Fasten - Martin Pinsger - E-Book

Fasten E-Book

Martin Pinsger

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Beschreibung

Fastentage für ein neues Lebensgefühl Seit Jahrtausenden nützen die Menschen die reinigende und revitalisierende Kraft eines zeitweisen Nahrungsverzichtes. Manche tun es aus gesundheitlichen Gründen, andere der Figur wegen, viele nützen das Fasten zur spirituellen Erneuerung und als mentale Kraftquelle. Fasten bewirkt eine sanfte Reinigung von Körper, Geist und Seele – eine Zeit der Ruhe und Entschleunigung. Fasten heißt nicht Hungern. Es handelt sich um eine kurze Zeit der freiwilligen Reduktion. Ein Gefühl der Befreiung und des Glücks stellt sich bei vielen ein. Der Facharzt für Orthopädie Dr. Martin Pinsger zeigt gemeinsam mit dem Medizinjournalisten Thomas Hartl, wie zahlreich die Vorteile sind, die das lang bewährte Fasten mit sich bringt. Sie lassen neue wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen und bieten mit ihrem Ratgeber einen wertvollen Leitfaden, um Körper und Geist mit einfachen Fastentagen wieder in Balance zu bringen.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Martin Pinsger, Thomas HartlFASTEN

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2023 maudrich Verlag

Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien, Austria

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und derVerbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Facultas Verlags- und Buchhandels AGUmschlagbild: © trendobjects, Adobe Stock

Lektorat: Mag. Katharina Schindl, WienTypographie und Satz: Florian Spielauer, WienDruck: Finidr, Tschechien

ISBN 978-3-99002-152-1 (Print)

ISBN 978-3-99111-639-4 (E-Pub)

Vorwort

Das Thema Fasten beschäftigt mich bereits seit meiner Jugend. Schon vor langer Zeit habe ich erkannt, wie gut es tut, ab und zu nichts zu essen. Aber dass ich deswegen gleich ein Buch schreiben werde, habe ich bis vor Kurzem nicht gedacht. Im Gegenteil – nach zwei erfolgreichen Büchern zum Thema Schmerzen habe ich mir versprochen, einmal Pause zu machen. Pause vom Schreiben, um mehr Zeit für mich und meine Familie zu haben, um mich selbst zu finden, mich viel zu bewegen und nicht so viel zu sitzen.

Aber dann kam der 10. Juni 2021. Es war der Tag vor meinem 61. Geburtstag. Und da passierte Folgendes:

Gegen 10 Uhr erscheint meine jüngere Tochter Astrid mit Sekt und Kuchen in der Ordination, unserem Schmerzkompetenzzentrum.

„Papa“, sagt sie hocherfreut, „ich bin seit heute Doppelfachärztin!“ Scheinbar endlose Ausbildungsjahre sind damit vorüber. Endlich geschafft, welche Freude! Eine Zeit unglaublicher Anspannung ist zu Ende, die Zukunft unseres Schmerzkompetenzzentrums in Bad Vöslau ist damit gesichert. Die vielen Patient:innen können somit auch in den nächsten Jahrzehnten mit einer guten Betreuung rechnen. Es ist ein großartiges Gefühl für Astrid und mich. Wir nehmen uns einige Minuten Zeit, nippen Sekt und genießen den großen Augenblick.

Die nächsten Stunden verfliegen mit großer Leichtigkeit und einer inneren Glückseligkeit, die man schwer ausdrücken kann. Es wird 18 Uhr, der so besondere Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. Da klingelt mein Handy ein zweites Mal – es ist der Klingelton meiner älteren Tochter Annegrit. Sie meldet sich, etwas schwach, aber überglücklich, mit den Worten: „Papa, dein siebtes Enkelkind Johannes ist soeben zur Welt gekommen!“ Wir können unser Glück kaum fassen. Dieser 10. Juni wird künftig ein neuer Familienfeiertag. Mit mittlerweile fünf Kindern ist Annegrit trotz ihrer Tätigkeit als Allgemeinmedizinerin eine tolle Mutter und bringt enorme Vitalität in unsere Familie.

