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In diesem Buch erfahren die Leserinnen, wie sie sich finanziell unabhängig machen, ihr Geld klug sparen, nachhaltig investieren und es so vermehren, wie es zu ihnen passt. Die zertifizierte Finanzberaterin und Sozialarbeiterin Leo Lührs ermutigt Frauen, die männlich dominierte Finanzwelt zu hinterfragen. Geldanlage geht auch einfach, mit kleinem Budget und vor allem mit einem kritischen Blick auf Patriarchat und Kapitalismus. Denn ob wir wollen oder nicht: Geld bestimmt unser Leben in allen Facetten. Nehmen wir es also selbst in die Hand − ganz ohne Sparkassen-Stefan oder Mindset-Martin. - Ein großartiger Survival-Guide für die patriarchale Finanzwelt. - Konkrete Hilfestellung für Einsteigerinnen: Alles Wichtige über Aktien, ETFs, GEld anlegen, Rentelücke und Co. - Finanzwissenschaftlich fundiert und realitätsnah. «Finanzielle Bildung bedeutet, Klarheit zu schaffen – über Geld, Ziele und vor allem über dich selbst. Dieses Buch inspiriert dazu, die eigenen Finanzen mit Herz und Haltung anzugehen.» LISA OSADA «Wer sagt, Kapitalismuskritik und Finanzplanung schließen sich aus, hat dieses Buch noch nicht gelesen.» AYA JAFF
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2025
Leo Lührs
Dein Masterplan für finanzielle Unabhängigkeit
Dieses Buch ermutigt Frauen, die männlich dominierte Finanzwelt kritisch zu hinterfragen – und ihr Geld selbst in die Hand zu nehmen. Ganz ohne Sparkassen-Stefan oder Mindset-Martin. Geldanlage geht auch einfach, mit kleinem Budget und vor allem mit einem kritischen Blick auf Patriarchat und Kapitalismus. Denn ob wir wollen oder nicht: Geld bestimmt unser Leben in allen Facetten.
Hier erfahren die Leserinnen, wie sie sich finanziell unabhängig machen, ihr Geld klug sparen, nachhaltig investieren und es so vermehren, wie es zu ihnen passt: Hauptsache, selbstbestimmt!
Leo Lührs lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie in Hamburg und ist Finanzberaterin wider Willen. Nach ihrem Studium der Ethnologie und des Staatsrechts arbeitet sie bis heute als Sozialarbeiterin mit finanziell benachteiligten Menschen. Durch eigene schlechte Erfahrungen mit der männlich dominierten Finanzwelt beschloss sie, es selbst in die Hand zu nehmen, und gründete Family Finanzen. Als Börsen-Addict und zertifizierte Finanzanlagenfachfrau gibt Leo Lührs Onlinekurse und Workshops rund um das Thema Geldanlage und schreibt auf ihrem Blog und bei Instagram über sozialkritische und feministische Finanzthemen. Sie ermutigt Frauen, die Möglichkeiten des DIY-Investierens an der Börse zu nutzen, um sich finanziell von Partner und Staat unabhängig zu machen und sich vor Altersarmut zu schützen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2025
Copyright © 2025 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung FinePic®, München
ISBN 978-3-644-02434-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Billie
Für Finanzen und Wirtschaft habe ich mich während meines Studiums nur im Rahmen von Aktivismus in politischen Gruppen interessiert. Ich habe Ethnologie und Rechtswissenschaft studiert, weil ich früher gern in der Entwicklungshilfe arbeiten wollte, und wurde an der Universität oft mit der Diskriminierung von Frauen in Geschichte und Gegenwart konfrontiert. Ein Fall in einer Juravorlesung ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Ein Mann brachte seine Ehefrau um und stand wegen Mordes vor Gericht. Die Verteidigung führte ins Feld, dass der Mann am Tatabend die Niederlage seines absoluten Lieblingsfußballteams angesehen hatte, die zum Abstieg in der Liga führte. Die Ehefrau habe sich über den Mann lustig und verächtliche Kommentare über «seinen» Club gemacht. Das Gericht akzeptierte das «provozierende» Verhalten der Frau als mildernde Umstände für den Mann und verhängte eine niedrigere Strafe wegen Totschlags.
