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Boxerinnen im frühen 18. Jahrhundert, Jiu-Jitsu-Suffragetten, kurdische Kämpferinnen an der Waffe: Dieses Buch erzählt die vergessene Geschichte kämpfender Frauen. In Zeiten eines globalen antifeministischen Backlash erzählt die Journalistin Andrea Böhm die vergessenen Geschichten jener Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Geschlechtergrenzen physisch auflehnen. Ob im Ring, zu Hause oder auf dem Schlachtfeld: Frauen haben zu allen Zeiten das Dogma ihrer physischen Unterlegenheit gegenüber Männern infrage gestellt. Andrea Böhm fragt, ob der weibliche Körper tatsächlich so wehrlos ist, wie es uns von Kindesbeinen an gelehrt wird. Das männliche Gewaltmonopol: ein Mythos? Auf ihren Reisen begegnet sie mexikanischen Ringerinnen, die halsbrecherisch gegen die weibliche Opferrolle kämpfen; kurdischen Milizionärinnen, die im Krieg von einer feministischen Utopie träumen; kenianischen und deutschen Schülerinnen, die lernen, dass Wut ein befreiendes Gefühl ist − und Selbstverteidigung ihr gutes Recht. Und sie begegnet Männern, die diese Mädchen und Frauen dabei unterstützen. Sie alle sind überzeugt, dass ein selbstbewusstes weibliches Körperbewusstsein Voraussetzung für eine gleichberechtigte Gesellschaft ist. Ein unverzichtbares und persönliches Plädoyer für einen physischen Feminismus.
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2026
Andrea Böhm
Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen
Boxerinnen im frühen 18. Jahrhundert, Jiu-Jitsu-Suffragetten, kurdische Kämpferinnen an der Waffe: Dieses Buch erzählt die vergessene Geschichte kämpfender Frauen.
In Zeiten eines globalen antifeministischen Backlashs erzählt die Journalistin Andrea Böhm die vergessenen Geschichten jener Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Geschlechtergrenzen physisch auflehnen. Ob im Ring, zu Hause oder auf dem Schlachtfeld: Frauen haben zu allen Zeiten das Dogma ihrer physischen Unterlegenheit gegenüber Männern infrage gestellt. Andrea Böhm fragt, ob der weibliche Körper tatsächlich so wehrlos ist, wie es uns von Kindesbeinen an gelehrt wird. Das männliche Gewaltmonopol: ein Mythos? Auf ihren Reisen begegnet sie mexikanischen Ringerinnen, die halsbrecherisch gegen die weibliche Opferrolle kämpfen; kurdischen Milizionärinnen, die im Krieg von einer feministischen Utopie träumen; kenianischen und deutschen Schülerinnen, die lernen, dass Wut ein befreiendes Gefühl ist − und Selbstverteidigung ihr gutes Recht. Und sie begegnet Männern, die diese Mädchen und Frauen dabei unterstützen. Sie alle sind überzeugt, dass ein selbstbewusstes weibliches Körperbewusstsein Voraussetzung für eine gleichberechtigte Gesellschaft ist. Ein unverzichtbares und persönliches Plädoyer für einen physischen Feminismus.
Andrea Böhm, geboren 1961, arbeitete über zehn Jahre als Reporterin in den USA und schrieb u.a. für die tageszeitung, Die Zeit und GEO. Seit 2006 gehört sie dem Politik-Ressort der Zeit an, deren Nahost-Korrespondentin sie von 2013 bis 2018 mit Sitz in Beirut war. 2011 erschien ihr Buch «Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo», das für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war. 2017 folgte «Das Ende der westlichen Weltordnung». Für ihre journalistische Arbeit wurde sie u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Hansel-Mieth-Preis und dem Werner-Holzer-Preis ausgezeichnet.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Copyright © 2026 by Andrea Böhm
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
ISBN 978-3-644-01908-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Der Anstoß zu diesem Buch war der Fußtritt einer Frau in den Unterleib eines Mannes. Geschehen am 17. Oktober 2019 in der libanesischen Hauptstadt Beirut während Massenprotesten gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Der Konvoi eines Ministers war in einer Demonstration stecken geblieben, ein Leibwächter stieg aus und feuerte mit seinem Gewehr in die Luft. Aus der Menschenmenge löste sich eine kleine, schlanke Frau, winkelte das linke Bein an und versetzte ihm einen gezielten Tritt in die Weichteile.
Dutzende hatten den Moment fotografiert oder gefilmt. Wenige Stunden später war die Demonstrantin in den sozialen Medien zur «Kick Queen» und zur Heldin der Proteste gekrönt. Die Szene tauchte als Graffiti an Häuserwänden auf, Videos und Fotos gingen viral. Ich lud mir eines der Bilder herunter, starrte es immer wieder und immer ungläubiger an. Ort, Zeitpunkt und Kontext verblassten. Übrig blieben die Konturen einer unbewaffneten Frau, die mit voller Wucht und Entschlossenheit einen deutlich größeren und schießenden Mann angreift.
Bilder von Gewalt erschüttern meist, weil sie Brutalität und Erniedrigung zeigen, also die erdrückende Macht der durch Gesetz, Bewaffnung, Aggressivität oder Körperkraft Stärkeren über Schwächere. Das Bild aus Beirut erschütterte und faszinierte mich, weil es am Fundament des zentralen Machtverhältnisses der jüngeren Menschheitsgeschichte rüttelte: dem physischen Gewaltmonopol der Männer.
Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, in den Kinos verprügeln Superheldinnen männliche Bösewichte, Frauen sind in alle Stilarten des Kampfsports vorgedrungen, Soldatinnen kommen an der Front zum Einsatz. Aber Wonder Woman, olympische Boxerinnen und Bomberpilotinnen haben wenig an dem Glauben geändert, dass es im Kampf gegen die Ungleichheit der Geschlechter zwei scheinbar unverrückbare Konstanten gibt: die körperliche Unterlegenheit von Frauen gegenüber Männern und die männliche Bereitschaft zu Aggression. Neben der weiblichen Gebärfähigkeit sind das die zentralen Kriterien, um Menschen in zwei Geschlechter zu unterteilen. Nur die Gebärfähigkeit ist ein biologisches Merkmal, doch alle drei werden bis heute als «Naturgesetze» gesehen. Auf der vermeintlich «natürlichen» physischen Überlegenheit und Aggressivität, über die letzten Jahrtausende immer wieder religiös und juristisch kodifiziert, beruht das männliche Gewaltmonopol. Es ist die Grundlage jeder patriarchalen Herrschaft, die wiederum alle anderen sozialen Hierarchien durchzieht.
Das Bild der kickenden Königin von Beirut hängt über meinem Schreibtisch. Malak Alawiye heißt sie, zum Zeitpunkt jener Demonstration war sie 39 Jahre alt. Wenige Wochen später feierte sie ihre Hochzeit im weißen Brautkleid mitten unter den Protestierenden. Vier Monate später wurde gegen sie ein Verfahren vor einem Militärgericht eröffnet wegen Körperverletzung und Beleidigung von Sicherheitskräften, das in den politischen Unruhen der folgenden Jahre im Sand verlief.
Liebe Malak, dachte ich bei jedem Blick auf das Foto, was, wenn dein Bild Schule macht? Was, wenn das «Naturgesetz» als Täuschung, als soziale Konstruktion entlarvt wird und auch diese Säule des Patriarchats zu bröckeln beginnt? Was, wenn Frauen sich das Recht zur (Gegen-)Gewalt nehmen?