Am nächsten Tag werde ich 61 Jahre alt. Wer braucht in so einer Situation noch weitere Geschenke? Die Tatsache, dass die Ordination noch viele Jahrzehnte weiter bestehen wird, und das Glück der Familie ist eine Wiedergutmachung für Leid und Konflikte, die ein Medizinerleben mit sich bringt. Es lohnt sich eben, sich anzustrengen, wenn man damit so schöne Ergebnisse hervorbringen kann.

Die nächsten Wochen sind von viel Dankbarkeit durchdrungen. Es ist schön, auf so viel Geglücktes zurückschauen zu dürfen und den Erfolg all der Arbeits- und Familienjahre vor Augen zu haben. Es sind verschiedene Dimensionen des Erfolgs und der Zufriedenheit, die ich jetzt durchlebe. Die Freude über die Kinder und die Enkelschar. Die Freude über eine medizinische Karriere, die durch meine Tochter noch lange weiterwirken und mich überleben wird. Und da ist auch eine tiefe Dankbarkeit meiner Frau gegenüber, die auch in schlechten Zeiten an meiner Seite war und ohne die die gesamte familiäre Entwicklung unmöglich gewesen wäre.

Und plötzlich fühle ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um etwas weiterzugeben, das anderen Freude machen könnte – wie ein neues Buch. Ein Buch, das helfen soll, in die Tiefen unseres Seins einzudringen und sich selbst zu finden in Freude, Frieden und Dankbarkeit. In diesen Überlegungen und Emotionen greife ich zum Telefon und rufe Dr. Thomas Hartl an, den kongenialen Coautor aller meiner Bücher. „Du, Thomas, hast du Zeit und Lust für ein gemeinsames Fastenbuch?“ Thomas hatte Lust und nahm sich die Zeit. Und so konnte die Arbeit, die eigentlich keine war, beginnen.

IhrMartin Pinsger

Inhalt

Einleitung

Teil 1 Fasten als Teil der Evolution

Evidenzbasierte und menschenbasierte Medizin

Fasten liegt in den Genen

Fasten und Koevolution

Die Wissenschaft schreitet voran

Fasten ist für die meisten Menschen unbedenklich

Teil 2 Die Epidemie des 21. Jahrhunderts

Kilos auf dem Vormarsch

Fettverbrennung und Gewichtsverlust

Fettzelle ist nicht gleich Fettzelle

(Ver-)kühle dich täglich – ein Selbstversuch

Stille Entzündungen

Botenstoffe aus dem Gleichgewicht

Teil 3 Fasten als Jungbrunnen für die Zellen

Autophagie: Zellreinigung und Zellverjüngung

Telomere – Schnürsenkel des Lebens

Fasten für eine geschmeidige Haut

Fasten und das Altern

Der Traum vom ewigen Leben

Teil 4 Ablauf einer Fastenwoche

Fasten als Gruppenerlebnis

Fasten ohne Hunger – wie geht das?

Vorbereitung und Ablauf einer Heilfastenwoche

Im Gespräch mit Abt Lukas

Teil 5 Fasten in der Praxis

Erfahrungsberichte

Dr. Martin Pinsger – Meine Fastengeschichte

Ostern – Tod und Auferstehung

Der Atem des Lebens

Persönliches Nachwort

Dankeswort

Quellen

Begriffserklärungen

Stichwortverzeichnis

Über die Autoren

Einleitung

Fasten entlastet in vielerlei Hinsicht – körperlich, psychisch und auch sozial. Es ist eine Zeit der Reduktion.

Das Nicht-Essen bringt ungeahnte Chancen von Reparatur und Wohlbefinden. Es bringt eine Vielzahl von Vereinfachungen im Leben, es entlastet und erspart eine Menge Zeit. Kein anstrengender Einkauf und Heimtransport mit Lagerung und Sortierung. Kein aufwendiges Kochen, kein langwieriges Essen, kein großer Abwasch und kein anstrengendes Verdauen. Keine Gedanken über Menüs oder Planungen für Restaurantbesuche.

