16,99 €
Die zentrale Rolle des Scheinfastens bei der Vorbeugung und Behandlung von Krebs
Trotz medizinischer Fortschritte besteht bei fast jedem zweiten Menschen das Risiko, im Laufe seines Lebens an Krebs zu erkranken. Warum konnten wir das Risiko anderer tödlicher Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, waren aber bei der Krebsbekämpfung bisher nicht so erfolgreich? Der Grund: Tumore sind komplexe Erkrankungen, die oft keinen vorhersehbaren Verlauf haben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie bestehen aus »fehlgeleiteten« Zellen, die stärker wachsen als gesunde. Genau hier setzt Prof. Dr. Valter Longo mit »Fasten gegen Krebszellen« an.
Der international anerkannte Krebs- und Ernährungsexperte zeigt auf Basis seiner jahrzehntelangen Forschung, wie das von ihm entwickelte Scheinfasten dazu beiträgt, bösartigen Tumoren aller Art vorzubeugen und sie zu bekämpfen. Damit ermöglicht er einen neuen Weg, um das Krebsrisiko zu senken sowie die Behandlung und Genesung aktiv zu unterstützen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2025
Buch
Trotz medizinischer Fortschritte besteht bei fast jedem zweiten Menschen das Risiko, an Krebs zu erkranken. Warum konnten wir das Risiko anderer tödlicher Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, waren aber bei der Krebsbekämpfung bisher nicht so erfolgreich? Der Grund: Tumore sind komplexe Erkrankungen, die oft keinen vorhersehbaren Verlauf haben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie bestehen aus »fehlgeleiteten« Zellen, die stärker wachsen als gesunde. Genau hier setzt Prof.Dr.Valter Longo mit »Fasten gegen Krebszellen« an.
Der international anerkannte Krebs- und Ernährungsexperte zeigt auf Basis seiner jahrzehntelangen Forschung, wie das von ihm entwickelte Scheinfasten dazu beiträgt, bösartigen Tumoren aller Art vorzubeugen und sie zu bekämpfen. Damit ermöglicht er einen neuen Weg, um das Krebsrisiko zu senken sowie die Behandlung und Genesung aktiv zu unterstützen.
Autor
Prof.Dr.Valter Longo, geboren 1967 in Genua, ist ein weltweit anerkannter Experte und führender Wissenschaftler auf dem Gebiet des Alterns sowie altersbedingter Krankheiten mit Schwerpunkt auf Krebs, Autoimmunerkrankungen, Alzheimer und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Er ist Professor für Gerontologie und Biowissenschaften sowie Direktor des Institute of Longevity of the School of Gerontology an der University of Southern California in Los Angeles, einem der renommiertesten Zentren zur Erforschung des Alterungsprozesses. Für seine Arbeit erhielt Prof.Longo zahlreiche namhafte Auszeichnungen.
Außerdem von Prof.Dr.Valter Longo im Programm
Iss dich jung. Wissenschaftlich erprobte Ernährung für ein gesundes und langes Leben
Gesunde Ernährung für glückliche Kinder
(auch als E-Book erhältlich)
Prof.Dr.Valter Longo
Fasten
gegen
Krebs
zellen
Mit der richtigen Ernährung Krebs vorbeugen und behandeln
In Zusammenarbeit mit Alessandro Laviano, M.D., Romina Inès Cervigni, Ph.D., Cristina Villa, Ph.D.
Aus dem amerikanischen Englisch von Imke Brodersen
Die amerikanische Ausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Fasting Cancer« bei Avery, einem Imprint von Penguin Random House LLC, New York.
Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen. Die Anregungen, Vorgehensweisen und Vorschläge in diesem Buch sind kein Ersatz für eine persönliche ärztliche Beratung. Begeben Sie sich bei gesundheitlichen Problemen immer in medizinische Behandlung.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Deutsche Erstausgabe November 2025
Copyright © 2025 der Originalausgabe: Create Cures Foundation
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe: Mosaik Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Dagmar Rosenberger
Illustrationen: alle Illustrationen von Gilda Nappo, bis auf Illustration 5.1, angefertigt von Manuela Lupis und editiert von Gilda Nappo. Bild 2.2 entnommen aus »Evolutionary Medicine: from Dwarf Model Systems to Health Centenarians?« von Valter Longo und Caleb E. Finch, veröffentlicht in Science, February 28, 2003: vol 299, Issue 5611. Bild 2.4 © 2014 von Valter Longo.
Umschlag: Sabine Kwauka, nach einem Entwurf von PRHUS / Linet Huamán Velásquez
Umschlagmotiv: Shutterstock / Ron Dale, berCheck
Satz und E-Book Preduktion: Satzwerk Huber, Germering
GS ∙ MW
ISBN 978-3-641-32878-8V001
www.mosaik-verlag.de
Für alle Patientinnen und Patienten, die um ihre Chance kämpfen, den Krebs zu besiegen und lange zu leben.
Anmerkung zu den Daten in diesem Buch
Die in diesem Buch beschriebenen Daten stammen aus gegenwärtig laufenden Studien an Tier oder Mensch. Daher ist ein Einstieg in intermittierendes Fasten nur nach vorheriger Bewertung und unter sorgfältiger Überwachung durch den individuell behandelnden Arzt und Onkologen ratsam. Mangelernährung ist bei akuten sowie chronischen Erkrankungen ein negativer prognostischer Faktor und daher unbedingt zu vermeiden. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass diese und andere Ernährungsinterventionen für den Typ und das Stadium der Krebserkrankung und für die verordnete Therapie geeignet sind (siehe Anhang 1).
Hinweis des Autors
Die Longevity and Healthspan Clinics der Create Cures Foundation in den Vereinigten Staaten und die Valter Longo Foundation in Europa unterstützen Patienten und Onkologen bei der Integration innovativer, evidenzbasierter Interventionen in übliche Behandlungsmethoden. Wir konzentrieren uns dabei auf Ernährung und Molekularbiologie, aber auch auf die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers gegen Krebs und andere Erkrankungen. Ziel der Stiftungen ist, allen Menschen zu einem langen, gesunden Leben zu verhelfen. Im Rahmen der verfügbaren Mittel werden Menschen mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium und anderen pathologischen Krankheitsbildern, die sich solche ganzheitlichen Behandlungen nicht leisten können, zu ermäßigten Konditionen oder auch kostenlos behandelt. Ich erhalte kein Gehalt von L-Nutra, das ich gegründet habe, und werde darüber hinaus weiterhin meine Erträge aus der Firma für Forschung und wohltätige Zwecke spenden. Außerdem spende ich alle Einnahmen aus dem Verkauf meiner Bücher an die Create Cures Foundation und die Valter Longo Foundation.
Inhalt
Vorwort
Einleitung
1. Den Krebs aushungern, die Patienten nähren
2. Gene, Alterung und Krebs
3. Fasten, Ernährung und Bewegung in der Krebsprävention
4. Fasten, Ernährung und Brustkrebs
5. Fasten, Ernährung und gynäkologische Krebserkrankungen
6. Fasten, Ernährung und Prostatakrebs
7. Fasten, Ernährung und Darmkrebs
8. Fasten, Ernährung und Lungenkrebs
9. Fasten, Ernährung und Blutkrebs
10. Fasten, Ernährung und maligne Hirntumoren
11. Fasten, Ernährung und Hautkrebs
12. Fasten, Ernährung und Nierenkrebs
Schlusswort
Register
Anhang 1: Mangelernährung bei Krebspatienten – Screening und Beurteilung (für medizinische Fachkräfte)
Anhang 2: Klinische Studien zu Fasten und Scheinfasten während einer Krebstherapie
Glossar
Danksagung
Quellenangaben
Vorwort
2012 bat mich das New England Journal of Medicine, das viele als das führende medizinische Journal dieser Welt einstufen, um die Prüfung eines wissenschaftlichen Artikels zu experimentellen Neoplasma-Modellen. Dabei geht es um anomales Zellwachstum, das gutartig oder bösartig sein kann.
