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Viele Frauen werden durch die Veränderungen, die die Mutterschaft in Gang setzt, an ihre Grenzen gebracht. Alte Konditionierungen brechen auf, neue Trigger entstehen. Überforderung und Selbstzweifel überschatten bisweilen das Mutterglück. Gleichzeitig ist der Druck, eine "gute" Mutter zu sein, sehr groß, sodass sich die Betroffenen oft nicht trauen, offen über diese Themen zu sprechen. Nicht so in diesem Buch. Authentisch und einfühlsam gehen Joy S. und Kirsten Gottwald auf wichtige Fragen ein: Wie nehmen wir unsere Rolle als Mutter ein und bleiben uns dennoch selbst treu? Wie können wir uns als Mütter mit all unseren Stärken und Schwächen besser akzeptieren? Wie lernen wir, auf unsere Intuition zu hören, statt uns mit anderen zu vergleichen? Wie können wir achtsam für uns sorgen und unsere Ressourcen stärken? Die beiden nehmen die Leserinnen mit auf eine Reise nach Innen. Wichtige Stationen dabei sind: - Das Wiederentdecken der weiblichen Urkraft - Das Auflösen von Konditionierungen und Glaubenssätzen - Das große Thema SelbstfürsorgeZiel der Reise ist es, sich selbst liebevoll, authentisch, neugierig und geduldig zu begegnen, ohne die schwierigen Gefühle, die mit dem Muttersein einhergehen können, auszusparen oder zu tabuisieren. Leicht umzusetzende Übungen helfen dabei, die vermittelten Inhalte auf einer tieferen Ebene zu verinnerlichen. Neben den Autorinnen kommt eine Vielzahl von Müttern zu Wort, welche von ihren belastenden, hilfreichen und schönen Erfahrungen auf dem Weg zu mehr Selbstliebe erzählen und ein eindrückliches Bild vermitteln: Wir sind als Mütter alle gut, so wie wir sind.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage
© 2022 by Remote Verlag, ein Imprint der Remote Life LLC, Powerline Rd, Suite 301-C, 33309 Fort Lauderdale, Fl., USA
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.
Redaktion: Melanie Krauß
Lektorat und Korrektorat: Lena-Charlotta Bauer, Annika Hülshoff, Fabian Galla
Umschlaggestaltung: Wolkenart - Marie-Katharina Becker, www.wolkenart.com
Satz und Layout: Zarka Ghaffar
Illustrationen und Grafiken: Zarka Ghaffar
ISBN Print: 978-1-955655-41-5
ISBN E-Book: 978-1-955655-40-8
www.remote-verlag.de
JOY S. & KIRSTEN GOTTWALD
DAS SELBSTLIEBEBUCH FÜR MÜTTER
Vorwort
Unser Ansatz
Viele Wege, ein Ziel:Unsere Reise in die Mutterschaft
Teil 1Selbstliebe für Mütter?
Mütter und Selbstliebe
Was ist Selbstliebe?
Abgrenzung zu Arroganz, Narzissmus und Egoismus
Du als dein eigener Fan – So fühlt sich Selbstliebe an
Wenn etwas Grundlegendes nicht stimmt
Die Urkraft der Frau – Weiblichkeit leben
Teil 2Selbstliebe ist nicht immer leicht – gerade als Mutter
Lähmende Einflüsse der Vergangenheit: Negative Erfahrungen in der Kindheit
Negative soziale Erfahrungen außerhalb von Familie und nahem Umfeld
Limitierende Glaubenssätze
Neue Situationen als Herausforderung
Vergleiche und Mutmaßungen
Teil 3Der Weg ist das Ziel – Wie du jederzeit gut für dich sorgen kannst
Ernährung
Den Körper liebevoll pflegen und wahrnehmen
Yoga
Tanzen
Yin und Yang – Schlafen, Nichtstun und Müßiggang
Meditation und bewusstes Atmen
Affirmationen
Rituale
Loslassen
Leichtigkeit: Dem guten Gefühl folgen
Kreativität: Ausdruck deiner ureigenen Energie
Fülle
Annehmen
Naturverbundenheit
Authentizität
Social Media
Grenzen setzen
Verantwortung für sich selbst übernehmen
Teil 4Selbstliebe kennt kein Ende
Zusammenfassung
Nachwort – Oder: Wie wir an und mit dem Buch wachsen durften
Dank
Austausch
Endnoten
Quellenverzeichnis
The greatest love of all is easy to achieve. Learning to love yourself, it is the greatest love of all.
Linda Creed
(bekannt geworden durch Whitney Houston)
Die größte Liebe von allen ist die Selbstliebe – und man kann sie ganz leicht erreichen. So sang es zumindest Whitney Houston in ihrem Welthit «Greatest Love of All» von 1986. Selbstliebe «erreichen» – das klingt so, als müsse man zunächst etwas dafür tun. Als könne man es nur bekommen, wenn man genug Disziplin oder Willenskraft mitbringt.
Unserer Meinung nach ist genau das Gegenteil der Fall. Selbstliebe ist wahrhaftig ganz leicht lebbar. Wir brauchen eigentlich nichts, um uns selbst zu lieben. Dennoch gelingt es vielen von uns Müttern erst, wenn sich in der Seele ein Schalter umgelegt hat, sodass du alles, was dir geschieht, aus einer höheren Perspektive betrachten kannst. Aus Sicht des Herzens eben – in dem Selbstliebe ihren Ursprung hat. Diesen Schalter kannst du weder mit Gewalt noch Willenskraft betätigen. Du musst nicht hart daran arbeiten oder zuerst alle deine Lebensbereiche optimieren. Es ist ein magischer Schalter, der sich von selbst umlegt, sobald du loslässt, dich dem Fluss des Lebens hingibst, dich treiben lässt von den Gegebenheiten, die dir das Universum zuspielt, ohne sie zu bewerten, zu kontrollieren oder in eine andere Richtung lenken zu wollen.