Das Thema Essen spielt oft sogar bei Beziehungsstress eine Rolle. So wird in manchen Familien um die Gunst der Mitglieder geradezu „wettgekocht“, nach dem Motto „Liebe geht durch den Magen“. Und das darf uns nicht wundern – denn von allen hochkomplexen eiweißgekoppelten Rezeptoren des menschlichen Nervensystems sind rund 50 Prozent für das Riechen und Schmecken zuständig. Nahrung und Nahrungssuche waren zu allen Zeiten wichtig und oft auch eine Überlebensfrage.

Vieles Weitere fällt beim Fasten weg. So bekommen beispielsweise Zähne und Kiefer eine Pause. Bald erspart man sich sogar den Gang auf die Toilette (außer zum Harnlassen).

Und auch die Gefühlswelt profitiert: Oft kommt ein ungeahntes Gefühl der Reinheit, Leichtigkeit und Freiheit auf.

Wir möchten die Leser:innen dazu animieren, sich spätestens ab dem 40. Lebensjahr mit den wunderbaren Wirkungen des Fastens vertraut zu machen. Wer das Buch bis zum Schluss liest, wird hoffentlich verstehen, dass Fasten eine absolute Wohltat für Körper, Geist und Seele ist. Es ist eine wunderbare Medizin auf vielen Ebenen. Wer sich in einer gesundheitlichen Krise befindet, wird (hoffentlich) erkennen, dass die nun folgenden Texte äußerst hilfreich für ihn sein können. Denn es ist eine sehr wirksame Methode, seinen „inneren Arzt“ bzw. seine „innere Ärztin“ zu wecken – unser ureigenstes inneres Notprogramm, welches beim Fasten aktiviert und hochgefahren wird.

Eigentlich scheint Fasten eine unlogische Angelegenheit zu sein. Warum sollte Kalorienreduktion eine gute Sache sein? Je mehr Kalorien zugeführt werden, desto mehr Energie wird zugeführt – das ermöglicht Wachstum, Kraft und Ausdauer. Wie kann es also sein, dass viel zu essen ungesund ist?

Dieses Denken stammt noch aus nicht lang zurückliegenden Zeiten, als man nach dem Zweiten Weltkrieg stolz war, wenn man einen dicken Bauch vor sich hertrug und dicke Kinder hatte. Ein mächtiger Bauch bedeutete Wohlstand und nie wieder Hunger – das war die Devise der Nachkriegsgenerationen. Cholesterin1, Blutfette, Zuckerkrankheit – all das war kein Thema, niemand interessierte sich für die möglichen Folgen. Dick und stark stand für Erfolg. Und Erfolg wurde durch Wachstum und Beschleunigung definiert. Diese Lebenseinstellung war für viele ein unwiderstehlicher Sog. Wie von einem Tornado wurden die Menschen mitgerissen in diese Zeit des Konsums ohne Ende.

Nur langsam zeigten sich die Folgen. Jahr um Jahr verging und die Zusammenhänge zwischen Überernährung und verschiedensten Erkrankungen wurden immer klarer. Heute kennt diese Zusammenhänge im Grunde jede:r! Wir alle wissen um die möglichen Folgen eines ständigen Zuviels. Von Diabetes bis zum Herzinfarkt ist alles dabei. Und wie reagieren wir Menschen des westlichen Überflusses darauf? Wenig bis gar nicht. Auch wir Autoren sind keinesfalls perfekt. Manche Menschen reduzieren ihre Nahrungsaufnahme zwar bisweilen und essen selektiv, aber wirklich dauerhaft bewusst gesund zu essen halten die wenigsten von uns durch.

Doch: Eine Kehrtwende ist jederzeit möglich. Fasten2 hilft dabei, auch langfristig auf eine bewusste Ernährung umzusteigen. Nach dem Studium der vor Ihnen liegenden Seiten sollte Fasten kein „Buch mit sieben Siegeln“ mehr sein. Fasten ist für die meisten von uns durchaus machbar.

