Faszien – Gewebe des Lebens - Peter Schwind - E-Book

Faszien – Gewebe des Lebens E-Book

Peter Schwind

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Beschreibung

Das Bindegewebe, das uns im Innersten zusammenhält

Faszien - das ist das kollagenhaltige Bindegewebe, das unseren gesamten Körper durchzieht. Es hat eine große Bedeutung für unseren Bewegungsapparat, aber auch für unser Immunsystem. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass das Fasziensystem z. B. bei Rückenbeschwerden eine entscheidende Rolle spielt. Denn wenn Faszien verdickt oder verklebt sind, verursachen sie Schmerzen. Und auch der Spitzensport hat die Faszien für sich entdeckt. Sie werden im Falle von Verletzungen behandelt und gezielt zur Leistungssteigerung trainiert.

Dieses Buch ist das erste populäre Sachbuch über das dynamische Stützkorsett, das uns im Innersten zusammenhält. Peter Schwind erklärt, welche zentralen Funktionen Faszien in unserem Körper erfüllen und warum sie so wichtig für unsere Gesundheit sind. Darüber hinaus stellt er einfache Übungen für ein gut trainiertes Fasziennetzwerk vor, die morgens, abends und im Büro durchgeführt werden können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Schwind

FaszienGewebe des Lebens

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

© 2014 by Irisiana Verlag, einem Unternehmender Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Hinweis:

Die Informationen in diesem Buch sind von Autor und Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Projektleitung: Sarah Gast

Redaktion: Susanne Schneider, München

Satz: Uhl + Massopust GmbH, Aalen

Bildredaktion: Melanie Greier

Bildnachweis:

Fotografie: Christian Martin Weiss

Haare/Make-up: Nilgün Konya

Model: Sallamari Kähkönen

Illustrationen: Veronika Moga

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie

Umschlagmotiv: © shutterstock/design36 und ElStrie

Lithografie: Uhl + Massopust GmbH, Aalen

ISBN 978-3-641-14301-5V003

Inhalt

Vorwort

Einleitung: Zweimal Fragestunde

Erster Teil

Blick zurück: Faszien gestern

Blick in die Gegenwart: Faszien heute

Im Sektionssaal

Im Operationssaal

Zweiter Teil

Der Fasziendschungel

Die Faszien und unser Rücken

Die Faszien und unser Nacken

Die Faszien unserer Organe

Ein Sonderfall: Die schwebenden Nieren und das Geheimnis ihrer Faszien

Die Faszien und das Gehirn – geheimnisvolle Verbindungswege

Dritter Teil

Tensegrity in der Architektur

Tensegrity im menschlichen Körper

Tensegrity der Gelenke

Form der Faszien – Form des Körpers

Behandlungen des Fasziensystems

Vierter Teil

Die Faszien vor und nach der Schwangerschaft

Fünfter Teil

Fasziengymnastik

Sechster Teil

Die Faszien und unsere Emotionen

Eine neue Sicht der Dinge

Anmerkungen und Hinweise

Schlussbemerkung

Dank

Ausgewählte Adressen

Register

Bildteil

Praktische Übungen

Vorwort

Für den menschlichen Körper ist es wichtig, dass alle seine Elemente in einer Richtung zusammenarbeiten. Das gilt sowohl für die Muskeln und Knochen als auch für die Arterien, Venen und Nerven sowie die Organe. Wie in einer Gruppe von Musikern, die zusammen spielen, ist es essenziell, dass durch dieses Miteinander die bestmögliche Harmonie entsteht.

Von außen betrachtet scheint es ganz einfach zu sein, wie wir uns bewegen, wenn wir beispielsweise tanzen oder auch »nur« gehen. In Wirklichkeit brauchen wir aber einen Dirigenten, der auf alle inneren Geschehnisse in unserem Organismus achtet. Er kann das eine oder andere korrigieren und Harmonie herstellen. Und dafür muss er ganz eindeutige Informationen haben.

Es ist die Aufgabe der Faszien, den nötigen Informationsfluss zu gewährleisten. Und die Aufgabe eines Therapeuten ist es, die Faszien so zu behandeln, dass die Informationen beim Gehirn ankommen.

Es ist so wie auf der Bühne: Da gibt es ein Szenario, Schauspieler und einen Regisseur. Ein Therapeut hat sozusagen die Rolle des Regisseurs inne und muss über eine ganz spezielle Sensitivität verfügen, um den Informationsfluss in den Faszien zu spüren und innerhalb des Fasziensystems für die richtige Organisation zu sorgen.

Peter Schwind hat dieses Talent. Und deshalb ist es mir eine Ehre und eine Freude, dieses Vorwort zu schreiben.

