Familienplanung 2.0 - Wolfgang Oelsner - E-Book

Familienplanung 2.0 E-Book

Wolfgang Oelsner

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Beschreibung

Dank Samenspende, Eizellspende oder Leihmutterschaft halten immer mehr Paare und Singles das lang ersehnte Kind schließlich doch noch in den Armen. Ende gut, alles gut? Fraglich. Nicht weil hierzulande nicht alles erlaubt ist, sondern weil manches noch nicht hinreichend durchdacht ist. Die Auflösung der genealogischen Ordnung befreit von manchem, belastet aber mit anderem. Es macht etwas mit der Identität des Kindes, wenn seine Herkunft in biologische, genetische, soziale und rechtliche Anteile zerfällt. Auch die Binnendynamik einer Familie bleibt von der Entkoppelung tradierter Eltern-Kind-Konstellationen nicht unberührt. Elternliebe macht vieles wett. Doch eines Tages werden die Kinder nach den Elternanteilen weiterer, meist unbekannter Menschen fragen. Was macht das im Zusammenleben und bei der Identitätsfindung? Auf der Basis langjähriger Berufspraxis spannen die Autoren einen kulturanthropologischen Bogen und hinterfragen aktuelle gesellschaftspolitische Ambitionen sowie den noch dürftigen Forschungsstand.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wolfgang Oelsner/Gerd Lehmkuhl

Familienplanung 2.0

Identität in Zeiten sich auflösender biologischerVerwandtschaftsbeziehungen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Art Furnace/shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99399-7

Inhalt

Einleitung: Warum ein kritischer Blick, wenn doch alles in Ordnung ist?

I Was treibt die Frage nach der Herkunft an? – Blutsbande, Urbedürfnis, Konstrukt?

»Doing family« – Familiengründung ohne Blutsbande

»Weltbürger« – in einem neuen Sinne gezeugt

Die genealogische Ordnung – ist sie noch ein Kulturgut?

Was sagt die Forschung?

Nachkommenschaft ist mehr als Biologie. Aber Biologie ist sie auch

• Literarischer Exkurs 1: Eine Irritation des kleinen Goethe als typisches Beispiel kindlicher Herkunftsfantasien

• Literarischer Exkurs 2: Dani Shapiros »Inheritance« – die Anstrengung einer späten Aufdeckung

Die Frage nach Herkunft als menschliche Konstante

II Die Entmachtung des Schicksals befreit von manchem, belastet aber mit manch anderem

Erzwingen oder Geschehenlassen?

Wenn das Schicksal als Narrativ entfällt

• Literarischer Exkurs 3: Saša Stanišić und andere über Herkunft, Identitätsstress und transgenerationale Dynamik

Parentifizierung – ein Fallstrick in der Entwicklung

III Im Dilemma der Reproduktionsmedizin spiegelt sich das Dilemma der Gesellschaft

Ein interdisziplinäres Cross-over: Wohin geht die Reise?

»Josef-Väter« – ein Missverständnis zwischen Ärgernis und Heiligsprechung

• Literarischer Exkurs 4: Annette Mingels’ »Was alles war«

Wiederkehr der vaterlosen Gesellschaft?

Leihmutterschaft – zwischen Altruismus und kognitiver Dissonanz

• Literarischer Exkurs 5: Carl Zuckmayers Wutrede des Generals Harras – oder: Welcher Stammbaum ist schon echt?

Gelingende Beziehungen stehen am Ende eines Prozesses. Über Ziele und Wege beim Herkunftspuzzle

IV Sachanhang

Methoden und Begriffe in der Reproduktionsmedizin sowie rechtliche Aspekte – ein Überblick

Literatur

Einleitung: Warum ein kritischer Blick, wenn doch alles in Ordnung ist?

Leben kann in unzählig verschiedenen Konstellationen gelingen. Und Kinder können in sehr unterschiedlichen Beziehungen und Familienformen gedeihen. In Deutschland wächst heute jedes vierte Kind bei einem Elternteil auf, mit dem es biologisch nicht verwandt ist. Die Gründe dafür müssen nicht immer von allen Beteiligten gewollt und nicht für jeden schön sein. Aber leben, auch gelingend leben, lässt sich mit vielem. Dass es oft anstrengend ist, ist kein Widerspruch.

In diesem Buch geht es um entkoppelte Eltern-Kind-Konstellationen. Entkoppelt deshalb, weil bei ihnen getrennt ist, was traditionell zusammengehörig gedacht wird: biologische, genetische, soziale und rechtliche Elternschaft. Wenn elterliche Anteile auf mehr als die Zweierkonstellation einer Mutter und eines Vaters verteilt sind, wird das in der Fachliteratur unter anderem als »Familie mit multipler Elternschaft« (Bergold, Buschner, Mayer-Lewis u. Mühling, 2017) beschrieben.