Fasten kann viele verschiedene Wirkungen auslösen, körperlich und mental – wir werden sie in diesem Buch beschreiben. Alle Wirkungen wird man freilich nicht beim einmaligen Fasten erleben. Daher ist es sinnvoll, von Zeit zu Zeit immer wieder einmal zu fasten, um in diesem so reichhaltigen Ritual3 Sinn und Orientierung zu finden.

Dieses Buch möchte den „Suchtcharakter“ des Fastens im positiven Sinne beschreiben und Lust darauf machen. Nach dem Entfall vieler Fastenkurse in der Zeit der Corona-Pandemie haben sich bei vielen Menschen überflüssige Kilos angesammelt. Jetzt aber kann man sich wieder einer Fastengruppe anschließen und sich und andere ermutigen, weiterzumachen oder neu durchzustarten. Beim Fasten geht es jedoch nur am Rande um Gewichtsreduktion. Der Erfolg auf der Waage ist nur ein kleiner, wenngleich positiver Nebeneffekt. Fasten ist eines der reichhaltigsten und wichtigsten Rituale im menschlichen Leben. Sie, werte Leserin, werter Leser, laden wir ein, diese Chance nicht ungenützt vorüberziehen zu lassen.

1 Sie können sämtliche Quellen über folgenden Link abrufen: www.facultas.at/fasten_quellenverweise

Fastenrituale sind so alt wie die Menschheit. Alle großen Religionen und Zivilisationen pflegten Fasttage und Fastenzeiten. Offensichtlich war den Menschen von Anfang an klar, dass diese Perioden des freiwillig gewählten Hungerns ganz besondere Zeiten sind.

Beim Fasten stellen sich Wirkungen ein, die sonst nur unter dem Einfluss von Medikamenten zu erwarten wären: innere Ruhe und Ausgeglichenheit, bessere Stimmung, besserer Schlaf. Es fehlt dem Gehirn der Fastenden plötzlich an Zucker, es fehlt an Suchtmitteln wie Kaffee, Tee, Nikotin und Alkohol. Auch Gewürze wie Chili, Pfeffer und Glutamat werden ausgespart. Alles, was putscht und aufregt, ist plötzlich weg.

Dieser Wegfall verändert die Psyche und das Denken. Es verwundert wenig, dass sich beim Fasten der Blick auf sich selbst ändert. Wir wissen: Schönheit liegt im Auge des:der Betrachtenden. Das Fasten verändert diese Ansicht. Plötzlich sehen wir hinter die Spiegel unseres Lebens; wir erkennen, was ohne Fasten bisher unerkannt blieb. Der Blick weitet sich. Das Verständnis für verschiedenste Phänomene des Lebens wie Leistung, Erfolg, Resilienz, Krankheit, Gesundheit und all die anderen wichtigen Themen nimmt zu. Vieles tut sich auf und die Widersprüchlichkeit zu unserem wirklichen Leben wird fühlbar. Im Idealfall spürt man eine tiefe Toleranz und vielleicht sogar Liebe sich selbst und allem Menschlichen gegenüber. Die Achtung vor dem über Jahrmillionen entstandenen Leben auf dieser Erde und seinen Geheimnissen wächst und nährt die Fürsorge – auch unserem so treu und unermüdlich arbeitenden Körper gegenüber.

Fasten ändert den Menschen und seine Sicht der Dinge.

Evidenzbasierte und menschenbasierte Medizin

Bis vor wenigen Jahren wurde Fasten von vielen streng wissenschaftlich ausgerichteten Mediziner:innen, die der Evidenzbasierten Medizin (EBM4; das ist eine auf empirische Belege gestützte Heilkunde) anhängen, als „Humbug“ oder zumindest als nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert angesehen. Doch dann kam das Jahr 2016 und mit ihm der Medizinnobelpreis für Yoshinori Ohsumi5 für die Entdeckung der Mechanismen der Autophagie6, also das durch Fasten induzierte Verbrennen von Zellmüll. Mit einem Mal war das Fasten aus der wissenschaftlichen „Schmuddelecke“ befreit und rehabilitiert. Jetzt auf einmal war alles ganz anders. Fasten war plötzlich hip und in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Für mich war dieser Wandel ein Beweis dafür, dass alte und bewährte Rituale meist einen tieferen Sinn haben, der schlussendlich auch eine wissenschaftliche Bestätigung finden muss. Mein Interesse gilt seit Langem der Verbindung von historisch Gewachsenem mit der Wissenschaft und den Zugängen zu den sehr individuell geprägten Heilungsprozessen.

