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Die wirtschaftspolitischen Ereignisse der letzten Jahre haben uns eindrucksvoll vor Augen geführt, welche bedeutende Rolle die Finanzmärkte spielen: für die Weltwirtschaft, für einzelne Länder, letztlich für jeden Menschen. - Aber was versteht man eigentlich unter den Finanzmärkten? Und was geschieht auf ihnen? - Wie bilden sich Zinsen und Kurse? - Wer sind die Finanzmarktakteure und was machen sie? - Was passiert an der Börse? Warum gibt es sie überhaupt? - Wie hängen die Finanzmärkte weltweit zusammen und wie funktioniert die internationale Währungspolitik? - Wie kann man sich vor finanziellen Risiken schützen? Anhand vieler Beispiele erklären die Autoren die Vorgänge auf den Finanzmärkten, beleuchten die Zusammenhänge und machen so das komplexe Thema verständlich. Die 3. Auflage des Lehrbuchs wurde um aktuelle Entwicklungen auf den Märkten für Finanzierungen und Geldanlagen erweitert. Dazu gehören unter anderem digitale Vermögenswerte, Kryptowährungen, digitaler Euro, Neobroker und das Thema Nachhaltigkeit. Das Lehrbuch enthält kapitelweise Fragen und Antworten zur Lernkontrolle und unterstützt damit bei der Klausurvorbereitung. Weitere Übungen und Lösungen werden auf myBook+ angeboten. Die digitale und kostenfreie Ergänzung zu Ihrem Buch auf myBook+: - Zugriff auf ergänzende Materialien und Inhalte - E-Book direkt online lesen im Browser Jetzt nutzen auf mybookplus.de.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Herbert Sperber/Michael Bloss
Finanzmärkte
3. aktualisierte und erweiterte Auflage, September 2024
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Die seit einigen Jahren beobachtbaren Finanz-, Staatsschulden- und Bankenkrisen haben uns eindrucksvoll vor Augen geführt, welch bedeutende Rolle die sogenannten Finanzmärkte spielen: für die Weltwirtschaft, für einzelne Länder, ja letztlich für jeden Menschen. Aber was genau verbirgt sich hinter dem Begriff »Finanzmärkte«? Und was geschieht auf ihnen? In der Zeitschrift »Spiegel« wurden die Finanzmärkte einmal als »merkwürdig gesichtsloses Wesen« bezeichnet, »dem die Politik nur noch hinterherhechelt«. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, ehedem Chef des Internationalen Währungsfonds, verwendete im Zusammenhang mit den Finanzmärkten verschiedentlich den Begriff »Monster«.
Das vorliegende Buch möchte die Vorgänge auf den Finanzmärkten transparent machen und dem Phänomen der Finanzmärkte ein Gesicht geben. Zu diesem Zweck widmet es sich den grundlegenden Fragen des globalen Finanzwesens:
Welche Funktionen haben die Finanzmärkte?
Wie kann man die Finanzmärkte beschreiben?
Wie bilden sich Finanzmarktpreise, also Zinsen und Kurse?
Wie funktioniert die Geldpolitik?
Welche Instrumente gibt es auf den Finanzmärkten? Was sind »Derivate«?
Wer sind die Finanzmarktakteure, und was machen sie?
Was passiert an der Börse? Warum gibt es sie überhaupt?
Wie hängen die Finanzmärkte weltweit zusammen?
Was geschieht auf dem Devisenmarkt?
Wie funktioniert die internationale Währungspolitik?
Wie kann man sich vor finanziellen Risiken schützen?
Die Ausführungen sollen die Leserinnen und Leser in die Lage versetzen, das Geschehen in der Welt der Finanzen und des Geldes zu begreifen. Mit diesem Ziel besteht das didaktische Konzept des Buches darin, dass wir versuchen, die Zusammenhänge möglichst einfach und anhand von Beispielen zu erklären. Entsprechend sind für das Verständnis der Darstellung keine speziellen fachlichen Vorkenntnisse erforderlich. Erwartet wird lediglich die Bereitschaft, stellenweise etwas konzentrierter mitzudenken.
In der Neuauflage haben wir Korrekturen, Ergänzungen und Aktualisierungen vorgenommen. Dabei haben wir erneut Entwicklungen aufgegriffen, die teilweise erst in jüngerer Zeit verstärkt diskutiert werden. Dazu gehören unter anderem digitale Vermögenswerte, Kryptowährungen, der digitale Euro, Neobroker und das Thema NachhaltigkeitNachhaltigkeit.
Nürtingen, im August 2024
Herbert Sperber, Michael Bloss
Lerninhalte
Kapitalvermittlung auf Finanzmärkten
Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsgleichung
Losgrößen-, Fristen-, Risikotransformation
Größe der Finanzmärkte
Die Vorgänge auf den Finanzmärkten gelten gemeinhin als komplex und schwer durchschaubar. Was geht hier vor? Welche Funktionen haben die Finanzmärkte? In diesem Kapitel werden wir uns einen ersten Überblick verschaffen.
Auf Finanzmärkten werden finanzielle Mittel von den Kapitalanbietern (Sparern) zu den Kapitalnachfragern (Investoren) transportiert. Dies ist in Abbildung 1-1 dargestellt.
Abb. 1-1:
Kapitalvermittlung auf Finanzmärkten
Bei den Sparern handelt es sich um den Sektor der privaten Haushalte. Im Gegenzug für ihre Kapitalbereitstellung erhalten die Sparer häufig Wertpapiere (siehe Kapitel 4). Investoren sind die Sektoren Unternehmen und Staat. Die transportierten Finanzmittel haben entweder die Form von EigenkapitalEigenkapital (die Kapitalgeber erhalten dafür oft Aktien) oder von FremdkapitalFremdkapital (Bankkredite und verzinsliche Wertpapiere). Die Kapitalvermittlung selbst geschieht durch sogenannte Finanz-intermediäre – also Banken, Versicherungen, Bausparkassen, Fondsgesellschaften etc. Sie fungieren sozusagen als Transportunternehmen (siehe Kapitel 6). Der Teil der Ersparnis, der nicht der Finanzierung inländischer Sachinvestitionen dient (und auch nicht in Form von »Vermögensübertragungen« an das Ausland verschenkt wird), fließt als NettokapitalexportNettokapitalexport (Kapitalexporte minus Kapitalimporte) ins Ausland. Aus der Sicht des Inlands erhöht sich dadurch das Geldvermögen in Form von NettoauslandsforderungNettoauslandsforderungen, während das Ausland Nettoverbindlichkeiten gegenüber dem Inland eingeht.