Wenn die Selbstliebe beginnt, dein Licht zum Leuchten zu bringen, heißt das nicht, dass du nun perfekt bist oder keine negativen Emotionen mehr kennst. Du lernst vielmehr, alle Gefühle anzunehmen, sie kommen und gehen zu lassen, ohne darin festzuhängen. Statt dich zu verurteilen für alles, was bei dir nicht funktioniert, kannst du achtsamer und nachsichtiger mit dir selbst umgehen, dir mit Liebe begegnen.
Mit einem hohen Maß an Selbstliebe zu leben, heißt auch nicht, dass es keine belastenden Themen mehr in deinem Alltag als Mutter geben wird. Aber die Last fühlt sich leichter an, weil du bewusster und reflektierter bist. Du beginnst, das Universum Lösungen finden zu lassen, anstatt an Problemen festzuhalten.
Dich für die Selbstliebe zu öffnen, bedeutet ebenso wenig, dass du sofort aus deinen alten Mustern und Verhaltensweisen ausbrechen wirst. Vielleicht wirst du dich eine Zeit lang immer noch um bestimmte Themen drehen und die damit im Zusammenhang stehenden inneren Widerstände aufrechterhalten. Aber es wird dir bewusster werden, dass du es tust. Mehr ist nicht nötig. Beobachten, erkennen, annehmen – und im Herzen Ruhe einkehren lassen.
Selbstliebe heißt, zu erkennen, dass du dich im Kreis drehst, und darüber herzlich lachen zu können.
Mit der Selbstliebe kommt die Ruhe, mit der Ruhe die Gelassenheit und mit der Gelassenheit steigt die Lebensfreude. Mit steigender Lebensfreude strahlst du positivere Energien aus. Dadurch ziehst du andere Menschen und Situationen in dein Leben, und ehe du dich versiehst, kommt es dir vor, als hättest du das Leben verzaubert und es dich. Es arbeitet plötzlich nicht mehr gegen dich, sondern für dich. Genau so, wie du es dir immer erträumt hast. Du bist besser in der Lage, loszulassen und die Dinge zu akzeptieren, wie sie kommen, im Vertrauen darauf, dass das, was zu dir gehört, dich auch finden wird. Dadurch formst du den Fluss deines Lebens nach deinen Vorstellungen, anstatt von den Vorstellungen anderer an Orte getrieben zu werden, die du gar nicht besuchen wolltest.
Mit diesem Buch wollen wir dich darin unterstützen, deinen ganz eigenen Flow als Frau und Mutter zu finden. Der Fluss der Selbstliebe, der dich trägt und nährt, anstatt dich mitzureißen und in den Strudel zu ziehen. Alles, was du für deine Reise brauchst, ist Mut: der Mut, der Stimme deines Herzens zu folgen. Lass uns diese Expedition zu deinem ureigenen Selbst gemeinsam starten.
Wir möchten dir in diesem Buch ein paar schöne Ecken aus der Schatzkarte unseres eigenen Herzens zeigen. Vielleicht verweilst du dort genauso gerne wie wir und findest beim Erkunden dir unbekannte, bisher unbeschrittene Pfade und Geheimverstecke, die dir Kraft geben und dein Herz zum Tanzen bringen.
Von Herzen alles Liebe
Joy S. und Kirsten Gottwald
In diesem Buch möchten wir mit dir teilen, was uns auf dem Weg zu mehr Selbstliebe unterstützt hat. Wir können dich allerdings nur liebevoll an die Hand nehmen – und dann im richtigen Moment wieder loslassen. Da jede Frau unterschiedlich ist, ist auch für jede von uns die Erfahrung von Selbstliebe eine andere. Deshalb können und möchten wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern nur Impulse geben, die du – wenn sie in dir auf Resonanz stoßen – weiter erforschen kannst.
Wir möchten mit diesem Buch eine Brücke schlagen zu allen Frauen, ob jung oder alt, Mütter von Kleinkindern oder erwachsenen Töchtern und Söhnen, an Frauen aller Ethnien, an heterosexuelle Mütter genauso wie an lesbische Frauen, an Mütter, die ihre Kinder physisch bei sich haben genauso wie an Frauen, die Fehlgeburten erlitten haben und deren Kinder bereits verstorben sind. Vielleicht spricht es auch Frauen an, die sich mütterlich fühlen, weil sie das Muttersein in sich tragen, etwas in die Welt gebären, es pflegen und nähren möchten. Dieses Buch ist für leibliche Mütter genauso wie Pflegemütter, Stiefmütter oder Tagesmütter. Es richtet sich an Mütter mit vielen Kindern wie auch an Mütter mit einem Kind. Es kann alleinerziehende Frauen ebenso ansprechen wie Frauen in einer wie auch immer gearteten Beziehung. Außerdem werden es möglicherweise auch einige Männer lesen, die wir an dieser Stelle willkommen heißen möchten, mehr über Mutterschaft und Frausein zu erfahren und vielleicht ebenfalls etwas aus diesem Buch mitzunehmen.
Es ist uns wichtig zu erwähnen, dass wir mit unserer Erfahrung und Sichtweise niemanden ausschließen möchten. Uns ist bewusst, dass wir dieses Buch in erster Linie aus der Sicht einer weißen, heterosexuellen, in einem westlichen Land lebenden Mutter schreiben und uns folglich nicht in alle Lebenssituationen unserer Leserinnen hineinfühlen können. Wir haben versucht, mit Hilfe von Interviews, die hier als Mütterstimmen zu Wort kommen, auch Mütter einzubeziehen, die unsere Perspektive erweitern.
Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch, wissenschaftlich fundiert zu sein. Auch wenn an einigen Stellen wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten einfließen, basiert es auf unserer Erfahrung und Intuition. Wir versuchen, urweiblichen Prinzipien zu folgen, wohl wissentlich, dass wir uns als Autorinnen, die in einer patriarchal geprägten Welt konditioniert wurden und aufgewachsen sind, nicht komplett von männlichen Prinzipien frei machen können. Es ist uns daher ein Anliegen, noch einmal zu betonen, dass du durch diese Lektüre nichts «erreichen» kannst und wir nicht bewerten möchten, ob du am Ende dieses Buches auf einer Skala von eins bis zehn nun drei Punkte an Selbstliebe dazugewonnen hast oder nicht. Es geht vielmehr darum, dass du in deine Kraft und zurück zu deiner Intuition findest.