Dann merkte ich, dass ich etwas übersehen hatte.
Es ist verblüffend, wie ein kurzes Schlaglicht im täglichen Nachrichtenstrom den eigenen Blick schärfen kann. Je länger ich über diese Fragen nachdachte, desto mehr Bilder anderer Kick Queens tauchten auf: Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts einen «physischen Feminismus» propagiert hatten. Faustkämpferinnen, die im frühen 18. Jahrhundert in Europa in öffentlichen Arenen auch gegen Männer antraten. Die Brigade der Strickerinnen, die während der Französischen Revolution ihr Bürgerrecht auf Bewaffnung einforderte. Buddhistische Nonnen, die eine Kampfkunst eigens für Frauen entwickelt haben sollen. Eine Bürgerinnenwehr in Indien, die Vergewaltiger verprügelt.
Je mehr ich recherchierte, desto globaler und verbreiteter erschien das Phänomen von Frauen, die kämpfen und auf das Recht auf Gewalt pochen. Für eine Serie von Portraits weiblicher Davids gegen männliche Goliaths war schnell genügend Material zusammengekommen. Aber ein solches Buch wäre langweilig geworden. Und es hätte die Geschichte verzerrt. Denn einzelnen Episoden über Frauen, die zu(rück)schlagen, angreifen, sich bewaffnen, verletzen, töten und so zumindest für einen kurzen Moment physische Macht ausüben, haftet immer das Exotische, das Exzeptionelle an. Der «Jeanne-d’Arc-Effekt».
Die Frauen, über die ich in diesem Buch schreibe, sind keine Ausnahmen von der Regel, keine «Unfälle der Natur». Ihre Entscheidungen, körperliche Gewalt auszuüben, spiegeln gesellschaftliche Umbrüche wider, in denen sich Geschlechtergrenzen verschoben haben. Das ist zunächst eine Feststellung, keine Wertung. Patriarchale Gesellschaften sind Gewalträume, in denen Menschen, vor allem Frauen, dienstbar gemacht werden. Aber sie schaffen nie klare Linien zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Wenn Frauen im Rahmen patriarchaler Verhältnisse Gewalt ausüben, kann der Kontext ambivalent, manchmal verstörend sein. Viele weiße US-amerikanische Feministinnen des späten 19. Jahrhunderts begründeten das Recht auf Selbstverteidigung mit dem rassistischen Stereotyp sexuell aggressiver Schwarzer Männer. Die indische Bürgerinnenwehr praktiziert Selbstjustiz. Bei den Mixed Martial Arts (MMA) lassen sich Top-Fighterinnen von einer rechten Bewegung vereinnahmen.
Von solchen Widersprüchen wird zu reden sein. Sie ändern jedoch nichts daran, dass in der Geschichte des Patriarchats verblüffend viele Frauen sich dem «Naturgesetz» der männlichen körperlichen Überlegenheit widersetzt haben und dies heute mehr denn je tun. Übrigens oft mit der Unterstützung von Männern.
Bloß ist diese Geschichte gewaltbereiter Frauen kaum je erzählt worden. Sie wurde vergessen und verdrängt. In den Medien, in den Wissenschaften, in der öffentlichen Debatte. Wobei «gewaltbereit» hier eben nicht meint, physischen Zwang gegen körperlich und sozial Schwächere auszuüben, sondern sich diesem Zwang und seinen politischen Folgen zu widersetzen.
Erstaunlicherweise haben auch die großen Theoretikerinnen des Feminismus das männliche Gewaltmonopol selten infrage gestellt. Nun war politische Theorie immer schon geprägt von einer Distanz zum Körperlichen. Gewalt wurde und wird meist als abstraktes oder kollektives Phänomen behandelt, als Ausdruck eines Machtverhältnisses im Rahmen des Politischen. Mit Beginn der zweiten feministischen Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren, als das Private politisch wurde, rückten Theoretikerinnen und Aktivistinnen den weiblichen Körper in den Fokus. Sie betrachteten ihn vor allem als Beweismittel für patriarchale Unterdrückung: permanent bedroht, verletzt, verstümmelt, erniedrigt oder getötet durch Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe, Pornos, Schönheitsideale, Abtreibungsverbote, schlechtere Gesundheitsversorgung, häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung. Nur selten erschien der weibliche Körper als Teil eines Subjekts, das sich zu wehren weiß, das physisch aufbegehrt, also männlich besetzte Eigenschaften wie Wut und Aggression zeigt.
Das war in der ersten Welle der westlichen Frauenbewegung anders. Damals erklangen Parolen wie: «Jede Frau ist ihre eigene Beschützerin.» Oder: «Es ist unweiblich, sich überwältigen zu lassen.» Dieser physische Feminismus tauchte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder auf, aber zunächst nur in Nischen der Bewegung. Und er stieß bei jenen Aktivistinnen auf Ablehnung, die weibliche Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit für politische, anti-patriarchale Tugenden hielten. Dahinter steckt eine Frage, die besonders für Feministinnen meiner Generation schmerzhaft ist: Wir haben jahrzehntelang angeprangert, wie Frauen ununterbrochen zu Opfern sexistischer Gewalt werden. Das hat diese Gewalt endlich skandalisiert. Aber hat der Fokus auf den weiblichen Opferstatus sie womöglich auch perpetuiert?
Dieses Buch ist kein Appell an seine Leserinnen, umgehend mit Karate oder Boxen anzufangen. Es ist auch kein Appell an seine Leser, sich Freundinnen, Ehefrauen, Töchtern als Sparringspartner zur Verfügung zu stellen. Es ist eine historische wie geografische Suche nach weiblicher Entschlossenheit zu physischem Kampf – und der Lust daran. Nach verstecktem oder offenem, manchmal auch fehlgeleitetem körperlichen Widerstand gegen misogyne Gewalt. Nach Frauen und trans Menschen, die mit ihrem Körper das männliche Monopol auf Aggressivität brechen. Nach Männern, die sich mit ihnen solidarisieren. Und nach Antworten. Warum wird ein Mensch, der Gewalt ausübt, unabhängig von seiner Geschlechtszugehörigkeit fast immer mit dem Attribut des Männlichen versehen? Warum werden Menschen, die Gewalt erleiden, ob Frau oder Mann, fast immer verweiblicht?
Auf den folgenden Seiten wird viel geprügelt, getreten und geschossen. Natürlich geht es auch um Theorien, Ideologien und Debatten. Aber es geht vor allem um Muskeln, Atem und Stimme und um die Entschlossenheit oder die Angst, Raum einzunehmen. Es geht um die eigene Erinnerung an Übergriffe, Fluchten und Gegenwehr, um heruntergeschluckte und hochgespülte Wut, um die Ausdehnung oder Selbstbeschränkung der Bewegungsfreiheit. «Körperarchiv» nennt das die französische Philosophin Elsa Dorlin. Die Körperarchive der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren wichtige Quellen für dieses Buch. Und mein eigenes konnte ich weder beim Schreiben oder Lesen noch beim Zuhören ignorieren.