Deutschland ist traditionell ein Land mit hohen Nettokapitalexporten. Das hängt mit unseren großen Finanzierungsüberschüssen aus dem Güterverkehr mit dem Ausland zusammen (also mit unseren Exportüberschüssen) und ist die Folge davon, dass Deutschland mehr spart, als es im Inland investiert. Der Zusammenhang zwischen Sparen, Investition, Kapitalverkehr und Außenhandel sei an einem Beispiel erklärt:
Beispiel für die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsgleichung
Angenommen, in einer Volkswirtschaft werden in einem Jahr ein Lastkraftwagen (LKW) im Wert von 150.000 Euro und ein Personenkraftwagen (PKW) im Wert von 50.000 Euro produziert und verkauft. Das Volkseinkommen des Landes beläuft sich also auf 200.000 Euro. Der LKW werde von einem inländischen Unternehmen gekauft (Investition), der PKW werde exportiert. Da der Konsum in unserer Volkswirtschaft somit gleich null ist, beträgt die Ersparnis 200.000 Euro. Die Ersparnis werde von den privaten Haushalten bei der einzigen Bank des Landes angelegt und von dieser an den inländischen Unternehmer ausgeliehen, der mit dem Geld seine Investition in den LKW in Höhe von 150.000 Euro finanziert. Die verbleibenden 50.000 Euro vergibt unsere Bank als Kredit an eine (die einzige) ausländische Bank. Dies geschieht in der Weise, dass unsere inländische Bank dem Währungskonto, das die ausländische Bank bei ihr unterhält, 50.000 Euro gutschreibt. Sie geht damit eine Verbindlichkeit gegenüber der Auslandsbank ein, indes steigen in gleicher Höhe ihre Auslandsforderungen. Das NettoauslandsvermögenNettoauslandsvermögen des Inlands und des Auslands ändert sich also durch die Kreditvergabe selbst nicht. Aber unser Beispiel ist noch nicht zu Ende erzählt.
Die ausländische Bank gibt ihrerseits einen Kredit in Höhe von 50.000 Euro – jedoch in ihrer eigenen Landeswährung – an einen privaten Haushalt ihres Landes. Dieser bezahlt damit den PKW, der aus unserem Land importiert wird. Die Bezahlung erfolgt dadurch, dass die ausländische Bank das Konto ihres Importeurs-Kunden mit 50.000 Euro bzw. dem Gegenwert in der Landeswährung belastet. Gleichzeitig bucht unsere inländische Bank vom bei ihr geführten Währungskonto der Auslandsbank den Betrag von 50.000 Euro ab und überweist das Geld auf das Konto ihres inländischen Exporteurs-Kunden (PKW-Hersteller). Die im Zuge der ursprünglichen Kreditvergabe eingegangenen Auslandsverbindlichkeiten unserer inländischen Bank in Höhe von 50.000 Euro verschwinden, während die entsprechenden Auslandsforderungen bestehen bleiben. Das heißt, unser Land hat netto Auslandsforderungen erworben (Nettokapitalexport) während das Ausland netto Verbindlichkeiten gegenüber dem Inland eingegangen ist (NettokapitalimportNettokapitalimport). Im Ergebnis entspricht der Exportüberschuss unseres Landes in Höhe von 50.000 Euro genau seinem Nettokapitalexport, der sich wiederum aus dem Überschuss der inländischen Ersparnis über die inländische Investition ergibt.
Die für jede Volkswirtschaft für eine abgelaufene Zeitspanne (zum Beispiel ein Jahr) feststellbare Identität von Nettokapitalexport und Exportüberschuss (bzw. Nettokapitalimport und Importüberschuss) muss natürlich nicht von vorneherein – die Volkswirte sagen »ex ante« – schon gelten. Es könnte beispielsweise sein, dass das Ausland nicht plant, einen PKW im Wert von 50.000 Euro aus dem Inland zu importieren. Auf dem Devisenmarkt (siehe Kapitel 9) stünde dann dem Angebot an Euro aus dem Auslandskredit der inländischen Bank eine geringere oder gar keine Nachfrage nach Euro zum PKW-Import des Auslands gegenüber. Der Euro müsste sich daraufhin abwerten, was den Import des Auslands (= Export des Inlands) steigen ließe. Die Anpassung müsste solange anhalten, bis der inländische Exportüberschuss (= ausländischer Importüberschuss) das Niveau des inländischen Nettokapitalexports (= ausländischer Nettokapitalimport) erreicht hat. Und sollte der Wechselkurs nicht flexibel, sondern fixiert sein, so müsste die Zentralbank die überschüssig angebotenen Euro ankaufen (siehe Kapitel 9.11).
Ebenso ist denkbar, dass der geplante Überschuss der inländischen Ersparnis über die Investition zum Beispiel größer ist als der geplante Nettokapitalexport. In diesem Falle müsste das überschüssig angebotene Sparkapital die Zinsen auf dem Kapitalmarkt sinken lassen, was die Investition und den Nettokapitalexport anregen und die Ersparnis dämpfen würde.
In unserem Beispiel haben wir unterstellt, dass die Bezahlung des PKW-Exports in der Währung des Exportlandes – also in Euro – erfolgt. Eine weitere Möglichkeit wäre die Fakturierung in der Währung des Importlandes. Wie wir in Kapitel 9.2 zeigen werden, ändert das indes nichts an dem im Nachhinein (»ex post«) stets gültigen volkswirtschaftlichen Zusammenhang, der da lautet:
Ersparnis = Investition + Nettokapitalexport
wobei gilt: Nettokapitalexport = Exportüberschuss
Man nennt dies die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsgleichunggesamtwirtschaftliche Finanzierungsgleichung. Es handelt sich dabei um eine Identitätsbeziehung, die – wie gesagt – für eine abgelaufene Periode stets erfüllt ist. Wie eingangs erwähnt, vernachlässigen wir bei dieser Betrachtung die Existenz von grenzüberschreitenden Vermögensübertragungen.