Was zeigt sich in diesem Fall (und vielen weiteren dieser Art, die ich im Studium kennenlernte)? Bei der Besprechung männlicher Gewalttaten und von Femiziden (der Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechtes) spielen Behauptungen wie «Männer sind von Natur aus so» und Täter-Opfer-Umkehr eine wichtige Rolle und münden in eine misogyne, also frauenfeindliche, Rechtsprechung.
Im Ethnologiestudium war wiederum die Entwicklung von Gesellschaften im Laufe der Zeit das elementare Thema. Für mich war es ein Ritt durch die Geschichte von Frauenunterdrückung, -entführung, -vergewaltigung und -mord. Aber nicht nur thematisch ist ein Ethnologiestudium eine Reise durch die Geschichte des Patriarchats, sondern auch in der Forschungsmethodik: Wenn die Situation von Frauen beleuchtet wird, heißen Fachbücher und Seminare oft Frauen im Islam, Frauen im Mittelalter oder Weiblichkeit & Ethnologie. Frauen repräsentieren also nicht etwa die Hälfte der Gesellschaft und prägen sie gleichberechtigt, sondern sind ein exotisches Spezialthema … und zwar nicht mit einem kritischen, antipatriarchalen Ansatz als über Jahrtausende unterdrücktes Geschlecht wie bei diesem Buch.
Diese Perspektive und das Gefühl, unsichtbar und nicht gleichwertig zu sein, prägen mich bis heute. Und ich bin mir sicher, dass du diese Gefühle auch kennst. Mich haben meine Erfahrungen jedenfalls darin bestärkt, unsere Situation nicht als gegeben zu akzeptieren.
In diesem Kapitel soll es darum gehen, was dieses Patriarchat ist, von dem alle reden, und warum es nur in Kombination mit unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem so florieren konnte. Denn sozioökonomische Bedingungen wie Einkommen, Vermögen, familiärer Background, Beruf und Bildung bestimmen unser Leben. Durch sie entstehen Klassenzugehörigkeit und die damit verbundenen Chancen oder Begrenzungen. On top haben wir Frauen noch mit den historisch gewachsenen ökonomischen Folgen in Bezug auf unser Geschlecht zu kämpfen: Männer haben mehr Geld zur Verfügung, sie werden privat und beruflich strukturell begünstigt, und sie leisten weniger unbezahlte Arbeit. Frauen übernehmen dagegen diejenige Arbeit, die als unproduktiv angesehen wird – und das zusätzlich zu schlechter bezahlter Lohnarbeit. Sie haben weniger finanzielle Möglichkeiten und befinden sich häufiger in Abhängigkeitsverhältnissen.
Woher kommt der Zusammenhang von Geschlecht, Klasse und den daraus resultierenden unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen?
Das Patriarchat ist ein soziales System, in dem Männer die dominanten Rollen in politischen, wirtschaftlichen, sozialen und familiären Strukturen einnehmen. Es existiert eine Hierarchie, in der männliche Macht und Autorität über weiblichen oder nicht-männlichen Positionen stehen. Aus diesen Hierarchien und der Machtverteilung entstanden Geschlechterrollen, die Männern zuschreiben, das «starke», Frauen dagegen, das «schwache» Geschlecht zu sein. Diese Zuschreibungen existieren seit Tausenden von Jahren und werden von uns allen, aber insbesondere vom privilegierten Geschlecht, aktiv oder unbewusst verstärkt und aufrechterhalten.
Einige unfunny facts über das Leben im Patriarchat:
Politische Macht: Männer dominieren oft politische Institutionen und Entscheidungsprozesse.
Wirtschaftliche Kontrolle: Männer halten überproportional viele Führungspositionen und besitzen den Großteil des Vermögens.
Soziale Normen: Geschlechterrollen und -erwartungen bevorzugen Männer und benachteiligen Frauen.
Familienstrukturen: Männer haben oft die Hauptautorität in Familien, Haushalten und deren Einkommen.
Die Verteilung von Geld spiegelt die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft wider. Traditionell liegt die Verfügungsgewalt des Geldes in der Familie in den meisten Kulturen bei den Männern. In politischen Machtpositionen und mithilfe etablierter Netzwerke haben Männer bessere Möglichkeiten, für sie günstige Rahmenbedingungen aufzustellen, z.B. in Bezug auf Ressourcenverteilung oder Gesetzgebung. Oder eben die Macht, diese zu ändern oder abzuschaffen. Das Patriarchat wird aber meist nur von feministischen oder queeren Bewegungen und Theorien kritisiert und bekämpft, weil es ihnen existenziell schadet.
