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Als der leidenschaftliche Vorwärtsläufer Achim Aretz eines Morgens in seinem Studentenzimmer aufwacht, geschieht etwas seltsames. Ein Zufall bringt ihn zum Rückwärtslaufen. Er entwickelt eine neue Leidenschaft und läuft immer längere Strecken rückwärts. Nach Weltrekorden rückwärts über 10.000 Meter und im Halbmarathon steht er an der Startlinie des Frankfurt-Marathons mit dem Ziel, die Weltrekordzeit eines Chinesen von 3:43:39 Stunden zu unterbieten. Themen abseits des Marathons sind eine alte chinesische Tradition, wissenschaftliche Erkenntnisse über körperliche Unterschiede zwischen Vorwärts- und Rückwärtslaufen und darüber, was im Gehirn passiert, wenn wir laufen, uns in einer Ruhephase befinden oder aus Gewohnheiten ausbrechen. Der permanente Rückblick während des Marathons und die veränderte Wahrnehmung lassen mit zunehmender Streckenlänge neue Gedanken und Erkenntnisse zu und führen letztlich zu der Frage nach dem Ich.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über den Autor
Achim Aretz, Jahrgang 1984, ist leidenschaftlicher Vorwärts- und Rückwärtsläufer. Der promovierte Geologe organisierte die sechste Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen 2016 in Essen mit. Er lebt in der Eifel nahe der deutsch-belgischen Grenze.
Für alle Querdenker und Träumer
Vorwort
Ausbruch aus Gewohnheiten
Beim Vorwärtslaufen verengt sich der Weg
Fahren oder fliegen.
„Rückwärts zu neuen Zielen“
Die Weltmeisterschaft in der Heimatstadt
Ein Kätzchen mit Krallen
Laufen als Innenschau
Tunnelblick
Das Ich im Boxring
Die Ich-Auflösung
Zwei Kilometer Gewissheit
Entschleunigung und Freude von innen
Literatur
Es war ein völlig verregneter Tag im Februar, als wir uns in einem Café an der belgischen Küste gegenüber setzten. Die Passanten, die mit Wintermänteln und gedrückter Stimmung ein und ausgingen, spiegelten auch meinen Gemütszustand wider. Der Regen prasselte so laut auf das Dach des Cafés, dass wir Schwierigkeiten hatten, unserer Unterhaltung zu lauschen. Schließlich siegte unsere Unterhaltung gegen die äußeren Umstände und nahm, wie sie es oft tut, eine ganz eigene Entwicklung, bis sie plötzlich fragte: „Was würdest du denn machen, wenn du alle Möglichkeiten hättest?“
Auf einmal hörte der Regen auf, oder zumindest nahm ich ihn nicht mehr wahr. Darüber hatte ich noch nie wirklich nachgedacht. Klar, heute hört man überall, würden wir in einer Welt der Möglichkeiten leben. Theoretisch soll ihre Anzahl so groß sein, dass wir uns gar nicht vor ihnen retten können. Praktisch ist jedoch der Zwang noch größer, uns für eine Möglichkeit zu entscheiden und damit gegen unzählige andere. So tötet dieser Zwang die meisten Möglichkeiten ab und ebnet uns den Weg in die Tretmühle, die uns nicht einmal mehr die Möglichkeit eines Auswegs lässt.
Daher hatte ich bislang meine Möglichkeiten immer nur als kurzes Intervall definiert, als kleine Insel zwischen dem Meer meiner Verpflichtungen, in etwa wie einen Urlaub nach und vor Wochen und Monaten der Arbeit. Und weil Urlaub nur bezahlbar ist, wenn man dafür gearbeitet hat, sah ich meine Möglichkeiten nur als Begleiterscheinung meiner Verpflichtungen an, als ließen sich Möglichkeiten nur verdienen, ganz nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Während ihre Frage in mir zu wirken begann, spürte ich ein Licht in mir, dessen Strahlen sich immer weiter ausweiteten. Habe ich doch mehr Möglichkeiten, als mir bewusst ist? Das Licht strahlte längst versunkene Gedanken an und ließ sie emporsteigen. Steht vor der Arbeit, die mir meine Möglichkeiten doch erst ermöglicht, nicht noch eine Vorinstanz, die ich mit Arbeit zu füllen pflege? Das Licht strahlte nun so hell, als hätte die Sonne draußen die dunklen Wolken vertrieben. Und was kann diese Vorinstanz anderes sein als Zeit? Meine Zeit. Meine Lebenszeit. Langsam dämmerte mir: Zeit ist nicht ein Mittel, um Geld und damit Möglichkeiten einzulösen. Die Möglichkeiten sind in meiner Zeit zu Hause. Meine Lebenszeit sind meine Möglichkeiten, direkt und unmittelbar.