Das ist keine Trigger-Warnung. Es ist die Einladung zu einer Entdeckungsreise. Die Begeisterung britischer Suffragetten für japanische Kampfkunst war für mich ebenso neu wie die Berichte über eine verschwitzte Marlene Dietrich in einem Berliner Boxring der 1920er Jahre. Ich wusste nichts von der weiblichen Eliteeinheit in der Armee eines westafrikanischen Königreichs, die europäischen Kolonialtruppen mehr Angst einjagte als männliche Kämpfer. Ich wusste nichts von der Rolle der «Ladyboys», der trans Frauen, im thailändischen Boxen. Oder von den Luchadoras im mexikanischen Ciudad Juárez, Ringerinnen, die in der «Stadt der Frauenmorde» um die Deutungshoheit über das Bild des weiblichen Körpers kämpfen.
Es mag weltfremd klingen, ausgerechnet jetzt eine andere Geschichte der Gewalt- und Körperbeziehungen zwischen Frauen und Männern zu erzählen. Dieses Buch erscheint inmitten eines weltweiten und dramatischen Backlashs gegen Feminismus und Menschenrechte. Genderbewusstsein, gleichgeschlechtliche Ehen, die Legalität des Schwangerschaftsabbruchs sind Kampfbegriffe eines rechten Diskurses geworden. Politiker gewinnen mit offener Misogynie Wahlen. Während ich dieses Buch geschrieben habe, wurde Donald Trump, inzwischen wegen sexuellen Missbrauchs rechtskräftig verurteilt, erneut zum Präsidenten der USA gewählt. Rechte Influencer propagieren in Internetforen die Vergewaltigung von Frauen als Vorrecht des «echten» Mannes und generieren damit Millionen von Klicks. Militante gekränkte Maskulinität, verrührt mit einem nationalistischen Narrativ, stellt immer noch und mehr denn je eine globale Bedrohung dar. Russlands Einmarsch in die Ukraine 2022 ist ein besonders erschütterndes Beispiel, von Wladimir Putin kurz vor Kriegsbeginn mit einer Vergewaltigungsmetapher angekündigt: «Du wirst dich fügen müssen, meine Schöne.»
Diese Rückschläge sind verstörend. Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass sie nicht die Aussichtslosigkeit des Kampfes um Geschlechtergerechtigkeit beweisen, sondern eine Reaktion auf dessen Erfolge sind. Der Prozess der Emanzipation der Frauen und queerer Menschen ist die wohl größte Revolution der jüngeren Menschheitsgeschichte. Sie mäandert, läuft manchmal in Sackgassen, wird von Widersprüchen und Gegenschlägen gehemmt. Vom Ziel einer geschlechtergerechten Gesellschaft sind wir noch weit entfernt. Und der jüngste Backlash zeigt, wie schnell Errungenschaften zunichtegemacht werden können. Die große Mehrheit der Millionen Anhänger einer militant gekränkten, gewaltbereiten Mannosphäre sind junge Männer und männliche Jugendliche, die ihre Sehnsucht nach einem autoritären Patriarchat in die nächsten Jahrzehnte tragen werden.
Um so wichtiger ist es, dass immer mehr Frauen – und Männer – an immer mehr Orten der Welt das Fundament dieses Patriarchats angreifen: den Glauben, dass physische Überlegenheit und die daraus resultierende Bereitschaft zu Aggressivität etwas angeboren Männliches ist – und körperliche Unterlegenheit und Hang zu Passivität etwas angeboren Weibliches.
Meine Reise zu den Stationen eines physischen Feminismus beginnt in Bibliotheken und Archiven auf den Spuren «schlagender Weiber» vergangener Jahrhunderte. Von dort geht es weiter nach Großbritannien, Mexiko, ins westafrikanische Benin, nach Thailand. Am Ende lande ich in den Slums von Nairobi und im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Zwei von vielen Orten, an denen Menschen begriffen haben, dass patriarchale Gewalt nicht auf einer unabänderlichen, weil biologischen Überlegenheit beruht, sondern auf einer sozialen Konstruktion, die sie ändern können. Für mich sind es Orte realistischer Utopien. Sie sind nicht friedlich. Es wird geboxt, gerungen, gebrüllt und gekämpft. Jungen lernen dort, dass Aggressivität menschlich ist und Dominanz über Frauen nicht männlich. Mädchen lernen, sich nicht mehr kleinzumachen, sondern sich mit ihren Körpern selbstbewusst in die Welt zu stellen.
Oder wie es Feministinnen der ersten Generation formulierten: Sie lernen, dass es «unweiblich ist, sich überwältigen zu lassen».
Ich war acht Jahre alt, als ich mir zu Weihnachten Boxhandschuhe wünschte. «Kommt nicht infrage», erklärte meine Mutter. «Du läufst jetzt schon herum wie ein Möbelpacker. Nimm Ballettstunden!» Ich hatte damals beschlossen, als Junge durch die Welt zu gehen. Ich verachtete Röcke, Puppen und Klassenkameradinnen mit rosa Poesiealben. Ich trug die Haare kurz, träumte von einer Karriere als Bundesligaprofi und forderte jeden, der beim Fußball keine Mädchen auf den Bolzplatz lassen wollte, zum Raufen auf. Gewann ich, durfte ich als «der Andi» mitspielen. Verlor ich, gab es Spott. Und vielleicht ein paar Minuten im Tor, wenn einer der Spieler keine Lust mehr hatte.
Meine Mutter verwarf bald die Idee mit dem Ballett und fand sich mit meinem Verhalten ab. Besser eine Tochter, die sich prügelte, als ein Sohn, der mit Puppen spielte. Die Handschuhe bekam ich trotzdem nie. Ein Mädchen boxt nicht, sagte meine Mutter kategorisch. Worin ich ihr zustimmte. In meinen Augen war ich ja keines.
Natürlich ahnte ich nicht, welche Provokation in meinem Wunsch steckte. Dass Frauen und Mädchen mit der Faust einem oder einer anderen ins Gesicht schlagen, sich mit ihrem Körper aggressiv in die Welt stellen, galt in jenen Zeiten – wir sprechen von den späten 1960er Jahren – als unvorstellbar. Das blieb noch lange so.
Gut zwei Jahrzehnte später – ich hatte mir inzwischen sowohl Boxhandschuhe gekauft als auch Frieden geschlossen mit meiner Geschlechtszugehörigkeit – schlug ich erwartungsvoll eines der damals besten Bücher über das Boxen auf, verfasst von einer erklärten Feministin. Doch statt eines Plädoyers für Frauen im Kampfsport las ich eine Eloge an den Faustschlag als männliches Privileg. Die Maskulinität des Mannes, schrieb 1987 die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates in ihrem Essay «Über Boxen», bestehe im Gebrauch seines Körpers, «aber auch im Triumph über den Körper eines anderen Mannes.»[1] Blödsinn, dachte ich, dieses Gefühl des Triumphes kenne ich doch auch.
Oates glaubte, was damals fast alle glaubten: dass die Natur nur Männern eine aggressive Körperlichkeit in die Wiege gelegt hat. Dass also die Fähigkeit und der Wunsch zu kämpfen, biologisch eingeschrieben und nicht kulturell normiert sind. Dieser Glaube hält sich hartnäckig, auch wenn längst Profiboxerinnen und MMA-Kämpferinnen in Sportstätten wie dem Madison Square Garden gegeneinander antreten. Die Geschichte des Kämpfens, ob im Militär, im Sport, im Duell, wird immer noch als eine männliche erzählt, von den Gladiatoren Roms über Ritterturniere bis zu Muhammad Ali. In Wahrheit ist es eine mehrheitlich männliche – mit sehr vielen Frauen.
