Fayvel der Chinese - Philippe Smolarski - E-Book

Fayvel der Chinese E-Book

Philippe Smolarski

0,0

Beschreibung

Während die jüdische Bevölkerung Europas vor dem Terror der Nazis zu fliehen versucht, reist Fayvel, Gangsterboss und selbst polnischer Jude, aus China direkt ins Herz der Finsternis, um seine Familie aus dem Warschauer Ghetto zu befreien. Mit ihm kommen seine engsten Vertrauten: Walter, ein deutschjüdischer Ex-Boxer, und Meiling, eine skrupellose und hinreißend schöne Chinesin. Im Ghetto kreuzen sich dann die Wege von Fayvel und Maria, einer jungen Jüdin aus Wien, die Fayvel unter seinen Schutz stellt und schließlich in sein Herz schließt. Die Liebesgeschichte der beiden ist von wenigen Illusionen begleitet in einer Welt, die ums tägliche Überleben kämpft. Um schließlich dem faschistischen Grauen zu entkommen, fliehen Fayvel und seine Bande durch halb Europa, legen sich mit Spionage und Gegenspionage an und schlüpfen in immer neue Identitäten.'Fayvel der Chinese' ist ein fiktiv-dokumentarisches Gangster-Roadmovie, das nicht nur ungewohnte Einblicke in den Alltag des Warschauer Ghettos gibt, sondern vor allem von Liebe und Freundschaft handelt. Das Setting gerät dabei fast in den Hintergrund der Geschichte, die vielfachskurril-komisch daherkommt, derweil aber hervorragend recherchierte historische Details zu bieten hat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Philippe Smolarski

FAYVEL DER CHINESE

Aufzeichnungen eines wahnwitzigen Ganoven

Die Karte im Umschlag ist weder maßstabsgerecht noch erhebt sie Anspruch auf eine detaillierte Darstellung der Grenzverläufe zur damaligen Zeit. Sie dient lediglich der bildlichen Veranschaulichung der Flucht unserer Helden durch das zum Großteil von den Deutschen besetzte Europa.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Liesmich Verlag UG (haftungsbeschränkt), 2015

www.liesmich-verlag.de

Umschlaggestaltung und Karte: Manja Schönerstedt (www.ahoibuero.de)

Autorenfoto Umschlag: Thomas Dannemark

Erstübersetzung: Gisela von Brunn

Übersetzungsbearbeitung: Dr. phil. Karsten Brandt

Lektorat: Laura Hofmann

Korrektorat: Franziska Herbst // Julia Vaje

Teasertexte und fremdsprachige Erläuterungen: Franziska Herbst

ISBN: 978-3-945491-03-4

Anmerkung des Autors: Ursprung der Aufzeichnungen von Fayvel dem Chinesen

Im Juni 2001 war ich gerade dabei, eine wichtige Ausstellung im Brüsseler Musée du Cinquantenaire zu den Schätzen des Museums in Tianjin vorzubereiten; damals war ich der Leiter der Richard Liu Stiftung, auch als Europäisches Institut für Chinesische Studien in Brüssel bekannt. Am Vortag der Eröffnung bekam ich einen Anruf von einer Dame, die sich unbedingt mit mir treffen wollte. Ich bot ihr einen Termin in der nächsten Woche an, ohne sie nach dem Grund ihrer Bitte zu fragen. Dann legte ich auf.

Diverse Vorbereitungen für die Eröffnung zwangen mich am Abend des gleichen Tages länger als üblich zu arbeiten. Als ich endlich das Büro verließ und zum Parkplatz ging, kam eine alte Frau mit forschen Schritten auf mich zu. »Herr Smolarski?«

Ich erkannte die Stimme der Dame, die mich angerufen hatte. Sie wisse, sagte sie gleich zu Beginn, dass ich Jude sei, weil sie mich in der Synagoge bei der Jom-Kippur-Feier gesehen hatte. Ich fragte sie, was sie von mir wolle. Überaus freundlich entschuldigte sie sich, dass sie mich so unangemeldet störte, aber da sie am darauffolgenden Tag nach Israel fliegen müsse, sei es ihr nicht möglich, den Termin wahrzunehmen, den ich ihr für die kommende Woche angeboten hatte. Und dann hielt sie mir einen alten Schuhkarton hin.

»Nehmen Sie, das ist für Sie. Er gehörte meinem …« Sie schwieg einen Moment, ein wenig zögernd. »… meinem ersten Mann … Dies ist sein Leben … Es berichtet vom einstigen Europa, von China, von der jüdischen Welt. Sie sind Historiker – ich denke, das könnte Sie interessieren. Vielleicht finden Sie Informationen oder noch unbekannte Zeitdokumente.«

Kurz überrascht von dieser Wendung der Ereignisse, in Gedanken jedoch noch ganz bei meiner Ausstellung, reagierte ich überhaupt nicht.

Ohne sich etwas daraus zu machen, kritzelte die alte Dame ihre Adresse in Israel auf einen Einkaufszettel und schob ihn in den Schuhkarton, bevor sie hinzufügte: »Hier, das gehört jetzt Ihnen. Aber bitte geben Sie nicht seinen oder meinen Familiennamen an. Was für eine Schande wäre das, wenn es herauskäme! Sein Sohn würde das nicht ertragen. Schwören Sie mir das?«

Nun sah ich mir diese Dame mit dem durchdringenden Blick, die sehr vornehm gekleidet war, ein wenig genauer an. Sie musste einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein, aber ich fragte mich, ob sie noch ganz richtig im Kopf war. Ein kaum merklicher deutscher Akzent färbte ihre Sätze.

»Rufen Sie mich von Israel aus in ein paar Tagen an und erzählen Sie mir mehr von diesem Karton. Ich werde einen Blick darauf werfen und Ihnen sagen, was ich darüber denke. Einverstanden? Und besten Dank für Ihre Dokumente.«

Sie grüßte höflich und dann ging sie. Zu Hause angekommen, verstaute ich die Schachtel in einer Ecke meiner Bibliothek, ohne einen Blick auf ihren Inhalt zu werfen. Ich war erschöpft und hatte das dringende Bedürfnis, vor dem Schlafengehen noch zu duschen.

Diese geheimnisvolle Frau hat nie wieder Kontakt mit mir aufgenommen. Kein Anruf, keine Nachricht. Was mich betrifft, so hatte ich sie und ihr rätselhaftes Paket bereits am nächsten Tag vergessen. Ich öffnete es erst zehn Jahre später, als es mir zufällig im Verlauf eines Umzugs in die Hände fiel. Ich entdeckte in der Tat sieben Hefte, die mit einer dichten und sehr lebendigen Schrift vollgeschrieben waren: die Geschichte eines Mannes, Pavel S., hauptsächlich auf Jiddisch, Polnisch und Russisch verfasst. Natürlich habe ich versucht, die Frau von damals zu erreichen. Vergeblich. Ihre Nummer war nicht mehr vergeben. Ich machte mich daran, die Bücher zu übersetzen. Und das wirklich außergewöhnliche Schicksal ihres Mannes ließ mich nicht mehr los.

