Fehlende Erinnerungen - Harald Jacobsen - E-Book

Fehlende Erinnerungen E-Book

Harald Jacobsen

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Beschreibung

Die Oberkommissarin Esther Helmholtz hat wenig Zeit, um sich an ihre neue Stellung innerhalb der Rendsburger Kriminalpolizei zu gewöhnen. Mit ihrem neuen Partner, Kommissar Gert Pietschmann, muss sie einen brutalen Raubüberfall aufklären. Die Tätersuche macht schnelle Fortschritte, nur um dann in der Flucht des Verdächtigen zu münden. Ab diesem Zeitpunkt entwickeln sich die Ermittlungen mit rasantem Tempo, da die Suche nach einer vermissten Künstlerin sowie der Mord an einem Mann hinzukommen. Gleichzeitig kehrt Staatsanwalt Clemens Wolter zurück in Esthers Leben und sorgt auch im privaten Umfeld für unerwartete Veränderungen. Zum Glück kann sich die Oberkommissarin auf die Unterstützung ihrer Freunde verlassen, da auch dieses Mal Simon Vester und Juliane Wagenknecht wesentlich zur Aufklärung beitragen. Der Arzt und die Psychologin kümmern sich um die Genesung der unter teilweisem Gedächtnisverlust leidenden Ramona Janssen, dem Opfer des Raubüberfalles. Hierbei tauchen Fragen auf, deren Beantwortung zu einer Reise in die Vergangenheit der Frau führen. Am Ende können alle Rätsel gelöst werden und doch droht ein Desaster.

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HARALD JACOBSEN

Originalausgabe Mai 2010

Copyright © 2010 by Harald Jacobsen

Copyright © 2015 der eBook-Ausgabe by Verlag Peter Hopf, Petershagen

Lektorat: Katja Merz

Umschlagfoto 1: © Petra Gottschalk

Umschlagfoto 2: © Touristische Arbeitsgemeinschaft Nord-Ostsee-Kanal

Wappen Rendsburg mit freundlicher Genehmigung von Andreas Breitner – Bürgermeister von Rendsburg

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

E-Book-Konvertierung: Thomas Knip | Die eBook-Manufaktur

ISBN ePub 978-3-86305-165-5

www.verlag-peter-hopf.de

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Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Inhalt

Das Buch

Der Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Das Buch

Der Autor

HARALD JACOBSEN

Die Wagentür stand weit offen. Aus dem Radio ertönte ein bekannter Song, in dem eine Männerstimme von Tränen in den Augen sang. In der Tiefgarage der Bank parkten zu dieser frühen Stunde erst wenige Fahrzeuge, meist von Kollegen der schwer verletzten Frau. Ihr blutender Kopf lehnte an der Innenseite der offen stehenden Fahrertür und in den Fingern der rechten Hand hielt sie eine Mitarbeiterparkkarte. Eine Gestalt beugte sich über die Frau und griff mit zitternden Händen nach der grünen Ledertasche. Sorgsam verbarg der Dieb – oder war es eine Diebin? – sein Gesicht, indem er die Kapuze seines Shirts über den Kopf zog. Schließlich hatte er seine Beute, hastete mit langen Schritten aus dem Parkhaus und überquerte den Jungfernstieg. Ein Bus musste heftig bremsen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Verärgert den Kopf schüttelnd sah der Fahrer der geduckten Gestalt nach, die jetzt auf dem Fußgängerweg am Stadttheater entlang in Richtung Innenstadt weitereilte.

Kapitel 1

Esther Helmholtz bedauerte es, als der Passat aus der milden Maisonne ins Dunkel des Parkhauses eintauchte. Kollegen der Schutzpolizei öffneten die Sperre, um dem Wagen der Kriminalpolizei die Weiterfahrt zu ermöglichen.

»Was für ein übler Morgen für so einen schönen Frühlingstag«, murmelte die Oberkommissarin der Rendsburger Kriminalpolizei.

»Wenigstens lebt die Frau noch.«

Esther warf Kommissar Gerd Pietschmann bei seiner Bemerkung einen Blick zu. Nachdem der Kollege der Schutzpolizei seinen Lehrgang an der Fachhochschule hervorragend gemeistert hatte, war er vor drei Wochen offiziell ihr Partner geworden. Sie schätzte den besonnenen Familienvater und freute sich über die Zusammenarbeit.

»Was kannst du mir über das Opfer erzählen?«, fragte Esther.

»Sie heißt Ramona Janssen und arbeitet schon seit achtzehn Jahren für die Bank. Sie hat sich seit 2004 auf die Beratung vermögender Kunden spezialisiert«, ratterte Gerd die gewünschten Daten herunter.

Er stoppte den silbernen Passat auf dem einzigen freien Platz neben dem Kassenautomaten, da die Spezialisten der Kriminaltechnik noch mit der Aufnahme der Spuren am Tatort beschäftigt waren. Esther nickte der jungen Kollegin zu, die neben einem Mann in einem dunkelblauen Anzug stand.

»Sie sind Herr Vollmer?«

Der Mann nickte zustimmend und reichte Esther seine schmale Hand. Sie stellte sich und ihren Kollegen vor.

»Gab es schon ähnliche Überfälle in dem Parkhaus?«

Esther warf Gerd einen verwunderten Seitenblick zu, als dieser die Frage an den Angestellten der Bank richtete.

»Nein, Herr Kommissar. Außer kleinen Blechschäden wegen unachtsamen Fahrmanövern gab es hier noch nie irgendwelche Zwischenfälle.«

Gerd musterte den Mann und schlagartig wurde Esther bewusst, dass ihr Kollege Vollmer nicht mochte. Sie machte ihm Zeichen, sich mit den Kollegen der Spurensicherung zu besprechen. Gerd Pietschmann wandte sich wortlos ab und ging hinüber zum Opel des Opfers, dessen Fahrertür immer noch weit offen stand. Da in diesem Augenblick ausnahmsweise alle Personen still waren, vernahm Esther erstmals die leisen Klänge aus dem Radio.

»Depeche Mode. Ramona mag die Band besonders gerne.«

Reinhard Vollmer lächelte knapp, als Esther ihn überrascht anschaute.

»Ramona und ich müssen gelegentlich zusammen zu Kunden fahren. Wenn wir ihren Wagen nehmen, hat sie fast immer eine CD von der Band dabei.«

Esther meinte Bedauern in der wohl modulierten Stimme des Bankangestellten zu vernehmen. Sie fragte sich, wieso Gerd diesen Mann nicht mochte.