Aus der Sicht eines Landes mit Importüberschüssen gilt entsprechend:
Ersparnis = Investition – Nettokapitalimport
wobei gilt: Nettokapitalimport = Importüberschuss
Das bedeutet: Bleibt die Ersparnis eines Landes hinter seinen Investitionsausgaben zurück, so muss die Sparlücke durch Nettokapitalimporte aufgefüllt werden. Diese dienen der Finanzierung des nationalen Importüberschusses. Ein Paradebeispiel für ein Land, das in diesem Sinne »zu wenig« spart, sind die USA, die sich aufgrund der beständigen Notwendigkeit von Kapitalimporten, insbesondere in Form von Kreditaufnahmen im Ausland, zur weltgrößten Schuldnernation entwickelt haben. Im krassen Gegensatz dazu steht vor allem China, dessen Volk extrem viel spart. Im Zuge der damit verbundenen Kapitalexporte, also der Geldanlagen im Ausland, ist das Land zur weltgrößten Gläubigernation geworden.
Die deutsche Ersparnis, abzüglich des Saldos der Vermögensübertragungen an das Ausland, belief sich im Jahr 2022 auf 324 Milliarden Euro. Die inländische Sachvermögensbildung (Nettoinvestition) betrug 182 Milliarden Euro. Daraus resultierte ein Nettokapitalexport Deutschlands in die übrige Welt von 142 Milliarden Euro. Über die Jahrzehnte hinweg hat Deutschland so ein Auslandsvermögen von brutto (also vor Abzug der Auslandsverbindlichkeiten) ungefähr 12,5 Billionen Euro angehäuft. Ein Gutteil davon entfällt auf die Geldanlagen deutscher Banken, Versicherungen, Pensionskassen etc. Das heißt, mit den Erträgen aus dem durch Kapitalexporte gebildeten deutschen Auslandsvermögen werden die Renten, Lebensversicherungen und Zinseinkommen der deutschen Bürger mitfinanziert. Allein diese Tatsache erklärt schon das überragende Interesse, das Deutschland an einer positiven Wirtschaftsentwicklung des Auslands haben muss.
Allerdings – das muss an dieser Stelle leider auch erwähnt werden – sind die Deutschen offenbar ganz schlechte Kapitalanleger. Berechnungen der Verfasser haben ergeben, dass sich die Vermögensverluste, die Deutschland bei seinen Auslandsanlagen realisierte, allein im Zeitraum 2008 bis 2022 auf einen Betrag in der Größenordnung von 1.200 Milliarden Euro summierten. Das ist die Differenz zwischen den deutschen Überschüssen im Außenhandel und dem tatsächlichen Anstieg des deutschen Nettoauslandsvermögens (es belief sich übrigens Anfang 2023 auf 2,8 Billionen Euro). Im angelsächsischen Raum wird diesbezüglich manchmal etwas despektierlich von »dumb German money« (dummes deutsches Geld) gesprochen. Hans-Werner Sinn, der wohl berühmteste deutsche Ökonom der Gegenwart, hat das mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: »Deutschland lieferte Porsches und bekam Lehman-Zertifikate« (gemeint: Schrottpapiere, siehe auch Kapitel 4.6).
Global gesehen müssen sich – wie unser Beispiel zeigt – Forderungen und Verbindlichkeiten genau entsprechen. Das Geldvermögen der Welt ist per saldo immer null, und es gilt die »Finanzierungsgleichungweltwirtschaftliche Finanzierungsgleichung«: Ersparnis = Investition.
Der mitunter gehörte Satz »Die Welt ist überschuldet« ist also Unsinn. Auch ist es keineswegs so, dass Kapitalexporte im Inland fehlen würden (ebenfalls ein weit verbreiteter Irrtum). Vielmehr benötigen die Schuldnerländer dieses Geld, um damit Güterimporte aus den Überschussländern, das heißt deren Güterexporte, zu bezahlen. Ein Verbot oder eine Einschränkung von Kapitalexporten wäre für eine Exportnation wie Deutschland eine Katastrophe.
Andererseits stoßen die hohen deutschen Exportüberschüsse international häufig auf Kritik. Im Kern wirft man Deutschland vor, seine europäischen Handelspartner dadurch in Armut zu stürzen. Deutschland solle doch bitteschön seine Binnennachfrage – etwa über Lohnerhöhungen – steigern und so seine Importe ankurbeln und seine Exportperformance verringern. Das ist etwa dasselbe, wie wenn man von den Fußballern des FC Bayern verlangen würde, dass sie mehr Bier trinken und weniger trainieren, damit sie den anderen Mannschaften nicht überlegen sind. Jeder kann sich denken, welch negative Folgen dies für das Leistungsniveau im Sport hätte. Für die Weltwirtschaft gilt das gleichermaßen.
Finanzmärkte sind gleichsam die »Drehscheibe« der Kapitalvermittlung. Wir werden dies in Kapitel 3 nochmals näher betrachten. Darüber hinaus haben die Finanzmärkte weitere Funktionen: LosgrößentransformationLosgrößentransformation bedeutet, dass viele kleine Anlagebeträge (von den Banken) gebündelt werden, um die Finanzierung sehr großer Investitionen zu ermöglichen. Unter FristentransformationFristentransformation versteht man, dass kurzfristig, etwa für wenige Monate, angelegte Gelder den Unternehmen für längere Zeiträume, im Extremfall mehrere Jahrzehnte, zur Verfügung gestellt werden (oder umgekehrt). RisikotransformationRisikotransformation bewirkt, dass das Risiko eines Unternehmens von vielen Anlegern gemeinsam getragen wird. Ist eine Bank zwischengeschaltet, die Spargelder hereinnimmt und auf eigene Rechnung ausleiht, so übernimmt sie das Kreditrisiko (zunächst) ganz. Finanzmärkte ermöglichen es den einzelnen Anlegern daneben, ihre Mittel auf verschiedene Investitionsobjekte zu verteilen und so das Risiko zu reduzieren (siehe Kapitel 4). Außerdem existieren »derivative« Finanzprodukte, mit deren Hilfe Risiken abgesichert werden können (siehe Kapitel 5).
