Feindliche Gewalten - Sophie Lillie - E-Book

Feindliche Gewalten E-Book

Sophie Lillie

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Beschreibung

2018 jährt sich der Todestag Gustav Klimts zum hundertsten Mal. Ein guter Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen: über erfolgte und nicht erfolgte Rückgaben seiner Werke an die rechtmäßigen Eigentümer und deren Erben. "Feindliche Gewalten" zeichnet einen prominenten Fall exemplarisch nach – den des Beethovenfrieses. Der Beethovenfries, ein für eine Ausstellung in der Wiener Secession 1902 gemalter monumentaler Bilderzyklus von Gustav Klimt, befand sich ab 1915 im Besitz des Sammlerehepaares August und Szerena Lederer, das 1938 von den Nationalsozialisten enteignet wurde. Deren Erbe Erich Lederer war der Beethoven- fries nach Kriegsende zwar zurückgegeben worden, eine Ausfuhrgenehmigung erhielt er allerdings nicht. Und das jahrzehntelang: 1972 verkaufte er den Fries schlussendlich für bescheidene 15 Millionen Schilling an den österreichischen Staat. Selbst viele Jahre später, 2015, nach Inkrafttreten des sogenannten "Kunstrückgabegesetzes", wurde der Zusammenhang zwischen Ausfuhrverbot und Verkauf bewusst ignoriert. Der Fries ging nicht an die Erben nach Erich Lederer zurück.

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EPUB

Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sophie Lillie

FEINDLICHE GEWALTEN

Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries

Sophie Lillie

FEINDLICHE GEWALTEN

Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries

Czernin Verlag, Wien

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien / MA7 Wissenschafts- und Forschungsförderung und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

Lillie, Sophie: Feindliche Gewalten. Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries / Sophie Lillie (Bibliothek des Raubes, Bd. XVI) Wien: Czernin Verlag 2017 ISBN: 978-3-7076-0467-2

© 2017 Czernin Verlags GmbH, Wien Covermotiv: Montage aus zwei Abbildungen des Teilstücks Die feindlichen Gewalten desBeethovenfrieses – einmal im jetzigen Zustand, einmal vor dem Abtransport aus Schloss Thürnthal 1956, durch unsachgemäße Lagerung stark beschädigt (siehe hier im Buch) Satz und Covergestaltung: Burghard List Stammbaum: Arye Wachsmuth Produktion: www.nakadake.at ISBN E-Book: 978-3-7076-0467-2 ISBN Print: 978-3-7076-0588-4

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Inhalt

Stammbaum der Familien Lederer und Pulitzer

Einleitung

Die Beethoven-Ausstellung von 1902

Die Sammlung August und Szerena Lederer

Die Verlassenschaft nach August Lederer

Der »Anschluss«

Ein Mörder als kommissarischer Verwalter

Die Zerschlagung des Lederer-Konzerns

Berchtolds Terrornetzwerk

Der Wettlauf zwischen Denkmal- und Finanzbehörde

Elisabeth Bachofen-Echt, Mittlerin wider Willens

Konjunkturritter

Das Strafverfahren gegen Szerena Lederer

Die Klimt-Retrospektive von 1943

Bestandsaufnahme 1945

Das Konkursverfahren

Ausfuhrsperren aus Österreich

Verhandlungen um den Beethovenfries

Verstoß gegen die guten Sitten

Restaurierungskosten als Druckmittel

Tauziehen

Der Ankauf durch die Republik Österreich

Traum und Wirklichkeit

Das österreichische Kunstrückgabegesetz

Vier Männer im Anzug

Richter und Partei in einem

Resümee

Quellen

Ausgewählte Literatur und gedruckte Quellen

Danksagung

Zur Autorin

für O. H.

Erich Lederer, 1924. Foto: Franz Xaver Setzer, Wien [Privatbesitz]

Einleitung

Der Beethovenfries verbleibt in Österreich. Im März 2015 traf der damalige Kulturminister Josef Ostermayer die Entscheidung, Gustav Klimts monumentales Hauptwerk nicht zu restituieren. Eine einstimmige Empfehlung des Kunstrestitutionsbeirates war dieser Entscheidung vorausgegangen.

Das Verdikt beendete eine kontroversielle und hoch emotional geführte Debatte, die sich über zwei Jahre erstreckt hatte. Zahlreiche Gutachter waren herangezogen worden, Kommentatoren hatten sich in den Tageszeitungen einen regen Schlagabtausch geliefert. Es war viel die Rede von national wertvollem Kulturgut gewesen, und von den hohen Kosten, die Österreich in den Erwerb und Erhalt des Beethovenfrieses investiert hatte.

Eine Stimme fehlte in dieser Auseinandersetzung, nämlich die Erich Lederers – des 1985 verstorbenen Sohnes der einstigen Besitzer August und Szerena Lederer. Dessen Nachkommen wurden zu keinem Zeitpunkt vom Kunstrestitutionsbeirat befragt, obwohl auch sie aus dem eigenen Erleben über Erich Lederers erfolglose Verhandlungen in den 1960er-Jahren hätten Auskunft geben können.