Unsere Kapitelauswahl ist größtenteils mit dem Gedanken entstanden, dir möglichst viele verschiedene Zutaten anzubieten, damit du für dich selbst das zubereiten kannst, was dich anspricht. Statt dir ein fertiges Rezept für mehr Selbstliebe zu überreichen, möchten wir dich dazu animieren, alle Zutaten, die dir gefallen, nach deinem persönlichen Geschmack zusammenzumischen, sodass du deine Seele mit genau dem nähren kannst, was zu dir passt. Es kann sein, dass du dich von manchen Kapiteln angezogen fühlst und andere dich überhaupt nicht locken.
Wir haben uns dazu entschieden, neben den Grundzutaten im Text auch einige Übungen als Toppings anzubieten. Erfahrungsgemäß ist es wichtig, nicht nur den Verstand mit neuem Wissen zu füttern, sondern auch den Körper miteinzubeziehen und das Gesagte von Kopf bis Fuß zu verinnerlichen. Du darfst die enthaltenen Übungen als Anregung verstehen und sie ggf. für dich abwandeln, sodass sie sich für dich stimmig anfühlen. Sollten sie gar nicht zu dir passen, dann fühle gerne in dich hinein, um herauszufinden, was sich für dich persönlich richtig anfühlt. Denn darum geht es in diesem Buch: deinen ganz eigenen Weg zu dir selbst zu finden.
An einigen Stellen weist der Inhalt dieses Buches spirituelle Züge auf. Solltest du noch keinen Zugang zu Spiritualität gefunden haben, laden wir dich ein, dich dafür zu öffnen und die Inhalte individuell mit deinen Einstellungen zu vereinbaren. Unser Wertesystem ist unabhängig von religiösen oder gesellschaftlichen Richtungen – wir orientieren uns eher am Prinzip der Weiblichkeit, das mit dem Verstand nicht zu ergründen ist, weil es tiefer geht und keine Grenzen kennt. Dies mag an manchen Stellen ungewohnt oder mystisch wirken, kann aber dazu beitragen, die weibliche Kraft, die wir alle in uns tragen, wiederzuentdecken und zu leben.
Bevor es richtig losgeht mit unserer gemeinsamen Reise durch dieses Buch, möchten wir dir von unserem eigenen Weg in Richtung Selbstliebe erzählen, dem Weg ins Muttersein.
«Kinder? Nein, danke!», sagte ich schon, als ich selbst noch viel zu klein war, um über eigene Kinder nachzudenken. Ich fühlte und beobachtete viel – und was ich sah, verstörte und verunsicherte mich teilweise so sehr, dass ich spätestens im Grundschulalter zumindest innerlich kein Kind mehr war: Ich nahm wie ein Schwamm all die Emotionen um mich herum auf und wusste nicht, wohin damit, zumal ich in diesen frühen Jahren noch nicht in der Lage war, fremdes von eigenem Empfinden zu trennen, weshalb ich einfach ungefiltert alles in mir ansammelte. Vielleicht kann ich mich deshalb so gut an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnern, denn so, wie ich im Inneren Toxisches von anderen in mir anreicherte, so tat es im Außen die Umwelt. Ernste Tage, vielleicht sogar Monate, verbrachte ich wegen der unsichtbaren Gefahr drinnen im Haus statt draußen auf dem Spielplatz und hatte Angst, dass genau das meinen Kindern auch passieren könnte. Es reichte, dass ich selbst zumindest im Beisein der stets besorgten Erwachsenen eine Kindheit ohne Kindsein erlebte – das wollte ich nicht auch noch der nächsten Generation antun.
Diese Haltung änderte sich am Ende meiner Studienzeit, als ich nach zwanzig Jahren Funkstille wieder dem Mann begegnete, zu dem ich schon im Grundschulalter eine tiefe Liebe gespürt hatte. Unsere innige Verbindung war sofort wieder da – als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben. Die Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse, an Momente, in denen ich im Beisein anderer Kinder doch auch selbst Kind gewesen war, vermittelten mir ein Gefühl von Verbundenheit und Geborgenheit, von Heimat eben.
Er sah noch genauso aus wie damals, nur größer. Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich mir, wenn ich ihn anschaute und mich an den niedlichen Jungen aus meinen Kindertagen erinnerte, plötzlich doch vorstellen konnte, einen kleinen Menschen an die Hand zu nehmen und für ihn zu sorgen. Der Gedanke daran erfüllte mich nicht mehr wie früher mit Angst, sondern mit Freude. Aber der große kleine Junge und ich, wir waren noch viel zu weit weg von uns selbst, nicht reif genug für eigene Kinder. Beide hatten wir zu viele eigene unaufgearbeitete Themen, die letztendlich das Ende unserer Beziehung einleiteten.
Ich hatte durch die frühe Trennung meiner Eltern schon als Kind zwei Seiten. Meine pessimistische Seite ging immer davon aus, dass alle mich verließen, sobald ich mich ihnen gegenüber mit meinen eigenen Bedürfnissen und Emotionen zeigte, weshalb es mir in Beziehungen sicherer erschien, mich möglichst unauffällig zu verhalten. Wenn ich meine Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit und meine Angst, allein gelassen zu werden, versteckte, würde niemand an mir Anstoß nehmen und von mir weggehen, weil ich so herrlich unkompliziert, wenn nicht sogar unsichtbar war. Gleichzeitig gab es die optimistische, sehr wohl sichtbare, freiheitsliebende, abenteuerlustige, fröhliche, lebensbejahende Seite in mir, die aber nur meine Freunde kannten, weil ich gelernt hatte, dass es nur mit bestimmten Menschen sicher war, Kind zu sein, leicht und unbeschwert.
