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Finanzmärkte sind zu einem bedeutenden Phänomen der modernen Gesellschaft geworden. Das Buch führt in die Märkte für Kapital ein, vor allem in die Märkte für Wertpapiere, Vermögenspositionen, Zertifikate und Kontrakte. In der ersten Hälfte des Buches werden Grundlagen gelegt. Dieser Teil ist für das Selbststudium gut geeignet. Nach einer Zusammenfassung bieten die Kapitel Fragen zur Lernstandskontrolle sowie Themen für Präsentationen, sodass durchaus auch eine gemeinsame Lernarbeit im Plenum unterstützt wird. Die zweite Hälfte des Buches wendet sich den Zusammenhängen zu. Auch wenn diese Themen im Selbststudium erarbeitet werden könnten, wird eine Lehr- und Lernarbeit im Plenum empfohlen. Ebenso wie zuvor enden die Kapitel mit Projektvorschlägen, sodass die Treffen im Plenum eine aktive Einbindung der Studierenden erlauben. Das Lehrbuch ist für Studierende in den Anfangssemestern geschrieben und hat sich für diesen Leserkreis bewährt. Besonderes Vorwissen ist nicht vorausgesetzt. Inhalt und Aufbau entsprechen den Lehrveranstaltungen auf der Bachelor-Stufe unserer Hochschulen.
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Seitenzahl: 779
Veröffentlichungsjahr: 2022
utb 8516
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Professor Dr. Dr.h.c. Klaus Spremann:
Klaus Spremann ist Professor Emeritus der Universität St. Gallen und dort dem Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen verbunden, Unterer Graben 21, CH-9000 St. Gallen, Schweiz.
eMail: [email protected]
Professor Dr. Pascal Gantenbein, MRICS:
Pascal Gantenbein ist Professor für Finanzmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Inhaber der Henri-B.-Meier-Stiftungsprofessur, Peter-Merian-Weg 6, CH-4002 Basel.
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Klaus SpremannPascal Gantenbein
Wertpapiere, Investitionen, Finanzierungen
6., vollständig überarbeitete Auflage
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6., vollständig überarbeitete Auflage 2022
5., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019
4., überarbeitete Auflage 2016
3., überarbeitete Auflage 2014
2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2013
1. Auflage 2005
DOI: https://doi.org/10.36198/9783838587783
© UVK Verlag München 2022
– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5, D-72070 Tübingen
Internet: www.narr.de
eMail: [email protected]
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Umschlagmotiv: © iStockphoto Sezeryadigar
utb-Nr. 8516
ISBN 978-3-8252-8778-8 (Print)
ISBN 978-3-8385-8778-3 (ePDF)
ISBN 978-3-8463-8778-8 (ePub)
„Ladies and Gentlemen, Boys and Girls“ lautet die Begrüßung der Passagiere auf einem Flug nach Down Under. Hierzulande heißt es oft kurz „Hallo“. Alle Leserinnen und Leser seien willkommen für eine Reise durch die Welt der Finanzen.
Das Buch in Ihren Händen führt in die Märkte für Kapital ein, vor allem in die Märkte für Wertpapiere, Vermögenspositionen, Zertifikate und Kontrakte. Das Lehrbuch ist für Studierende in den Anfangssemestern geschrieben und hat sich für diesen Leserkreis bewährt. Besonderes Vorwissen ist nicht vorausgesetzt. Inhalt und Aufbau entsprechen den Lehrveranstaltungen auf der Bachelor-Stufe unserer Hochschulen. Außerdem ist das Buch für die Executive Education gedacht. Dazu besteht die Möglichkeit, einzelne Kapitel auszuwählen.
In der ersten Hälfte des Buches (Kapitel 1 bis 9) werden Grundlagen gelegt. Dieser Teil ist für das Selbststudium gut geeignet. Nach einer Zusammenfassung bieten die Kapitel Fragen zur Lernstandskontrolle sowie Themen für Präsentationen, sodass durchaus auch eine gemeinsame Lernarbeit im Plenum unterstützt wird. Die neun Themen dieser Grundlagen: 1. Geld, 2. Kapital, 3. Werte, 4. Liquidität, 5. Rendite, 6. Anleihen und Zinsen, 7. Aktien und Risikofaktoren, 8. Finanztiefe, 9. Krisen.
Die zweite Hälfte des Buches (Kapitel 11 bis 19) wendet sich den Zusammenhängen zu. Auch wenn diese Themen im Selbststudium erarbeitet werden könnten, wird doch eher eine Lehr- und Lernarbeit im Plenum empfohlen. Dort können Dozierende Zwischenfragen beantworten und je nach zur Verfügung stehender Zeit Schwerpunkte setzen. Ebenso wie zuvor enden die Kapitel mit Projektvorschlägen, sodass die Treffen im Plenum eine aktive Einbindung der Studierenden erlauben. Selbstverständlich könnten Dozierende auch einzelne Abschnitte oder Kapitel des zweiten Buchteils ihren Studierenden zur Präsentation überlassen. Die zweite Buchhälfte zu den Zusammenhängen behandelt Themen wie das Zinsrisiko, Arbitrage, Faktormodelle, Optionen und Futures.