Man habe streng nach dem Gesetzestext zu entscheiden gehabt, betonte der Beirat; die Gründe für die Ablehnung blieben jedoch weitgehend intransparent. Sowohl Erich Lederers Angehörigen als auch der interessierten Öffentlichkeit wurden die entscheidungsrelevanten Überlegungen vorenthalten. Was zurück blieb, war das medial kolportierte Bild geldgieriger Erben, deren unbotmäßiges Ansinnen die österreichischen Behörden erfolgreich abgewendet hatten.

Ein unikales Werk wie der Beethovenfries hätte zumindest den Versuch einer einvernehmlichen Lösung unter Mitwirkung aller Beteiligten verdient. Eine ergebnisoffene Diskussion hätte als Auftrag verstanden werden können, die jeweils andere Seite anzuhören; sie hätte auch Anstoß dazu geben können, jene Familie zu würdigen, deren engagierter Einsatz für Klimts Werk den Beethovenfries für Wien erhalten hat. So aber wurde die Chance vertan.

Dieses Buch erzählt die Geschichte des Beethovenfrieses: von dessen Entstehung, dessen Erwerbung durch die Familie Lederer, dessen Enteignung durch die Nationalsozialisten sowie dessen verhinderter Restitution nach 1945. Es sollen die Geschehnisse aus Sicht der Familie Lederer erzählt werden – nicht etwa aus Gründen der Parteilichkeit, sondern um ein Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen und um den Betroffenen jenes Gehör zu schenken, das ihnen gebührt.

Das jahrelange Ringen um den Beethovenfries lässt sich anhand der überlieferten Dokumente in den österreichischen Archiven sowie den persönlichen Aufzeichnungen Erich Lederers eindrücklich dokumentieren. In ihnen spiegeln sich Entrechtung und Enteignung, Verfolgung und Flucht, Angst und Ohnmacht wider. Hier zeigt sich, dass das Erlebte mehr war als die Summe einzelner Unrechtsmaßnahmen und nur im komplexen Zusammenwirken aller Faktoren annähernd zu begreifen ist.

Nach Kriegsende prozessierte Erich Lederer über zwei Jahrzehnte vergeblich, um als dessen Eigentümer über den Beethovenfries frei verfügen zu dürfen. Den Höhepunkt erreichte diese Auseinandersetzung in den späten 1960er-Jahren, als der Staat mit Sicherstellung und Zwangsversteigerung des Beethovenfrieses drohte und so die Weichen für dessen kostengünstigen Erwerb stellte.

Doch nicht nur von zermürbenden Gerichtsverfahren soll hier die Rede sein, sondern auch von all dem, was vor der brutalen Zäsur des Holocaust lag. Von einer Familie passionierter Förderer der Wiener Moderne, die bis zu ihrer Vertreibung in dieser Stadt lebte und zu Wiens kultureller Blüte zur Jahrhundertwende auf einzigartige Weise beigetragen hat. Die Nationalsozialisten zerstörten nicht nur das historische Erbe, sie zestörten auch alle Hoffnungen, die diese Gründergeneration in die Zukunft gesetzt hatte.

Gustav Klimt,Beethovenfries, TeilstückDer Goldene Ritter[Archiv Eder, Salzburg]

Plakat der XIV. Ausstellung der Secession, 1902. Entwurf: Alfred Roller [Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek]

Die Beethoven-Ausstellung von 1902

Auf einem Gerüst, dicht unter dem Plafond stehend, setzte Klimt noch letzte Pinselstriche. Der Künstler war ganz in seine Arbeit vertieft, als man zwei Tage vor der feierlichen Eröffnung Mitte April 1902 eine kleine Gruppe erlesener Gäste durch die Beethoven-Ausstellung führte. Die angespannte Stille durchbrach der bekannte Kunstsammler Karl Lanckoroński, der mit schriller, spitzer Stimme sein Urteil ausstieß: »Scheußlich!« hallte es »wie der Knall einer Kapselpistole« durch den Saal, so der Bericht des Wiener Feuilletonisten Felix Salten.1

Ausstellungsansicht mit der Beethoven-Statue von Max Klinger, 1902. Foto: Moritz Nähr [Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek]

Die vierzehnte Ausstellung der fünf Jahre zuvor, 1897, gegründeten Künstlervereinigung Wiener Secession war als Hommage an den Komponisten Ludwig van Beethoven konzipiert.2 Im Zentrum stand die Beethoven-Statue des deutschen Künstlers Max Klinger, der den Komponisten auf einem Bronzethron sitzend als Zeus der Kunst inszenierte.3 Fünfzehn Jahre soll Klinger an der über viertausend Kilogramm wiegenden Plastik aus Onyx, Marmor, Opalen und Halbedelsteinen gearbeitet haben. Um das Monumentalwerk gruppierte man Arbeiten von 21 zeitgenössischen Künstlern, die dessen Wirkung im Sinne des Gesamtkunstwerks steigern sollten. Das Raumprogramm konzipierte Josef Hoffmann.