In Bibliotheken stieß ich auf die Geschichten von Gladiatorinnen in den römischen Arenen und von weiblichen Samurai im feudalen Japan. In einem Fachmagazin für Kampfkunst fand ich Zeichnungen von Gerichtskämpfen in deutschen Fürstentümern des 15. Jahrhunderts. Die Streitparteien entschieden über Schuld oder Unschuld in Kämpfen mit Kugelschleuder und Schlagkolben. Duelle, die auch Frauen gegen Männer ausfochten, die sie der Vergewaltigung beschuldigt hatten.[2]
Zwei Hobbyhistorikerinnen, selbst begeisterte Kampfsportlerinnen, wiesen mich auf die führende Rolle von Frauen bei Revolten auf Sklavenschiffen hin. In den Kriegen indigener Völker gegen die US-Armee und weiße Siedler waren weit mehr Frauen an den Kampfhandlungen beteiligt als lange angenommen.
Ich hängte Bilder dieser Frauen neben dem der Beiruter Kick Queen über meinem Schreibtisch auf. Die Reihe wurde immer länger und die Vorstellung immer normaler, dass Frauen aus allen richtigen und falschen Gründen physische Gewalt anwenden.
Warum, fragte ich mich, tolerierten Gesellschaften diese eklatante Überschreitung der Geschlechtergrenzen in bestimmten (meist kurzen) Epochen oder hießen sie sogar gut? Und warum wurden sie dann wieder über lange Zeiten geächtet, verdrängt oder verboten?
Vielleicht gibt die Geschichte einer der großen europäischen Box-Legenden darüber Aufschluss. Geboren wurde sie Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts. Bilder habe ich nicht gefunden. Aber in Büchern und Zeitungsberichten finden sich genug Spuren, um sie wieder lebendig werden zu lassen.
Am 23. Juni 1722 erscheint im London Journal die Anzeige einer gewissen Elizabeth Wilkinson, in der sie eine Marktfrau namens Hannah Hayfield zum Kampf auffordert. «Ich lade sie der Satisfaktion wegen ein, mich auf der Bühne zu treffen und um drei Guineen zu boxen.»[3] Ob Wilkinson und Hayfield wirklich in Streit geraten waren, ist nicht klar. Womöglich hat die Marktfrau behauptet, stärker zu sein als die «Europäische Meisterin». So nennt man Elizabeth Wilkinson in diesen Tagen.[4]
Ihre Gegnerin antwortet ihrerseits mit einer Anzeige im London Journal: «Ich, Hannah Hayfield aus New Gate Market, habe die Entschlossenheit von Elizabeth Wilkinson zur Kenntnis genommen und werde mit Gottes Hilfe nicht darin scheitern, ihr mehr Schläge als Worte zu verpassen.»[5] Schauplatz des Kampfes ist Hockley-in-the-Hole.
Hockley im Loch ist in jenen Zeiten berüchtigt, weil es bei Regen im Schlamm versinkt. Und es ist berühmt, weil hier Londons beliebtester «bear garden» liegt, eine Mischung aus Kampfring, Freiluft-Gasthaus und Rummelplatz. Jeden Montag und Donnerstag wird «bear and bull baiting» geboten, Hetzjagden auf Bären und Bullen durch abgerichtete Hunde in einer eingezäunten Arena, ein Spektakel, das sich in der elisabethanischen Zeit ausgebreitet hatte.[6] Dessen Popularität ist ungebrochen, obwohl oder weil einige Jahre zuvor der Besitzer des Gartens von einem Bären zerfleischt worden war. Jetzt stehen neben Tieren auch «Meister in der noblen Kunst der Verteidigung» auf dem Programm.[7] In den Jahren zuvor wurden bereits vereinzelt Bare-Knuckle-Fights ausgetragen. Aber nun werden sie zu Spektakeln für die Masse. Boxhandschuhe gibt es noch nicht. Die Kontrahenten kämpfen mit bloßen Fäusten, manchmal auch mit Kurzschwertern. Helfer nähen in den Pausen notdürftig Schnitt- und Platzwunden.
Königshaus und Kirche verabscheuen die Bärengärten mit ihrem alkoholisierten Publikum, dessen Begeisterung für physische Auseinandersetzung Autoritäten nicht geheuer sein kann. Trotzdem mischen sich Adelige, Künstler und Reisende unters Volk, hin- und hergerissen zwischen Grusel und Faszination für diese «recht englische Lust» am Kämpfen, wie der Frankfurter Patrizier Zacharias Konrad von Uffenbach beim Besuch auf der Insel 1710 notiert. Besonders fasziniert ihn, dass auch Frauen boxen und fechten «ohne Schnürbrust und im bloßen Hemde».[8] In den Reihen der Zuschauer sieht man den Schriftsteller Jonathan Swift, den Dichter Alexander Pope und immer wieder den Maler William Hogarth, der Szenen aus dem Bärengarten in Bildern festhält.
Wo Elizabeth Wilkinson einst gegen Hannah Hayfield um drei Guineen boxte, an der Ray Street im Stadtteil Clerkenwell, steht heute ein schickes Restaurant. Bei Jakobsmuscheln mit handgemachten Ravioli in Hummersuppe für 27 Pfund kann man sich im Kopfkino ausmalen, wie Wilkinson ihrer Gegnerin den ersten Hieb verpasste.
Die beiden schlugen sich laut Beschreibung des London Journal fast eine halbe Stunde «mit großer Tapferkeit» und «zur nicht geringen Befriedigung der Zuschauer».[9] Und zwar mit geschlossenen Fäusten. Die Regeln damals verlangten, dass Kämpferinnen Geldmünzen in den Fäusten halten mussten, damit sie nicht in Versuchung kamen, ihre Gegnerin zu kratzen. Die Fingerknöchel von Wilkinson und Hayfield müssen nach wenigen Runden so blutig und geschwollen gewesen sein wie ihre Gesichter. Wilkinson wurde schließlich zur Siegerin erklärt.
Sie kämpfte über mehrere Jahre. Allein oder zusammen mit ihrem Ehemann im gemischten Doppel gegen andere Paare. Die Presse feierte sie als «Stadt- und Europameisterin» und «Britannias mächtigste Heldin».[10] Offenbar war sie ebenso populär wie ihr Zeitgenosse James Figg, Gründer der ersten Schule für Boxen, Schwert- und Stockfechten und damals der berühmteste männliche Fighter in England.