Jean-Pierre Barral, D. O. (UK)

Camargue 2014

Einleitung: Zweimal Fragestunde

Es ist schon einige Zeit her, als mich ein Redakteur des Magazins stern zu einem ausführlichen Interview in meiner Praxis treffen wollte. Das Thema dieses Interviews hatte mit der Arbeit zu tun, die ich, meine Kolleginnen und Kollegen damals praktizierten und heute immer noch praktizieren: einer Arbeit, die sich auf die Behandlung eines geheimnisvollen Gewebes spezialisiert hat – die Faszien. Wir waren damals – vor etwa zehn Jahren – mit dieser Behandlungsweise und auch mit unseren Ideen über die Bedeutung dieses Fasziengewebes ziemlich alleine auf weiter Flur.

Ich hatte die Einladung zu diesem Interview bereits mehrmals erhalten und hatte gezögert, auf das medienwirksame Angebot einzugehen, nicht zuletzt, weil ich nicht ganz sicher war, was bei dem Gespräch herauskommen sollte. Ging es dem Journalisten darum, der Leserschaft des stern Informationen über das Thema Faszien zugänglich zu machen? Wollte er wirklich sachlich klare Informationen weitergeben, oder lauerte da am Ende die Gefahr, dass ich mich vor einer großen Öffentlichkeit endlos blamiere? Ich vermutete, dass es ihm wohl mehr um eine eindrucksvolle Schilderung der Behandlung der Faszien und nicht so sehr um das faszinierende Gewebe ging, das wir »Faszien« nennen. Vielmehr sollte da günstigstenfalls ein Bericht über eine wenig bekannte Therapiemethode – das nach Ida Pauline Rolf (1896–1979) benannte Rolfing – entstehen, eine Methode, von der die Öffentlichkeit damals praktisch keine Notiz nahm. Zu all dem war mein eigenes Wissen über das Thema Faszien nämlich erstaunlich gering. Meine Kolleginnen und Kollegen und auch ich hatten jahrelang praktische Erfahrungen gesammelt: Als Therapeuten tasteten wir den Körper ab oder schauten unseren Patienten zu, wie sie im Raum auf und ab gingen. Wir wollten herausfinden, »wo es in den Faszien hängt« – warum diese Menschen Probleme mit Verspannungen, zum Beispiel im Rücken, hatten. Wir behandelten die Menschen, die zu uns kamen, aber wir wussten in vielen Fällen nicht, was wir tun sollen. Alles, was wir tun konnten, basierte auf dem, was wir bei unseren Lehrern in den USA gelernt hatten, oder auf der Beobachtung im Praxisalltag. Wir waren gar nicht sicher, ob wir die Leute, die zu uns kamen, »Patienten« oder besser »Kunden« nennen sollten, weil es vermutlich außer uns keine Therapeuten gab, die Faszien besonders ernst nahmen oder gar als Spezialgebiet behandelten. Zudem nahm die Schulmedizin und die offizielle Physiotherapie damals kaum Notiz – weder von den Faszien noch von uns. Wir konnten nur darauf vertrauen, dass wir unsere Patienten oder Kunden mit den Händen überzeugten, dass die Resultate unserer »Faszienkur« so eindrucksvoll sein würden, dass unser therapeutisches Handwerk endlich die gewünschte Resonanz finden würde.

In der Praxis wussten wir, wie wir etwas tun, sobald es um die Behandlung der Faszien ging, aber nicht wirklich, was wir tun. Und mit dieser nicht ganz glücklichen Mischung aus Wie und Was ging ich in das Interview mit dem Journalisten.

Zunächst schienen sich meine Befürchtungen zu bestätigen: Mein Gesprächspartner entpuppte sich als überaus kritischer Geist. Er war gewohnt, große Themen zu behandeln, und in diesem Fall war das Thema klein und noch dazu unbekannt. Also konfrontierte er mich mit bohrenden Fragen, die Licht in meine Tätigkeit und in den unbekannten Dschungel der sogenannten Faszien bringen sollten. Ich hatte große Scheu, Belege für Erfolge in der Praxis zu nennen. Deshalb schickte ich ihn schließlich zu einem Orthopäden, der in zahlreichen Fällen den Behandlungsverlauf unserer Patienten kontrolliert hatte.

