung zeitlicher, räumlicher und formaler Ordnungen, die dem inneren und äußeren Frieden dienen. Dieser Frieden nämlich zeigt sich bereits in der Gestalt von Erkrankungen gestört. Und es erweist sich als hilfreich, Erkrankungen überhaupt als Erscheinungen unserer Leibhaftigkeit, der Haftung und der Verhaftetheit unserer Leiber aufzufassen. Darin liegt kein Ansatz zum Bruch naturwissenschaftlicher Gesetze, sondern ein Ansatz zur Vertiefung unseres Verständnisses für die Gesetzmäßigkeit des Lebensstroms, in dem wir uns bewegen, in dem wir zwar treiben und getrieben werden, in dem wir aber auch zu schwimmen, ja sogar zuweilen Grund unter die Füße zu bekommen lernen.
Die drei großen Fragen Weizsäckers betreffen sowohl die beiden formalen Kriterien als auch das inhaltliche Kriterium, um die familienbiografischen Zusammenhänge von schicksalhafter Verstrickung und Krankheit aufzuklären:
Die Frage „Warum gerade jetzt?“ ist zu konkretisieren, indem man sie auf die Relationalität der am Krankheitsgeschehen Beteiligten bezieht und deren Altersrelationen errechnet.
Die Frage „Warum gerade hier?“ ist zu konkretisieren, indem man sie auf die als Stellvertretungsfunktion der am Krankheitsgeschehen Beteiligten bezieht und deren virtuelle Positionen innerhalb der Stellvertretungsordnung ihrer Familien bestimmt.
Die Frage „Warum gerade so?“ ist zu konkretisieren, indem man sie auf die Komplementarität bezieht, die den am Krankheitsgeschehen Beteiligten auferlegt ist, und den nachwirkenden Mangel aufspürt, dessen frustranem Ausgleich die Symptomatik gewidmet ist.
Es ist nicht völlig zu vermeiden gewesen, dass manche Gedanken und Betrachtungen aus den ersten Kapiteln erst im letzten Kapitel in ihrem Zusammenhang und Wert verstanden werden können. Wäre ich umgekehrt vorgegangen, dann hätte ich schon von Anbeginn einen Erfahrungsreichtum voraussetzen müssen, wie er aus meiner Darstellung erst von Kapitel zu Kapitel wachsen soll. Wer jedoch weniger Geduld mit Einzelheiten aufbringt und es vorzieht, vorab logisch zu erkunden, ob die von mir entwickelte Begrifflichkeit genügend Tragfähigkeit aufweist, um überhaupt Erfahrenes in sich zu fassen, der soll sich nicht davon abhalten lassen, mit dem letzten Kapitel zu beginnen. Ein solches Vorgehen birgt eigene Vorteile für das Verständnis. Und vielleicht dient es einer kreativen Auseinandersetzung, dass ich das Ergebnis meiner Spurensuche in aller Kürze den folgenden Ausführungen über das „Leib-Haftige“ bereits hier vorausschicke:
Wenn es aus der Perspektive der menschlichen Kreatur so etwas wie das Grundunrecht unseres Lebens, das Kernproblem der Sünde, gar das Grundübel der Schöpfung, die Wurzel alles Bösen geben sollte, so handelt es sich um die Tatsache, dass ein jeder Mensch zunächst zum Ersatz für andere Menschen geboren zu sein scheint und dann doch darunter zu leiden hat, dass er ebendieser Ersatzfunktion nicht gerecht zu werden vermag. Darin liegt zweifellos eine grundlegende Paradoxie, auf die sich die unschuldige „Schuld“ oder die schuldige Unschuld des menschlichen Lebens gründet. Wie wir damit umgehen, ist das existenzielle Problem, das wir nicht mehr abschütteln können, nachdem wir erst einmal ungefragt gezeugt und geboren sind. Statt uns aber wie Kaninchen zu verhalten und darauf zu starren, als seien wir jenseits von Eden auf die Schlange gestoßen, also statt die Infragestellung unseres Seins als ein Übel zu betrachten, ist es auch möglich, dass wir einander beistehen, um sie gemeinsam als die Ironieunseres Schicksals verstehen zu lernen. Das verlangt freilich Einigkeit im Humor, ist also mit harter Arbeit verbunden.