Dieser Artikel zeigte auf, dass rationales, gezielt eingesetztes Fasten das Wachstum von Krebszellen reduzieren und die Empfänglichkeit für eine Chemotherapie verbessern konnte. Die Herausgeber des Journals wollten meine Einschätzung dazu, ob die Ergebnisse aus den Studien an Mäusen und neoplastischen Zellen auch an menschlichen Krebspatienten reproduzierbar wären. Ich sollte also in die Kristallkugel komplexer Mechanismen aus Stoffwechsel und Immunsystem blicken und die Zukunft vorhersagen. Dieser Forschungszweig und das Team von Professor Valter Longo, das hier Pionierarbeit leistete, waren mir bereits ein Begriff. Jedenfalls war dies meine Chance, mich genauer mit den Hintergründen dieser innovativen Behandlungsmethode für neoplastische Erkrankungen und ihre Funktionsweise zu befassen.
Ich muss gestehen, dass der Medizinsektor der Einbeziehung von Fasten oder Scheinfasten in die Krebstherapie eher ablehnend gegenübersteht. Als Allgemeinärzte und Onkologen erhalten wir eine arzneimittelzentrierte Ausbildung und konzentrieren uns folgerichtig darauf, Krankheiten mit Medikamenten zu behandeln. Über die enorme Wirkung von Nahrung und Fasten auf den Stoffwechsel wissen wir bisher wenig. Deshalb fällt uns das Eingeständnis, dass sie bei der Behandlung von Menschen mit einer Krebsdiagnose eine Rolle spielen, schwer. Hinzu kommt, dass meine medizinische und wissenschaftliche Ausbildung darauf abzielte, Mangelernährung bei Krebspatienten zu verhindern oder zu behandeln. Daher war ich aus klinischer und wissenschaftlicher Sicht vom Ansatz des Fastens in der Onkologie im ersten Moment nicht nur befremdet, sondern hielt es für absolut unethisch.
Ich erinnere mich gut an die Reaktionen auf Professor Longos Vortrag im Rahmen des European Society for Clinical Nutrition and Metabolism Congress in Barcelona 2012. Ich war zwar nicht selbst im Saal, hörte aber von den heftigen Diskussionen in der anschließenden Fragerunde, bei der die meisten Anwesenden sich für eine reichhaltige Ernährung der Patienten während der Behandlung aussprachen. Vielleicht war dieser hitzige Schlagabtausch der Grund dafür, dass Professor Longo an diesem Abend nicht am gemeinsamen Dinner teilnahm, weil er befürchten musste, ein Abführmittel auf den Teller zu bekommen. (In Wahrheit erklärte Valter mir gegenüber, er hätte schlicht sein Einladungsschreiben verloren.)
Die Wissenschaft und ganz besonders die Medizin schreitet über Hypothesen, Beweisführungen und mögliche Erfolge voran. Das bedeutet, dass Dogmen in keinem Winkel des Universums ewig Bestand haben. Universalgesetze lassen sich lediglich in der Physik ableiten. Die beste Methode, die medizinische Forschung im Sinne des Wohls der Patienten voranzutreiben, besteht deshalb nicht im blinden Zitieren einer unbeweglichen Autorität, sondern darin, dass man sich selbst neugierig und kritisch Fragen stellt, so kontraintuitiv die präsentierte Evidenz auch sein mag. Als ich den Artikel im New England Journal of Medicine mit dieser Einstellung noch einmal las, wurden mir zwei zentrale Punkte klar: Erstens war die vorgelegte wissenschaftliche Evidenz ausgesprochen solide. Und zweitens besteht bei Krebspatienten möglicherweise eine Synergie zwischen dem Schutz des Ernährungsstatus und dem Scheinfasten, wobei der Ernährungsstatus maßgeblich für die sichere Durchführung des Scheinfastens ist. Ich setzte meine Lektüre mit »vorsichtigem Optimismus« und Vertrauen in die damals durchgeführten klinischen Studien fort, welche die Wirksamkeit von Fasten und Scheinfasten überprüfen sollten.
Seitdem sind zehn Jahre ins Land gegangen, und die Rolle des Fastens und des Scheinfastens ist in der Krebstherapie heute kein Tabu mehr. Experimentelle Studien, die vor Jahren durchgeführt wurden, lassen sich inzwischen durch klinische Daten von gesunden Personen und Krebspatienten belegen. Manche Krebskliniken zeigen sich inzwischen offen dafür, traditionelle Therapien und Stoffwechseltherapie zumindest für manche Krebsarten zu kombinieren. Darüber hinaus ist das übliche Vorgehen im Kampf gegen den Krebs komplexer geworden und erfordert innovative Herangehensweisen. Es hat sich gezeigt, dass viele antineoplastische Arzneimittel (Krebsmedikamente) weniger wirksam sind, als es in den Studien, die den Regulierungsbehörden (wie der amerikanischen Food and Drug Administration FDA oder der Europäischen Arzneimittelagentur EMA) für die Zulassung vorgelegt wurden, der Fall war. Ohne eine solche Zulassung darf ein Medikament nicht auf den Markt. Viele neue Arzneimittel sind extrem teuer, benötigen aber noch Verbesserungen beim Wirksamkeitsprofil. Und letztlich zeigen neuere Statistiken einen progressiven Rückgang der Sterblichkeitsrate bei Krebs, gleichzeitig aber auch eine Zunahme der bleibenden Nebenwirkungen der Krebserkrankung und vielleicht auch der Therapie selbst. Dieses Szenario verschiebt den Fokus auf die individuelle Lebensqualität, einen Parameter, der bei der Zulassung neuer Wirkstoffe häufig vergessen oder zu wenig berücksichtigt wird.
Dieses Buch ist nicht dazu gedacht, neue Leitlinien für die Krebstherapie darzustellen. Sein Ziel ist einzig und allein, die jüngsten Arbeiten einer Gruppe von Wissenschaftlern zu würdigen, die für Krebspatienten vielversprechend zu sein scheinen. Die wissenschaftliche Evidenz von Fasten und Scheinfasten ist solide und konkret, gestattet aber zweifellos noch keine Einbindung in die medizinische Standardbehandlung. Möglich ist allerdings die Berücksichtigung einer Integration in die Standardtherapie, besonders wenn es keine nachweislich wirksamen Alternativen gibt. Angesichts der Wirkung von Fasten und Nahrung auf den Stoffwechsel empfiehlt es sich, erst nach einem Gespräch mit dem Onkologen zu entscheiden, ob diese Option in Betracht kommt.
Fasten und Scheinfasten sind in der Onkologie keine Allheilmittel und eignen sich weder für alle Krankheitsbilder noch garantieren sie eine Kontrolle oder Regression der Erkrankung. Dieses Buch klärt darüber auf, wie klinische Reaktionen je nach Krebsart und Patient variieren. Deshalb sollte die Integration klinisch getesteter fastenimitierender Diäten in bewährte Therapien und unter medizinischer Kontrolle als Behandlungsoption in Erwägung gezogen werden, die im Einzelfall eine bessere Chance bedeuten kann, von antineoplastischen Arzneimitteln zu profitieren. Im Supermarkt halten wir fünf Prozent Rabatt für nicht der Rede wert. Bei Krebspatienten hingegen kann eine um fünf Prozent höhere Aussicht auf Heilung buchstäblich lebensrettend sein.