Je mehr ich mich in diese Schriften vertiefte, desto mehr faszinierte es mich und ich beschloss im April 2010, nach Tel Aviv zu fliegen, um mit der Frau zu sprechen. Sie musste mich aufklären. Gab es noch andere Dokumente, Briefe, Fotos? Ich leistete wahre Detektivarbeit, um ihr auf die Spur zu kommen. Dank eines israelischen Freundes, der Beziehungen zur Polizei hatte, erfuhr ich endlich, dass sie gestorben war und auf einem Friedhof, nicht weit von Bnei Brak, begraben lag.

Nach zwei Wochen weiteren Suchens fand ich endlich eine Spur, den Namen und die Adresse eines Mannes, der sie gekannt haben sollte. Er lebte in Bnei Brak. Am Telefon schlug er mir ein Treffen in einer Jeschiwa, einer religiösen jüdischen Hochschule, vor.

Er war ein Mann von fast siebzig Jahren, mit einem schönen weißen Bart. Er hatte ein Buch von Maimonides in der Hand und schien auf den Grund meines Besuchs neugierig zu sein. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte.

Nach einer Pause, in der er mich aufmerksam betrachtete, erzählte er mir Folgendes: »Die Dame, die Sie getroffen haben, war meine Mutter. Sie starb vier Tage nach ihrer Ankunft in Israel. Das Manuskript … das hat mein leiblicher Vater geschrieben. Ein Mörder, ein Mann, der viel Böses in seinem Leben getan hat. Gott sei gelobt, dass er mich nicht erzogen hat! Meine Mutter heiratete nach dem Krieg zum Glück einen aufrichtigen und frommen Mann, den ich wirklich als meinen Vater betrachte. Ich trage übrigens seinen Namen und ich bin stolz darauf. Was die Aufzeichnungen betrifft, die ich vor langer Zeit einmal gelesen habe, daran will ich mich nicht mehr erinnern. Und ich will auch nicht mehr an das sündige Leben erinnert werden, das sie offenbaren. Möge Gott ihm verzeihen!«

Ich erklärte ihm, dass ich plante, die Schriften seines Vaters zu übersetzen und zu veröffentlichen, da sie gleichwohl einen hohen historischen Wert besäßen. Es brachte ihn in Rage, aber er sagte mir dann, er könne mich nicht daran hindern, weil seine Mutter sie mir gegeben habe. Das müsse er respektieren. Dennoch ließ er mich ein Dokument unterzeichnen, welches bezeugt, dass ich niemals weder seinen Familiennamen noch den Namen seiner Mutter angeben dürfe. Im Gegenzug erkannte er mir das volle Besitzrecht des Manuskripts zu. Ich wies ihn beiläufig darauf hin, dass es schließlich seinem leiblichen Vater zu verdanken sei, dass er überhaupt lebe, und dass jener seine Mutter damals vor einem bereits beschlossenen Tod gerettet habe. Hierauf antwortete er nichts und verabschiedete sich mit einer Entschuldigung. Der Abendgottesdienst werde gleich beginnen. Ich blickte ihm nach, wie er sich entfernte, den Kopf über ein Buch gebeugt, in dem er während des Gehens blätterte: »Führer der Unschlüssigen«.

So fand ich mich also wieder als Verantwortlicher für das Vermächtnis von Pavel S., einem Karton mit sieben dicken Heften, die mit Bleistift oder mit schwarzer Tinte beschrieben waren, meist auf Jiddisch, seltener auf Polnisch oder Russisch und gelegentlich auf Deutsch. Fayvel, denn um ihn handelt es sich, jonglierte gerne mit diesen Sprachen, die er neben dem Französischen und Englischen alle perfekt beherrschte. Der Vorname Fayvel, Verkleinerungsform von Faybush, ist die jiddische Variante des alten griechischen Vornamens Phoebus. Wegen der Ähnlichkeit mit Pawel/Pavel/Paul, Namen, die gängiger sind, nahm er natürlicherweise diese Varianten außerhalb der jüdischen Welt an.

Der Karton enthielt außerdem ein dickes Album, bei dem aber alle Fotos fehlten, außer einem Porträt, das vielleicht den Autor darstellte, sechs Briefe von Frauen, einige Postkarten sowie zwei verschlüsselte Nachrichten. Dies war alles, was von Pavels Leben noch übrig geblieben war, dem Leben eines mit allen Wassern gewaschenen Gangsters und eines Helden, den keiner kannte.

Pavel ist 78 Jahre alt, als er im Mai 1968 beginnt, seine Memoiren zu schreiben. Doch es scheint klar, dass er sich zum Schreiben auf Notizen stützt, die er in der Vergangenheit gemacht hat.

Zu der Zeit lebt er in Paris und die Krankheit, ein drei Jahre zuvor diagnostizierter Krebs, verzehrt ihn langsam. Er weiß, dass er nicht mehr viel Zeit hat, zumal er eine Chemotherapie verweigert und nur mit Infusionen behandelt wird. Um den immer heftiger werdenden Schmerz zu bekämpfen, spritzt er sich selbst Morphium.

Seine Vergangenheit? Pavel kommt 1890 in einem kleinen Weiler zwischen Kraśnik und Zaklików in der Gegend von Lublin zur Welt. Seine Familie ist die einzige jüdische in dem kleinen Dorf. Der Vater ist Müller und die Mutter stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Iouzovka in der Ukraine. Er hat drei Brüder. Jakob, der Lieblingssohn der Familie, geht früh aus dem Haus, um den Lehren des Bobover Rebbe in Bobova zu folgen, dem historischen Zentrum des Chassidismus. Dann gibt es noch Moshe, der mit seinem Vater zusammenarbeitet, und Shraga, seinen jüngeren Bruder, der drei Monate nach Fayvels hastiger Abreise an einer bösartigen Grippe stirbt.

Als Junge geht Fayvel nicht besonders gerne in den Cheder, den religiösen Elementarunterricht für jüdische Kinder, der im Haus des Lehrers stattfand. Er ist von großer Statur, hat braune Haare und blaue Augen; er spricht außer Jiddisch schon fließend Polnisch, Russisch und Deutsch. Den größten Teil der Zeit spielt er mit den polnischen Kindern in der Nachbarschaft. Er interessiert sich für alles, liest Autoren, die zu Hause verboten sind, wie Darwin und Spinoza, aber auch Balzac, Jules Verne, Dante und viele andere.