Wie immer aber diese Arbeit jedem einzelnen von uns gelingt - in jedem Fall ist unser Leben einer unvollendbaren musikalischen Improvisation vergleichbar: Ihre Themen ergeben sich aus dem ungelebten Leben unserer Vorfahren; die Rhythmik ergibt sich aus der zeitlichen Relation unseres jeweiligen Lebensalters zur Lebenssituation der Vorfahren , die Instrumentalisierung aus der Zuordnung zu unseren Stellvertretungsaufgaben; die Komposition folgt dem Prinzip der Komplementarität. Und alles zusammen hat, wie es nun einmal der Improvisation beim Musizieren eigen, etwas traumartig Schlafwandlerisches.
2 Kindheit und Kindschaft
2.1 Vier Kinderszenen
Eine Patientin kam mit einem Säugling, der ein halbes Jahr alt war, zur Therapiesitzung. Das Gespräch kam auf den Vater des Kindes. Sobald sie sich über diesen Mann beklagte, fing es an zu schreien. Das wiederholte sich mehrmals. Ich wies die Patientin darauf hin. Anfangs glaubte sie mir nicht, sondern hielt den zeitlichen Zusammenhang für „zufällig“. Schließlich akzeptierte sie die Übereinstimmung unter großer Überraschung und war auch bereit, meine Deutung anzunehmen. Ich sagte ihr, das Kind ergreife in diesem Raum Partei für den Vater und tue, was er hier nicht tun könne, weil er abwesend sei: Es äußere Protest gegen dessen Abwertung.
Eine andere Patientin kam mit ihrem Sohn im Alter von anderthalb Jahren. Auch in ihrer Ehe gab es Spannungen, und sie erwog die Trennung. Als sie darauf zu sprechen kam, erhob sich das Kind, das zunächst friedlich am Boden gespielt hatte, ging zur Tür des Therapieraums und versuchte, sie zu öffnen und das Zimmer zu verlassen. Ich teilte ihr meine Beobachtung mit und erläuterte sie mit der Bemerkung, anscheinend drücke das Kind auf seine Weise aus: „Bevor der Vater gehen muss, gehe lieber ich.“ Die Patientin war zwar erschrocken, wehrte sich aber nicht gegen diese Deutung, die ihr einleuchtete.
Eine weitere Patientin war mit ihrem ersten Sohn, der schon fast drei Jahre zählte, zur Therapie gekommen. Ich kannte ihn gut und hatte in früheren Sitzungen sein Vertrauen gewonnen. Da ich während der Arbeit, die den Problemen der Mutter galt, zuweilen mit ihm Ball gespielt hatte, kam er sonst gern mit und zeigte sich immer sehr geduldig, wenn sie ihn nicht anderweitig unterbringen konnte. Diesmal war die Situation zum ersten Mal anders. Er quengelte von Anfang an und ließ seiner Mutter keine Ruhe, sondern wiederholte immer von neuem den Wunsch, zum Auto zu gehen und nach Hause zu fahren. Erst nach gut einer halben Stunde änderte sich sein Verhalten von einem Augenblick zum anderen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Patientin entschlossen, ein Problem anzusprechen, das ihr schon lange quälend auf der Seele lag und das sie bislang ausgespart hatte. Kaum war das Problem ausgesprochen, wurde das Kind so friedlich wie gewohnt. Meine Deutung, dass er die Angst der Patientin vor der Eröffnung ausgedrückt habe, fand die Patientin plausibel.
Die nächste Szene will ich ausführlicher schildern: Ein Paar kam wegen erheblicher psychischer Probleme des Mannes zur zweiten Sitzung. Der Anlass einer kürzlichen Eskalation des Konflikts ihrer Partnerschaft war zuvor noch nicht angesprochen worden. Das Paar hatte die beiden Kinder im Alter von sechs und acht Jahren mitgebracht. Als die Sitzung beginnen sollte, erklärten die Eltern den Kindern, dass sie weiter im Wartezimmer spielen sollten, aber doch jederzeit nachkommen könnten. Im Sitzungsraum äußerte ich die Vermutung, dass sie die Kinder beruhigen wollten für den Fall, dass diese angesichts der neuen Umgebung im Wartezimmer Angst bekämen, was sie bestätigten. Daraufhin eröffnete ich ihnen, dass nach all meiner Erfahrung nicht die Angst der Kinder der Grund sein werde, wenn sie kämen, sondern die Angst der Eltern: Die Kinder kommen immer, sobald es Anlass gibt, die Eltern zu schützen. Das Paar nahm meine Bemerkung als Scherz auf, und beide reklamierten einhellig, dass das Wartezimmer ja außer Hörweite liege. Im weiteren Verlauf geschah aber etwas, was sie eines Besseren belehrte:
Ungefähr zwanzig Minuten nach Beginn der Sitzung gab sich der Ehemann plötzlich einen sichtlichen Ruck und kündigte an, er werde jetzt endlich sein Schweigen brechen und über die jüngsten Ereignisse in seiner Ehe reden. Bevor er jedoch beginnen konnte, kamen die Kinder in den Therapieraum und wandten sich ihrer Mutter zu. Ich schaute den Mann an, und er schaute verblüfft zurück. Nachdem die Kinder das Zimmer verlassen hatten, berichtete er, dass seine Frau ihn mit einem gemeinsamen Freund betrogen habe. Die Tochter hatte unmittelbar zuvor eine in Symbole gekleidete Anspielung darauf gemacht. Im weiteren Gespräch wurde immer deutlicher, dass der Mann Augen und Ohren verschlossen hatte gegen die Vorboten des Ehebruchs, ja dass er selbst ein Arrangement getroffen hatte, das wie eine geheime Erlaubnis erschien. Er wehrte sich heftig gegen dies Eingeständnis und war einem empörten Ausbruch nahe, der zum Abbruch der Sitzung hätte führen können, als die Kinder erneut erschienen und sich jetzt ihm zuwandten. Diesmal waren beide Eheleute darin einig, dass es sich weder um blinden Zufall noch um eine im Wartezimmer selbst ausgelöste Angst der Kinder handeln konnte. Tatsächlich waren sie ja beide Male gekommen, als es Anlass zur Sorge um die Eltern gegeben hatte. Danach erschienen die Kinder übrigens nicht mehr, sondern zeigten sich sehr ruhig und waren gewissenhaft darum bemüht, das Wartezimmer in einwandfreiem Zustand zu hinterlassen. So etwas geschieht erfahrungsgemäß nur dann, wenn Kinder mit dem Verlauf einer Sitzung zufrieden sind. Es ist ihre Art, einem Therapeuten ein Kompliment zu machen.
Auch diese Schilderung gibt nur eine von ungezählten anderen Erfahrungen wieder, die jeder Therapeut machen kann, wenn er Eltern und Kinder gemeinsam sieht, und die allesamt den Gedanken nahelegen, dass Kinder sich ganz ähnlich verhalten wie Haustiere: Sie bemühen sich nach Kräften, ihren Eltern zu helfen und etwas Bedeutsames für diese zu tun. Es scheint, als wollten sie im Dienst der Eltern nichts anderes als gut sein und als nähmen sie dabei keine Rücksicht auf ihr eigenes Wohl. Wenn zum Beispiel ein Vater sich mit starken Schuldgefühlen trägt, weil er seinen eigenen Vater verletzt und im Stich gelassen hat, dann erweist sich sein halbwüchsiger erster Sohn als ein Ausbund an Frechheit und als schamloser Provokateur. Schaut man sich die Situation des Mannes an, der als letzter von sechs Söhnen den eigenen Vater verlassen hat, um ins Ausland zu gehen, dann scheint sogar hier eine verborgene „Güte“ im Verhalten des Sohnes auf: Was dieser tut, geschieht vielleicht, um seinem Vater zu geben, was dieser im tiefsten Innern von seinem Vater erwartet, aber nicht bekommen kann. Das wäre ein fünftes Beispiel, das ich aber nicht erlebt, sondern nur einem betroffenen Klienten gegenüber gedeutet habe - mit dem Erfolg, dass dieser Mann eine von seinem Sohn erzeugte unerträgliche häusliche Situation rasch zur Zufriedenheit aller Beteiligten ändern konnte, ohne dafür mehr und anderes zu tun, als liebevoll an seinen eigenen Vater zu denken.
Insbesondere das letzte Beispiel legt einen weiteren Gedanken nahe, der aber für die anderen ebenfalls zutreffend ist: dass Kinder im Dienst ihrer Eltern spontan die Stellvertretung Dritter übernehmen und dass sie Prioritäten setzen, die mit Eigennutz nichts zu tun haben. Der Junge, dessen Frechheit ich seinem Vater als paradoxen Ausdruck von Fürsorge gedeutet hatte und von dem sein Vater in der darauf folgenden Sitzung berichtete, dass er ohne jeden erkennbaren Übergang „wie ausgetauscht“ und ein Muster an Bravheit geworden sei, dieser Junge hatte ja sein gutes Verhältnis zum Vater geopfert, um sich an dessen Schuldgefühlen zu orientieren: Der Enkel hatte mit seiner zur Schau gestellten Bosheit und Unverschämtheit das verborgene Gefühl des Vaters, nicht in Ordnung zu sein und vor dem Großvater nicht bestehen zu können, in einer Weise auf sich genommen - nicht nur, als wäre er anstelle des Großvaters für dies Gefühl verantwortlich, sondern vor allem auch, als wäre er anstelle des Vaters daran schuld.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird die obige Szenerie zum Ausgangspunkt eines dritten Gedankens, der ein wenig tiefer einsteigt und eine gründlichere Prüfung fordert: dass sich im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern das Problem der Verantwortlichkeit auf eine Weise konzentriert, die man vielleicht als Umkehrung, Verwechslung und Infragestellung der Vergangenheit durch die Gegenwart und als paradoxe Hierarchie zu begreifen lernen kann. Daraus würde auch verständlich, was in den Szenen zuvor unmittelbar als kindliche Fürsorge ins Auge gefallen ist.