In Beziehungen unterdrückte ich aus einem alten, automatisch ablaufenden Muster heraus nach der anfänglichen Euphorie und Verliebtheit immer meine positive, weltoffene, kontaktfreudige Seite, denn ich wollte nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten und den Menschen, mit dem ich in einer Beziehung war, wegen einer anderen Person, die ich durch zu viel Offenheit eventuell kennenlernen und am Ende auch noch mögen könnte, im Stich lassen. Deshalb zwang ich mich lieber in mein nebelgraues Korsett, indem ich mich selbst einsperrte, kleinmachte, verstellte, anpasste und Kontakte außerhalb der Beziehung mied. Bis ich irgendwann diese Rolle nicht mehr ertragen konnte und mich befreien musste, um mich lebendig zu fühlen.
Nach der Trennung von meiner Grundschulliebe stellte sich aber nicht das übliche Befreiungsgefühl ein. Das lag unter anderem daran, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben allein wohnte und niemand da war, um mich abzulenken. Es dauerte nicht lange, bis ich fiel, tiefer als je zuvor.
In meiner ganz persönlichen Hölle, in der der Teufel meine Gedanken im Karussell drehte, war es besonders ein Gedanke, der immer wieder in mein Bewusstsein gewirbelt wurde: Wenn sogar der Partner mich nicht dauerhaft lieben kann, der mich am längsten von allen kennt, dann kann mich auch sonst keiner lieben. Zwar hatte ich mich von ihm getrennt, aber ich war sicher, dass ich ihm nur zuvorgekommen war – denn früher oder später hätte er mich sicher auch verlassen.
Ich war am Abgrund und konnte mir nicht vorstellen, dass es jemals wieder aufwärtsgehen würde. Als kurz nach der Trennung mein Großvater starb, starb auch jeglicher Rest Zuversicht, den ich mir noch bewahrt hatte. Nur Zweifel und Ängste blieben. Ich fühlte mich von allen im Stich gelassen – und schrecklich einsam.
Meine bereits seit der Kindheit unterdrückten und die im Laufe der Jahre aus meinem Umfeld angesammelten Ängste und Sorgen fanden keine freie Stelle in meinem Körper mehr, wo ich sie noch hätte begraben können. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu ergeben. Ich weinte Tage und Nächte durch. Es war das Einzige, wozu ich fähig war.
Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr übrig. Es war, als hätte ich mich entschieden, nach monatelangem Freeze den Reset-Knopf zu drücken, wodurch ein völlig neues Programm aktiviert wurde. Ich fand mich auf einmal allein in meiner Wohnung mit einer Dankbarkeit, Entschlossenheit, Zuversicht und dem Gefühl, dass alles gut werden würde. Es war an der Zeit, mich endlich um mich zu kümmern, anstatt immer nur auf die Bedürfnisse und Emotionen anderer zu reagieren.
Bücher waren schon immer meine Freunde gewesen. Zum ersten Mal begann ich, mich auch für Sachbücher, insbesondere Ratgeber, zu interessieren. Ich tauchte ein in die Psychologie des Menschen, beschäftigte mich sehr intensiv mit meinem inneren Kind und mit dem Thema weibliche Urkraft. Außerdem lernte ich, einen gesunden Schutzschild gegen die Emotionen anderer aufzubauen und mich vorwiegend mit meinen eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Mit allem, was ich las, an mir selbst erprobte, analysierte, ausprobierte, integrierte und heilte, wurde ich nicht nur ruhiger, sicherer und kraftvoller, sondern drehte sogar die Zeit um: Heute bin ich ein Kind im Erwachsenengewand und sehr froh darüber, dass Leichtigkeit und Optimismus seit dieser ersten richtig tief empfundenen Krise meine Essenz geworden sind.
Je mehr ich zu mir selbst fand, desto unabhängiger wurde ich von anderen. Das erlernte Überlebensmuster, mich verbiegen, verstellen, anpassen oder verstecken zu müssen, um gefallen zu können, löste sich auf und wurde ersetzt durch eine absolute Selbstgenügsamkeit. Ich beschloss, nur noch meinem eigenen Pfad zu folgen und mich dabei ausschließlich von dem leiten zu lassen, was mich glücklich machte.
Alles, was ich als Kind nicht gedurft oder mir selbst aus Rücksicht auf andere nie erlaubt hatte, holte ich nach: Ich lernte reiten, Gitarre spielen, ging mehrmals die Woche joggen und war ständig und gerne mit Freunden unterwegs – wenn ich mich nicht gerade mit mir selbst beschäftigte. Mir ging es so gut wie nie zuvor in meinem Leben. Ich verstand aus tiefstem Herzen, dass ich niemanden brauchte außer mich selbst. Wenn ich mich annahm, mich liebte und akzeptierte, so, wie ich war, dann war ich nicht länger darauf angewiesen, dass andere diese Rolle für mich übernahmen.
Dann passierte der Klassiker: Mitten in meine Unabhängigkeit und in mein geliebtes, bewusstes, gewolltes Alleinsein hinein begegnete mir plötzlich ein Mann, dem seine Freiheiten genauso wichtig waren wie mir. Ein Mann, der auf vielen Ebenen ganz ähnlich tickte. Einen Tag nach unserer ersten Begegnung wusste ich, dass er derjenige war, den ich heiraten und mit dem ich Kinder bekommen würde.
Und so kam es. Er war sehr naturverbunden, intuitiv und strahlte ein Urvertrauen aus, das sich sehr gut vertrug mit dem Urvertrauen, das ich in meinem Jahr des Alleinlebens auch in mir gefunden hatte. Plötzlich war ein anderer, ein positiver Glaubenssatz in mir aktiv, nämlich der, dass es völlig in Ordnung war, aus reiner Liebe Kinder in die Welt zu setzen. Auch und gerade in der heutigen Zeit, weil ich wusste: Ich war sicher – und meine Kinder würden es auch sein.
Kaum hatte sich unser erstes Kind in meinem Bauch eingenistet, suchte ich mir meine Hausgeburtshebamme, denn ich zweifelte keine Sekunde daran, dass ich dieses Kind im Einklang mit meiner eigenen Kraft in meiner gewohnten Umgebung auf die Welt bringen würde.
Die Geburt erlebte ich als wahrhaft magisch: Alles war im Fluss, funktionierte wie von selbst. Wir verständigten uns überwiegend ohne Worte, allein über Gefühle, getragen von Liebe, Sanftheit, gegenseitigem Respekt, Achtsamkeit und der Gewissheit, dass wir uns aufeinander verlassen konnten.
