FANG MICH DOCH! - Baumann - E-Book

FANG MICH DOCH! E-Book

Baumann

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Beschreibung

So lange das Verbände nach Erfolg bezahlt werden, wird es stets die selbe Gleichung geben: Doping ist gleich Medaillen, ist gleich Fördergelder. "Fang mich doch!" zeichnet einen Teil der Geschichte des Dopings im Spitzensport auf. Es berichtet von gescheiterten Stars , von Gaunern, von privaten und staatlich geförderten Systemen die im Hintergrund gegen jegliche Ethik im Sport verstoßen. Das Buch ist eine Offenbarung für alle die den Spitzensport anstreben.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Baumann

FANG MICH DOCH!

ÜBER DAS KATZ-UND-MAUS-SPIEL VON DOPING IM SPITZENSPORT

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Angefixt

Der Urknall

Der Zaubertrank

Der Tod

Die Sportsoldaten

Der Herkules

Der Aussenseiter

Die Nordischen

Die Pferdeflüsterer

Die Hersteller

Das Zollhäuschen

Die Kraftbolzen

Die Schwimmerin

Der Pate

Der Dreikampf

Die Läufer

Die Dribbler

Die Sputniks

Das Motorrad

Die Filzbälle

Der Boss

Das Mausloch

Das Letzte

Das Allerletzte

Statt eines Epilogs

Übersicht zu den wichtigsten Dopingmitteln

Quellen- und Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Angefixt

Doping im Spitzensport? Ein Thema, mit dem man sich nicht unbedingt Freunde macht. Darum vorneweg gleich das Wichtigste: Das A und O des Dopings ist, darüber zu schweigen. Demzufolge wird ein Sportler nur in extremen Ausnahmefällen den Missbrauch zugeben. Redet jemand, fällt ein ganzes Konstrukt in seiner Existenz zusammen. Im Zweifelsfall also besser das Maul halten. Oder lügen, denn niemand außerhalb des Dopingzirkels darf jemals erfahren, wie die Abläufe im System funktionieren.

Dieses Buch ist kein Werk, das über Spekulationen im Gebrauch von Doping im Sport berichtet. Wer Enthüllungen von neuen Methoden oder Beschuldigungen erwartet, kann möglicherweise enttäuscht werden. Aber das Buch zeichnet einen Teil der Geschichte des Dopings im Spitzensport auf. Es fasst bestehende Fakten aus vielen verschiedenen Quellen pragmatisch zusammen. Es erzählt von gescheiterten Stars, von Gaunern, von privaten und staatlich geförderten Systemen, die im Hintergrund gegen jegliche Ethik verstoßen. Gewidmet ist das Buch vor allem sportbegeisterten Kindern und Jugendlichen. Es soll aber auch jene ehrgeizigen Eltern empfindsam und feinfühlig machen, die unbedingt wollen, dass ihre Sprösslinge als Spitzensportler große Erfolge feiern sollen. Die Inhalte sollen zum Nachdenken anregen und wollen die Frage stellen, inwiefern man junge Menschen ohne schlechtes Gewissen in die Fänge des Leistungssports entlassen kann. Sport kann und muss zu einem wichtigen Inhalt für Heranwachsende werden. Lassen wir es jedoch nicht zu, dass aus diesem Inhalt eine Geschichte wird, die kriminell endet. Denn die Recherchen zu diesem Buch bestätigen eindrücklich und rückhaltlos, dass unlautere Methoden im Spitzensport zum Tagesgeschäft gehören und es dabei völlig einerlei ist, von welcher Sportart man ausgeht. Für viele ist diese Erkenntnis überaus ernüchternd und für viele vielleicht auch neu – aber sie gehört leider zur furchterregenden Realität des Spitzensports. Der Druck, den die Athleten aushalten verunmöglicht es, die weltbesten Leistungen ohne den Gebrauch von Doping zu erbringen.

Der Begriff Doping kommt aus dem Englischen und entspricht der Aussage „to dope“ – Drogen zu verabreichen oder Drogen zu konsumieren. Sein Ursprung liegt allerdings im Afrikaans, einer vom Niederländischen abgeleiteten Sprache in Südafrika: Bei Dorffeiern der Einheimischen wurde ein schwerer Schnaps, der so genannte „Dop“, getrunken. Als der Wortgebrauch „Doping“ 1889 zum ersten Mal in einem englischen Lexikon auftauchte, bezeichnete er die Verabreichung einer Mischung aus Opium und verschiedenen anderen Arzneien an Rennpferde. Doping wurde dann um die Jahrhundertwende schrittweise in die Welt des Humansports eingeführt. Man kann den Begriff als ein von der Sportwelt eingeführtes Wort für Drogen sowie deren Missbrauch bezeichnen. Doping oder dopen tönt jedoch harmloser, anständiger und vielleicht auch naiver und genau so versucht sich die Sportwelt gerne, die Namen ihrer Aufputschmittel zu verschönern und meint dabei trügerisch, dass es doch nicht so unglaublich schlimm ist, wie es tatsächlich ist.(1)

Thomas James Hicks gilt als eine Art Pionier im Missbrauch von Doping. Der US-Amerikaner gönnte sich während der Olympischen Spiele 1904 in St. Louis, USA eine Portion Brandy mit Strychnin, einem Alkaloid, das ganz früher auch mal als Rattengift verwendet wurde. Hicks gewann, trotz oder gerade wegen seines Griffs in den Arzneikoffer, den Marathonlauf. Und obwohl er nachweislich gemogelt hatte, durfte er seine Medaille behalten, denn damals gab es für Sportler noch keine klaren Regeln, die besagen, was Dopingmittel sind.(2) Zudem gab es zu jener Zeit keine Dopingkontrollen. Das änderte sich erst rund 60 Jahre später, nachdem der Radfahrer Tom Simpson 1967 während der Tour de France tot vom Rad fiel. Nach dieser spektakulären Tragödie wurden die ersten Dopingkontrollen eingeführt, aber es dauerte weitere 40 Jahre sowie ein paar entseelte Sportler mehr, bis es eine gewisse Systematik im Kampf gegen das Doping gab. Erst dann inszeniert das Internationale Olympische Komitee im Jahre 1999 die Welt Anti Doping Agentur WADA. Seitdem kontrolliert diese WADA in allen Sportarten jährlich weltweit und unabhängig Tausende von Sportler – sowohl in Trainings als auch während der Wettkämpfe.