Dann, mit fünfzehn Jahren, ändert sich alles. Er rettet eine junge sechzehnjährige Polin, die Tochter des Nachbarn, vor einer drohenden Vergewaltigung durch drei Burschen des Dorfes. Da er heimlich in sie verliebt ist, verpasst er ihren Peinigern eine tüchtige Tracht Prügel, wonach seine Familie nur knapp einem Pogrom der Zarenpolizei entgeht. Fayvel verlässt Hals über Kopf das Haus und beginnt, auf der Suche nach Arbeit, von Dorf zu Dorf zu wandern. Einen Monat später hört er in einer Taverne in Lublin, wie ein Offizier antisemitische Äußerungen macht. Er schnappt sich die Pistole eines Unteroffiziers und erschießt damit dessen Vorgesetzten. Von da an von der Polizei gesucht, flieht er und gelangt nach Warschau. Mit seiner Größe und Statur findet er einen Job als Rausschmeißer in einem Bordell. Danach geht er nach Hamburg, wo er für das Syndikat, die dort ansässige Mafia, arbeitet. Schließlich landet er in Marseille, wo er eine kleine Bande von Drogenhändlern gründet. Verständlicherweise gefällt den anderen mafiösen Vereinigungen das Aufkommen dieser neuen Organisation nicht besonders. Ein Bandenkrieg beginnt. Man versucht dreimal, ihn umzubringen. Er muss sich verstecken.

Am 3. August 1914 erklärt Deutschland Frankreich den Krieg. Pavel meldet sich in Bayonne unter falschem Namen bei der Fremdenlegion und wird ins 2. Regiment zu Fuß aufgenommen. Dort kämpft er vier Jahre lang. Am Ende des Krieges kehrt er nach Polen zurück, gründet wieder eine Bande und wird bald der größte Drogenhändler des Landes. Er exportiert seine Ware in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, in die Baltenstaaten und sogar bis in die Sowjetunion. Sein Syndikat ist damals eines der mächtigsten in Polen.

Und dann beginnt er zu reisen. Seine Aufenthalte in China werden immer länger. Er richtet ein Büro in Shanghai ein, umwirbt die Kriegsherren und trifft Abkommen mit den Chefs der Triaden*. Er importiert Waffen und exportiert Drogen, reist nach Kolumbien, Brasilien und Amerika, knüpft Verbindungen mit den Mafiaorganisationen vor Ort. Immer wieder kehrt er nach Warschau und nach Shanghai zurück, seinen beiden Hauptniederlassungen. Bei einem Aufenthalt in Chungking, im September 1939, erfährt er von der Besetzung seines Geburtslandes durch die Nazis und später dann von der Errichtung des jüdischen Ghettos in Warschau. Beunruhigt wegen seiner Familie, entschließt er sich, nach Polen zurückzukehren.

Der Bericht über seine Rückkehr nach Europa, seinen Aufenthalt im Warschauer Ghetto und seine Flucht quer durch den alten Kontinent nimmt ein ganzes Heft ein. Nach diesen traumatischen Ereignissen begibt er sich nach Kalifornien und von da aus nach China. Später kehrt er Asien endgültig den Rücken und richtet sich mit dem Vermögen, das er gemacht hat, aus sentimentalen Gründen in Paris ein. Dennoch reist er weiterhin, vom Amazonasgebiet nach Borneo und von Australien nach Chile, wobei er alle Breitengrade und alle Meere auskundschaftet, wie jemand, der auf der Suche nach etwas Verlorengegangenem ist. 1965 schließlich, müde und krank, hört er auf, die Erde zu umwandern.

Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, die Veröffentlichung seines Berichts mit dem fünften Heft zu beginnen. Einmal, weil der Bericht über seinen Aufenthalt im Warschauer Ghetto ein seltenes Zeugnis der Geschichte darstellt. Endlich einmal kommen die Türsteher, die Gangster, die Drogenschmuggler, die von den Geschichtsschreibern des Ghettos so oft verunglimpft oder ignoriert wurden, zu Wort. Lediglich Ringelblum*, der von der Unterwelt im Ghetto fasziniert schien, wollte von ihnen reden, dabei schmälerte er jedoch ihren Einfluss und ihre Rolle.

Der zweite Grund ist ein praktischer: In diesem Heft ist die Schrift wesentlich besser lesbar als in den anderen. Ist das ein Zeichen, dass Fayvel diesem Lebensabschnitt eine besondere Bedeutung beigemessen hat?

Die Übersetzung seiner Aufzeichnungen stellte keine großen Probleme dar. Um dem Leser den Einstieg in die Welt des polnischen Judentums und Ganovendaseins zu erleichtern, habe ich mich bemüht, die notwendigen Erklärungen in Form von Randnotizen zu geben. Erläuterungen zu historischen Begriffen und Persönlichkeiten (beim ersten Vorkommen mit Sternchen* markiert) sowie Kurzbiografien zu den für das Verstehen des Textes wichtigen Personen befinden sich im Sach- und Personenverzeichnis im Anhang.

Aber nun wird es Zeit, Fayvel den Chinesen, Pavel, Paul den Polen, Polo zu Wort kommen zu lassen.

Philippe Smolarski

Ich mag den Jardin du Luxembourg sehr gerne. Seit fast drei Jahren gehe ich täglich hin und verbringe dort ein oder zwei Stunden, außer wenn es regnet. Dann hänge ich ein wenig in den Cafés herum. Im Flore oder im Fouquet’s. Heute habe ich beschlossen, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Was für eine Idee! Ich bin kein Schriftsteller, aber da ich ja wohl mein einziger Leser bin, werde ich nachsichtig mit mir sein …

Wie komme ich nur dazu, dieses gottverdammte Leben, das ich hatte, zu erzählen? Warum bin ich nicht Arzt oder Bankier oder einfach Metzger geworden? Warum habe ich so gelebt, wie ich gelebt habe? Ich glaube nicht, dass ich je Antworten auf diese Fragen finden werde, aber wer weiß? Wie dem auch sei, ich lächle darüber. Nichts ist mehr wichtig. Bald werde ich meinen Hut nehmen und gehen. Zweifellos ist es ein wenig zu spät, um die folgende Frage zu stellen: Ergibt irgendetwas auf dieser Welt wirklich Sinn? Das weiß ich immer noch nicht.