»Dann arbeiten Sie also eng mit Frau Janssen zusammen?«

»Ja, das kommt öfter vor. Ich leite die Investmentabteilung der Bank und Ramona ist meine Stellvertreterin. Sie ist sehr gut in ihrem Job, Frau Oberkommissarin.«

Esther wunderte sich über den abschließenden Zusatz, zu dem Vollmer sich scheinbar genötigt sah.

»Gab es in der jüngeren Vergangenheit irgendwelche Probleme mit Kunden?«

Reinhard Vollmer zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen, dachte angestrengt über Esthers Frage nach.

»Nein, keine von Bedeutung. Es gibt natürlich immer wieder unzufriedene Kunden, Frau Oberkommissarin. Aber von einem Kunden, der handgreiflich werden könnte, hätte Ramona mir erzählt.«

Auch jetzt glaubte Esther einen Zwischenton vernommen zu haben und suchte nach dem Ursprung.

»Was können Sie mir über das private Umfeld Ihrer Kollegin erzählen? Gibt es dort Probleme, von denen Sie wissen?«

Vollmer wand sich erkennbar und Esther wusste sofort, dass sie eine Tür aufgestoßen hatte, durch die der Bankangestellte offensichtlich ungern gehen wollte.

»Alles kann von Bedeutung sein, Herr Vollmer. Also, was für Probleme hat Frau Janssen im privaten Bereich?«

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, Frau Helmholtz. Es gibt einige Gerüchte, nach denen es Ramona nie länger mit einem Mann ausgehalten hat. Näheres weiß ich allerdings nicht.«

Vollmer wollte das Visier wieder schließen, wie Esther an dem Ausdruck seiner Augen erkannte. Doch so leicht würde sie es dem Kollegen der schwer verletzten Frau ganz sicherlich nicht machen.

»Falsche Zurückhaltung ist zum jetzigen Zeitpunkt wenig hilfreich, Herr Vollmer. Können Sie sich vorstellen, dass es sich bei dem Überfall um den schlimmen Abschluss eine intimen Beziehung handelt?«

Gerd Pietschmann hatte sich zwischenzeitlich die bisherigen Erkenntnisse der Kollegen von der Spurensicherung mitteilen lassen und trat genau in diesem Moment wieder zu seiner Kollegin. Er musste unwillkürlich an den Abteilungsleiter der Bank denken, der in seiner Nachbarschaft lebte. Dieser Typ machte Gerds Frau ständig schöne Augen und Susanne gefiel es sichtlich.

Bei Esthers Frage zuckte Vollmer schockiert zusammen und schüttelte eilig den Kopf.

»Nein! Da haben Sie mich völlig missverstanden, Frau Oberkommissarin. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es möglicherweise einen Freund in Ramonas Leben gegeben haben könnte – oder auch nicht«, korrigierte Vollmer nachdrücklich.

»Möglicherweise? Sie haben doch mehr als nur eine vage Vermutung, Herr Vollmer. Haben Sie Ihre Kollegin mit einem anderen Mann gesehen, der auf Sie wie ein intimer Bekannter wirkte?«

Gerd ärgerte sich über das Herumlavieren des Bankangestellten und hakte daher sofort nach. Esther hatte zwar die gleiche Vermutung wie ihr Kollege, doch seine Vorgehensweise war sehr gefährlich. Gerd behandelte Vollmer nicht wie einen Zeugen, sondern wie einen Täter, was dieser Mann sich vermutlich nicht lange bieten lassen würde.

»Können wir dieses Thema nicht besser in meinem Büro weiter besprechen, Herr Kommissar?«

Gerd tauschte einen Blick mit Esther aus, die erleichtert nickte. Sie würde ihrem Partner ein wenig Spielraum lassen. Vielleicht schätzte er Vollmer ja besser ein und traf damit den erforderlichen Ton.

Simon Vester lauschte auf die leiser werdenden Geräusche des Rettungshubschraubers, der soeben vom Dach des Kreiskrankenhauses zu einem Einsatz abgeflogen war. Der leitende Arzt der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses Rendsburg hielt den Telefonhörer in der Hand und starrte auf die Einladung zu einem Benefizkonzert in der Marienkirche.

»Mit Begleitung. Was wohl Ariane meint, wenn ich sie frage?«, murmelte Simon verunsichert, während er dem Freizeichen lauschte.

Als er am Morgen die Einladung in seiner Post entdeckt hatte, war ihm spontan der Einfall gekommen, Ariane Wiese als seine Begleiterin zum Konzert mitzunehmen. Doch er scheute sich, die Lehrerin zu fragen. Seit der schrecklichen Geschichte mit Arianes Mann vor knapp einem Jahr – der Hauptkommissar der Kripo war in einem Geschäftshaus ermordet worden – versuchte der Arzt eine Beziehung zu der zierlichen Frau mit den schönen braunen Augen aufzubauen. Manchmal wähnte Simon sich seinem Ziel schon sehr nahe, doch dann zog Ariane sich ohne Vorwarnung wieder zurück.

»Ariane? Simon hier. Wie geht es dir?«

Als Ariane Wiese sich meldete, verkrampfte sich Simons Hand am Telefonhörer. Er wusste, dass er die Lehrerin vermutlich im Lehrerzimmer erwischt hatte, da sie im laufenden Unterricht natürlich nie einen Anruf auf ihrem Handy angenommen hätte. Ein unangenehmer Klumpen bildete sich in seinem Hals und ließ seine Stimme heiser klingen. Während er seine Unsicherheit mit Abschluss seines Studiums im beruflichen Umfeld weitestgehend in den Griff bekommen hatte, verbaute sie sein Privatleben weiterhin stark. Nachdem Simon und Ariane einige Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten, drohte sich eine peinliche Stille ins Gespräch einzuschleichen.

»Möchtest du mit mir in ein Benefizkonzert gehen?«, stieß Simon voller verzweifelter Entschlossenheit hervor.

Einige Sekundenbruchteile blieb es still in der Leitung und Simon fühlte seine Verunsicherung weiter ansteigen.

»Ja, gerne. Wann ist das Konzert denn?«

Ein riesiger Stein der Erleichterung plumpste von Simons Seele und er haspelte eilig die Daten hinunter, die er von der Einladung ablas. Er wusste schon seit einer Woche von der Veranstaltung und hatte sich bislang nicht getraut, sie tatsächlich anzurufen.

»Oh, das ist ja schon übermorgen. Tut mir leid, Simon. Da haben wir eine Konferenz in Kiel. Du musst dir leider eine andere Begleitung suchen. Frag doch einfach Juliane!«

Frustriert zerknüllte Simon die Einladung und warf die Papierkugel in Richtung Papierkorb. Natürlich verfehlte der Arzt das Ziel und so prallte die zerknüllte Einladung vom Rand des Behälters ab. Die Kugel rollte einen Meter über den Boden zur Tür und blieb dort wie zum Hohn liegen.