Bevor er sich auf den Weg in die orthopädische Praxis machte, schlug er ein gemeinsames Mittagessen vor. Und während wir dann beim Italiener saßen, verflüchtigten sich allmählich meine Ängste vor der ganz großen Blamage. Mein Gegenüber forderte mich mitten im »Secondo« – im zweiten Gang des Essens – auf, eine Kostprobe der Faszienbehandlung vorzustellen. Ich konnte den groß gewachsenen Menschen wohl schlecht über den Tisch legen, um unser Paradeexempel Rückenschmerz zu statuieren, es blieb nur die ganz kleine Lösung: die Behandlung der verspannten Hand. Ich legte also Messer und Gabel zur Seite, packte mit meinen beiden Händen eine Hand meines Interviewpartners. Zu meiner Überraschung zeigte der gegenüber meinen Ausführungen so kritische Geist fast grenzenloses Vertrauen, sobald ich Kontakt mit seiner Hand hatte. Er ließ den Unterarm entspannt auf den Tisch sinken. Während ich das Gewicht seiner Hand nun mit meinen zehn Fingern hielt, begann ich so behutsam wie möglich, zunächst die Haut der Handfläche abzutasten, dann – seine Hand schien mittlerweile schwerer zu werden – richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Schichten, die weiter innen im Handteller verlaufen. Ich begann wahrzunehmen, wie sich flächig weiche Schichten mit faserigen Bündeln des Gewebes vereinen, wie einzelne Gewebe miteinander in Verbindung stehen, wie sie aufeinander gleiten oder aneinander zu kleben scheinen. Mit anderen Worten: Mein Gesprächspartner erlaubte mir, die Spannungen seiner Hand zu behandeln. Ich durfte einen kleinen wortlosen Vortrag darüber halten oder besser gesagt spürbar machen, was Faszien sind, wie vielschichtig sie tatsächlich sein können. Und – vielleicht das Wichtigste – wie Faszien auf Berührung reagieren. Mein Gesprächspartner konnte wahrnehmen, dass sich der Kontakt meiner Finger mit den Faszien seiner Hand »schmelzend« anfühlte. Aber auch, dass sich die sukzessive Entspannung der Hand auf den Arm, die Schulter, den Nacken und schließlich seinen ganzen Organismus übertrug. Während er in einen Zustand großer innerer Ruhe zu versinken schien, hing ich meinen Gedanken nach. Ich erinnerte mich daran, dass ich gelernt hatte, wie viel Raum die menschliche Hand im Gehirn einnimmt. Wie viel das, was uns als Menschen ausmacht, mit der Präsenz der Hand im Gehirn und der Präsenz des Gehirns in der Hand zu tun hat.

Die Stimmung zwischen uns beiden hatte sich merklich aufgehellt, ich war erleichtert, dass es mir offenbar gelungen war, etwas »praktisch« rüberzubringen, ohne zu viel Widerspruch zu erregen.

Mein Gesprächspartner machte sich auf den Weg zum Orthopäden, um dort zu erfahren, was ein Schulmediziner damals über die Bedeutung der Faszien wusste und dachte.

Seit diesem Interview sind nun mehr als 13 Jahre vergangen. Ich lande wieder in einem Gespräch über das Thema Faszien. Auch diesmal hat mein Gegenüber mit Journalismus zu tun. Allerdings geht es meiner Gesprächspartnerin diesmal nicht um einen Artikel, der zu schreiben wäre. Wir kennen uns seit langer Zeit und sie hat mich aus persönlichem Interesse angerufen, um etwas über Faszien zu erfahren. Und das, nachdem sie neugierig geworden war: Sie hatte vor einigen Tagen einen Fernsehbeitrag über das Thema gesehen. In diesem Beitrag – einer sowohl renommierten wie auch populären Sendung – hatten sich Wissenschaftler zu Wort gemeldet. Sie berichteten von den Eigenschaften dieser immer noch so wenig bekannten Gewebeschichten, vom inneren Aufbau der Faszien, von ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen im Körper. Und sie beschrieben ein farbiges Bild der vielen Aufgaben, die diese Gewebeschichten im menschlichen Körper zu erfüllen haben.

In der Sendung war auch der Physiotherapeut der vielleicht bedeutendsten deutschen Fußballmannschaft zu Wort gekommen, um die Bedeutung der Faszien bei der Behandlung von Sportverletzungen zu beschreiben. Einer der Fußballer erzählte von seiner persönlichen Erfahrung, berichtete, was die gut »eingestellten« Faszien alles für die sportliche Leistungsfähigkeit und persönliche Fitness bedeuten können.

Und damit waren wir beim Thema. Meine Gesprächspartnerin hatte Jahre in Fitnessstudios zugebracht. Sie hatte für Frauenzeitschriften wiederholt über neue Trends zum Thema Fitness berichtet. Und nun war da von einer neuen Art Fitness die Rede: Faszien-Fitness.

Nachdem sie wusste, dass ich seit drei Jahrzehnten Faszien als Therapeut behandle, wollte sie von mir erfahren, ob es sich damit tatsächlich so verhält wie in der Fernsehsendung angedeutet: dass die Faszien lange Zeit von Experten gar nicht wahrgenommen wurden, dass sie bis heute das Stiefkind der anatomischen Forschung geblieben waren. Dass sie aber eine ganz wichtige Rolle für unser menschliches Leben spielen. Vor allem wollte sie von mir wissen, was Faszien eigentlich sind. Das sollte ich ihr mit ganz wenigen Worten erklären. Ich musste dem Ansturm von Fragen zunächst etwas Einhalt gebieten. Schließlich verhält sich die Geschichte mit den Faszien nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Doch dann dachte ich mir, dass es doch irgendwie möglich sein muss, aus den vielen Aspekten einen kleinen Ausschnitt zu wählen, der – sicherlich unvollständig und in mancherlei Hinsicht sogar falsch – auf einen Nenner bringt, was ein gemeinsames Nachdenken über dieses geheimnisvolle Gewebe lohnend macht. Und so stellte ich die Kurzfassung meiner persönlichen Sicht der Faszien in den Raum:

Faszien sind Gewebeschichten, die unserem Körper seine innere und äußere Form geben. Sie umhüllen den Körper als Ganzes, sie umhüllen aber auch alle seine Teile, die Muskeln, Sehnen und Knochen ebenso wie die Organe, die Gefäße und die Nerven, sogar das Gehirn und das Rückenmark. Ohne Faszien wären wir formlos, würden von außen ungefähr wie eine Amöbe aussehen, während im Inneren unseres Organismus bei jeder Bewegung alles durcheinanderpurzeln würde.