Die erste Station des Ausstellungsrundganges war Gustav Klimt vorbehalten: ein allegorischer Bilderzyklus zu Beethovens Neunter Symphonie.4 Klimt hatte mit dem 34 Meter langen Fries bereits im vorhergehenden Sommer begonnen,5 wobei die voranschreitenden Arbeiten im linken Seitenschiff der Secession den Besuchern mittels Stellwänden und textilen Abhängungen verborgen geblieben waren.

l.:Mitglieder der Secession vor der Eröffnung der Beethoven-Ausstellung, 1902. Hintere Reihe (v. l. n. r.) Anton Stark, Gustav Klimt (sitzend), Adolf Böhm, Wilhelm List, Maximilian Kurzweil, Leopold Stolba, Rudolf Bacher. Vordere Reihe: Kolo Moser, Maximilian Lenz (liegend), Ernst Stöhr, Emil Orlik, Carl Moll. Foto: Moritz Nähr

r.:Gustav Klimt,Beethovenfries. Ausstellungsansicht 1902. Foto: Moritz Nähr

[beide: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek]

Nun, im Frühjahr 1902, sah man erstmals die raumfüllende Komposition. Sie erzählt vom einsamen Kampf der nach Freude ringenden Seele, die allen Widerständen trotzt, um letztendlich in der Kunst jene erlösende Kraft zu entdecken, die der Menschheit ein besseres Dasein ermöglicht. Links an der ersten langen Seitenwand die Bildfolge Die Sehnsucht nach dem Glück, darstellend Die Leiden der Schwachen Menschheit und Der Goldene Ritter. An der zentralen Schmalwand Die Feindlichen Gewalten mit dem Giganten Typhoeus und den drei Gorgonen sowie den Todsünden Wollust, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Nagender Kummer. Schließlich an der rechten Längswand Mein Reich ist nicht von dieser Welt mit DiePoesie, Die Künste, Chor der Paradiesengel sowie, als letzte Steigerung, Umarmung (auch bezeichnet Diesen Kuss der ganzen Welt).6

Klimt und Klinger – beide Namen garantierten der Secession ein volles Haus. Über den Andrang bei der Eröffnung berichtete das Extrablatt: »Die Balustraden, von denen man einen so herrlichen Ueberblick über die Mittelhalle und das große Monument selbst genießt, waren beständig von Beschauern occupirt, die über die Brüstung gelehnt, das fesselnde Gesammtbild mit seiner beweglichen Staffage von Besuchern auf sich wirken ließen.«7 Als Aufmacher des Tages fing die Zeitung das rege Treiben ein.8 Eine weitere Illustration erschien in der Wochenzeitschrift Wiener Bilder9 – ein auffallender Blickfang in jener Ära bildarmer Medien, der die Besonderheit der Ausstellung unterstrich.

Illustrirtes Wiener Extrablatt, 18. April 1902 [Austrian Newspapers Online (ANNO)]

Die Kritik war zweigeteilt, wobei die Urteile von Euphorie bis hin zu hämischer Verachtung reichten. Ludwig Hevesi sprach von einem »Raum der Weihe, der Tempelstimmung für einen Gottgewordenen«.10 Berta Zuckerkandl, Klimts loyalste Fürsprecherin, würdigte das Zusammenwirken der Künstler als »Wunder nachfühlender Feinfühligkeit«, die Secessionisten hätten sich dank der »Spannung ihrer Erregsamkeit« über die Grenzen des Könnens und Wollens emporgehoben.11 Auch Franz Servaes, Kunstkritiker der Neuen Freien Presse, zeigte sich ergriffen: die Klinger-Statue sei ein »über alle Naturerfahrung hinausgewachsenes Götterbilde«.12 Das Projekt Gesamtkunstwerk lobte Servaes in höchsten Tönen: »Ein Hauch von warmer inniger Verehrung, von idealer Liebe zum Schönen (das als ein Heiliges empfunden wird) durchzieht diese Raumschöpfung, an deren Einzeldurchbildung die mannigfaltigsten Hände, zum Ganzen wirkend, betheiligt waren.«13

Das Extrablatt fand ebenfalls nur Lob für den »tempelartig aufgebauten und effectvoll gegliederten Raume, den die selbstlose, unbedingter Verehrung entspringende Hingabe Wiener Künstler mit malerischem und plastischem Wandschmuck stimmungsvoll geziert hat«.14 Die renommierte Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration widmete der Ausstellung einen langen, reichbebilderten Artikel; Klimt fuße »auf unserer ganzen modernen Kultur als eine ihrer feinsten Blüten«.15

Im Neuen Wiener Tagblatt hingegen mokierte sich Friedrich Stern über Klingers Beethoven und warf Klimt vor, die Scharte vertieft zu haben, die dieser seinem künstlerischen Ansehen geschlagen habe.16 Eduard Pötzl, der seine Eindrücke zwischen »Empörung, Kummer und Heiterkeit« ansiedelte, lieferte die vernichtendste Polemik. Die Secession gleiche einer »altassyrischen Badeanstalt«, so der Kritiker des Neuen Wiener Tagblatts; Klimts Beethovenfries nannte er eine »barbarische Zumuthung«.17 Auch seine Kunstfigur Herrn Nigerl, als Prototyp des Wiener Spießers, ließ Pötzl hemmungslos gegen den Beethovenfries ätzen.18