Seit Beginn der industriellen Revolution erfinden wir Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen, damit wir Zeit sparen. Gleichzeitig haben wir so viele Dinge erfunden, die uns die Zeit wieder nehmen, dass wir das Gefühl haben, zu wenig oder gar keine Zeit mehr zu haben. So sehen wir Zeit nur noch als Ressource an, die es zu nutzen gilt, indem wir sie einteilen, füllen, stoppen, berechnen, vergleichen, zu Geld machen oder verschwenden.
Ich hatte längst erkannt, dass mir das Leben gerade viel Zeit schenkte, so viel wie nie zuvor. Die Zeit um mich herum konnte daher bedrückend wirken mit all ihrer Kraft, als müsste ich mich vor ihr fürchten, weglaufen und in Aktivitäten flüchten. Aber nein, in diesem Café erkannte ich, dass sie mir etwas mitteilen möchte. So gab ich meinen Widerstand gegen sie auf, ließ mich von ihr durchströmen und vereinnahmen und sah plötzlich das Meer meiner Möglichkeiten. Nur wenn ich in ihr verweile, anstatt sie zwanghaft nutzen zu wollen, ist Einsicht, Reflexion und Entwicklung möglich.
Darum sehe ich Zeit als ein großes Geschenk an. Nehme ich es nicht an, entsteht Hektik. Doch nehme ich es an, entsteht Ruhe und mit ihr Raum für Ideen und Kreativität.
Ruhe finde ich im Laufen. Und Kreativität sowie Ausdauer waren nötig, als ich mich dazu entschied, längere Strecken rückwärts zu laufen, was wiederum kreativ macht. Mit diesem Buch möchte ich darlegen, dass Rückwärtslaufen eine tolle Sportart ist, die viele tolle Menschen für sich entdeckt haben. Zeit, Kreativität und Ausdauer, die es dafür braucht, sind ebenso Voraussetzungen für das Schreiben. Daher schlussfolgerte ich in dem Café, das sich mittlerweile in ein Schloss verwandelt hatte: Wer reich an Zeit ist, ist ein reicher Mensch, und antwortete: „Ich glaube, ich habe eine Idee.“
Inmitten der großen Läuferschar fühle ich mich wie jeder andere Läufer. Vorsichtig und etwas unsicher höre ich in meinen Körper hinein. Gibt es irgendwo ein Ziehen, habe ich genug gegessen und getrunken, sind die Schuhe richtig geschnürt? Was auch immer mein Körper mir in diesen Augenblicken an der Startlinie für Zeichen senden würde, das Kribbeln in meinem Bauch übertönt sie sowieso alle. So groß sind die Aufregung und die Vorfreude auf das, was da nun kommen mag. So häufig bin ich vorher die Strecke in meinen Gedanken schon durchgegangen und habe mir in Bildern ausgemalt, wie es sein wird, das große Ziel zu erreichen. Heute ist der große Tag, der Frankfurt-Marathon 2010.
In den vergangenen Wochen ist kein Tag vergangen, an dem er nicht in meinem Bewusstsein war. All das Training in der Vorbereitung kommt mir wie eine Bergbesteigung vor. Würde ich mich heute mit einem tollen Ausblick dafür belohnen? Allein der Begriff Frankfurt-Marathon hatte für mich in der vergangenen Zeit etwas Magisches. Ich fühlte mich von ihm angezogen, als würde mein Lebensweg gar nicht an ihm vorbei gehen können. Es gab nur wenige Dinge in meinem Leben, für die ich so sehr brannte und für die ich solch eine Leidenschaft entfachte wie für diesen Marathon.
Dabei war ich schon vorher ein paar Marathons gelaufen. Keinen von ihnen möchte ich missen, ein jeder hat mich ein Stück weit geprägt. Der große tschechische Läufer Emil Zátopek sagte einmal: „Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Aber wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf einen Marathon.“ Nur heute gehe ich nicht an den Start, um einen Marathon zu laufen. Ich gehe hier an den Start, um den Marathon rückwärts zu laufen mit dem Ziel, einen neuen Weltrekord aufzustellen. Der Chinese Xu Zhenjun hatte 2004 beim Peking-Marathon die Weltbestmarke auf 3:43:39 Stunden geschraubt.