Das Geschlecht, mit dem du auf die Welt kommst, hat also einen entscheidenden Einfluss auf deinen sozialen und finanziellen Status. Frauen werden in der Regel unterbezahlt, gar nicht bezahlt, arbeiten mehr, erben weniger und leben in finanziellen Abhängigkeitsverhältnissen. Wie konnte es so weit kommen, dass wir noch heute, in vermeintlich modernen und emanzipativen Zeiten, wirtschaftlich so schlecht dastehen?
In der Schule wurde uns immer erzählt, dass Männer in prähistorischen Gesellschaften die aktiven Jäger und Versorger, Frauen dagegen die passiven Sammlerinnen und Kinderbetreuerinnen waren. Es gibt daher oft die Vorstellung, dass frühe Gesellschaften von Natur aus patriarchal geprägt waren. In Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften gab es zwar eine tendenziell geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, das bedeutete aber nicht, dass Frauen eine untergeordnete Rolle spielten. Stattdessen hatten beide Geschlechter wichtige Funktionen, die das Überleben der Gruppe sicherten und dementsprechend gewertschätzt wurden. Viele archäologische Funde und ethnologische Studien belegen heute, dass Frauen auch an der Jagd teilgenommen haben. Die Tätigkeit des Sammelns hat ca. 75 %, die des Jagens nur 25 % zu der Nahrungsversorgung beigetragen, somit mussten Männer sich wiederum auch am Sammeln beteiligen. Die Menschen waren darauf angewiesen, dass jede:r sich an der Versorgung und Verteidigung beteiligt, statt nur eine spezielle Aufgabe zu übernehmen. Auch Beobachtungen bei modernen Jäger-und-Sammler-Gruppen mit keinem oder nur eingeschränkten Kontakt zum «fortschrittlichen» Leben der Moderne zeigen, dass die angenommene strenge Arbeits- und Rollenverteilung nicht der Realität entspricht.
Durch den Research Bias beeinflussten zeitgenössische Werte und Normen viele Jahre die wissenschaftliche Arbeit: Die (damals vorrangig männlichen) Wissenschaftler interpretierten z.B. archäologische Funde gemäß dieser Werte. So wurden Grabbeigaben von Frauen eher als Nutzgegenstände und die von Männern eher als Waffen gedeutet.
Diese Deutungen haben unser Bild von der care-arbeitenden Frau, die sich um das Private kümmert, im Gegensatz zum männlichen Hauptversorger so stark geprägt, dass sie als etwas biologisch und genetisch Gegebenes angenommen wurden. Das hat Auswirkungen auf alle Geschlechter. Während Männer vor Tausenden von Jahren höchstwahrscheinlich noch in der gemeinschaftlichen Höhle Beeren sortierten und Kinder erzogen, wurden sie durch eine männlich dominierte Wissenschaft und gesellschaftliche Konventionen mit der Rolle des immer starken Versorgers überfrachtet.
Auch wenn es dir manchmal so vorkommt: Es war nicht immer Patriarchat! Ganz im Gegenteil, in prähistorischen Gesellschaften besaßen Frauen einen höheren sozialen Status und Autonomie, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes Leben spendeten und erhielten. Während Schwangerschaft und Geburt heute eher selbstverständlich scheinen, galt es damals als Magie, ein Kind zu gebären und damit den Clan zu erhalten oder zu vergrößern. Durch ihre zentrale, für die Gemeinschaft lebenserhaltende Rolle bei der Kontrolle und Fähigkeit von Reproduktion sowie ihr naturkundliches Wissen und die Anwendung von Heilpflanzen waren Frauen verehrt und angesehen.[4] Gemeinschaften lebten in großen, wahrscheinlich matrilinearen Strukturen zusammen, d.h., kulturelle Praktiken und Besitz wurden von Müttern an Töchter weitergegeben. Das macht schon deshalb Sinn, weil Frauen damals – und wir sprechen hier wohlgemerkt von einem Zeitraum von Tausenden von Jahren – noch nicht als Besitz von Männern galten und entscheiden konnten, wann und mit wem sie sich zum Zwecke der Fortpflanzung zusammentaten. Das Leben im Rahmen von Partnerschaft und Kleinfamilie – im Gegensatz zum sich gemeinschaftlich versorgenden Clan – ist in der Menschheitsgeschichte erst vor ein paar Hundert Jahren entstanden und hätte im Steinzeitalter wohl für das Aussterben der Menschheit gesorgt, weil die Abhängigkeit der Kinder von nur zwei versorgenden Personen unnatürlich und dysfunktional war. Und das ist sie im Grunde genommen auch noch heute.