Gerade stürmt eine Gruppe von jungen Leuten in den Park. Es sind so etwa zwanzig, Jungs mit langen Haaren, die Jeans tragen. Auch ein paar Mädchen. Und sie sprechen von Revolution, sie singen … Einer von ihnen ruft laut: »Unter dem Pflaster, ja, da liegt der Strand!«

Mitten in der Gruppe knutschen und befummeln sich zwei junge Leute recht unanständig vor den Vorübergehenden, die so tun, als ob sie nichts sehen und ihre Schritte beschleunigen … Ich lächle. Diese Jugendlichen wissen nicht, was für ein Glück sie haben. Einer von ihnen hat mich bemerkt. Mein etwas spöttischer Blick gefällt einigen von ihnen nicht. Zweifellos wollen mich diese Halbstarken beeindrucken. Ein paar lösen sich aus der Gruppe und kommen auf mich zu.

»Na, Opa? Hau lieber ab, sonst gibt’s Ärger!«

»Habt euren Spaß, Kinder, das gehört zu eurem Alter. Aber unter dem Pflaster, da gibt es nur Dreck …«

»Aha, der Herr war also im Krieg! Sicherlich verehrt er den General! Der ist sicher sein Held! Bestimmt hat er ein Foto von ihm auf seiner Kommode. Aber was hast du getan, herzallerliebster Opa, um die Gesellschaft zu verändern? Ich wette, dass du in unserer guten alten katholischen Religion erzogen worden bist.«

»Ihr habt recht, ich habe nichts getan, gar nichts … Nur ein wenig die Sehenswürdigkeiten auf der Erde bewundert. Aber was ihr macht, ist gut. Geht auf Demonstrationen, macht Revolution, liebt euch, aber vor allem, hört nicht auf, das Meer unter dem Pflaster zu suchen … Vielleicht findet ihr es ja. Ich habe nichts gefunden, nur Dreck und Blut.«

Die jungen Leute sehen einander an, es ist ihnen ein wenig unbehaglich, und ein Mädchen zupft den langhaarigen Typen am Ärmel, der gerade mit mir geredet hat.

»Komm … lass uns gehen … Der Alte hat sie doch nicht mehr alle.«

Sie gehen und allmählich kehrt wieder Ruhe ein im Jardin du Luxembourg. Und ich – ich versinke in meiner Vergangenheit …

Die Abreise

Januar 1941. Wieder haben die Japaner Chungking bombardiert. Vom Garten meines Hauses aus, oberhalb der Stadt, habe ich die Flugzeuge gesehen, die wie große Drohnen langsam über unseren Köpfen dahinziehen und Tod in den Arbeitervierteln säen. Dann kommen die Geräusche der Explosionen, die Flammen, die Schreie, genau in dieser Reihenfolge. Während der japanischen Besetzung von Shanghai habe ich in Chungking Zuflucht gefunden. Dies ist eine kleine chinesische Stadt in der Provinz, die nichts mit Shanghai zu tun hat – Shanghai und seinem glitzernden Nachtleben, seinen Casinos … Ich liebe diese Stadt, ebenso wie Warschau. Beide sind für mich Heimat, und beide sind vom Feind bombardiert und besetzt worden.

Aber jetzt ist die Entscheidung getroffen, ich kehre nach Polen zurück. Die Meldungen sind nicht gut. Die deutschen Besatzer haben die Juden in einem Viertel in Warschau zusammengepfercht, das sie mit Stacheldraht und Holzpalisaden eingezäunt haben. Sie haben sogar begonnen, eine Mauer zu bauen, um die Juden noch besser von der polnische Bevölkerung isolieren zu können. So als wäre das »Jude sein« eine ansteckende Krankheit. Es handelt sich um ein richtiges Ghetto, wie es sie im Mittelalter gab – eine ganze Bevölkerung in Quarantäne. Nur dass diese Quarantäne länger als 40 Tage dauern wird. Mein Vater, meine Mutter und einer meiner Brüder sind seit Beginn des Krieges in Warschau und in den zwei Monaten, die das Ghetto besteht, kann ich ihnen kein Geld mehr schicken, weil ich ihre neue Adresse nicht habe. Ich muss erreichen, dass sie Polen verlassen. Mithilfe meines Netzwerks sollte mir das gelingen …

Alle meine Leutnants sind gegen meine Idee, nach Hause zurückzukehren, aber Moyshe der Narr kann mich sehr gut ersetzen während meiner Abwesenheit. Ich habe meine beiden engsten Mitarbeiter, Walter den Boxer und Meiling, gebeten mich zu begleiten und sie sind einverstanden. Walter und ich haben argentinische Pässe und für Meiling haben wir einen Diplomatenpass. All dies geliefert von Dai Li*, der sie mir wie immer in seiner großen Güte gratis zur Verfügung gestellt hat. Ich nehme auch hunderttausend amerikanische Dollar in bar mit. Ma Kun*, alias »Zwei-Pistolen« Cohen, warnt mich, dass ich mich auf eine sehr riskante Tour begebe und versteht nicht, warum ich nicht einfach meine Kontakte vor Ort spielen lasse, um meine Familie aus dem Land rauszuholen. Eigentlich hat er ja recht, aber ich kann auch nicht mit verschränkten Armen hier sitzen und nichts tun. Eine unsichtbare Kraft drängt mich zu dieser Reise, dazu, diesen Weg zu gehen, von dem ich weiß, dass er sehr steinig sein wird.

Wie immer ist Walter zu allem bereit und würde mir in die Hölle folgen, wenn ich ihn darum bitten würde. Polen oder Mandschukuo, das ist ihm einerlei. Er ist mein deutscher Bruder. Er ist seit fast zwanzig Jahren in meinen Diensten und hat schließlich sogar Polnisch gelernt, aber er weigert sich hartnäckig, Jiddisch zu sprechen – für seine Ohren eine barbarische und schreckliche Sprache. Meiling wiederum hat es eilig aufzubrechen … Der Traum von Europa: Paris, London, Berlin, Warschau … Selbst im Krieg. Für sie hat das keine Bedeutung. Wie der Boxer ist sie bereit, in die Hölle zu gehen. Sie war es, die sich auf meinen Wunsch hin einem Vertreter des Dritten Reichs genähert hat. Sie hat ihn ohne jede Schwierigkeit überredet, mit ihr zu schlafen, und wurde so seine Geliebte. Dank dieser Beziehung, die uns oft genützt hat, haben wir eine Geschäftsverbindung mit einem deutschen Unternehmen aufgebaut, das eine Tochtergesellschaft in Warschau besitzt. Die Frau des Deutschen kennt den Direktor des erwähnten Unternehmens sehr gut und hat, ohne es zu wissen, zu unseren Gunsten mitgewirkt.

Die deutsche Gesandtschaft ist mit einem riesigen Hakenkreuz bedeckt, um zu verhindern, dass ihre japanischen Verbündeten die Mission bombardieren. Nun, da unsere Visa bereitliegen, müssen wir nur noch packen. Es ist schon fast drei Jahre her, dass ich in Polen war. Meiling hat Tu Große Ohren* von unserer Abreise in Kenntnis gesetzt.