Und Faszien sind vielleicht noch mehr: Sie schreiben ständig die Geschichte unseres Denkens, unseres Fühlens und unseres Tuns mit. Faszien reagieren darauf, wenn wir immer wieder dieselben Bewegungen machen, zum Beispiel bei der Bedienung der Maus am Computer. Sie reagieren auch auf die Gewohnheit, immer wieder in derselben Haltung vor dem Bildschirm zu sitzen. Sie bilden eine Brücke zwischen der Aktivität unserer Muskeln und unseren Emotionen. Sie stehen in Verbindung mit unseren Nerven und unserem Gehirn. Sie sind, angefangen von den ersten Stunden des Embryos bis ins hohe Alter, das Bindeglied zwischen allem, was unseren Körper und unsere Person ausmacht. Sie sind das Gewebe des Lebens.

Erster Teil

Blick zurück: Faszien gestern

Die Behandlung der Faszien durch Ida Rolf

Als unser Thema Faszien noch unbekannt war, stand Ida Rolf mit ihren Ansichten über dieses Gewebe alleine da. Ganz vereinzelt gab es in den USA schon in den 1930er-Jahren Untersuchungen über die Faszien. Das waren allererste Versuche, das Gewebe einzuordnen und einzuschätzen. Ida Rolf kannte diese Forschungen offenbar. Diese Versuche fanden jedoch wenig Beachtung. Erst in der jüngsten Gegenwart werden sie wieder in der modernen Forschung erwähnt. Ida Rolf hatte in jungen Jahren als Biochemikerin an einer renommierten amerikanischen Universität geforscht. Und sie hatte sich nebenher ausführlich mit Yoga und den ersten alternativen Formen der Medizin beschäftigt. Ida Rolf hatte – vor allem nachdem renommierte Vertreter aus Hollywoods Filmwelt bei ihr zur Behandlung waren – einen legendären Ruf erworben. Sie hatte Ende der 1960er-Jahre ihr eigenes Ausbildungsinstitut – das Rolf Institute – gegründet. Damals war Kalifornien zum Zentrum neuer Therapien für Seele und Körper geworden. Und die Schüler von Frau Rolf erwarben sich schnell den Ruf, eine ganz besonders intensive Arbeit zu machen, die mit umfassender Behandlung der Faszien sowohl auf Körper wie Seele wirken sollte. Rolfing – benannt nach der Begründerin Ida Rolf – wurde damals gerne »der Rolls-Royce der Körpertherapien« genannt. Und aus der Ecke dieser neuen Körpertherapien kamen damals immer neue Impulse, herausfordernde Ideen, für jeden, der sich mit dem menschlichen Organismus beschäftigte. Es war in den USA die Zeit des Human Potential Movement. Überall in Nordamerika machten sich Menschen aller Schichten auf den Weg der Selbstfindung. Es war eine Art Hochkonjunktur neuer Formen der Psychotherapie. Daneben fanden aber auch neue Methoden viel Aufmerksamkeit, die nur am Körper ansetzten: die neuen Körpertherapien.

Ida Rolfs Arbeit, die es schon seit Jahrzehnten vorher gab, wurde zumeist mit diesen neuen Methoden in einen Topf geworfen. Das war Frau Rolf sicherlich nicht recht. Sie pochte stets auf die Eigenständigkeit ihrer Methode.

Tatsächlich hatte die Arbeit von Frau Rolf eine Eigenschaft, die ihr damals eine Sonderstellung neben den vielen neuen Methoden gab: Die Behandlung konzentrierte sich ganz und sehr umfassend auf die Behandlung der Faszien. Beim Rolfing wurden – und werden heute immer noch – alle Faszien des menschlichen Körpers buchstäblich von Kopf bis Fuß durchgearbeitet. So hatte der amerikanische Osteopath Philip E. Greenman schon in seinem klassischen Lehrwerk über die Prinzipien der manuellen Medizin lapidar festgestellt, dass Ida Rolf unter Einsatz von starkem Druck die Faszien dehnte. Und er erwähnte auch, dass diese Methode buchstäblich von den Zehenspitzen bis zum Dach des Schädels zur Anwendung kam. Damals standen die Schüler von Frau Rolf – sie nannten sich »Rolfer« – mit ihrer Lehrmeisterin allein auf weiter Flur, wenn es um die umfassende Behandlung des Fasziengewebes ging. Und sie fanden wenig Unterstützung von den Behandlern anerkannter Therapien bei der Einschätzung der Bedeutung dieses geheimnisvollen Gewebes. Die Rolfer hatten bei ihrer Lehrmeisterin gelernt, dass die Faszien alles mit allem verbinden, alles von allem trennen und alles in Bewegung halten. Nur ein einziges Mal konnten sie einen Verbündeten finden: der renommierte chilenische Biologe, Philosoph und Neurowissenschaftler Francisco J. Varela veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel »Faszien – Organ der Form«. Und das war genau das Thema des Rolfings. Frau Rolf hatte bereits in ihrem Lehrbuch zu ihrer Methode ein Kapitel mit diesen Worten überschrieben: »Fascia, the organ of form«.