Zum Rückwärtslaufen kam ich durch einen Zufall. Im Alter von 22 Jahren schaute ich auf einer Studentenparty in Münster einmal so tief ins Glas, dass ich am folgenden Tag ziemlich verkatert aufwachte. Ich wohnte damals in einem Studentenwohnheim mit ein paar Freunden zusammen, als es plötzlich an meiner Tür klopfte. Ein Freund stand in Laufklamotten vor mir und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ihn zu begleiten. Aus Erfahrung wusste ich um die heilende Wirkung des Laufens gerade nach durchzechten Nächten.
Daher zog ich mir tatsächlich meine Laufschuhe an und ging mit ihm nach draußen. Als wir schließlich losliefen, merkte ich aber, dass die Idee doch nicht so gut war. Vor Übelkeit lief ich so langsam, dass er sich spontan umdrehte und rückwärts neben mir herlief. Nun auch noch das! Ist der Kater nicht schon schlimm genug? Im selben Tempo liefen wir dann ein paar Hundert Meter, ich vorwärts und er rückwärts, bevor ich mich entschied, doch lieber wieder nach Hause zu gehen. Als es mir wieder besser ging, gestand mir mein Kumpel, dass ihm das Rückwärtslaufen gefiel.
Ein paar Tage später liefen wir gemeinsam einen Kilometer rückwärts und eine Woche später schon zwei. Wir holten mehr Freunde ins Boot und liefen jeden Mittwoch zwischen zwei Vorlesungen zusammen ein paar Kilometer rückwärts. Und ja, mir gefiel das Rückwärtslaufen auch! Es fühlte sich irgendwie nach einem entspannteren und bewussteren Laufen an. Zuerst war da dieser starke Muskelkater in den Waden und hinteren Oberschenkeln. Und die Knie werden entlastet! Einer von uns war ganz überrascht, dass er rückwärts im Gegensatz zu vorwärts ganz ohne Kniebeschwerden laufen konnte. Ich hatte das Gefühl, meinen Körper noch einmal anders kennenzulernen. Und Rückwärtslaufen hatte etwas mit Konzentration und Fokussierung zu tun. Um nicht zu stürzen, musste ich mich stark konzentrieren, weil ich ja nicht dauerhaft sah, wo ich hinlief. Dafür drehte ich meinen Kopf immer wieder über meine Schulter und schaute mich nach hinten um.
Ich freute mich häufig schon Tage lang auf die Rückwärts-Einheit und hatte immer ein Schmunzeln auf den Lippen, wenn ich die anderen vor oder hinter mir rückwärts laufen sah, weil es einfach so skurril aussah. Wir lachten viel gemeinsam beim Rückwärtslaufen und wohl etwas auch über uns selbst. Dadurch machte es noch mehr Freude. Wir steigerten den Umfang kontinuierlich auf bis zu acht Kilometer. Ein neues Hobby war geboren.
Jahre später, im Alter von 26, entdeckte ich in den Monaten vor dem Frankfurt-Marathon immer mehr die Freude, die mir das Rückwärtslaufen bereitete. Wenn ich vorwärts laufe, laufe ich für mich. Ich fühle mich zwar verbunden mit der Natur, aber nicht mit den Menschen, denen ich begegne. Rückwärtslaufen auf Wald- und Feldwegen oder entlang von Flüssen und Seen, also auf üblichen Joggingstrecken, zeigte mir immer wieder die Kraft des Zufalls auf. Denn im Gegensatz zum Vorwärtslaufen fühlte ich mich bei rückwärts gelaufenen Trainingsläufen oft bemerkenswerten Begegnungen gegenübergestellt. Sie schienen mir häufig wie eine Tangente zu sein, ein kurzes Streifen entlang der Leben Unbekannter.
Als mich im Training für den Frankfurt-Marathon mal ein Rentnerehepaar auf ihren Fahrrädern überholte, hörte ich sie zu ihm sagen: „Helmut, jetzt sind wir schon so lange verheiratet, aber das haben wir noch nicht erlebt!“ Daraufhin erzählte er mir, dass er den Drachenfels bei Bonn auch schon mal rückwärts hoch gewandert sei, bevor der zunehmende Abstand das Gespräch wieder beendete.