»Ich würde das Gleiche tun, wenn ich keine Waise wäre.« Das ist seine Art und Weise, uns sein Einverständnis zu signalisieren. Er bringt uns mit seinem Auto zum Flughafen, gefolgt von zwei anderen Fahrzeugen. Im ersten sitzen Moyshe und meine Männer, im zweiten die Sekretärinnen von Tu Große Ohren.

Als wir ins Flugzeug steigen, spuckt Moyshe der Narr dreimal auf den Boden und sagt: »Das ist gegen das Beyz Oyg. Und ich werde in einem Tempel Räucherstäbchen für dich anzünden. Na ja, das stimmt eigentlich nicht, ich sage es nur, um euch glücklich zu machen, aber in Wirklichkeit werde ich dich vergessen haben, wenn die Tür des Flugzeugs einmal geschlossen ist und dann friedlich zu Bett gehen. Bestellt Satan und seinen Jüngern einen Gruß, denn ihr seid auf direktem Weg in Richtung Hölle unterwegs. Wer ist nun eigentlich verrückt, Fayvel, du oder ich?«

»Die Menschheit ist verrückt. Pass auf dich auf und auf unsere Geschäfte. Und schlaf nicht allzu viel. Und noch was: Hör auf, mit den Prostituierten über Kant, Marx und Moses zu reden. Begnüge dich damit, sie zu vögeln – du wirst keine Philosophinnen aus ihnen machen …«

Moyshe der Narr war ein kleiner, sehr magerer Kerl mit hervorquellenden Augen. Er war früher einmal Schüler in einer Jeschiwa gewesen und galt als Genie in Theologie und Philosophie. Aber er hatte das Wohlwollen seiner Lehrer – und unter ihnen waren einige der prominentesten Rabbiner in Polen – verspielt, als er die Existenz Gottes infrage stellte. Daraufhin wurde er aus der Schule ausgeschlossen und suchte Zuflucht in einem Bordell in Warschau, wo er einen Job als Kellner fand. Die Mädchen schlossen ihn bald ins Herz und so wurde er zu ihrem Glücksbringer. Ich war in diesem Haus Stammgast. Bald trat Moyshe der Narr meiner Organisation bei und wurde schließlich meine rechte Hand.

Am 15. Februar 1941, während Zehntausende von Juden verzweifelt versuchen, dem deutschen Stiefel im besetzten Europa zu entfliehen, schlagen also ein jüdischer Pole und sein Leibwächter, ein deutscher Jude, begleitet von einer Chinesin den umgekehrten Weg ein. Was zum Teufel hat mich dazu veranlasst? Meine Familie? Ja, zweifellos, aber eigentlich bin ich bis heute nicht imstande, eine genaue Antwort auf diese Frage zu finden.

Heimland

Nach einer langen Reise und ein paar Stationen in Indien, der Türkei und in Bulgarien kommen wir Mitte März 1941 in Berlin an. Von dort aus – wir haben keine Tickets nach Warschau bekommen – beschließen wir, ein Flugzeug nach Danzig zu nehmen. Trotz ihrer beeindruckenden Größe sitzen in der Maschine, einer Junker Ju 90, nur wenige Passagiere. Die Polizei überprüft unsere Pässe, unsere Missionsaufträge und die Einladungen von der deutschen Firma Astra-Werke in Chemnitz, die einen Teil ihrer Werkstätten im Warschauer Ghetto hat. Nichts zu bemängeln. Wir kommen mit typisch deutscher Pünktlichkeit um genau 10.20 Uhr in Danzig an.

Bei unserer Ankunft wartet auf dem Rollfeld ein Auto auf uns, um uns nach Warschau zu bringen. Was für ein Schock ist es, mein Land in diesem Zustand zu sehen! Deutsche Straßensperren, die Polizei allgegenwärtig, die Narben der Besetzung von 1939, die Gebäude in Schutt und Asche, die Häuser ausgeplündert … Und in Warschau ist es noch schlimmer. Ich sehe, wie meiner Stadt Gewalt angetan wurde. Der Todesengel hat das ganze Land mit einem grauen Mantel bedeckt und herrscht nun über dieses.

Der Boxer bleibt wie immer ungerührt – ein wahrer Golem, wie Moyshe der Narr sagen würde. Und Meiling schmollt, weil selbst Sofia, die Hauptstadt des kleinen Bulgariens, ein Paradies zu sein scheint im Vergleich zu diesem ausgeweideten Warschau. Wir kommen im Hotel Bristol in der Krakowskie Przedmieście an – Verzeihung, in der Krakauer Straße, wie auf den neuen Straßenschildern in gotischen Buchstaben zu lesen ist, die die Ecken jeder Straße schmücken. Das Hotel ist fast ausschließlich mit Offizieren, Beamten und Volksdeutschen* gefüllt.

Meiling und ich beziehen eine Suite. Der Boxer wohnt in dem angrenzenden Zimmer. Meiling nimmt ein ausgedehntes Bad und setzt sich dann ans Fenster, um eine Zigarette zu rauchen. Ich sehe sie an, sie trägt eine Kombination aus transparenten Stoffen. Diesmal denke ich nicht an ihren Körper und daran, was sie mit ihm alles anstellen kann. In diesem Augenblick denke ich an meine Eltern und an meine Brüder. So als ob sie mir dadurch näher wären. Ich erinnere mich, dass ich nie mehr so intensiv an sie gedacht habe seit dem Tag, an dem ich Polen verlassen habe – vor so langer Zeit …

Das laute, kehlige Lachen eines Offiziers im Flur bringt mich zurück in die Gegenwart. Heute werden wir mit den Deutschen zu Abend essen. Morgen werden wir so tun, als würden wir über Geschäftsbeziehungen sprechen. Nur keinen Verdacht erwecken. Einen kühlen Kopf bewahren und sich bedeckt halten.

Das Ghetto ist nur ein paar Hundert Meter vom Hotel entfernt, aber es kommt nicht infrage, übereilt dorthin zu gehen. Und doch kribbelt es mir in den Fingern. Meiling sitzt immer noch am Fenster, mit dem Rücken zu mir.