Zum Abschluss möchte ich eine persönlichere Bemerkung hinzufügen: Nach der Veröffentlichung des Artikels lernte ich Professor Longo persönlich kennen. Wir begannen zusammenzuarbeiten und wurden gute Freunde. Ich glaube an Valter und bin der Auffassung, dass eine gewinnbringende Zusammenarbeit auf gegenseitiger Anerkennung und Respekt vor den jeweiligen Fähigkeiten basiert. Wie überall im Leben tragen Diversität und Respekt dazu bei, große Erfolge zu erringen. Ich bin von dem Potenzial einer Integration von Fasten und Scheinfasten in die Behandlung von Patienten mit Krebs und anderen Erkrankungen überzeugt, aber nur klinische Studien können abschließende Ergebnisse zu diesem Thema liefern. Deshalb setzen wir unsere Bemühungen weiter fort.
Alessandro Laviano
Associate Professor of Medicine
am Department of Translational and Precision Medicine,
Sapienza-Universität in Rom
Einleitung
Im Jahr 2019 meldete sich in der Stiftungsklinik eine junge Patientin, die mir berichtete, sie hätte Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, der möglicherweise unheilbar sei. Ihr erster onkologischer Termin war kurz und übereilt verlaufen. Jetzt hoffte sie, ich könnte ihr weiterhelfen. Als Biochemiker, Krebsforscher und Juventologe (jemand, der die Gesundheitsspanne erforscht, um die Jugend zu erhalten), überlegte ich, ob der Krebs bei dieser Frau wirklich unvermeidbar war. Warum erkrankte sie überhaupt an Krebs, wie fast die Hälfte der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und Europa? Mir war bewusst, dass Mäuse – mit einer Lebenserwartung von etwa zweieinhalb Jahren – ab einem Alter von etwa eineinhalb Jahren Tumoren entwickeln. Aber so junge Menschen erkranken selten an Tumoren. Krebs hängt also weniger vom Alter ab, als vielmehr von der Alterung und Lebensphase eines Organismus. Alterung ist bei Maus und Mensch der wichtigste Risikofaktor für die meisten Krebsarten. Daher wusste ich, dass wir uns zur Krebsvorbeugung mit Alterungsprozessen befassen müssen. Aber warum ging es ständig um Krebsprävention, wenn doch Alterung der Hauptrisikofaktor war?
Zu Beginn eines medizinischen Vortrags frage ich das Publikum gern: »Was meinen Sie, wie viel länger wir wohl durchschnittlich leben würden, wenn wir den Krebs heute vollständig heilen könnten?« Die Antworten rangieren zwischen zehn und 25 Jahren. Wenn ich dann sage, dass es leider nur drei oder vier zusätzliche Jahre sind, herrscht allgemeine Überraschung. Als ich das kürzlich gegenüber einem der bekanntesten Krebsforscher der Welt erwähnte, antwortete dieser: »Sollten wir demnach die Krebsforschung einstellen und nach Hause gehen?« Als jemand, der sowohl am USC Norris Cancer Center in Los Angeles als auch am IFOM Institute of Molecular Oncology in Mailand die halbe Zeit in der Krebsforschung tätig ist, wollte ich vielmehr darauf hinaus, dass wir uns nicht ganz so spezifisch auf die Krebsprävention konzentrieren sollten, sondern eher auf die Verlangsamung der Alterungsprozesse, die einen wichtigen Risikofaktor für viele Krankheiten und Funktionsstörungen darstellen, nicht nur für Krebs.
Auf einer anderen Konferenz meldete sich jemand zu Wort und sagte: »Ich kannte eine Dame, die jeden Morgen um elf ihr Gläschen Grappa trank. Irgendwann kam sie ins Altersheim, und als sie 103 wurde, sagte man ihr dort, sie dürfe aus gesundheitlichen Gründen keinen Grappa mehr trinken. Kurze Zeit später war sie tot.« Alles lachte, und man erwartete nun, ich würde die Entscheidung, ihr den Grappa zu verbieten, verteidigen. Doch zur allgemeinen Überraschung sagte ich, dass gelegentlicher Alkoholkonsum (höchstens wenige Drinks pro Woche) entweder neutral oder leicht positiv mit einem langen Leben assoziiert ist. Die Gesprächsmoderation erinnerte daran, dass Alkohol als Risikofaktor für Krebs grundsätzlich zu meiden sei. Aber das ist nicht ganz richtig. Alkohol ist zwar ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten, aber bei den meisten Krebsarten ist das Risiko durch geringen Alkoholkonsum entweder sehr klein oder geht gegen null. Wir sollten auch betrachten, wie Alkohol im Sinne von Jugend und Gesundheitsspanne wirkt, nicht nur im Zusammenhang mit Krebs. Ja, bestimmte Lebensmittel oder Getränke können das Krebsrisiko leicht erhöhen. Aber sie können zugleich schützende Wirkungen vor Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen und Alzheimer entfalten oder den Menschen einfach glücklicher stimmen und damit seine Bereitschaft erhöhen, etwas für ein längeres, gesünderes Leben zu tun. Das jeweilige Lebensmittel oder Getränk kann für die meisten Menschen empfehlenswert sein, sollte jedoch von Personen mit einem hohen Risiko für Tumoren, die durch Alkohol begünstigt werden (zum Beispiel im Kopf- und Halsbereich) gemieden werden.1
Wir müssen das Altern behandeln oder aber (was noch besser ist) die Dauer der Jugend und Gesundheit fördern, also den Zeitraum, in dem jemand jung bleibt. Was schwieriger ist, als es aussieht. Wie die Entscheidung, ob man Alkohol trinken darf, sollte auch die Entscheidung, eine bestimmte Ernährungsform zu befolgen, diverse Faktoren einbeziehen. Nehmen wir zum Beispiel die Italienerin Emma Morano aus Verbania, deren letzte fünf Lebensjahre ich mitverfolgt habe. Mit über 100 Jahren (sie wurde 117 und war bei ihrem Tod der älteste Mensch der Welt) sagte sie zu ihrem Arzt, Carlo Bava, dass sie wohl besser kein rotes Fleisch mehr essen sollte. Dr.Bava fragte nach dem Grund, und sie antwortete: »Ein Journalist hat gesagt, davon bekäme man Krebs.« Nun ist Fleischkonsum zwar ein Risikofaktor für Krebs, aber für Morano sollte diese Sorge in ihrem Alter zweitrangig sein. Krebs wird noch über Jahre eine der häufigsten und tödlichsten Krankheiten der Welt bleiben, und eine Ernährung, die das Altern hinauszögert und Übergewicht vorbeugt, dürfte der beste Weg sein, ihn zu vermeiden. Nach dieser Maxime wurde die Longevità-Diät entwickelt, deren Empfehlungen sich individuell und altersangepasst zuschneiden lassen. Mit über 100 Jahren hätte Emma Morano von rotem Fleisch eher profitiert, um einer Mangelernährung vorzubeugen, die für ältere Erwachsene ein enormer Risikofaktor ist, anstatt sich groß um Assoziationen mit Krebs zu sorgen. Im Alter von 45 sollte man sich hingegen mehr Gedanken über Krebsprävention und Fehlernährung machen. Außerdem kann das richtige Ärztteam, das Antiaging- und Krebs-Präventionsstrategien verordnet, in vielen Fällen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen – so wie bei Emma, die Dr.Bava fand.