Früher war also alles besser? Die Kindersterblichkeit war hoch, die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 25–35 Jahre, der Alltag war entbehrungsreich, man konnte Krankheiten erliegen, für die es heute Heilung gibt, und an Hygienemangel, Hunger oder Kälte zu sterben, war keine Seltenheit. Die steinzeitliche Gleichberechtigung sollte also auch nicht romantisiert werden.
Ein Buch, dem ich während meines Ethnologie-Studiums begegnete, hat mich in diesem Zusammenhang im besonderen Maße politisch geprägt: Die Entstehung des Patriarchats (The Creation of Patriarchy) der Historikerin Gerda Lerner, einer Vorreiterin der Women’s History.[5] Es ist ein einflussreiches feministisches Buch, das untersucht, wie und warum patriarchale Strukturen global entstanden sind und sich bis heute festigen konnten. Lerner zeigt darin sehr anschaulich, wie Frauen systematisch von politischer Macht und Wissen ausgeschlossen und in ihre Rolle als schwaches, abhängiges Geschlecht gedrängt wurden.
Während also Jäger:innen- und Sammler:innen-Gemeinschaften noch eine relativ egalitäre Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern hatten, änderte sich das mit der Sesshaftwerdung und dem Beginn der Landwirtschaft. Eigentum und Besitzverhältnisse wurden jetzt wichtiger, weil die Menschen anfingen, Land dauerhaft zu bewirtschaften. Männer übernahmen dabei immer stärker die Kontrolle über Ressourcen und Produktionsmittel, während Frauen in ihrer wirtschaftlichen Position geschwächt und zunehmend auf ihre Rolle in der familiären Reproduktion und häuslichen Arbeit reduziert wurden. Diese Veränderungen legten den Grundstein für Geschlechterrollen und eine bis heute anhaltende Form der systematischen Unterordnung von Frauen.
Ein zentrales Element patriarchaler Gesellschaften war (und ist es noch heute) die Kontrolle über die weibliche Sexualität. Ehe und Jungfräulichkeit wurden streng überwacht, um sicherzustellen, dass männliche Erblinien eingehalten wurden und das Familienoberhaupt auch wirklich der Erzeuger der Kinder war.
Gleichzeitig wurden Institutionen wie Prostitution und Konkubinat geschaffen – allerdings nicht, um weibliche Sexualität zu regulieren, sondern um der männlichen mehr Raum zu geben. Durch die Kontrolle über Ehe und Sexualität entstanden Familienstrukturen, in denen Männer die Entscheidungsgewalt haben. Die Einführung von Heiratsregeln, Brautpreisen und eine strenge Sexualmoral zementierten diese Strukturen.
Mit der Entstehung erster Stadtstaaten (z.B. Sumer, Babylon, Ägypten in den antiken Hochkulturen des Nahen Ostens, ca. 3000–500 v.Chr.) wurde das Patriarchat rechtlich und religiös verankert. Gesetze und Kodizes schrieben die Kontrolle von Männern über Frauen fest, z.B. galten Frauen jetzt rechtlich als Besitz ihrer Väter und Ehemänner. Es wurden außerdem strenge Regelungen zu Ehe, Keuschheit und Treue geschaffen. Männer konnten so ihre Macht über Frauen durch soziale Normen institutionalisieren.
Gerda Lerner stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass die Versklavung von Frauen zu einer Normalisierung anderer Unterdrückungsformen führte. Frauen wurden in dieser Zeit oft als Kriegsbeute betrachtet und versklavt. Sie wurden sexuell dominiert und ausgebeutet oder mussten als Arbeitskräfte dienen, in der Regel im Haushalt gesellschaftlich höhergestellter Familien.
Auch Religion und Ideologie spielten eine entscheidende Rolle dabei, das Patriarchat zu legitimieren. Göttinnen, die noch in frühen Kulturen verehrt wurden, wurden nach und nach verdrängt und durch männliche Gottheiten ersetzt, die zunehmend Religion und Weltbild der Menschen dominierten. Jüdisch-christliche Lehren verankerten das Patriarchat als göttlich gewollt. Christliche Theologen wie Paulus oder Augustinus verstärkten die Vorstellung, dass Frauen dem Mann untertan sein sollten. Populäre religiöse Texte – z.B. das Alte Testament und andere wirkmächtige Texte –, aber auch einflussreiche Philosophen und Wissenschaftler festigten die Vorstellung von der Frau als einem dem Mann untergeordneten Wesen. Es folgte somit die erste systematische Verschriftlichung männlicher Herrschaft über Frauen, die (anders als heute) ideologisch und unkritisiert verbreitet wurde. Frauen wurden aus religiösen Ämtern ausgeschlossen. Die Ehe wurde als heilig und unauflösbar definiert, eine Scheidung war für Frauen kaum möglich; Keuschheit und Jungfräulichkeit wurden überhöht, und Frauen wurde durch das religiöse Framing der Rest an (sexueller) Selbstbestimmung genommen.
Bildung und Schriftkultur waren also über Jahrtausende reine Männersache, was verhinderte, dass Frauen an intellektuellen oder politischen Diskursen teilhaben und sie in ihrem Sinne prägen konnten. Dieses Ungleichgewicht wurde über Generationen weitergegeben und vertieft.
Frauen wurde der Zugang zu Bildung, Schrift oder politischer Macht verwehrt, sodass sie über Jahrtausende nicht aktiv an der Definition von Geschichte teilnehmen konnten.
Im antiken Griechenland (ca. 700–500 v.Chr.), das oft als geniale Wiege der Demokratie gefeiert wird, waren Frauen systematisch von politischen Prozessen ausgeschlossen. Philosophen wie Aristoteles argumentierten, dass Frauen von Natur aus minderwertig seien. Im «fortschrittlichen» Rom hatten Frauen aus privilegierten Schichten zwar etwas mehr rechtliche Freiheiten, blieben aber unter männlicher Vormundschaft und wurden rechtlich als Minderjährige betrachtet.
Gesetze und soziale Normen sicherten auch hier die männliche Vormachtstellung und reduzierten Frauen und ihre Lebensgestaltung auf ihre Rolle als idealisierte «gute Ehefrau» und «heilige Mutter». Weil Frauen durch fehlende Bildung, wirtschaftliche Abhängigkeit und soziale Kontrolle keine eigenen politischen oder kulturellen Alternativen hatten, hatten sie kaum eine andere Wahl, als sich in das bestehende System einzufügen.
Angesichts dieser jahrtausendealten Unterdrückung von Frauenrechten erscheint uns das Bild der umsorgenden Frau und Mutter, mit dem wir in unserer Gesellschaft aufwachsen, manchmal als etwas Naturgegebenes oder zumindest uralt Etabliertes. Diese gesellschaftliche Norm der bürgerlichen[6] Hausfrau, die heute wieder mit dem Social-Media-Phänomen der Tradwives (mehr dazu in Kapitel Tradwives und Clean Girls), aber auch mit dem Erstarken von rechten Bewegungen ein Revival erlebt, gibt es aber tatsächlich erst seit relativ kurzer Zeit, also seit 200–300 Jahren.
Das Konzept der care-arbeitenden Frau, die sich um das Private kümmert, im Gegensatz zum lohnarbeitenden, in der Öffentlichkeit stehenden Mann, fußt auf einem jahrhundertealtem Marketing: Diese Rolleneinteilung wurde medial, politisch und ideologisch z.B. durch Werbung, in Büchern, in Bildungseinrichtungen und durch konservative politische Entscheidungen gefördert.
Die Etablierung des Modells der «perfekten Hausfrau» war für das Patriarchat ein unglaublicher Booster. Für die Optimierung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung als normales oder sogar wünschenswertes Lebensmodell gehörte neben der Ehe auch das Leben in der Kleinfamilie. In der vorindustriellen Zeit lebten Familien in Europa noch mit mehreren Generationen zusammen. Die Familie war eine wichtige Versorgungseinheit im landwirtschaftlichen oder handwerklichen Sektor, in der alle gleich mitarbeiteten: Frauen, Männer und Kinder. Im 18. Jahrhundert, mit Beginn der industriellen Revolution, änderte sich das Modell der Großfamilie. Vorrangig Männer gingen nun ihrer Lohnarbeit in den Fabriken nach, wodurch Wohnort und Arbeitsplatz getrennt wurden. Die Familie entwickelte sich zu einem Ort, an dem Regeneration für die Arbeit stattfinden musste: ein Ort für die leibliche Versorgung, Erholung und Erziehung der Arbeiterklasse. Die Kleinfamilie wurde immer mehr zum Ideal einer emotional geschlossenen Einheit, die hierarchisch organisiert und wirtschaftlich abhängig vom (männlichen) Einkommen war.
Wie schon im historischen Kapitel beleuchtet wurde, gab es zwar schon in vorkapitalistischen Zeiten patriarchale Strukturen, Frauen haben aber immer gearbeitet und waren in fast allen Berufen oder Zünften vertreten. Die sogenannte Hausfrauenehe – also das bürgerliche Familienmodell, in dem der Mann als Alleinverdiener gilt und die Frau unbezahlt die Haus- und Sorgearbeit übernimmt – hat sich erst im 19. Jahrhundert herausgebildet, vor allem im Verlauf der Industrialisierung und des Aufstiegs des Bürgertums. Diese binäre familiäre Organisationsform wurde im 20. Jahrhundert durch politische, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen weiter verfestigt, in Deutschland besonders in der Nachkriegszeit der 1950er-Jahre. Bis heute werden z.B. berufstätige Frauen so schlecht bezahlt, dass es sich einfach nicht lohnt bzw. Familien es sich nicht leisten können, vom Lohn der Frau abhängig zu sein.
Wieso sollte man ausgerechnet einen Mann, der seine Frau zu Hause arbeiten lässt, damit er selbst frei erwerbsarbeiten kann, als Versorger bezeichnen?
Die Hausfrauenehe ist immer noch ein gängiges Lebensmodell. Schau dich einfach mal in deinem Umfeld um: Wie viele teilzeitarbeitende Mütter kennst du? Und wie viele Väter?
Ich möchte dir verdeutlichen, dass wir nicht so leben, weil Frauen einen gottgegebenen Mutterinstinkt haben, fürsorglicher sind oder ein besseres Talent haben, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, sondern weil systematisch viel dafür getan wurde, sie von der produktiven in die reproduktive Rolle zu drängen.
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert brachte also tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen für die Stellung von Frauen. Ein wichtiger Grund für die Hausfrauisierung war die in dieser Zeit entstehende Verlagerung von zuvor bezahlter Arbeit in den privaten, unbezahlten Raum. Viele Familien zogen vom Land in die Städte, wo es wenig Geld und Platz gab. Ehemalige Dienstbot:innen fanden Arbeit in den Fabriken, was dazu führte, dass Familien aus der bürgerlichen Mittelschicht in diesen Zeiten kein Personal mehr finden oder es sich nicht mehr leisten konnten. Um dennoch ihren Lebensstil aufrechtzuerhalten, übernahmen jetzt die Ehefrauen unbezahlt die Arbeit im Haus. Arbeiterinnen der Unterschicht erging es nicht besser, sie befanden sich sowieso bereits in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. In den Fabriken arbeiteten sie für deutlich weniger Lohn als Männer und hatten die doppelte Belastung von häuslicher und Erwerbsarbeit in den Fabriken. Hausarbeit wurde also in der Mittel- und Oberschicht von einem ehemals entlohnten ökonomischen Bereich in das Private verlagert und damit entwertet. In der bürgerlichen Schicht, wo damals wie heute quasi Trends gesetzt wurden und neuer Zeitgeist entstand, entwickelte sich durch diese Änderungen in der Arbeitswelt das Ideal der Hausfrau und Mutter. Durch die Industrialisierung wurde damit nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung in Lichtgeschwindigkeit gefördert, sondern auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und damit einhergehenden Abhängigkeiten wurden verfestigt, wie die soziale und rechtliche Einteilung in «sorgende Hausfrau» und «versorgenden Lohnarbeiter».