Sie kann mich nicht sehen, aber sie hat immer schon die Gabe gehabt, meine Gefühle wahrzunehmen. Daher sagt sie mit ihrer sanften Stimme: »Wenn du möchtest, geh heute Abend dorthin und such deine Eltern. Ich werde den Deutschen sagen, dass du krank bist und ein wenig mit ihnen spielen. Ich will, dass du sie bald findest. Diese Stadt, deine Stadt, ist weniger wert als Chungking … Ich möchte nach Rom reisen und nach Paris und nicht meine Zeit hier verschwenden.«

»Wir werden bald dorthin reisen.«

Sie bläst eine Rauchwolke aus, lang wie ein Seufzer. Sie weiß zweifellos, dass ich gerade eine fromme Lüge von mir gegeben habe. Ich würde gerne die Wahrheit sagen. Auch ich möchte am liebsten das Ghetto verlassen, das ich noch nicht einmal betreten habe. Aber die Aufgabe, die auf uns wartet, ist gewaltig. Meine Eltern, meine Brüder wiederfinden … Ich weiß nicht einmal, wo sie sich befinden. Oder wo sie wohnen. Noch weniger kann ich mir den täglichen Horror des Ghettos vorstellen. Nichts, oder fast nichts, dringt nach außen, außer dieser erdrückenden Atmosphäre. Die verschlossenen Münder, die entsetzten Augen derer, die von dort kommen. Bevor ich irgendetwas unternehme, muss ich meine Kontakte auffrischen. Zum Teil recht verjährte Kontakte. Sind sie erst einmal neu belebt, werden sie ihre Wirkung zeigen.

Zehn Minuten, bevor ich mit Meiling nach unten gehe zu unserer Verabredung mit den Direktoren der deutschen Firma, klopft Walter an unsere Tür. »Ich habe Kaplinsky in der Bar gesehen mit einer Nutte und zwei Volksdeutschen. Er hat mich nicht erkannt. Was soll ich tun? Ihn erledigen? Ich glaube, ich kann das sehr diskret tun in den Kellerräumen des Hotels.«

»Nein, warte noch, vielleicht kann er uns helfen.«

Kaplinsky ist ein kleiner polnischer Ganove ohne großes Format. Er befasst sich ein bisschen mit allem, was Geld einbringt. Vor dem Krieg hatte er ein paar Mädchen, die für ihn arbeiteten, und außerdem war er Informant für die Bullen. 1934 oder 35 habe ich ihm auf die Fresse gehauen, weil er versucht hat, mich in einer Geschichte zu erpressen. Für mich ist Kaplinsky ein kleiner Fisch. Eine Kakerlake ohne großen Ehrgeiz. Meine Sorge ist nur, dass er mich erkennt. Und damit auch meine wahre Identität. Es ist nie gut, wenn ein Informant so etwas weiß. Er kann mich in große Schwierigkeiten bringen. Darüber hinaus ist die Zeit nicht auf unserer Seite und unsere offiziellen Kontakte können jede Minute hier sein. Wir müssen das Problem schnell lösen. Die Vor- und Nachteile abwägen. Ich denke nur ein paar Sekunden nach, dann sage ich zu Walter: »Überrede sie, in dein Zimmer heraufzukommen und lass sie am Leben, bis ich zurückkomme.«

Walter verschwindet sofort. Zehn Minuten später, gerade als Meiling und ich im Begriff sind, das Zimmer zu verlassen, bringt der Zimmerservice mir einen versiegelten Umschlag mit einer Mitteilung: K. und seine Kurwa sind bei mir. Alles o. k. Die beiden Volksdeutschen sind eine Minute, bevor ich eingegriffen habe, gegangen. Schönen Abend!

Die Delegation, die ankommt, ist beeindruckend: die beiden Geschäftsführer des Unternehmens, zwei Offiziere der Wehrmacht und ein Vertreter des Gouverneurs Frank, der eigens aus Krakau gekommen ist. Der Abend verläuft ohne Zwischenfälle. Meiling ist natürlich eine Sensation in ihrem chinesischen Abendkleid, eng anliegend und tiefschwarz. Der offizielle Zweck unseres Besuchs ist, Rechenmaschinen und Helme für die chinesische Armee zu kaufen, aber auch, diverse Produkte an Deutschland zu verkaufen. Wir stoßen an auf das Dritte Reich, auf China und auf Adolf Hitler. Wir planen für den nächsten Morgen ein Treffen, um zu verhandeln.

Plötzlich schneidet Meiling ein ganz anderes Thema an: diese eigenartige Einrichtung, in der man die jüdische Minderheit vom Rest der Bevölkerung separiert hat. Und sie erzählt den Deutschen, dass sie gerne, rein aus Neugier, sich als Touristin ein wenig dort umsehen wolle.

Die Deutschen lachen über ihre Naivität und warnen uns vor dem Risiko einer Infektion. Dann erklären sie sich einverstanden, uns ihre Werkstätten im Ghetto nach den Verhandlungen am nächsten Tag zu zeigen. Natürlich zieht sich der Abend ewig lange hin, denn es bleiben wie immer diejenigen, die sich nicht von der Bar trennen können. Wir befinden uns eindeutig nicht in einer Machtposition und bleiben höflich sitzen, bis die letzten Mitglieder der Delegation aufstehen. Endlich gehen wir nach oben. Es wird Zeit, nach Walter und seinen Gästen zu sehen. Als wir sein Zimmer betreten, entdecken wir Walter, der auf seinem Bett liegt und liest, wie es seine Gewohnheit ist. Neben ihm eine Pistole mit Schalldämpfer. Kaplinsky und sein Mädchen sind jeder an einen Stuhl gefesselt.

Als er mich sieht, beginnt Kaplinsky zu reden, das Entsetzen ist ihm ins Gesicht geschrieben. »Paul der Pole! Du bist auch hier! Ich dachte, du wärst in China. Du musst wissen, das mit Ginzburg, das war nicht ich. Versteh doch, sie haben mich gezwungen. Du kennst mich. Die Gestapo hat mich gewaltsam …! Außerdem wusste ich ja nicht, dass er mit dir gearbeitet hat. Zu dumm!«

»Halt die Fresse, Kaplinsky, ich bin nicht für diesen Typen hier, sondern aus einem anderen Grund. Und möchte wissen, wie ich mich mit Chaim in Verbindung setzen kann. Ich muss ihn sehen. Es ist wichtig. Versteckt er sich in dem arischen Stadtteil? Ist er im Ghetto?«

»Man merkt, dass du gerade erst angekommen bist«, sagt Kaplinsky mit einem leichten Grinsen. »Ich bin schon ein paar Monate nicht mehr in diesem Geschäft. Ich habe einen ordentlichen Beruf. Ich bin Geschäftsführer eines Unternehmens, alles schön korrekt. Ich exportiere Holz nach Deutschland. Du siehst also, ich bin über nichts mehr auf dem Laufenden. Du hast den Falschen erwischt, Pavel. Ich kann dir nicht helfen.«

Als Reaktion auf den Unsinn, den er mit Mitleid heischender Stimme von sich gibt, schlage ich ihn ohne Vorwarnung ins Gesicht. Seine Freundin fängt an, voller Angst zu quieken wie ein Schwein auf dem Weg zum Schlachthof. Meiling knebelt sie sofort. Dann bittet mich Kaplinsky, dessen Nase blutet, aufzuhören. Er fängt an zu reden wie in einem Schnellsprechwettbewerb.