Ein andermal reduzierte auf einer wenig befahrenen Straße ein Autofahrer seine Geschwindigkeit, um neben mir her zu fahren, kurbelte die Fensterscheibe herunter und fragte: „Sind Sie´s oder sind Sie´s nicht?“ Ich fragte, wer ich sein soll. „Der aus dem Radio?“ „Ja“, antwortete ich. „Das ist ja toll, dass ich Sie mal in Aktion sehe.“ Er fahre jetzt in ein nahegelegenes Restaurant. Ob das eine Einladung war, mitzukommen? Es entwickelte sich ein kurzes Gespräch, in dem es darum ging, offen zu sein und neue Dinge auszuprobieren, bevor er weiter fuhr und mir seine Familie staunend hinterher sah.
Oft hörte ich auch einfach nur Kommentare wie „Du läufst falsch herum!“ oder „Anders rum!“ oder sah in völlig überraschte Gesichter. Lustige Kommentare waren auch immer wieder dabei. Ein wild mit seinem Stock fuchtelnder Rentner rief mir mit einem Augenzwinkern mal hinterher: „Das passiert wohl, wenn man morgens seine Tabletten nicht nimmt.“ Viele Passanten reagierten mit einem Lachen und nicht wenige reagierten auch überhaupt nicht.
Es kam immer wieder vor, dass ich rückwärts Vorwärtsläufer überholte. Im ersten Moment wunderten sie sich oft. Mit einem Lächeln versuchte ich dann, ihnen verständlich zu machen, dass es nicht böse gemeint ist. Als mich jedoch einmal ein Vorwärtsläufer erkannte, den ich auf derselben Trainingsrunde etwa zehn bis 15 Kilometer vorher schon einmal überholt hatte, versteinerte sich sein Gesichtsausdruck. Ich versuchte, den Blickkontakt zu meiden, aber es half nichts, die nächsten Sekunden wurden ziemlich unangenehm.
Immer wieder kam es vor, dass mich fremde Läufer und Läuferinnen ein paar Kilometer begleiteten, oder sie liefen, nachdem ich sie rückwärts überholt hatte, auch rückwärts weiter. Dann und wann begannen Läufer, denen ich zufällig begegnete, später sogar auch mit dem Rückwärtslaufen.
Manchmal lösten sich Kinder von ihren Eltern, wenn sie mich sahen, um rückwärts von einem Bein auf das andere zu tippeln. Dann hob ich meinen Daumen, bevor sie sich wieder umdrehten. Sie waren also nur wegen mir rückwärts gelaufen. Oft dachte ich daran, dass ich gerne mal einem Rückwärtsläufer begegnen würde, der es auch von sich aus tut.
Und dann passierte das tatsächlich. Schon länger hatte ich meine Zweifel beiseite geschoben, auch auf Waldwegen längere Strecken rückwärts zu laufen. Denn ich hatte gelernt, dass die Ruhe im Wald es mir erlaubt, mich auf meinen Gehörsinn zu verlassen und auf ein häufiges Umschauen zu verzichten. Als ich dies doch tat, erblickte ich etwas Besonderes. Ich schaute genauer hin und erkannte einen Läufer in roter Laufbekleidung, deren Farbe nicht in die Umgebung passte. Während ich mich näherte, stellte ich fest, dass er sich nicht bewegte. Er stand da und schaute mir zu. Ich sagte „Hallo“, als ich an ihm vorbei lief. Daraufhin sagte er: „Ach, so sieht das also aus!“ Während ich mich von ihm entfernte, rief ich ihm hinterher: „Ich kann das nur empfehlen!“ „Ich weiß,“ erwiderte er, „ich auch!“ Ich lief weiter und versuchte zu verstehen. Nun musste ich laut rufen, um verstanden zu werden. „Wie, machst du das etwa auch?“ Er fing an zu lachen und bejahte! Ich blieb stehen.