Gewiss – es gab da schon jemanden, der sich Gedanken gemacht hatte. Andrew Taylor Still (1828–1917), der Begründer der Osteopathie, hatte – als es um die Rolle der Faszien im menschlichen Körper ging – noch weiter ausgeholt: Er bezeichnete die Faszien als »Außenstellen des Gehirns«. Und er forderte seine Schüler, die Osteopathen, auf, diese Schichten mit entsprechender Sorgfalt und Vorsicht zu behandeln. Wie viel Bedeutung in seinem Ausspruch steckt, konnte erst in der heutigen Zeit – fast 100 Jahre später – von der beginnenden Forschung zum Thema Faszien belegt werden. Manches davon ist nicht nur für Fachleute wichtig. Wir werden in einem gesonderten Kapitel dieses Buches mit der Überschrift »Die Faszien und unser Gehirn« sehen, welche Bewandtnis es damit auf sich hat.

Trotz des so wegweisenden Ausspruchs des Begründers der Osteopathie behielt in der Behandlungspraxis die zunächst kleine Gruppe von Frau Rolfs Schülern ihre einzigartige Stellung. Sie waren, zumindest was die ganz umfassende Behandlung der Faszien anging, in ihrer Vorgehensweise über Jahrzehnte einmalig. Und vereinzelt fiel Licht auf die beeindruckenden Behandlungserfolge, die die Rolfer manchmal vorweisen konnten.

Der Fall Leon Fleisher

Ein Beispiel ist das fast unglaubliche Resultat bei der Behandlung des weltberühmten Pianisten Leon Fleisher, über das die New York Times berichtete. Dieser Musiker hatte über einen Zeitraum von fast 30 Jahren seine rechte Hand nicht mehr bewegen können. Nach einer endlosen Odyssee hatte er mit der Behandlung der Faszien seines Vorderarms Hilfe gefunden. Als er bei seinem Auftritt in der Carnegie Hall – nach jahrzehntelanger Pause – wieder mit zwei Händen Klavier spielte, horchte die Musikwelt auf. Der Bericht der New York Times und Fleishers persönliche Stellungnahmen erreichten eine breite Öffentlichkeit, aber nicht wirklich die Fachwelt der Therapeuten und Ärzte.

Faszien, das verkannte Gewebe

Was konnte so ein geradezu spektakulärer Einzelfall auch bedeuten? Die Faszien blieben weiterhin das zwar geheimnisvolle, aber doch unbekannte Gewebe. Und die Mehrheit der Ärzte, Therapeuten und sogar die meisten Professoren der Anatomie blieben bei der Auffassung, die sich seit langer Zeit eingebürgert hatte: Faszien seien eher unwichtig für den Menschen und seine Gesundheit. Man sah sie als eine ziemlich leblose Verpackung all dessen, was wichtig zu sein schien, als reglose Hüllen der Muskeln und anderer wichtiger Bauelemente des Organismus. In mancherlei Hinsicht war diese Vernachlässigung der Faszien sogar einleuchtend: Seit der Zeit der Renaissance entwickelte sich die Anatomie zur Grundlage unserer modernen westlichen Medizin. Die Anatomie hatte die einzelnen Teile im Inneren des Körpers ausfindig zu machen und die einzelnen Teile genau zu bestimmen und zu beschreiben. Es war also notwendig, das Ganze in immer kleinere Teile zu zerlegen.

Die Faszien, die diese einzelnen Teile umhüllen und miteinander verbinden, standen dabei im Weg. Sie wurden bei der Erforschung des menschlichen Körpers entfernt. Erst nachdem die Faszien weggeräumt waren, konnten die Anatomen die einzelnen Bauteile klar sehen und in ihren Lehrbüchern beschreiben: die Muskeln und Knochen, die Organe, Gefäße und Nerven. Für die Faszien war dann kein Platz mehr in den Lehrbüchern – sie wurden ja sowieso als »Abfall« weggeschnitten. Um Faszien zu sehen und zu verstehen, hätte es auch eines anderen Blickwinkels bedurft: Man hätte nicht nach wichtigen Einzelheiten suchen dürfen und sie voneinander mit dem Seziermesser trennen dürfen. Genau das Gegenteil wäre erforderlich gewesen, um den Blick auf das geheimnisvolle Netzwerk zu richten.