»Oh, das ist natürlich schade. Ja, vielleicht frage ich Jule«, versuchte Simon sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Zu Simons Glück klopfte es an der Tür zu seinem Dienstzimmer und die Stationsschwester trat ein.

»Ich muss leider Schluss machen, Ariane. Die Pflicht ruft.«

Simon beendete das Telefonat und schaute zu Schwester Hannah hinauf.

»Dr. Bergstrom hat eine Patientin, über die er mit Ihnen sprechen möchte. Er bittet Sie, auf die Intensivstation zu kommen.«

Simon starrte die Stationsschwester verwundert an, die mit einem leichten Lächeln auf das Telefon deutete und gleichzeitig das zerknüllte Papierkügelchen aufhob. Als sie fragend auf den Papierkorb schaute, nickte Simon nur zustimmend.

»Danke, Schwester Hannah. Ich gehe gleich mal runter und spreche mit Dr. Bergstrom«, sagte er, dankbar für die Störung.

Er schlüpfte wieder in seinen weißen Kittel, prüfte den Piepser und verließ dann hinter der Stationsschwester sein Dienstzimmer.

Simon wählte die Treppe, um so ein wenig Bewegung zu erhalten. Während er die Stufen hinuntereilte, wanderten seine Gedanken zu Juliane Wagenknecht. Die promovierte Psychologin und Therapeutin hatte ihre Praxis in Rendsburg in der Düppelstraße. Sie und Simon waren Freunde, daher lag Arianes Vorschlag nahe. Dennoch zögerte Simon, die rothaarige Frau mit den blitzenden blauen Augen als Begleiterin zu der Veranstaltung mitzunehmen. Jule, wie er sie meistens nannte, würde mehr Leben in diese Veranstaltung bringen, als es Simon lieb sein konnte. Er wollte auf keinen Fall negativ auffallen und die kecke Rothaarige barg eine Menge Konfliktpotenzial, worauf er gut verzichten konnte.

Simon stieß die Tür zum Erdgeschoss auf, um sich am Kiosk noch die aktuelle Ausgabe der Handballwoche zu kaufen. Meistens war die Zeitschrift schnell ausverkauft, daher legte Simon diesen Umweg ein.

»Hallo, Simon. Das ist ja eine nette Überraschung!«

Verblüfft schüttelte der Arzt die dargebotene Hand der attraktiven Brünetten, die seinen Weg kreuzte. Ilona Specht arbeitete in dem Geschäftshaus, in dem Ralf Wiese ermordet worden war. Simon hatte sie kennengelernt, als er eigene Ermittlungen angestellt hatte.

»Hallo, Ilona. Ja, das ist wirklich eine schöne Überraschung.«

Simon sprach zwanglos mit der jungen Frau und fühlte sich durch ihr lebhaftes Wesen sehr angenehm aufgehoben.

»Sorry, aber ich muss. Ein Kollege erwartet mich auf der Intensivstation und ich wollte nur schnell eine Handballwoche kaufen.«

»Das kann ich doch machen, Simon. Sie können sich die Zeitschrift später in der Kantine bei mir abholen. Ich besuche eine Freundin und trinke dann hinterher dort einen Kaffee«, bot sich Ilona an.

»Danke, gerne. Überlegen Sie dabei, ob Sie mich übermorgen vielleicht zu einem Benefizkonzert in der Marienkirche begleiten wollen.«

Ilonas Augen leuchteten bei dem Angebot hell auf, wie Simon zufrieden registrierte. Mit wesentlich besserer Laune setzte der Arzt seinen Weg zur Intensivstation fort.

Esther schaute sich in Vollmers Büro um und nahm die helle, freundliche Atmosphäre des Raumes in sich auf. Während der leitende Angestellte der Bank sich hinter seinen Schreibtisch setzte, wanderte Gerd Pietschmann zu einem der Fenster und schaute hinaus. Sein Blick fand den Zebrastreifen vor dem Haupteingang des Bankhauses genauso wie die Menschen, die über den Platz auf der anderen Straßenseite in die Fußgängerzone eilten. Lediglich eine Gruppe von Teenagern schlenderte gelassen über den Platz und unterhielt sich dabei lebhaft.

»Frau Janssen ist nicht verheiratet und hat keine Kinder?«

Gerd drehte sich bei seiner Frage vom Fenster weg und sah Vollmer forschend ins Gesicht.

»Nein, Herr Kommissar. Ich glaube, sie möchte schon Familie haben, aber aus irgendwelchen Gründen hat es bislang noch nicht geklappt.«

Esther fand die Frage ihres Kollegen sehr interessant und die Antwort des Kollegen von Ramona Janssen noch aufschlussreicher. So wie Vollmer geantwortet hatte, schien er sich im Privatleben seiner Kollegin besser auszukennen, als er zuzugeben bereit war.

»Kommen wir noch einmal zurück auf die Frage nach einem Liebhaber von Frau Janssen. Was wissen Sie darüber, Herr Vollmer?«

Der Kollege des Opfers fuhr sich mit der Hand über sein schmales Gesicht und seufzte tief. Schließlich überwand Vollmer seine Bedenken und antwortete Esther.

»Ramona ist eine sehr attraktive Frau und das zeigen ihr viele Männer. Sie flirtet gerne und daher machen sich einige Männer mehr Hoffnungen, als berechtigt sind. Bei einem gemeinsamen Termin bei einem Kunden kam ich nicht umhin, einige merkwürdige Beobachtungen zu machen.«

Vollmer schilderte ausführlich, wie er zusammen mit Ramona Janssen bei einem bekannten Unternehmer in dessen Privathaus in Schülldorf gewesen war. Im Verlaufe des Besuches waren Vollmer immer mehr Anzeichen aufgefallen, nach denen Ramona sich im Haus des Kunden ungewöhnlich gut auszukennen schien. Es hatte zudem einige Gesten gegeben, die ihn überrascht hatten.

»Gesten? Was genau meinen Sie denn damit, Herr Vollmer? Geben Sie uns bitte konkrete Beispiele.«

Gerd spürte instinktiv, an welcher Stelle des Gesprächs der Bankmitarbeiter ausweichen wollte. Esther nahm die Einmischung ihres Kollegen zufrieden zur Kenntnis, da sie sein gutes Gespür bewies.

»Na, eben solche Gesten, wie im Vorbeigehen mit der Hand an Ramonas Schulter entlang zu streifen. Ein anderes Mal berührten sich ihre Finger, als der Kunde uns Kaffee einschenkte. Ramona schien die Berührung zu genießen und das hat mich eben gewundert«, erläuterte Vollmer seine Andeutungen.