Laut der American Cancer Society liegt das Krebsrisiko in Amerika bei 40 Prozent, und es besteht ein 20-prozentiges Risiko, an Krebs zu sterben.2 Die Zahlen für Europa sehen ähnlich aus. Die Krebsforschung im Vereinigten Königreich vermeldet, dass etwa 50 Prozent der dortigen Einwohner im Laufe ihres Lebens eine Krebsdiagnose erhalten.3 In Italien kam die Associazone Italiana di Oncologia Medica (AIOM; Italienische Gesellschaft für Medizinische Onkologie) in Zusammenarbeit mit dem italienischen Tumorregister (AIRTUM) zu dem Schluss, dass 50 Prozent der Männer (jeder zweite) und über 30 Prozent der Frauen (jede dritte) mit einer Krebsdiagnose rechnen müssten.4
Man fragt sich, wieso wir das Risiko für Herzgefäßkrankheiten und viele anderen Erkrankungen so erfolgreich senken konnten, bei Krebs bisher jedoch nur begrenzten Erfolg hatten. Die Antwort liegt in den hierfür verantwortlichen Vorgängen auf Molekularebene:
Krebs kann in fast allen Zelltypen und Organen beginnen und Krankheitsbilder in Gang setzen, die sich in vielerlei Hinsicht ähneln, aber auch große Unterschiede aufweisen.Eine Tumormasse besteht nicht aus einem einzigen Typ Krebszellen, sondern aus vielen Typen, von denen jeder auf eine bestimmte Therapie reagieren kann oder auch nicht.Selbst wenn eine Krebstherapie gegen 99,9 Prozent der Krebszellen wirksam ist, können aus dem Tausendstel Zellen, die überleben, neue Massen entstehen, die häufig schwerer zu bekämpfen sind als die ursprünglichen.Tumormassen können kanzeröse Stammzellen enthalten, die auch bei augenscheinlich wirksamer Therapie weiterhin neue Krebszellen bilden.Krebszellen sind relativ leicht abzutöten. Weitaus schwieriger ist es, dabei nicht auch die normalen Zellen zu töten oder zu schädigen.Die Standardbehandlungen bei Krebs, von Chemo- und Immuntherapie bis hin zur Hormontherapie, sind verbesserungswürdig, insbesondere in Bezug auf ihre Wirksamkeit gegen eine breitere Palette an Krebszellen, das Abtöten von Krebsstammzellen, das Verhindern, dass Krebszellen gegen die Therapie immun werden, und in Bezug auf die Erhaltung normaler Zellen. Fasten und Ernährung könnten in absehbarer Zukunft das höchste Potenzial haben, einen derartigen integrativen Ansatz für die Krebstherapie bereitzustellen.
Eine »planlose Verschwörung«
Warum bekommen so viele Menschen Krebs? Die Antwort liegt in einem Aspekt, den ich als »planlose Verschwörung« bezeichne. Dass eine westliche Ernährungsform mit reichlich Kalorien aus tierischem Fett, Proteinen, raffinierten Kohlenhydraten und Zucker nicht nur Übergewicht und kardiovaskulären Erkrankungen Vorschub leistet, sondern auch das Risiko für Krebs und Neurodegeneration erhöht, wissen wir seit Jahren. Allerdings sind Lebensmittel- und Pharmakonzerne, Medien, Krankenhäuser und auch Ärzte an dieser Situation beteiligt, indem sie sich mit ihr arrangieren und den Status quo fördern. Ich spreche dabei von einer »planlosen Verschwörung«, weil es keine direkten geheimen Absprachen zwischen der Lebensmittelindustrie, die ungesunde, verarbeitete Lebensmittel, Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke verkauft, und den Pharmaunternehmen, die Medikamente zur Behandlung ernährungsbedingter Erkrankungen wie Diabetes und Herzproblemen anbieten, gibt. Hinzu kommt, dass die breite Mehrheit der Ärzteschaft gute Absichten verfolgt, doch abgesehen von Medikamenten nur wenig Behandlungsalternativen haben. Schon in meinem ersten Buch, Iss dich jung, habe ich einen klaren Lösungsansatz vorgestellt: Zur Verbesserung der Gesundheit sollte man seine Ernährung und seinen Lebensstil so gestalten, dass die besten Aussichten auf ein langes, gesundes Leben bestehen. Diese Empfehlung ist nicht meine persönliche Meinung, sondern sie stützt sich auf Hunderte von Studien aus den fünf Hauptdisziplinen, in denen es um ein langes Leben geht: Epidemiologie, klinische Studien, Grundlagenforschung zur Lebenserwartung, Studien an Hundertjährigen und Studien zu komplexen Systemen.
Wissenschaftlich zeichnet sich ein klares Bild ab, aber die Welt ist nur zögerlich bereit, sich zu verändern und von den Vorteilen für Gesundheit, Lebenserwartung und die Finanzen zu profitieren (knapp 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA fließen in den Gesundheitssektor). Woran liegt das?
Im Medizinstudium geht es darum, kranke Menschen zu behandeln. Zum Thema Ernährung wird nur Grundlagenwissen vermittelt. Angehende Ärzte lernen nicht, wie Ernährung ein langes, gesundes Leben fördern kann oder wie man Patienten dazu bewegt, ihren Lebensstil dauerhaft entsprechend zu gestalten.Manche Lebensmittel- oder Pharmakonzerne profitieren vom Informationswirrwarr und den ständigen widersprüchlichen Daten zur Dauerfrage, welche Lebensmittel gesund oder ungesund sind. So können sie ihre Produkte als ultimative Mittel zur Behandlung einer Erkrankung oder eines Gesundheitsproblems anpreisen. Dafür bezahlen sie Tausende von wissenschaftlichen Beratern und finanzieren die zahllosen Werbespots und Anzeigen, mit denen wir täglich konfrontiert sind. Diese Aussage gilt jedoch nicht für alle Unternehmen dieser Branchen. Viele propagieren eine gesunde Ernährung und produzieren durchaus bemerkenswerte Medikamente. Ich bin keineswegs gegen eine medikamentöse Behandlung, aber gegen Therapien, die nur ein »Pflaster« anbieten, wo eher die Veränderung von Ernährungs- und Lebensgewohnheiten helfen würden.Kliniken verdienen deutlich mehr Geld an chronisch kranken Menschen als an Menschen, die gar nicht erst krank werden. Das ist nicht unbedingt Absicht, aber es ist auch kein Anreiz, den Menschen wirklich zu heilen.Die Wissenschaft konzentriert sich oft nur auf eine Säule (zum Beispiel die Epidemiologie) und verharrt in ihrer eigenen akademischen Welt und ihrer Forschung. Zwar müssen Wissenschaftler an ihrer Grundlagenforschung arbeiten, doch die Patienten kommt das oft teuer zu stehen. Denn eine solche Strategie fördert zwar den wissenschaftlichen Fortschritt, ist jedoch für diejenigen, die gerade krank sind, zumindest kurzfristig fatal. Die Lösung lautet: Wissenschaftler müssen gemeinsam mit Ärzten und Ernährungsfachkräften Teil des Behandlungsteams sein.All das oben Genannte ist für die Medien häufig verwirrend, und sie fürchten die Reaktionen der Lebensmittelkonzerne, Pharmaunternehmen und der Ärzteschaft.Die Verschwörung ist »planlos«, weil wir alle – auch ich – uns in einem System bewegen, das uns Arbeit und Brot gibt und viele Firmen und Kliniken reich macht. Wer trägt also die Verantwortung? Wir alle. Wir brauchen dringend wissenschaftliche Informationsquellen, denen wir vertrauen können, Ärzte, die zu Ernährung und Lebenserwartung angemessen ausgebildet wurden, Kliniken, denen wirklich etwas daran liegt, dass ihre Patienten gesund werden und bleiben, sowie Lebensmittel- und Nutritechnologie-Anbieter, für die Gesundheit und Langlebigkeit ihrer Kundschaft und Umweltaspekte im Vordergrund stehen, nicht der höchstmögliche Gewinn. (Um den Interessenkonflikt abzufedern, der so vielen im Gesundheitssektor zu schaffen macht, nehme ich weder Beratungshonorare noch andere Vergütungen von solchen Unternehmen an und habe mich dazu verpflichtet, meine Gewinne zu 100 Prozent an die Forschung und an Stiftungen weiterzugeben.)