Die Zeit war dafür noch sehr lange nicht reif. Und so lernen auch heute noch angehende Medizinstudenten nach Lehrbüchern, die fast alles bis in das kleinste Detail beschreiben und abbilden. Nur die Faszien bekommen wenig Aufmerksamkeit. Wenn ein Medizinstudent einen Blick in das Verzeichnis der Lehrbücher über Anatomie wirft, so zeigt schon das Zahlenverhältnis der Stichworte, wie es um die Faszien steht: Die Stichwortverzeichnisse sind endlos lange Listen, in denen sich jeder noch so kleine Muskel, jeder noch so verborgene Knochenvorsprung finden lässt. Für die Faszien bleibt daneben kaum Platz. Noch drastischer verhält es sich mit detaillierten Abbildungen. Der Perspektivenreichtum, mit dem der ganze Bewegungsapparat, die Organe, das Kreislauf- und das Nervensystem bildlich dargestellt werden, ist beeindruckend. Aber auch bei der bildlichen Darstellung kommen die Faszien nicht gut weg. Sie blieben für die meisten Fachleute aus der Anatomie und der Medizin bis in die jüngste Gegenwart ein wenig beachtetes Thema.

Blick in die Gegenwart: Faszien heute

Seit dem anfangs erwähnten Interview mit dem Redakteur des Magazins stern sind Jahre vergangen. Und nun richtet das Magazin zum zweiten Mal seine Aufmerksamkeit auf das Thema Faszien. In stern – Gesund leben erscheint 2013 ein Beitrag von Robert Schleip zum Thema. Und nur kurze Zeit später folgt ein Artikel auf Spiegel online. Und das ist kein Zufall. Es ist das Zeichen einer großen Tendenzwende. Nun sieht es erstmals so aus, dass die Faszien größere Aufmerksamkeit finden. Robert Schleip war maßgeblich bei der Gründung einer Forschungsgruppe an der Universität Ulm beteiligt, die sich ausschließlich mit dem Thema Faszien beschäftigt. Und da gibt es noch eine wichtige Vorgeschichte. Er hatte zusammen mit Forschern und Therapeuten aus aller Welt den ersten internationalen Kongress zum Thema Faszienforschung organisiert. Mehr als 1300 Experten trafen sich erstmals im Jahr 2007 im Medical Center der Harvard University. Wissenschaftler, Ärzte und Praktiker der unterschiedlichsten Therapieformen hatten sich zusammengefunden, um Erkenntnisse auszutauschen und zu diskutieren.

Da durfte auch der renommierte einstige Berater der medizinischen Abteilung der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA nicht fehlen, Serge Gracovetsky. Als Buchautor hatte er schon früh Erfolge zu verzeichnen. Er hatte nicht zuletzt mit seiner provokanten Theorie über den menschlichen Gang für Kontroversen unter Fachleuten gesorgt. Und nun war er anwesend, um den Kongressteilnehmern seine Gedanken über Faszien nahezubringen. Auch in diesem Zusammenhang nicht ganz ohne provokativen Beigeschmack: So belehrte er die Zuhörer seines Vortrags über die Absurditäten der traditionellen medizinischen Sicht des Menschen, eine Sicht, die nur die Muskelkraft und nicht die Faszien berücksichtigt. Er – der geistreiche Mathematiker – vollführte allen Ernstes ein skandalöses Gedankenexperiment, aus dem sich ein makabrer Schluss ziehen lässt:

Der menschliche Körper würde, falls die gängige Theorie, die sich nur an Muskeln orientiert und die Faszien nicht berücksichtigt, stichhaltig wäre, beim Anheben einer Last schlichtweg explodieren.

Der Kongress belohnte Gracovetskys humorvollen Beitrag mit einer Ehrung. Er erhielt den Preis für den besten Beitrag. Und auch das ist ein Zeichen für eine ganz große Tendenzwende. Fortan darf über Faszien ganz neu nachgedacht werden.

Erste Begegnung mit den Faszien auf dem Behandlungstisch

Die erste Begegnung mit Faszien hatte ich, ohne zu wissen, was Faszien sind, ohne den Namen dieses Gewebes je gehört zu haben. Das ist sehr lange her, mehr als drei Jahrzehnte. Ich erinnere mich aber ganz genau daran, dass Schichten meines Körpers berührt wurden, die ich nie zuvor wahrgenommen hatte. Und das war auch nicht verwunderlich. Der Therapeut, der mich ziemlich fest anfasste, verwendete keinerlei Öl an seinen Händen. Er hatte mich aufmerksam beobachtet, bevor ich mich auf den Rücken auf seinen massiven Behandlungstisch legen durfte. Er wollte, wie er betonte, zunächst einen Plan machen. Dieser Plan sollte, wie er mir erklärte, Ordnung in die Faszien meines Körpers bringen. Ich kam gar nicht dazu zu fragen, was denn diese Faszien eigentlich sind. Denn er hatte bereits damit begonnen, mit seinen trockenen Händen tief in das Innere meines Oberbauchs zu fassen. Dabei war seine Berührung intensiv, hatte aber zugleich etwas »Schmelzendes«, trotz aller Intensität Angenehmes. Diese Faszien scheinen ja ganz tief im Inneren des Körpers zu sein, dachte ich. Aber ich konnte gar nicht so recht bei meinen Gedanken bleiben. Denn mein Therapeut ging zügig weiter mit dieser eigentümlich intensiven Berührung.