Das Deutsche Volksblatt stieß sich beim Beethovenfries an der vorherrschenden Nacktheit, »in bisher nicht gestatteten Ausmaße«, Klimt leiste hierin »das Unglaublichste«.19 Die antisemitische Zeitung stellte Klinger unter Verdacht, Jude zu sein20 – eine Meldung, die der Künstler mit großer Heiterkeit aufgenommen haben soll.21 Auch die Zeitschrift Kikeriki hetzte gegen den »jüdischen Schweinestall Secession«, dessen Devise sie ummünzte in »Der Judenzeit ihre Judenkunst«.22 Wiens humoristische Blätter zogen die Ausstellung überhaupt ins Lächerliche.23

Der ambitionierte Plan, anlässlich der Ausstellungseröffnung eine Festaufführung von Beethovens Neunter Symphonie im Musikverein zu veranstalten, konnte nicht umgesetzt werden. Die Secession hatte angeregt, die Einnahmen dem Pensionsfonds der Philharmoniker zufließen zu lassen. Der Vorschlag fand bei Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterstützung, ebenso wie beim Opernchor, dessen Mitglieder sich einstimmig bereit erklärten, honorarfrei aufzutreten. Das Orchester aber lehnte seine Mitwirkung ab.24

Ein von Stadtrat Roderich Krenn im April 1902 gestellter Initiativantrag, die Stadt Wien möge 25.000 Kronen beisteuern, um den Erwerb von Klingers Beethoven-Statue für Wiens Moderne Galerie zu ermöglichen, scheiterte ebenfalls.25 Man möge sich lieber notleidender Wiener Künstler annehmen, hieß es; auch von »Dekadenz« und »jüdischer Effecthascherei« war die Rede.26 Vizebürgermeister Strobach drohte gar mit Entziehung der städtischen Subvention.27 Die Budgetkommission des Herrenhauses nahm die Beethoven-Ausstellung ebenfalls zum Anlass für scharfe Kritik: die von der Secession propagierte Kunstrichtung sei »ungesund«, »verderbt« und »krankhaft«, so die Ausführungen eines Grafen Montecuccoli, der sein Urteil in dem »die Sittlichkeit tief verletzenden« Beethovenfries bestätigt sah.28 Die Freiheit der Kunst gegen diese Angriffe zu verteidigen, oblag dem liberalen Unterrichtsminister Wilhelm von Hartel, einem geübten Fürsprecher der Wiener Moderne. Als Minister sei es seine Pflicht, »Alles zu unterlassen, was die Kunstentwicklung hemmen könnte«.29

l.:Kikeriki, 24. April 1902

r.:Persiflage auf KlimtsPhilosophie. Wiener Caricaturen, 16. April 1905

[beide: Austrian Newspapers Online (ANNO)]

Der Konflikt um die Beethoven-Ausstellung brachte ein volles Haus und ließ die Kassen klingeln. Am ersten Sonntag verzeichnete die Secession dreitausend Besucher, der Andrang soll laut Extrablatt »stürmische Dimensionen« angenommen haben, der Verkehr in den kleinen Verbindungsgängen zwischen dem rechten und linken Teil des Saales hätte sich »geradezu beängstigend« gestaltet.30 Dafür sorgten auch prominente Besucher wie Bürgermeister Karl Lueger und der Kronprinz von Siam, Maha Vajiravudh, die den Zeitungen jeweils Kurzmeldungen wert waren.31 Innerhalb der ersten zwei Wochen wuchs der Besucherstrom auf 24.000.32 Schließlich sollte die Beethoven-Ausstellung mit einem Besucherrekord von rund 60.000 Personen als größter Publikumserfolg in die Geschichte der Secession eingehen.

Die Secession hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, um Klingers Monumentalwerk in Szene zu setzen. Nur im eigenen Haus bestand die Möglichkeit, die secessionistische Idealvorstellung moderner Raumkunst und das die verschiedenen Kunstformen organisch verbindende Gesamtkunstwerk umzusetzen. Die große Anzahl an Schaulustigen war auch notwendig, um die hohen Produktionskosten wieder einzuspielen. Sämtliche fotografische Reproduktionen waren innerhalb weniger Tage vergriffen,33 was vermuten lässt, dass das Ausmaß des öffentlichen Interesses selbst die kühnsten Erwartungen überstieg.

Klimt war skandalerprobt. Den Rummel, den der Beethovenfries auslöste, ließ Karl Kraus verächtlich von »nur einem der alljährlich wiederkehrenden Klimt-Skandale« sprechen.34 1900 hatte Klimt in der Secession das von der Universität Wien beauftragte, jedoch beanstandete Fakultätsbild Philosophie35 präsentiert, 1901 zeigte man Medizin,36 1903 sollte schließlich Jurisprudenz folgen.37 Man wehre sich nicht gegen nackte Kunst, sondern gegen hässliche Kunst, so Friedrich Jodl, Sprecher der Professorenschaft und Mitinitiator einer Petition gegen Klimt.38 Dies holte auch die Fürsprecher auf die Barrikaden, angeführt von dem Anatomen Emil Zuckerkandl. Der Sturm der Entrüstung ließ Klimt zum Liebkind der Wiener Avantgarde werden. Den Befreiungsschlag aber ermöglichten 1905 der Großindustrielle August Lederer und dessen Frau Szerena, die Klimt dazu verhalfen, sein Honorar zurückzuzahlen und seine Arbeiten auszulösen. Im Gegenzug erhielt das Sammlerehepaar Philosophie.