Genau wie Figg hat Wilkinson vermutlich alle ihre Kämpfe gewonnen. Eine Niederlage ist jedenfalls nirgendwo vermerkt. Genau wie Figg beherrschte sie die Kunst der Selbstvermarktung. Für den Sieg gegen Ann Field, eine Eselstreiberin, soll sie zehn Pfund kassiert haben, damals ein erkleckliches Preisgeld. Die Niederlage ihrer Gegnerin hatte sie mit einer Großspurigkeit angekündigt, wie es 250 Jahre später Muhammad Ali tun sollte. «Die Schläge, die ich ihr verpassen werde, werden heftiger sein als alle, die sie jemals ihren Eseln verabreicht hat.»[11]
Ihr letzter dokumentierter Kampf ist auf den 7. Oktober 1727 datiert. Vielleicht wollte sie am Höhepunkt ihrer Karriere abtreten, vielleicht musste sie ihrem Körper Tribut zollen. Im Juli desselben Jahres war sie mit ihrem Mann im gemischten Doppel gegen ein irisches Ehepaar angetreten. Zwanzig Guineen Preisgeld bekam das Paar, das, so die Ausschreibung des Kampfes, mit dem Kurzschwert «die meisten Hiebe und Schnitte austeilt».[12] Es muss reichlich Blut geflossen sein bei diesem Fight, über dessen Sieger in den Archiven nichts zu finden ist. Jedenfalls verlieren sich die Spuren von Elizabeth Wilkinson in diesem Jahr. Nichts von ihrem Leben vor und nach ihrer Boxkarriere ist bekannt. Auf Figg wurden noch Jahrzehnte nach seinem Tod Heldenverse gedichtet. Er gilt heute als «Vater des modernen Boxsports», sein Name wurde 1992 in die International Boxing Hall of Fame in den USA aufgenommen.[13] Von Wilkinson wissen wir nicht einmal, wie sie aussah.
Dass Frauen in der Geschichtsschreibung immer wieder aus der Welt fallen, ist bekannt. Warum aber wurde Elizabeth Wilkinson über Jahre so euphorisch gefeiert? Warum erschienen Kämpferinnen in den Bärengärten so normal?
Sex, Aufruhr, Pracht und Elend – so beschreibt der britische Historiker Jerry White das London des 18. Jahrhunderts.[14] Die Stadt boomte und stank. Immer mehr Menschen zogen ins Zentrum eines sich ausdehnenden Imperiums. Villen- und Elendsviertel wuchsen. Gewaltkriminalität vermischte sich mit sozialem Widerstand, es wimmelte von Prostituierten. White beschreibt sie nicht nur als Opfer, sondern auch als Geschäftsfrauen, die sich der weiblichen Norm sexueller Unterwürfigkeit entzogen.
Freiräume taten sich in diesen Anfängen der industriellen Revolution oft aus purer Not auf. Es waren körperlich schwer arbeitende Frauen, die in den Bärengärten gegeneinander antraten. Ihre Spitznamen in der Arena verwiesen häufig auf ihren Beruf: Die «boxende Schmiedin», die «schlagende Marktfrau», die «kämpfende Eselstreiberin».[15] London, die Stadt der Extreme, war ihr Trainingsgelände. In eine Männerdomäne wie das Schmiedegewerbe vorzudringen, erforderte verbale wie physische Schlagfertigkeit, um mit Anfeindungen und Übergriffen fertigzuwerden. Ein Faustkampf unter den Anfeuerungsrufen eines betrunkenen Publikums musste einer boxenden Schmiedin wie eine willkommene Abwechslung erschienen sein.
Frauen konnten sich auch deswegen als Kämpferinnen etablieren, weil die Bärengärten den oberen Schichten als verrucht galten. Das vermeintlich niedere Volk hatte mehr Freiheit, mit Sitten und Ehre zu spielen. In den Augen der Mächtigen besaß es weder das eine noch das andere. Sollte sich das Gesindel, männlich wie weiblich, doch prügeln.
Was es auch tat, bis die gehobene Gesellschaft das Boxen für sich entdeckte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schüttelte der Faustkampf in seiner Hochburg Großbritannien das Pöbel-Image ab.[16] Die wüsten Spektakel verwandelten sich in seriösere Veranstaltungen mit immer ausgefeilteren Regeln. Neue Hallen mit Sitzreihen wurden gebaut. Aus der «recht englischen Lust am Kämpfen», die der Frankfurter Reisende Zacharias Konrad von Uffenbach 1710 konstatiert hatte, wurde eine britische Tugend. Eine männliche britische Tugend.
Nach der Theorie des Soziologen Norbert Elias, der sich ausführlich mit der Rolle von Gewalt in Gesellschaften beschäftigt hat, wäre das ein klassischer Beweis für die zivilisierende Wirkung des Sports. Die US-amerikanische Autorin Malissa Smith, deren Recherchen und Bücher mich zu Elizabeth Wilkinson geführt hatten, hat eine andere These. Sie widerspricht Elias nicht, sie stellt ihn in einen feministischen Kontext. Die durchlässigeren Geschlechtergrenzen in den Bärengärten fielen, so Smith, der Weltpolitik zum Opfer. Nach acht Jahren Krieg hatte das Empire 1783 seine nordamerikanischen Kolonien verloren. Patriarchale Großmächte entwickeln eine reflexhafte Obsession mit nationaler physischer Männlichkeit, wenn sie sich in ihrer Unantastbarkeit bedroht fühlen. Nach der Niederlage im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sorgten sich britische Medien und Politiker um die Wehrfähigkeit des Empire im Allgemeinen und des britischen Mannes im Besonderen. Boxen, lange als Vergnügen für das gemeine Volk verachtet, bot nun eine ideale Projektionsfläche für maskulinen Mut und, weil zunehmend reguliert, für «britische Fairness».
Kämpfe von Frauen sind bis ins späte 18. Jahrhundert dokumentiert. Nur wurden sie immer häufiger kritisiert als Affront gegen eine «wahre Weiblichkeit». Großbritanniens wachsende Mittelschicht gab nun Geschlechternormen vor, nach denen Frauen im Gegensatz zu Männern als physisch schwächer, aber moralisch stärker galten, und folglich im eigenen Haus besser aufgehoben waren als in der harten, schmutzigen Welt von Fabriken, Büros und Parlamenten. Grazil sollte sie sein, die ideale Frau des nun anbrechenden viktorianischen Zeitalters, versiert in Musik, Zeichnen und Französisch, frei von Bedürfnissen nach Sexualität und körperlicher Autonomie. Dazu passend entwickelte sich die Kleidermode. Im neuen Reifrock, Krinoline genannt, konnte frau sich nicht mal am Knie kratzen.[17] Im Ring waren die «Weiber» nicht mehr erwünscht. Dafür umso mehr am Ring. Aus der Kämpferin, schreibt Smith, wurde die «Zuschauerin, um die britische Maskulinität zu bestaunen».[18]
In ihrem Buch «Die Patriarchen» über die Ursprünge männlicher Herrschaft schlägt die britische Wissenschaftsjournalistin Angela Saini den Bogen weiter.[19] Dass der Staat dem Modell der patriarchalen Familie entsprechen sollte, war in Europa längst Konsens, wurde aber durch das britische Empire mit besonderer Konsequenz verfolgt und in die Welt getragen. «Wenn die Familie unter Kontrolle war, wenn jede*r die Geschlechternormen exakt befolgte», schreibt Saini, «war der Staat sicher.» Die wachsende Mittelschicht habe die Aufgabe gehabt, diese Familienwerte mit ihrer Geschlechtertrennung vorzuleben. Für prügelnde Heldinnen Britannias war da kein Platz mehr.
Je mehr ich über die Kämpferinnen im Bärengarten las, desto bekannter kam mir die Szenerie vor. Das Gegröle des Publikums, der Dunst von Alkohol und Schweiß, die marktschreierische Ankündigung des nächsten Fights – all das meinte ich, schon einmal gesehen zu haben. Hatte ich auch. Und zwar in der modernen US-amerikanischen Variante des Bärengartens.