Einst begründeten vorwiegend Schicksalsschläge solche Entkoppelung, etwa der Tod eines Elternteils. Nach Wiederheirat entstand eine sogenannte Stieffamilie. Heute sind Trennung und neue Verpartnerung die häufigste Ursache. Zunehmend gründet die Entkoppelung auch in der gezielten Entscheidung für Methoden der Reproduktionsmedizin. Sie stehen im Fokus dieses Buches.

Genauer gesagt geht es um jene Sparten der Reproduktionsmedizin, die eine Lebens- und Familienplanung jenseits biologischer Vorgaben und genealogischer Tradition ermöglichen. Dazu gehören Fremdsamenspende, Eizellspende und Leihmutterschaft. Anteile von Elternschaft spalten sich hier auf in genetische, biologische, soziale und rechtliche. Anders – und nicht Thema dieses Buches – ist die Konstellation, wenn bei Fruchtbarkeitsbehandlungen mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) und Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) außerhalb des Körpers in der »Petrischale« alle genetischen Anteile von einem Elternpaar stammen.1

Die vielfältigen reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten finden in Gesellschaft und Rechtsprechung wachsende Akzeptanz. Wir sehen solch liberale gesellschaftliche Entwicklungen als Fortschritt. Allerdings mahnt unsere berufliche Erfahrung mit Familien in Psychotherapie und Psychiatrie, mehr im Blick zu behalten als nur die gesellschaftliche und rechtliche Dimension von Möglichkeiten. Denn die neuen Familienkonstellationen beanspruchen von den Beteiligten auch erhebliche psychische Energien. Der Blick darauf ist nach unserem Eindruck oft blauäugig oder zu kurz. Dieses Buch will ihm Raum geben.

Auch unser Buch »Spenderkinder« (Oelsner u. Lehmkuhl, 2016) warf einen kritischen Blick auf neue Eltern-Kind-Konstellationen. Im Fokus stand die seit Jahrzehnten praktizierte Familiengründung durch anonyme Samenspende. Wir sprachen mit jungen Erwachsenen, die einst durch Fremdsamenspende gezeugt worden waren und sich nun im Verein »Spenderkinder« organisieren. Sie sehen ihre Zeugungsmethode kritisch. Wir können das nachvollziehen, erkennen wir doch etliches aus der uns gut vertrauten Dynamik bei Adoption wieder.

Die publizierte Wiedergabe und Kommentierung unserer Gespräche mit »Spenderkindern« stieß auf Widerspruch bei Befürwortern dieser Zeugungsmethode. Vermutlich werden sie, ebenso wie Verfechterinnen und Verfechter einer Legalisierung von Leihmutterschaft und Eizellspende, auch an diesem Buch Anstoß nehmen. Sein kritischer Blick wird möglicherweise als Polemik missverstanden. Die ist nicht beabsichtigt. Vielmehr halten wir der Euphorie eines »anything goes« Fragen und Nachdenklichkeit entgegen.

Wem stünde es zu, den Wunsch nach Kindern und Familiengründung zu werten? Lebensplanung und Fortpflanzungsfreiheit sind unantastbare Rechtsgüter. Und dass Familienbande auch ohne genealogische Eindeutigkeit gelingen können, wird seit Jahrhunderten bewiesen. Ihr Scheitern allerdings auch.

Unser kritischer Blick gilt einem »Kinderwollen um jeden Preis«. Zu kritisieren ist nicht das Wollen, sondern das Ausblenden eines Potenzials von Irritationen, Verletzungen und Zweifeln infolge der Bedingungen und Konsequenzen, unter denen die Wunscherfüllung ermöglicht wird. Zweifel sind nicht das Thema der Reproduktionsmedizin. Es ist auch nicht Aufgabe von Werbung, das eigene Produkt infrage zu stellen. Und um werbende Aspekte geht es auf den »Kinderwunschtagen«, die unter dem Etikett »Information und Aufklärung« seit 2016 in deutschen Großstädten messeähnlich veranstaltet werden.

»Kinderwollen um jeden Preis« ist nicht nur im Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin kritisch zu sehen. Auch in Partnerbeziehungen, die biologisch völlig unkompliziert zu Kindern kommen können, liegt im »um jeden Preis« ein Fallstrick. Manchmal kommt erst nach Jahren zur Sprache, dass vor der Schwangerschaft nicht immer Einklang über den Kinderwunsch bestand. Wenn Paare sich gegenseitig etwas »abtrotzen« oder gar nett verpackt »abtricksen«, hinterlässt das Spuren in der Beziehungsdynamik. Mitunter zeigt sie sich später im Verhalten des Kindes.