Also mit Massage hatte das alles wirklich nichts zu tun. Ich mochte Massagen aller Art für mein Leben gern. Aber hier – bei diesen Faszien – ging es offenbar um etwas anderes. Es ging nicht um die Muskeln, oder jedenfalls nicht um die Muskeln allein.

Das Ganze dauerte ungefähr eine Stunde. Während dieser mir endlos erscheinenden Zeit wurden offenbar viele »Faszien« bearbeitet: tief unter dem Rippenbogen, tief in meiner Achsel, an der Rückseite der Beine und an unterschiedlichen Stellen meines Nackens und meines Rückens.

Bis heute ist mir die Qualität dieser eigentümlichen Berührung in Erinnerung geblieben. Wie schon erwähnt, hatten alle Behandlungsschritte diese rätselhaft »schmelzende« Qualität. Dabei gab es viele Abstufungen: An einzelnen Stellen meines Körpers konnte ich ein ganz zügiges »Schmelzen« wahrnehmen, beispielsweise am Rücken und am Nacken. Ganz anders war es an den Oberarmen und an den Oberschenkeln. Ich hatte den Eindruck, dass mir jemand mit einem Radiergummi durch das Gewebe fährt. Und sobald der Radiergummi ein Stück weiterrutschte, öffnete sich das Gewebe mit einem wohltuenden Schmerz wie ein Reißverschluss. Und manchmal konnte ich etwas sehr Merkwürdiges wahrnehmen: Die Hände, die sich an mir in manchen Augenblicken ziemlich grob zu schaffen machten, übten an einer Stelle einen ganz heftigen Druck aus. Dabei glitten sie in Zeitlupe über meine Haut. Den Druck spürte ich wie ein intensives Brennen genau unter den Händen meines Therapeuten. Aber die Wirkung trat an einer ganz anderen Stelle meines Körpers auf. Während ich den intensiven Kontakt und die unendlich langsame Berührung nur für einen Augenblick an der Seite des Oberschenkels wahrnahm, verringerte sich die Spannung in meiner Schulter. Und so ähnlich ging es weiter. Ich spürte jeder Berührung nach: Irgendetwas wird an meinem Schulterblatt gemacht – es fühlt sich an, als würde mir jemand das Gewebe vom Knochen lösen und irgendetwas anderes beginnt sich im Inneren meines Kopfes zu bewegen. »Das ist ein endloses Netz – alles ist mit allem verbunden«, hörte ich Lloyd sagen.

Lloyd übte den Beruf des Rolfers aus. Er war zuvor als Ingenieur bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA als Materialtechniker tätig gewesen. Zufällig hatte er in einem Café die legendäre Ida Rolf, die Begründerin der Rolfing-Methode, getroffen. Und Hals über Kopf kündigte er seinen Job bei der NASA, um bei der berühmten alten Dame zu lernen, wie man Faszien behandelt.

Im Sektionssaal

Als ich damals nach der ersten Behandlung meiner Faszien vom Behandlungstisch aufstand, wusste ich nicht, was kommen würde. Ich konnte nicht wissen, dass nach ein paar weiteren Behandlungen bei Lloyd diese Geschichte mit den Faszien eine ganz große Faszination auf mich ausüben würde. Und ich wusste vor allem nicht, dass sich ein paar Jahre später nach der ersten Erfahrung auf Lloyds Behandlungstisch die ersten Europäer auf den Weg in die USA machen würden, um am Institut von Ida Rolf die Behandlung der Faszien zu lernen: das viele, das man schon aus der Praxis wusste, und das wenige, das man über die Hintergründe nur ahnen konnte.

Ich war einer aus dieser kleinen Gruppe, die sich in den späten 1970er-Jahren auf den Weg an das Rolf Institute in den USA machten. Dort lernten wir nach der Methode von Frau Rolf, wie man Faszien behandelt. Unsere Ausbildung war reine Praxis. Natürlich mussten wir auch Anatomie lernen. Aber eine Anatomie der Faszien? Die steckte in den Anfängen.

Erst Jahre später, als sich das Interesse an Faszien langsam auch außerhalb unserer kleinen Gruppe entwickelte, konnten wir einen Blick in das Innere des Fasziendschungels werfen: im Sektionssaal der Anatomie der Münchner Universität. Das war nun eine ganz andere Erfahrung als die Praxis. Aber wir konnten nach und nach eines verstehen: Das, was Frau Rolf und ihre ersten Schüler in der Praxis lehrten, das, was sie oft nur intuitiv gefunden hatte, war kein Hirngespinst. Ihre Auffassungen von der Bedeutung der Faszien für den Körperbau, ihre wichtigste Idee, dass nämlich die Faszien unserem Körper Form, Stabilität und zugleich Beweglichkeit gewährleisten, all dies ließ sich nach und nach in der Anatomie nachvollziehen.