Wenn wir zusammenfassend das System der durch eine Volkswirtschaft bzw. durch die Weltwirtschaft fließenden Geldströme mit dem Blutkreislauf eines Menschen vergleichen, so entspricht die Rolle der Finanzmärkte offenkundig der des Herzens:
Die Rolle der Finanzmärkte
Über die Märkte für Bankkredite, verzinsliche Wertpapiere und Aktien (siehe Kapitel 2) werden Finanzierungsmittel in die Adern der Wirtschaft gepumpt. Der reibungslose und ausreichende Geldtransport auf den Finanzmärkten ist notwendig, um die im Wirtschaftsprozess entstehenden Finanzierungsdefizite des Sektors Unternehmen, des Staates und des Auslands zu decken. Andernfalls müsste der Umfang der gesamtwirtschaftlichen Aktivität merklich schrumpfen. Anders ausgedrückt: Wenn die Finanzmärkte nicht funktionieren, brechen moderne Volkswirtschaften und die gesamte internationale Ökonomie zusammen.
Jedoch werden die erreichte Größe und das rasante Wachstum der Finanzmärkte auch kritisch beobachtet. Nach einer Untersuchung von Spremann und Gantenbein (vgl. ihr Buch »Finanzmärkte. Wertpapiere, Investitionen, Finanzierungen«, 2022) beträgt der Gesamtwert der weltweit umlaufenden Anleihen und Aktien mehr als 400 Billionen US-Dollar. Setzt man diesen Betrag ins Verhältnis zur Weltproduktion (Summe der Bruttoinlandsprodukte aller Länder), so ergibt sich die sogenannte FinanztiefeFinanztiefe. Sie beläuft sich auf über 400 Prozent. Das heißt, der globale Finanzbereich ist ungefähr vier Mal so groß wie die weltweite Realwirtschaft. Bezieht man auch den globalen Derivatemarkt mit ein, vervielfacht sich der Wert nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf mehr als 1.000 Prozent (Stand Ende 2022). Da die globalen Ansprüche auf Finanzierungen schneller wachsen als die globale Wertschöpfung von Gütern, wird sich diese Dominanz des Finanzbereichs aller Voraussicht nach in der Zukunft noch erhöhen. Schwankungen der Finanzmarktpreise (Zinsen und Kurse) können somit erhebliche Wirkungen – positive wie negative – auf die Entwicklung der Güterproduktion auslösen. Skeptiker sprechen diesbezüglich gerne vom »Weltfinanzhund, der mit dem Schwanz der Güterwirtschaft wedelt«.
Worin besteht die zentrale ökonomische Bedeutung der Finanzmärkte?
Erklären Sie die Beziehung zwischen der Ersparnis, der Investition und dem Nettokapitalverkehr eines Landes. Warum entspricht der Nettokapitalexport bzw. -import ex post immer dem Nettogüterexport bzw. -import dieses Landes?
Wie wird sich ein Anstieg des Nettokapitalexports bei konstanter inländischer Ersparnis auf die inländische Sachvermögensbildung (Investition) eines Landes auswirken?
Angenommen, in Deutschland seien die Ersparnis und der Nettokapitalexport konstant. Wie würde sich der deutsche Nettogüterexport infolge eines Anstiegs des Einkommens im Ausland (dem »Rest der Welt«) ändern? Welche Wirkung ergäbe sich für den Wert des Euro auf dem Devisenmarkt?
Worin liegt also letztlich die Ursache der beobachtbaren Ungleichgewichte im globalen Güterverkehr (unter anderem Importüberschüsse der USA und Exportüberschüsse Chinas)?
Wie lautet die »weltwirtschaftliche Finanzierungsgleichung«?
Nennen Sie drei (weitere) Funktionen der Finanzmärkte.
Warum ist der reibungslose und ausreichende Geldtransport auf den Finanzmärkten volkswirtschaftlich notwendig?
Was versteht man unter der sogenannten »Finanztiefe«?
Welche realwirtschaftlichen Konsequenzen ergeben sich aus der Größe und der damit verbundenen Dominanz der Finanzmärkte? Veranschaulichen Sie Ihre Antwort anhand eines Beispiels.
Lerninhalte
Kassa- und Terminmärkte
Geld-, Kredit- und Kapitalmärkte, Geldpolitik
Nationale und internationale Finanzmärkte
Grundgedanke von Finanztermingeschäften
In ihrer Gesamtheit gleichen die Finanzmärkte einem Mosaik. Aus welchen Teilen setzt es sich zusammen, und wie greifen diese Teile ineinander?
Als Erstes muss man zwischen Kassamärkten und Terminmärkten unterscheiden. Betrachten wir zunächst die Kassamärkte, an denen der vereinbarte Finanzmitteltransport sofort bzw. innerhalb weniger Tage ausgeführt wird. Üblich ist hier eine Differenzierung nach den Marktteilnehmern und der Fristigkeit der Finanzmittel (siehe Tab. 2-1).