Freude lag in der Luft. Wir gingen aufeinander zu und gaben uns die Hand. Für einige Minuten liefen wir zusammen rückwärts weiter. Ich klärte ihn auf, dass es Weltmeisterschaften gibt, während er mir erzählte, dass er vom Rückwärtslaufen high werde. Bevor er sich verabschiedete, verabredeten wir uns zum gemeinsamen Training. Wir hielten Augenkontakt, während wir uns rückwärts laufend voneinander entfernten. Seine Freude über diese Begegnung konnte ich länger hören als sehen. Aber irgendwann erreichte auch sein Gesang mein Ohr nicht mehr. Wir sollten uns nie wieder sehen.
Die Gefahr, nicht zu sehen, wo ich hinlaufe, hatte ich längst herabgestuft. Die Ängste vor Stürzen, einem Umknicken und einem Crash mit einem Fahrrad oder Auto waren seit langem verschwunden. Mit der Zeit wurde ich immer sicherer darin, belebte Wege mit vielen Menschen rückwärtslaufend zu meistern. Durch ein schnelles Umdrehen meines Kopfes, Abscannen der Umgebung und Antizipieren der Situation vermochte ich Läufer, Passanten, Hunde oder Kinder intuitiv wie ein Slalomläufer zu umlaufen. Dies erforderte natürlich eine höhere Konzentration auf den Moment. Gerade wegen dieser Fokussierung hatte ich nach längeren Rückwärts-Einheiten, wenn ich nicht gerade eine bekannte Strecke lief, häufig Schwierigkeiten, die gelaufene Strecke als Ganzes in Gedanken nachzuzeichnen. Sie zeigte sich mir eher wie ein Puzzle von im Rückspiegel gespeicherten Erinnerungen.
Nur einmal bin ich auf den ungezählten Rückwärtsläufen hingefallen, als ich während eines 30-Kilometer-Laufs eine menschenleere Tartanbahn entdeckte und über eine wohl dort vergessene Klappbank stolperte. Denn ich hatte meinem Nacken einfach mal eine 400 Meter lange Umdrehpause gönnen wollen.
Abgesehen davon stürzte ich bei allen Trainingseinheiten und diversen 10-Kilometer- und Halbmarathonläufen, in denen es vor allem am Anfang sehr eng war, kein einziges Mal. Mich auf meine Intuition und Antizipation verlassen zu können, stärkte nach und nach mein Urvertrauen, die Welt aus mir heraus vertrauensvoll und zuversichtlich zu betrachten.
Im Training auf das 42,195-Kilometer-Rennen trieben mich natürlich auch Fragen an wie „Wo sind meine persönlichen Grenzen, körperlich und mental?“ oder „Was ist mein Körper zu leisten imstande, wenn ich über Wochen alles aus mir heraushole und diesem Versuch mein Leben unterordne?“ oder einfach nur „Was ist möglich?“. Gerade in jungen Jahren, dachte ich damals, gehört es zum Leben dazu, seine Potenziale und Talente entdecken und nutzen zu wollen.
Motivation nahm ich auch aus der umgekehrten Perspektive, am Ende meines Lebens rückblickend darauf zu schauen und die folgende große Frage ohne Reue bejahen zu können: „Habe ich mein Leben richtig gelebt?“ Bisweilen sollen Menschen auf dem Sterbebett von eben genau dieser Reue berichtet haben, ihre persönlichen Träume nicht erfüllt zu haben.
Für mein Vorhaben erntete ich zwar manchmal hier und da Unverständnis, das sich in einem Belächeln oder Kopfschütteln äußern konnte. Aber ich wusste, dass die meisten Menschen, denen man im Leben begegnet, keinen bleibenden Eindruck hinterlassen und ihre Begegnungen in diesem Lebensrückblick verblasst oder ganz vergessen sein werden. Da wurde mir klar, dass diese Lebensfrage stärker war als jedes Unverständnis anderer. Es erschien ihr gegenüber geradezu winzig und verlor daher vollends an Einfluss auf mich. Warum es zwischenzeitlich gerade der Versuch des schnellsten jemals rückwärts gelaufenen Marathons war, was ich später bereuen würde, wenn ich es unterließe, und nicht eine Bar auf den Malediven, eine Selbständigkeit oder ein Leben als Globetrotter, womit ich sicherlich auch kleinere und größere Träume verband, konnte ich nicht genau sagen. Vermutlich lag es auch daran, dass ich darin ein großes Talent sah und eine ganz große Herausforderung.