In unseren Augen gerät der kritische Blick auf die Folgedynamik einer medizinisch assistierten multiplen Elternschaft zu kurz. Eva Maria Bachinger formuliert in ihrer Streitschrift »Kind auf Bestellung« krasser: »Ich frage mich, ob wir noch bereit sind zu hinterfragen, wohin sich eine Medizin entwickelt, die wie ein Supermarkt auftritt mit Angeboten für alle Kundenwünsche« (Bachinger, 2015, S. 84).

Natürlich ist es kein Störungsbild, Kind einer multiplen Elternkonstellation zu sein. Weder lassen sich davon spezifische Symptome ableiten, noch begründet die Konstellation eine Indikation zur Therapie. Weder wegen der Zeugungsart eines Kindes noch »wegen der Adoption«, wurden wir als Therapeuten je konsultiert. Ohnehin wäre es unredlich und platt, bei psychischen Prozessen pauschale Kausalitäten von Ursache und Wirkung zu propagieren. Erst recht, wenn es um Identitätsfindung geht.

In den Gesprächen mit jenen, die einst per anonymen Spendersamen gezeugt wurden, hörten wir die Metapher vom »fehlenden Puzzlestein, der das Mosaik erst zum ganzen Bild macht«. Wir hörten von »Leerstellen«, von einem »Fremdheitsgefühl«, einer »Silhouette ohne Gesicht« oder vom »fehlenden Schlüssel für bestimmte Räume im Haus meines Lebens« (Zitate von »Spenderkindern« aus Oelsner u. Lehmkuhl, 2016, S. 237). Es gibt keinen Grund, erst recht keinen Automatismus, solche Äußerungen in einen pathologischen Kontext zu stellen. Dass sie aber von Lücken im Wissen über die eigene Herkunft zeugen, kann nicht ignoriert werden.

Ob solcherart Lücken integriert und bewältigt werden oder ob sie sich in Symptomen manifestieren, hängt von vielen individuellen Einflüssen ab. Dass Kinder der Reproduktionsmedizin Wunschkinder sind, ist ein stabilisierender Faktor. In der Regel wachsen sie gut gefördert ins Leben hinein. Das erhöht ihre Resilienz. Auch Adoptivkinder sind ihren neuen Eltern willkommen. Gleichwohl ist das Konfliktpotenzial dieser Konstellation in bestimmten Lebensphasen geradezu typisch und in der Literatur hinlänglich beschrieben.

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist schwer auszuhalten. »Kinderwunschtage« nach dem Modell von Verbrauchermessen antworten auf die schmerzvolle Sehnsucht mit medizinischem Know-how. Wegen des Werbeverbots kaschieren sie Methoden, die nur im Ausland erlaubt sind (derzeit Eizellspende, Leihmutterschaft), als Information. Wunscheltern, die sich hier Tipps und Adressen holen, sind enttäuscht und empört, wenn der Staat ihnen Begrenzungen, gar Verbote setzt. Zusätzlich zu den finanziellen Belastungen sehen sie ihren psychischen Schmerz noch durch rechtliche Hürden potenziert.2

Unser Buch kann und will sich hier nicht juristisch positionieren. Aber es will zum kritischen Blick anregen, und zu einer Haltung, die in kulturell gewachsenen Bedenken und juristischen Schwellen nicht allein Eingrenzung und Bevormundung sehen will. Natürlich stört jeder Einwand beim Erreichen eines begehrten Ziels. Doch in der Verzögerung liegt auch eine Chance, dem Blick auf die oft ambivalenten Seiten einer Sehnsuchtserfüllung mehr Raum zu geben.

Wir stellen den reproduktionsmedizinisch assistierten Eltern-Kind-Konstellationen das tradierte Familienmodell nicht wertend gegenüber. Ein Garant für gute Verhältnisse ist Blutsverwandtschaft3 keineswegs. »Leibliche Kinder« können unter durchaus scheußlichen Umständen gezeugt, geboren und erzogen werden. Und zu behaupten, nur eine sozial wie biologisch identische Elternschaft könne Kinder zum Lebensglück führen, wäre ignorant, gar boshaft gegenüber längst etablierten Varianten. »Patchwork« ist die geläufigste.

Vielleicht propagiert eine diverse Gesellschaft eines Tages eine Rückkehr zu tradierten Eltern-Kind-Konstellationen.4 Sofern nicht autoritäre, antiliberale Motive Ursache dafür sind, sähe sich die genealogische Idee als anthropologische Konstante bestätigt. Vielleicht aber entlarvt sich das tradierte genealogische Verständnis – ähnlich, wie Sigmund Freud über die Religion befand – als eine »Illusion«. Vielleicht erweist es sich als Konstrukt einer Projektion, als ein Durchgangsstadium der Menschheitsentwicklung. Dann mag »der neue Mensch« schmunzeln über den »kritischen Blick« dieses Buches und die Grenzen seiner Zeit.