Für viele der künftigen Athleten findet die erste Begegnung mit Doping bereits im Kindesalter statt. Albert Uderzo zeigt zusammen mit René Goscinny in Asterix bei den Olympischen Spielen beinahe zu spielerisch den Missbrauch von unerlaubten Mitteln im Sport. Weit zäher war die Realität im staatlich verordneten Förderprogramm der Deutschen Demokratischen Republik für Minderjährige. Zwischen 1961 und 1990 sah und nutzte die DDR die Möglichkeit, auf dem Gebiet des Sports internationales Ansehen zu gewinnen. Natürlich mit allen Mitteln. Noch jetzt leiden ehemalige Sportler körperlich und seelisch unter den Spätfolgen eines Systems, das perfekt und systematisch organisiert war, um junge Menschen über Jahrzehnte wie eine überreife Zitrone auszupressen.

Wer jedoch glaubt, dass mit dem Fall innerdeutschen Mauer die Zeiten des planvollen Dopings längst Geschichte sind, glaubt falsch. Die Balco-Berichte in den USA erschütterten im Jahre 2003 die gesamte Sportwelt bis ins Mark. Die Doping- und Korruptionsgeschichten der russischen Leichtathletik bewiesen 2015, dass der Sport die Schatten des Dopings der Norm entsprechen. Oder im Jahre 2013, als die nationale Kommission zur Verbrechensbekämpfung flächendeckendes Doping durch sämtliche Sportverbände Australiens aufdeckte. Auch in der Bundesrepublik Deutschland hob man vergiftete Dopinggeschwüre aus. Im Zentrum der staatlichen Ermittlungen stand immer wieder die Universitätsklinik Freiburg im beschaulichen Breisgau. Da hatte man über Jahre nicht nur für Radsportler, sondern auch für Schwimmer, Turner, Fußballer, Leicht- und Schwerathleten ausgeklügelte Dopingprogramme verschrieben und somit sichergestellt, dass Deutschland auch nach dem Wegfall der DDR zu einer der erfolgreichsten olympischen Nationen aufstieg.

Gedopt wird auf vielen Leistungsstufen und gedopt wird schon immer. Mal raffinierter, mal weniger. Doping macht zwar aus einem Kartoffelsack keinen Weltmeister, aber es verleiht einem guten Athleten das Quäntchen mehr, was es zum Siegen braucht. (3) Und Doping ist vor allem eines: Betrug. Betrug an sich selbst. Betrug an seinen Mitstreitern. Betrug an den eigenen Fans, an Vater und Mutter. Doch steckt hinter dem „Schneller- höher-weiter-Prinzip“ weit mehr als nur der sportliche Wettkampf?

Kann es sein, dass der Spitzensport heutzutage von Geld, Macht und Politik gesteuert wird und die Athleten zu Marionetten verkommen? Stellen für Sportärzte und Mediziner, Funktionäre oder Chemiefirmen die aktive Leistungsoptimierung alternative sowie lukrative Geldquellen dar? Fördern gar Nationen ganze Dopingkulturen und Systeme?

Mit der Auflösung der DDR schien das staatlich verordnete Doping von der Bildfläche verschwunden. Frankreich, Italien, Finnland und andere europäische Länder zogen um die Jahrtausendwende konsequent einen Schlussstrich und passten die jeweiligen nationalen Verfassungen an, um den Handel sowie den Missbrauch von unerlaubten Mitteln im Sport für strafbar zu erklären. Das Ergebnis: Athleten dieser Länder verschwanden für eine gewisse Zeit von den oberen Teilen der Ranglisten. Doch welcher Staat möchte bitteschön über längere Zeit für sportliche Erfolglosigkeit stehen und den Medaillenspiegel der Olympischen Spiele von unten anführen? Kein Staat will das. Frankreich ist spätestens mit der Sarkozy-Regierung nach einem dopingfreien Jahrzehnt längst wieder zum alten Motto „Brot und Spiele“ zurückgekehrt und gesellt sich wieder zu den großen Sportnationen. Italiens organisierte Dopingrazzien sind rar geworden und es gibt nun seit Jahren keinen neuen Fall wie jenen des Radstars Marco Pantani zu vermelden. Das einzige europäische Land, in dem die gesamte Bevölkerung geschlossen gegen die Dopingmachenschaften seiner Elitesportler protestiert, war und ist Finnland. Da haben die Menschen gelernt, sinnvoll mit dem Misserfolg umzugehen. Die einst dominierenden Langläufer vom Polarkreis sind seit 2001 und dem damaligen Skandal lückenlos von der Bildfläche der Topnationen verschwunden.

Als Gegenentwurf schnappen wir uns die spanischen Wettkämpfer, die sich im Namen von „El Rey“, König Juan Carlos, in allen wichtigen Sportarten mit glänzenden Resultaten hervortun. Egal, ob beim Fußball, im Tennis, Handball, in der Leichtathletik oder beim Radfahren: Spanische Sportler glänzen durch Athletik und Ausdauer. Das ist kein Beweis für Doping – aber es erhärtet den Verdacht, dass mit unlauteren Mitteln nachgeholfen wird. Zumal es der spanische Staat mit den Kontrollsystemen sowie der Dopingfahndung nicht so genau nimmt. Gleiches gilt übrigens auch für die Sportorganisationen in Kenia, Eritrea oder Jamaika, wo Wunderathleten regelmäßig durch verblüffende Leistungen erstaunen. Die Frage, ob die gesamte Sportwelt von unlauteren Manipulationen betroffen ist, lässt sich sehr einfach mit einer überaus kernigen Aussage etikettieren: „Wer nicht das Beste aus sich herausholt, wird auf Kurz oder Lange stillstehen und im Kampf mit jenen Gegnern den Kürzeren ziehen, welchen alle Mittel und Konsequenzen recht sind.“(4) Das „Schneller, Höher und Weiter“ wurde schon vor Jahrhunderten in den Sportarenen des alten Roms gefördert und gelebt. Auch damals mit allen Mitteln. So ist es heute und so ist jetzt. Und so wird es aus auch in Zukunft sein.

Der Urknall

Wie eine Ladung Dynamit schnellt, nein, explodiert Ben Johnson förmlich aus dem Startblock. Muskelbepackt pulverisiert er am 24. September 1988 mit 9.79 Sekunden im 100-Meter-Olympiafinale von Seoul den bis dahin gültigen Weltrekord und holt sich kolossal den lang ersehnten Olympiasieg. Ein vermeintlicher Rekord für die Ewigkeit, denn zwei Tage später platzt die Bombe: Im Urin der Proben Johnsons findet man Substanzen des Anabolikums Stanozolol. Mit diesem Befund verliert der Sport an diesem Tag seine gesamte Unschuld. Johnson gibt die Goldmedaille umgehend zurück und verlässt Seoul fluchtartig. Mann bezeichnet den Fall Ben Johnson auch heute noch als den Urknall der Dopinggeschichte im internationalen Sport.