Im folgenden werde ich zunächst einige Beispiele aus meiner therapeutischen Praxis anführen, anhand derer noch deutlicher wird, was ich meine, und die gewissermaßen darauf drängen, zu prüfen, ob es sich um eine verlässliche Regel handelt oder nicht doch nur um höchst unwahrscheinlich anmutende Seltsamkeiten. Ich beginne mit der biografischen Analyse der Trennungsproblematik eines Paares sowie mit der biografischen Analyse einer Depression, setze aber danach diese Art der Untersuchung mit anderen Beispielen fort.
2.2 Eine Entdeckung und zwei biografische Skizzen
Trennungsproblematik eines Paares
Das erste Beispiel skizziert, wie ich selbst auf diese Zusammenhänge aufmerksam geworden bin: Anfang 1993 kam ein Paar in meine Praxis, weil die Frau das Gefühl hatte, sich vom Ehemann trennen zu müssen, aber nicht sicher genug war, um den Entschluss dazu zu fassen. Sie hatte Skrupel. Bei der Betrachtung des Genogramms (Bowen, 1976), d.h. des therapeutisch aufbereiteten Familienstammbaums beider Partner (s. Abb. 2.1) stieß ich auf die merkwürdige Tatsache, dass sich die Großmutter (mütterlicherseits) meiner Patientin zu dem Zeitpunkt, als der Großvater starb, in demselben Alter befunden hatte wie die Frau jetzt. Nicht genug damit: Auch die Großmutter (mütterlicherseits) ihres Mannes hatte sich in dem jetzigen Alter seiner Frau befunden, als der zugehörige Großvater verschied. In Erinnerung an die Theorie des Fließgleichgewichts, der Homöostase, der transgenerationalen Schuldübertragung und des systemischen Ausgleichs fiel mir ein, dass es sich hier - rein hypothetisch und völlig spekulativ gedacht - um eine Ausgleichsbewegung handeln könne, welche das Paar zu vollziehen sich gedrängt fühlte, ohne eigentlich recht zu wissen, wie ihm geschah. Wenn dies der Fall war, dann hatte ich es mit einer systemisch zu deutenden Dynamik zu tun, die dem entsprach, was nach dem Urteil tiefenpsychologisch ausgerichteter Therapeuten als „das Unbewusste“ zu bezeichnen ist. Das wird unterstrichen durch die Tatsache, dass die Daten der Stammbäume den beiden gar nicht bekannt gewesen war, als sie sie für die therapeutische Arbeit zusammentrugen. Sie hatten sich diese Daten extra anlässlich der Stammbaumerhebung besorgt.
Ich wagte kaum, das Paar darauf aufmerksam zu machen, weil ich nicht wusste, womit ich ihm gegenüber meine Vermutung begründen sollte. Die Deutung lautete, wenn man sie auf den Boden einer spekulativen Idee stellte, folgendermaßen:
Die Enkelin vollzieht, indem sie sich vom Ehemann trennt, im Dienst ihrer Mutter eine rächende Ausgleichsbewegung für das, was die Großmutter aus Sicht der Mutter durch den Tod des Großvaters hatte erleiden müssen. Und der Enkel erleidet, indem er von der Ehefrau verlassen wird, im Dienst seiner Mutter eine büßende Ausgleichsbewegung für das, was sein Großvater der Großmutter angetan hat, als er verstarb. Der Enkel ist in dieser - nach dem Talionsgesetz, d.h. nach dem Prinzip der Rache und der Buße verlaufenden - Umkehr von Geben und Nehmen Stellvertreter beider Großväter mütterlicherseits, wie die Enkelin Stellvertreterin beider Großmütter mütterlicherseits ist.