Schon heute rufen viele mit einem Klick aus Datenbanken das Genogramm ihres Erbmaterials ab. Die aktuell noch beklagten »Lücken« werden sich schließen. Gesetzesanpassungen wie das seit 2018 geltende Samenspenderregistriergesetz (SaRegG) und weitere politische Initiativen werden die Anonymität zunehmend aufheben. Bleibt die Frage, wie »der neue Mensch« die Kenntnis seiner multiplen genetischen Mitgift in seine Identitätsfindung integriert. Wird die Bedeutung dessen, was wir unter Identität verstehen, dann eine andere sein?

Der Philosoph Peter Sloterdijk (2014) sieht ein Verschieben der Koordinaten, wenn von Herkunft und Familie die Rede ist. Der große molekularbiologische Fortschritt berge das paradoxe Phänomen einer schleichenden Entfremdung und Identitätsdiffusion in sich. Er sieht die prekär gewordenen genealogischen Fäden immer weiter ausdünnen: »Vom Abstammen kein Wort mehr« (Sloterdijk, 2014, S. 467). Die in New York praktizierende Psychoanalytikerin Christine Anzieu-Premmereur meint, die neuen Formen der Familienstruktur werden »uns dazu zwingen, die unbewusste Bedeutung von Herkunft, Sexualität, Fortpflanzung und Abstammung in der Familiengeschichte sowie ihr gesamtes symbolisches System, das von nun an zutiefst gestört ist, neu zu überdenken« (Anzieu-Premmereur, 2020, S. 59).

Das Ergebnis dieses Überdenkens wird unserem Buch ein »Haltbarkeitsdatum« setzen. Noch können wir ein Verfallsdatum nicht erkennen. Noch erreichen uns in Beratung und Therapie die Irritationen, die Selbstzweifel und Identitätsfragen von Menschen, die das Puzzle ihrer Herkunft moralisch und politisch durchaus in Ordnung finden. Die auch die Entscheidung ihrer – multiplen – Eltern respektieren, deren Liebe und Förderung würdigen. Und dennoch nagt in ihnen etwas. Mal sind es Leerstellen, mal hybride Fantasievorstellungen.

Noch sehen wir in der Praxis, was Peter Sloterdijk (2014, S. 268) über »Kinder, die aus anonymen Samenbanken bezogen werden«, meint: Auch die »Kinder von etwas« bleiben bis auf Weiteres »die Kinder von jemand«.

1   Diese Methoden sind heute unspektakulärer Teil der Lebenskultur. In Deutschland kamen 2020 mit ihrer Hilfe weit über 20.000 Kinder zur Welt. Das waren mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor.

2   Im April 2019 sprach ein Urteil des BGH einer Wunschmutter, die ihr Kind von einer anderen Frau austragen ließ, die rechtliche Mutterrolle ab. Mutter kann nach deutschem Recht nur die Frau sein, die das Kind geboren hat. Im erwähnten Fall war dies, da Leihmutterschaft hierzulande verboten ist, die Frau im Ausland. Sie hatte sich die befruchtete Eizelle des »Besteller-Elternpaares« einpflanzen lassen und den Fötus bis zur Geburt ausgetragen. Die Frau, von der die im Labor befruchtete Eizelle stammte, war zweifelsfrei die genetische Mutter und selbstverständlich übernahm sie auch die Rolle der sozialen Mutter. Doch ihre rechtliche Mutterschaft konnte sie nur im Rahmen einer Adoption reklamieren. Mehr hierzu im Kapitel »Leihmutterschaft – zwischen Altruismus und kognitiver Dissonanz«.

3   Wir behalten hier den umgangssprachlichen Begriff »Blutsverwandtschaft« bei. Das Bürgerliche Gesetzbuch in Deutschland spricht nur von »Verwandtschaft«, meint damit aber Blutsverwandtschaft.

4   Im aktuellen Diskurs um andere Lebensbereiche, Klimakrise und Impfpflicht in Pandemiezeiten stellt der Soziologe Andreas Reckwitz fest: »Die historische Phase der schrankenlosen Liberalisierung, die in den 1970er-Jahren ansetzte, scheint an ein Ende zu kommen« (Reckwitz, 2021, S. 6).

I    Was treibt die Frage nach der Herkunft an? – Blutsbande, Urbedürfnis, Konstrukt?