Medizin und Biologie im Team
Diese zielorientierte Einstellung sollte für alle gelten und Ernährung und Fasten als zentrale Säulen etablieren. Leider werden Positionen zu Gesundheitsfragen inzwischen immer kontroverser diskutiert – Lebensstil oder Gene, Veganer oder Fleischesser, Schulmedizin oder alternative Heilmethoden. Wenn wir von dieser »Wir gegen die«-Mentalität Abstand nehmen, uns auf die Grundlagen von Gesundheit und Lebenserwartung konzentrieren und dabei Tradition, Geschichte und die Auswirkungen von Ernährungsentscheidungen auf unsere Umwelt im Blick behalten würden, könnten wir mit weniger Geld viel mehr erreichen. Zum Beispiel könnte jemand, der gern Fleisch isst, sich weigern, die negativen Folgen dieser Ernährungsweise anzuerkennen, während ein Veganer vielleicht nicht einsehen will, dass manche Veganer unter einem Nährstoffmangel leiden. Wenn wir uns stattdessen auf das Ziel konzentrieren, können wir Menschen helfen, ideologieunabhängig länger und gesünder zu leben.
Deshalb ist eine lösungsorientierte Herangehensweise so zielführend. Ich möchte betonen, wie wichtig es ist, Kliniken mit multidisziplinären Teams aufzubauen, in denen Expertinnen und Experten aus Medizin, Molekularbiologie,5 Ernährungswissenschaft, Psychologie und anderen Disziplinen zusammenarbeiten, um komplexe medizinische Probleme zu lösen. In unserer Klinik der Los Angeles Create Cures Foundation arbeiten geprüfte Ernährungswissenschaftler eng mit Ärzten und Molekularbiologen zusammen, und wir ziehen externe Spezialistinnen und Spezialisten für die Behandlung von Tumoren, Diabetes, kardiovaskulärer Erkrankung, Neurodegeneration, Autoimmunität und anderen Krankheitsbildern hinzu. Anfänglich war das zugegebenermaßen für alle Beteiligten eine Herausforderung. Es fiel uns nicht leicht, für jedes Teammitglied die passende Rolle festzulegen. Ich musste den Ärztinnen und Ärzten zusichern, dass sie für jede Behandlungsentscheidung zuständig waren, und den Zeitaufwand für die Patienten beziffern, aber inzwischen haben wir diese Schwierigkeiten überwunden und können nun erste Studien zur Teameffizienz, zu der Longevità-Diät, intermittierendem Fasten und anderen wissenschaftlich fundierten Ernährungsinterventionen sowie ganzheitlichen Konzepten für Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen vorlegen.
Krebstherapie früher und heute
Auf einer der größten Krebskonferenzen der Welt fiel mir vor Jahren auf, dass es keine einzige Veranstaltung zu den Nebenwirkungen von Krebstherapien gab. Mein Vorschlag, auf der nächsten Konferenz eine entsprechende Session anzubieten, wurde abgelehnt, obwohl die einflussreiche Konferenz nicht einen Beitrag zum Patientenschutz anbot. Eine solche Denkweise steht für das alte Modell der Krebstherapie, das vor allem auf Zaubermittel zum Abtöten von Krebszellen setzt (also zum Beispiel Chemotherapie und Immuntherapie). Diese überholte Einstellung sollten wir überdenken und den Patienten stattdessen eine Rundumversorgung durch ein multidisziplinäres Team anbieten, die nicht nur ihre Chancen auf Heilung, sondern auch die auf ein gesundes Altwerden verbessert.
In diesem Buch spreche ich nicht nur darüber, wie Ernährung und fastenimitierende Diätformen die Patientenversorgung verbessern können, sondern auch über das erforderliche Team und das passende System zur Optimierung der Therapie. Damit der Ansatz, den ich als Revolution für die Lebenserwartung betrachte, erfolgreich ist, müssen die Ärzte ihn begrüßen. Die Ernährungswissenschaftlerinnen und Diätassistenten, die mit diesen Ärzten zusammenarbeiten, müssen sie umsetzen, und wir brauchen Unternehmen, die profitable neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, mit denen Menschen länger und gesünder leben.
Warum lohnt sich eine solche umfassende Herangehensweise durch ein interdisziplinäres Team besonders im Rahmen einer Krebstherapie? Weil jeder Krebs eine molekulare Schwäche hat und alle Krebsarten einerseits eine Menge Nährstoffe zum Wachsen brauchen, sich andererseits aber auch weiter verändern. Eine Krebserkrankung mit nur einem oder wenigen Wirkstoffen zu bekämpfen, ist daher so, als würde man in einem Krieg nur die Infanterie einsetzen. Wir müssen taktisch vorgehen, indem wir das Problem neu beleuchten. Krebs lässt sich zwar mit Chemotherapie und Strahlentherapie frontal angreifen, aber wir brauchen ergänzend den Angriff über das Immunsystem und müssen obendrein darauf achten, dass die gesunden Zellen und Organe möglichst wenig Schaden nehmen. Dazu müssen wir auf den Umstand setzen, dass normale Zellen und Krebszellen einen unterschiedlichen Bedarf an bestimmten Aminosäuren, Zucker, Fett oder Wachstumsfaktoren haben. Krebszellen brauchen vielleicht einen hohen Zuckerspiegel, wohingegen normale Zellen gut mit einem eher bescheidenen Zuckerangebot auskommen.
Hier treffen sich Ernährung und Evolutionsbiologie mit der Onkologie: Bei unseren Forschungen haben wir eine Möglichkeit gefunden, diese Bedürfnisse durch eine Kombination der Standardtherapie mit Scheinfasten zu nutzen, die den Körper dazu bewegt, so zu reagieren, als würde er fasten – wobei eine gewisse Nahrungsaufnahme gestattet ist, um die nötigste Versorgung mit Nährstoffen und Kalorien zu gewährleisten. Studien zufolge scheint diese fastenimitierende Diät normale Zellen zu schützen, Krebszellen hingegen für viele Therapieformen – von Chemo- und Radiotherapie bis hin zu Immun- und Hormontherapie – empfänglicher zu machen. Wir haben zwar gesehen, dass man Krebs nicht allein durch Fasten abtöten kann, weil er sich an anderen Zellen bedient und so selbst beim fastenden Patienten Wege findet, am Leben zu bleiben, aber man kann Scheinfasten einsetzen, um Krebszellen so zu schwächen oder anzugreifen, dass die richtige Therapie sie abtötet. Diese ernährungsbasierten Interventionen nutzen biochemische und molekularbiologische Unterschiede zwischen normalen Zellen und Krebszellen.