Es muss in der zweiten Runde gewesen sein, als die ersten Blutstropfen auf meinen Notizblock platschten. Evan «The Bomber» Bosley hatte «Big John» Toller einen Schlag auf die Nase verpasst. Worauf dieser wie ein nasser Hund den Kopf schüttelte. Ich, die Reporterin aus Deutschland, hatte einen Ehrenplatz direkt am Ring bekommen. Ausländische Presse ist nicht oft zu Gast in Beckley.
«Are you tough enough?» «Bist du hart genug?» Mit dieser Frage locken die Veranstalter des US-amerikanischen Toughman Contest jedes Jahr Hunderte Box-Novizen in den Ring und Tausende in die Zuschauerreihen. Nicht in New York, Las Vegas oder Los Angeles, sondern in den kleinen maroden Industriestädten des Stahl- und Kohlegürtels wie Beckley, West Virginia. Orte, in denen Walmart der größte Arbeitgeber ist, der Waffenbesitz heilig und Donald Trump heute ein Held. Wo die Opioid-Krise wie ein Hurrikan durchfegt. Wo niemand seinen Kindern Flausen vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den Kopf setzt. Und wo umso trotziger an jeder Tankstelle grell die Neon-Werbung «God Bless America» leuchtet.
Anfang der 2000er Jahre lebte ich als freie Journalistin in New York. Wann immer ich bei meinen Bekannten in Manhattan oder Brooklyn die Toughman-Turniere in den Appalachen erwähnte, sahen sie mich irritiert an, als hätte ich peinliche Verwandte von ihnen aufgestöbert. «Typisch Redneck», sagte ein befreundeter Anwalt, als ich von The Bomber und Big John erzählte, Holzverkäufer der eine, Kellner der andere.
In ihrem Schwergewichtskampf in Beckley standen die beiden sich nach wenigen Minuten keuchend, weil völlig untrainiert, wie zwei schiefe Türme gegenüber, die sich in die Schläge des anderen neigten. Big John warf Ende der zweiten Runde das Handtuch. Das Publikum buhte. Er hatte die wichtigste Regel des Toughman-Turniers verletzt: Man muss nicht gewinnen. Oft lieben die Leute den Verlierer mehr als den Sieger. Aber man darf nicht aufgeben, darf nicht am Boden bleiben. Das passiert im wahren Leben oft genug.
Weil bestimmte Formen der Emanzipation auch vor Beckley nicht Halt gemacht hatten, wurden damals die Toughest Women ermittelt. Vier Frauen waren in zwei Gewichtsklassen angetreten, jeder Kampf war gleichzeitig das Finale. Im Leichtgewicht stieg Amy «The Dynamite» Farley, 21-jährige alleinerziehende Mutter einer Tochter, gegen die großflächig tätowierte «Crazy» Aymee Spurlock, 26, acht Kinder, in den Ring. Amy The Dynamite hatte sich gute Chancen auf den Sieg ausgerechnet. Sie sei abgehärteter, hatte sie mir erzählt. Ein Ex-Freund habe ihr vor ein paar Monaten das Jochbein zertrümmert. «Ich kann was einstecken.» Aber Crazy Aymee hatte nicht nur mehr Nachwuchs, sondern auch die größere Reichweite und gewann klar nach Punkten.
Der Kontrast zwischen den Boxerinnen und den knapp bekleideten Ringgirls hätte größer nicht sein können. Aber er fiel offenbar nur mir auf. Keine Kämpferin empfand die Anwesenheit der grell geschminkten jungen Frauen in High Heels, bereitgestellt vom lokalen Striptease-Club, als störend oder sexistisch.
Im Schwergewicht siegte Wendy «The Warrior» Cline, eine Kosmetikerin, die gerade auf evangelikale Predigerin umschulte. Es war der mit Abstand beste Fight des Abends. Sie und ihre Gegnerin Heather «The Educator» Hager, eine Lehrerin aus dem örtlichen Gefängnis, schlugen schulmäßige Kombinationen, blieben permanent in Bewegung. Wendy die Kriegerin gewann nach einem Schlag auf Hagers Solarplexus durch technischen K.o. Worauf sie mit ihrer Gegnerin ergriffen auf die Knie sank und betete. Der Kampfrichter schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: Verstehe einer die Weiber.
Dieser Abend fiel mir wieder ein, als ich mir den Bärengarten in Hockley-in-the-Hole ausmalte. Elizabeth Wilkinson und Ann Field hatten nach ihrem Kampf vielleicht nicht dem lieben Gott gedankt. In meiner Fantasie sah ich zwei nicht sonderlich fromme, gern fluchende Frauen vor mir. Eines hatten sie jedoch gemeinsam mit den One-Night-Boxerinnen von Beckley: Sie alle waren Malocherinnen. Ihre Zugehörigkeit zu den unteren Gesellschaftsschichten, in denen körperliche Aggression weit weniger tabuisiert wurde, war ein Grund, warum sie sich in einer Männergesellschaft das Recht erkämpfen konnten, zuzuschlagen. Mit zwei maßgeblichen Einschränkungen: Diese körperliche Überschreitung von Geschlechtergrenzen fand in einem theatralischen Rahmen statt, dem des Spektakels in den Bärengärten und den Hallen der Toughman-Turniere. Und sie sollte keinesfalls eine politische Botschaft transportieren. Als ich Wendy The Warrior vor ihrem Fight fragte, ob ihr Auftritt im Ring ein Zeichen wachsender Gleichberechtigung sei – das Wort «Feminismus» nahm ich gar nicht erst in den Mund –, antwortete sie verächtlich: «Gleichberechtigung? Das Zeug brauchen wir hier nicht.» Es wäre ihr nie eingefallen, die patriarchalen Gewaltverhältnisse offen anzuprangern, in denen unter anderem das Jochbein von Amy The Dynamite zu Bruch gegangen war. Damit wäre sie auf Tuchfühlung mit einer feministischen Bewegung gegangen, die in Orten wie Beckley als elitäre, liberale Großstadtkultur verhasst ist. Das eindeutig anti-marxistische Klassenbewusstsein von Wendy der Kriegerin war sehr viel stärker ausgeprägt als ihr Geschlechtsbewusstsein.
Ich vermute, dass auch die «kämpfenden Weiber» in London nichts mit den revolutionären Theorien zur Überwindung des Patriarchats zu tun haben wollten, die im ausgehenden 18. Jahrhundert laut wurden. «Ich möchte Frauen überzeugen, zu versuchen, sich Kraft anzueignen», hatte 1792 die englische Philosophin Mary Wollstonecraft, eine begeisterte Anhängerin der Französischen Revolution, in ihrem Werk «Verteidigung der Frauenrechte» geschrieben.[20] «Nicht nur Kraft des Geistes, sondern auch des Körpers. Ich möchte sie überzeugen, dass die Weichheit der Sprache, die Anfälligkeit des Herzens, die Zartheit der Gefühle und die Raffinesse des Geschmacks beinahe synonym sind mit den Beinamen der Schwäche.»