»Doing family« – Familiengründung ohne Blutsbande

Je nach reproduktionsmedizinischer Konstellation übernehmen bis zu fünf Erwachsene elterliche Teilfunktionen für ein Kind. Was vor wenigen Jahren noch utopisch klang, ist auch jetzt noch kein Massenphänomen. Doch für hiesige Familiengerichte, für Adoptionsstellen, manchmal auch Jugendämter sind solche Konstellationen seit den 2000er Jahren zunehmend Alltagsfälle, wenn Eltern-Kind-Verhältnisse in legale Bahnen gelenkt werden sollen, die mittels hierzulande unerlaubter reproduktionsmedizinischer Hilfen zustande kamen. Die Fachliteratur diskutiert die Konstellationen unter Begriffen wie »multiple«, »pluralisierte«, »fragmentierte« oder »segmentierte Elternschaft« (Bergold et al., 2017; Schwab u. Vaskovics, 2011). Verbunden mit weiteren Aspekten von Diversität finden sie vermehrt gesetzliche Verankerung.

Familiengründung als Herstellungsleistung

Die praktischen und rechtlichen Möglichkeiten, eine Familie zu gründen und Nachwuchs zu bekommen, sind inzwischen sehr variantenreich. Die erwähnten fünf Elternteile beispielsweise rekrutieren sich aus der Eizellspende einer bekannten oder unbekannten Frau, die nicht die Mutter sein wird, sowie der Samenspende eines bekannten oder unbekannten Mannes, der nicht der Vater sein wird. Die im Labor befruchtete Eizelle wird einer Leihmutter eingesetzt, die das Kind austrägt und es nach der Geburt den auftraggebenden Wunscheltern überlässt. Zugegeben, eine (noch) nicht sehr verbreitete und in Deutschland (noch) verbotene Konstellation. Sie ist aber durchaus Realität und wird nicht nur von Prominenten praktiziert, worüber Medien häufig berichten. Wenn möglich, sind Paare durchaus bemüht, zumindest von einem Elternteil eigene genetische Substanz (Eizelle oder Sperma) einzubringen.

Ebenso wie multiple Beziehungskonstellationen zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz finden (»Ehe für alle« 2017), etabliert sich auch Elternschaft jenseits der Tradition eines (verheirateten) Paares, das mit den Geschlechtsidentitäten Mann und Frau Vater und Mutter eines ihm genetisch verwandten Kindes ist. Nachkommenschaft wird in postmodernen Gesellschaften mehr und mehr als bewusste »Herstellungsleistung von Familie« (Bergold et al., 2017) verstanden.

Methoden der Reproduktionsmedizin ermöglichen eine Elternschaft durch die genetische oder biologische Mitwirkung eines Menschen, dem von vornherein keine Elternrolle zugedacht wird.5 Samen-, Eizell-, Embryonenspende und Leihmutterschaft wurden jahrzehntelang in Dunkel- und Grauzonen praktiziert. Inzwischen sind die Methoden in etlichen Ländern legalisiert.

In Deutschland ist derzeit nur die Heterologe Insemination (»Samenspende«) erlaubt.6 Wahrgenommen in unbekannter Zahl wird jedoch die gesamte Palette reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten. Auf »Kinderwunschtagen«7 wird über sie informiert. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim sieht einen »schnell expandierenden Kinderwunsch-Tourismus, ein internationales Geschäft mit hohen Zuwachsraten« (Beck-Gernsheim, 2014, S. 12).

»Die Reproduktionsmedizin gehört zur heutigen Lebenskultur«, konstatiert der Psychoanalytiker Geert Metzger (2017, S. 262). Und Andreas Bernard, der das Standardwerk »Kinder machen« vorlegte, stellt heraus, dass der einst dominierende eugenische Gedanke völlig verschwand zugunsten der Erweiterung menschlicher Fortpflanzungsmöglichkeiten: »Die assistierte Empfängnis praktiziert heute unbeschwerte Fortpflanzungshygiene, Eugenik ohne Eugenik« (Bernard, 2014, S. 119).

Weniger Adoptionen, mehr Fremdsamenspenden

Die Adoption als tradierte Alternative einer Kinderwunscherfüllung ist von abnehmender Bedeutung. Laut Statistischem Bundesamt sank in den letzten dreißig Jahren die Zahl der registrierten Adoptionsbewerberinnen und -bewerber erheblich. 2019 bewarben sich nur noch 4280 Paare, 1991 waren es fünfmal so viele. Mit rund 3700 werden aktuell auch nur noch halb so viele Kinder gegenüber 1991 adoptiert, wovon zwei Drittel Stiefkind- oder Verwandtenadoptionen sind.

Die mit jährlich rund 1200 angegebene Zahl von Kindern aus Fremdsamenspende überholt inzwischen die Zahl von Fremdadoptionen, worunter landläufig »echte Adoptionen« verstanden werden. Rechnet man die Dunkelziffern von Kindern aus hierzulande unerlaubten Eizell-, Embryonenspenden und Leihmutterschaft hinzu, liegt die »klassische« Adoption weit hinter den Kindern aus der Reproduktionsmedizin, wenn es um Familiengründung trotz Unfruchtbarkeit geht.