Schlagartig wird klar, dass es sich hier um keine Kleinigkeit handelt, sondern um zweierlei: erstens um eine Beobachtung von möglicherweise grundsätzlicher und weitreichender Bedeutung, zweitens um ein Problem. Zuerst stellt sich die Frage, ob sich entsprechende Beobachtungen wiederholen lassen und, wenn ja, ob es sich dann um mehr oder weniger seltene Einzelfälle handelt, um besondere Ausnahmefälle also, die darum keiner besonderen Erklärung bedürfen, weil es dafür schon bekannte Erklärungen gibt.
Seit Anfang 1993 achtete ich systematisch auf die Biografien meiner anderen Patienten, auch auf meine eigene und die der mir nahestehenden Menschen, und ich stieß dabei immer wieder auf genau dieselben Phänomene berechenbarer zeitlicher Bezüge, die auf den ersten Blick völlig unerklärlich waren. Und da ich schließlich bei dieser Sichtweise überhaupt keine Ausnahme von der genannten Regelhaftigkeit biografischer Zusammenhänge mehr fand, hieß das: Ich hatte mit einem Problem zu tun, das mich in der Tat in ganz erhebliche, geradezu existenzielle Erklärungsnot brachte. Denn einerseits handelte es sich bei diesen Phänomenen um gesetzmäßige Wirkungen, aber andererseits konnte es sich nicht um die Wirkung bekannter Kräfte handeln. Das war für mich höchst beunruhigend, zumal es nicht um irgendwelche Äußerlichkeiten ging, sondern um das, was uns Menschen im Innersten bewegt.
Was mich allerdings beruhigte, war die Beobachtung der günstigen Wirkung, die mein spontaner Erklärungsversuch auf das Paar gehabt hatte. Es war die in ursprünglicher Frische auftauchende, belebende Erfahrung, dass in einer guten Erklärung ein therapeutisches Prinzip wirksam werden kann. Aber war meine Erklärung denn wirklich gut? Oder erschien sie lediglich einem gutgläubigen Paar gut? - Immerhin hatte ich nicht behauptet, dass es keine andere Erklärung als die meinige geben könne, sondern hatte die meinige lediglich als eine vorläufig denkbare, dabei mit aller Vorsicht zu betrachtende Erklärung angeboten.
Konkret: Ich hatte damals im Gespräch mit dem Paar gesagt, dass man bei der Betrachtung ihrer Familienbiografie den Eindruck gewinnen könne, als seien Mann und Frau nicht von dem bewegt, was sie selbst als gut anerkennen, sondern von Impulsen getrieben, die sich auf ihnen fremde, längst vergangene Mangelzustände beziehen. Die Dinge so zu sehen, erwecke den Eindruck, als seien sie in dem blinden Bestreben, eine Umkehrung des Vergangenen und einen Ausgleich für Unausgeglichenes zu erwirken, nicht ganz bei sich selbst, sondern sozusagen in die Vergangenheit entrückt und außer sich. Aus diesem Grunde zöge ich es vor, die beiden einmal ganz direkt zu fragen, was sie denn tun würden, wenn ein jeder von ihnen sich erlaubte, wirklich bei sich zu sein und nach eigenem Urteil zu handeln bzw. nicht zu handeln
Diese Frage wurde von ihnen nicht im Gespräch beantwortet sondern praktisch gelöst: Sie blieben zusammen. Der Mann klärte einige berufliche Probleme, die er vor sich her geschoben und seiner Frau angelastet hatte. Und die Frau klärte einige Probleme im Umgang mit den Kindern, die sie zuvor ihrem Mann angelastet hatte. Ich bekannte dem Paar gegenüber selbstverständlich, dass ich ganz unsicher sei, ob sich das Leben wirklich so abspiele, wie es mir in diesem Zusammenhang erscheine. Beide griffen meinen Erklärungsversuch aber wider Erwarten zustimmend auf und fanden im Zuge der weiteren Arbeit eine Lösung für ihr Paarproblem, nachdem sie davon entlastet worden waren, einander wechselseitig für jene Gefühle verantwortlich zu machen, die ihnen aus der Vergangenheit ihrer Familien nachhingen.
Ich selbst aber folgerte in den Wochen danach aus den Erfahrungen, die ich in anderen therapeutischen Sitzungen machte: Wenn man beobachtet, dass sich Lebensereignisse immer in dieser oder ähnlicher Weise abspielen, als seien sie - in offenkundigem Gegensatz zu den Lebensinteressen der Beteiligten und blindlings - auf einen virtuellen Ausgleich des längst Vergangenem bezogen, dann muss man die Art und Weise, wie dieser Bezug in Erscheinung tritt, möglichst präzise beschreiben. Nur dann nämlich hat man die Chance, zu einer Erklärung zu gelangen, durch die unser Anspruch auf Vernünftigkeit des menschlichen Gesprächs nicht beleidigt sondern gewürdigt wird.