Er unterschlug, wie gut er selbst diese Gesten kannte. Genauso wenig wollte er mehr über sein wahres Verhältnis zu Ramona Janssen erzählen und hoffte inständig, dass die Beamten nicht hinter sein kleines Geheimnis kamen. Esther lauschte bei den Ausführungen auf die Zwischentöne und war sich ziemlich sicher, dass Vollmer einige Dinge zurückhielt.

»Gehen Sie also davon aus, dass dieser Kunde der aktuelle Liebhaber Ihrer Kollegin ist?«

Gerd Pietschmann hakte unerbittlich nach, wollte Vollmer endlich zu einer verbindlichen Aussage bringen. Der rutschte unbehaglich auf seinem Lederstuhl hin und her und schaute keinem der Beamten ins Gesicht.

»So weit kann ich nicht gehen, Herr Kommissar. Es wäre aber denkbar.«

Esther Helmholtz erkannte ein Verhalten bei Vollmer, wie sie es schon damals während der Ermittlung im Mordfall Wiese bei anderen Zeugen bemerkt hatte. Vielmehr hatte sie damals Hauptkommissar Reuter vom LKA Kiel darauf aufmerksam gemacht. Reinhard Vollmer erzählte ihnen nicht die komplette Wahrheit, weshalb er seine letzte Antwort sehr knapp gehalten hatte. Die Oberkommissarin beließ es zunächst dabei und machte Gerd ein Zeichen, der trotz erkennbarer Verwunderung reagierte und sein Notizbuch zückte.

»Dann nennen Sie uns jetzt bitte den vollständigen Namen des Kunden sowie seine Anschrift. Nicht nur die Privatanschrift, sondern auch die seines Unternehmens«, forderte Gerd den Bankmitarbeiter auf.

Wenige Minuten später trennten sich die beiden Ermittler, da Esther zu Fuß ins Kreiskrankenhaus gehen wollte.

»Überprüf du diesen Ferdinand Deichsler. Ich gehe ins Krankenhaus und hoffe, dass Frau Janssen ansprechbar ist«, wies Esther ihren Kollegen an.

»Mache ich. Anschließend prüfe ich die Überwachungsbänder der Bank. Eigentlich müsste der Angriff darauf zu sehen sein.«

Esther spürte Ärger in sich aufsteigen, weil sie nicht von selbst auf diese Idee gekommen war. Gerd hatte natürlich recht.

»Sehr gute Idee, Gerd. Das solltest du vielleicht als Erstes machen«, lobte Esther den Kommissar.

Simon Vester traf seinen Kollegen auf dem Gang der Intensivstation. Dr. Bergstrom war etwa fünfzig Jahre alt und ein Mediziner mit hervorragendem Ruf.

»Schön, dass Sie gleich Zeit für mich haben. Trinken wir einen Kaffee zusammen?«

Der fast zwei Meter große Bergstrom sah mit fragendem Blick zu seinem jüngeren Kollegen hinunter, der erstaunlich frisch auf ihn wirkte. Bergstrom wusste von der Bereitschaftslage auf der Inneren Abteilung und ahnte daher, dass Dr. Vester vermutlich mehrere Bereitschaftsschichten unmittelbar nach seinem normalen Dienst absolviert hatte. Er beneidete den Facharzt für innere Medizin nicht um diese Belastung, vielmehr war er froh, es selbst nicht mehr so stressig zu haben. Für Dr. Vester sprach dessen Jugend. Bergstrom sah sich mit seinen zweiundfünfzig Jahren als Dinosaurier gegenüber solchen jungen Ärzten, die ihn oft an seine eigenen Anfänge im Kreiskrankenhaus erinnerten.

»Ich habe heute Vormittag einen Neuzugang gehabt. Die Patientin wurde mit stumpfen Traumata eingeliefert und war nicht bei Bewusstsein«, begann Dr. Bergstrom über Ramona Janssen zu berichten.

Simon Vester lauschte den Ausführungen des Kollegen und so entspannte sich sehr schnell ein Fachgespräch.

»Die Patientin ist jetzt wieder ansprechbar, zeigt aber Anzeichen einer temporären Amnesie«, schloss Dr. Bergstrom seinen Bericht.

Es wunderte Simon nicht, dass sein Kollege ihn um die Verlegung der Patientin auf die Innere Abteilung ersuchte. Die Verletzungen waren dort gut zu behandeln und der Allgemeinzustand war stabil.

»Ich möchte Frau Janssen nur diese Nacht zur Beobachtung hier behalten und sie anschließend auf Ihre Station verlegen lassen. Einverstanden, Herr Kollege?«

Simon sah keinen Grund zum Einspruch und versprach seinem Kollegen, dass er ein Bett für Frau Janssen vorbereiten lassen würde.

»Dr. Bergstrom?«

Simon und sein Kollege schauten gleichzeitig hoch, als die Stationsschwester den Kopf zur Tür hineinsteckte.

»Frau Janssen möchte Sie sehen.«

Die beiden Ärzte gingen gemeinsam zu der Patientin, die mit ängstlichen Blicken die beiden Männer musterte.

»Hallo, Frau Janssen. Das ist Dr. Vester. Er ist der Leiter der Inneren Abteilung, auf die ich Sie gerne ab morgen verlegen möchte.«

Ramona Janssen sah Simon an und zu dessen Verwunderung leuchteten ihre Augen einen winzigen Moment auf. Was sah die Frau in ihm, was eine derartige Reaktion hervorrufen konnte?

»Sie haben nach mir verlangt, Frau Janssen? Gibt es Probleme?«

Beide Ärzte hatten nebenbei die Anzeigen auf den diversen Geräten studiert und weder Dr. Bergstrom noch Simon Vester konnte etwas Ungewöhnliches erkennen.

»Ich werde ganz verrückt, Herr Doktor. Mir will beim besten Willen nicht mehr einfallen, wie ich den Tag begonnen habe oder wie ich zur Arbeit gekommen bin. Was ist nur los mit meinem Kopf?«

Offenbar war der Patientin erst in den letzten Minuten die volle Wucht des Erinnerungsverlustes bewusst geworden.

»Sie müssen Ihrem Kopf ein wenig Zeit einräumen, Frau Janssen. Die schweren Schläge haben zu einem Gedächtnisverlust geführt, was häufig vorkommt. Immerhin wurde ihr Gehirn mehrfach sehr brutal gegen die hintere Schädeldecke geschleudert«, redete Dr. Bergstrom auf die Patientin ein.