»Pavel, hör auf! Nun … Chaim, der ist im Ghetto, aber manchmal kommt er mit seinen Männern raus und handelt. Er kauft Lebensmittel, die er im Ghetto wieder verkauft. Das ist sein neues Geschäft. Und es läuft gut. Wenn du ihn sehen willst, sprich mit dem Bettler mit der Flöte, der immer in der Nähe des Ghettotors in der Leszno-Straße steht. Er ist vermutlich Teil seiner Bande. Lässt du mich jetzt gehen?«

»Nein, du gehst nicht … Wegen Ginzburg. Der Boxer wird sich um dich kümmern.«

Kaplinsky hat nicht einmal Zeit, eine ängstliche Miene aufzusetzen. Walter schießt ihm eine Kugel in den Kopf. Eine Sekunde später ist er wieder in sein Buch vertieft. Der Frau, die neben der noch warmen Leiche von Kaplinsky sitzt, fallen fast die Augen aus dem Kopf. Die Blutspritzer auf ihrem Gesicht heben sich von der blassen Haut ab. Ihr Hemd und ihr Rock sind ebenfalls mit roten Spritzern besprenkelt. Ich sage zu Walter: »Wenn du dein Buch ausgelesen hast, wäre es nett, wenn du hier aufwischst.«

»Kein Problem! Aber Chef … In unserer Organisation in Warschau gab es doch gar keinen Ginzburg, oder?«

»Nein, dieser Ginzburg hat wohl für Spiegelglass junior gearbeitet. Aber das ist nicht wichtig. Jetzt ist er gerächt.«

Meiling hilft mir, das gefesselte Mädchen in unser Zimmer zu tragen. Wir bringen sie direkt ins Badezimmer.

»Hör zu«, sage ich zu ihr, »Ich nehme dir den Knebel ab, aber wenn du schreist, bringe ich dich um …« Ich nehme ihn ihr ab. Sie sagt kein Wort, aber zittert stark. Ihre Hände sind immer noch auf dem Rücken gefesselt.

»Wie heißt du? Arbeitest du für Kaplinsky?«

»Mira … Bitte, mein Herr, töten Sie mich nicht. Ich werde nichts sagen, ich werde alles tun, was Sie wollen, aber töten Sie mich nicht, bitte. Ich arbeite … ich habe nicht für diesen Herrn gearbeitet. Ich bin aus Toruń. Ich habe ihn gestern getroffen. Er sagte, er wäre sehr reich und könnte mir eine Arbeit in seinem Betrieb geben, wenn ich nett zu ihm wäre. Wir haben uns heute in der Hotelbar verabredet. Das ist alles.«

»Mira, wenn du auf mich hörst und tust, was ich sage, dann wird alles gut gehen. Dann kannst du sogar Geld verdienen. Aber erst mal wirst du diese Kleider ausziehen. Wir werden etwas für dich zum Anziehen finden und du gehorchst mir in allem, was ich dir sage. Ebenso allem, was die Dame hier neben mir sagt. Los! Zieh dich aus und geh dich waschen!«

Mira ist mittelgroß. Sie gehört zu jener Art Mädchen, die weder besonders schön noch besonders hässlich sind, denen man begegnet, ohne sie zu bemerken. Sie hat kastanienbraune Haare, graue, traurige Augen, die in der Vergangenheit schon Dutzende von Kaplinskys getroffen haben. Ich lasse sie unter der Obhut einer amüsierten Meiling, die glücklich ist über dieses neue Spielzeug, und kehre zurück zum Boxer. Walter wischt gerade die Blutspuren weg, die der Informant hinterlassen hat. Die Leiche Kaplinskys ist schon in einem Kofferraum verschwunden und wird heute Abend auf dem Boden der Weichsel liegen oder anderswo. Ich vertraue darauf, dass Walter sich ihrer unauffällig entledigen wird, das ist sogar seine Spezialität. Er hält mir lächelnd Kaplinskys Brieftasche hin. Darin – keineswegs überraschend – finde ich einen Brief, der beweist, dass er für die Gestapo gearbeitet hat. Wenn wir ihn am Leben gelassen hätten, hätten wir damit unser Todesurteil unterschrieben. Nachdem das Zimmer wieder sauber ist, gehe ich mit dem Boxer nach unten, um noch ein letztes Glas zu trinken. Natürlich sprechen wir Deutsch, was zwei Volksdeutsche zu uns zieht, die geschäftlich aus Schlesien nach Warschau gekommen sind. Wir trinken und spielen zusammen Karten. Als ich nach oben gehe und Walter den Rest der Säuberungsaktion »Kaplinsky« überlasse, finde ich Meiling, wie sie mit triumphierendem Blick auf dem Sofa sitzt, die Beine weit auseinander und das Kleid hochgezogen, und sich von Mira lecken lässt, die nackt auf allen Vieren hockt. Meiling hat in einer Hand ein Messer und in der anderen eine Handvoll Haare des Mädchens. Miras Becken bewegt sich rhythmisch und gewinnt sofort meine Aufmerksamkeit. Ich lächle Meiling an und nähere mich der Polin. Ich nehme sie von hinten und umarme dabei meine Chinesin, die sich weiterhin von Miras Zunge verwöhnen lässt. Es war ein langer Tag …

Nach unserem kleinen Ausflug ins Land der flotten Dreier gibt Meiling Mira ein Kleid. Ich händige ihr eine kleine Summe Geld aus und wünsche ihr Glück. Die Polin rennt hinaus.

Meiling fragt mich: »Warum hast du sie nicht getötet? Sie kann dich anzeigen. Du nimmst ein Risiko auf dich.«

Meiling hat recht, aber etwas sagt mir, dass dieses Risiko begrenzt ist. Die späteren Ereignisse bestätigen mein Bauchgefühl. Nach einer kurzen – und ich muss sagen aufregenden – Nacht stürzen wir uns in langwierige Verhandlungen, die mit der Unterzeichnung der Verträge enden. Nach dem Mittagessen begeben wir uns ins Brühlsche Palais, um einen Höflichkeitsbesuch bei Fischer* zu machen, dem Gouverneur von Warschau und dem Verantwortlichen für die Schaffung des Ghettos. Dann kommen wir zum Kern der Sache: Wir begeben uns ins Ghetto.