All dies bedeutet, dass die Art, wie Standardtherapien und ergänzende Therapien eingesetzt werden, ausschlaggebend dafür sein können, ob jemand mit 25 an einem Lymphom (einer Form von Blutkrebs) oder mit 32 an einem Adenokarzinom (zum Beispiel Brustkrebs) stirbt oder aber ohne Krankheit 100 Jahre alt wird. Ergänzende Therapien zur Standardkrebsbehandlung haben echtes Potenzial, für Krebspatienten einen großen Unterschied zu machen. Gleichzeitig kann diese Herangehensweise uns allen helfen, die meisten Krankheiten zu überwinden und gesünder alt zu werden. Aber wir fechten einen harten Kampf aus. Die meisten Onkologen halten jede ernährungsbasierte Therapie für »Quacksalberei« – in der Regel ohne sich gründlich mit deren Grundlagen befasst zu haben. Zu ihrer Verteidigung sei einzuwenden, dass sie so viel zu tun haben, dass ihnen oft gar nicht die Zeit bleibt, jeder Idee nachzugehen, die ihnen von Patienten oder Wissenschaftlern nahegelegt wird. Bei Krebs im fortgeschrittenen Stadium, für den keine wirksamen Therapien vorliegen, sollte sich der behandelnde Onkologe jedoch die Zeit nehmen und sich mit ergänzenden Therapien befassen, die mit ausreichender Evidenz aus Labor und Klinik als unbedenklich und potenziell wirksam eingestuft werden können.
Die meisten Ärzte, die klassisch behandeln, halten beispielsweise wenig von einer Therapie mit Vitamin C. Dabei haben sich Injektionen hoher Dosen dieses Vitamins in Kombination mit Scheinfasten in Tierstudien als wirksam erwiesen.6 Im Idealfall könnte eine aufgeschlossene Onkologin bei der Behandlung eines Patienten mit KRAS-mutiertem Dickdarmkrebs, für den keine wirksamen Therapien mehr bereitstehen, diese Vitamin-C-Studien ansprechen und (sofern rechtlich zulässig) derartige Injektionen mit Scheinfasten und der Standardbehandlung kombinieren. Man könnte auch Härtefallregeln außerhalb der Zulassung im Sinne des Compassionate Use nutzen.
Laut Definition der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA ist Compassionate Use »ein möglicher Weg für Patienten in unmittelbar lebensbedrohlichem Zustand oder bei schwerer Krankheit, für eine Behandlung jenseits klinischer Studien Zugang zu einem Medizinprodukt (Arzneimittel, biologisches Mittel oder anderes Medizinprodukt) zu erhalten, das noch in der Zulassungsphase ist, wenn keine vergleichbare oder zufriedenstellende alternative Behandlungsoption verfügbar ist«7. Für den Arzt ist das eine hohe Hürde, die jedoch für Patienten einen großen Unterschied machen kann, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden. Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte schreibt dazu:
»Einer Zulassung bedarf es nicht für Arzneimittel, die […] unter den in Artikel 83 der Verordnung (EG) Nr.726/2004 genannten Voraussetzungen kostenlos für eine Anwendung bei Patienten zur Verfügung gestellt werden, die an einer zu einer schweren Behinderung führenden Erkrankung leiden oder deren Krankheit lebensbedrohend ist, und die mit einem zugelassenen Arzneimittel nicht zufriedenstellend behandelt werden können; dies gilt auch für die nicht den Kategorien des Artikels 3 Absatz 1 oder 2 der Verordnung (EG) Nr.726/2004 zugehörigen Arzneimitteln.«8
In Italien haben wir in Zusammenarbeit mit meiner Gruppe und den Create-Cures-Foundation-Kliniken an verschiedenen führenden Krebszentren derartige ganzheitliche Interventionen im Rahmen einer offenen Machbarkeitsstudie, an der viele Patienten mit diversen Tumorarten teilnehmen, einbezogen. Bis die ergänzende Therapie zum Standard wird, ist dieser Ansatz, der auf von Ethikkomitees genehmigten klinischen Behandlungsprotokollen beruht, ideal. Für die große Mehrheit der Onkologen ist dieser Weg jedoch sehr schwierig und wird somit selten genutzt, was Compassionate Use zu einer wichtigen Alternative macht.
Dieses Buch
In diesem Buch geht es in erster Linie um das große Potenzial und die Wirksamkeit von fastenimitierenden Diäten und der Longevità-Diät in Kombination mit üblichen Krebstherapien sowie in der Prävention und Linderung von Nebenwirkungen. Auch wenn die Forschung immer noch weitergeht, beruht dieses Buch auf 30 Jahren Studien zu Alterungsprozessen und 20 Jahren Studien aus der Krebsforschung in meinen Labors in den USA und Italien, aber auch auf zahlreichen klinischen Studien an einigen der besten Krankenhäuser, in denen es sowohl um Krebsprävention als auch um die Krebstherapie ging und in denen stets das Motto galt: »Zuerst der Patient«.
Wir beginnen in diesem Buch mit Kapiteln über Krebsprävention, in denen es sehr stringent in erster Linie um Ernährung und gesundes Altwerden geht. Die darin genannten Empfehlungen sind weniger offensichtlich, als man vielleicht meint, denn sie müssen nachweislich eine Antiaging- und Antikrebs-Wirkung entfalten und gleichzeitig Mangelernährung und Gebrechlichkeit einschließlich Knochen-, Muskel- und Immunverlust vorbeugen. Es ist wichtig, dass den Betroffenen ihr Essen weiterhin schmeckt und dass die Veränderungen in der Ernährung begrenzt bleiben, damit man sie problemlos für den Rest des Lebens beibehalten kann. Sie werden deshalb hier keine Allerweltstipps finden wie »Essen Sie weniger oder in Maßen« oder »Iss wie deine Großmutter« oder »Esst wie die Steinzeitmenschen« oder »Wenig Kohlenhydrate!« oder »Orientiert euch an der Mittelmeerdiät«. Vielmehr geht es um eine maßgeschneiderte Ernährung, ausreichend, aber mit einer begrenzten Anzahl an Zutaten, die Sie mögen und mit denen Sie ein normales Gewicht und eine normale Körperfettmenge erhalten können. Außerdem gehe ich darauf ein, dass Adipositas und Insulinresistenz keine modernen Phänomene sind, sondern normale, evolutionsbedingte Zustände, die einst notwendig waren, um lange Winter oder Hungersnöte zu überleben. Dieses Wissen und seine evolutionären und molekularen Grundlagen können wir nutzen, um gesund alt zu werden und Krebs ein Stück weit vorzubeugen.
Der größte Teil dieses Buches dreht sich um verschiedene Krebsarten, ihre Entstehung und die Studien, die es zu diversen Behandlungsoptionen im Tandem mit Scheinfasten und anderen ernährungsbasierten Interventionen gibt. Das ist zwar eine Herausforderung, weil die entsprechenden Studien noch laufen, aber ich bin sicher, dass wir eines Tages viele Krebsarten mithilfe von Therapien, die fastenimitierende Diäten und andere Interventionen einbeziehen, bekämpfen können, weil die Krebszellen dadurch deutlich empfindlicher auf die Therapie reagieren, während normale Zellen besser geschützt werden. Bei Mikroorganismen und Mäusen wissen wir bereits, wie das geht. Daher ist dieses Ziel erreichbar.