Ramona Janssen zog irritiert die Augenbrauen zusammen, dann glitt ihr Blick hinüber zu Simon Vester.

»Sie haben noch alle Erinnerungen an den gestrigen Abend, Frau Janssen?«

»Ja, daran erinnere ich mich sehr gut. Warum fragen Sie, Herr Doktor?«

Simon setzte auf die Intelligenz der Frau und wählte daher diesen Ansatz, um ihr das Phänomen der temporären Amnesie weniger angstbeladen näherzubringen.

»Das beweist uns, dass mit Ihrem Gehirn im Prinzip alles in Ordnung ist. Bei der Erschütterung sind sozusagen einige Erinnerungen in die falschen Schubladen Ihres Gehirns geraten und müssen erst wieder neu sortiert werden«, gab Simon ein plastisches Beispiel.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das fein geschnittene Gesicht von Ramona Janssen, welches durch die weißen Verbände noch bleicher wirkte.

»Kann ich beim Sortieren behilflich sein?«

Dr. Bergstrom lachte kollernd, als Ramona sichtlich entspannter ihre Frage stellte.

»Wie ich sehe, fühlt Frau Janssen sich in Ihren Händen gut aufgehoben, Herr Kollege. Darf ich also die weitere Betreuung Ihnen überlassen?«

Simon verkniff sich die spitze Antwort. Der Leiter der Intensivstation hatte wenige, dafür aber sehr arbeitsaufwendige Patienten zu betreuen. Daher nahm Simon es Dr. Bergstrom nicht übel, dass der Kollege ihm die Patientin vorzeitig in die Verantwortung übergab. Es war ein cleverer Schachzug, dennoch akzeptierte Simon es mit einem Nicken. Sein Privatleben lag zurzeit ohnehin quasi auf Eis, da konnte er auch noch eine Patientin mehr verkraften.

Esther verließ das Bankhaus durch den Haupteingang und ging die Stufen zur Straße hinunter. Sie überquerte den Jungfernstieg auf dem Zebrastreifen und ließ den Ausläufer des Stadtsees zu ihrer Linken liegen. Zunächst führte sie ihr Weg direkt auf die Treppe zum neuen Rathaus zu, doch unmittelbar davor bog die Oberkommissarin links ab in den Fußweg am Stadtsee. Es wunderte Esther überhaupt nicht, dass so viele junge Menschen ihren Weg kreuzten. Dieser Fußweg war der ideale Verbindungsweg vom Gymnasium in die Innenstadt. Sie hatte ihn selbst oft genug gewählt, auch um in die Schwimmhalle zu gelangen. Angesichts der fröhlichen Jugend um sie herum beschlich Esther Wehmut. Als sie selbst noch in diesem Alter gewesen war, hatte sie Menschen von Ende dreißig als alt empfunden. Vermutlich dachten diese Teenager, die an ihr vorbeigingen, jetzt genauso über sie. Damals hatte ihr Vater noch gelebt und sie hatten oft über die Zeit nach dem Abitur gesprochen. Übergangslos kehrten die Erinnerungen an die starken Hustenanfälle ihres Vaters zurück. Eigentlich hatte er immer viel gehustet, sodass es ihr als Teenager gar nicht so sehr aufgefallen war. Wie hatte sie auch ahnen können, wie schlimm es bereits damals um die Gesundheit ihres Vaters gestanden hatte?

»Irgendwann muss ich es Mutter beichten«, murmelte Esther halblaut vor sich hin.

Sie hatte die kleine Fußgängerbrücke erreicht und lehnte sich ans Geländer, betrachtete die Enten auf dem Wasser. Es grauste Esther davor, ihrer Mutter die schlechte Nachricht des Rechtsanwaltes zu überbringen. Nach dem Tod des Vaters hatte diese nicht viel über die Ursachen seiner Krankheit sprechen wollen. Esther hatte aber in der Geschäftsleitung der Werft, in der ihr Vater viele Jahrzehnte als Lackierer gearbeitet hatte, die Mitverantwortlichen gesehen. Die eingesetzten Lacke hatten hochgiftige Substanzen enthalten, was die Manager sehr genau gewusst hatten. Trotzdem hatten sie lange Zeit keine Schutzmaßnahmen für die Arbeiter angeordnet und sogar gegen die Empfehlung von Wissenschaftlern viel zu lange an den giftigen Lacken festgehalten.

»Der Jahresgewinn war eben wichtiger«, brummte Esther in den lauen Wind.

Ihr entgingen die fragenden Blicke einiger Schüler nicht, die der vor sich hin murmelnden Frau scheue Blicke zuwarfen.

»Reine Alterssenilität, nicht ansteckend«, rief Esther.

Sofort lösten sich die Blicke und die Jugendlichen eilten schnell weiter. Esthers Gedanken gingen zurück zu dem Gespräch mit Rechtsanwalt Dr. Malzahn, der ihr Mandat übernommen hatte.

»Die Vorerkrankung Ihres Vaters nimmt uns jeden Spielraum, Frau Helmholtz. Die Verantwortlichen der Werft werden seine Lungenkrankheit als Ursache des frühen Todes anführen und damit durchkommen«, hatte der Anwalt die Situation mit einem bedauernden Schulterzucken dargelegt.

Esther hatte nur durch einen Hinweis ihrer Mutter die alten Briefe entdeckt, die ihr Vater aus einem Heilsanatorium an ihre Mutter geschrieben hatte. Damals war ihr Vater noch ein junger Bursche gewesen und hatte an einer schwachen Lunge gelitten. Hätte sie es früher gewusst, wäre Esther niemals zum Rechtsanwalt gegangen. Doch jetzt musste sie ihrer Mutter, die diesen Rechtsstreit sowieso immer für baren Unfug gehalten hatte, reinen Wein einschenken.

»Noch ist Zeit.«

Mit diesen beruhigenden Worten löste Esther sich vom Geländer und setzte ihren Weg durch den Stadtpark fort. Ihre Mutter befand sich in Bad Eilsen zu einem Kuraufenthalt, den ihr der Hausarzt schon seit langer Zeit angeraten hatte. Doch ihr berufliches Pflichtgefühl hatte die Kur erst zugelassen, als »ihr« Kaufhaus in Rendsburg geschlossen wurde. Ausnahmsweise hatten Fehlentscheidungen von Investoren diesmal Esthers Zustimmung gefunden. Wäre die Kaufhauskette nicht in die Insolvenz gegangen, würde Esthers Mutter weiterhin in der Damenwäscheabteilung für die Strumpfhosen verantwortlich sein und jeden Tag zur Arbeit gehen.

Kapitel 2

Gerd Pietschmann rieb sich die überanstrengten Augen und knurrte verärgert vor sich hin.