Knapp zwei Jahre später wiederholte sich das zauberhafte Spiel und kurz darauf suchte auch noch ein vierbeiniges Kind Asyl in unserer Familie. Diese Konstellation war dann zugegebenermaßen schnell gar nicht mehr so magisch.
Der Hund, die Mädchen, der Mann und ich – wir alle wirkten immer wieder wie Minenfelder aufeinander. Ständig Explosionen, Kollisionen, Schlachtfelder. Dabei der Versuch, trotz all dem Stress und der Überforderung an meiner Überzeugung von herzorientierter Erziehung festzuhalten. An manchen Tagen fühlte ich mich verzweifelt und innerlich leer. Ein paar Jahre zuvor hatte ich meine eigene Freiheit lieben gelernt – jetzt fesselten mich die Familienbande. Wie sollte ich da rauskommen?
Ich wusste, der einzige Ausweg aus meinem gedanklichen Gefängnis war die Achtsamkeit, das genaue Schauen nach mir selbst und meinen Bedürfnissen, in jedem Moment, auch – oder gerade dann – wenn meine Bedürfnisse mit denen anderer Familienmitglieder kollidieren.
Die Brücke zu schlagen zwischen meinem Freiheitsdrang und meiner Familienzugehörigkeit, ist noch immer meine größte Herausforderung. Dennoch weiß ich, dass Herzoffenheit der Schlüssel ist zu meiner Freude – und Freude ist ansteckend.
Ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl, dass ich irgendwann Mutter werden und auch sein wollte, wusste aber nie, wann der richtige Zeitpunkt dafür kommen würde. Im Alter von 14 Jahren bestand ich darauf, die Pille verschrieben zu bekommen, da viele meiner Freundinnen sie schon nahmen und ich dazugehören wollte. Weder ich noch meine Frauenärztin hinterfragten die Sinnhaftigkeit und Tragweite dieser Entscheidung. Obwohl ich noch weit davon entfernt war, Sex zu haben, nahm ich ab diesem Zeitpunkt jeden Tag Hormone ein und hatte somit gar keine Gelegenheit, Bekanntschaft mit meinem natürlichen Zyklus zu machen. Rückblickend kann ich sagen, dass die Pille – so viel sexuelle Freiheit sie mir auch ermöglichte – außerdem dazu führte, dass ich mich für die nächsten 17 Jahre (denn so lange nahm ich die Pille ohne Pause) nicht wirklich «bei mir» fühlte.
Einen Kinderwunsch verspürte ich in dieser Zeit nicht. Es war eher so, dass ich mit meinem Ziel, irgendwann Mutter zu werden, wie auf Autopilot dem gesellschaftlichen Ideal folgte. Meine Beziehungen dauerten meistens mehrere Jahre an. Aber immer, wenn mir einer meiner Partner gestand, dass er gerne ein Kind mit mir haben wollte, fühlte ich mich zwar in meinem Ego bestätigt, aber geriet unter Druck. Obwohl ich mir so ein Commitment ersehnt hatte, war ich nicht bereit dafür, mich in dieser Form zu binden. Oft beendete ich nach einem langen inneren Zwist die Beziehung und zog weiter.
Mit um die 30 hätte ich meiner Vorstellung nach eine beruflich erfolgreiche Mutter sein sollen. Die Realität sah aber so aus, dass ich mit Anfang 30 weder im Berufsleben noch in der Partnerschaft angekommen war. Permanent begleitet vom Gefühl «irgendetwas stimmt nicht» – nicht wissend, ob ich damit meine Beziehung oder andere Lebensumstände meinte. Ich schob es darauf, dass ich als Scheidungskind (meine Eltern hatten sich getrennt, als ich drei Jahre alt war) eine Grund-Skepsis gegenüber Beziehungen und ihrem Fortdauern mitbrachte. Außerdem zweifelte ich daran, dass ich es jemals besser machen könnte als meine Eltern, war doch auch bei mir jede Beziehung zum Scheitern verurteilt gewesen. Ich hatte Angst davor, ein Kind zu bekommen und dann verlassen zu werden. Dieses Schicksal wollte ich meinen Kindern ersparen.
Mit Anfang 30 stürzte ich in eine große Lebenskrise. Trotz fünfjähriger Partnerschaft mit einem wunderbaren Mann verliebte ich mich in einen Kollegen, dachte sogar, in ihm endlich den Vater für meine Kinder gefunden zu haben. Schweren Herzens und mit großen Schuldgefühlen beendete ich meine aktuelle Beziehung, im Glauben, eine erfüllte Partnerschaft mit meinem Seelenverwandten leben zu können.
Wenige Wochen später wurde ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Mein Soulmate war zweigleisig gefahren und parkte mich nun auf dem Abstellgleis. Gleichzeitig ging das Start-up, in dem ich gearbeitet hatte, insolvent. Ich stand vor dem Nichts. Tiefpunkt. Meine größte Angst war wahr geworden, nämlich, von dem Menschen, für den ich bisher die stärksten Gefühle gespürt hatte, verlassen zu werden. Jede Nacht wachte ich mit Panikattacken auf, am Tag versuchte ich, die nächste Stunde zu überstehen. Existenzielle Ängste machten sich in mir breit. Ich fühlte mich kaum überlebensfähig.
Dann hörte ich ganz plötzlich auf, mein Leben zu kontrollieren. Mir blieb nichts anderes übrig, als einfach alles loszulassen. Alles, was ich mir an Erwartungen auferlegt hatte, konnte ich nicht mehr erfüllen, weil mir die Kraft fehlte.
Reisen hatten in der Vergangenheit immer den Effekt auf mich gehabt, mich kurzfristig glücklich zu machen und mich zu stärken. Ich wollte für einen Moment Distanz zu meinem Alltag bekommen und flog nach Kapstadt. Aber trotz der Schönheit des Landes fühlte ich mich hoffnungslos allein. Wenn ich am Strand von Scarborough bei Sonnenuntergang die glücklichen Surfer-Familien sah, war alles, woran ich denken konnte: Werde ich das jemals haben? Werde ich jemals mit meinem Kind hier sitzen und picknicken? In mir wuchs der Wunsch, nicht aufzugeben, damit diese Sehnsucht eines Tages Realität werden konnte.