Wissenschaftliche Zugänge sollten niemals separat betrachtet werden, das lässt sich am Thema Fasten deutlich aufzeigen. Fasten ist ein komplexes Ritual, bei dem sich die Fastenden oft stark verändern. Häufig erkennen sie, dass Fasten anders abläuft und wirkt, als sie zuvor gedacht haben. Sie erkennen, dass es durch das Fasten zu Veränderungen auf vielen Ebenen kommt. Solche Veränderungen sind Tatsachen. Doch wie soll man sie medizinisch einordnen? Wie könnte man sie dokumentieren? Hier stößt man, rein wissenschaftlich gesehen, an seine Grenzen.

Ich denke, es ist vor allem die Aufmerksamkeitslenkung, die in einer Fastengruppe über mehrere Tage so wirksam ist und alte Muster erschüttert. Beim Fasten richtet sich der Fokus der Teilnehmenden stark auf das Thema Achtsamkeit7 und Selbstfürsorge. Diese Selbstfürsorge, also die Beschäftigung mit sich und seinem Wohlergehen, wird von den meisten Menschen im Alltag sehr klein gehalten oder gänzlich ignoriert. Doch in den Tagen des Fastens, die eine Auszeit vom täglichen Tun und Schaffen darstellen, tritt eine Änderung ein. Die Fastenden beginnen sich selbst zu reflektieren, denken über ihr Leben und ihre Ziele nach und kommen nach und nach bei sich selbst an. Man könnte dies als Achtsamkeit für sich selbst bezeichnen.

Gibt man in PubMed (das ist die größte Medizindatenbank der Welt) das Wort Fasten ein, so findet man über 140.000 Studien dazu – das ist wirklich eine ganze Menge. Gibt man das Wort Achtsamkeit (Mindfulness8, 9) ein, so erhält man lediglich rund 20.000 Resultate.

Beim Thema Fasten verbinden sich EBM und HBM10 (= Human-based Medicine; jeder Mensch wird individuell gesehen – mit seiner Geschichte, seinen Ressourcen und seinen spezifischen genetischen Merkmalen). 140.000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Fasten treffen auf eine jahrtausendealte menschliche Tradition. Diese Fusion11 zweier Welten prägt mein medizinisches Denken zutiefst. Bei meinen medizinischen Vorstößen nehme ich gerne Kritik in Kauf, denn aus Kritik kann man lernen. Es sind jedoch die begeisterten Teilnehmer:innen an Fastengruppen, die dieses Unternehmen (das Fasten) so positiv und erfolgreich machen, es ist die Gruppendynamik, die so inspirierend wirkt. Schlussendlich hat Heilfasten auch einen deutlichen Suchtfaktor im positiven Sinn. Viele Fastende wiederholen ihre Fastenwoche – wieder und wieder.

Wissenschaft trifft Praxis – die Wirkungen alter Fastentraditionen sind wissenschaftlich gut untersucht.

Fasten liegt in den Genen

Wir Menschen brauchen das Fasten. Es ist Teil der Evolution12, die Fähigkeit dazu liegt in unseren Genen. Jedes Tier in der freien Wildbahn ist mehrmals im Jahr dazu gezwungen, Phasen mit geringem Nahrungsangebot zu erdulden. Und wir Menschen? Über die Jahrtausende haben sich in den menschlichen Zellen Informationsmaterialreserven gebildet, die nur bei Bedarf aktiviert werden. In den Fastenphasen werden diese Notprogramme gestartet und sie machen uns robust, widerstandsfähig und ausdauernd. Die Sinne für das pure Überleben werden geschärft und der Körper wird für Krisen vorbereitet. Fasten führt, ohne dass wir es verhindern können, in diese Notprogramme hinein – Programme, die Menschen ohne Fastenerfahrung verschlossen bleiben. So ist es manchmal auch schwierig, über das Fasten zu sprechen und zu schreiben, da die dabei erlebten Phänomene nur jene wirklich verstehen werden, die sich auch tatsächlich in diese Situation (Nahrungsaufnahme unter 25 Prozent des Tagesverbrauchs) bringen. „No risk, no fun!“, könnte man sagen. Wer Fasten nicht ausprobiert, wird es auch nicht wirklich verstehen.