Während wir unter der Anleitung unseres Professors an der Leiche jede einzelne Schicht des Körpers freilegen – die Anatomen nennen das »präparieren« – mussten, ging es um Folgendes: Jeder Muskel, jedes Organ und auch die Nerven und Gefäße mussten klar sichtbar werden. Das heißt die Stelle, an der sie sich befinden, soll erst einmal aufgefunden werden. Und dann geht es darum, alle umliegenden Elemente des Körpers von dem zu präparierenden Bauelement des Körpers zu isolieren.

Die Arbeit wird mit dem Skalpell gemacht. Das Wichtigste dabei ist, dass die genannten Elemente des Körpers von ihren Hüllschichten – den Faszien – befreit werden, um klar sichtbar zu werden. Das ist harte Arbeit, denn die Gewebe der Leiche sind sehr starr, und die Faszien sind – anders als im lebenden Menschen – erstarrt.

Die zwei wichtigsten Bauelemente der Faszienschichten sind grundverschieden. Ein Bauelement besteht aus sehr festen Fasern. Das sind die Kollagenfasern. Diese Fasern sind in ein zweites Bauelement eingebettet, ein Material, das in etwa an Plastilin erinnert, jenes Material, das die meisten von uns noch aus ihrer Kindheit kennen. Die Fachleute, die sich um die Ausbildung der Ärzte in Anatomie kümmern, nennen dieses zweite wichtige Bauelement der Faszien »Grundsubstanz«. Die zähen Faszienfasern – die Kollagenfasern – sind in diese Grundsubstanz eingebettet. Und nur in der Wechselwirkung dieser beiden grundverschiedenen Basiselemente des faszialen Netzwerks können die Faszien funktionieren.

Das Netzwerk der Faszien wird sichtbar

Dass die Faszien tatsächlich ein Netzwerk bilden, konnten wir bei unseren anatomischen Studien im Sektionssaal beobachten. Sobald wir das scharfe Messer, das Skalpell, einsetzten, um eine Schicht von der anderen zu trennen, wurde deutlich, wie tief diese Vernetzung von der Oberfläche des Körpers bis in die tiefsten Schichten reicht. Uns wurde bewusst, dass die Faszien wirklich alles mit allem verbinden, dass sie eine räumliche und nicht nur eine linienartige Verbindung von allem mit allem im Organismus leisten.

Und trotzdem, so richtigen Einblick in das Leben dieses Netzwerks konnten wir nicht finden. Die Grundsubstanz, das Element, das mit seinem hohen Flüssigkeitsgehalt Bewegung und Beweglichkeit gewährleistet, hat ihren Flüssigkeitsgehalt im toten Körper längst verloren. Und so war uns bei den seit langer Zeit toten Menschenkörpern eigentlich nur ein Aspekt deutlich geworden: die Tatsache, dass Faszien mit zähen Fasern alles umhüllen, alles unterteilen, alles in ein Netz einspannen, das überall im Körper hinreicht.

Die andere Seite der Faszien, die zweite Grundtatsache des ganzen Netzwerks, hat mit Flüssigkeit zu tun. Mit Flüssigkeit in der schon erwähnten Grundsubstanz. Aber auch mit anderen Flüssigkeiten, die den Körper am Leben halten, mit Blut in den Arterien und Venen sowie Lymphe in den Bahnen des Lymphsystems. Und sogar mit der Flüssigkeit, in der unser Gehirn im Inneren des Schädels und das Rückenmark im Kanal der Wirbelsäule schwimmen.

So hatten unsere Ausflüge in die anatomische Abteilung der Medizin uns erste Einblicke in das Reich der Faszien möglich gemacht. Bedauerlicherweise waren diese Einblicke auf einzelne Aspekte begrenzt. Das lebendige, pulsierende Netzwerk konnten wir nur betrachten, nachdem es erstarrt und alles Lebendige längst verschwunden war.

Wir erkannten, dass sich die Innenwelt des lebenden Organismus nur mit der Hand ertasten lässt. Oder aber wir müssten einen erfahrenen Chirurgen finden, der uns erlaubte, während einer Operation einen Blick in die Faszienwelt des lebenden Menschen zu werfen.

Im Operationssaal

Zähne und Faszien – am Beispiel der Implantologie

Als sich die erste Gelegenheit dazu bot, sahen wir uns mit einer Vielzahl unerwarteter Überraschungen konfrontiert. Wie anders war alles im lebenden Menschen als in der Leiche. Unser erster Ausflug führte uns zu einem Zahnarzt, dessen Arbeitsschwerpunkt das Einpflanzen von künstlichen Zähnen – die Implantologie im Mundraum – ist.