Auf dem Geldmarkt im engeren SinneGeldmarkt im engeren Sinne finden Geldgeschäfte zwischen der Europäischen Zentralbank (EZB) und den Geschäftsbanken statt. Es handelt sich hier sozusagen um das »Operationsfeld« der Geldpolitik. Im Rahmen ihrer Tätigkeit nehmen Geschäftsbanken Kredite bei der EZB auf. Seltener legen Geschäftsbanken überschüssiges Geld bei der EZB an. (In Krisenzeiten allerdings parken die Kreditinstitute teilweise große Beträge auf ihren Zentralbankkonten). Die aufgenommenen EZB-Kredite müssen von den Geschäftsbanken verzinst werden und sind überwiegend mit Wertpapieren abgesichert. Man spricht dann von »WertpapierpensionsgeschäftWertpapierpensionsgeschäften«. Die bekanntesten und regelmäßig getätigten Wertpapierpensionsgeschäfte sind die sogenannten »HauptrefinanzierungsgeschäftHauptrefinanzierungsgeschäfte«. Deren Zinssatz, der »HauptrefinanzierungssatzHauptrefinanzierungssatz« (kurz: Refi-SatzRefi-Satz) ist der maßgebliche LeitzinsLeitzins im Eurosystem. Er gilt als Indikator für den monetären Kurs der EZB. Bei Wertpapierpensionsgeschäften hinterlegen Geschäftsbanken beispielsweise Staatsanleihen oder Industrieobligationen, die sie im Zuge früherer Kreditgewährungen an Staaten oder Unternehmen erworben haben, als Pfand bei der EZB. Dafür erhalten sie von dieser für eine bestimmte Zeitspanne Geld – sogenanntes »ZentralbankgeldZentralbankgeld« – geliehen. Das heißt, die EZB schreibt der betreffenden Geschäftsbank den Gegenwert auf deren Konto bei der EZB gut und erhöht damit die Bankenliquidität (expansives Wertpapierpensionsgeschäft). Neben der Kreditgewährung über Wertpapierpensionsgeschäfte tätigt die EZB auch definitive Käufe von Wertpapiere, definitiver Kauf vonWertpapieren. Mit diesen Maßnahmen steuert sie die Liquidität der Geschäftsbanken, das heißt deren Bestand an Zentralbankgeld. Will die Zentralbank die Bankenliquidität verengen, so geschieht das über kontraktive Wertpapierpensionsgeschäfte oder definitive Verkäufe von Wertpapieren. Auf diese Weise kann die EZB die Fähigkeit der Geschäftsbanken zur Kreditvergabe und damit das Wachstum der Geldmenge beeinflussen.
Märkte für kurz- und mittelfristige Kredite
Märkte für langfristige Finanzierungen
Geldmärkte
Märkte für Bankkredite und Bankeinlagen
Kapitalmärkte
Märkte für Hypothekendarlehen
Geldmarkt im engeren Sinne
Interbankenhandel
Anleihen
Aktien
Investmentfonds
Emission von und Handel mit Geldmarktpapieren
Tab. 2-1: Einteilung der Finanzmärkte (Kassamärkte)
Das zweite Segment des Geldmarkts bildet der InterbankenhandelInterbankenhandel. Hier leihen sich die Geschäftsbanken gegenseitig Zentralbankgeld für Zeiträume von einem Tag bis zu einem Jahr. Die Zinsen, die sich dafür – und auch für Geldmarktpapiere (siehe unten) – bilden, heißen »Geldmarktzinsen«. Schließlich findet auf dem Geldmarkt die Emission, also die erstmalige Ausgabe, neuer sowie der Handel mit den schon umlaufenden Geldmarktpapieren statt; Teilnehmer sind außer den Banken einige große Unternehmen aus Industrie, Handel und Versicherungswirtschaft sowie die öffentliche Hand (siehe Kapitel 4.1).
Die Märkte für Bankkredite und -einlagenBankkredite und -einlagen umfassen die normalen Kreditbeziehungen zwischen Geschäftsbanken und ihren Kunden. Banken nehmen von ihren Kunden Giro-, Spar- und Termineinlagen entgegen und reichen an ihre Kunden Kredite für Finanzierungszwecke aus.
Zum Markt für langfristige Finanzierungen (Laufzeit von mehr als vier Jahren) gehören zum einen die KapitalmarktKapitalmärkte. An ihnen werden überwiegend börsenfähige Wertpapiere (sogenannte »Effekten«) emittiert und gehandelt, also Aktien und Industrie-, Bank- und Staatsobligationen (Anleihen) sowie Anteile an Investmentfonds (siehe Kapitel 4). Zum anderen werden die Märkte für HypothekendarlehenHypothekendarlehen hinzugezählt.
Parallel zu der oben beschriebenen Systematik lassen sich die Finanzmarkt, internationalerFinanzmärkte (Kassa- wie Terminmärkte) in nationale und internationale Märkte einteilen. An nationalen Finanzmarkt, nationalerFinanzmärkten agieren ausschließlich Inländer allein in der Währung ihres Landes. Es ist diesbezüglich sinnvoll, die Teilnehmerstaaten der Europäischen Währungsunion zu einem Land (»Euroland«) zusammenzufassen. Ein Beispiel für ein Geschäft an diesem nationalen Finanzmarkt wäre dann etwa, dass eine deutsche Bank einen Kredit in Euro an ein französisches Unternehmen vergibt (Kreditmarktgeschäft). Ein entsprechendes Kapitalmarktgeschäft könnte darin bestehen, dass eine deutsche Bank eine auf Euro lautende Anleihe eines französischen Unternehmens an Geldanleger in Deutschland (oder in Frankreich oder in einem anderen EWU-Land) verkauft.
Typisch für internationale Finanzmärkte ist, dass die Geschäftspartner aus unterschiedlichen Ländern stammen oder dass eine Fremdwährung beteiligt ist. Abbildung 2-1 zeigt die entsprechenden Teilmärkte.
Abb. 2-1:
Einteilung der internationalen Finanzmärkte (Kassamärkte)
Zu den internationalen Finanzmärkten zählen die traditionellen AußenmärkteAußenmärkte, an denen beispielsweise eine deutsche Bank einer koreanischen Bank (Geldmarktgeschäft) oder einem koreanischen Unternehmen (Kreditmarktgeschäft) einen bestimmten Geldbetrag in Euro (also in aus Gläubigersicht heimischer Währung) leiht. Solche Auslandskredite gibt es schon sehr lange, ebenso wie die klassischen Auslandsanleihen, also etwa in Deutschland platzierte, auf Euro lautende Anleihen einer koreanischen Firma (Kapitalmarktgeschäft).