So erstellte ich mir für den Marathon einen achtwöchigen Trainingsplan, in dem Vorwärtsläufe nicht mehr vorgesehen waren. Von Dienstag bis Donnerstag lief ich in drei Einheiten etwa 45 Kilometer, die sich zumeist auf einen 10-, 15- und 20-Kilometer-Lauf aufteilten. Nach einem Ruhetag lief ich am Samstag meist eine regenerative Einheit von zehn bis zwölf Kilometern und am Sonntag einen langen Lauf. Die langen Läufe waren 29 Kilometer (in 2:40 Stunden), 31 Kilometer (in 2:50), 32 Kilometer (in 3:00), 36 Kilometer (in 3:15) und 30 Kilometer (in 2:45) lang. Außerdem lief ich drei Mal anstatt des langen Laufs einen offiziellen Halbmarathon rückwärts mit. So lief ich wöchentlich im Durchschnitt zwischen 70 und 80 Kilometer rückwärts. In einer Woche hatte ich es mal auf 95 Kilometer gebracht.
Besonders vor den langen Läufen fiel mir auf, dass es gerade der Anfang war, der Moment des Umdrehens, der Überwindung kostete. Denn es war der Moment, in dem ich ein Stück weit mit der Norm brach. So oft mir diese Überwindung auch schon gelang, immer wieder musste dieser Punkt aufs Neue überwunden werden, als ob mich etwas davor zurückhalten wollte. Dieses Etwas ließ Unbehagen und Unsicherheit in mir aufsteigen. Meine Vernunft schien mir zuzurufen, dass man unzählige Dinge innerhalb der Norm tun kann, die einem Freude bereiten. Besonders laut hörte ich sie, wenn in der Umgebung alles normal zu sein schien, wenn zum Beispiel auf der anderen Straßenseite eine Frau mit ihrem Hund entlangging, auf meiner Seite Kinder miteinander spielten oder sich ein Auto auf der Straße näherte. So suchte ich förmlich nach Dingen, die mich vor dem Bruch mit der Norm abhalten sollten. Manchmal räumte ich selbst der Sonne Macht über mich ein, die mich hoch über mir stehend zu ermahnen schien, weil sie aus Sicht der Erde auch heute wieder ihren gewohnten gleichmäßigen Gang gen Horizont fortsetzen wird, so wie sie es an jedem Tag seit Jahrmilliarden tut.
Die ersten Meter waren dann oft ziemlich schwer. Aber nach ein paar Minuten kamen mir plötzlich Bilder und Erlebnisse in den Sinn. Das war immer wieder aufs Neue der Moment, in dem die Fragen und Zweifel verschwanden und Rückwärtslaufen für mich Teil der Norm wurde. Diesen Moment empfand ich auch oft als Ausbruch aus meinen Gewohnheiten.
Die meisten Gewohnheiten im Leben sind natürlich nützlich, weil sie das Leben vereinfachen, aber viele Gewohnheiten machen unflexibel und starr1. Denn sie hinterlassen bei häufiger Wiederholung ein so tief eingegrabenes Muster im Gehirn, dass es praktisch automatisch wiederholt wird. Wenn wir Gewohnheiten ausführen, ist mit den Basalganglien hauptsächlich nur ein kleiner Teil im Inneren des Gehirns aktiv, während Hirnareale, die für komplexere Denkprozesse und Kreativität verantwortlich sind, in ihrer Aktivität gedrosselt werden. Wie tief verwurzelt Gewohnheiten in unserem Verhalten sind, zeigt sich auch darin, dass Basalganglien sich in uralten Gehirnarealen befinden, die wir bereits mit Reptilien gemeinsam haben, bevor in der späteren Evolutionsgeschichte weitere Gehirnregionen hinzukamen2.
Um Energie zu sparen, strebt das Gehirn ständig danach, alles zu routinisieren1. Es belohnt uns für die Ausführung von Gewohnheiten sogar noch mit der Ausschüttung von Botenstoffen, wie beispielsweise Dopamin, durch die wir uns wohl fühlen. Manche Menschen eignen sich aus tiefer Verunsicherung so starke Gewohnheiten an, dass sie daran fast ersticken. Sigmund Freud sah in Gewohnheiten sogar Gemeinsamkeiten mit dem Todestrieb, da sie im Extremfall alles Lebendige aus dem Leben entfernten. Achtsamkeit, Neugierde und Spontaneität sind Gegenpole der Gewohnheiten und werden gerade durch die Konfrontation mit Neuem hervorgerufen. Wer sein Verhalten und seine Denkmuster verändern möchte, muss den Kontext ändern.