2016 stellte der Deutsche Juristentag fest, dass »die klassische Ehe«, familienrechtlich zwar noch das Leitbild prägt, dieses sich aber immer weniger mit der sozialen Realität deckt (Brudermüller u. Seelmann, 2018, S. 5). In der Gesellschaft wächst die Akzeptanz medizintechnischer Möglichkeiten zur Kinderwunscherfüllung. »Fortpflanzungsfreiheit, das heißt, die Freiheit, allein oder im Verbund mit einem Partner/einer Partnerin darüber zu entscheiden, ob, wann und wie jemand sich fortpflanzen will, (ist) ein fundamentales Recht«, argumentierte Claudia Wiesemann bei einer Anhörung im Deutschen Ethikrat (2015, S. 22).

Schwangerschaft dank Spendersamen, die donogene oder heterologe Insemination, hat eine lange Tradition. 1884 erstmals medizinisch nachweislich praktiziert, gilt die Methode in Deutschland erst seit 1970 nicht mehr als »standesunwürdig« (Taupitz u. Boscheinen, 2018, S. 14). Anonym, wie jahrzehntelang betrieben, darf der Spender seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs von 20158 nicht mehr sein. Die Daten der jeweiligen Samenbank oder Arztpraxis müssen laut dem seit 2018 geltenden Samenspenderregistriergesetz (SaRegG; Bundesgesetzblatt, 2017) dem zentralen Register beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) gemeldet und dort 110 Jahre aufbewahrt werden. Das lebenslange Auskunftsrecht des Kindes leitet sich aus dem vorrangigen Persönlichkeitsrecht ab und kann nicht durch Widerspruch des Samenspenders verwehrt werden.

Das neue Gesetz regelt viel, aber längst nicht alles.9 Vor allem findet es nur bei medizinisch assistierter Samenspende Anwendung, also wenn hiesige Praxen und Samenbanken einbezogen sind.10 Künstliche Befruchtung steht in Deutschland zwar unter Arztvorbehalt, wird jedoch außerhalb von Praxen in vielen privaten Varianten praktiziert.

Geschätzt leben in Deutschland derzeit über 110.000 »Spenderkinder«, vorwiegend noch aus heterosexuellen (Ehe-)Partnerschaften. Seit neue Formen von Partnerschaften und Singleverhältnissen gesellschaftliche Akzeptanz finden, wird der Anteil der bislang auf jährlich deutlich über tausend geschätzten Neuzugänge größer.

Bis Ende des vorigen Jahrhunderts galten weniger als 10 % dieser Kinder über ihre Zeugung als aufgeklärt (Golombok et al., 1996, 2002). Jüngere Befragungen weisen steigende Aufklärungsraten aus, etwa rund 40 % (Casey, Jadva, Blake u. Golombok, 2013). Absichtsbekundungen, »Spenderkinder« über die Art ihrer Zeugung früh aufzuklären, werden in jüngerer Zeit von der Deutschen Vereinigung von Familien nach Samenspende mit ca. 70 % angegeben (Brügge u. Simon, 2017, S. 16). Wie viele der Absichten tatsächlich umgesetzt werden, ist nicht bekannt.

In Deutschland illegale, aber im Ausland genutzte Praktiken

Nationale Begrenzungen hindern wohlhabende, mobile und global agierende Gesellschaften nicht, zu machen, was medizinisch möglich ist. Strafbar machen sich nach deutschem Recht die Behandelnden, nicht die Eltern, wenn sie einen Kinderwunsch mittels einer hierzulande verbotenen Eizell- oder Embryonenspende oder auch Leihmutterschaft erfüllen. In den zuständigen deutschen Behörden häufen sich Anträge auf Adoption von Kindern, die per Leihmutterschaft im Ausland geboren wurden.11 Hierzu zählt die eingangs geschilderte Konstellation von fünf Personen, denen genetisch, biologisch, sozial oder/und gesetzlich elterliche Teilfunktionen zukommen.