Der Schock ist unmittelbar. Brutal. Gnadenlos. Wo ist die Stadt, die ich gekannt habe? Wo ist mein Warschau? Die Luft ist schwer. Das Misstrauen hängt über jedem Quadratzentimeter. Die Leute verstecken sich. Fliehen. Bleiben im Schatten. Eigentlich gibt es hier nichts als Schatten. Ich gebe vor, ein wenig allein sein zu wollen und begebe mich in die Leszno-Straße. Erst zu Fuß, dann in einer Rikscha. Der Bevölkerung scheint es elend zu gehen, überall gibt es Bettler. Ich frage mich, ob Kaplinsky mich nicht angelogen und auf eine falsche Fährte gelockt hat. Gibt es diesen Bettler mit der Flöte wirklich? Und wenn ja – arbeitet er nicht vielleicht eher für die Gestapo als für Chaim?

Ich hänge eine Weile auf der Straße herum und fühle, wie ich immer mehr ersticke. Natürlich denken die Menschen, denen ich begegne, ich sei Deutscher. Dann gehen sie mir aus dem Weg, nehmen den Hut ab, verlassen den Bürgersteig … Erstaunlich zu beobachten, wie man dieses Erstickungsgefühl bekommt, wenn die Leute vor einem ausweichen. Schließlich bemerke ich einen Mann, der im Eingang zur Vorhalle eines Hauses sitzt. Er spielt Flöte. Ich beobachte ihn einige Augenblicke. Ist er ein Informant oder nicht? Ich schaue um mich und beschließe, mich ihm zu nähern. Ich rede ihn auf Deutsch an, in einer Straße, in der es nur so wimmelt von Passanten, Bettlern, Kindern und mehreren Vertretern der jüdischen Polizei.

»He, du! Du, Bettler, Flötenspieler, komm her!« Der Mann steht auf und nähert sich mir.

»Drecksjude! Du spielst so schlecht! Komm, damit ich dir sagen kann, was ich von dir und deiner beschissenen Musik denke. Komm, lass dir eine Lektion geben!«

Der Mann zittert, die Schaulustigen versammeln sich, die Kinder fliehen. Brutal schnappe ich mir den Kerl und nähere mich seinem Gesicht mit einem verächtlichen Grinsen. Dann flüstere ich ihm unauffällig auf Jiddisch ins Ohr: »Sag Chaim, dass Fayvel aus China zurück ist und ihn sehen will. Ich will, dass er meine Familie findet. Morgen, zur gleichen Zeit, bin ich zurück. Hast du verstanden?«

Der Mann ist immer noch verängstigt. Er blickt mir ein paar Augenblicke direkt in die Augen, dann sagt er, er werde Bescheid sagen. Vorsichtig und ohne, dass die Menge, die sich um uns angesammelt hat, etwas merken kann, lasse ich einen 100-Dollar-Schein in seine Tasche gleiten und einen Zettel mit allem, was ich über den Verbleib meiner Familie weiß: Namen, frühere Adressen, Ankunftstag im Ghetto. Um meine Handbewegung besser zu vertuschen, versetze ich ihm eine gewaltige Ohrfeige. Seine Mütze fliegt weit weg auf den Gehweg und ich schreie ihm nach, dass die Drecksjuden kein Ohr für Musik haben und er sich entschuldigen müsse! Noch aufgewühlt durch meine eigenen Worte, verlasse ich unverzüglich die Leszno-Straße, um zwei Straßen weiter die Deutschen, Walter und Meiling wieder zu treffen.

Unter dem Vorwand, dass Juden mein Wohlbefinden aufs Höchste beeinträchtigen, bitte ich, dass wir das Ghetto verlassen. Wir gehen mit schnellem Schritt durch die Tore. Die Wachen der jüdischen Polizei auf der einen Seite des Tors und die deutschen Wachen auf der anderen Seite grüßen uns. Wir verabschieden uns rasch von unseren Gastgebern und kehren ins Hotel zurück.

Ich bin erschöpft. Nervös. Aufgewühlt. Zornig. Was wir hinter diesen Mauern gesehen haben, geht über jedes Fassungsvermögen hinaus. Barbarei! Walter fühlt, dass es besser ist, mich jetzt nicht anzusprechen. Er geht im Zimmer auf und ab, ohne etwas zu sagen. Meiling findet wieder einmal die Kraft, das Schweigen zu brechen.

»Dein Volk leidet. So wie wir Chinesen unter der japanischen Besatzung. Also, du rettest jetzt deine Familie und dann fahren wir nach Paris und nach Rom. Hast du den Deutschen gesagt, dass wir den Zug morgen früh nach Paris nehmen? Um wie viel Uhr fährt er ab? Wann findest du deine Eltern? Früh am Morgen, nehme ich an?«

»Ja, wir fahren morgen früh ab … Aber ich werde mit Walter an der ersten Station aussteigen. Ein Wagen wird uns ins Ghetto bringen. Du wirst alleine nach Paris reisen und dort auf uns warten. Ich bleibe hier. Ich muss meine Familie finden.«

»Nein! Ohne dich reise ich nicht ab. Du möchtest im Ghetto wohnen? In Dreck und Armut? Hast du die Leichen gesehen, die auf der Straße herumliegen? Die mit einer Zeitung statt mit einem Leichentuch bedeckt sind? Du, der den Luxus liebt, den Champagner, du möchtest dich in diesem Viertel niederlassen? Ich verstehe dich nicht.«

»Meiling, ich muss meine Familie wiederfinden.«

»Du bist verrückt, Fayvel, völlig verrückt. Aber ich bleibe bei dir. Ich möchte das Leben dieser europäischen Chinesen sehen.«

Und Meiling blieb.

Das Ghetto

Am nächsten Tag wartet ein Auto mit Fahrer bei der ersten Haltestation des Zuges, der uns nach Paris bringen soll, auf uns. Dieser ist niemand anderes als der Chauffeur des Hotelmanagers, den ich bestochen habe. Bald sind wir wieder in Warschau. Ich lasse Walter und Meiling in einer unauffälligen Hotelbar zurück und begebe mich mit meinem Fahrer ins Ghetto. Wir passieren das Tor ohne Probleme. Ich bitte den Fahrer, mich in zwei Stunden dort abzuholen, wo er mich absetzt. Die Wagentür schließt sich mit einem metallischen Klang, dessen Echo an den Mauern der Straße bis ins Unendliche widerhallt. Ich spüre, dass man mich beobachtet und gehe in fieberhafter Eile zu dem Treffpunkt, den ich dem Mann von Chaim angegeben habe, zwei Straßen weiter. Die Eingangshalle, wo der Flötist gesessen hatte, ist leer. Ein ungutes Gefühl ergreift mich und, um mich zu versichern, taste ich nach dem Griff des Colt 1911, der in meinem Gürtel steckt. Ich warte. Einige Passanten erscheinen und verschwinden sofort.