Ein anderes, neues Denken erlebte ich immer wieder an dem Punkt der Verwandlung, an dem ich aus den eingeschliffenen Gewohnheiten ausbrach und Rückwärtslaufen für mich zur Norm wurde. Nach diesem Punkt lief ich rückwärts mit voller Freude weiter.
Der Frankfurt-Marathon ist der älteste Stadtmarathon Deutschlands und zieht jedes Jahr Ende Oktober Tausende von Läufern und noch mehr Zuschauer in seinen Bann. Wegen meines Weltrekordversuchs wurde ich in diesem Jahr zur Pressekonferenz zwei Tage vor dem Rennen eingeladen. Neben mir auf dem Podium saß der Kenianer Wilson Kipsang, den ich fragte, wie schnell er den Marathon laufen möchte. „2:06, maybe 2:05 hours.“ Daraufhin gab ich ihm meine Anerkennung zu verstehen. Es sollte eine Zeit von 2:04:57 Stunden werden und damit die damals achtschnellste jemals gelaufene Marathonzeit. „And you? Two hours and what?“ „No“, entgegnete ich ihm, „3:40 hours, I am running backwards.“ Er lachte und sagte, dass er mir das nicht glaube. Ich überzeugte ihn mit einem Bericht aus dem vor uns liegenden Marathonheft.
Wilson Kipsang sollte ein Jahr später beim Frankfurt-Marathon nur um vier Sekunden am Weltrekord vorbei laufen. Nach dem Gewinn der Bronzemedaille im Marathon bei den Olympischen Spielen 2012 in London stellte er beim Berlin-Marathon 2013 dann tatsächlich einen neuen Weltrekord in 2:03:23 Stunden auf.
Vor dem Start reihten sich etwa 20.000 Läufer dicht gedrängt wie an einer Schnur Hunderte Meter weit hinter die Startlinie. Mit den Organisatoren hatte ich vereinbart, ganz vorne im Feld zu starten, wo die schnellsten Athleten, unter anderem aus Kenia, ihren Platz einnahmen. Zwar würde ich gerade am Anfang des Rennens sehr gut aufpassen müssen, nicht von ihnen überrannt zu werden, jedoch schien mir diese Variante sinnvoller zu sein, als mitten im dichten Hauptfeld zu starten. Mit meinen beiden Begleitläufern einigte ich mich darauf, unmittelbar neben die Bande am Rand der Strecke zu gehen. Erst im letzten Moment vor dem Startschuss drehte ich mich um, ging kurz in mich und spürte, dass ich bereit für das Abenteuer war.
Dann fiel der Startschuss. Geschützt von der Bande und den Begleitläufern, die vor und hinter mir liefen, ließen wir die rennende Läuferschar an uns vorbei. Gut, dass ich auf den ersten Metern nicht über das nachdenken konnte, was wir da taten. Es war in der Tat ziemlich leichtsinnig, wenn nicht sogar gefährlich. Die Enge auf den ersten Metern hatte ich schon bei Halbmarathons in Köln oder Hamburg kennengelernt. Aber hier war es nun noch enger. Und die Enge bewegte sich auch noch sehr schnell, denn sekündlich schossen Läufer an uns vorbei.
Auch für die beiden Begleitläufer war die Situation nicht einfach. Ständig machten sie lautstark auf sich aufmerksam, damit die Läufer sie im letzten Moment noch bemerkten und uns auswichen. Wenn dann doch ein Läufer in unseren kleinen Schutzraum eindrang, strömten gleich mehrere Läufer hinterher und erhöhten unbewusst die Gefahr eines Sturzes, der das Rennen sofort hätte beenden können. Ich hielt meinen Kopf konstant gedreht, um nicht über die Füße der Bande zu stolpern, und musste mich sehr stark konzentrieren. Eine solche Situation kann man nicht trainieren. Heute würde ich sagen, dass schon eine gewisse Portion Naivität dazu gehörte, rückwärts in einer solchen Enge an der Spitze eines Marathonfeldes mit Begleitläufern zu starten, die zwar erfahrene Marathonläufer waren, aber unerfahren in der Begleitung eines Rückwärtsläufers. Ohne sie wäre der Start hier niemals geglückt.