Benjamin Sinclair Johnson. Geboren am 30. Dezember 1961 in Falmouth im Norden der Karibikinsel Jamaika: „Ich bin nicht schuldiger als all die anderen auch. Die haben das auch gemacht“(1), erklärt Johnson in einer eindrücklichen Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks. „Auch jetzt, fünfundzwanzig Jahre später machen sie doch immer noch das gleiche [...] - und ja es tut mir leid, was ich damals als junger Kerl getan habe.“ Bei diesen Worten wirkt Ben beschämt, reumütig und mild und man glaubt ihm, wenn er wie selbstverständlich erklärt, dass jeder junge Sportler in seiner Situation das Gleiche getan hätte. Auf den Straßen von Falmouth entdeckt Ben Johnson als Kind das Laufen. Der kleine Ben rennt eigentlich immer: Er rennt in die Schule. Er rennt, wenn ihn seine Mutter zum Einkaufen schickt und er läuft praktisch jede freie Minute am weißen Sandstrand in der tropischen Palmenbucht mit seinen Freunden. Manchmal um die Wette. Und er ist immer der Schnellste. Viel schneller als alle Kinder in der gesamten Nachbarschaft und dabei war es total egal, ob sie jünger oder älter waren. Noch jetzt beschreibt Johnson das Sprinten als eine göttliche Kunst, nein, als eine Lebenseinstellung, die man, wie er erklärt, nur mit der Rasta-Bewegung Jamaikas vergleichen kann. Und wie der Reggaemusiker Bob Marley wird Ben Johnson später, zwar nicht durch nasales Singen im Zweiviertel-Takt, sondern durch den Sport zum Vorbild und Hoffnungsträger vieler junger afroamerikanischer Männer. Jamaikas Kurzstreckenläufer dominieren noch heute die Weltspitze der Sprint-Leichtathletik. Viele sind tief greifend inspiriert von Johnsons Geschichte.

Bens unbeschwerte Kindheit auf Jamaika ändert sich im Herbst 1975 jedoch schlagartig: Die siebenköpfige Familie wandert aus und Toronto in Kanada wird zur neuen Heimat der Johnsons. Dies, um einem Leben unter ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen. Man hofft auf eine bessere Zukunft und auf echte Perspektiven für die Kinder. Statt der Wärme und des leichtherzigen Lebens am Karibischen Meer wurden nun Kälte sowie der Klang einer nordamerikanischen Metropole am Ontario-See die neue Realität für die Familie. Ein Kulturschock und zusätzlich erschwerend die Tatsache, dass Vater Ben Senior keine Arbeit findet. Er verlässt die Familie nach kurzer Zeit und reist zurück in die Karibik. Mutter Gloria entscheidet sich trotz der widrigen Umstände, mit den fünf Kindern zu bleiben. Der erste Winter ist eisig kalt und der kleine Ben sieht mit dreizehn erstmals im Leben Schnee und friert dabei fürchterlich. Auch die ersten Lektionen in der neuen Schule sind hart. Ben stottert und hat Probleme, dem Schulunterricht zu folgen. Die Mitschüler schikanieren ihn und lachen ihn aus, denn er gilt als stammelnder, dunkelfarbiger Außenseiter, der mit seiner Familie aus der Karibik geflohen ist. Niemand in der Schule interessiert sich wirklich für Ben. Bis der schmächtige Junge eines Tages dem Anführer der Schüler ein Wettrennen über einhundert Meter im Sprint anbietet: „Wenn ich schneller bin, lässt Du mich in Ruhe“(3), war sein mutiger Vorschlag. Bens Plan war, dass er nicht mehr gehänselt wird. Sein Kontrahent willigt ein, lacht Ben aber aus wie immer und gibt ihm zu verstehen, dass ein kleines, schwarzes Würstchen wie er eh keine Chance hat und haushoch verlieren würde. Doch wie man Ben Johnson kennt, ist es nur logisch, dass er als Sieger aus dem Duell geht und fortan in Ruhe gelassen wurde. Ab sofort gilt Ben nun als der schnellste Läufer der Schule und wird dafür bewundert. Erstmals seit seinem Umzug von Jamaika nach Kanada erfährt so etwas wie Respekt von den anderen Kindern. Durch seine sportlichen Leistungen verschafft sich Ben Johnson Anerkennung und vor allem stetig größer werdende und lang ersehnte Aufmerksamkeit. Sogar die lokale Presse wird auf den Teenager aufmerksam und seiner Schule in Toronto beschert er sportliche Erfolge und damit hohes Ansehen. Aus dem schwächlichen und zurückhaltenden Jungen wird Schritt für Schritt ein gefeierter Schulstar. Diese Phase ist sehr prägend für den Rest von Ben Johnsons Leben.

Der Ruf Johnsons als neues Laufwunder ist nun in der gesamten Region rund um Toronto zu hören und hallt auch bis zu Charles Francis. Charlie, wie ihn alle freundschaftlich nennen, war ein ehemaliger kanadischer Meister im Sprint und Teilnehmer des olympischen Einhundert-Meter-Rennen 1972 in München. Zu Beginn der achtziger Jahre ist er gerade im Begriff, ein starkes kanadisches Team mit den besten Sprintern des Landes aufzubauen. Zuerst traut Francis dem jungen Ben keine große Karriere zu, denn dieser ist schüchtern, schlaksig und scheinbar ungeeignet für die harten Sprints. Aber Francis springt über seinen Schatten, gibt dem Jungen eine Chance und nimmt ihn mit ins Team. Mit Johnson zusammen stoßen auch Angella Issajenko, Mark McKoy und Desai William in die Trainingsgruppe und auch sie werden später zu großen Stars der Szene. Sorgfältig und mit viel Umsicht führt Francis seine Schüler an die Weltspitze. Bis am Ende seiner Karriere als Coach sorgen die Charlie-Francis-Schützlinge für 250 kanadische- und 32 Weltrekorde und holen neun olympische Medaillen.(4) Kontrovers ist um 2003 sein geheimes Engagement für Marion Jones und Tim Montgomery. Beide werden im Laufe des Balco-Skandals als Schuldige verurteilt. Marion Jones bestritt damals den Missbrauch von Doping sogar unter Meineid vor der Grand Jury und wanderte für diese Lüge in den Knast. Das Außergewöhnlichste und Auffälligste, was Charlie Francis von sich gab, war, dass es für Athleten absolut unmöglich sei, ohne Steroide in die Weltspitze zu laufen.