Geradezu explosionsartig haben sich daneben die EuromärkteEuromärkte entwickelt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich hierbei nicht um die Märkte für auf die europäische Währung »Euro« lautende Kreditbeziehungen. Auf dem Euromarkt werden generell Währungen außerhalb ihres Ursprungslandes gehandelt. Ein Beispiel wäre ein auf Japanische Yen lautender Kredit einer deutschen Bank an einen Kreditnehmer aus Brasilien oder sonst wo (Kreditmarktgeschäft). Die Nationalität des Kreditnehmers ist unerheblich. Entscheidend ist, dass die benutzte Währung aus Sicht des Gläubigers (der Bank) eine Fremdwährung ist. Solche Geschäfte werden in allen frei konvertierbaren (umtauschbaren) Währungen durchgeführt. Man nennt sie Eurowährungen – also Euro-Yen, Euro-Dollar etc. Kurioserweise gibt es folglich auch »Euro-Euro«.
Der Eurokapitalmarkt schließlich ist der Markt für Anleihen und Aktien, die von großen Banken oder internationalen Bankenkonsortien meist gleichzeitig in mehreren Ländern platziert werden. Beispiel: Eine Luxemburger Bank platziert (auf eigene oder fremde Rechnung) eine in englischen Pfund denominierte Anleihe unter anderem in Deutschland. Ein weiteres Beispiel ist eine in der europäischen Gemeinschaftswährung »Euro« denominierte Anleihe, die von einer (oder unter Führung einer) Tokyoter Bank weltweit platziert wird. Es handelt sich in diesem Fall um eine »Euro-Euro«-Anleihe.
Wichtig zu erwähnen ist noch, dass sich der Zins von Eurokrediten bzw. -anleihen immer nach dem Zinssatz richtet, der in dem Land mit der betreffenden Währung gilt. Ein etwa auf Yen lautender Kredit einer deutschen Bank oder eine in Deutschland platzierte Yen-Anleihe »trägt« also den in Japan für ähnliche Laufzeiten geltenden Zinssatz.
Der betriebswirtschaftliche Vorteil des Euromarktes besteht darin, dass er nicht von einer Währungsbehörde reglementiert wird. Die Euromarkt-Transaktionen selbst unterliegen keiner unmittelbaren geldpolitischen Steuerung oder bankaufsichtsrechtlichen Kontrolle. Euroeinlagen – also etwa in Euro geführte Konten deutscher Staatsbürger auf den Cayman Islands – sind typischerweise von Mindestreserveverpflichtungen, ebenso wie von Quellenbesteuerung, befreit. Deshalb und aufgrund der hohen Volumina sind die Zinssätze an den Euromärkten im Allgemeinen sowohl für Anleger als auch für Kreditnehmer günstiger als auf nationalen Märkten. Andererseits erhalten Unternehmen und Staaten Zugang zu Eurokrediten nur, wenn sie über eine bestimmte, hohe Bonität verfügen (siehe Kapitel 3.2).
Der oben definierte Euromarkt umfasst seinerseits mehrere Teilmärkte. Hierzu zählen neben dem geografisch auf europäische Finanzplätze wie London, Luxemburg, Paris, Frankfurt, Amsterdam oder Brüssel konzentrierten Euromarkt im engeren Sinne der Asien-Dollar-Markt sowie die amerikanischen Offshore-Märkte. Offshore-MärkteOffshore-Märkte sind dadurch gekennzeichnet, dass sowohl Kapitalgeber als auch Kapitalnehmer nicht gebietsansässig sind, dass die abgeschlossenen Geschäfte von denen der Gebietsansässigen getrennt sind (sodass die inländische Geldversorgung davon unberührt bleibt) und dass solche Geschäfte von staatlichen Kontrollen weitgehend befreit sind. Zentren des Asien-Dollar-MarktAsien-Dollar-Marktes sind der Japan Offshore Market (JOM) in Tokio, daneben die Offshore-Plätze Hongkong und Singapur, wobei Tokio insgesamt einer der führenden internationalen Finanzmärkte ist. Amerikanische Offshore-Plätze sind zum einen die International Banking FacilitiesInternational Banking Facilities (IBFs) in New York und zum anderen die Bahamas (allen voran die Hauptstadt Nassau), die Cayman Islands und Panama. Letztere werden oft auch als Karibik-Dollar-MarktKaribik-Dollar-Markt bezeichnet. An diesen Offshore-Plätzen sind ungefähr 600 ausländische Banken registriert. Außerdem betreiben zahlreiche Banken in Kanada und an anderen Orten der Welt Fremdwährungsgeschäfte, primär in US-Dollar, die ebenfalls zu den Eurogeschäften gerechnet werden können. In Frankfurt am Main existiert seit 2014 ein Offshore-Zentrum für den Handel mit der chinesischen Währung Renminbi (Yuan).
Vielfach werden auch die DevisenmarktDevisenmärkte unter die internationalen Finanzmärkte gefasst. Auf dem Devisenmarkt werden Währungen ausgetauscht, beispielsweise Euro gegen US-Dollar. Ein solcher Tausch ist immer bei Währungsraum übergreifenden Geschäften notwendig. Das ist etwa der Fall, wenn ein deutsches Unternehmen Ware aus den USA importiert und in US-Dollar bezahlen muss oder wenn ein deutscher Investor Geld in den USA anlegen will. Wir werden auf die verschiedenen Transaktionen, die am Devisenmarkt stattfinden, in Kapitel 9 näher eingehen.
Nicht nur im Wirtschaftsleben, aber hier vor allem, erfreuen sich Voraussagen über die zukünftige Entwicklung großer Beliebtheit. Auf den Finanzmärkten ging man noch einen Schritt weiter. Es entstanden neben den Kassamärkten die Terminmärkte, welche es Geschäftsleuten erlauben, künftige Preise und Kurse wichtiger Güter und Vermögenswerte festzuschreiben. Bereits 1859 hat der Handel mit börsennotierten Terminkontrakten am Chicago Board of Trade (CBOT) begonnen. Damals dominierten noch Abschlüsse im Rohstoffbereich, später kamen Kontrakte auf Währungen und Finanzwerte hinzu.