Zurück in Deutschland begann ich eine Gesprächstherapie und setzte mich mit den Wunden meiner Kindheit und damit verbundenen Verhaltensmustern auseinander. Alles, was mir Energie geraubt und mich von meiner Intuition weggeführt hatte, sortierte ich aus. Was dazu beitrug, mich im Jetzt ein Stück glücklicher zu machen, lud ich ein. Ich hörte auf, die Wünsche von anderen erfüllen zu wollen, und legte meine Angst davor ab, mich authentisch zu zeigen. Allmählich lernte ich, mich nicht länger verstellen zu müssen, um dazuzugehören, sondern mich denen zugehörig zu fühlen, die mich genauso annehmen konnten, wie ich war. All diese kleinen Schritte führten dazu, dass ich mich wie neugeboren fühlte, weil ich mich selbst plötzlich auch genauso annehmen konnte, wie ich war. Ich fühlte mich «gesehener» und alle, denen nicht gefiel, was sie sahen, von denen war ich nicht länger abhängig. Das bescherte mir eine unglaubliche innere Freiheit und das Gefühl, aus mir selbst heraus glücklich zu sein, meinen Wert selbst zu definieren. Zum ersten Mal manifestierte sich in mir etwas sehr Nachhaltiges: das tiefe Wissen, dass mir in dem Moment, in dem ich mich selbst liebte, niemand meine Würde nehmen konnte. Ich ertappte mich dabei, wie ich oft stundenlang grinsend auf dem Sofa saß, im Wohnzimmer tanzte, mich verbunden fühlte – mit mir und mit anderen.
Es gab Tage, an denen ich mich aus mir selbst heraus so glücklich fühlte, dass ich hätte sterben können, weil ich niemals ein besseres Gefühl kennengelernt hatte: die absolute Erfüllung und 100 Prozent Selbstliebe.
Mir wurde klar, dass ich nie wieder eine von Abhängigkeit geprägte Beziehung eingehen würde. Ich suchte nicht mehr nach jemandem, der mein Leben besser machen würde, sondern übernahm selbst die Verantwortung für mein Lebensglück, ließ es auf mich zukommen, irgendwann jemanden zu treffen, mit dem ich gerne Zeit verbringen wollte und dem es seinerseits genauso mit mir ging. Der nicht davon abhängig war, dass ich ihn liebte oder seine Bedürfnisse erfüllte.
Tatsächlich fand ich ihn ganz unverhofft. Sein zufriedenes, strahlendes Lächeln hatte die Kraft, mich im Herzen zu erreichen. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Dieser Mensch würde mich von nun an begleiten.
Während meiner Krise hatte auch ein Shift stattgefunden, was das Kinderthema anging. Zum einen wusste ich, dass ich nicht unbedingt Mutter sein musste, um glücklich zu sein. Zum anderen war trotzdem der Wunsch entstanden, die Erfahrung zu machen. Aus meinem neuen Zustand der Selbstliebe heraus kam auch die Gewissheit, dass ich eine gute Mutter sein würde.
Aber nicht alles war Friede, Freude, Eierkuchen. Ich hatte nach wie vor Ängste, meine neu-erlangte (innere) Freiheit wieder aufgeben zu müssen, nicht mehr alles tun zu können, was mir Freude bereitete.
Wir verschoben das Kinderkriegen nach hinten und genossen erst einmal unsere Partnerschaft. Mit meinem 35. Geburtstag und nach drei Jahren Beziehung begannen wir, öfter darüber zu sprechen, nicht mehr zu verhüten. Momente der Panik und der freudigen Aufregung wechselten sich ab. Es klappte direkt beim ersten Versuch und das Abenteuer Mutterschaft nahm seinen Lauf. Meine Schwangerschaft war unkompliziert – wie ein Traum. Trotzdem hatte ich nicht dieses Gefühl, das manche Mütter als «die schönste Zeit des Lebens» beschreiben. Da ich seit einigen Jahren schon die schönste Zeit meines Lebens lebte, fühlte sich die Schwangerschaft alles in allem einfach nur stimmig an. Auch meine Geburtserfahrung war schön: Die Wehen erlebte ich ohne Schmerzen, dennoch schaffte ich es im Kreissaal nicht, meine Tochter aus eigener Kraft herauszupressen. Obwohl ich vorher dagegen gewesen war, weil ich viel zum Thema natürliche Geburt ohne Betäubung gelesen hatte, ließ ich mir nach langem Versuchen eine PDA geben. Die Geburt verlief somit schmerzfrei, aber mit Gefühl.
Vom ersten Tag an war ich verliebt in dieses kleine Wesen. Das heißt aber nicht, dass mich die Mutterrolle komplett erfüllte. Ich machte viele Gefühle durch. Die Unsicherheit und Unbeholfenheit der ersten Tage und Wochen, in denen ich zum ersten Mal für ein Baby sorgen musste. Sieben Wochen lang starke Schmerzen beim Stillen. Dankbarkeit für mein Kind und all die schönen, besonderen Momente, die ich mit meiner Tochter erleben durfte. Freude, dass ich ich geblieben war und dennoch als Teil einer Familie durchs Leben gehen konnte. Glück, als ich während unserer Elternzeit-Reise mit meiner Tochter in der Trage meine Füße in den Sand von Scarborough Beach bohrte und mir klar wurde, dass mein Wunsch in Erfüllung gegangen war. Trauer darüber, nicht mehr so selbstbestimmt leben zu können wie vor meiner Mutterschaft. Langeweile und gleichzeitige Überforderung in den vielen Stunden, die ich allein mit meinem Kind zu Hause verbrachte und noch wenig mit ihr kommunizieren konnte. Stress, wenn ich für alles die Verantwortung übernehmen musste und die Dinge nicht so klappen wollten, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Müdigkeit, wenn ich spät ins Bett ging und meine Tochter eine unruhige Nacht hatte. Verzweiflung, wenn mein Mann und ich unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung, Organisation und Zukunftsplanung hatten. Und trotzdem hat mich ein Gefühl nie wieder verlassen: das der absoluten Selbstliebe und die Bereitschaft, alle Gefühle so annehmen zu können, wie sie sich zeigen wollen.