Ich erinnerte mich in diesem Zusammenhang daran, dass ja kein Mensch weiß, was es mit der Schwerkraft, der wir alle unterliegen, auf sich hat, wie nämlich die Schwerkraft es eigentlich macht, dass wir fallen. Ebenso wenig weiß irgend jemand, wie es eigentlich kommt, dass sich Energie von einer Form in die andere verwandelt. Schließlich weiß auch niemand, warum Masse und Energie ineinander umwandelbar sind. Was wir wissen, hat sich einzig aus genauen Beschreibungen dessen, was wirklich geschieht, ergeben. Und alle Gesetze, die wir aus den Naturwissenschaften kennen, sind lediglich begriffliche Zusammenfassungen unserer Erfahrungen. Das Wunder, dass solche begrifflichen Zusammenfassungen möglich und hilfreich sind, ist selbst nur hinzunehmen, nicht aber in seiner Tiefe zu ergreifen. Vielmehr sind wir in unserem gesellschaftlichen Leben von der Möglichkeit dieses Wunders abhängig und werden von dem Wunder dieser Möglichkeit selbst ergriffen.
Man darf also zurecht sagen, dass wo immer von wirksamen „Kräften“ die Rede ist, im Grunde nur das Gesetz gemeint ist, dessen unumschränkte Geltung wir durch gezieltes Anstellen und Analysieren unserer Beobachtungen zum Bewusstsein gebracht haben. Darum sollte mich auch nichts daran hindern, denselben Weg im Zusammenhang mit biografischen Phänomenen zu beschreiten. Was mich ebenfalls unterstützte, war die Gewissheit, dass keines der durch Beschreibung des wirklichen Geschehens erforschten Naturgesetze am Fortbestand unserer Verantwortung als Menschen etwas geändert hat. Die Entdeckung der Fallgesetze beispielsweise hat bislang noch niemanden gezwungen, fortan beständig auf die Nase zu fallen, sondern nur die Freiheitsgrade unserer Fortbewegungsarten beflügelt. Ganz ähnlich war es ja bei dem Paar gewesen, dem ich meine Deutung ihres Verhaltens angeboten hatte: Es hatte sich fortan die Freiheit genommen, auf einen ohnehin verspäteten, nur neues Scheitern hervorrufenden Ausgleichsversuch zu verzichten und sich stattdessen auf das ihnen Mögliche, vor allem auf das für sie selbst, füreinander und ihre Kinder Gute zu beschränken.
Meine Erfahrungen mit jenem Paar ermutigten mich zur ausdrücklichen Formulierung der Gesetzesannahme, die in jener vorläufigen, hypothetischen Beschreibung des Bindungsgeschehens zum Ausdruck gekommen war. In wenige Worte gefasst, lautet das Gesetz, das ich damals implizit meiner Deutung zugrunde gelegt habe:
Das Paar ist gleichsam mit seiner Bindung unter dem Eindruck des Verlustes der beiden Mütter in die Pflicht genommen, eine Ausgleichsbewegung zu vollziehen, welche dem Unglück in der Beziehung zwischen den beiden Großelternpaaren durch ein umgekehrtes Unglück auf fatale Weise die Waage hält. Der Zwang zum Ausgleich hat seinen tieferen Grund in einem vergangenen Mangel. Die resultierende Ausgleichsbewegung erfolgt blindlings. Und sie wird getragen von bewussten Begründungen, gerechtfertigt von vorgeblichen Motiven, mit Anlässen verknüpft, welche selbst die Gesetzmäßigkeit des Vollzugs jedoch nicht wirklich erklären können sondern nur zu verschleiern vermögen.
Hypothetisch handelte es sich demnach also um ein biografisches Gesetz, das eine dem spontanen Bewusstsein übergeordnete Stellvertretungsfunktion der Nachfahren für ihre Vorfahren regelt und das - wie bei einer Waage - ein Gewicht auf der Seite des Vergangenen durch ein Gegengewicht auf der Seite des Gegenwärtigen schicksalhaft auswiegt. Aus diesem Gesetz der aufwiegenden bzw. aufwiegelnden Stellvertretung folgt ein zeitlich exakt determinierter Druck bzw. Sog, wodurch ein Kind in eine merkwürdige Position verrückt wird: Die damit ausgelöste Bewegung entspricht der Bedeutung, welche dem Kind von seinen Eltern zugewiesen wird. Die Zuweisung erfolgt offenbar unwillentlich, allein durch ein (wiederum nur blindes, aber doch exakt erspürtes) Mangel- bzw. Unrechtsgefühl der Eltern.