Der Beethovenfries war als Experiment konzipiert: ursprünglich war geplant, ihn nach Ausstellungsende Mitte 1902 abzutragen. Dass Klimts Wandarbeit nicht als dauerhafte, sondern als temporäre Installation gedacht war, dafür spricht nicht zuletzt dessen »improvisierter« Charakter. So hatte Klimt seine Figuren konturenhaft aufgetragen und den Mörtelton selbst zur Ausgestaltung der Figuren miteinbezogen. Ludwig Hevesi, der den Fries bereits anlässlich der Vernissage als Klimts Hauptwerk bezeichnete, bewertete dessen geplante Vernichtung als einen schweren Verlust.39 Schließlich entschied man, den Beethovenfries – wiederum geschickt kaschiert – vorerst an Ort und Stelle zu belassen, um ihn für die für das Folgejahr geplante Kollektiv-AusstellungGustav Klimt zu erhalten.40

Die Zerstörung des Beethovenfrieses verhinderte der Grazer Großindustrielle Carl Reininghaus.41 Den Hinweis auf dessen Schlüsselrolle bei der Rettung des Frieses verdanken wir Erich Lederer. Laut seiner Überlieferung soll der Kunstsammler und Förderer der Secession zufällig zugegen gewesen sein, als Bauarbeiter anfingen, die Fresken von der Wand zu schlagen. Reininghaus ordnete die sorgfältige Abtragung des Frieses an, dessen Zerteilung in sieben Teile und anschließende Einlagerung in einem Möbeldepot in Michelbeuern.42 Die bei der Abnahme entstandenen Schäden im Bereich der Poesie soll Klimt humorvoll quittiert haben: »Ja die Poesie. Die ist die erste, die in Fransen geht.«43

Die Secession hatte offenbar bereits im Sommer 1902 Versuche unternommen, um festzustellen, ob die Fresken von der Wand zu lösen seien.44 Ein »hiesiger Kunstfreund« wolle den Fries für seine neuerbaute, am Wiener Stadtrand gelegene Villa erwerben, berichteten die Tageszeitungen.45 Reininghaus, der 1898 seinen Wohnsitz von Graz nach Wien verlegt hatte, beabsichtigte die Errichtung eines Neubaus in Josef Hoffmanns Villenkolonie auf der Hohen Warte.46

Der Beethovenfries war Reininghaus nicht weniger als 40.000 Kronen wert, was heute einem Betrag von rund 275.000 Euro entspricht.47 Es liegt nahe, dass die Secession davon einen Anteil erhielt: 1903 etwa gab Klimt eine Vermittlungsprovision von zehn Prozent an die Künstlervereinigung ab.48 Ende 1907 zahlte Reininghaus die letzte Rate in der Höhe von 5.000 Kronen und erhielt im Gegenzug Klimts schriftliche Zusicherung, allenfalls notwendige Reparaturen nach der endgültigen Platzierung des Werkes ohne Entgelt auszuführen.49 Ferner schenkte der Künstler dem Sammler aus Dankbarkeit eine große Auswahl an Entwurfszeichnungen. Die Absicht, den Fries zu installieren, zerschlug sich aber. 1915 verkaufte Reininghaus den Beethovenfries über Vermittlung des jungen Egon Schiele an August Lederer. Nachdem es Reininghaus selbst nicht gelungen war, den Beethovenfries aufzustellen, so die Überlieferung, habe er sich dafür entschieden, die laufenden Depotgebühren an einen gleichgesinnten Mäzen zu übertragen.50

Revers anlässlich der letzten Ratenzahlung für denBeethovenfries, 1907 [Wien Bibliothek]

Gustav Klimt,Stehender Frauenakt nach rechts.Studie für die linke der drei Gorgonen derFeindlichen Gewaltenim Gegensinn, 1902. Ehem. Sammlung Lederer; heute Albertina, Wien, Inv. 39316 [Foto: Privatbesitz]

Die Sammlung August und Szerena Lederer

l.:Szerena Lederer. Sie schrieb sich (ähnlich der ungarischen Schreibweise »Szeréna«) üblicherweise mit »Sz«, jedoch ohne Akzent. In den deutschen Quellen heißt es zumeist »Serena« mit einfachem »S«. Foto: Photomaton.

m.:August Lederer, um 1910. Foto: Atelier Astoria, Wien

r.:Heimatschein August Lederer, ausgestellt von der Stadtgemeinde Böhmisch Leipa, 1892

[alle: Privatbesitz]

August Lederer,51 geboren 1857, war das jüngste von sechs Kindern des ursprünglich aus der westböhmischen Kleinstadt Rokitzan (heute: Rokycany) stammenden Industriellen Ignaz Lederer und dessen Frau Marie Mauthner.52 Ignaz Lederer hatte 1847 die Zuckerrübenmelassefabrik Ig. Lederer in Jungbunzlau (Mladá Boleslav), dem damaligen Zentrum der jungen Zuckerindustrie, gegründet.