Wir wissen, dass Ernährungsinterventionen, die bewährte Therapieansätze begleiten, eine zentrale Rolle für deren Wirksamkeit spielen. Manches davon ist bereits seit 100 Jahren bekannt, nämlich seit Otto Warburg beschrieb, wie begeistert Krebszellen auf Zucker reagieren und dabei Milchsäure erzeugen, eine Erkenntnis, die ihm 1923 den Nobelpreis gebracht hat und heute als »Warburg-Effekt« bezeichnet wird (siehe Kapitel 7). Aber wie wir in den Kapiteln zu verschiedenen häufigen Krebserkrankungen sehen werden, reicht es nicht aus, weniger Glukose zu essen oder gar zu fasten. Ich will mit diesem Buch keineswegs die bemerkenswerte, oftmals aufopferungsvolle Arbeit der Onkologen schmälern oder abtun. Mir geht es vielmehr darum, zusätzliche Werkzeuge und Motivation für sie bereitzustellen, um Patienten mit unheilbaren Erkrankungen zu helfen. Ich hoffe auch, dass dieses Wissen dazu beitragen kann, vorübergehende und langfristige Nebenwirkungen der Krebstherapie zu lindern, besonders wenn es keine sinnvollen Alternativen gibt.
Denjenigen, die sich für Prävention interessieren (ob in Bezug auf Krebs oder andere Krankheiten), bietet dieses Buch eine Anleitung, wie man die Alterung verlangsamen und das biologische Alter senken kann. Das ist nicht immer leicht, aber die meisten Menschen können diese Richtlinien verstehen und befolgen. Auch unsere Teams an der nicht profitorientierten Create Cures Foundation Clinic in den USA und den Valter-Longo-Foundation-Kliniken helfen bei einer Krebsdiagnose, das umzusetzen, was ich in diesem Buch anspreche. Außerdem möchte ich Sie dazu ermuntern, sich aufgeschlossene Onkologen zu suchen, die bereit sind, etwas Neues zu wagen, damit Sie nicht nur den Krebs besiegen, sondern auch langwierigen Nebenwirkungen vorbeugen und Ihre Chance, gesund 100 Jahre alt zu werden, erhöhen können.
1. Den Krebs aushungern, die Patienten nähren
Wer den Feind besiegen will, muss ihn kennen
1994 war ich Doktorand im zweiten Jahr und arbeitete in der Pathologie. Das Labor der UCLA (University of California, Los Angeles) unterstand Dr.Roy Walford, einem Experten für Studien zur Kalorienrestriktion. Damals stellte ich fest, dass ich für den »Direktkontakt« in der Medizin nicht geschaffen war. Eines Tages reichte mir der leitende Pathologe eines Seminars Körperteile eines Mannes, der vor Kurzem an Krebs verstorben war, und fragte: »Was sehen Sie?« Im Gegensatz zu seinen Studenten strebte ich keinen medizinischen Doktortitel an, deshalb provozierte er mich in der Hoffnung, mir würde übel werden und ich würde davonlaufen. Allerdings hatte ich gerade fünf harte Dienstjahre als Panzerfahrer in der amerikanischen Reserve hinter mir und war nicht bereit, ihm diese Genugtuung zu verschaffen. Also betrachtete ich erst den Toten, dann die Lunge in meinen Händen und teilte ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, die unbedeutenden Beobachtungen mit, die ein Student auf dieser Stufe so findet.
Der Patient war 45 Jahre alt geworden, ein Raucher, der an Lungenkrebs gestorben war. Die Situation machte mir erheblich mehr zu schaffen, als ich zugeben wollte. Mich irritierte, wie jung er gewesen war, der Geruch im Saal und in dem Moment, in dem der Leiter der Pathologie mir seine Lunge in die Hand legte, auch die Erkenntnis, wie fragil das Leben war. Mir wurde klar, worum es in unserer Forschung ging und wie wichtig es war, sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren – die Suche nach neuen Ideen –, anstatt auf den Wunsch, ein erfolgreicher Wissenschaftler zu werden. Dieser Mann hätte wahrscheinlich noch am Leben sein können, wenn ihm jemand vermittelt hätte, dass man einen solchen Krebs vermeiden kann, indem man aufhört zu rauchen oder indem man seine Ernährung so umstellt, dass man besser vor den schädlichen Folgen des Rauchens geschützt ist. Vielleicht hätte er auch weiterleben können, wenn es vor 30 Jahren schon eine Immuntherapie oder eine Therapie unter Einbeziehung von Scheinfasten gegeben hätte. Neben diesen psychologischen Auswirkungen dieser Episode konnte ich danach zwei Tage nichts essen, rührte wochenlang kein Fleisch mehr an und war auf dem besten Weg zum Pescetarier.
Der Krebs, der meinen Großvater umgebracht hat, indem er einen metastasierenden Darmtumor gebildet hatte, hatte auch diesen 45-Jährigen das Leben gekostet. Und jetzt war er mein Feind. Ich studierte in einem der besten Krebszentren an einer der besten Kliniken der Welt. Für viele junge Forscher war dies der perfekte Ort, um an den Themen Alterung und Krebs zu arbeiten. Aber mein Instinkt raunte mir zu, dass dieser Feind weitaus tiefere molekulare Geheimnisse barg als das, was in der Pathologie erforscht wurde. Ich musste verstehen, wo er herkam, wie er entstand und warum er ein gewisses Verhalten zeigte. Ich dachte daran zurück, wie ich im Sommer 1992 vor dem Wechsel in die Pathologie im Labor von Steven Clark in der Biochemie Bakterien ausgehungert hatte, und beschloss, dorthin zurückzukehren, um mich gemeinsam mit zwei hervorragenden Kolleginnen, Joan Valentine und Edie Gralla, mit einem Organismus zu befassen, der dem Menschen ein klein wenig näher steht als Bakterien: der Backhefe (Saccharomyces cerevisiae). Dass sie uns ähnlicher ist, liegt daran, dass dieser Einzeller immerhin wie wir ein Eukaryot ist – ein Organismus, dessen Zellen einen Zellkern (Nucleus) innerhalb einer Kernmembran besitzen.
Einige Monate nach meiner Rückkehr in die Biochemie beobachtete ich etwas sehr Seltsames: Die Hefe starb, schien aber dann wieder zum Leben zu erwachen (Abbildung 1.1).
1.1Während die Hefe wächst, altert sie. Dabei entstehen Mutationen in ihrer DNA. Ähnlich wie bei den Vorgängen in Krebszellen können einige dieser Mutationen die veränderten Organismen in die Lage versetzen, die Nährstoffe zu nutzen, die von abgestorbenen Zellen zurückbleiben, um selbst zu wachsen. Daraufhin »regeneriert« die Population sich selbst, weil zwar einige Organismen absterben, andere aber gedeihen. Modifiziert nach Paola Fabrizio et al.: »Superoxide Is a Mediator of an Altruistic Aging Program in Saccharomyces Cerevisiae«, Journal of Cell Biology 166, no. 7 (2004): 1055 – 67.
Was ist Krebs?