»Hey, was ist los?«

Gerd schaute auf und sah ins Gesicht von Lars Wulff. Der Hauptmeister und er waren bis vor einem Jahr öfter zusammen Streife gefahren. Gerd schätzte den Kollegen als besonders umsichtig und zuverlässig ein.

»Hast du vom Überfall in der Tiefgarage am Röhlingsplatz gehört?«

Lars nickte und setzte sich auf den Besucherstuhl vor Gerds neuem Schreibtisch. Noch hatte Gerd sich nicht völlig daran gewöhnt, jetzt am ehemaligen Arbeitsplatz von Esther zu sitzen. Die Oberkommissarin hatte dafür den Platz des ermordeten Hauptkommissars Wiese eingenommen, was ihrem Status als Leiterin der Kripo entsprach.

»Ich habe mir die Videoaufzeichnungen aus der Überwachungskamera angesehen. Leider bringen die uns kaum weiter. Sieh selbst.«

Gerd ließ die Aufzeichnung starten, die unmittelbar vor dem eigentlichen Überfall einsetzte und Bilder der Überwachungskamera an der Einfahrt zeigte. Der drahtige Wulff beugte sich vor und seine grauen Augen verfolgten das Geschehen sehr aufmerksam. Gerd war weniger bei der Sache, daher fuhr er erschrocken zusammen, als Lars einen Namen ausstieß.

»Keppler.«

Verblüfft stoppte Gerd die Aufzeichnung und starrte auf die nur verschwommen zu erkennende Gestalt eines Mannes, der die Kapuze seines Shirts tief in die Stirn gezogen hatte.

»Du kennst den Typen?«

Lars Wulff lehnte sich zurück und nickte zuversichtlich.

»Wenn das nicht Hans Keppler ist, wasch ich euren Dienstwagen einen Monat lang umsonst.«

Gerd schaute erneut auf den Monitor und hatte keine Zweifel an Lars' Aussage. Hauptmeister Wulff kannte seine Pappenheimer und pflegte erstaunliche Kontakte, die auch mit seiner Vergangenheit zu tun hatten.

»Was ist dieser Keppler für ein Mann?«, fragte Gerd.

»Er hat bestimmt schon sechs oder sieben Anläufe unternommen, um trocken zu werden. Keppler ist einfach zu schwach und wird immer wieder rückfällig. Wir haben ihn schon mehrfach wegen kleinerer Delikte hochgenommen. Warst du nie dabei?«

Lars wirkte verwundert darüber, dass sein ehemaliger Kollege aus dem Streifendienst den Verdächtigen nicht zu kennen schien. Der Kommissar hatte zwischenzeitlich die Meldeadresse am Computer aufgerufen.

»Nö. Dieser Kelch ist bislang an mir vorbeigegangen. Wohnt Keppler immer noch in der Liegnitzer Straße?«, fragte der Kommissar und deutete auf die betreffende Zeile am Monitor.

Lars Wulff war schon mehrfach in der Wohnung von Keppler gewesen und hatte den ehemaligen Ausfahrer einer Großbäckerei nie aus den Augen verloren. Eigentlich war Hans Keppler ein intelligenter Mann, der einen guten Realschulabschluss mit einer anschließenden Ausbildung zum Industriekaufmann geschafft hatte. Doch unmittelbar nach seinem Berufsabschluss war Keppler in eine üble Clique geraten und hatte sich vermehrt in einem der speziellen Clubs von Rendsburg herumgetrieben. Da Keppler das Geld für harte Drogen gefehlt oder sein Verstand noch so weit funktioniert hatte, hatte er Alkohol als seine Droge gewählt. Lars Wulff hatte ihn bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt, als er selbst schon achtzehn Monate trocken gewesen war. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden und so war es zu gelegentlichen Treffen in Kepplers Wohnung gekommen.

»Ja, da haust Hans immer noch. Soll ich ihn einsammeln, Gerd?«

Gerd fertigte bereits eine Notiz für seine Kollegin an.

»Das machen wir zusammen, Lars. Ich lege Esther eine Nachricht hin, damit sie weiß, wo ich bin.«

Lars Wulff machte ein Gesicht, als ob er protestieren wollte.

»Hey, komm schon. Ich kenne Mastbrook selbst gut genug, Lars. Bin schließlich lange genug Streife gefahren, also kannst du mir vertrauen«, ging Gerd auf die nicht ausgesprochenen Bedenken seines uniformierten Kollegen ein.

Die Menschen in dem sozialen Brennpunkt Rendsburgs neigten zu überraschenden Verhaltensweisen, wenn Polizisten vor ihrer Tür standen. Unerfahrene Kripobeamte konnten dadurch übel in Not geraten, wie Gerd sehr gut wusste. Selbst der sehr erfahrene Hauptkommissar Wiese war selten ohne uniformierte Kollegen zu Vernehmungen nach Mastbrook gefahren. Durch seine vorherige langjährige Dienstzeit im Streifendienst sah sich der Kommissar allerdings durchaus in der Lage dazu, mit Lars gemeinsam in die Liegnitzer Straße zu fahren.

»Na, gut. Lass mich aber erst mit Hans sprechen, sonst springt der Kerl glatt vom Balkon.«

Gerd willigte ein und saß kurz darauf neben dem drahtigen Hauptmeister im Streifenwagen. Als sie an der Kreuzung am Thormannplatz standen, deutete Gerd in Richtung des neuen Einkaufszentrums auf den ehemaligen Wiesen der Obereider.

»Was hältst du davon?«

Lars schaute zu dem runden Gebäude, welches direkt auf der Grenze zwischen Rendsburg und Büdelsdorf lag.

»Sina und ich waren erst zweimal drin. Als ich die Eröffnungsartikel in der Zeitung gelesen habe, war die Erwartungshaltung groß. Aber ich bin nur teilweise überzeugt.«

Lars steuerte den Streifenwagen über die Kreuzung. Als sie das Gebäude der Arbeitsagentur in der Gerhardstraße rechts von sich hatten, schnaubte Wulff verärgert durch die Nase.

»Was ist denn, Lars?«

»Die Scheißkrise beschert wieder vielen Familien den Abstieg in die soziale Not, während die raffgierigen Manager sich noch eine hohe Abfindung für ihre miese Arbeit gewähren. Rate mal, was das für unsere Arbeit bedeutet?«

Gerd verstand den Ärger seines uniformierten Kollegen. Der soziale Abstieg war für die Menschen an sich schon eine bittere Pille, doch wenn sie dann noch in Sozialwohnungen umziehen mussten, wuchs ihnen die Situation oft über den Kopf. Das neue Umfeld wurde zuerst als Belastung empfunden, bevor sich eine schleichende Anpassung einstellte.