Genau genommen, darf man hier gar nicht von einem Gefühl sprechen, sondern nur von einer Gesetzmäßigkeit, die sich unter anderem auch im Wandel der Gefühle, im Auftauchen und Untertauchen von Gefühlen der systemisch Beteiligten offenbart und verbirgt. Die Bedürftigkeit der Eltern nach Ausgleich - in dem Beispiel: die Unrechtserfahrung der Mütter in Bezug auf die Ehe der Großeltern - wirkt als Programm des Lebenslaufs der Kinder, von einigen Autoren als „Skript“ bezeichnet. Die Bezeichnung „Skript“ ist zwar nicht anschaulicher als die üblichere Bezeichnung „Rolle“, aber nicht weniger treffend. Im Grunde besagt sie dasselbe. Denn in der Schriftrolle, die ein Schauspieler in früheren Zeiten vom Autor bzw. Regisseur erhielt, ist seine Funktion im zu spielenden Stück, sind Worte, Taten und Leiden vorschrieben. Bevor aber das Stück aufgeführt ist, bleiben die Charakteristika der vom Schauspieler zu verkörpernden Person verborgen - wie die Schrift in dem zusammengerollten Pergament.
Abb. 2.1: Genogramm des Paares mit Trennungsproblematik
Die erste Graphik (Abb. 1.1) soll die Sogrichtung der Bedürftigkeit der jeweiligen Mütter nach ausgleichender Stellvertretung oder nach stellvertretendem Ausgleich durch die beiden Kinder als Pfeile darstellen. Der Sog, das soll die Graphik hauptsächlich verdeutlichen, wird auf die Ehepartner durch eine Bedürftigkeit ausgeübt, die hier jeweils von einem Vakuum im Leben der betreffenden Mütter ausgeht: vom „ungelebten Leben“ der Großeltern. Mit dieser Formulierung knüpfe ich bewusst an dem Weizsäckerschen Satz an, wonach das „ungelebte Leben das Wirksame“ sei. (Weizsäcker 1967, 249 ff)
Eine so genannte endogene Depression
Einmal gefasst, ließ mich die Idee einer an der Bedürftigkeit der Eltern orientierten Ausgleichsbewegung im Lebensschicksal der Kinder nicht mehr los. Kurz darauf kam ein Patient zu mir wegen einer seit zwei Jahren anhaltenden und in jüngster Zeit stark zunehmenden depressiven Symptomatik: Schlafstörungen, Fühllosigkeit, Initiativelosigkeit, Verstummen, Gefühl der Verlorenheit, Grübeln, Freudlosigkeit, Angst. Seit Jahren leide er unter arteriellem Hochdruck bei Fettleibigkeit. Beruflich fühle er sich seit etwa 5 Jahren überfordert durch eigentlich unerfüllbare Aufgaben im Außendienst einer Versicherung und durch Schikanen seines Vorgesetzten. Vor einigen Monaten sei der ältere Bruder seiner Mutter gestorben.
Der Mann, dessen Stammbaum ausschnittsweise in Abb. 2.2 wiedergegeben wird, war zu jenem Zeitpunkt 47 Jahre alt, verheiratet, hatte eine 18-jährige Tochter und eine 25-jährige Stieftochter aus der ersten Ehe seiner Frau. Er war das einzige Kind seiner Eltern, die 1944 heirateten. Sein Vater (Jahrgang 1900) war 20 Jahre älter gewesen als die Mutter und kurz vor Geburt des Sohnes (1945) aus der Wohnung in Oberschlesien zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt worden. Wie ein heimkehrender Mitgefangener später berichtete, sei er dort 1947 an Typhus verstorben.