Dieser Charlie Francis holt nun Ben Johnson mit 15 Jahren zum Scarborogh Optimists Track and Field Club und fängt an, den jungen Mann aufzubauen. Zum ersten Mal trainiert Johnson jetzt spezifisch und unter Anleitung eines echten Profis. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich erste Erfolge einstellen. Ben gewinnt bereits nach wenigen Monaten mehr als eine Hand voll regionale und nationale Rennen. Das ist natürlich perfekt für das Selbstvertrauen des jungen Sprinters. Ein neues, tolles Umfeld, ein ehrgeiziger Trainer an seiner Seite sowie sportliche Erfolge. Nach einer Weile geht Trainer Francis einen Schritt weiter und bringt Johnson mit seinen Kollegen ein erstes Mal in internationale Wettkämpfe. Es ist aber schon von vornherein klar, dass die raue Luft der absoluten Spitzenklasse noch eine Nummer zu groß ist. Die jungen kanadischen Läufer sehen nur die Fersen der Gegner und haben nicht die geringste Chance. Das Team ist von Mal zu Mal bitter enttäuscht, ratlos und hadert verzweifelt. Das ist die Stunde des schlauen Trainerfuchses Francis und er nützt diese schamlos aus. Charlie findet Rat und erzählt eines Tages seinen Schülern, dass sich alle großen Spitzenathleten ihren Motor mit medizinischer Unterstützung frisieren würden. „Wenn Du nichts nimmst, gewinnst Du nichts“(5), prophezeit er. Johnson ist angesichts dieser Neuigkeiten schockiert. Naiv, wie er ist, hat er keine Ahnung, dass es Doping im Sport gibt. „Was? Diese Leute machen so etwas?“(5), fragt er ungläubig seinen Trainer. Dieser fragt lakonisch zurück, woher er denn denke, nehmen die anderen Athleten sonst ihren Speed her und erklärt dabei eingehend, dass der Konsum von Dopingpräparaten den entscheidenden Unterschied ausmachen kann. „Willst Du gewinnen? Oder immer nur sechster, siebter oder achter werden?“ Ben wollte gewinnen und er fällt mit neunzehn eine fatale Entscheidung.(6) Es war nie geplant, dass er so weit gehen müsste, um erfolgreich zu sein und beginnt im Jahr 1981 mit dem ersten von unzähligen Dopingprogrammen. Francis will aus Ben einen Supersprinter von Weltklasseformat erschaffen. Mit rasender Geschwindigkeit nimmt nun die Erfolgsgeschichte Fahrt auf: Bereits drei Jahre später qualifiziert sich Ben Johnson für die Olympischen Spiele in Los Angeles. Ihn kennen allenfalls Experten. Lewis gewinnt den Einhundert-Meter-Lauf mit deutlichem Vorsprung. Ben Johnson ist die Sensation, überrascht positiv und läuft als Dritter ins Ziel. Bronze zu Olympischen Spielen – damit hat nun wirklich niemand gerechnet. Beide, Johnson genauso wie sein Trainer Francis, waren sehr stolz auf dieses Ergebnis.

Das Resultat in Los Angeles hat klar und deutlich aufgezeigt und bestätigt: In Ben Johnson schlummert das Potenzial, zum schnellsten Mann der Welt zu. Man engagiert einen bekannten Mediziner und erweitert damit das Team um ein wichtiges Puzzleteil. Dr. Jamie Astaphan stammt ursprünglich von der Karibik-Insel St. Kitts und ist seit Jahren praktizierender Arzt an der Universität in Toronto. Sein Auftrag ist es, das Dopingsystem im kanadischen Sprint-Team kontinuierlich auszubauen und zu verfeinern. Trainingskontrollen existieren damals nicht und somit kann Astaphan schalten und walten, wie er will. Ben Johnson wird nun wie ein junger Bulle für den Stierkampf hochgezüchtet. Man probiert immer wieder neue Mittel aus und testet intensiv. Trainer Francis knüpft Kontakte nach Ostdeutschland und besorgt sich Informationen über Trainings- und Dopingmethoden in der DDR. Gleichzeitig organisiert Astaphan alle möglichen Substanzen, teilweise auch aus der DDR. Anabolika, Testosteron, Wachstumshormone – einfach alles, was den Kraftaufbau unterstützt und beschleunigt. Und Johnson? Er entwickelt sich derweil zu einer furchterregenden Muskelmaschine.

Seinen ersten sportlichen Höhepunkt erreicht der präparierte Sprinter dann an den Goodwill Games 1986 in Moskau: Zum ersten Mal besiegt er Carl Lewis bei einem großen internationalen Anlass. In 9.90 Sekunden hält er den US-amerikanischen Olympiasieger sicher auf Distanz. Lewis kann mit der Niederlage schlecht umgehen und begreift nicht, dass ein Jüngerer ihm den Rang ablaufen könnte. Ein Jahr später während der Weltmeisterschaften in Rom kommt es zum ersten epischen Duell der beiden Kontrahenten. Lewis war bis zu diesem Zeitpunkt in den meisten Rennen noch immer der Bessere. Doch Johnson erzählt jedem, der es hören will: „[...] sie nennen ihn King Carl. Das ist schön. Aber jetzt muss King Carl dran glauben. Jetzt ist meine Zeit gekommen [...]“(7) Man kann die Zweikämpfe zwischen Johnson und Lewis nur mit den Duellen Ali gegen Frazier oder Borg gegen McEnroe vergleichen und als sporthistorische Großkämpfe bezeichnen. Das Gute gegen das Böse. Auf der einen Seite Carl Lewis der Gute, dem alles im Leben gelingt. Der lächelnde Sonnyboy aus dem Bundesstaat Alabama, Weltsportler der Jahre 1983, 1984 und 1985, Betreiber eines Reiseunternehmens, Paradiesvogel mit Rollen in Hollywood, vierfacher Olympiasieger und zeitweise erfolgreicher Sänger und Entertainer. Der gekrönte König der Leichtathletik. Und auf der anderen Seite der böse und düstere Johnson. Der Malocher und Stotterer aus dem kalten Kanada. Der unnahbare, verbitterte Kraftprotz und Herausforderer des Guten, den eigentlich niemand mag. Aber Johnson ist schnell.

Am Tag nach dem Höhepunkt der Weltmeisterschaft titelt die italienische Sportzeitung La Gazetta dello Sport in den Superlativen: „Der Tag an dem die Geschichte der Leichtathletik und des Sports neu geschrieben wurde.“(8) Ben Johnson hat das Finale in neuer Weltrekordzeit für sich entschieden. Sagenhafte 9.83 Sekunden benötigt der Kanadier für die hundert Meter. Genau eine Zehntelsekunde weniger als der bisherige Weltrekordhalter Calvin Smith aus den USA. Johnson braucht auch eine Zehntelsekunde weniger als Carl Lewis, der zwar so schnell wie nie zuvor gesprintet ist, und mit 9.93 Sekunden dennoch der klare Verlierer war. Und wie schon nach den Goodwill Games kann es Carl Lewis nicht fassen, dass da einer schneller läuft als er, und bezichtigt Johnson nach der Weltmeisterschaft öffentlich des Dopingmissbrauchs. Johnson ist angesichts der Aussagen von Lewis Aussagen entrüstet. „Ich bin kein Betrüger“(9), diktiert er in die Mikrophone der Weltpresse und teilt stattdessen die Freude über seinen Weltmeistertitel mit seinen Fans und Freunden in Toronto. Der vermeintlich gedopte Sprinter wird zum Star und unterzeichnet neue Werbeverträge, unter anderem mit Pepsi, Mazda, Johnson & Johnson und später mit dem italienischen Sportartikelhersteller Diadora und verdient dabei sechs Millionen Dollar im Jahr. Er ist jetzt ein reicher und berühmter Mann und wird zum Sportidol. Doch wer wusste, woher Johnson kam, war es einfach vorherzusehen wie schwierig es für Ben wird mit dem Ruhm umzugehen und die kritischen Stimmen sollen Recht behalten.