»Wetten, dass wir in vier oder fünf Monaten mal wieder einen völlig vernachlässigten Ehemann aus seiner Wohnung holen müssen? Heute noch als Ingenieur oder Automechaniker ein angesehener Bürger und in wenigen Monaten der Bittsteller bei den Behörden. Und der Alkohol besorgt den Rest«, fluchte Lars vor sich hin.

Das tägliche Einsatzleben im Streifendienst war eine Facette seiner früheren Tätigkeit, die Gerd nicht vermisste. Bis sie die Ostlandstraße erreichten, schwiegen die beiden Beamten und lauschten lediglich den Durchsagen im Funkverkehr. Zwei Unfälle mit Personenschäden, ein Ladendiebstahl sowie eine häusliche Auseinandersetzung spiegelten die Arbeit der Streifenbesatzungen wider. Bei der Durchsage zur häuslichen Streitigkeit hatte Gerd in der Zentrale nachgefragt, ob sie zur Unterstützung kommen sollten. Der Einsatzort lag in der Schleswiger Chaussee und somit in der Nähe ihres Standortes. Doch die Kollegen waren bereits mit zwei Streifenbesatzungen vor Ort, sodass keine zusätzliche Verstärkung erforderlich war.

»Keppler wohnt in dem Haus, wo das Schaukelgerüst steht«, erklärte Lars, als sie in die Liegnitzer Straße einbogen.

»Neigt er zu Gewaltausbrüchen?«

Lars Wulff schüttelte bei Gerds Frage nachdrücklich den Kopf.

»Nein, Hans ist eher sanftmütig.«

»Und trotzdem glaubst du, dass er die Janssen niedergeschlagen und ausgeraubt hat?«, staunte Gerd.

»Er war der Mann auf dem Video, Gerd. Daran besteht für mich kein Zweifel und das muss er uns erklären.«

Lars parkte den Streifenwagen auf dem Anwohnerparkplatz, wobei ihm mindestens ein Dutzend Menschen zusah. Selbst die Kinder auf dem Schaukelgerüst, von dem die Farbe abblätterte, verfolgten den Auftritt der beiden Beamten aus misstrauischen Augen.

»Sie müssen viel zu oft zusehen, wie wir ihre Väter oder älteren Geschwister abholen. Kein Wunder, wenn sie uns mit Misstrauen begegnen«, sagte Lars.

Simon und Esther trafen in der Tür zur Intensivstation aufeinander.

»Hey, Frau Oberkommissarin. Willst du mit Frau Janssen sprechen?«

Simon schüttelte der Freundin die Hand und schmunzelte bei ihrem überraschten Gesichtsausdruck vor sich hin. Sein Verhältnis zu Esther Helmholtz war zwar nicht so eng wie zu Juliane, dennoch freute er sich über das Aufeinandertreffen. Während die rothaarige Psychologin so ziemlich das völlige Gegenstück zu seiner Persönlichkeit darstellte, fand er bei der Kripobeamtin ein seinem eigenen Naturell sehr ähnliches Wesen wieder. Die freundlichen braunen Augen leuchteten in Esthers Gesicht auf, als sie ihre Verwunderung überwunden und zustimmend genickt hatte.

»Dann hast du Glück, Esther. Erstens ist Frau Janssen tatsächlich schon wieder ansprechbar und zweitens habe ich die Betreuung der Patientin übernommen.«

Simon machte eine einladende Geste und so liefen sie nebeneinander den Gang zu Ramona Janssens Zimmer hinunter.

»Dann geht es ihr also schon wesentlich besser. Das freut mich sehr, Simon. Konntest du dir schon ein Bild über die Verletzungen machen?«

Simon Vester war in erster Linie zwar Facharzt für innere Medizin, aber er verfügte außerdem über eine Zusatzqualifikation in der Rechtsmedizin.

»Frau Janssen muss zunächst einen harten Schlag von rechts seitlich hinten gegen den Kopf erhalten haben – entweder ein kräftiger Faustschlag oder mit einem stumpfen Gegenstand ausgeführt. Anschließend muss der Angreifer sie an den Haaren gepackt und mehrfach mit dem Gesicht gegen den Seitenholm des Wagens geschlagen haben.«

Esther schüttelte angesichts der brutalen Ausführung unwillkürlich mit dem Kopf. Wer immer der Angreifer gewesen war, er musste mit großer Wut oder großer Angst agiert haben.

»Hat Frau Janssen etwas über den Angriff gesagt, seitdem sie ansprechbar ist?«

Simon umriss den Status seiner Patientin und warnte Esther vor zu hohen Erwartungen.

»Dr. Bergstrom hat unmittelbar nach den ersten Untersuchungen eine temporäre Amnesie festgestellt, die mit Sicherheit einige Zeit anhalten wird«, gab Simon einen deutlichen Einblick in die zu erwartende Situation.

Esther hielt den Arzt am Arm zurück, als Simon bereits die Tür zum Krankenzimmer aufstoßen wollte.

»Könnte es sein, dass Frau Janssen den Gedächtnisverlust nur simuliert?«

Die Überlegung war übergangslos in Esthers Kopf entstanden. Simon schaute die Ermittlerin verblüfft an, sah einen Moment durch die Glasscheibe hinein ins Zimmer. Dann schüttelte er entschieden den Kopf.

»Nein, eher unwahrscheinlich. Besonders die Reaktionen unmittelbar nach dem Erwachen sind ungefiltert. Dr. Bergstrom ist ein sehr erfahrener Arzt, der eine Täuschung vermutlich sofort durchschaut hätte.«

Esther nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und trat hinter Simon ans Krankenbett von Ramona Janssen. Trotz des Verbandes, der den größten Teil der oberen Kopfhälfte verdeckte, konnte Esther die Schönheit der Frau erkennen. Sie hatte eine helle Hauttönung, die ihrem Gesicht einen engelhaften Ausdruck verlieh. Lediglich die dunklen Ränder rund um die geschlossenen Augenlider störten diesen Eindruck.

»Das Brillenhämatom wird sich weiter ausprägen, aber in zwei oder drei Tagen wieder verschwunden sein. Das ist eine typische Erscheinung bei schweren Schädelverletzungen«, erklärte Simon das unschöne Phänomen.

Esther nahm die Erläuterung schweigend auf, während ihre Blicke über die verschiedenen Anzeigen der diversen Überwachungsmonitore wanderten. Vermutlich hatte die Stimme des Arztes die Patientin geweckt, denn Ramona Janssen schlug unvermittelt die Augen auf und schaute die beiden Besucher irritiert an.