Schematische Darstellung der im Zellkern enthaltenen DNA-Stränge

Zurück zu unseren Genen. Zusätzlich zu unseren 46 Chromosomen, die alle aus DNA-Strängen bestehen, mit ihren Genen gibt es in jeder Zelle unzählige nicht codierende DNA-Elemente. Man wusste früher nicht, wozu diese nicht codierende DNA gut sein soll und ob sie überhaupt für irgendetwas gut ist. Manche glaubten, dass es sich bloß um Müll handelt, der keinerlei Funktion hat. Doch mittlerweile weiß man: Unsere Zellen machen nichts ohne Grund. Mit dem Fortschreiten der Genanalysen und der Gensequenzierung erkannte die Wissenschaft, wofür all das scheinbar überflüssige Genmaterial zuständig zu sein scheint. Man geht nun davon aus, dass diese Informationsreserven wie eine Art Bibliothek fungieren, die im Notfall die geforderten Informationen bereitstellt. Manche Abschnitte der Bibliothek werden in unserem Alltag oft gebraucht, andere dagegen selten oder gar nicht. Die Informationen über das Fasten gehören in letztere Kategorie.

Fasteneinsteiger:innen tun sich mit dem Fasten leichter, wenn sie eine Begleitung durch Fastenerfahrene haben. Ideal wäre eine geführte Kleingruppe. Denn für Einsteiger:innen ist es anfangs oft schwierig, die Signale des Körpers zu deuten. Es dauert eine gewisse Zeit – für Neulinge länger als für Fastengeübte –, das richtige „Regal“ in der „Bibliothek“ des Körpers mit der passenden DNA-Information zu finden. In dieser Zeit muss anhand der vorhandenen genetischen Informationen Boten- oder Messenger-RNA13 (diese überträgt genetische Information für den Aufbau eines bestimmten Proteins in einer Zelle) gebildet werden, die die nun notwendigen Stoffwechselschritte ermöglicht. So wird beim Fasten beispielsweise Zucker nur in kleinsten Mengen zugeführt, sodass der Großteil der Energieerzeugung durch Abbau von Fett erfolgen muss.

Die Fähigkeit zu fasten liegt in den Genen, sie ist Teil der Evolution.

Fasten und Koevolution

Bis vor wenigen Hundert Jahren waren Mensch und Umwelt koevolutionär geprägt. Das bedeutet, der Mensch entwickelte sich mit der Evolution und unterlag ihren Gesetzen. Er konnte den Planeten nicht gefährden. Er war nicht in der Lage, das Kommando über die Erde zu übernehmen und die Umwelt zu zerstören. Heute dagegen sind wir auf dem Weg, diesen Planeten zu ruinieren, das steht außer Zweifel. Obwohl wir wissen, dass unser Verhalten falsch ist, gibt es kaum Kontrolle, wenig Korrektur und schon gar keine Wiedergutmachung der offen ersichtlichen Sünden an Menschen, Tieren und Umwelt. Eine große Aufgabe unserer Zeit ist es, hier und heute die Probleme der fehlenden Koevolution14 zu erkennen und gezielt gegenzulenken.

Unser persönliches Gleichgewicht ist genauso wichtig wie das unserer Mit- oder Umwelt. Diesen Satz beginnen manche beim Fasten zu verstehen. Wir können dem Drang, ständig zu essen, widerstehen. Wir sollten das auch tun, weil wir wissen, dass es sinnvoll ist. Wir werden dadurch gesünder und leistungsfähiger und verbessern zusätzlich unsere Gesundheit. Wer wünscht sich das nicht?