August Lederers 1867 geborene Frau Szerena,53 genannt »Szerénka«, war die jüngste von vier Töchtern des aus dem südungarischen Städtchen Makó stammenden Kaufmanns Simon Pulitzer.54 Sein Neffe Joseph Pulitzer, der sein Glück in den USA suchen sollte, gilt als Begründer des modernen Journalismus.55 Auch Simon Pulitzer, der zu einer der angesehensten jüdischen Familien Makós gehörte, hatte in den 1850er-Jahren seinen Geburtsort verlassen, um sich in der Hauptstadt Pest zu etablieren. Er verstarb jedoch kurz vor Szerenas Geburt, im Alter von nur 42 Jahren.

Der beachtliche Wohlstand der Familie rührte von Szerenas mütterlicher Familie her: Charlotte, genannt Sarolta, Pulitzer war eine geborene Politzer56 und Nachfahrin der berühmten jüdischen Familie Hay aus Abony in Mittelungarn.57 Ein Zeichen ihrer finanziellen Unabhängigkeit ist das elegante Wohnhaus, das die junge Witwe für sich und ihre vier Töchter 1881 in Budapest VI., Andrássy út 15, erbauen ließ. Hier, am neu errichteten Prachtboulevard, nur wenige Schritte vom Ungarischen Königlichen Opernhaus entfernt, lebte Szerena bis zu ihrer Heirat im Jahr 1892.

l.:Blick auf das Ungarische Königliche Opernhaus, von der Andrássy út 15 aus gesehen, um 1900 [Archiv Sophie Lillie]

r.:August Lederer mit seiner Schwiegermutter, Charlotte Pulitzer, um 1910 [Privatbesitz]

Die Verbindung zwischen den Familien Lederer und Pulitzer war eine außerordentlich günstige. Die Mitgift seiner Braut investierte August Lederer in den Erwerb der Raaber Spiritusfabrik und Raffinerie in Györ.58 Das Hochzeitsgut machte nicht weniger als 100.000 Gulden aus, was einem heutigen Gegenwert von über 1,3 Millionen Euro entspricht. Dies ermöglichte August Lederer, das heruntergekommene Unternehmen aus dem Staatsmonopol zu erwerben und es zu großem Erfolg zu führen. Auch die Firma Ig. Lederer expandierte und wurde um die Bereiche der Melasse-, Alkohol- und Stärkeerzeugung ergänzt. Ab 1895 umfasste das Lederer-Imperium die Jungbunzlauer Spiritus- und chemische Fabrik im heutigen Mladá Boleslav sowie die Stärke- und Dextrin-Fabriken; ab 1900 stand August Lederer diesen Unternehmungen alleine vor. 1910 verzeichnete August Lederer ein offizielles Jahreseinkommen von über 114.000 Kronen und gehörte damit zu den tausend reichsten Personen in der österreich-ungarischen Gesamtbevölkerung.59

l.:Raaber Spiritusfabrik & Raffinerie, Györ. Illustration: Kunstanstalt Wesser-Krell, Linz [Privatbesitz]

r.:Jungbunzlauer Spiritus- und chemische Fabrik, um 1911. Foto: Pavel Nešnéra [Archiv Sophie Lillie]

Der Ehe von August und Szerena Lederer entstammten eine Tochter, Elisabeth,60 und zwei Söhne, Erich61 und Friedrich, genannt »Fritz«.62 Lebensmittelpunkt war ab 1892 die Reichshauptstadt Wien, und zwar das neu errichtete Rathausviertel unweit der Ringstraße. Zwei Jahre lang wohnte das junge Ehepaar in Wien I., Reichsratsstraße 29. Nach der Geburt des ersten Kindes, 1894, übersiedelte die Familie einige Straßen weiter in die Bartensteingasse 8. Ihre Wohnung wurde im Laufe der Zeit erweitert, bis sie 1928 schließlich die gesamte Beletage umfasste; in den übrigen Stockwerken waren die Wiener Dependancen der Unternehmungen des Lederer-Konzerns untergebracht.63 August und Szerena Lederer unterhielten außerdem einen Wohnsitz in Györ, Budai út 3, auf dem Gelände der Raaber Spiritusfabrik, sowie ab den späten 1920er-Jahren eine Sommerresidenz auf Schloss Weidlingau am Stadtrand von Wien.64

l.:Elisabeth und Erich Lederer, um 1897. Foto: Carl Pietzner, Wien

r.:Fritz Lederer, um 1914. Foto: Glück József, Györ.

[beide: Privatbesitz]

l.:Sommerresidenz Schloss Weidlingau bei Wien, vor 1938 [Privatbesitz]

r.:Bibliothek auf Schloss Weidlingau, nach Entwurf des Architekten Karl Holey, 1932 [Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek]

Die Sammlung August und Szerena Lederer gehörte vor 1938 zu den umfangreichsten und bedeutendsten Privatsammlungen in Wien.65 Das Renommee der Sammlung begründeten hervorragende Gemälde und Kleinkunst der italienischen Frührenaissance, denen sich August und Szerena Lederer unter der Beratung von Leo Planiscig,66 dem späteren Kustos am Kunsthistorischen Museum in Wien, ab 1913 widmeten.67 Zu deren Hauptwerken gehörten eine Madonna dell’Umiltà von Gherardo Starnina (um 1400),68 eine in den 1330er-Jahren entstandene Darstellung des Heiligen Lukas von Simone Martini69 sowie eine Vielzahl kostbarer Plastiken der italienischen Frührenaissance.