In TermingeschäftTermingeschäften wird heute vereinbart, zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt einen bestimmten »Basiswert« (etwa eine Aktie) zu einem bestimmten Preis abzunehmen bzw. zu liefern.
Da sich Termingeschäfte immer auf einen zugrunde liegenden (originären) Basiswert beziehen, nennt man sie »derivative«, das heißt abgeleitete Finanzprodukte oder schlicht DerivateDerivate. Wir werden die verschiedenen Formen derivativer Finanzinstrumente in Kapitel 5 und 10 besprechen. Vorläufig sei hier nur der Grundgedanke von Termingeschäften veranschaulicht: Nehmen wir an, Sie kaufen heute – am 23. Dezember – eine Weihnachtsgans im Supermarkt. Gewicht 5 kg, Preis 150 Euro. Sie nehmen die Gans aus dem Kühlregal, bezahlen sie an der Kasse und gehen mit ihr nach Hause. Das ist ein Kassamarkt- oder kurz Kassageschäft.
Ein Terminmarkt- bzw. Termingeschäft liegt vor, wenn etwa der Einkaufsleiter des Supermarktes bei einem Geflügelzuchtbetrieb sagen wir am 23. Juni Weihnachtsgänse mit Liefertermin am 23. Dezember bestellt. Beispielsweise bestellt er 100 Gänse mit einem Gewicht von jeweils 5 kg zum Preis von 100 Euro pro Stück. Mit dieser Vereinbarung sichern sich beide Geschäftspartner ab: Der Supermarkt gegen einen eventuellen zukünftigen Preisanstieg (es könnte sich ja bis Weihnachten das Gänseangebot durch eine Seuche verknappen) und der Geflügelzüchter gegen einen möglichen Preisverfall (etwa, weil die Leute an Weihnachten lieber exotische Tiere wie Gnus oder Haifische oder gar kein Fleisch essen wollen). Das Absichern gegen ungünstige zukünftige Preisentwicklungen bezeichnet man als HedgingHedging. Es geschieht in unserem Beispiel durch ein einfaches WarentermingeschäftWarentermingeschäft.
Das beschriebene Warentermingeschäft lässt sich durch ein FinanztermingeschäftFinanztermingeschäft ersetzen. Der Vorteil besteht darin, dass damit die Absicherung gegen Preisschwankungen vom Grundgeschäft (Kauf bzw. Verkauf von Weihnachtsgänsen) losgelöst wird. Dies geschehe im betrachteten Fall durch den Kauf bzw. Verkauf eines Futures. Dabei handelt es sich letztlich um einen Vertrag über den Erhalt bzw. die Bezahlung einer bestimmten Geldsumme in der Zukunft. Die Vereinbarung könnte zum Beispiel so lauten: Sollte der Marktpreis einer 5 kg schweren Weihnachtsgans am 23. Dezember höher sein als 100 Euro, erhält der Supermarkt (Käufer des Futures) von seinem Kontraktpartner den Differenzbetrag ausbezahlt. Sollte der Preis der Gans hingegen unter 100 Euro gesunken sein, muss der Supermarkt seinerseits den Differenzbetrag an seinen Kontraktpartner (Verkäufer des Futures) ausbezahlen. Bei einem angenommenen Preis von 130 Euro würde der Supermarkt seine Gänse am 23. Dezember zum Marktpreis (130 Euro) erwerben und bekäme 30 Euro pro Gans erstattet, sodass eine Gans ihn nicht mehr als 100 Euro kostet. Beträgt der Ganspreis am 23. Dezember nur 80 Euro, würde der Supermarkt die Gänse zwar zu diesem niedrigen Preis erwerben können, müsste aber 20 Euro zusätzlich an den Kontraktpartner auszahlen.
Kontraktpartner des Supermarkts könnte der Geflügelzuchtbetrieb sein, der im Falle eines Preisrückganges profitieren würde, das heißt dagegen abgesichert wäre. Kontraktpartner des Supermarkts könnte aber genauso gut ein Spekulant sein, etwa eine Bank oder ein Hedgefonds, der auf einen Preisrückgang bei Gänsen spekuliert. Statt von Spekulation sprechen Banken übrigens lieber von TradingTrading (Handeln), weil dieser Begriff nicht so negativ besetzt ist. Selbstverständlich spekulieren Banken und andere Finanzmarktakteure sowohl auf sinkende wie auch auf steigende Preise von Basiswerten.
Eine Bank, die auf einen Preisanstieg bei Gänsen spekuliert, könnte als Kontraktpartner unseres Geflügelzuchtbetriebs auftreten. Die Bank wäre entsprechend Käufer des Futures. Sofern Kontrakte über Weihnachtsgänse an der Börse gehandelt werden, wird unsere Bank ihren Kontrakt vermutlich gar nicht bis zum Fälligkeitstag aufrechterhalten. Wenn nämlich der Preis von Weihnachtsgänsen steigt, so erhöht sich auch der Kurs des betreffenden Kontrakts. Immerhin könnte die Bank aufgrund des Vertrages die Gänse ja zu einem niedrigeren Preis bekommen, als sie aktuell am Markt kosten: Der Terminkontrakt hat ganz simpel gesagt einen Gewinn aufgebaut. Lediglich um diesen Wertzuwachs geht es unserer auf steigende Ganspreise spekulierenden Bank. Deshalb schließt sie zusätzlich zum bestehenden Kauf den Verkauf eines Terminkontrakts mit identischer Fälligkeit ab, und zwar angesichts des inzwischen gestiegenen Ganspreises zu einem höheren Kurs. Man nennt dies GlattstellungGlattstellung. Die Börse saldiert Kauf- und Verkaufspreis und schreibt der Bank den Gewinn auf deren Konto gut.