Die Evolution war darauf ausgelegt, Nahrung so gut wie möglich in den Körper einzubauen, damit in Zeiten der Not (die immer wieder kamen) ausreichend Reserven vorhanden waren. Auch unsere Sinne sind Teil der evolutionären Entwicklung, wie sich an der Unmenge von körperlichen Rezeptoren zeigt. Daher sind Essen, Schmecken und Riechen etwas Grundlegendes, das aus unserem Leben nicht wegzudenken ist.

Der Mensch ist seit Jahren dabei, den Geschmackssinn zu manipulieren, und schafft damit gesundheitliche Probleme. Süßes, Fett und Glutamat sind zu Spitzenreitern in unserer Geschmackswahrnehmung geworden. Viele von uns sind bereits süchtig danach und befeuern damit rund um die Uhr ihr neuronales Belohnungssystem im Gehirn. Die Nahrungsmittelindustrie15 lenkt diesen Prozess und profitiert davon. Es verwundert nicht, dass die ersten Reihen in den Regalen der Supermärkte meist mit Produkten mit oben genannten Geschmacksqualitäten gefüllt sind. Naturnahe und wenig verarbeitete Lebensmittel mit Bitterstoffen16 oder Ballaststoffen, die keinen Zucker beinhalten, verkaufen sich weniger gut. Unser Geschmacksinn passt sich dem Angebot an. Darauf zu warten, dass die Wirtschaft gesündere Lebensmittel in die Regale bringt, ist naiv. Gewinnoptimierung ist das Diktat unserer Zeit und nicht die Gesundheit von Mensch und Umwelt. Einzig und allein das Kaufverhalten der Konsument:innen könnte einen Umschwung bringen. Doch wenn man jahrelang an Zucker und Fett gewöhnt wurde, ist eine Abkehr davon sehr schwierig. Aber: Man muss ja nicht gleich eine 180-Grad-Kehrtwende vollziehen. Da und dort Zucker einzusparen, weniger Fett, mehr Gemüse, keine Geschmacksverstärker und vermehrt Bitterstoffe17 zu essen ist uns allen möglich.

Fasten lässt uns Koevolution verstehen. Wir spüren tief hinein in unsere Neurobiologie (diese beschäftigt sich mit Aufbau und Funktionsweise des Nervensystems)18 und Epigenetik19 und erkennen plötzlich, wo unsere wahren Bedürfnisse liegen. Wir spüren eine Motivation zur Veränderung hin zum Positiven – zu einer besseren Ernährung, zu einem humaneren Leben in Familie und Arbeit. Es geht um Balance und Gleichgewicht, die nicht mit Intelligenz oder Digitalisierung erreicht werden können. Wir sollten lernen, unsere Bedürfnisse zu verstehen, und die Notwendigkeiten eines regenerativen Lebens achten. Es geht um den Menschen, es geht um die Welt um uns herum.

Fasten zeigt sehr gut auf, dass weniger oft mehr sein kann. Dieser Gedanke ließe sich zum Wohl von Mensch und Umwelt auf viele Bereiche umlegen. Weniger CO₂-Ausstoß, weniger Plastikflut, weniger stressbedingte Krankheitsfälle, weniger von allem, was uns und die Umwelt ruiniert und nicht länger zu rechtfertigen ist.

Koevolution ist wahrlich ein spannendes Thema und ihre große Bedeutung sollte mehr Beachtung erhalten. Dieser Text möchte einen notwendigen fürsorglichen Weg anregen – nicht, weil Kritik notwendig ist, sondern weil uns möglicherweise die Zeit davonläuft. Tut man nichts, wird man eines Tages nur mehr dem abfahrenden Zug nachsehen und das Blatt für den Menschen und die Umwelt, die er ja so dringlich braucht, nicht mehr wenden können.

Manche meinen, man sollte doch einfach zum Mars fliegen und dort sein Glück versuchen. Denen sei gesagt: Unser Leben findet ausschließlich hier und jetzt statt!