Das ungewohnte Jetset-Leben bekommt Ben Johnson nicht. Er verpflichtet sich mehr und mehr für Werbe- und Medientermine und dies zu Ungunsten des Trainingsplans von Trainer Charlie Francis. Es kommt zu Spannungen im Team und genau vier Monate vor den Olympischen Spielen 1988 in Südkorea erleidet Johnson gar einen Muskelfaserriss. Die Mission Olympiagold gerät in Gefahr. Völlig frustriert und zerstritten mit Trainer Francis, zieht Ben die Reißleine und flieht in die karibische Heimat zu seinem dubiosen Leibarzt Jamie Astaphan. Johnsons ursprüngliche Idee bestand darin, sich von den Strapazen zu erholen und seiner Oberschenkelverletzung zu widmen. Er wollte da nicht dopen. Aber als Ben bei Astaphan eintraf, war alles anders. Der Mediziner hatte seine Muskelmarionette nun unter voller Kontrolle und baute den angeschlagenen Helden in Windeseile wieder auf.

Carl Lewis seinerseits war im Olympiajahr 1988 rechtzeitig wieder in Form. Während der US-Olympiaqualifikation im Frühjahr 1988 in Indianapolis läuft der Superstar mit 9.78 Sekunden eine Bombenzeit – mit zu viel Rückenwind und vor allem mithilfe von Doping.(10) Lewis ?Lewis? Doping ?Doping? Kann doch nicht sein. Doch ein paar Wochen nach den Trials bekommt King Carl vom Nationalen Komitee der USA unangenehme Post. Darin steht unter anderem das die Analyse der B-Probe positiv auf drei vom IOC-Verbotenen Stimulanzen getestet wurde.(11) Damit ist Carl Lewis für die Wettbewerbe der Olympischen Spiele in Seoul eigentlich ausgeschlossen und müsste sich die Spiele zuhause vor dem Fernseher anschauen. Doch kann es sich das Internationale Olympische Komitee leisten, den größten Star der Spiele außen vorzulassen? Lewis gibt an, nur eine Erkältungstablette genommen zu haben und der Fall wird vertuscht. Der vierfache Olympiasieger wird regelwidrig zu den Olympischen Spielen 1988 zugelassen. Lewis soll gemäß Insidern über Jahre systematisch gedopt haben.(12) Nicht nur in der Qualifikation für Olympia 1988. Seine vier Goldmedaillen von 1984 in Los Angeles im 100-Meter-Lauf, 200-Meter-Lauf, im Weitsprung und in der Staffel sind schlicht unmöglich, meinen die Kenner. Gibt es außer dieser vertuschten Probe weitere Beweise für diese erschreckende Unterstellung? „Nun, Carl Lewis trug als erwachsener Mann jahrelang eine Zahnspange.“(13) In der Tat: Niemand trägt in diesem Alter eine Zahnspange. Damit versuchte Lewis, dem Wachstum seines Kiefers, das durch die Einnahme von Wachstumshormonen beschleunigt wird, entgegenzuwirken. Das ist ein handfester Beweis für den Missbrauch von nicht erlaubten Hormonen und anderen muskelaufbauenden Präparaten.(13) Lewis selbst schweigt noch heute eisern und sagt lieber nichts, wenn Journalisten zu den Vorgängen von damals nachhaken.

Ben Johnson seinerseits war in der Vorbereitung für Seoul weit offener in seinen Aussagen. Nach seinem intensiven Aufenthalt und seinen Dopingkuren in St.Kitts verkündet er mit viel Selbstvertrauen kurz vor den Spielen in Korea: „Meine Muskeln sind wieder total gespannt. Das kommt von den Vitaminen, von diesen Bodybuilder Pillen die ich nehme.“(14) Die seien stark und helfen Johnson, noch schneller zu werden. Am 17. September 1988 blickt die gesamte Welt nach Seoul in Südkorea – Koreas Präsident Roh Tea-Woo eröffnet feierlich die Olympischen Spiele. Mit besonderer Spannung erwartet die Sportwelt den Kampf der Giganten im 100-Meter-Finale: Carl Lewis und Ben Johnson. Der Titelverteidiger aus den USA gegen den Weltmeister und Weltrekordhalter aus Kanada. Im Halbfinale gibt sich Ben Johnson eine Blöße. Er ist leicht verunsichert seines Formstandes wegen und löst unter anderem einen Fehlstart aus. Passiert noch ein weiteres Missgeschick, ist der Weltmeister aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Ben behält glücklicherweise die Nerven und qualifiziert sich doch noch problemlos für das große Finale. Alles andere wäre für die gesamte Sportwelt eine gigantische Enttäuschung gewesen. Im Gegensatz zu Ben Johnson gewann Carl Lewis alle seine Vorläufe mit einer frappanten Leichtigkeit. Bei jedem Start bleibt immer unter zehn Sekunden und ist Favorit.

Und dann kommt es eine Woche nach der Eröffnungsfeier am 24. September zum zyklopischen Show-down des Finals. Neben den beiden Hauptdarstellern ist das Einhundert-Meter-Finale von 1988 nur so gespickt mit Stars. Mit Spannung und viel Achtsamkeit bereiten sich die Athleten auf den Start vor: Auf Bahn Nummer eins kniet sich der Brasilianer Robson Da Silva in seinem gelbgrünen Trikot in den Startblock. Neben ihm auf Bahn zwei, in den gelbschwarzen Farben für Jamaika, macht sich Raymond Stewart zum Start bereit und senkt seinen Kopf zum Stoßgebet so tief, bis sein Kinn den Brustkorb berührt. Bahn drei ist für Carl Lewis – in Rot-Weiß – reserviert. Gleich neben ihm auf Bahn vier tippt der britische Europameister Linford Christie in Weiß-Blau nervös auf den Zehenspitzen hin und her. Der explosive US-Amerikaner Calvin Smith, ebenfalls in Rot-Weiß, nutzt Bahn fünf und wirkt auch kurz vor dem Start immer noch sehr entspannt. Bahn sechs gehört Ben Johnson, der, ganz in Rot mit dem weißen Ahornblatt für Kanada auf der Brust, zappelig auf seiner Goldkette kaut. Auf Bahn Nummer sieben, ebenfalls aus Kanada: Johnsons Trainingspartner Desai Williams. Achter und letzter in diesem illustren Kreis ist – in Rot-Weiß – Dennis Mitchell, auch er startet für die USA. Eine einmalige Zusammenstellung und sämtliche Experten sind sich auch jetzt noch einig, dass es weder vorher noch nachher je ein besser besetztes Einhundert- Meter-Finale gegeben hat.

