Feuerschein über den Sudeten - Dr. Dieter Heinze - E-Book

Feuerschein über den Sudeten E-Book

Dr. Dieter Heinze

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Beschreibung

In der Geschichte kommt es des Öfteren zu Wendepunkten. Diese können das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen. An so einem Wendepunkt kann das Handeln bestimmter Personen oder Personengruppen plötzlich eine überragende Bedeutung bekommen. Die Septembertage des Jahres 1938 waren ein solcher Wendepunkt der Weltgeschichte. Im September 1938 wurde entschieden, ob die 20-jährige Friedensperiode nach dem Ende des verheerenden Weltkrieges zu Ende sein würde oder, wie einer der Protagonisten, der britische Premier Chamberlain, meinte, der Frieden würde durch die Auslieferung Sudetendeutschlands an Hitler für lange Zeit gerettet. Keiner der verantwortlichen Politiker in Großbritannien, Frankreich, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und im Sudetenland sah den furchtbaren Abgrund, vor dem die ganze Welt stand, ein Abgrund, der zu einem noch furchtbareren Weltkrieg und zu einem Holocaust unvorstellbaren Ausmaßes führte. Noch viel weniger konnten das die Mitglieder der Sudetendeutschen Partei und die Kämpfer des Sudetendeutschen Freikorps wissen, die sich in Hitlers Arme flüchteten, weil sie meinten, dieser hätte nur ein Ziel – sie vor der Unterdrückung durch die Tschechen zu beschützen. Auch deren Gegner, die Angehörigen des tschechoslowakischen Staatsschutzkorps, glaubten, sie müssten ihre Heimat gegen eine deutsche Intervention verteidigen, obwohl sie in Wirklichkeit für eine nationalistische Politik der tschechischen Politiker geopfert wurden. Die politischen Aspekte der Ereignisse im September 1938 wurden in zahlreichen Schriften behandelt, das vorliegende Buch stellt die militärhistorischen Aspekte in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Feuerschein

über den Sudeten

Dieter Heinze

Feuerschein über den Sudeten

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2013

Gewidmet meinem Freund

Adalbert Bartak

Lektorat: Birgit Rentz

Kartenskizzen: AVIGrafik Dĕčín

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

ISBN 9783954882526

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Copyright

Teil I Die Vorgeschichte

Die Folgen der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns im 1. Weltkrieg

Die Pariser Vorortverträge und deren Einfluss auf die Entwicklung Sudetendeutschlands

Die Tschechoslowakische Republik 1918–1919: Krieg an allen Fronten

Die militärische und politische Entwicklung in der Tschechoslowakei 1919–1936

Aufklärung ist alles

Die französisch-tschechische militärische Zusammenarbeit – ein strategischer Faktor für die Stabilisierung des tschechoslowakischen Staates

Die Zusammenarbeit des tschechoslowakischen Geheimdienstes mit sowjetischen Geheimdiensten

Die Entwicklung der deutsche Streitkräfte von 1921–1937

Die Entwicklung des operativen Denkens der Wehrmacht bis 1938

Die „Studie Grün“

Der Bürgerkrieg in Spanien – Testfeld für die neuen Waffen Deutschlands und der Sowjetunion.

Teil II: 1938 – Der Konflikt um Sudetendeutschland spitzt sich zu

Die internationale Lage zu Beginn des Jahres 1938 und die europäischen Armeen

1938 – der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich

Der Tschechoslowakische Wall

Teil III – Die Krise

Die Sudetendeutsche Partei an Hitlers Seite

Die Teilmobilmachung der tschechoslowakischen Armee im Mai 1938

Putschpläne zum Sturz Hitlers und die Münchner Konferenz

Hitlers Diplomatie

Der operative Aufmarsch der Wehrmacht zum Überfall auf die Tschechoslowakei

Die Entfaltung der tschechoslowakischen Armee zur Abwehr einer deutschen Aggression

Das Kräfteverhältnis in den Operationsrichtungen

Die sowjetische Karte

Teil IV: Das Sudetendeutsche Freikorps

Lützows wilde, verwegene Jagd

Die Propagandaschlacht

Teil V – Das Ende der Tschechoslowakei

Die Aasgeier

Der Einmarsch der Wehrmacht in Böhmen und Mähren

Das Protektorat Böhmen und Mähren

Der Widerstand gegen die deutsche Okkupation und das Attentat auf Heydrich

Das Ende des Protektorates Böhmen und Mähren

Verzeichnis der benutzten Archivquellen und Literatur

„… unsere geschichtlichen Grenzen stimmen mit den ethnografischen Grenzen ziemlich überein. Nur die Nord- und Westränder des böhmischen Vierecks haben infolge der starken Einwanderung während des letzten Jahrhunderts eine deutsche Mehrheit. Für diese Landesfremden (franz.: étrangers) wird man vielleicht einen gewissen Modus Vivendi schaffen, und wenn sie sich als loyale Bürger erweisen, ist es sogar möglich, dass ihnen unser Parlament […] irgendeine Autonomie zugesteht. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete vor sich gehen wird.“

Tomas Garrigue Masaryk in einem Interview für die Zeitung Le Matin am 10. Januar 1919 während der Verhandlungen zum Friedensvertrag von Saint-Germain

Danksagung

Wenn ein Autor ein Buch vollendet hat, bleibt nur noch eine angenehme Pflicht – allen zu danken, die den Autor bei seiner Arbeit unterstützt haben. So auch im vorliegenden Fall. Wie schon bei anderen Veröffentlichungen ist an erster Stelle die Mitarbeiterin des Militärhistorischen Archivs in Prag, Frau Pivcová, zu nennen. Sie hat die in Prag befindliche Originaldokumentation des Sudetendeutschen Freikorps sachkundig erschlossen und mir zur Verfügung gestellt. Auch bei den Mitarbeiterinnen der Fotoarchive Frau Žižková (VUA Prag) und Frau Bader (Bundesarchiv/Bildarchiv) möchte ich mich herzlichst für deren professionelle Arbeit bedanken.

Ein besonderer Dank gebührt auch meiner Lektorin Frau Birgit Rentz, deren professionelle Arbeit wesentlich dazu beitrug, Fehler aller Art im Manuskript aufzufinden und auszubessern.

Mein Bestreben, eine umfassende militärhistorische Betrachtung zu schreiben, hat es erfordert, auch ein umfangreiches deutschsprachiges Quellenmaterial auszuwerten. Dabei waren mir die Mitarbeiterinnen der Militärbibliothek Strausberg wie immer eine große Hilfe. Auch die zuständigen Mitarbeiterinnen der Stadt- und Kreisbibliothek Pirna haben mir seltene Bücher über die Fernleihe zur Verfügung gestellt.

Für eine größere Anschaulichkeit des Manuskripts war es erforderlich, auch Kartenskizzen anzufertigen. Frau Milada Andrová von der Firma AVIGrafik in Děčín hat meine Vorstellungen in professionelle Grafiken umgesetzt, deshalb möchte ich mich ebenfalls bei ihr bedanken.

Meine Ehefrau Lenka hat mich auch bei diesem Buch nicht nur auf vielfältige Weise unterstützt, sondern auch auf viele gemeinsame Freizeitstunden verzichtet, deshalb gebührt ihr mein ganz besonderer Dank.

Teil I Die Vorgeschichte

Kapitel 1

Die Folgen der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns im 1. Weltkrieg

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spitzten sich die Widersprüche zwischen den Großmächten Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland zu. Wesentliche Ursache war, dass das Deutsche Reich, erst 1871 gegründet, einerseits bei der Aufteilung der Rohstoff- und Absatzmärkte zu spät gekommen war, andererseits aber eine äußerst dynamische wirtschaftliche Entwicklung nahm. Die etablierten Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland schlossen sich gegen Deutschland zur sogenannten Triple Entente zusammen, während Deutschland mit Österreich-Ungarn und der Türkei das Bündnis der Mittelmächte bildete. Beide Militärbündnisse versuchten weitere mittlere und kleine Staaten auf ihre Seite zu ziehen, so z. B. Rumänien, Serbien und Italien. Im Jahr 1914 spitzten sich die Gegensätze immer mehr zu und es genügte ein Funke, um das Pulverfass Europa zur Explosion zu bringen. Dieser Funke war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo. Österreich-Ungarn nahm das zum willkommenen Anlass, endlich mit Serbien abzurechnen, das ihm auf dem Balkan im Weg war. Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg. Damit trat für Russland, der Schutzmacht Serbiens, der Bündnisfall ein und diese erklärte Österreich-Ungarn den Krieg. Damit wiederum trat für Deutschland der Bündnisfall ein und jetzt mussten auch die anderen Bündnispartner Russlands Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg erklären. Binnen weniger Tage befand sich die halbe Welt im Krieg. In beiden Bündnissen war die Zuspitzung der Gegensätze von einer Welle des Nationalismus begleitet. Die Folge davon war, dass in allen Staaten, die in den Krieg eintraten, der Ausbruch des Krieges euphorisch begrüßt wurde. Die Soldaten bestiegen blumengeschmückt die Eisenbahnzüge, die sie an die Front brachten. Nicht wenig trug zu der Euphorie die Fehleinschätzung der europäischen Militärexperten bei, dass der Krieg in wenigen Wochen entschieden sein würde. Man hatte die Wirkung der in den letzten Jahren in die Bewaffnung aller Armeen aufgenommenen Waffensysteme, insbesondere der Maschinengewehre, bedeutend unterschätzt. Der Bewegungskrieg war im Westen nach wenigen Wochen beendet und stattdessen führten die Armeen einen blutigen Stellungskrieg. Nur im Osten wurde noch Bewegungskrieg geführt, weil die russischen Armeen dem Druck der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen nicht standhalten konnten und sich langsam ins Landesinnere zurückziehen mussten.

Schon bald schlug die Euphorie in Ernüchterung um. Das hatte vorerst in den politisch instabilen Staaten wie Russland und Österreich-Ungarn weitreichende Folgen. Die Nationalstaaten wie Frankreich und Deutschland hielten dem Druck länger stand, bis es zu inneren Unruhen kam, aber in den Vielvölkerstaaten Russland und Österreich-Ungarn fragten sich diejenigen Soldaten, die keine Österreicher waren, für wen sie eigentlich ihr Leben riskierten. In Tschechien gab es bereits eine Untergrundbewegung in Prag sowie Exilgruppen tschechischer Auswanderer in Frankreich, Großbritannien, den USA und Russland. In den Jahren 1914–1915 gelang es Tomas Garrigue Masaryk, die Exilgruppen zu einer einheitlichen politischen Bewegung zu vereinigen. Masaryk stammte aus einer slowakisch-deutschen Familie und war ordentlicher Professor für Philosophie in Prag. Von 1900–1914 war er Mitglied des österreichisch-ungarischen Reichsrates. Im Herbst 1914 blieb er während einer konspirativen Auslandsreise in der Schweiz, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Im Februar 1916 bildete die vereinigte Exilbewegung den Tschechoslowakischen Nationalrat, dessen Vorsitz Masaryk übernahm. Masaryk gelang es, die tschechoslowakische Frage zu internationalisieren. Auf Initiative des Nationalrats und Masaryks erlaubten die Alliierten die Bildung einer tschechoslowakischen Exilarmee. Anfangs sollten in die Armee nur Tschechen und Slowaken im Exil aufgenommen werden, später erlaubten diese die Aufnahme von Kriegsgefangenen. Anfangs waren die Freiwilligenmeldungen nur spärlich, je stärker sich aber die Niederlage der Mittelmächte abzeichnete, desto mehr Kriegsgefangene meldeten sich zur Legion. In Italien und Frankreich wurden nur relativ schwache Truppenkörper aufgestellt. An Kampfhandlungen auf Seiten der Alliierten nahmen sie nicht mehr teil, sie spielten aber eine große Rolle bei der Sicherung des Territoriums des neu gegründeten tschechoslowakischen Staates. Von großer Bedeutung war die Tschechoslowakische Legion in Russland. Mit deren Aufstellung wurde schon im August 1914 begonnen. Nachdem die russische Regierung die Einstellung von Kriegsgefangenen genehmigt hatte, wurde bis Ende 1916 eine Schützenbrigade in Stärke von 5.700 Mann gebildet. Diese nahm Ende Juni 1917 erfolgreich an der Schlacht von Zborow teil. Die Beteiligung von Kriegsgefangenen an Kampfhandlungen gegen ihren Heimatstaat verstößt gegen das Kriegsrecht und die betreffenden Soldaten galten als Landesverräter. Durch Aufnahme weiterer Kriegsgefangener konnte die Legion auf 35.000 Kämpfer erweitert werden. Im Februar 1918 kannten die Alliierten die Tschechoslowakische Legion als Bestandteil der Alliierten Streitkräfte an. Das war ein äußerst geschickter Schachzug von Masaryk und ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Anerkennung eines selbstständigen tschechoslowakischen Staates durch die Alliierten. Im Frühjahr und Sommer tummelten sich in Paris Abgesandte von Völkern, die noch zum Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches, der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, des Osmanischen Reiches und Russlands gehörten. Alle diese Abgesandten, Mazedonier, Finnen, Esten, Letten, Litauer, Rusinen, Ukrainer, Polen, aber auch Inder und Araber, hofften auf eine politische Karriere durch Lostrennung ihrer Völker von ihren jetzigen Herren mit Hilfe der Alliierten. Aber einzig die durch Masaryk und seinen Mitarbeiter in Paris, Edvard Beneš, vertretenen Tschechen und Slowaken verfügten über eine starke, disziplinierte und gut ausgebildete Armee, die fähig war, an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Die nächste Etappe im Kampf um einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat wurde durch das Pittsburgher Abkommen abgeschlossen. Dieses wurde am 31. Mai 1918 in Pittsburgh zwischen den Vertretern der tschechischen und slowakischen Exilgruppen geschlossen und sollte die Grundlagen des zukünftigen gemeinsamen Staates festlegen. Beide Seiten hatten Interesse an einem gemeinsamen Vorgehen. Die Slowaken befürchteten, sich nicht ohne Hilfe aus dem ungarischen Staatsverband lösen zu können, und die Tschechen benötigten die Slowaken als Gegengewicht zu den Sudetendeutschen, um ein eindeutiges Übergewicht der Slawen gegenüber den Deutschen zu schaffen. Außerdem herrschte damals noch die Auffassung, dass Tschechen und Slowaken Brüdervölker seien. Sicher spielte bei den Slowaken auch die Überlegung eine Rolle, dass Masaryk einen großen Einfluss auf den Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, hatte. Im Pittsburgher Abkommen war vereinbart worden, dass der künftige tschechoslowakische Staat aus den böhmischen Ländern und der Slowakei bestehen sollte. Dabei war das Staatsgebiet der Slowakei zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig definiert, weil es nie einen slowakischen Staat gegeben hatte. Den Slowaken war Autonomie versprochen worden, ein eigener Landtag, slowakisches Gerichtswesen und Amtssprache slowakisch. Davon wurde nichts eingehalten. Nachdem Masaryk und Beneš einmal an der Macht waren, wollten sie diese mit niemandem teilen. Es waren aber nicht alle politischen Gruppierungen mit der Vereinigung einverstanden. So z. B. forderten auf einer nationalen Konferenz am 1. Mai 1918 in Liptovsky Mikulas politische Gruppierungen, deren Sprecher der katholische Kaplan Hlinka war, die nationale Unabhängigkeit der Slowakei. Der Mitarbeiter Masaryks, Edvard Beneš, agierte und intrigierte aber in Paris während der Friedenskonferenzen äußerst geschickt und vermochte es, die Siegermächte für die Bildung eines tschechoslowakischen Staates zu gewinnen, obwohl Großbritannien und Frankreich ursprünglich Österreich-Ungarn nicht zerschlagen wollten, denn es war ein Garant für Stabilität in Mitteleuropa und auf dem Balkan. Er verfasste für die Friedenskonferenzen zahlreiche Denkschriften, die vor Fälschungen strotzten. Diese waren so gravierend, dass später ein Gesetz strenge Reglementierungen für die Entstehungsgeschichte der ČSR festlegen musste. Das ČSR-Staatsschutzgesetz drohte für „falsche“ Darstellungen der Entstehungsgeschichte mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren. Letztendlich gelang es aber, die Zustimmung von Frankreich, Großbritannien und den USA zur Staatsgründung zu erreichen. Am 28. Oktober 1918 rief Masaryk, der inzwischen zum Präsidenten gewählt worden war, die Tschechoslowakische Republik aus. Edvard Beneš wurde Außenminister in der Regierung des neuen Staates. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg noch nicht beendet. Die böhmischen Länder und die Slowakei hatten vier Jahre lang als Landesteile im Habsburgischen Kaiserreich gekämpft. Jetzt hatten Masaryk und Beneš geschickt die Seiten gewechselt und blieben von Reparationen verschont. Österreich und Ungarn wurden als die alleinigen Sündenböcke hingestellt. Im neuen Staat lebten von diesem Zeitpunkt an 6,6 Millionen Tschechen, 3,2 Millionen Deutsche, 2,0 Millionen Slowaken, 0,7 Millionen Ungarn, 0,5 Millionen Ruthenen, 0,3 Millionen Juden und 0,1 Millionen Polen. Zusätzlich zu den böhmischen Ländern und der Slowakei hatten die Franzosen noch die Karpato-Ukraine, ein Stück Ungarn und ein Stück Polen dazugegeben. Im tschechischen Landesteil befanden sich 70 % der industriellen Basis von Österreich-Ungarn. Die Sudetendeutschen verkörperten einen starken Mittelstand. Da sie das gesamte Grenzgebiet besiedelten, bildeten sie gleichzeitig die Klammer zwischen dem deutschen Staat und dem tschechoslowakischen Staat, oder besser: Die Sudetendeutschen hätten die Klammer bilden können, aber das war nicht das strategische Ziel von Masaryk und Beneš. Masaryk nannte im Jahr 1919 in einem Interview mit der Zeitschrift le Matin als Ziel die „Entgermanisierung“ des Sudetengebietes.

Kapitel 2

Die Pariser Vorortverträge und deren Einfluss auf die Entwicklung Sudetendeutschlands

Im Februar 1917 erklärte Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, um den Nachschub aus den USA für Großbritannien und Frankreich zu unterbinden. Das führte zum Kriegseintritt der USA. Diese benötigten aber noch ein Jahr, um ihre zahlenmäßig geringen Land- und Luftstreitkräfte auf die für eine Intervention in Europa erforderliche Stärke zu bringen. Am 8. Januar 1918 hielt der Präsident der USA, Woodrow Wilson, eine programmatische Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses. In dieser legte er seine Vorstellungen von einer Friedensordnung in Europa nach Beendigung des Krieges dar. Das 14 Punkte umfassende Programm zeigte Lösungen für die Regelung der territorialen Fragen im Zusammenhang mit den von den Mittelmächten besetzten Gebieten und die künftigen Grenzen in Europa. Großen Wert legte Woodrow Wilson auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie die politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität auch der kleinen Staaten. So lautet der Punkt 10 des Programms wörtlich: „Den Völkern Österreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, sollte die freieste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung zugestanden werden.“ Dazu ist anzumerken, dass auch die Sudetendeutschen ein Volk im österreichisch-ungarischen Staatsverband waren.

Im Juni 1918 warfen die USA 2 Millionen Soldaten und ungeheure Materialmengen an die Westfront. Diesem Druck konnte die deutsche Armee nicht mehr standhalten und kapitulierte am 18. November 1918. Dabei vertraute die deutsche Führung auf Präsident Wilsons 14 Punkte, man hielt diese für eine Art Vorvertrag für den künftigen Friedensvertrag und hoffte auf milde Friedensbedingungen. Als Deutschland im deutsch-französischen Krieg 1870/71 Frankreich eine Niederlage beigebracht hatte, erhielt Frankreich einen Friedensvertrag mit äußerst milden Bedingungen. Das war aber dem Einfluss des weitsichtigen Reichskanzlers Bismarck zuzuschreiben. Obwohl die Franzosen danach unablässig auf Rache sannen, hielt der Frieden in Europa über 40 Jahre.

Vom 18. Januar 1919 bis zum 20. Januar 1920 tagte im Schloss von Versailles die Pariser Friedenskonferenz. Obwohl die Vertreter aller 34 Siegermächte teilnahmen, bestimmte der Rat der Vier, bestehend aus dem Präsidenten der USA, dem britischen Premierminister, dem französischen Ministerpräsidenten und einem Vertreter Italiens, den Inhalt der Verträge mit den besiegten Mittelmächten Deutschland (Vertrag von Versailles), Österreich (Vertrag von Saint-Germain), Ungarn (Vertrag von Trianon) und Türkei (Vertrag von Sèvres). Es zeigte sich im Inhalt der Verträge, dass sich Präsident Wilson mit seinen Vorstellungen nicht durchsetzen konnte. Die Franzosen waren von blindem Hass und dem Bestreben angetrieben, das Deutsche Reich entscheidend zu schwächen. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau besaß nicht die Weitsicht eines Bismarck. Auch Edvard Beneš nicht, der ebenfalls die Deutschen hasste. In seinem Bestreben, einen starken tschechoslowakischen Staat als Bedrohung Deutschlands zu schaffen, war er der richtige Partner für die Franzosen. Der britische Premierminister David Lloyd George schrieb in einem Memorandum im März 1918 warnend: „Ich kann mir keinen stärkeren Grund für einen künftigen Krieg denken, als dass das deutsche Volk, das sich sicherlich als einer der kraftvollsten und mächtigsten Stämme der Welt erwiesen hat, von einer Zahl kleinerer Staaten umgeben wäre, von denen manche niemals vorher eine standfeste Regierung für sich aufzurichten fähig waren, von denen aber jeder große Mengen von Deutschen enthielte, die nach Wiedervereinigung mit ihrem Vaterland begehrten.“ (Klaus Schwabe, Hrsg.: Quellen zum Friedensschluss von Versailles, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, S. 156). Und der französische Marschall Foch, der die deutsche Kapitulation im Wald von Compiègne entgegengenommen hatte, sagte: „Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre.“ Präsident Wilson unterzeichnete zwar den Vertrag, aber beide Häuser des Kongresses lehnten die Ratifizierung ab. Auch die Verträge von Saint-Germain und Trianon waren ähnlich hart und traten die Prinzipien des Selbstbestimmungsrechtes der Völker mit Füßen. Österreich (Vertrag von Saint-Germain) wurde untersagt, sich „Deutschösterreich“ zu nennen und sich mit Deutschland zu vereinigen, Ungarn (Vertrag von Trianon) verlor zwei Drittel seines Staatsgebietes an Rumänien, den neu gebildeten SHS-Staat (später Königreich Jugoslawien) und die Tschechoslowakei. Letztere Verträge bestätigten nur die schon erfolgten Rezessionen, die zu militärischen Auseinandersetzungen geführt hatten, die zum Teil noch andauerten. Damit hatte die französische Kurzsichtigkeit, unterstützt von den führenden Repräsentanten der neuen Tschechoslowakei, zu einer Nachkriegsordnung geführt, in der alte Erbfeindschaften erneuert bzw. neue geschaffen wurden. Die Tschechoslowakei befand sich seit 1867 in Erbfeindschaft mit Ungarn, weil im Habsburgerischen Kaiserreich das Königreich Ungarn eine privilegierte Stellung erhielt und nicht die böhmischen Länder. Jetzt verlor der ungarische Staat nicht nur die Slowakei, sondern auch einen mehrheitlich von Ungarn besiedelten Landesteil im Süden der Slowakei und die Karpato-Ukraine. Trotz Mitgliedschaft beider Staaten in der Europäischen Union führt diese Erbfeindschaft auch heute noch zu Spannungen zwischen Ungarn und der Slowakei. Ungarn und Rumänien befehdeten sich über Jahrhunderte wegen des Großfürstentums Siebenbürgen. Je nach Machtbalance gehörte es zu Rumänien oder zu Ungarn, jetzt wurde es Rumänien zugeschlagen. Auch an den neuen SHS-Staat (Serbien, Kroatien, Bosnien und Slowenien) musste Ungarn Gebiete abtreten, im Krieg hatten aber Serben und Ungarn erbittert gegeneinander gekämpft. Der SHS-Staat, auch eine französische Idee, sollte die sogenannten Südslawen vereinen, die aber nie eine Volksgruppe bildeten. Er vereinte Staaten bzw. Völker, die nie in einem Staat zusammengelebt hatten. Die Balkanstaaten gehörten zu unterschiedlichen Einflusszonen der europäischen Großmächte bzw. waren mit diesen staatlich verbunden – Serbien mit Russland, Slowenien, Bosnien und Kroatien gehörten zu Österreich. Die inneren Spannungen zwischen den verschiedenen Völkern führten zwei Mal, 1941–1945 und 1991–1995, zu blutigen Auseinandersetzungen. Auch die Verträge von Saint-Germain und Trianon wurden von den USA nicht unterzeichnet.

Der Vertrag von Versailles führte in Deutschland zu harten politischen Auseinandersetzungen. Insbesondere der Artikel 231, der Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Schuld am Krieg zuwies, stieß auf harten Widerstand. Erst nachdem die Alliierten ultimativ mit einem Einmarsch ihrer Truppen gedroht hatten, unterzeichnete die deutsche Regierung unter Protest den Vertrag. Das erhöhte die ohnehin schon gewaltigen innenpolitischen Spannungen in Deutschland und machte es unmöglich, den Sudetendeutschen im entscheidenden Moment zu Hilfe zu kommen.

Kapitel 3

Die Tschechoslowakische Republik 1918–1919: Krieg an allen Fronten

Noch bevor die Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, hatten sich am 19. Oktober 1918 die deutschen Abgeordneten des österreichisch-ungarischen Reichsrates als provisorische Nationalversammlung der Republik Deutschösterreichs erklärt. Die Abgeordneten der Deutschen in Böhmen und Mähren wollten sich als Provinz Deutschböhmen dieser Republik anschließen. Am 29. Oktober 1918 erklärten sie die Bildung der Provinz Deutschböhmen und deren Lostrennung von der Tschechoslowakei. Provinzhauptstadt wurde Reichenberg (Liberec). Am gleichen Tag erklärten die Deutschen in Nordmähren und Schlesien die Gründung der Provinz Sudetenland mit Troppau als Hauptstadt. Am 3. November bildeten die Deutschen in Südmähren die Provinz Deutschsüdmähren mit dem Verwaltungszentrum in Znaim (Znojmo). In den folgenden Tagen wurde als vierte separatistische Provinz der Böhmerwaldgau mit Verwaltungssitz in Böhmisch Krummau (Český Krumlov) gegründet. Deutschsüdmähren und der Böhmerwaldgau wollten sich der Republik Deutschösterreich anschließen, Deutschböhmen und das Sudetenland an Deutschland. All diese politischen Aktionen erfolgten auf der Grundlage des von US-Präsident Wilson in seinem 14-Punkte-Programm verkündeten Selbstbestimmungsrechts der Völker. Die energischsten Schritte zur Lostrennung von der ČSR unternahm die Vertretung der Provinz Deutschböhmen in Reichenberg. Ab Anfang November tagte die Provinzversammlung. Der als Hejtman (Regierungspräsident, Benennung ist auch heute noch in Tschechien üblich) gewählte Lodgman von Auen reiste nach Prag, um mit dem Ministerpräsidenten der ČSR, Karel Kramář, über die Abspaltung der Provinz zu verhandeln. In den Verhandlungen mit dem Ministerpräsidenten und weiteren Ministern vertrat Lodgman von Auen folgenden Standpunkt: Die deutschen Provinzen sind untrennbarer Teil Deutschösterreichs. Die endgültige Entscheidung liegt aber bei der Friedenskonferenz. Bis zu deren Entscheidung haben die Sudetendeutschen das gleiche Recht auf eine eigene Regierung wie die Tschechen. Er forderte die Anerkennung der Provinzregierung durch die tschechoslowakische Regierung. Dies wurde von Kramář strikt abgelehnt. Einige Tage später reiste Josef Seliger nach Prag, um über die Lieferung von Lebensmitteln zu verhandeln. Der zuständige Minister Rašín antwortete ihm, dass mit Rebellen nicht verhandelt würde. Zur Verteidigung ihrer Souveränität stellte die Provinzregierung eigene Streitkräfte auf, die Volkswehr. Den Oberbefehl übernahm der österreichische General Goldbach. Die Volkswehr war aber nur in der Lage, polizeiliche Aufgaben wahrzunehmen, für den militärischen Schutz der Provinz fehlte es an Bewaffnung und Ausrüstung, auch die allgemeine Kriegsmüdigkeit spielte eine Rolle. Von Deutschland war ebenfalls keine Hilfe zu erwarten, denn am 9. November war in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Nachdem unter der lokalen tschechischen Bevölkerung bekannt worden war, dass die Regierung in Prag eine Abtrennung der Provinz ablehnte, begannen tschechische politische Organisationen den Widerstand gegen die deutschen Pläne zu organisieren. Auf einer Konferenz dieser Organisationen in Dux wurde beschlossen, in allen Städten mit tschechischer Einwohnerschaft eigene Nationalräte zu bilden. Deren Konferenz in Dux (Duchcov) forderte die tschechoslowakische Regierung auf, einer Abtrennung der Provinz nicht zuzustimmen. Edvard Beneš warnte von Genf aus vor Streit und blutigen Auseinandersetzungen. Das würde seine Position in den Verhandlungen behindern. Aber nicht nur die Deutschen hatten Probleme, auch die Regierung in Prag. Als Machtmittel standen ihr nur geringfügige militärische Kräfte zur Verfügung. Die alte Österreichisch-Ungarische Armee war zerfallen und eine neue tschechoslowakische Armee noch nicht gebildet. Die einzigen Kräfte waren unausgebildete und schlecht bewaffnete paramilitärische Gruppen wie Sokol (Sportbund), Nationalgarde und Freiheitsgarde sowie einige Ersatzausbildungseinheiten der alten Armee. Man wartete auf die Rückkehr der tschechischen Legionen im Ausland, die gut bewaffnet und ausgebildet waren. Die tschechoslowakische Armee beschränkte sich deshalb im November vor allem darauf, die Grenzen zwischen den abtrünnigen Provinzen und dem tschechoslowakischen Staatsgebiet durch Patrouillen zu sichern. Einige unternehmenslustige tschechische Offiziere unternahmen aber Kommandounternehmen auf dem Territorium der Provinz Deutschböhmen, bei denen die Volkswehr keine gute Figur machte. Das erste Unternehmen wurde bereits am 4. November durchgeführt. Eine Einheit der Volksgarde besetzte Bischofteinitz (Horšovský Tyn) und Ronšperk. Damit wurde die Eisenbahnverbindung über Taus (Domažlice) nach Bayern gesichert. Der Armeestab der tschechoslowakischen Armee erhielt die Nachricht, dass auf dem Flugplatz in Eger zahlreiche österreichische Flugzeuge konzentriert würden, ebenso große Mengen Material. Es galt zu verhindern, dass Flugzeuge und Material nach Deutschland abtransportiert würden. Der Offizier Jaroslav Rošický erklärte sich bereit, ein Kommandounternehmen gegen den Flugplatz durchzuführen. Ihm wurde eine schwerbewaffnete Abteilung Matrosen, verstärkt mit vier schweren MG, unterstellt. Hinzu kam eine Gruppe Piloten. Sie fuhren mit dem Zug nach Pilsen, dort schloss sich ihnen ein Zug Freiwilliger aus dem lokalen Regiment an. Auf fünf Lkws fuhren sie dann zum Flugplatz Eger. Die vollständig überraschte Flugplatzwache im Bestand eines Zuges Volkswehr leistete keinen Widerstand. Die Untersuchung der Flugzeuge ergab, dass 10 Flugzeuge flugfähig waren. Die Piloten starteten sofort mit diesen und flogen nach Prag. 13 weitere Flugzeuge, Ersatzteile und anderes militärisches Material wurden auf einen Güterzug verladen, den man auf dem Bahnhof Eger samt Lokomotive und Personal requiriert hatte. Die weite überlegene Garnison von Eger ließ das Kommando ungehindert mit der Beute abziehen. Am 19. November entsandte das Militärkommando Pilsen eine Abteilung des Ersatzbataillons des 35. Infanterieregimentes nach Marienbad, um die Eisenbahnverbindung freizukämpfen. Die deutsche Führung war aber durch die Aktion Rošickýs aufgeschreckt und konzentrierte starke Kräfte. Nach einem Gefecht zog sich die Abteilung aus Pilsen auf Stříbro zurück. Die Regierung in Prag entschloss sich jetzt, den Aufstand mit militärischen Mitteln niederzuschlagen. Es musste schnell gehandelt werden, weil die Deutschen die Kohlelieferungen von Most in die ČSR gestoppt hatten. Das Armeekommando in Prag wies die Führungen der Ersatzbataillone in Kroměříž, Brünn, Prag, Beneschau, Čáslav und Olmütz an, je ein Bataillon mit drei Hundertschaften Infanterie und einer Hundertschaft Maschinengewehre aufzustellen. Am 24. November versuchte die Volkswehr aus Komotau die Verladestation in Obrnice zu besetzen. Sie wurde aber von bewaffneten tschechischen Einwohnern vertrieben. Am 27. November traf das 350 Mann starke Einsatzbataillon der Prager Garnison per Eisenbahntransport in Most ein und besetzte den Bahnhof. Mit dem Zug traf auch der Bevollmächtigte der Regierung, Minister Dr. Vrbenský, ein. Seine Aufgabe war es, das Nordböhmische Braunkohlenrevier der Zentralregierung zu unterstellen. In der Nacht und am nächsten Tag kam es in Most zu sporadischen Schusswechseln. Der Minister suchte den Kontakt zum Kommando der Volkswehr und schloss mit dieser einen Waffenstillstand. Da es bei den Verhandlungen über die Übergabe der Braunkohlengruben zu Komplikationen kam, flammten die Kämpfe nochmals auf. Erst als Verstärkung in Form von zwei Feldgeschützen eintraf, streckte die Volkswehr die Waffen. In den Kasernen von Most wurde eine große Zahl von Waffen, darunter 74 Maschinengewehre, erbeutet. Von Most aus begannen die Regierungstruppen bis zum 10. Dezember die Städte in der Provinz Deutschböhmen zu besetzen. Am 11. Dezember wurde Reichenberg kampflos besetzt. Die Provinzregierung floh nach Zittau. Der Sozialdemokrat Karl Kreibich hatte die Einwohner zu bewaffnetem Widerstand aufgerufen, ohne aber etwas zu bewirken.

Die Nachricht von der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 traf am 29. Oktober in Südmähren ein. Die tschechischen Einwohner in Znaim und Břeclav gründeten noch am gleichen Tag Nationalausschüsse. Sie hatten sich jedoch zu früh gefreut, denn die von der deutschen Mehrheit besetzten Verwaltungsorgane beschlossen den Regierungsbezirk Znaim, der sich jetzt Deutschsüdmähren nannte, an Deutschösterreich anzuschließen. Diesen Antrag stellten die Abgeordneten des Regionalparlamentes, die 195 Ortschaften einschließlich 9 Städte vertraten. Das Parlament von Deutschösterreich bestätigte den Antrag am 11. November, damit war die Provinz offizieller Teil von Deutschösterreich. Daraufhin verhängte der tschechische Nationalausschuss in Brünn eine Blockade über die abtrünnige Provinz. Die militärischen Aktionen gegen die Provinz begannen bereits am 31. Oktober, indem die Garnison von Lundenburg (Břeclav) den Bahnhof von Lundenburg besetzte. Eine neu aufgestellte Kampfgruppe in Stärke von 120 Mann besetzte am 9. November Auspitz (Hustopeče) und Umgebung. Die örtliche Volksvertretung wurde gezwungen, den Verbleib der Stadt in der Tschechoslowakischen Republik anzuerkennen. Die Garnison von Iglau (Jihlava) besetzte den südlichen Teil des Kreises Datschitz (Dačice). Die wichtige Eisenbahnstation Zlabings (Slavonice) hatte sich für den Anschluss an Deutschösterreich ausgesprochen. Um diesen strategischen Punkt zu halten, ordnete der deutsche Regierungspräsident Oskar Teufel die Aufstellung einer Volkswehreinheit an. Er sandte 400 Gewehre mit Munition und zwei Maschinengewehre. Eine tschechoslowakische Einheit, bestehend aus zwei Hundertschaften mit einigen Maschinengewehren, besetzte Zlabings nach zweitägigem Kampf. Ende der 2. Novemberdekade hatten die tschechoslowakischen Truppen 40 Ortschaften besetzt. Sie näherten sich allmählich Nikolsburg (Mikulov) und Znaim. Die Regierung in Wien entsandte eine starke Kampfgruppe aus Matrosen, verstärkt mit Maschinengewehren und einer Artilleriebatterie, zur Unterstützung der deutschen Seite. Am 11. November standen zwei Kampfgruppen der tschechoslowakischen Armee nur wenige Kilometer vor Znaim. Am 12. November erreichte die Provinzregierung in Znaim die Meldung, dass die Matrosenkampfgruppe unter dem Druck des Gegners zurückweichen würde. In der Führung machte sich Ratlosigkeit breit. Nur Hejtman Teufel wollte noch kämpfen. Die Provinzregierung verfügte noch über 2.000 Mann mit 20 Maschinengewehren und 12 Geschützen. Die tschechoslowakischen Kräfte bestanden aus 4 Kampfgruppen mit insgesamt 6 Bataillonen, darunter 2 Bataillone der Tschechoslowakischen Legion aus Italien. Die italienische Gruppierung der Tschechoslowakischen Legion in Stärke von 2 (schwachen) Divisionen war soeben eingetroffen und verschob das Kräfteverhältnis an allen Kampffronten zugunsten der Tschechoslowakischen Armee. Am 14. November floh Oskar Teufel mit seinen engsten Mitarbeitern nach Österreich, die Volkswehr zog sich aus der Stadt zurück und die aus Einwohnern aufgestellten Einheiten lösten sich auf. Am nächsten Tag besetzten die Kampfgruppen der Tschechoslowakischen Armee kampflos die Stadt.

Zu diesem Zeitpunkt lebten in Tschechien über 3 Millionen Deutsche und 6 Millionen Tschechen. Angesichts dieses Kräfteverhältnisses nehmen sich die Sezessionsbestrebungen der Deutschen sehr kläglich aus, bei energischem Handeln hätte man sicher mehr erreichen können. Man muss aber auch die Bedingungen bedenken, unter denen die deutschen Lokalpolitiker handelten. Offensichtlich hatte die Ausrufung der ČSR am 28. Oktober die Deutschen völlig überrascht. Sie konnten unmöglich wissen, was Masaryk in den USA und Beneš in Frankreich aushandelten. Man konnte auch nicht wissen, welche Gebiete zur neuen Tschechoslowakischen Republik gehören sollten. Man verließ sich auf das von Woodrow Wilson verkündete Selbstbestimmungsrecht. Offensichtlich existierten auf deutscher Seite keinerlei Pläne, weder für die nächsten Schritte noch für militärische Schutzmaßnahmen. Über die nächsten Schritte und vor allem die militärischen Abwehrmaßnahmen herrschte unter den verschiedenen Parteien keine Einigkeit. Die Sozialdemokraten wollten kämpfen, fanden aber wenig Unterstützung. Hinzu kam die allgemeine Kriegsmüdigkeit. Die deutsche Bevölkerung war offensichtlich nicht motiviert zum Widerstand, man hatte mit den tschechischen Nachbarn bisher ohne Probleme zusammengelebt. Die tschechische Bevölkerung und vor allem die der neuen Regierung zur Verfügung stehenden Soldaten waren dagegen hoch motiviert. Sie strebten schon längere Zeit einen eigenen Staat an und bekamen diesen jetzt von den Siegermächten geschenkt. Ohne die Deutschen zu fragen, hatte Beneš die Grenzen der ČSR mit den Alliierten ausgehandelt, die tschechischen Behörden wussten die Alliierten auf ihrer Seite und verhandelten nicht mit den Politikern der abtrünnigen Provinzen. Die anfangs nur schwachen militärischen Kräfte setzten sie konsequent ein. Auf deutscher Seite fehlten auch befähigte militärische Führer. Die einzelnen Provinzen koordinierten ihre Handlungen nicht und wurden nacheinander besetzt.

Der Schlusspunkt unter diese tragische Etappe wurde am 4. März 1919 gesetzt. An diesem Tag tagte die neu gewählte Nationalversammlung von Deutschösterreich und die Sudetendeutschen wollten ihre Vertreter zur Tagung entsenden. Das wurde von den Siegermächten verboten. Daraufhin rief die damals stärkste Partei der Sudetendeutschen, die Sozialdemokratische Partei, zu einem eintägigen Generalstreik und zu Demonstrationen an mehreren Orten auf. Alle anderen Parteien unterstützten diesen Aufruf und so kam es zu gewaltigen Demonstrationen. Die Regierung setzte die Armee zur Zerschlagung der Demonstrationen ein, diese machte von der Schusswaffe Gebrauch mit dem Ergebnis, dass 54 Demonstranten getötet und über hundert verletzt wurden. Anfang Mai wurden vor allem in Schlesien kampfwillige Freikorps bereitgestellt, um Sudetendeutschland gewaltsam von außen zu befreien. Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages durch Deutschland machte diesen Bestrebungen ein Ende. Im Vertrag von Saint-Germain, der am 10. September 1919 unterzeichnet wurde, legalisierten die Siegermächte die Einverleibung des Sudetengebietes in die ČSR.

Nachdem die Tschechoslowakische Armee die abtrünnigen sudetendeutschen Provinzen „befriedet“ hatte, stand schon der nächste Konflikt an, diesmal mit der Polnischen Armee. Zankapfel war das Gebiet des ehemaligen Großherzogtums Teschen an der nördlichen Grenze der Tschechoslowakei. Dieses Gebiet wurde sowohl von Polen als auch von der Tschechoslowakei beansprucht. Hintergrund war, dass sich dort ein Zentrum der Bergbau- und Hüttenindustrie entwickelt hatte und sich offensichtlich internationale Konzerne für dieses Gebiet interessierten. Außerdem führte die einzige Bahnlinie von Tschechien in die Slowakei durch dieses Gebiet, die strategische Bedeutung war folglich groß. Nach statistischen Angaben von 1910 lebten in diesem Gebiet 180.000 Menschen, davon rund 70 % Polen, 18 % Tschechen und 12 % Deutsche. Folgte man Präsident Wilsons Selbstbestimmungsrecht, so hätte die Bevölkerung in einer Abstimmung entscheiden müssen, welchem Staat sie künftig angehören wollte. Die tschechische Regierung lehnte aber eine Volksbefragung strikt ab. Am 5. November 1918 wurde eine provisorische Demarkationslinie zwischen Polen und der Tschechoslowakei vereinbart. Diese verlief längs des Flusses Olsa. Beide Seiten hatten aber wenig Interesse, diese einzuhalten und erhoben weiterhin Ansprüche auf das ganze Gebiet. Für Ende Januar plante Polen Wahlen für den Sejm und bezog auch das Gebiet Teschen in die Vorbereitung der Wahl ein. Die Regierung in Prag ließ daraufhin ihre Truppen einmarschieren. Die militärische Situation hatte sich für die tschechoslowakische Regierung wesentlich verbessert, denn inzwischen waren Truppenteile der italienischen und französischen Legion eingetroffen. Die Anfangsgruppierung bestand aus 14 Bataillonen Infanterie, später trafen noch 8 Bataillone Verstärkung ein. Im Gegensatz dazu war die Situation für die polnische Armee ungünstig, im Osten war sie in schwere Kämpfe mit der Roten Armee verwickelt. Für einen ernsthaften Widerstand im Teschener Gebiet fehlten deshalb die Kräfte. Am 23. Januar 1919 begann der Krieg mit heftigen Kämpfen in Oderberg (Bohumín). In der Stadt gab es entsprechend dem vorläufigen Abkommen sowohl eine tschechische als auch eine polnische Garnison. Beide Seiten versuchten sich der gesamten Stadt zu bemächtigen, das gelang aber keiner Seite. Am 24. Januar wurden von verschiedenen Seiten Angriffe auf Freistadt (Karviná) vorgetragen, heftige Gefechte fanden um die Kohlengruben in der Umgebung statt, dabei wurde die polnische Armee von bewaffneten Bergarbeitern unterstützt. Als Hauptstoßkraft der tschechoslowakischen Armee wurden die Bataillone der italienischen Legion eingesetzt. Am 26. Januar führte ein Bataillon des 21. Legionärsregimentes das heftigste Gefecht des ganzen Krieges um den Bahnhof Žebrzydowice. Eine polnische Abteilung wurde vollständig vernichtet. Sie verlor 50 Tote, 48 Verwundete und 78 Gefangene. Am 27. Januar griff eine starke Gruppierung der tschechoslowakischen Armee die Gebietshauptstadt Teschen an. Die unterlegenen polnischen Truppen räumten kampflos die Stadt und bezogen Verteidigungsstellungen am östlichen Ufer der Weichsel. Am 27. Januar erhielt der Befehlshaber der tschechoslowakischen Gruppierung vom Verteidigungsministerium den Befehl, die Eisenbahnlinie Oderberg – Teschen – Jablunkau zu besetzen und zum westlichen Ufer der Weichsel vorzurücken. Dafür standen 20 Bataillone mit 7 Batterien Artillerie bereit. Am 30. Januar griffen die tschechoslowakischen Truppen auf breiter Front an. Bis zum Abend hatten diese ihre Ziele erreicht, obwohl die polnischen Truppen erbitterten Widerstand leisteten. Damit war das ganze Teschener Gebiet von tschechoslowakischen Truppen besetzt. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit, in das polnische Kerngebiet einzufallen. Jetzt mischten sich aber die Siegermächte ein und zwangen die Tschechoslowakei, die Kämpfe einzustellen. Am 3. November wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Das Gebiet wurde unter internationale Aufsicht gestellt, die Truppen beider Seiten mussten abziehen. Im Juli 1920 fand eine internationale Konferenz im belgischen Spa statt, die über die Aufteilung des Gebietes entschied. Bei der Aufteilung wurde die tschechoslowakische Seite bevorzugt, was auf Druck internationaler Konzerne geschah. Trotzdem war es für die tschechoslowakische Seite ein Pyrrhussieg. Masaryk und Beneš waren von der Gier besessen, alle Gebiete in die Tschechoslowakei einzubeziehen, die ihnen die Siegermächte zustanden, um einen möglichst starken Staat zu schaffen. Der Krieg mit Polen war aber ein äußerst schwerwiegender außenpolitischer Fehler, denn er verschärfte die Spannungen mit Polen. Die Polen warfen den Tschechen vor, dass ihnen diese zu einem Zeitpunkt, als die polnische Armee in schwere Kämpfe mit der Roten Armee verwickelt war, in den Rücken gefallen waren. Zudem verübten tschechoslowakische Soldaten Gräueltaten an polnischen Kriegsgefangenen. Letztendlich war dieser Krieg eine wesentliche Ursache dafür, dass die polnische Regierung in den folgenden Jahren alle Angebote von Beneš ablehnte, eine gemeinsame Front gegen Deutschland zu bilden.

Der nächste militärische Konflikt, den die junge Tschechoslowakische Republik ausfocht, entstand, weil Ungarn sich nicht mit der Abtrennung der Slowakei abfinden wollte. Das Königreich Ungarn wurde zerschlagen, weil die Franzosen auch die Verbündeten Deutschlands entscheidend schwächen wollten. Im Waffenstillstand, der am 13. November 1918 mit dem Oberbefehlshaber der Südgruppe der französischen Streitkräfte, Armeegeneral Franchet d‘ Esperey, unterzeichnet wurde, war keine Bedingung enthalten, dass die Slowakei von ungarischen Truppen geräumt werden musste. Die ungarische Regierung betrachtete deshalb die Slowakei weiterhin als untrennbaren Bestandteil Ungarns und den Versuch tschechoslowakischer Gendarmerie und Soldaten, die staatliche Macht in der Slowakei zu sichern, als Verletzung der ungarischen Souveränität. Am 13. November vertrieb ein Bataillon ungarischer Matrosen eine tschechoslowakische Gendarmerieabteilung aus Tyrnau (Trnava) und verfolgte diese bis Senica. Aus Brünn herangeführte Verstärkungen trieben am 16. November nach erbittertem Gefecht die Ungarn zurück nach Tyrnau. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Bereits am 15. November hatte es ein schweres Gefecht um die Stadt Ruttek (Vrútky) am Nordrand der Großen Fatra zwischen ungarischen Truppen und tschechoslowakischen Freiwilligen gegeben, bei dem Letztere 11 Männer verloren. Am 2. Dezember griff der Oberbefehlshaber der Ententestreitkräfte, Marschall Foch, in die Angelegenheit ein. Er ließ eine Mitteilung veröffentlichen, dass die tschechoslowakische Armee Bestandteil der alliierten Streitkräfte sei und das Recht habe, die gesamte Slowakei zu besetzen. Die Grenzen der Slowakei waren im Königreich Ungarn nicht definiert. Deshalb wandte sich Beneš in Paris an den Alliierten Kriegsrat und dieser legte die zukünftigen Grenzen der Slowakei fest. Dabei verfuhr Beneš erneut nach dem Motto, so viel Territorium wie möglich einzukassieren. So kamen im Süden der Slowakei Gebiete zur Slowakei, die mehrheitlich von Ungarn bewohnt wurden. Die Einwohner wurden natürlich nicht gefragt. Daraus entstand ein noch heute existierender nationaler Hader zwischen Ungarn und Slowaken.

Beneš hatte es innerhalb weniger Wochen geschafft, dass alle Nachbarn der Tschechoslowakischen Republik zu deren Feinden wurden. Er glaubte aber, seine Gönner in Paris würden immer an seiner Seite stehen und er könne sich deshalb alles erlauben.

Vorläufig fehlten aber der tschechoslowakischen Regierung in der Slowakei die militärischen Kräfte, um den Beschluss der Alliierten durchzusetzen. Im Verlauf des November gelang es, in Prag vier Bataillone mit Freiwilligen für den Einsatz in der Slowakei aufzustellen. Hinzu kamen mehrere Hundertschaften aus Mitgliedern des Sokol. Das erste aus Prag entsandte Bataillon besetzte kampflos Trentschin (Trenčin) und Umgebung. Durch die Verlegung weiterer Kräfte wuchsen die tschechischen Truppen in der Slowakei auf fast 5.000 Mann an. Man konnte jetzt eine zweite Front eröffnen und versuchte erneut von Sillein (Žilina) aus durch das Tal zwischen Kleiner und Großer Fatra nach Osten vorzustoßen. Doch bei Ruttek wurde die tschechische Kampfgruppe erneut geschlagen. Deren Flucht endete erst in Teschen. Dort wurde sie reorganisiert und als Reserve für eine weitere Kampfgruppe eingesetzt, die erneut über Sillein angriff. In einem Gefecht am 14. und 15. Dezember wurden die Ungarn bei Ruttek vernichtend geschlagen. Ohne größeren Widerstand konnten die tschechischen Truppen bis Kaschau (Košice) vorrücken und diese Stadt am 27. Dezember einnehmen. Mit der Besetzung von Preschau (Prešov) am 28. Dezember endete der Kampf im Norden und Osten der Slowakei. Ende Dezember wurde die gesamte italienische Legion im Bestand von zwei Divisionen mit 19.500 Mann, 140 Maschinengewehren und 60 Geschützen in die Slowakei verlegt. Am 30. Dezember griff das 33. Legionärsregiment, unterstützt von einem Regiment aus Mähren, Preßburg an. Dieses wurde von zwei ungarischen Honvédregimentern (1.800 Mann), 300 Mann Gendarmerie und 500 städtischen Polizisten verteidigt. Bis zum 20. Januar besetzten mehrere Regimenter Legionäre die Randgebiete der Slowakei – den äußersten Süden bis Komárno, den äußersten Norden um Bartfeld (Bardejov) und die Karpato-Ukraine.

Damit war der Krieg aber noch nicht beendet, die innenpolitischen Ereignisse in Ungarn führten zu einer überraschenden Wende.

In Ungarn herrschten ab Anfang November 1918 ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland. Eine Revolution hatte die alte Regierung gestürzt und die Monarchie beseitigt. Wie in Deutschland kamen die gemäßigten Sozialdemokraten an die Macht. Die Kommunisten unter ihrem Vorsitzenden Béla Kun auf der einen Seite und rechtsextreme Gruppierungen auf der anderen Seite lauerten auf ihre Chance, die Macht zu ergreifen. Béla Kun, ein Schützling Lenins, war aus dem russischen Exil gekommen und hatte die Kommunistische Partei Ungarns gegründet. Zu diesem Zeitpunkt vertrat Lenin noch die These von Karl Marx und Friedrich Engels, dass der Kommunismus nur siegen könne, wenn die Revolution in allen Hauptländern des Kapitalismus auf einmal siegen würde (Weltrevolution). Béla Kun erhielt also den Auftrag, aus Ungarn eine Räterepublik nach russischem Vorbild zu machen, als Stützpunkt des Kommunismus in Mitteleuropa. Als Nächstes sollte dann Kun die Verbindung zu den revolutionären Kräften in Deutschland herstellen. Währenddessen drangen sowjetrussische und ukrainische Truppen durch Polen und Rumänien Richtung Ungarn vor. Die Entente setzte deshalb tschechoslowakische, rumänische und serbische Truppen gegen die Armee Ungarns ein. Die Truppen der Entente besetzten bis Januar 1919 Oberungarn, Siebenbürgen und den Vajdasag. Die Entente wollte die Offensive ihrer Vasallenarmeen bis zur Besetzung ganz Ungarns fortsetzen, denn die Rote Armee Russlands hatte bereits Bessarabien und die Bukowina erreicht. Im Frühjahr 1919 gab es eine Doppelherrschaft im noch unbesetzten Teil Ungarns, formal herrschte noch die alte Regierung, aber die Kommunisten konnten in immer mehr Ortschaften Arbeiter- und Soldatenräte bilden. Am 20. März überreichte der Chef der Militärmission der Entente in Budapest, Oberstleutnant Fernand Vix, der ungarischen Regierung eine Note, in der er forderte, Ostungarn bis einschließlich Debrecen von ungarischen Truppen zu räumen. Infolgedessen trat der ungarische Ministerpräsident zurück. Die sozialdemokratischen Minister entschieden daraufhin, den Kommunisten die Beteiligung an der Macht anzubieten. Am 21. März wurde eine Regierung unter der Beteiligung der Kommunisten gebildet, Béla Kun wurde Außenminister. Eine Rote Armee in Stärke von 50.000 Mann wurde aufgestellt. Am 4. April ergriffen in München die Kommunisten die Macht und gründeten die Münchner Räterepublik. In der österreichischen Republik (Deutschösterreich) hatten die Arbeiter unter Führung der Sozialdemokraten die monarchischen Strukturen beseitigt und Arbeiterräte und Soldatenräte als Machtorgane aufgestellt. Das Land war aber in einer äußerst verzweifelten Situation, denn es war jetzt von allen Versorgungsgebieten abgeschnitten, die früher die österreichischen Gebiete versorgt hatten. Es mangelte vor allem an Kohle und Getreide. Sowohl die Tschechoslowakei als auch Ungarn konnten beides liefern. Andererseits lagerten aber die Waffenvorräte, Gewehre, Maschinengewehre und Geschütze einschließlich Munition der aufgelösten österreichisch-ungarischen Armee in ungeheuren Mengen in der österreichischen Republik. Die sozialdemokratische Führung der österreichischen Republik wollte unter keinen Umständen mit Masaryk und Beneš zusammenarbeiten, fühlte sich aber mit den ungarischen Arbeitern verbunden. Béla Kun wiederum sah sich kurz vor dem Ziel. Seine Aufgabe war es, eine territoriale Verbindung zwischen Sowjetrussland und den revolutionären Kräften in Deutschland herzustellen. Gelang es ihm dauerhaft, Preßburg zu besetzen, konnte er als nächstes Ziel die Errichtung einer kommunistischen Ordnung in Österreich anstreben und dann hatte er eine territoriale Verbindung nach Süddeutschland. Das würde auf jeden Fall zu einem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung in ganz Deutschland führen. Der Kommunismus stand kurz vor einem bedeutenden Sieg. Die österreichischen Sozialdemokraten wollten aber keine kommunistische Herrschaft in Österreich. So betrieben diese eine Schaukelpolitik, einerseits lieferte man heimlich Waffen nach Ungarn, andererseits aber bekämpfte man auf der politischen Linie die kommunistischen Umsturzversuche. Am 7. Mai wurde die Münchner Räterepublik durch einen konzentrierten Angriff von Reichswehrtruppen und Freikorps blutig niedergeschlagen. Der Weg nach Deutschland war damit für die kommunistische Revolution versperrt. Inzwischen waren aber die tschechischen Truppen in eine schwere Krise geraten.

Die Pariser Friedenskonferenz hatte bereits Mitte Februar den tschechoslowakischen Antrag auf Bestätigung der neuen Grenzen der Slowakei positiv entschieden. Deshalb erhielt der Befehlshaber der italienischen Legion, der italienische General Piccione, den Befehl, die neuen Grenzen zu Ungarn zu sichern. Am 27. April rückte die Legion in die von ungarischen Truppen verlassenen Gebiete ein. Die Truppen der Legion machten aber nicht an der Grenze halt, sondern drangen weiter auf ungarisches Gebiet vor. Am 1. Mai besetzten sie Miskolc. Ihr Ziel war es, die rumänischen Truppen bei deren Vormarsch auf Budapest zu unterstützen. Der Versuch, auch Salgótarján zu besetzen, wurde aber zwei Mal von den ungarischen Truppen vereitelt. Parallel dazu entbrannte auch eine Schlacht um Komárno. Eine zweite Gruppierung der tschechoslowakischen Armee unter dem französischen General Hennocque kämpfte weiter östlich. Am 10. Mai griffen die Ungarn in drei Stoßrichtungen an. Die beiden Befehlshabenden französischen Generale erwiesen sich als unfähig, mit ihren Gruppierungen die ungarische Offensive abzufangen, zudem brach die Logistik der tschechoslowakischen Armee zusammen. Die Führung der ungarischen Roten Armee ging zur Gegenoffensive über mit dem Ziel, die Bahnlinie Preßburg – Sillein – Kaschau zu besetzen und damit den slowakischen Kriegsschauplatz in zwei Teile aufzuspalten. In dieser Situation drängte die alliierte Kontrollkommission in Wien die österreichische Regierung, die Waffenvorräte der österreichisch-ungarischen Armee an die Alliierten auszuliefern. Diese wollte aber auf keinen Fall, dass die Waffen in die Tschechoslowakei gelangten, und lieferte diese an Italien aus. Am 1. Juni wurde General Piccione durch den französischen General Mittelhauser ersetzt, Chef des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee wurde der französische General Pellé. Bis 1926 wurde in der Folgezeit dieser Posten von französischen Generalen besetzt. Die Ungarn hatten inzwischen fast die ganze Slowakei besetzt, im Osten bis zur ukrainischen Grenze und im Westen standen sie 60 km vor Preßburg. Am 14. Juni unternahmen die Kommunisten in Wien einen Putschversuch, der von der regierungstreuen Volkswehr niedergeschlagen wurde. Am 16. Juni wurde in Preschau die Slowakische Räterepublik ausgerufen, offensichtlich hatten die Slowaken kein allzu großes Interesse, in die Tschechoslowakei eingegliedert zu werden, denn slowakische Freiwilligenabteilungen schlossen sich der ungarischen Armee an. Am 18. Juni erreichten die ungarischen Truppen Petržalka, die Vorstadt von Preßburg am südlichen Ufer der Donau. Vom 20. bis 24. Juni fanden heftige Kämpfe um Preßburg und Neuhäusel (Nové Zámky) statt. In diplomatischen Noten forderten die Siegermächte die ungarische Räteregierung auf, ihre Truppen aus der Slowakei abzuziehen. Die ungarische Rote Armee wurde inzwischen von tschechoslowakischen, rumänischen, serbischen und französischen Truppen attackiert, insgesamt rund 150.000 Mann. Unter diesen Bedingungen erklärte die ungarische Regierung sich bereit, ihre Truppen aus der Slowakei abzuziehen. Das hatte verheerende politische Folgen. Die Bevölkerung verstand nicht, warum die erst unter Opfern erkämpften Gebiete jetzt kampflos geräumt wurden. Mehrere führende Politiker und Armeekommandeure traten zurück. Die Entente hielt die Bedingungen des Waffenstillstandes nicht ein und ließ rumänische Truppen und Einheiten der ungarischen Konterrevolution in Budapest einmarschieren. Am 30. Juli informierte Lenin, dass die russische Rote Armee der ungarischen Räterepublik nicht zu Hilfe kommen könne, denn deren Offensive war am Dnjestr gestoppt worden. Daraufhin wurde die ungarische Räteregierung gestürzt, Kun floh nach Österreich und wurde dort interniert. Es gelang ihm, nach Russland zu fliehen. 1921 nahm er an den Märzkämpfen in Deutschland teil. Zusammen mit anderen ungarischen Kommunisten wurde er im Verlauf der Säuberungen in der Sowjetunion erschossen.

Dreiachsiger Pkw des Typs Tatra bei der Erprobung (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

sMG des Typs Schwarzlose 24 bei einem Manöver der tschechoslowakischen Armee (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

sMG Schwarzlose 24 (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

Kapitel 4

Die militärische und politische Entwicklung in der Tschechoslowakei 1919–1936

Mit der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik endeten die Kämpfe um den Bestand der Tschechoslowakischen Republik. Diese hatte das von den Siegermächten zugesprochene Territorium erfolgreich verteidigt. Beneš wollte jetzt auch politisch für Ruhe sorgen und versprach Sudetendeutschen und Slowaken Autonomie. Die Tschechoslowakische Republik sollte eine Demokratie nach Schweizer Vorbild mit einem Kantonalsystem werden. Sudetendeutschland, Tschechien und die Slowakei sollten in Kantone eingeteilt werden, mit weitgehenden autonomen Rechten. Das waren aber leere Versprechungen, die politischen Pläne von Masaryk und Beneš waren genau entgegengesetzt. Statt eines föderalen Systems wollte man einen von Prag aus gelenkten (Pragozentrismus) tschechoslowakischen Nationalstaat schaffen. Da eine tschechoslowakische Nation aber nicht existierte, sollten unter Missachtung ihrer Rechte die Minderheiten „tschechisiert“ werden. Die Bevorzugung Prags zeigte sich schon am Wahlgesetz. Im Wahlbezirk Prag entfielen auf ein Mandat 38.699 Stimmen, in Neuhäusel (Slowakei) 57.223 und in Uschgorod (Karpato-Ukraine) 67.303. Bereits nach kurzer Zeit begann die Regierung in Prag mit einer antisudetendeutschen und antislowakischen Politik. In der ganzen Republik wurde Tschechisch als alleinige Amtssprache eingeführt, Beamte mussten eine Sprachprüfung ablegen, womit Nichttschechen aus den Ämtern vertrieben wurden. Viele deutschsprachige Schulen wurden geschlossen und die Lehrer entlassen, innerhalb von fünf Jahren wurden 4.000 deutsche Klassen aufgelassen. Die deutschen Hochschulen erhielten weniger finanzielle Mittel als die tschechischen. Die deutsche Wirtschaft wurde in vielen Bereichen benachteiligt, die Selbstverwaltung der deutschen Gemeinden beschnitten. Dadurch stieg die Zahl der tschechischen Einwohner in Sudetendeutschland, die deutsche Bevölkerung verminderte sich. Viele Deutsche gingen nach Deutschland, weil sie in Tschechien keine Arbeit mehr fanden. Ziel war es, die deutschen Siedlungsgebiete innerhalb von 20–25 Jahren so weit mit Tschechen zu durchsetzen, dass diese sich in der Mehrheit befanden. Ein besonderer Krieg wurde gegen die sudetendeutsche Industrie geführt. Die tschechischen Schwerindustriebetriebe wurden durch Rüstungsaufträge gefördert. Die tschechischen Städte erhielten großzügige Subventionen, während die in Händen der Sudetendeutschen befindlichen Werke in Nordböhmen der Braunkohle-, Textil-, Glas- und Porzellanindustrie verkümmerten. Die Wirtschaftspolitik der tschechoslowakischen Regierung begünstigte die tschechischen Gebiete einseitig, die sudetendeutschen und auch die slowakischen Gebiete wurden wie Kolonialgebiete behandelt. Aus diesen wurde das Höchstmögliche an Steuern herausgeholt, investiert wurde nur, wenn sich tschechische Betriebe mit tschechischen Arbeitern und Angestellten in diesen Gebieten niederließen. Der größte Schlag gegen die Sudetendeutschen war aber die schrittweise Einschränkung der Selbstverwaltung der Gemeinden und Bezirke. Das war eine aus dem alten Österreich übernommene Verwaltungsstruktur, die in etwa dem heutigen deutschen Föderalismus entsprach. Grundlage der Selbstverwaltung bildete die Verfügungsgewalt der Selbstverwaltungsorgane über einen Teil der von ihnen erzielten Einnahmen an Steuern und Gebühren. Dadurch war es den Gemeinden und Bezirken möglich, durch Vergabe öffentlicher Arbeiten sowie durch sozialpolitische Maßnahmen den sozialen Standard ihrer Einwohner zu heben. Die sudetendeutschen Gebiete zeichneten sich durch einen starken Mittelstand aus, der stets ein Garant guter Steuereinnahmen war. Diese Selbstverwaltung wurde durch den Staat immer weiter eingeschränkt, besonders mit Hilfe der Verwaltungsreform 1927/28. Trotzdem unterstützte die Mehrheit der deutschen Bevölkerung anfangs die Prager Regierung, es war also der Wille zum Zusammenleben durchaus vorhanden.

Die tschechoslowakische Regierung verstieß mit ihrer Politik gegen internationale Verpflichtungen, die sie selbst eingegangen war, hatte sie doch 1922 das internationale Abkommen zum Schutz der Minderheiten unterzeichnet. Die sudetendeutschen Abgeordneten versuchten natürlich Änderungen dieser Politik zu erreichen, wurden aber im Parlament immer von der tschechischen Mehrheit überstimmt. Sie richteten bis 1938 insgesamt 24 Eingaben an den Völkerbund in Genf, davon wurde nicht eine beantwortet. Das war dem persönlichen Einfluss von Beneš zu verdanken, dieser galt als treuester Verbündeter Frankreichs und hatte großen Einfluss in Genf. Diese Politik führte zu einem ständigen Wählerschwund bei den sudetendeutschen Parteien, die den tschechoslowakischen Staat bejahten. Im Jahr 1935 kam es zu einem Erdrutschsieg der neu gegründeten Sudetendeutschen Partei unter Konrad Henlein. Inzwischen hatte sich auch in Deutschland die Situation grundlegend geändert. Hitler löste Deutschland Schritt für Schritt aus den Fesseln des Versailler Vertrages und begann Deutschland wieder aufzurüsten. Er erklärte sich zum Schutzpatron aller deutschen Minderheiten im Ausland. Damit hatten jetzt die Sudetendeutschen den internationalen Rückhalt, den ihnen der Völkerbund nicht geben wollte. Die permanente Krise der Sudetendeutschen im tschechischen Staat wurde damit zu einer internationalen Krise. Bis zum Jahr 1938 verdichteten sich die internationalen Probleme zu einer Krise und genau wie 1914 stand ein Krieg vor der Tür, der Waffenstillstand war zu Ende. In Spanien, China und in Nordafrika sprachen bereits die Waffen.

Entsprechend dem Diktat von Versailles musste Deutschland seine Streitkräfte auf 7 Infanterie- und 3 Kavalleriedivisionen abrüsten. Diese Streitkräfte wurden fortan als „Reichswehr“ oder auch „100.000-Mann-Heer“ bezeichnet, weil die Reichswehr nur einen Personalbestand von 102.000 Mann mit 1926 Maschinengewehren und 252 Feldgeschützen haben durfte. Gepanzerte Fahrzeuge und Kampfflugzeuge waren verboten. Eine alliierte Kontrollkommission überwachte die Einhaltung dieser Bestimmungen. Obwohl die Reichswehrführung mit Unterstützung industrieller Kreise diese Entwicklung zu unterlaufen versuchte, und zwar durch Aufstellung der sogenannten Schwarzen Reichswehr, durch Verstecken von Waffen und Munitionsbeständen, die das erlaubte Limit überschritten und durch geheime Waffenentwicklungen in Spanien und Sowjetrussland, lag Deutschland militärisch am Boden und war von Feinden umgeben, mit Ausnahme von Österreich. Die Tschechoslowakei hingegen konnte ungehindert aufrüsten und eine hochmoderne Armee aufbauen. Dabei konnte sich die tschechoslowakische Regierung auf drei Säulen stützen: kampferprobte Truppen in Form der tschechoslowakischen Legionen in Stärke von ca. 100.000 Mann, die zweitgrößte (nach Frankreich) Rüstungsindustrie Europas und eine intensive Ausbildungshilfe durch die französische Armee.

Für das Verständnis der weiteren Entwicklung ist es notwendig, sich mit diesen Ausgangsfaktoren näher zu beschäftigen.

Die Aufstellung der Tschechoslowakischen Legion war der genialste Schachzug von Masaryk und Beneš. Die österreichisch-ungarische Armee wies im 1. Weltkrieg Führungsschwächen auf, wie es bei multinationalen Armeen häufig der Fall war. Deshalb machte die russische Armee bei Gegenoffensiven unverhältnismäßig viele Gefangene. Masaryk schlug deshalb den Alliierten vor, aus Kriegsgefangenen Kampfverbände aufzustellen, die an der Seite der Alliierten kämpfen sollten. Das war ein klarer Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht. Trotzdem stimmten die Alliierten zu und so wurden in Frankreich Verbände in Stärke von ca 7.000 Mann und in Italien von 20.000 Mann aufgestellt. Im 1. Weltkrieg kamen diese nicht mehr zum Einsatz, nahmen aber an den Kämpfen gegen Polen und Ungarn teil.

Die bedeutendste Kräftegruppierung bildeten die militärischen Kräfte der Tschechoslowakischen Legion in Russland. Im Jahr 1917 hatten diese die Stärke eines Armeekorps von 35.000 Mann erreicht. Bis zum Beginn des Abtransportes war es im Raum Kiew stationiert. Als die deutschen Truppen sich Kiew näherten, unterstützte das tschechoslowakische Armeekorps die bewaffneten Kräfte der Bolschewiken in mehreren Gefechten gegen die deutsche Armee. In Abstimmung mit der französischen Regierung sollte das Armeekorps nach Frankreich an die Westfront transportiert werden, um dort gegen die deutsche Armee eingesetzt zu werden. Das nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland entstandene Chaos brachte das tschechoslowakische Armeekorps in eine immer schwierigere Lage. Am 7. Februar 1918 erklärte Masaryk das Armeekorps als Teil der tschechoslowakischen Armee in Frankreich, gleichzeitig versuchte er den Abtransport nach Frankreich zu organisieren. Masaryk wollte nicht, dass das Armeekorps in die zu erwartenden innerrussischen Kämpfe hineingezogen würde.

Ein direkter Eisenbahntransport Richtung Westen hätte durch das Gebiet der Mittelmächte geführt und kam deshalb nicht in Frage. Damit blieben noch zwei Möglichkeiten: nach Norden zum Hafen Archangelsk und weiter im Schiffstransport oder nach Osten über die Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostok und dann ebenfalls weiter mit dem Schiff. Der Schiffstransport über Archangelsk war durch deutsche U-Boote bedroht, so blieb nur der lange und gefährliche Weg durch Sibirien.

Am 1. März 1918 begann der Abtransport der Tschechoslowakischen Legion. Die tschechoslowakischen Historiker bezeichneten diesen monatelangen Transport als „Anabasis“ (nach dem Zug der jüdischen Stämme aus Ägypten unter Moses). Das rollende Material hatte man selbst requiriert, darüber hinaus hatte man sich aus den russischen Armeelagern bestens mit Waffen, Munition und Verpflegung eingedeckt. Für Monate löste sich damit die Struktur der Legion, bestehend aus Divisionen und Regimentern, auf. An deren Stelle trat der „Echelon“ (russ.: Zug), der in der Regel ein Bataillon mit Waffen und Vorräten aufnahm.