Heute verbindet man die Sammlung Lederer in erster Linie mit dem Namen Gustav Klimt. Der Kontakt zu Klimt war bereits vor der Jahrhundertwende über Szerenas Onkel Adam Politzer, den Begründer der modernen Ohrenheilkunde, zustande gekommen.70 Als Vorreiter klinischer Diagnostik engagierte Politzer den Künstler Ernst Klimt (Gustav Klimts jüngeren Bruder) als Illustrator seiner otologischen Lehrbücher. Das Naheverhältnis zwischen den Familien bezeugt die Tatsache, dass die junge, damals noch unverheiratete Szerena Pulitzer in Gustav Klimts 1881 ausgeführtem Gemälde Zuschauerraum im alten Burgtheater71 an prominenter Stelle abgebildet ist. Auch Szerenas Schwestern Aranka Munk72 und Irma Politzer,73 deren Ehemänner, und nicht zuletzt Adam Politzer selbst, fügte Klimt in sein Sittenbild der Wiener Gesellschaft ein.74

l.:Gustav Klimt,Zuschauerraum im alten Burgtheater, 1888. Wien Museum, Inv. 31318

r.:Detail, v. l. n. r.: Szerenas Schwester Aranka Munk mit Ehemann Alexander Munk, Tante Tinka Politzer, Schwager Zsigmond Politzer, Szerena Pulitzer (mit Hut), Schwester Irma Politzer [Wien Museum]

August und Szerena Lederer besaßen die größte Klimt-Sammlung in privater Hand, darunter Spitzenwerke aus allen Schaffensperioden des Künstlers. Besonders bemerkenswert waren zwei Supraporten, Die Musik II (1898)75 und Schubert am Klavier (1899),76 die Klimt für das Musikzimmer des Wiener Palais Dumba angefertigt hatte. Letzteres bezeichnete der Kritiker Hermann Bahr gar als das schönste Bild, das jemals ein Österreicher gemalt hat.77 Weiters befanden sich die Landschaftsbilder Goldener Apfelbaum (1903),78Bauerngarten mit Kruzifix (1911–1912),79Malcesine am Gardasee (1913),80Wally (1916),81Gartenweg mit Hühnern (1916),82Die Freundinnen (1916–1917),83Leda84 und Gastein (beide 1917) im Besitz der Lederers.85 Schließlich umfasste die Sammlung beim Künstler in Auftrag gegebene Familienporträts dreier Generationen: das 1899 entstandene Bildnis Szerena Lederers86 – das vermutlich erste Klimt-Bild, das Lederers erwarben – sowie die Porträts ihrer Mutter Charlotte Pulitzer (1917)87 und Szerenas Tochter Elisabeth Bachofen-Echt (1914–1916).88

l.:Szerena Lederer im Musikzimmer in der Bartensteingasse 8, nach 1928. Hinter ihr die Klimt-GemäldeWally,Goldener Apfelbaum,Porträt Szerena Lederer. Am Boden Steinkopf von Gustav Klimt. Foto: Martin Gerlach, Wien

r.:Szerena Lederer in der Bartensteingasse 8, nach 1928. Hinter ihr Klimts Porträt ihrer Tochter Elisabeth, verheiratete Bachofen-Echt. Foto: Martin Gerlach, Wien

[beide: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek]

Die wichtigsten Klimt-Werke in der Sammlung Lederer aber waren zwei der drei für die Aula der Universität Wien angefertigten Fakultätsbilder, die bereits erwähnte Philosophie und die später erworbene Jurisprudenz89 sowie der von Reininghaus erworbene Beethovenfries. Anders als die oben angeführten Werke galten diese drei Monumentalwerke nicht dem privaten Kunstgenuss, sondern der finanziellen und ideellen Förderung des Künstlers.

August und Szerena Lederer hatten Philosophie am Höhepunkt des Universitätsskandals, 1905, erworben. Ein ähnlicher Vertrauensbeweis war Lederers Ankauf des Beethovenfrieses 1915. Lederer sicherte den langfristigen Erhalt dieses Schlüsselwerks der Wiener Moderne ohne greifbaren persönlichen Nutzen: Der Fries konnte aufgrund seiner Größe nicht aufgestellt werden und bürdete dem Sammler jährliche Depotkosten auf. Sein Ankauf kam letztlich einer Subvention gleich.