Die ganze Welt schaut gebannt zu, wie sich die Athleten in die Startposition begeben. Das vor lauter Zuschauern aus allen Nähten platzende Stadion ist mit einem Mal totenstill. Millionen von Zuschauern an den Fernsehgeräten stockt der Atem. Jeder will bei diesem Duell dabei sein. Johnson, tief geduckt, breit gebaut und massig gegen den eleganten Lewis. Das ist das Duell, auf das alle warten. „Get set!“ schreit der Startrichter in sein Mikrophon. Die Startpistole knallt und ein lautes Raunen von den Rängen setzt ein. Die Reporter der internationalen Fernsehstationen überschlagen sich in ihren Kommentaren und brüllen beinahe einheitlich in ihre Mikrophone: „Guter Start von Johnson! ... wo bleibt Lewis? ... Johnson vorne! Lewis muss jetzt kommen ... und ... Johnson gewinnt!“(15) Nach exakt 9.79 Sekunden ist die ganze Ekstase vorbei und die Welt wird Zeuge eines Fabelweltrekords. Ben Johnson ist Olympiasieger über 100 Meter. Mutter Gloria Johnson ist außer sich. „Dreizehn Jahre, nachdem Mutter Gloria Johnson ihre alte Heimat auf Jamaika verlassen hatte, scheint es ein Happy End zu geben.“(16) Carl Lewis wird Zweiter und ist bitter enttäuscht über die Niederlage. Trotzdem ist er der erste Gratulant und schüttelt dem neuen Champ manierlich die Hand und verschwindet sofort in die Kabine. Dritter wird überraschend der Brite Christie, Vierter Calvin Smith. Doch die ganz große Geschichte schreibt Ben Johnson. Wie er sich aus dem Startblock herauskatapultiert und mit vorerst kleinen, aber kräftigen Schritten beschleunigt, gleicht einer Sensation. Und es war nicht wie bei Weltklasse Zürich sechs Wochen zuvor, als Johnson auf den letzten fünfzig Metern abbaute und Lewis gewinnen lassen musste. Nein, Johnson wurde in Seoul schneller und schneller. Die anderen hatten nicht einen Hauch einer Chance gegen diesen entfesselten Johnson. Er hat sie mit seiner schieren Kraft alle niedergewalzt.

Trotz seines überragenden Siegs mischen sich in die Kommentare der sensationellen Leistung erste Fragezeichen und Gerüchte. Was macht Johnson derart überlegen? Wie ist so etwas möglich? Ben Johnson wähnt sich am Ziel seiner Träume: „Der Olympiasieg ist geschafft und jetzt mache ich mal erst zwei Jahre Pause“(17), meint Johnson auf der ersten Pressekonferenz nach dem Rennen. „Nach zwölf Jahren harter Arbeit ist es an der Zeit, mal ein bisschen kürzer zu treten.“(18) Andächtig steht Ben Johnson wenig später ganz oben auf dem Siegerpodest und lässt die kanadische Nationalhymne auf sich wirken. Im Interview unmittelbar nach der Preisverteilung antwortet Ben auf die Frage; was ihm den wertvoller sei, die Goldmedaille oder der Weltrekord? „Die Goldmedaille. Die kann Dir niemand nehmen.“(19)

Achtundvierzig Stunden später ist alles anders und das kursierende Gerücht wird zur fatalen Wahrheit. Die Meldung eines positiven Dopingbefunds Johnsons verbreitet sich wie ein Lauffeuer und erreicht Europa, als in Seoul noch fast alles schläft. Als am Morgen dann die offizielle Bestätigung mit Referenznummer PR/71 verbreitet wurde – „[...]Die Urinprobe von Ben Johnson - Kanada, Leichtathletik, 100 Meter -, entnommen am 24. September 1988, enthielt die verbotene Substanz mit dem Namen Stanozolol einem anabolen Steroid [...]“(20) –, hatte Johnson die koreanische Hauptstadt bereits fluchtartig verlassen, nicht ohne zuvor die Goldmedaille den Vertretern seines Olympischen Komitees zurückgegeben zu haben. Verzweifelt stürmt Charlie Francis in den frühen Morgenstunden die Hotelzimmertür Johnsons und teilt aussichtslos mit, dass Bens Dopingprobe positiv getestet wurde. Johnsons Antwort: „OK, jetzt haben sie mich erwischt.“(21) Er packt seine sieben Sachen und verschwindet Kopf über aus dem Hotel. Ben Johnson, Olympiasieger und Superstar der Spiele in Seoul, befindet sich plötzlich auf der Flucht und eine unglaubliche Hetzjagd beginnt. Johnsons Manager und Sprecher Larry Heidebrecht stellt sich den Journalisten und wittert Sabotage. „Ben Johnson ist sehr vertrauensvoll. [...] Jemand hat ihm zu trinken angeboten – und er hat freundlich angenommen.“(22) Ein fataler Fehler, wenn es sich so zugetragen haben sollte. Nach drei Tagen Versteckspielen verlässt Ben Johnson mit seiner Familie und seiner Entourage Südkorea und reist zurück nach Kanada. Noch im Flugzeug auf dem Heimweg bestreitet Leibarzt Astaphan, dass Johnson Steroide genommen habe. Er kann sich nicht erklären, warum ein positiver Befund zugegen ist.(23) Im olympischen Dopinglabor ist man aber ohne Zweifel. Stanozolol wurde eingenommen – und zwar mehrfach. Johnson wird disqualifiziert, sein Olympiatitel aberkannt. Dem zweitplatzierten Carl Lewis wird einige Tage später Johnsons Goldmedaille übergeben.