Von seiner Mutter hat der Mann erfahren, dass sie selbst bei der Flucht nach dem Westen so entkräftet gewesen sei, dass sie ihren neugeborenen Jungen nicht mehr tragen konnte und auf den Eisenbahnschienen habe liegen lassen. Eine andere Frau habe ihn aufgenommen und dafür gesorgt, dass die Mutter ihn letztlich doch behielt. Die entscheidende, auf der Theorie der Stellvertretung beruhende Deutung der Symptome dieses Falles ist die folgende:
Der Patient verkörpert in seiner Beziehung zur Mutter von Geburt an seinen Vater, deren Ehemann. Diese Stellvertreterfunktion wird durch die kleine Szene, die er - wie beiläufig - in der ersten Therapiesitzung erzählt, bereits deutlich:
Abb. 2.2: Genogramm des Pat. mit „endogener Depression“ (1992)
Nachdem sie den Ehemann verloren hat , weil er von den russischen Soldaten verschleppt wurde, gibt sie im Gegenzug auf der Flucht ihren Jungen verloren. Dieser wird durch eine andere Frau gerettet, was die Mutter als gnädigen Wink des Schicksals auffasst und als Zeichen, dass sie doch nicht auf alles verzichten muss, was sie mit ihrem Mann verbindet. Sie lebt anschließend mit ihren Eltern zusammen und heiratet nicht mehr. Der Patient. lebt während der ersten 47 Jahre seines Lebens das ungelebte Leben seines Vaters. Er tut dies für seine Mutter und anstelle seines Vaters, also in gewissem Sinne auch für den Vater. In einem Alter, in dem der Vater verschleppt wurde, beginnt plötzlich seine Depression, für die er keine Erklärung findet und für die es auch keine Erklärung aus den Lebensumständen des Patienten gibt. Was er selbst als Grund betrachtet, zeigt sich bei näherem Hinsehen als unspezifisch, denn seine berufliche Unzufriedenheit ist wesentlich älter als die Symptomatik. Ein Psychiater alter Schule wäre also schon zu diesem frühen Zeitpunkt gezwungen gewesen, eine sog. „endogene“ Depression zu diagnostizieren und eine „Therapie“ mit Antidepressiva zu beginnen. Das befürchtete dieser Mann jedenfalls und überspielte seine Beschwerden mit großer Energie und Beharrlichkeit.
Zwei Jahre später jedoch, in einem Alter, in welchem der Vater starb, nimmt seine Depression einen Schweregrad an, den der Pat. mit den Worten kennzeichnet, er fühle sich „wie tot“, und vor dem er seine Waffen strecken muss. Die äußeren Lebensumstände sind auch noch nicht geeignet, diese Depression zu erklären; keineswegs erklären sie nämlich deren Verschlimmerung zu ebendiesem Zeitpunkt.
Was ich seinerzeit infolge mangelnder Übung in der Krankengeschichte noch gar nicht gesehen, bei der nachträglichen Betrachtung aber sogleich entdeckt habe, ist der folgende Zusammenhang: Fünf Jahre zuvor, als die übermäßige Belastung des Pat. begann und als er erstmals Anlass zu Klagen hatte, war seine Stieftochter so alt wie sein Vater bei der Geburt seiner Mutter. Und bei Ausbruch der schweren Depression war die Stieftochter so alt wie seine Mutter bei seiner eigenen Geburt bzw. bei der Verschleppung des Vaters. Hier liegen tiefere Verstrickungen, die auf eine besondere Dynamik des im Patienten wirksamen Verhältnisses zwischen den Eltern verweisen. Solchen würde ich - im Unterschied zu damals - inzwischen nachspüren. Auf den ersten Blick aber ist erkennbar, dass der Bruder der Mutter gestorben ist, als der Sohn mit 47 Jahren genau so alt ist wie der Vater (also der Ehemann der Mutter) bei dessen Tod. Die Depression ist aus dieser Sicht auch als seine „Unfähigkeit“ zur Unterscheidung zwischen dem Vater und dem Onkel zu deuten. Immerhin diente der Onkel seiner Mutter als ein anderer, nämlich erwachsener Stellvertreter des Vaters.
Der Patient betonte ausdrücklich, dass er seine Frau und seine Tochter liebe, und dass er auch seine Stieftochter sehr gern möge. Und es fiel ihm selbst auf, dass die beruflichen Schwierigkeiten schon ein Stück älter waren als seine Beschwerden. Diese ließen jedoch schlagartig binnen Tagen nach, als er sich von dem Schock der Konfrontation mit meiner Deutung, d.h. mit der bewussten Erinnerung an den Tod seines Vaters sowie an den Schmerz und Verlust, der das Schicksal seiner Mutter bestimmt hat, erholte. Es war freilich noch einige therapeutische Arbeit erforderlich, um ihm zu einem stabilen inneren Gleichgewicht zu verhelfen.
2.3 „Semantische Felder“ als „Kraftfelder“ leiblicher Bindung
Wenn wir tatsächlich annehmen dürfen, es handelte sich sowohl bei den anfangs geschilderten Kinderszenen als auch bei den zuletzt wiedergegebenen zwei Krankengeschichten um Beispiele für die Wirkung einer Gesetzmäßigkeit, dann ließe sich das zugehörige Gesetz in weiterer Annäherung versuchsweise folgendermaßen formulieren:
