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Ich halte ihn immer noch für das schönste Spiel, das je erfunden wurde. Von mir aus könnte jeden Abend ein Spiel auf der Glotze laufen. Jeden Abend wieder null zu null, elf gegen elf; ein Favorit gegen einen Außenseiter. Immer wieder gleich und jedes Mal anders. Aber es gehört auch zur Selbstachtung, nein zu sagen, wenn man etwas als schlecht erkennt, und nicht stumpf der Gewohnheit hinterherzurennen. Was habe ich denn in meiner Winzigkeit, außer meine Selbstachtung? Ein Quarantänebuch
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Seitenzahl: 26
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jo. Kilian Meister
Fexit
Warum wir aus dem Fußball aussteigen müssen
© 2020 Jo. Kilian Meister
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-3978-3
e-Book:
978-3-7497-3980-6
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Als ich kürzlich mit meinem zweijährigen Sohn an einer Wiese vorbeikam, auf der sich zwei Eichhörnchen tummelten, sagte ich mit dem Hochmut eines erklärsüchtigen Erwachsenen: „Guck mal, die Tiere spielen.“ Darauf entgegnete der Sohn mit dem Selbstverständnis des verstehenden Kindes: „Und wo ist dann der Fußball?“
Fexit – Warum wir aus dem Fußball aussteigen müssen
Einige Halbwahrheiten
aus Anlass der
Nicht-EM 2020
von Jo. Kilian Meister
Es gibt mehr im Leben als Arbeit und Freizeit. Fußball zum Beispiel. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er ist der faustische Augenblick, der zum Ereignis wird. Er ist das soziale Ereignis, zu dem wir zusammenkommen. Er ist das Spiel von quasireligiöser Schönheit. Er strukturiert unsere Woche. Er ist die Konstante im Leben: Alle paar Tage wieder ein Anstoß, wieder elf gegen elf, wieder Start bei null zu null. Doch keine Partie gleicht einer bereits gespielten. Auch wenn man Jahrzehnte Fußball guckt und meint, es sei immer wieder dasselbe: Es ereignen sich immer wieder Dinge, die man nie sah und mit denen man nicht rechnen konnte.
Wie im guten Theater verliert man sich für die Dauer der Aufführung aus der echten Welt in die gezeigte Welt hinein. Allerdings ist das gezeigte Stück auf der Fußballbühne auch ein Bisschen echte Welt. Der Profifußball liegt irgendwo zwischen Wahrheit und Fiktion. Er ist eine Show, eine Darbietung, auch ein Kulturgut, ein Gemeinschaftserlebnis. Deshalb funktioniert er nicht als Geistervorstellung. Wenn anno 2020 22 Geister hinter einem Ball herhuschen, und am Ende gewinnen die deutschen Geister, ist der Eindruck so gespenstisch, dass man sich einigt, ihn gar nicht erst zu erwecken.
Ein Endzonenspiel. Elf gegen elf. Wir gegen die. Der Ausgang des Duells ist nicht vorgegeben, nicht einmal berechenbar. Ein Improvisationstheater, bei dem man sich darauf einstellen muss, was die anderen tun. Die Akteure werden leistungsbezogen bezahlt, wobei auch die Erfolglosen in diesem Genre auf großen Bühnen ihr Auskommen haben. Die auf dem Weg dorthin Gescheiterten bleiben unbekannt. Es gibt gute und schlechte Inszenierungen. Auch Enttäuschungen; auch die besonders schlechte Partie gehört zum Abo, ist eingepreist und kein Anlass für diabolische Unmutsbekundungen oder Rückerstattung des Eintrittspreises. Jede Aufführung aber ist ein einmaliges und einzigartiges Original. Live ist live. Das Stück hat Helden und Antihelden, manchmal überraschende Wendungen und Pointen; meistens zwei Akte, manchmal vier, manchmal Showdown, eins gegen eins. Das Stück schreibt seine Geschichten selbst. Es wird ständig fortgesetzt. Fußball findet nie ein Ende – und selten eine Unterbrechung. Selbst wenn eine Pandemie alles zum Erliegen bringt, stolpert er kurz und läuft dann doch weiter, als gehe ihn die Welt außerhalb seiner Blase nichts an. The game goes on.