Vielleicht gibt es die eine oder andere Mutter, die nun denkt: Klar, das ist einfach, wenn alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Ohne Komplikationen. Ich habe 2020 auch die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wenn es anders läuft. Zum zweiten Mal wurde ich sehr schnell schwanger. Aufgrund der Erfahrung bei meinem ersten Kind erwartete ich, dass auch dieses Mal wieder alles easy-peasy laufen würde. Aber meine Schwangerschaft war dieses Mal begleitet von Ängsten. Die ersten Wochen wachte ich eher mit Bauchschmerzen als mit Vorfreude auf. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich noch einmal Mutter werden wollte, hatte ich doch gerade erst wieder ein Stück meiner persönlichen Freiheit zurückgewonnen. Auch die sozialen Umstände bereiteten mir Sorgen: Wir lebten immer noch in unserer Zweizimmerwohnung, ich war noch nicht wieder in den Beruf zurückgekehrt und damit finanziell von meinem Mann abhängig.
Bei einem Ultraschall Ende der zwölften Woche dann die unerwartete Nachricht: Keine Herztöne mehr …
Der Abgang meines zweiten Babys erwischte mich kalt und machte mich wirklich traurig. Trotzdem war da noch immer das Grundgefühl, mir selbst darin zu vertrauen, dass ich das, was mir begegnet, auch bewältigen kann. Und zwar dann, wenn ich mir erlaube, alles zu fühlen. Die Trauer um das, was hätte sein können. Darüber, dass ich mein Kind niemals so sehen würde, wie ich es mir schon ausgemalt hatte. Den Schmerz der Ungewissheit, ob ich noch mal eine Schwangerschaft erleben würde. Die Erleichterung, dass sich unser Leben als Familie zunächst keinen neuen Herausforderungen stellen musste, die mit der Geburt eines weiteren Babys verbunden gewesen wären. Das Unwohlsein, wenn ich an den von mir selbst gewählten natürlichen Abgang dachte: Ich erlebte eine weitere Geburt, aber hielt nach einigen Stunden mit Wehen kein Kind in den Armen.
Es waren schwierige Wochen, in denen es mir nicht immer leichtfiel, Vertrauen zu haben. Jemanden zu verabschieden, der niemals richtig da gewesen war, und trotzdem um ihn trauern zu können – auch für diese Erfahrung empfinde ich große Dankbarkeit.
Meine Verbundenheit gilt allen Müttern. Ich weiß, dass es unterschiedliche Erfahrungen von Mutterschaft gibt. Viele Individualreisen. Unbeschrittene Wege, die von diversen Gefühlen begleitet werden und zugleich wunderschön und herausfordernd sind.
Wie war deine Reise in die Mutterschaft? Hast du Lust, sie auf Papier zu bringen? Das Verschriftlichen der eigenen Erfahrungen kann dir dabei helfen, dich selbst besser zu verstehen und deine Entscheidungen von damals aus heutiger Sicht liebevoller annehmen zu können. Eventuell wird dir beim Schreiben auch klarer, wo und wie dein Weg für dich weitergeht.
Etwas so Persönliches zu formulieren, ist gar nicht so leicht. Vielleicht dauert es einige Durchgänge, bis du dich mit dem Ergebnis halbwegs wohlfühlst. Das ist normal und völlig in Ordnung. Das Ziel bei dieser Übung ist nicht, besonders schön zu formulieren oder einen umwerfend spannenden Lebenslauf zu präsentieren, sondern es geht darum, dass du dich durch das Schreiben einfühlen kannst, sowohl in die Person, die du einmal warst, als auch in die, die du durch die Mutterschaft geworden bist. Und vor allem wünschen wir dir, dass dir durch dein eigenes Reisetagebuch bewusst wird, wie sehr du durch all das, was du erlebt hast, gewachsen bist.
Zwar gibt es unzählige Bücher zum Thema Selbstliebe, aber Mutterschaft spielt darin allenfalls eine untergeordnete Rolle. Doch gerade durch die Veränderungen, die das Muttersein in Gang setzt, werden viele Frauen an ihre Grenzen gebracht, weil alte Konditionierungen reaktiviert werden und gleichzeitig neue Trigger entstehen. Immer wieder werden von uns Extremleistungen verlangt, durch die wir uns selbst neu kennenlernen und weiterentwickeln.
Ebenso gibt es hunderte Bücher zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Erziehung, aber nur wenige, die Mütter auch nach der Geburt noch begleiten, und zwar ganz klar mit dem Fokus auf die Mutter selbst. Wie können wir dafür sorgen, uns selbst nicht zu vergessen und achtsam mit uns umzugehen? Wie können wir unsere neue Rolle als Mutter einnehmen und uns dennoch selbst treu bleiben? Wie können wir lernen, auf unsere Intuition zu hören, statt uns mit anderen zu vergleichen?
Wir möchten dir mit diesem Buch die Möglichkeit geben, dir selbst authentisch und achtsam zu begegnen und dein volles Selbst zu lieben, ohne die schwierigen Gefühle, die mit dem Muttersein einhergehen, auszusparen oder zu tabuisieren. Wir möchten dir helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, die Dinge zu finden, die dir die meiste Energie rauben, und dir gleichzeitig helfen, trotz Trubel, Stress und Zeitmangel wieder bei dir selbst anzukommen. Dich ganz anzunehmen, mit allem, was dich ausmacht – auch dem, was nicht dem Idealbild einer Mutter entspricht, aber trotzdem zu dir gehört und genau so, wie es ist, gut und richtig ist.
Wenn es einen Wunsch gibt, der die meisten von uns Müttern vereint, dann lautet dieser: «Ich möchte eine gute Mutter sein.» Das gilt für die Mütter, die ein enges und harmonisches Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter haben und das Gleiche für ihr Kind wollen, ebenso wie für all diejenigen, die in ihrer Kindheit nicht oder nur teilweise das Gefühl von bedingungsloser mütterlicher Liebe und Geborgenheit erfahren haben und es besser machen wollen als die eigene Mutter. Aber wann macht man es überhaupt «gut»?