Das Ehepaar Lederer gehörte somit zu Gustav Klimts wichtigsten Mäzenen. Klimt, dem nach dem Universitätsskandal sowohl öffentliche Aufträge wie auch eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste verwehrt blieben, war durch die großzügige und bedingungslose Unterstützung seiner Privatsammler und Mäzene in der außergewöhnlichen Lage, künstlerische Freiheit zu leben. Zu Lederers bestand darüber hinaus ein offenbar freundschaftliches Verhältnis. Klimt war regelmäßiger Hausgast und unterrichtete sowohl Szerena als auch ihre Kinder im Zeichnen. Ein Hinweis darauf ist eine Zeichnung des damals vierzehnjährigen Erich Lederer: eine jugendliche Hommage auf Klimts Goldenen Ritter, die dessen Verehrung für den Meister deutlich widerspiegelt.

l.:Erich Lederer, in seiner Hand Alessandro VittoriasMinerva(um 1550). August Lederer widmete die Bronze­statuette 1918 der Estensischen Kunstsammlung (heute: Kunsthistorisches Museum, Inv. KK7335)

r.:Jugendzeichnung von Erich Lederer, 1911.

[beide: Privatbesitz]

Ab 1921 war die Sammlung Lederer gegenüber dem Staatsdenkmalamt für die öffentliche Besichtigung gewidmet.90 Der Hintergrund für diese Widmungserklärung war die 1920 gesetzlich verordnete, einmalige große Vermögensabgabe. Zweck dieser infolge des Ersten Weltkriegs notwendigen Steuer war die Hebung des Geldwertes und die Tilgung der Kriegsschulden.91 Der Gesetzgeber räumte jedoch ein, dass Kunst- und Antiquitätenbesitz, mit Rücksicht auf dessen künstlerische und wissenschaftliche Bedeutung, von dieser Abgabe ausgenommen werden könne. Voraussetzung war dessen Widmung für die öffentliche Besichtigung, und zwar für die Dauer von zehn Jahren.92 Die künstlerische Bewertung oblag dem Denkmalamt; sämtliche Verfügungen hinsichtlich einzelner Sammlungen hielt man jeweils in Form eines Notariatsakts fest. Für den Zeitraum 1921 bis 1925 sind 42 solcher Widmungserklärungen überliefert.93

Vorläufer hierfür war das Wohnungsanforderungsgesetz von 1919, das die Gemeinden ermächtigte, »ungehörig ausgenützten« Wohnraum zu belegen, um der kriegsbedingten Wohnungsnot und Obdachlosigkeit entgegenzutreten. Die Entscheidung über die Benutzbarkeit von Wohnungen übertrug man einer Bewertungskommission, wodurch eine Ausnahmeregelung für Wohnräume mit musealem Charakter geschaffen wurde.94

August Lederer beantragte 1919 die Befreiung von der Wohnungsanforderung;95 1920 erfolgte die Widmung zur öffentlichen Besichtigung und das Anerkenntnis der Rahmenbedingungen. Die Sammlung Lederer war an sechzehn Tagen pro Jahr für Kunstkenner zugänglich zu machen oder es waren einzelne Objekte zu mindestens einer Ausstellung per annum als Leihgaben zur Verfügung zu stellen.96

Besuchskarte, 1919. August Lederer gehörte zu den wichtigsten Förderern der Österreichischen Staatsgalerie (heute Belvedere) [Privatbesitz]

Dem Notariatsakt von 1921 liegt ein mehrseitiges Inventar bei, das die Aufstellung der einzelnen Objekte in der Bartensteingasse zu diesem Zeitpunkt widerspiegelt. Im großen Salon hingen Klimts Philosophie und nicht weniger als sechs Ölgemälde des Künstlers; ergänzt wurden diese Arbeiten durch Skulpturen der belgischen Bildhauer George Minne und Constantin Meunier. Der kleine Salon hingegen bot den Rahmen für einige von Klimts kleineren Formaten sowie für seine Porträts von Mutter und Tochter; weiters hingen hier Federzeichnungen von Aubrey Beardsley. Im Esszimmer platzierte man Gemälde von Edward Burne-Jones, dem führenden Vertreter der britischen Präraffaeliten, gegenüber Werken der deutschen Gotik. Die Sammlung der italienischen Frührenaissance befand sich in der Bibliothek, wo auch große Mappenwerke alter und moderner Graphik untergebracht waren. Zu letzteren gehörten nicht weniger als dreihundert Handzeichnungen Klimts, vierzig Schiele-Zeichnungen und das an die vierhundert Blätter zählende Herbarium von Jakob Alt.

Nicht in der Bartensteingasse befanden sich der Beethovenfries und das Großformat Jurisprudenz, die im Inventar von 1921 als gesonderter Bestand ausgewiesen sind. Auch ein weiteres Klimt-Gemälde, Leda, führte man getrennt an. Vermutlich aufgrund der sexuell freizügigen Darstellung zogen es Lederers vor, das Bild nicht in ihrer Wohnung aufzuhängen und bei Ausstellungen nicht namentlich als dessen Leihgeber genannt zu werden. Alle drei Stücke waren im Speditionsdepot untergebracht.

Zu August Lederers Lebzeiten wurde der Beethovenfries nicht wieder ausgestellt, auch nicht bei der großen Klimt-Gedächtnis-Ausstellung von 1928, die aus Anlass des zehnten Todestages in der Secession stattfand.97 Szerena Lederer entsandte zu dieser Ausstellung nicht weniger als fünf Gemälde, darunter beide Fakultätsbilder. Sie entschied aber im letzten Moment gegen die Überlassung des großen Mittelteils des Beethovenfrieses, Die feindlichen Gewalten