»Hallo, Frau Janssen. Ich bin Dr. Vester, der leitende Arzt der Inneren. Wir haben ja schon kurz miteinander gesprochen. Ab morgen werden Sie ein Bett auf meiner Station bekommen und wir werden uns um Sie kümmern.«

Ramona schenkte dem dunkelhaarigen Simon ein flüchtiges Lächeln, bevor sie den Blick auf Esther richtete.

»Sie sind von der Kripo, richtig?«

»Stimmt, Frau Janssen. Ich bin Oberkommissarin Esther Helmholtz von der Kriminalpolizei Rendsburg und leite die Ermittlungen in Ihrem Fall. Wenn es möglich ist, würde ich Ihnen gerne einige Fragen stellen.«

Simon beobachtete aufmerksam das Verhalten der Patientin, da ihn die Frage der Kripobeamtin immer noch beschäftigte. Doch er konnte keine Anzeichen von vorgetäuschten Symptomen ausmachen; vielmehr wirkte Ramona Janssen absolut überzeugend auf ihn. Bei Esthers Frage glomm ein erschrockenes Leuchten in Ramonas Augen auf, bevor sie mit sichtlicher Mühe zustimmend nickte. Allein die Erinnerungen an den brutalen Überfall lösten offensichtlich eine Menge unschöner Gefühle bei der Patientin aus.

»Sagen Sie bitte sofort Bescheid, wenn es Sie zu sehr anstrengt. Dr. Vester wird die gesamte Zeit hier bleiben und für Sie da sein«, nahm Esther die Einwilligung mit Erleichterung auf. »Können Sie mir bitte schildern, was nach Ihrer Ankunft im Parkhaus im Einzelnen passiert ist?«

Ramona Janssen trank zunächst einen Schluck Wasser, räusperte sich dann und begann mit zittriger Stimme ihren Bericht.

»Verdammt! Hans, bleib stehen!«

Als Hans Keppler die Wohnungstür öffnete und die beiden Beamten erblickte, reagierte er umgehend. Mit einem lauten Fluch wollte er die Tür zurück ins Schloss werfen und über den Balkon verschwinden. Gerd erkannte die Absicht des Mannes im gleichen Moment, als es verdächtig in Kepplers Augen aufblitzte. Er stellte blitzschnell den Fuß in die Tür, sodass sie nicht zufallen konnte. Lars schob sich laut rufend an dem Kommissar vorbei und war mit wenigen Sätzen auf dem Balkon. Wütend rief er dem Flüchtigen nach, der ohne zu zögern über die Brüstung im ersten Stock geflankt war und nun über die Rasenfläche davonrannte.

»Bleib dran, Lars! Gib mir die Schlüssel, ich nehme den Wagen!«

Gerd warf sich herum und jagte die Stufen zur Haustür hinunter, wobei sein Schienbein unsanft mit dem Lenker eines abgestellten Mountainbikes kollidierte. Der Kommissar biss die Zähne zusammen und sog die Luft scharf ein, während er in langen Sätzen über den Parkplatz jagte.

»Hey, pass doch auf!«

Der junge Mann hatte seinen mit Spoilern und Aufklebern aufgemotzten BMW älteren Baujahrs im letzten Moment um den heranstürmenden Beamten lenken können. Aus dem geöffneten Seitenfenster überschüttete sein Beifahrer Gerd Pietschmann mit wilden Verwünschungen. Erst als Gerd in den Streifenwagen sprang, stoppte der wütende Redefluss. Der Kommissar ignorierte die Verwünschungen und kümmerte sich nicht um die sich eilig vom Parkplatz entfernenden Männer im BMW. Mit geübten Griffen schaltete er gleichzeitig den Motor, das Martinshorn sowie das Blaulicht ein. Zwei Mütter zuckten erschrocken zusammen und schnappten sich ihre spielenden Kleinkinder, die mit weit aufgerissenen Mündern zum Streifenwagen schauten. Gerd spähte die Straße entlang und entdeckte die blaue Uniform seines Kollegen, der soeben zwischen zwei Wohnblöcken auf der linken Seite verschwand. Der Kommissar rief sich die Straßenführung von Mastbrook in Erinnerung und presste daraufhin den Fuß stärker aufs Gaspedal. Mit quietschenden Reifen nahm er die Abzweigung in die Königsberger Straße und entdeckte die flüchtende Gestalt von Hans Keppler. Wütend über diese unsinnige Flucht erhöhte Gerd die Geschwindigkeit und näherte sich schnell dem Flüchtigen. Keppler warf einen prüfenden Blick über die Schulter in Gerds Richtung, bevor er trotz dichten Verkehrsaufkommens auf die Schleswiger Chaussee hinausrannte. Gerd schnappte erschrocken nach Luft, als er das laute Hupkonzert in Verbindung mit quietschenden Reifen vernahm. Dann erreichte der Streifenwagen ebenfalls die Kreuzung und Gerd musste hart bremsen, um einen Zusammenstoß mit einem Kleintransporter zu verhindern.

Nachdem Keppler wie durch ein Wunder seinen Ausflug über die dicht befahrene Straße unversehrt überstanden hatte, wollten die Fahrer ihre quer stehenden Fahrzeuge wieder sortieren. Dadurch entstand eine unübersichtliche Lage, die für eine Minute kein Durchkommen zuließ.

»Shit! Wo ist Keppler hin?«, stieß Lars Wulff zwischen keuchenden Atemstößen hervor.

Gerds Kollege hatte sich mit einem wilden Satz auf den Beifahrersitz des Streifenwagens geworfen, als endlich eine Lücke zwischen den Fahrzeugen entstand.

»In Richtung der Kaserne weitergerannt. Gib eine Fahndung nach Keppler raus, Lars. Wir kümmern uns zuerst darum, dass es hier nicht doch noch eine Massenkarambolage gibt«, änderte Gerd seine ursprüngliche Meinung.

Die Autofahrer behinderten sich gegenseitig in ihrem Bemühen, die Fahrzeuge wieder in die gewollte Fahrtrichtung zu bringen. Lars Wulff befolgte die Anweisung des Kommissars, während Gerd den Streifenwagen auf dem Gehweg abstellte und über Funk weitere Unterstützung anforderte. Der Kommissar schlüpfte dann in eine leuchtfarbene Jacke, sodass er gut als Polizist zu erkennen war. Zusammen mit dem Hauptmeister sowie kurz darauf eintreffenden Kollegen regelten die Beamten den Verkehr so lange, bis die Schleswiger Chaussee wieder normal befahrbar war. Anschließend fuhren Gerd und Lars zurück zur Wohnung von Hans Keppler.