Den Weg über eine »Stiefkindadoption« gehen derzeit auch noch Frauen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, wenn sie ihre Eizelle von ihrer Lebenspartnerin austragen lassen. Denn nach deutschem Recht kann nur die Gebärende als Mutter anerkannt werden. Ein nicht zur Abstimmung gekommener Entwurf eines Gesetzes zur Reform des Abstammungsrechts sah vor, dass die Frau, die mit der Mutter verheiratet ist, als Mit-Mutter automatisch eine rechtliche Elternstellung erlangt (BMJV, 2019). Der Koalitionsvertrag jener Parteien, die seit Ende 2021 die deutsche Bundesregierung stellen, greift den politischen Willen zu einer entsprechenden familienrechtlichen Veränderung mit Erweiterungen wieder auf: »Wenn ein Kind in die Ehe zweier Frauen geboren wird, sind automatisch beide rechtliche Mütter des Kindes, sofern nichts anderes vereinbart ist. Die Ehe soll nicht ausschlaggebendes Kriterium bei der Adoption minderjähriger Kinder sein« (Koalitionsvertrag 2021–2025, S. 101). »Jenseits von Liebesbeziehungen oder der Ehe« heißt es dort, sollen unter dem Begriff »Verantwortungsgemeinschaft […] zwei oder mehr volljährige[n] Personen […] rechtlich füreinander Verantwortung […] übernehmen« (S. 101). Im Anhang skizzieren wir weitere Begriffe der Reproduktionsmedizin, rechtliche Aspekte sowie Eltern-Kind-Konstellationen von »doing family«.

»Weltbürger« – in einem neuen Sinne gezeugt

Familienzugehörigkeit, Stammbaum, Herkunft – die Alltäglichkeit der Begriffe täuscht ein Selbstverständnis vor, als sei von Konstanten die Rede. Auch die damit verbundenen Vorstellungen, Gedanken, Gefühle scheint es immer schon gegeben zu haben und auch zukünftig zu geben. Tatsächlich aber lehrt schon flüchtige Kenntnis von anderen Epochen den Wandel dessen, was Menschen und Kulturen Zugehörigkeit und Herkunft bedeuten.

Nicht nur die Familienverhältnisse selbst waren einst sehr viel anders als heute, sondern auch ihr Stellenwert, ihre Bedeutung für den Einzelnen und für die jeweilige Gesellschaft. Familiäre Beziehung und Eltern-Kind-Bindung wurden längst nicht immer so hoch bewertet, wie dies heute vor allem in den westlichen Industriestaaten geschieht. Das war nicht allein den noch ausstehenden Ergebnissen der Bindungsforschung geschuldet. Bei zehn und mehr Kindern im dichten Altersabstand, bei hoher Mütter- und Kindersterblichkeit und meist prekären sozialen Verhältnissen galt Kümmern und Sorgen in den Familien primär dem Funktionieren, dem Überleben und Durchkommen des Nachwuchses.

Doch auch das Eltern-Kind-Verständnis in damaligen wohlhabenden Kreisen mutet aus heutiger Sicht befremdlich, unsensibel, mitunter brutal an. Beispielsweise wurden Babys gezielt von ihren Müttern genommen, um sie anderen Frauen zum Stillen zu überlassen. Und wenn die Kinder älter wurden, war es keineswegs üblich, sie immer in Lebensgemeinschaft mit ihren Eltern aufwachsen zu lassen. Das war nicht als Schikane gedacht, sondern galt als zeitgemäße Erziehung unter Privilegierten. Über Jahrhunderte war das »Outsourcen« von Kindererziehung Standard und Ideal bei Hofe.

Ein vierjähriges Mädchen, das ohne Option auf Wiederkehr zur Fremderziehung in ein anderes Land gebracht wird, um dort schon im Kleinkindalter einem zukünftigen Ehepartner zugewiesen zu werden, riefe heute Jugendamt und Staatsanwaltschaft auf den Plan. Anfang des 13. Jahrhunderts war dies die Realität für ein Kind, das der Nachwelt als Heilige Elisabeth von Thüringen bekannt ist.

Rund hundert Jahre vor dieser Elisabeth widerfuhr einem Mädchen namens Hildegard im Grundschulalter ein ähnliches Schicksal. Auch es wurde seinem familiären Bezugsfeld entrissen und – in bester Absicht – zur Fremdunterbringung bestimmt. Wir wissen von seinem Schicksal, weil es unter dem Namen Hildegard von Bingen Weltgeltung erlangte. Die Geschichte ist voll von solchen Biografien, in deren Konstellationen wir heute ein erhebliches Gefährdungspotenzial erkennen würden. Doch weder Hildegard noch Elisabeth gerieten auf die schiefe Bahn. Im Gegenteil. Vielen gelten sie als faszinierende Persönlichkeiten. Es wäre ein spekulatives Gedankenspiel, das imponierende Bildungsniveau, auch die Durchsetzungskraft und Empathie solcher historischer Figuren unter heutigen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie zu betrachten. Fragen der Resilienz stellten sich ebenso wie solche nach dem destruktiven Potenzial. Solch eine traumatische Frühentwicklung – das wäre sie nach heutigem Verständnis – kann sowohl zermürben als auch stark und erfinderisch machen. Frühe Bindungsverluste können beispiels- weise per Projektion, Identifikation oder Halluzination kompensiert werden. Manche wachsen dabei über sich hinaus, andere gehen daran zugrunde. Himmel und Hölle liegen hier nahe beieinander. Es sind viele Begleitumstände, die Wegmarken setzen und Weichen stellen. Und ein Preis ist immer zu zahlen.