Der entlarvte Sprinter verneint wissentlich, leistungsfördernde eingenommen zu haben. Vorerst. Natürlich wirft der Fall Johnson in Kanada hohe Wellen und wird zur Staatsaffäre. Die höchsten Richter unter der Leitung von Charles Dubin untersuchen die Vorkommnisse. Insgesamt wurden im Laufe der so genannten „Dubin Inquiry“ 122 Zeugen aufgerufen. 48 vermeintlich gedopte Sportler wurden in einer 91 Tage dauernden Gerichtsverhandlung verhört. Der Bericht wurde in einem Dokument von 14’617 Seiten festgehalten. Der gesamte Spitzensport in Kanada wurde durchleuchtet. Wie viele andere Sportler und Funktionäre musste auch Ben Johnson unter Eid aussagen. Dabei hat sich seine Verteidigung eine inte-ressante Strategie zurechtgelegt: Johnson sei nicht Täter, sondern Opfer. Der Druck vom Staat und Sponsoren sei zu groß und er zum Siegen verdammt gewesen. Der gefallene Superstar gibt schließlich unter Tränen zu, dass er seit 1981 wissentlich gedopt habe.(24) Auch Trainer Francis bricht mit seiner Aussage das Schweigen und demaskiert den Spitzensport. Ben Johnson wurde vom Stolz Kanadas zur Schande der Nation, vom schnellsten Mann der Welt zum Sportfeind Nummer eins. In einem Interview lange nach dem Prozess meint Coach Charlie Francis über Johnson: „Es ist erstaunlich, ein dreifacher Mörder wäre nicht so kritisiert worden wie er. Das dreht einem den Magen um. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich einige seiner Gegner aufspielen würden, als seien sie Hippokrates, obwohl sie schon gedopt haben, bevor er überhaupt mit dem Sport angefangen hat.“(25)

Und tatsächlich. Neben Johnson werden fünf weitere Finalisten von Seoul im Laufe ihrer Karriere zu Dopingsündern oder naschweislich mit Doping in Verbindung gebracht. Nur der Brasilianer Robson Da Silva und der ehemalige Weltrekordhalter Calvin Smith hatten am Ende ihrer Laufbahn keine Dopinggeschichte zu verzeichnen. Smith hat längst verlauten lassen, dass weder Johnson noch Lewis rechtmäßige Olympiasieger von Seoul wären, sondern er.(20) Doch warum ist nur Johnson aufgeflogen und weshalb konnte Carl Lewis in Seoul überhaupt teilnehmen und nach Johnsons ausscheiden auch noch gewinnen? Es war ein schmutziges Spiel, wobei er, Ben Johnson, als schwarzer Junge aus Jamaika lediglich Gold holte und das passte vielen Mächtigen des Sports nicht. Man musste ihn opfern und aus dem Weg räumen. Sponsoren und Sportartikelhersteller, aber auch Regierungen und die Politik machten bei diesem Plan mit. Ganz schwer belastet Ben Johnson dabei die Firma Adidas aus Herzogenaurach in Deutschland. Monate vor den Olympischen Spielen in Seoul offerierte ihm der italienische Sportartikelhersteller Diadora einen Vertrag für 2,8 Millionen US Dollar, wenn er für sie laufen würde. Für Johnson war das eine Menge Geld und vor allem ein Vielfaches von dem, was ihm sein bisheriger Sponsor Adidas angeboten hatte. Johnson nahm die großzügige Offerte der Italiener sehr gerne an. „Mein größter Fehler in meinem Leben war nicht das ich dopte, sondern das ich kurz vor Olympia von Adidas zu Diadora wechselte“(26) vertraute Johnson später Janne Reinikainen, einem berühmten Schauspieler, während des Drehs zum finnischen Doping-dokudrama „A patriotic man“ an. Mit dem Wechsel zu Diadora verlor Johnson die Protektion der Sportartikelgiganten, die jeweils Schutzgelder an Funktionäre, Verbände und die Kontrolleure bezahlten, wenn es für ihre Athleten brenzlig wurde.(27)

Ben Johnson war gedopt, das hat er längst bereitwillig zugegeben. Doch auch jetzt noch, mehr als ein Vierteljahrhundert nach den Geschehnissen in Seoul, besteht er darauf, dass er das in seinem Urin gefundene Stanozolol nicht eingenommen hat.(28) „Das waren Leute aus dem Umfeld von Carl Lewis.“(29) Johnson glaubt, dass Lewis in die Sache verwickelt war: „Als ich nach dem gewonnen Finale in den Raum für die Erstplatzierten reinkam, war da schon ein Typ drin.“(30) Johnson hat ihn gefragt, was er hier zu tun habe. Bei diesem mysteriösen Mann handelt es sich um André Jackson. Der beantwortet Johnsons Frage wie folgt: „Ich bin hier, um Dir zu gratulieren!“(31) Johnson bedankt sich höflich. Jackson soll gemäß der Beschreibung Bens ein ehemaliger Footballer und sehr naher Freund von Carl Lewis sein. Als Johnson erschöpft auf dem Fußboden lag, soll sich Jackson an den Getränken Johnsons zu schaffen gemacht und das fehlbare Mittel hineingekippt zu haben. Tatsächlich wird Jackson nach dem Rennen in die Räumlichkeiten geschleust. Angeblich, um zu kontrollieren, ob Ben Johnson bei der Abgabe des Urins nicht betrügt. Hat André Jackson stattdessen für den positiven Test von Johnson gesorgt? Jackson antwortet auf diese Frage seither immer mehrdeutig: „Vielleicht habe ich es gemacht. Vielleicht nicht.“(32) Ben Johnson war Täter. Ben Johnson war Opfer. Opfer, weil er nicht gewinnen durfte.

Der Zaubertrank

Im französischen Comic „Asterix bei den Olympischen Spielen“ naschen die römischen Gegner von Asterix heimlich am Zaubertrank, um nach dem vermeintlichen Sieg vor Julius Cesar gut dazustehen. Der gallische Druide Miraculix jedoch mischt Lebensmittelfarbe in den Trank, die blaue Zungen verursacht. Alle Römer werden erwischt und disqualifiziert. Der Versuch, die Leistungsgrenzen eines Athleten auszubauen, ist so alt wie der Sport selbst. Während der Olympischen Spiele der Antike war die Realität natürlich kein Zaubertrank. Doch auch damals gab es schon ein Wundermittel: Man glaubte, dass der Verzehr von Stierhoden übermenschliche Kräfte verleiht.

Später wurden die Methoden raffinierter und chemische Substanzen helfen mittlerweile allenthalben. Testosteron, Wachstumshormone, Äther, Kokain, Insulin, EPO – alles, was das Sportlerherz begehrt. Die Pharmaindustrie jubelt und profitiert von der Doppelmoral der Athleten und ihren Trainern, Managern und Ärzten. Lästig jedoch bei den so genannten Dopingkuren ist: Man muss sich immer wieder eine Ladung dieser subversiven Mittel entweder intravenös, intramuskulär oder oral setzen. Neben den gesundheitlichen Schäden besteht dabei permanent die Gefahr, während der Therapien von Kontrolleuren erwischt zu werden.