Im frühen 20. Jahrhundert wurde die sogenannte Hausfrauenehe sogar gesetzlich verankert und damit gesellschaftlich final verbreitet. Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) von 1900 schrieb vor, dass der Mann das gesetzliche Familienoberhaupt sein und die Frau ihm im Haushalt diene solle. Er hat das Recht, über die familiären Finanzen und damit auch über das Vermögen der Frau zu bestimmen. Frauen durften jetzt u.a. keine Verträge mehr unterschreiben, keine eigenen Bankkonten führen und nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes lohnarbeiten. Im Umkehrschluss bedeutete das, dass der Ehemann über den Lohn der Frau verfügte und den Arbeitsvertrag jederzeit nach eigenem Gutdünken auflösen konnte. Das machte sie finanziell völlig abhängig und führte zu einer quasi rechtlosen Existenz.
Während des Nationalsozialismus wurde das Bild der «idealen Frau» weiter gesellschaftlich zementiert. Im sogenannten Dritten Reich hatte die Frau selbstlos, opferbereit und leidensfähig sein. Für die «Stärkung des deutschen Volkes» sollte sie möglichst viele Kinder bekommen. Nicht verheiratete und/oder kinderlose Frauen galten als «unnormal».[7]
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Bestrebungen nach Gleichberechtigung langsam auf die Agenda gesetzt. Immerhin garantierte das Grundgesetz 1949 Männern und Frauen die gleichen Rechte, allerdings – genau wie heute – nur in der Theorie. In der Praxis wurde die perfekte Hausfrau in der Nachkriegszeit, während des westdeutschen Wirtschaftswunders, von der gesellschaftlichen Norm zu einem wünschenswerten Idealbild stilisiert. Frauen wurden erneut durch Werbung, Bildung und gesellschaftlichen Druck aktiv aus dem Erwerbsleben in die häusliche Sphäre und damit in die traditionelle Rolle gedrängt. Der Mann hatte außerdem in dieser Zeit immer noch das alleinige Bestimmungsrecht über die Haushaltsfinanzen, und es war üblich, der Frau nur ein Taschengeld zu zahlen. Selbst über Geld verfügen zu können oder für jede Ausgabe darum bitten zu müssen, entscheidet aber über hop oder top der eigenen Unabhängigkeit.
1958 kam in Westdeutschland das Gleichberechtigungsgesetz, das Frauen zumindest offiziell die Entscheidungsfreiheit darüber gab, ob sie arbeiten wollten. Allerdings nur, solange die Arbeit «mit den Pflichten von Ehe und Familie vereinbar» sei. Frauen durften jetzt ein eigenes Konto haben und ihr Geld selbst verwalten. Ihre weiterhin bestehende finanzielle Abhängigkeit im Fall einer Trennung verhinderte aber eine echte Veränderung der Verhältnisse. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen.
Die rechtlichen Überreste der Hausfrauenehe wurden schließlich erst 1977 komplett abgeschafft. Es lohnt sich übrigens, an dieser Stelle West und Ost zu unterscheiden, da in der DDR schon 1949 die gesetzliche Grundlage für Gleichberechtigung geschaffen wurde. Frauen konnten selbstständig Verträge abschließen, sich scheiden lassen und arbeiten. Der Staat sorgte für ausreichend Kitaplätze, um Mütter zu entlasten, und es gab ein liberales Abtreibungsrecht. Eine echte Gleichstellung war aber hier wie dort nicht vorhanden, denn die meisten Frauen hatten auch nach den gesetzlichen Veränderungen die doppelte Belastung durch Arbeit und zusätzlich Haushalt und Kinderbetreuung zu tragen.[8]
Erst seit 1997 ist eine Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Verheiratete Männer durften also ihre Frauen bis vor ca. 25 Jahren noch straffrei zum Sex zwingen. Selbst heute ist die Rechtslage im Sexualstrafrecht noch defizitär, denn in Deutschland gilt im Gegensatz zu 14 anderen europäischen Ländern noch nicht das «Nur ja heißt ja»-Prinzip, also eine Zustimmung aller Beteiligten zum Schutz vor sexuellen Übergriffen.