Es ist nicht bekannt, ob der Schriftsteller Erich Kästner – um ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert zu bringen – je anzweifelte, dass sein treu sorgender, aber recht blasser Vater auch sein genetischer Vater war. Sollte zutreffen, was Kästner-Biografen schreiben, dass der Hausarzt der Mutter Erzeuger des kleinen Erichs war (Kordon, 1994, S. 14), dann mag das Familiengeheimnis ein unbewusstes Motiv gewesen sein, das Kästner zum großen Moralisten werden ließ. Und wer weiß, ob er ohne seine ihn vergötternde Helikoptermama der beliebte Kinderbuchautor geworden wäre? Schreiben war für ihn eine Möglichkeit, sich aus Mutter Ida Kästners neurotischer Umklammerung herauszuwinden, ohne sie zu verletzen. Indes wäre damit auch ein Licht auf seine spätere Bindungsproblematik als Lebenspartner geworfen (vgl. Mendt, 1995).

Heimatlose oder Weltbürgerinnen und -bürger?

Solche Spekulationen um die Vita einstiger Persönlichkeiten sind ein reines Gedankenspiel. Mehr wollen und können sie nicht sein. Doch haltlos sind solche Überlegungen grundsätzlich nicht. In der kinderpsychotherapeutischen Praxis werden sie in konkreten Fällen zigfach bestätigt. Gleichwohl muss man sich klar machen, dass unsere Auffassung von den – meist unbewussten – Prozessen in der tradierten genealogischen Ordnung wurzelt. Verfechter und Befürworterinnen von Familienbildung mittels Samen- oder Eizellspende bezweifeln hingegen, dass diese Ordnung anthropologisch gesetzt ist. Sie sehen familiäre Bindung und Beziehungen primär als gesellschaftliches Konstrukt. Diese Sichtweise erweitert ihre Möglichkeiten bei der Nachwuchsfrage, sie sehen die nicht mehr durch ein traditionelles, blutsverwandtschaftliches Verständnis von Familie begrenzt.

Familiäre Beziehungen primär als gesellschaftliches Konstrukt zu sehen, vergrößert den Handlungs- und Gestaltungsspielraum. Reproduktionsmedizinische Möglichkeiten befähigen die bislang von Unfruchtbarkeit leidvoll Betroffenen nicht nur zur Fortpflanzung. Damit verbunden sind auch Impulse schöpferischen Handelns, das über ein reines »doing family« hinausgeht. Von »neuen Weltbürgern« schwärmt die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim (2014) und meint, dass »neuartige transnationale Verwandtschaftsverhältnisse« die Vision einer »friedlicheren Weltordnung« nähren: »Ob das schwule Paar aus Oslo, das im Labor eigenes Sperma mit den Eizellen einer Ukrainerin mixen und Embryonen von einer indischen Leihmutter austragen lässt; ob die 60 Jahre alte Bankerin in New York, die nach erfolgreicher Karriere ihren Kinderwunsch entdeckt und in einschlägigen Katalogen sich einen kalifornischen Samenspender und eine russische Eispenderin aussucht – mit Hilfe der globalisierten Reproduktionsmedizin werden Weltbürger in einem ganz neuen Sinne gezeugt« (Beck-Gernsheim, 2014, S. 12).

Keine neuen »Weltbürger«, sondern eine Generation von Heimatlosen sieht hingegen der Kulturjournalist Ulrich Greiner (2017) heranwachsen. Mit Blick auf die zunehmend fragmentierten Familienkonstellationen sieht er »die Macht der Vorväter« erloschen. Die Selbstachtung hänge nicht mehr von der Tradition, sondern von der Samenqualität eines – oft unbekannten – Samenspenders ab.

Diese gegensätzlichen Einschätzungen der Soziologin und des Kulturjournalisten spiegeln das Spektrum des aktuellen gesellschaftlichen Diskurses wider: Befürchtungen, dass durch die neuen Familienformen die eigene Herkunft und biografische Verankerung zunehmend unsicher wird, steht die Befürwortung einer Diversität von Familien und Entwicklungsmodellen mit einer größeren Offenheit und Pluralisierung gegenüber. Der letztgenannte Aspekt hat Folgen sowohl für unser Verständnis von Beziehungsdynamik als auch für die Entwicklungspsychologie. Insbesondere gerieten dadurch einige Säulen des psychoanalytischen Theoriegebäudes ins Wanken.

Abschied vom Ödipuskomplex?