Zahlreiche Frauen haben den Glaubenssatz des Kollektivs verinnerlicht, dass eine Mutter immer «gut» sein muss. Eine Mutter soll den höchsten Ansprüchen genügen: jederzeit für ihre Kinder da sein und liebevoll mit ihnen umgehen, warm und zugewandt sein, sie aber nicht übermäßig behüten und rechtzeitig loslassen. Eine Mutter soll das Kind gut nähren, möglichst lange stillen und jederzeit gesunde Mahlzeiten zubereiten. Idealerweise kümmert sich eine gute Mutter aber in gleichem Maße um sich selbst, hält sich fit und gesund, ist beruflich und finanziell unabhängig, jedoch selbstverständlich ohne ihre Kinder zu vernachlässigen. Mit ihrem Partner führt sie eine harmonische Beziehung und zeigt sich sexy und allzeit bereit. Außerdem soll eine Mutter glücklich sein und sich bitte nicht beschweren, denn sie hat sich ja ihr Schicksal und ihr Leben selbst genau so ausgesucht.
Dies sind nur einige der vielen utopischen Forderungen, die die Gesellschaft uns auferlegt hat und die wir deshalb, oft ohne uns dessen bewusst zu sein, übernommen haben. Diese Ideale basieren zum einen auf dem traditionellen, bürgerlichen Mutterideal der kinderbetreuenden Hausfrau und Gattin, das von einer arbeitenden Bevölkerung schon im 19. Jahrhundert nicht umgesetzt werden konnte. Zum anderen beinhalten sie die (zum Teil widersprüchliche) Idee eines liberalen Feminismus, der von Frauen fordert, mit Männern gleichzuziehen und sich durch harte Arbeit erfolgreich in Führungspositionen zu etablieren, um sich in den Dienst des Kapitalismus zu stellen.
Auch der Schönheits- und Fitnesskult einer Welt, die von Social Media befeuert wird und ihren Meinungsführerinnen nicht nur Millionen Followerinnen, sondern auch ein großes Vermögen einbringt, trägt Anteil daran, dass Mütter glauben, keine Durchschnittsmama sein zu dürfen.
Gerade weil das entworfene Idealbild in der Realität nicht haltbar ist, bietet eine Mutterschaft viel Raum, mindestens einem der genannten Punkte nicht gerecht zu werden. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Versuch, gemäß den eigenen Fähigkeiten zu handeln, und dem gleichzeitigen Bestreben, den gesellschaftlichen Wunschbildern zu entsprechen, ist es fast unmöglich, sich permanent «gut» zu fühlen. Doch stets mit bester Laune sämtliche Hürden spielerisch zu meistern, ist auch gar nicht das Ziel. In Sachen Selbstliebe geht es vielmehr darum, unseren Wert selbst zu definieren und auch unsere unvollkommenen Seiten anzuerkennen.
Eine physische und psychische Belastung entsteht aber bei Müttern nicht immer nur durch ein überzogenes Mutterbild oder ermüdende innere Glaubenssätze. Tatsächlich haben Mütter es auch mit ganz realen Belastungen zu tun: Eine qualitative Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)1 untersuchte vor dem Hintergrund der Regretting-Motherhood-Debatte, wie sich die Geburt eines Kindes auf das mentale Wohlbefinden der folgenden sieben Lebensjahre (im Vergleich zu vor der Geburt) auswirkte. Die Studie ergab, dass sich bei 46 Prozent der Mütter das mentale Wohlbefinden verschlechterte. Bei einem Drittel der Frauen verschlechterte es sich sogar substanziell. Zu den Gründen gehörten neben mentalem Stress auch stressbedingter sozialer Rückzug, Angstgefühle und depressive Verstimmungen. Bezeichnend ist, dass sich verschiedene Merkmale nicht nur auf die Zeit der Säuglingsphase bezogen, sondern im Alter zwischen vier und sieben noch zunahmen. Die Belastung geht folglich über die Phase hinaus, in der Mütter körperlich stark eingebunden sind.
Die Geburt eines Kindes ist ein zutiefst transformierendes Erlebnis. Durch die Geburt unseres Kindes werden auch wir als Mütter neu geboren. Wir alle wissen, dass es sehr beglückend sein kann, sich zu verändern und zu entwickeln. Aber oftmals gehen damit auch Ängste und Wachstumsschmerzen einher. Postnatale Depression, finanzielle Sorgen, das Gefühl von Freiheits- oder Kontrollverlust, Streit mit dem Partner, sich in vielerlei Hinsicht aus der eigenen Komfortzone bewegen zu müssen, gesundheitliche Probleme – viele von uns Müttern haben es erlebt. Und doch sprechen nicht alle darüber. In unserer Gesellschaft sind die oben genannten Themen oft mit Scham und Schuld verknüpft. Viele denken: «Ich bin die Einzige, der es so geht. Ich bin nicht gut genug. Alle anderen schaffen es ja schließlich auch. Denen geht es gut, nur mir nicht.» Deshalb ist es unbedingt notwendig, dass wir selbst anfangen, über unsere Probleme zu sprechen. Andernfalls kommen wir nicht aus dem Teufelskreis aus Schuld und Scham heraus.
Dabei haben wir es mit ganz normalen Gefühlen zu tun. Wir dürfen uns schlecht fühlen, wir dürfen Dinge nicht hinbekommen, dürfen anders sein, uns zurückziehen oder mal vollkommen durchdrehen (im positiven wie im negativen Sinn). Müdigkeit, Stress, Anspannung und Ängste gehören zum Muttersein, genauso wie Freudentränen, Spaß und Glücksgefühle. Und doch leidet bisweilen unsere Selbstliebe, wenn wir unsere eigenen Ansprüche nicht erfüllen.
Was können wir also tun, um unsere Selbstliebe zu nähren oder zurückzuerobern? Zunächst einmal erscheint es hier wichtig, die Definition von Selbstliebe generell unter die Lupe zu nehmen.