Zwei wichtige Ereignisse hatten dagegen große Wirkung auf die Selbstbestimmung von Frauen: Nach der Einführung der Pille in den Sechzigerjahren konnten Frauen selbst über Fruchtbarkeit und damit Lebensplanung und Erwerbsleben entscheiden. Während Frauen zuvor nur gefährliche oder sogar tödliche Wege beschreiten konnten, um eine Schwangerschaft zu verhindern, war es plötzlich möglich, sich präventiv gegen Mutterschaft zu entscheiden oder die Kinderplanung zugunsten von Ausbildung und Partnersuche zu verschieben.
1977 kam der nächste wichtige Schritt, indem das sogenannte Verschuldensprinzip abgeschafft wurde. Vorher konnte sich ein Mann scheiden lassen, ohne Unterhalt zahlen oder das Vermögen teilen zu müssen, falls seine Frau sich ihm «sexuell verweigert» hatte. Mit dem neuen Gesetz konnte die Frau nun nicht mehr allein für das Scheitern einer Ehe verantwortlich gemacht werden: Stattdessen muss seitdem der wirtschaftlich Bessergestellte dem wirtschaftlich Benachteiligten Unterhalt zahlen. Außerdem wurde der Versorgungsausgleich in Form eines Rentenanspruches geregelt. Durch die Reform dieses Eherechts wurde schließlich auch die Hausfrauenehe abgeschafft und durch das Partnerschaftsprinzip ersetzt – das bedeutet, dass während der Ehe aufgebautes Vermögen nach einer Scheidung aufgeteilt wird. Dies hatte enorme Auswirkung auf die Scheidungsraten: Sie stiegen in den Siebzigerjahren rasant, während die Geburtenrate durch die Pille stark einbrach.
Aller rechtlichen Verbesserungen zum Trotz: Die Rollen der fürsorgenden Hausfrau und des versorgenden Hauptverdieners sind für uns so normal geworden, dass alternative oder Misch-Modelle kaum existent scheinen.
Pro Tag wenden Frauen im Durchschnitt 43,4 % mehr Zeit für Care-Arbeit auf als Männer.[9] Uns wird erzählt, das sei ein Liebesdienst, der doch sowieso ausgeübt werden müsse, unabhängig davon, ob wir im Kapitalismus, Sozialismus oder in der Steinzeit leben. Aus diesem Grund müsse diese Arbeit auch nicht entlohnt werden, weil wir sie schließlich für uns selbst und unsere Familien machten. Interessanterweise wäre dieselbe Arbeit, wenn man sie für einen anderen Haushalt als Putzkraft, Gärtnerin, Pflegekraft oder Nanny erledigen würde, entlohnt und sozialversichert. Wenn du Bürgergeld-Leistungen beziehst, dürftest du z.B. nicht argumentieren, dass du dem Arbeitsmarkt nicht vollständig zur Verfügung stehen kannst, weil du Kinder und Haushalt versorgen musst. Gleichzeitig gäbe es für dich aber die Verpflichtung, ggf. einen Job im Bereich Care annehmen zu müssen. Ja, was denn nun: Ist Care-Arbeit nun Arbeit oder nicht?
Wie sehr wir die tradierten Rollenbilder verinnerlicht haben, zeigt die Aussage «Früher haben das die Mütter doch auch geschafft!». Das hast du bestimmt mal von Onkel Uwe auf der Familienfeier gehört, oder vielleicht flüstert es dir auch deine innere Kritikerin zu, wenn dir zu Hause der unbezwingbare Mount Washmore oder das Kindergeschrei über den Kopf wachsen. Aber lass dir sagen: Sie haben es früher genauso wenig geschafft. Sie konnten und mussten nur besser verdrängen, schweigen und ertragen – auf Kosten ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit. Begriffe wie Care-Arbeit, Mental Health oder Regretting Motherhood und ein Bewusstsein für die dahinterliegenden Phänomene und ihre Folgen gab es damals noch nicht. Außerdem war es für Frauen in Offline-Zeiten viel schwieriger, sich auszutauschen und zu vernetzen.
«Früher haben die Frauen das doch auch geschafft!» Nein, haben sie nicht. Es gab nur gesellschaftliches Bashing und Mom-Shaming, wenn man sich beschwert hat.
Das Bild der gebenden statt nehmenden Superhausfrau war ein kapitalistisches Ideal, mit dem Frauen unter Druck gesetzt wurden, alles für andere zu erledigen, während sie selbst keine Ansprüche formulierten und nichts für sich selbst einforderten.