In einem derart angespannten Umfeld wäre es doch für jeden Sportler geradezu ein Traum, wenn man mit einem einzigen Wundermittel die Regulierung der Muskel- und Sauerstoffversorgung und die Verbesserung von Kraft, Stehvermögen und Ausdauer auf einen Streich und anhaltend optimieren und die Leistung zum Nulltarif erheblich verbessern könnte. Die Suche nach diesem Wundermittel, dem Heiligen Gral der Leistungsoptimierung, scheint bereits erfolgreich. Es geht um Gendoping. Jene Art von Doping, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur und dem Internationalen Olympischen Komitee als „Doping des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wird. Die gentechnischen Grundlagen, die jegliche Art des Gendopings überhaupt möglich machen, wurden ursprünglich zu medizinischen Zwecken entwickelt. Forscher arbeiten an unterschiedlichen Ansätzen für Gentherapien: Dazu werden zum Beispiel defekte Gene ausgeschaltet oder in ihrer Funktion manipuliert. Wissenschaftler hoffen, auf diese Weise eines Tages auch Patienten mit Blut- oder Muskelkrankheiten heilen zu können.(1) Bislang überwogen aber bei allen klinischen Tests fast immer die Risiken. Gentherapien sind also weiterhin auch im Sport eine Zukunftsvision. Doch: Irgendein Arzt wird es bei irgendeinem Sportler an irgendeinem Ort auf unserem Planeten tun und zur Spritze greifen und das erste Gendoping für die Optimierung der sportlichen Leistung verabreichen.(2)

Gerüchteweise ist das bereits geschehen. Überführt wurde keiner, denn Beweise sowohl aus Urin- als auch aus Blutproben gibt es keine und man darf sich berechtigt fragen: „Ist der ‚Gen-Athlet‘ der Olympiasieger der Zukunft?“ Wer will den perfekt mutierten Körper für die vollkommene sportliche Leistung? Und ist es tatsächlich realistisch, dass Gendoping bereits heute im Gebrauch ist? Und was können die Folgen genetisch eingepflanzten Dopings sein? Versuchen wir, Licht in diese Fragen zu bringen. Dabei gehen wir zurück ins Jahr 1982. Damals befragte der amerikanische Wissenschaftler Bob Goldman mithilfe einer langjährigen Umfrage Spitzensportler, ob sie bereit wären, ein Mittel einzunehmen, das ihnen eine olympische Goldmedaille garantiert, auch wenn sie fünf Jahre später daran sterben würden. Beinahe dreizehn Jahre führte Goldman die Erhebung durch und die Ergebnisse waren stets dieselben: Weit mehr als die Hälfte der befragten Spitzensportler würde sich auf ein solch unmoralisches Angebot einlassen, denn Hochleistungssportler wollen siegen und zwarsiegen, und zwar um jeden Preis. In der Sportwissenschaft nennt man diese Untersuchung das „Goldmann-Dilemma“ und es zeigt deutlich auf, dass man unter diesen Umständen auch bereit ist, auch mit Genen zu spielen, um zu siegen. Doch was macht genetisch manipuliertes Doping so begehrenswert?(3)

Anhand von zwei Langläufern wollen wir den Vorteil des Gendopings darstellen. Der Deutsche Jens Filbrich, Weltmeister 2001, und Eero Mäntyranta, der finnische Mehrfach-Olympiasieger in den sechziger und siebziger Jahren, teilen das gleiche Schicksal. Beide wurden offiziell des Dopings überführt. Doch beide stritten den Gebrauch von unerlaubten Mitteln ab. Beide konnten nach vielen Tests eine angebliche Punktmutation im Gen für den Erythropoeting-Rezeptor, also einen Fehler in der Produktion von natürlichem EPO, vorweisen. Ein genetischer Makel. Beide hatten demzufolge von Geburt her mehr rote Blutkörperchen als andere Athleten. Durch diese Fehlbildung bekommen die Muskeln mehr Sauerstoff. Ein unbeschreiblich hoher Wettbewerbsvorteil, den sich andere Sportler nun auch verschaffen können. Und zwar dergestalt, dass man dieselben Fehler wie bei Filbrich und Mäntyranta kopieren und künstlich in die Gene einbaut. Mit einer derartigen Methode erreicht man, dass der Körper nach dieser Manipulation selbst den steigernden Stoff entwickelt. Im Falle von Ausdauersportlern könnte das EPO sein. Bei Kraftsportlern könnten es Testosteron oder Wachstumshormone sein, die sich nach einer Genbehandlung verselbstständigen.(4) Das Positive für die Doper: Nur über aufwändige Muskeluntersuchungen ließen sich solche Genmanipulationen nachweisen.

Doch welche Funktionen übernehmen einzelne Gene? Das zu bestimmen, ist für alle Dopingexperten eine scheinbar unlösbare Arbeit. „Nehmen wir das Muskel-Gen Myostatin. Myostatin ist ein Eiweiß, das im menschlichen oder tierischen Körper gebildet wird. Es hemmt das Muskelwachstum, sodass die Muskeln nicht unkontrolliert wachsen. Follistatin wirkt hingegen antagonistisch, indem es sich an Myostatin bindet. Eine Inaktivierung der natürlichen Proteinfunktion von Myostatin führt zu überschießendem Muskelwachstum. Bei Mäusen, Rindern, Schafen und Hunden der Rasse Whippet sind Individuen bekannt, die aufgrund verschiedener Mutationen des Myostatin-Gens eine erheblich größere Muskelmasse als gesunde Tiere entwickeln.“(4)

Im Jahre 2004 wurde bei einem deutschen Jungen eine Mutation des Myostatin-Gens festgestellt, welche die Bildung eines verkürzten und somit nicht voll funktionsfähigen Myostatin-Proteins zur Folge hat. Der Junge ist seit seiner Geburt ungewöhnlich muskulös und die Muskeln hören nicht auf zu wachsen – demzufolge schlummert in diesem Jungen ein echter Superathlet. Dass Gentherapien mit Myostatin das Wachstum der Muskulatur beschleunigt belegen Pharmastudien eindeutig.(5) Die „Schwarzenegger-Mäuse“ wurden mit Labortests bei der Produktion des Myostatins manipuliert. Die Muskelberge der Mäuse wuchsen unverhältnismäßig und die Leistungsbereitschaft erhöhte sich um ein Vielfaches im Vergleich zu normalen Mäusen.(6) Doch die Sache hat ein Problem: Die Lebensdauer der behandelten Mäuse reduzierte sich um die Hälfte. Das Herz der Mäuse war schlichtweg nicht mehr in der Lage, die stets wachsenden Muskelberge mit genügend Blut zu versorgen. Denn wer bei Genen manipuliert, muss sich bewusst sein, dass man das nicht mehr rückgängig machen kann. Die Muskeln wachsen und wachsen und wachsen – auch dann, wenn man nicht trainiert. Denn beim Gendoping spritzt man sich nicht wie bei den bisherigen Dopingpraktiken eine Substanz als Anreicherung der natürlichen Entwicklung, sondern man bringt die Erbanlage der Proteine in den Körper.(7)