Es war eine der ersten feministischen Schriften in Europa. Und vielleicht die erste überhaupt, in der die Kategorie der Weiblichkeit und die damit verbundene körperliche Schwäche als soziale Konstruktion beschrieben wurden. Aber beides, die Konstruktion von Weiblichkeit und die Kritik daran, hatten viel mit der eigenen Klassenzugehörigkeit zu tun. Wollstonecrafts «Vindication of the Rights of Woman» gehörte vermutlich nicht zur Lektüre der Boxerinnen, die Ende des 18. Jahrhunderts noch zu Kämpfen antraten. «Weichheit der Sprache» oder «Zartheit der Gefühle» zählten nicht zu ihren alltäglichen Sorgen. Sie hätten sie vermutlich gern gehabt in einem Leben mit wohlhabendem Ehemann und Dienstmädchen.
Und noch eine Parallele fiel mir auf: Mehr noch als das British Empire Ende des 18. Jahrhunderts sind die USA des frühen 21. Jahrhunderts eine zutiefst verunsicherte Supermacht. Die vermeintliche Krise der «nationalen Männlichkeit», verursacht durch Feminismus und queere Bewegungen, ist Dauerthema bei rechten Politiker*innen und Medien. Kämpfende Frauen – ob in der Armee oder im Ring – gelten wieder als Provokation. Doch anders als einst im britischen Königreich lassen sie sich nicht so einfach aus der Arena drängen. Statt sie zu verbannen, werden sie in den USA von heute lieber vereinnahmt. Davon wird noch zu reden sein.
Einer der ersten Schläge, an den ich mich erinnere, war einer, den ich einsteckte. Eine Gerade von Andreas, dem gleichaltrigen Sohn unserer Nachbarn. Bei denen gab es in meiner Kindheit Boxhandschuhe, und eines Nachmittags – wir waren beide acht oder neun Jahre alt – forderte der Vater uns zum Kampf gegeneinander auf. Andreas, dessen Vorname das «s» enthielt, das ich so gerne gehabt hätte, war zierlicher als ich und hatte auf körperliche Auseinandersetzungen überhaupt keine Lust. Aus schierer Angst holte er sofort aus und traf meine Nase. Ich weiß nicht mehr, was ich zuerst spürte – den Schmerz oder die Wut. Jedenfalls schlug ich so lange auf ihn ein, bis er weinte. Der Vater fand es lustig.
Natürlich hatte ich damals keinen Schimmer von «Weiblichkeit als sozialer Konstruktion». Das herrschende Verhältnis der Geschlechter fand ich völlig in Ordnung. Ich wollte nur zu der Gruppe gehören, die als «stärker» galt. Früh in meiner Kindheit muss mir klar geworden sein, dass die Identifikation als Junge deutlich mehr Freiheiten mit sich brachte als der Status eines Mädchens – einschließlich der Freiheit, zuzuschlagen. Ich war, was man damals einen Wildfang nannte. Als erstes Kind und Enkelkind meiner Familie hätte ich (natürlich) ein Junge sein sollen. Diesen Wunsch spürte ich und kam ihm nach, sobald ich laufen und reden konnte. Die meisten Erwachsenen quittierten mein Verhalten mit amüsierter Nachsicht oder gar Anerkennung. Die Versuche meiner Mutter, mich im Tutu zum Ballettunterricht zu schicken, waren, wie gesagt, eher halbherzig gewesen.
Der Wunsch, zu den Überlegenen zu gehören, ging mit der Verachtung für die Unterlegenen einher. Diese Verachtung war in meinen Teenagerjahren nicht mehr so offen ausgeprägt wie in meiner Kindheit. Aber sie war da. Und sie hielt sich bis in meine Studienzeit. Frauen, die sich besonders feminin benahmen, keinen Ball werfen oder kicken konnten, sich in Anwesenheit von Männern demonstrativ hilflos gaben, regten mich auf. Gleichzeitig machten sie es mir leicht, sexistische Übergriffe und Gewalt für ein Problem zu halten, das mich nicht betraf.
Von diesem Glauben wurde ich nach einer längeren Reise quer durch die USA kuriert. Ich wollte mit Anfang zwanzig allein von New York nach San Francisco trampen und mir beweisen, dass ich mich in der Welt so frei bewegen kann wie jeder Mann. Genauer gesagt: jeder weiße Mann. Es war meine große Mutprobe, meine von mir selbst entworfene Initiation ins Erwachsenenleben. Kurz vor den Rocky Mountains gab ich auf, nachdem der sechste Truck-Driver mich aufgefordert hatte, mit ihm zu schlafen, und mich nach einem panischen, kaum hörbaren «No» mitten auf dem Highway rausschmiss. Ein Handwerker brachte mich in seinem Pick-up-Truck in die nächste Kleinstadt und setzte mich vor der Young Women’s Christian Association ab mit den tröstlichen Worten: «Sei froh, dass ich kein Vergewaltiger bin.» Die Jugendherberge des Christlichen Vereins junger Frauen diente gleichzeitig als Frauenhaus. Bei meiner Ankunft befanden sich die Betreuerinnen in erhöhter Alarmbereitschaft, weil die Ehefrau des örtlichen Sheriffs wenige Stunden zuvor mit Prellungen und Schnittwunden Zuflucht gesucht hatte, woraufhin ihr Mann mit einer «Hausdurchsuchung» drohte. Am nächsten Morgen kaufte ich ein Busticket zurück nach New York und schwor mir, nie wieder zu trampen. Ich hatte endgültig verstanden, dass ich mich nicht aus der Gruppe der permanent Angreifbaren herausdefinieren konnte, indem ich mich benahm wie ein Kerl.
Was mich auf dieser Reise am meisten erschrocken hatte, waren nicht die Übergriffe von Männern. Auch nicht die ebenso skandalöse wie alltägliche Erfahrung in der Unterkunft des YWCA, dass männliches und staatliches Gewaltmonopol oft ein und dasselbe sind. Am meisten schockiert war ich über mich und meine Hilflosigkeit. Meine Angst hatte mich gelähmt. Ich war unfähig gewesen, die Männer, die mich bedrohten, anzubrüllen, zum Gegenangriff überzugehen. Am Ende gab ich mir die Schuld und beschimpfte mich dafür, die Grenzen der Bewegungsfreiheit überschritten zu haben, die eine Frau zu ihrem eigenen Schutz besser respektieren sollte. Ich hatte mir über die Jahre mehr körperliches Selbstbewusstsein antrainiert als viele meiner Geschlechtsgenossinnen. Aber von der Überzeugung, mich wehren zu können, war ich genauso weit entfernt wie die meisten anderen Frauen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das möglich war.
Das zu begreifen, war ein Schock, an den ich mich bis heute gut erinnere. Er hat mit einem der zentralen Punkte dieses Buches zu tun: Ein gewachsenes physisches Selbstvertrauen von Frauen allein reicht nicht, um die vermeintlich natürliche körperliche Überlegenheit von Männern und damit ihr Gewaltmonopol anzuzweifeln. Dieses Gewaltmonopol ist eine soziale Konstruktion, ein Narrativ. Soziale Konstruktionen lassen sich entlarven, Narrative lassen sich ändern. Nur ist dieses ein besonders mächtiges und wirksames. Es sitzt tief in den Köpfen aller Geschlechter, immer wieder erzählt und eingebläut – von der Bibel bis zu den Social-Media-Posts der Mannosphäre unserer Zeit. Doch es gibt Beispiele von Frauen, die sich schon vor anderthalb Jahrhunderten daranmachten, die Geschichte des männlichen Gewaltmonopols auseinanderzunehmen. Mit unterschiedlichen Folgen.