Es ist klar, dass keine Bank ein Interesse am eigentlichen Grundgeschäft besitzt. Weder will sie Gänse verkaufen noch will sie Gänse kaufen. Mithilfe der beschriebenen Finanztermingeschäfte kann sie aber an einem Preisrückgang oder einem Preisanstieg bei Gänsen verdienen. Natürlich kann sie auch Geld verlieren, nämlich dann, wenn ihre Preiserwartung nicht eintritt. Typischerweise finden die meisten derartigen Spekulationsgeschäfte statt, ohne dass überhaupt ein Grundgeschäft existiert. Das heißt, Banken, die einen Preisrückgang zum Beispiel bei Gänsen – oder bei Kaffee, Gold, Mineralöl, Aktien, Weizen etc. – erwarten, schließen Terminkontrakte mit Banken, die mit einem Preisanstieg rechnen. Beide Parteien sind also Spekulanten, pardon: Trader.
Worin besteht der Unterschied zwischen Kassamärkten und Terminmärkten?
In welche Teilmärkte können die Kassamärkte nach dem Kriterium der Fristigkeit der zur Verfügung gestellten Finanzmittel unterschieden werden?
Was versteht man unter Wertpapierpensionsgeschäften? Wie wirken expansive, wie kontraktive Wertpapierpensionsgeschäfte?
Wie unterscheiden sich internationale von nationalen Finanzmärkten?
In welche Teilmärkte lassen sich die internationalen Geld- und Kreditmärkte einteilen? Definieren Sie die relevanten Marktsegmente und finden Sie jeweils ein Beispiel für ein Geschäft auf diesen Teilmärkten.
Definieren Sie den Begriff des Eurokapitalmarktes und geben Sie ein Beispiel für ein Geschäft auf diesem Teilmarkt.
Welche Gründe gibt es für die günstigeren Zinsen an den Euromärkten im Vergleich zu den nationalen Finanzmärkten?
In welche Teilmärkte lässt sich der Euromarkt unterteilen?
Was kennzeichnet einen sogenannten Offshore-Markt?
Welche zentrale ökonomische Funktion erfüllt der Devisenmarkt?
Wie lautet die Vereinbarung, die bei Termingeschäften getroffen wird? Warum spricht man diesbezüglich von »derivativen« Finanzprodukten?
Veranschaulichen Sie den Grundgedanken von Termingeschäften anhand eines Beispiels.
Lerninhalte
Primär- und Sekundärmarkt
Zinsen und Anleihekurse
Zinsprognose, Geld- und Fiskalpolitik
Wirtschaftspolitische Lehrmeinungen
Instrumente und Wirkungsweise der Geldpolitik
Zinsstruktur, Kassa- und Terminzinsen
Fundamentale Aktienkursprognose und Behavioral Finance
Wechselkurse am Kassa- und am Terminmarkt
Wechselkursbildung und -prognose
Wie auf jedem Markt bilden sich auch auf den Finanzmärkten Preise. Auf den Kassamärkten handelt es sich hierbei um die Zinsen, die Kurse von Schuldtiteln (Anleihen und Geldmarktpapiere, siehe Kapitel 4), die Aktienkurse sowie die Wechselkurse. Nach welcher Logik bilden sich diese Finanzmarktpreise? Wie hängen sie zusammen? Wodurch werden sie beeinflusst? Welche Wirkungen löst ihre Veränderung aus? Diese Fragen zu beantworten, ist zweifellos grundlegend für das Verständnis des globalen Finanzgeschehens. Im Folgenden wollen wir es versuchen.
Abbildung 3-1 zeigt nochmals die in Kapitel 1 beschriebene Kapitalvermittlung auf den Finanzmärkten. Als »Vehikel« für den Kapital- bzw. Geldtransport dienen sehr häufig Wertpapiere. Kapitalsuchende Unternehmen oder der Staat (wir bezeichnen sie mit KN wie Kapitalnachfrager) emittieren Wertpapiere in Form von Geldmarktpapieren, Anleihen oder Aktien. Diese werden typischerweise von Banken oder einem Bankenkonsortium – also einer Gruppe von Banken (das können bei großen Kapitalvolumina durchaus mehr als 100 Institute sein) – bei den Geldanlegern (KA wie Kapitalanbieter) platziert, das heißt an diese verkauft. Dieser Vorgang der erstmaligen Kapitalvermittlung geschieht auf dem sogenannten PrimärmarktPrimärmarkt. In Abbildung 3-1 (links) fließt ein Geldstrom von KA zu KN und dem entgegengerichtet ein Strom von Wertpapieren.
Abb. 3-1:
Emission und Handel von Wertpapieren
Anhand der Wertpapiere können die Kapitalanbieter (Geldanleger) nachweisen, dass sie den Kapitalnachfragern Geld zur Verfügung gestellt haben. Wertpapiere ermöglichen es den Geldanlegern aber auch, und das ist die wichtigere Funktion, sich ihr Geld kurzfristig wieder zu beschaffen. Unsere Kapitalanbieter können nämlich die am Primärmarkt erworbenen Wertpapiere (über ihre Bank) auf dem sogenannten SekundärmarktSekundärmarkt an andere Kapitalanbieter verkaufen. In Abbildung 3-1 ist dieser Vorgang auf der rechten Seite dargestellt. Unter dem Sekundärmarkt versteht man allgemein den Markt für den Handel mit umlaufenden Wertpapieren. Der räumlich abgegrenzte Markt für den Handel mit umlaufenden Wertpapieren (oder anderen Gütern) heißt Börse. Der Börsenhandel unterliegt bestimmten gesetzlichen Regeln und Kontrollen. Neben der Börse gibt es auf dem Sekundärmarkt noch den außerbörslichen Handel, auch »Telefonhandel« genannt. Erstemissionen von Wertpapieren aber finden, wie gesagt, am Primärmarkt statt. Sie berühren – von Ausnahmen abgesehen – die Börse und auch den Telefonhandel nicht.
Wenn es also heißt, ein Unternehmen »geht an die Börse«, so ist das eigentlich nicht korrekt ausgedrückt. Gemeint ist, dass das betreffende Unternehmen Aktien emittiert, die später – wenn sie im Umlauf sind – an der Börse gehandelt werden können.