Auf das oben beschriebene Experiment mit Hefe und die potenzielle Entstehung von Krebs komme ich später wieder zurück. Zunächst jedoch ist es mir wichtig zu klären, was Krebs eigentlich ist. Im Gegensatz zu der verbreiteten Vorstellung, Krebszellen seien schlau und mächtig, sind die meisten eher verwirrt und schwach, können aber schnell wachsen. Innerhalb der großen Gruppe von Krebszellen in einer Tumormasse können einige überleben und weiterwachsen. Deshalb ist Krebs so schwer zu bekämpfen. Doch welche Merkmale bringen Krebszellen so »durcheinander«, machen sie zugleich aber auch tödlich? Douglas Hanahan und Robert Weinberg beschrieben diese Kennzeichen von Krebs in ihrem berühmten Artikel »Hallmarks of Cancer«, der seit der Erstveröffentlichung im Jahr 2000 noch erweitert wurde:9
Anhaltendes Teilungsvermögen. Die große Mehrheit der Krebszellen kann sich an Orten und zu Zeitpunkten weiterhin teilen, an denen normale Zellen nicht wachsen würden. Dieses Wachstum wird durch Mutationen unterstützt, bei denen bestimmte Wachstumsgene, die Onkogene (Gene mit dem Potenzial, Krebs zu erzeugen), dauerhaft aktiv bleiben. Normale, nicht-mutierte Versionen der Onkogene – Protoonkogene (wie RAS, AKT, PKA) – fördern das Zellwachstum, beschleunigen jedoch auch die Alterung. Stellen Sie sich vor, das Gaspedal in Ihrem Wagen sei beschädigt und würde nach der Betätigung nicht wieder in die Ausgangsposition zurückkehren. Und nun stellen Sie sich vor, das geschähe in einer Stadt, in engen Straßen voller Autos, und für jedes Auto, das in einen Unfall verwickelt wird und anhält, würden ein oder zwei neue Wagen auf der Straße auftauchen. Die Verwüstung ist absehbar.Umgehen von Wachstumsinhibitoren. Tumorunterdrückende Gene sollen verhindern, dass Onkogene – die modifizierten Gene, die das Krebswachstum fördern, – und andere Faktoren Krebszellen hervorbringen. Es gehört zu ihren Aufgaben, die Zellteilung (zur Bildung einer weiteren Zelle) zu verhindern, aber auch Zellen abzutöten, die so geschädigt sind, dass sie den restlichen Organismus in Gefahr bringen. Gene zur Tumorunterdrückung können Sie sich, um bei unserem Bild zu bleiben, als das Bremspedal im Auto vorstellen. Wenn hier Mutationen auftreten, funktionieren die Bremsen nicht mehr.Zellinvasion und Metastasierung. Normale Zellen verharren in der Regel in einem bestimmten Gewebe, denn sie erhalten dort mechanische Signale (weil sie von anderen Zellen geschoben oder blockiert werden) und sind Faktoren ausgesetzt, die ihr Wachstum und die Ansiedlung an anderen Orten unterdrücken. Krebszellen missachten solche Befehle und dringen in Gewebe und Regionen vor, die ihnen normalerweise verwehrt bleiben. Ganz besonders gefährlich ist es, wenn sie in die Blutgefäße gelangen, die es den Krebszellen wie Autobahnen ermöglichen, an entfernte Orte zu gelangen. Dieser Prozess heißt »Metastasierung«. Wenn der Krebs dieses Stadium erreicht, ist er weitaus schwerer zu behandeln, weil jede metastasierte Krebszelle wiederum neue Mutationen und Merkmale entwickeln kann.Umgehung der replikativen Seneszenz. Neben tumorunterdrückenden Genen besitzen normale Zellen auch eine Zellteilungsuhr, welche die Anzahl der Zellteilungen begrenzt. Diese sogenannte replikative Seneszenz wird teilweise über die Länge der Telomere gesteuert, jener DNA-Sequenzen an beiden Enden eines Chromosoms. Nur wenn diese Telomere lang genug sind, kann die Zelle neue Zellen bilden. Doch mit zunehmendem Alter werden die Telomere kürzer, was dem Zellwachstum Einhalt gebietet. Am Ende ist die Zelle seneszent, also zu alt, um sich noch einmal zu teilen. Krebszellen können diese Hürde umgehen, indem sie das Enzym Telomerase aktivieren, das die Telomere vom Schrumpfen abhält. So kann die Krebszelle weiterhin wachsen.Ausbleibender Zelltod. Wenn normale Zellen geschädigt sind, leiten sie selbst den Prozess der Apoptose (programmierter Zelltod) ein. Allerdings können viele Krebszellen diesen Mechanismus jedoch blockieren. Bestimmte Krebsmedikamente nehmen diese Blockade ins Visier und töten so die Zellen ab.Neben diesen altbekannten Merkmalen von Krebszellen wissen wir inzwischen auch, dass sie von Entzündungen profitieren und Abwehrmechanismen gegen Immunzellen entwickeln können, um nicht zerstört zu werden. Und wegen ihrer Fähigkeit, schnell zu mutieren und sich weiterzuentwickeln, können manche Krebszellen innerhalb einer Tumormasse aggressiven Behandlungsmethoden entgehen und überleben.
Der Ursprung von Krebs?
Als ich meinen Mentorinnen das Experiment mit der scheinbaren Wiederbelebung der Hefe vorlegte (Abbildung 1.1), reagierten sie verwundert. Wie konnte die Hefe wieder zum Leben erwachen und so schnell wachsen, obwohl wir sie nicht mehr ernährten? Die Antwort erforderte zehn Jahre Forschung und wurde 2004 veröffentlicht, als ich bereits Professor an der USC School of Gerontology in Südkalifornien war, einem Zentrum, das für seine Forschung zum Thema Alterung bekannt ist: Während die Hefen alterten und dem »altruistischen Todesprogramm« zum Opfer fielen (das Organismen zugunsten anderer Organismen sterben lässt), entstanden zahlreiche Mutationen in ihrem Erbgut, und einige davon ermöglichten ihnen das Gedeihen in einer Umgebung mit begrenztem Nährstoffangebot. Diejenigen mit »Wachstumsmutationen«, konnten Nährstoffe verwerten, die von toten und sterbenden Hefeorganismen freigesetzt wurden, und so weiterwachsen. Lag in diesen Kampf um Anpassung und Überleben der Ursprung von Krebs?
Wie Krebszellen ließen sich diese Hefezellen nicht von den Hungerbedingungen einschränken, die Zellen normalerweise das Signal geben, ihr Wachstum einzustellen. Das war vielleicht ein sehr frühes Beispiel für Mutationen, die bei Hefezellen ein »krebsartiges« Wachstum auslösen und bei Menschen in Form von Onkogenen eine zentrale Rolle für das Krebswachstum spielen. Dieses Phänomen legt nahe, dass Krebs aus Mutationen an bestimmten Wachstumsgenen entsteht (den Onkogenen), die ein Wachstum selbst in ansonsten eher feindseliger Umgebung zulassen. Bei menschlichen Zellen ist dieser Prozess normalerweise inaktiv, kann aber durch Alterung oder andere Faktoren wie Karzinogene versehentlich aktiviert werden.
Deshalb sind Mutationen, die zu Krebs führen, beim Menschen Zufall und beruhen auf altersabhängigen Fehlern bei biologisch bedeutsamen Prozessen. Zum Beispiel können freie Radikale, die bei der normalen Zellfunktion entstehen, die DNA schädigen und Mutationen in Gang setzen, die eine Entstehung von Krebszellen begünstigen. Ein wichtiger Aspekt der Onkogenmutationen, auf den ich später noch zurückkommen werde, ist, dass diese häufig bei einer begrenzten Anzahl genetischer Signalwege (IGF-1R, RAS, PKA, AKT) auftreten, die auch den Alterungsprozess beschleunigen und verschiedene Organismen bei Deaktivierung länger leben lassen.
Immer mehr verwirrte Zellen
Krebszellen weisen Mutationen und andere Veränderungen auf, aufgrund derer sie besonders gut wachsen und auch unter ungünstigen Umständen überleben können. Und weil sie dauerhaft in einem Modus für beschleunigtes Altern festhängen, entstehen massive weitere Schäden an ihrer DNA