San Francisco war bei meiner Reise per Anhalter durch die USA in weiter Ferne geblieben. Was ich damals nicht wusste: In dieser Stadt hatten Frauen über hundertfünfzig Jahre zuvor das Recht auf physische Selbstverteidigung formuliert – vermutlich zum ersten Mal in einer westlichen Gesellschaft. Bis hin zum Recht auf tödliche Gewalt gegen Männer.
Am 11. Juli 1871 überrascht der San Francisco Chronicle seine Leserschaft mit einem Artikel über zwei gutbürgerlich auftretende Frauen, die der Zeitung ihre Pläne für eine Revolution erläutern.[21] Susan B. Anthony, «voll weiblicher Grazie», so der Reporter, und Elizabeth Cady Stanton, «mutig und kräftig», damals die führenden Köpfe der US-amerikanischen Bewegung für das Frauenwahlrecht, erklären, die Zeit für Petitionen und Appelle sei vorbei. Man wolle den Kongress der USA ein letztes Mal mit der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen konfrontieren. Würde sie erneut abgelehnt, werde man eine eigene Regierung ausrufen. Der, so verkünden Stanton und Anthony dem Reporter, würden sich bald auch «Männer mit gesundem Menschenverstand anschließen». Die Tage der Vereinigten Staaten von Amerika seien gezählt.
Das Interview findet in der Lobby des Grand Hotel statt. Anthony muss zwischendurch lauten Unmut besänftigen, weil die zahlreich versammelten Anhängerinnen dagegen protestieren, den Plan einer Gegenregierung an die Presse auszuplaudern. Am folgenden Abend schwört sie, eine große Bewunderin von Mary Wollstonecraft, die kalifornischen Suffragetten auch auf ihre physische Unabhängigkeit ein: «Ich sage euch, dass keine Frau sich mehr auf den Schutz eines Mannes verlassen soll, sondern lernen muss, sich selbst zu verteidigen.»[22] Stanton hatte zuvor schon in der Suffragetten-Zeitschrift The Revolution empfohlen, dass jedes junge Mädchen für den Umgang mit Männern schießen lernen und «einen riesigen Neufundländer bei sich haben sollte, wann immer sie Gefahr läuft, ihren ‹natürlichen Beschützer› zu treffen».[23]
Das war revolutionär. Weit revolutionärer jedenfalls als die angedrohte Gründung einer Frauenrepublik, die wohl eher als PR-Manöver gedacht war. Für Anthony und Stanton ging es nicht darum, dass Frauen in Boxarenen gegeneinander antraten. Sie verkündeten in jenem Sommer 1871 eine doppelte Kampfansage: an das männliche Gewaltmonopol und an die traditionelle Rolle des Mannes als Beschützer des «schwachen Geschlechts».
Um die Radikalität von Anthonys und Stantons Appell zu begreifen, muss man kurz in die Geschichte der politischen Gewalt eintauchen. Das kodifizierte oder ungeschriebene Recht auf Selbstverteidigung ist seit jeher eine Frage der Macht gewesen. Fast immer wurde es jenen zugesprochen, die qua Geschlechtszugehörigkeit, Hautfarbe und sozialem Status ohnehin Gewalt ausüben durften. Die französische Philosophin Elsa Dorlin bezeichnet das Recht auf Selbstverteidigung als «Demarkationslinie» zwischen vollgültigen Subjekten einer Gesellschaft und jenen, die in Herrschaftsverhältnissen diskriminiert, ausgebeutet, entrechtet werden. Ein Feudalherr konnte seine Leibeigenen schinden, die ihrerseits kein Recht hatten, sich zu wehren. Taten sie es doch, durfte ihr Peiniger Selbstverteidigung geltend machen und sie töten. Gleiches galt für Plantagenbesitzer*innen und Versklavte in den USA. Mit der Notwehr durch Fluchtversuch machten sich Schwarze der Schädigung ihres weißen Eigentümers schuldig – und des Verbrechens, ihren Status als Besitz abzulehnen.
In der mörderischsten Form wirkt diese «Demarkationslinie» bei Kampagnen ethnischer Verfolgung und bei einem Genozid. Zu dieser Entrechtung, schreibt Dorlin, gehöre auch, die Fähigkeit der Unterdrückten zur Gegenwehr zu schwächen, zu zerstören, sie als unrechtmäßig und aussichtslos darzustellen, «um ihnen so ihr radikales Unvermögen, sich selbst zu verteidigen, besser einschärfen zu können».[24] Versklavten Schwarzen wurde nach misslungener Flucht nicht selten der Mund mit einer eisernen Maske verschlossen, während ein eiserner Ring mit lang abstehenden Haken um den Hals es ihnen unmöglich machte, sich hinzulegen. Ihre Inbesitznahme und Kampfunfähigkeit war damit total – sie konnten nicht einmal mehr ihre Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen erfüllen.[25]
Bei patriarchaler und sexualisierter Gewalt, so tödlich sie oft ist, geht es nicht um die Auslöschung einer Gruppe. Es geht um den Erhalt eines Machtverhältnisses. Das funktioniert nicht nur deshalb so gut, weil die Gewalt so präsent ist. Es funktioniert auch, weil die Doktrin der «natürlichen» physischen Übermacht von Männern über soziale und kulturelle Grenzen hinweg Frauen eine eingeübte Hilflosigkeit eingebrannt hat.
Mach dich kleiner! Nimm nicht so viel Platz ein! Wo treibst du dich abends noch herum? Wie siehst du wieder aus! Provoziere ihn nicht! Wehren ist zwecklos, füge dich! Dieses Stakkato der permanenten Selbstbeschränkung bis zur Selbstaufgabe begleitet Frauen fast überall auf der Welt von Kindheit an. Auch heute.
Über verschiedene Epochen des Mittelalters und der Neuzeit haben «schlagende Weiber» dieses verinnerlichte Körpergefühl der Machtlosigkeit immer wieder und meist unbewusst hinterfragt. Aber nie das dahinterstehende Machtverhältnis. Und nun traten zwei sehr bürgerlich und eher unsportlich wirkende Frauen auf, die eine voll «weiblicher Grazie», die andere «mutig und kräftig», und riefen ihre Geschlechtsgenossinnen zum körperlichen Widerstand gegen Männer auf. Notfalls unter Einsatz einer Schusswaffe.
Als wäre das nicht schon radikal genug, entlarvten Anthony und Stanton dabei die Beschützerrolle von Männern als Vorwand, um das männliche Gewaltmonopol zu legitimieren. Denn der damalige Zwang für Frauen, sich in einer Ehe der Allmacht eines männlichen Familienoberhaupts zu unterwerfen, war verbunden mit dem Versprechen, vor den Übergriffen anderer Männer bewahrt zu werden.
Ich suchte in Archiven und Geschichtsbüchern nach Hinweisen auf eine Welle der öffentlichen Erregung, der Empörung über diese unverhohlene Bereitschaft zur Militanz. Ich fand – nichts.
Gut möglich, dass Anthonys Kampfansage an jenem Abend nur von ihrem Publikum wahrgenommen wurde und kein Journalist im Saal war. Gut möglich auch, dass nur ein paar Tausend Abonnentinnen der Suffragetten-Zeitschrift The Revolution