Weniger ist manchmal mehr. Fasten schafft Balance und Gleichgewicht.

Die Wissenschaft schreitet voran

Fasten und Gesundheit gehören untrennbar zusammen. Die wissenschaftliche Entwicklung der letzten zehn Jahre belegt mannigfaltige Zusammenhänge.

Zu Beginn meines Medizinstudiums im Jahr 1978 schien die medizinische Welt noch in Ordnung. Man meinte, Lebensstil-Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 (auch Zuckerkrankheit genannt)20 mit einfachen Worten erklären und mit Medikamenten therapieren zu können. Gegen Entzündungen wurden Antibiotika eingesetzt und das sollte ausreichen. Die medizinischen Erklärungen waren simpel: eine Diagnose, eine Therapie. Einer medizinischen Aktion folgt eine Reaktion im Körper. Und aus.

Mit zunehmender Entwicklung der Medizin erkannte man die vielen verborgenen komplexen Zusammenhänge und sah bald, vor allem in der Schmerztherapie, dass die Sache ohne Zutun der Patient:innen nicht zu gewinnen war. Ohne ihre aktive Mitwirkung müssen in vielen Fällen Ärzt:innen und auch Medikamente scheitern.

In den 80er-Jahren öffnete sich die Medizin Behandlungsformen wie Akupunktur oder Manueller Medizin. Diese Therapieformen benötigen einen ganzheitlichen Zugang und sind somit wissenschaftlich nicht so einfach zu erforschen. Dennoch gab es kein Zurück zu vereinfachenden Erklärungen. Auch den besten Grundlagenforscher:innen gelang es nicht mehr, die eine Ursache oder die eine Substanz für eine Erkrankung zu finden. Die Grundlagenforschung hat so viele Details an die Oberfläche gespült, dass selbst die engagiertesten Wissenschaftler:innen keine einfachen Lösungen mehr präsentieren können – denn diese existieren einfach nicht.

Auch das Fasten bietet keine einfachen Erklärungen. Es greift in viele verschiedene Vorgänge im Körper ein, die sich gegenseitig beeinflussen. Nach und nach erkennt man die enorme Komplexität der wissenschaftlichen Grundlagen des Fastens. Und man erkennt, dass die Fastenden mit diesem Werkzeug ein enormes Potenzial zur Selbstwirksamkeit und zur dauerhaften Verbesserung der eigenen Gesundheit in Händen halten.

So manches hier im Buch wird die volle Aufmerksamkeit der Leser:innen benötigen, da es einige neue Informationen zu berichten gibt. Das kann anstrengend zu lesen oder schwierig zu verstehen sein, aber es lohnt sich.

So führt uns die Reise von der klassischen Stressachse (Gehirn, Hirnanhangdrüse, Nebennieren)21 zu den typischen Wirkungen von Cortisol (unser wichtigstes Stresshormon), zu Vagus22 und Sympathikus23(Nervensystem für Anspannung und Entspannung). Dabei wird bald klar werden, dass viel Stress auch einen hohen Cortisolspiegel24 verursacht und damit Fettleibigkeit unterstützt. Unser Verständnis von Fasten und Ernährung führt über epigenetische Veränderungen hin zu den Adipokinen (Fettgewebshormone)25 und Myokinen (Botenstoffe, die hauptsächlich von der bewegten Muskulatur ausgeschüttet werden), den Zusammenhängen zwischen Energiestoffwechsel und Bewegung sowie zum Immunsystem. Auch der Zusammenhang zwischen Überernährung (fehlendes Fasten) und Immunsystem spielt eine große Rolle.26 Gerade in Zeiten von vermehrten Virusinfektionen mit Millionen von Toten weltweit ist ein starkes Immunsystem gefragt.

Außerdem werden die sogenannte Silent Inflammation (stille Entzündung) und ihre Auswirkung auf das Nervensystem27 zur Sprache kommen. Auch gefürchtete und extrem kostspielige Erkrankungen wie Demenz, Alzheimer28, 29 und Parkinson30