Wir freuen uns über die positive Aufnahme der bisherigen Auflagen. Für die vorliegende 6. Auflage haben wir den Text verbessert und aktuelle Entwicklungen berücksichtigt. Die Darstellung wurde gestrafft, zum Teil auch ergänzt. Abbildungen und Tabellen sind aktualisiert. Das Glossar der Grundbegriffe wurde erweitert. Unser Dank geht an den Verlag sowie an Studierende, die mit Fragen halfen, das Manuskript immer wieder zu verbessern. Danken möchten wir auch für die Unterstützung, die wir an unseren Instituten erfahren.
St. Gallen und Basel, April 2022
K. Spremann und P. Gantenbein
Zum Geleit
1Geld
1.1Geld als Zeichen in einem System
1.1.1Münzwechsler und Banker
1.1.2Geldtheorien
1.1.3Gelddeckung durch Erwartungen
1.1.4Buchgeld und Digitalwährung
1.2Geldpolitik
1.2.1Inflation und Deflation
1.2.2Lehren aus der Weltwirtschaftskrise
1.2.3Geldmenge oder Zins?
1.2.4Unkonventionelle Geldpolitik
1.3Fazit
1.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
1.3.2Personen, Begriffe, Fragen
2Kapital
2.1Kapital
2.1.1Wozu Finanzkontrakte?
2.1.2Kapital und Kapitalismus
2.2Finanzierung
2.2.1Eigen- und Fremdkapital
2.2.2Außen und Innenfinanzierung
2.3Fazit
2.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
2.3.2Personen, Begriffe, Fragen
3Märkte, Preise, Werte
3.1Finanzmärkte
3.1.1Geld- und Kapitalmarkt
3.1.2Clearing und Settlement
3.1.3Preise und Werte
3.1.4Übermaß im Wert
3.2Langsame und flinke Märkte
3.2.1Informationseffizienz
3.2.2Finanzmärkte und Gütermärkte
3.2.3Skalierbare Institutionen
3.3Fazit
3.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
3.3.2Personen, Begriffe, Fragen
4Liquidität
4.1Primär- und Sekundärmärkte
4.1.1Vorzeitige Beendigung
4.1.2Primärmarkt
4.1.3Sekundärmarkt
4.1.4Marketmaker, Orderbuch und Händler
4.1.5Sekundärmarkt öffnet Primärmarkt
4.2Liquidität
4.2.1Private versus Public
4.2.2Definition der Liquidität
4.2.3Gesamtwohl
4.2.4Regulierung, Aufsicht, Lenkung
4.3Fazit
4.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
4.3.2Personen, Begriffe, Fragen
5Rendite
5.1Zwei Komponenten der Rendite
5.1.1Return, TWR, MWR
5.1.2Nach-Steuer-Rendite
5.1.3Rendite-Histogramme und serielle Korrelation
5.1.4Normalverteilung und Schwarzer Schwan
5.2Renditeerwartung und Risiko
5.2.1Renditeverteilungsparameter
5.2.2Risikoaversion
5.2.3Risikoprämien-Puzzle
5.3Langfristige und kurzfristige Erwartungen
5.3.1Finanzanalyse versus Urnenmodell
5.3.2Faktoren und Makroökonomie
5.4Fazit
5.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
5.4.2Personen, Begriffe, Aufgaben
6Anleihen, Zinsen, Diskontierung
6.1Zinsstruktur und ihre Determinanten
6.1.1Zinsstrukturtypen und Diskontierung
6.1.2Rendite bis Verfall
6.1.3Determinanten der Zinsstruktur
6.1.4Zentralbank
6.1.5Klauseln im Kreditvertrag
6.2Diversität von Zinsinstrumenten
6.2.1Zerobonds
6.2.2Perpetuals
6.2.3Floating Rate Notes
6.2.4Eurobonds, Wandelanleihen und IL-Bonds
6.2.5ETFs aus Anleihen
6.3Fazit
6.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
6.3.2Personen, Begriffe, Fragen
7Aktien und Risikofaktoren
7.1Rechtsformen und Aktien
7.1.1Eigner und Fremde
7.1.2Rechtsformen und Arten von Aktien
7.2Aktienportfolio
7.2.1Finanzanalyse
7.2.2Value oder Growth?
7.2.3Kaufen und Halten
7.3Mehrere Risikofaktoren
7.3.1Varianzdekomposition
7.3.2Bilanzrisiken
7.4Fazit
7.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
7.4.2Personen, Begriffe, Fragen
8Marktgröße und Finanztiefe
8.1Wichtige Handelsplätze
8.1.1London und New York
8.1.2Frankfurt und Zürich
8.1.3Bretton-Woods-Abkommen
8.2Drei Phasen
8.2.1Finanzwirtschaft dient der Realwirtschaft – Phase I
8.2.2Finanzen und Wirtschaft als Partner – Phase II
8.2.3Dominanz der Finanzwirtschaft – Phase III
8.2.4Zwei weitere Schlüssel
8.3Fazit
8.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
8.3.2Personen, Begriffe, Fragen
9Finanzkrisen
9.1Krisen
9.1.1Eine Begriffsfindung
9.1.2Von Störung zu Katastrophe
9.1.3Vier Beispiele für Finanzkrisen der Stärke 1
9.2Globale und tiefere Krisen
9.2.1Krisen der Stärke 2
9.2.2Eine Krise der Stärke 3
9.3Ursachenforschung
9.3.1Boom and Bust
9.3.2Marx, Keynes und Minsky
9.4Fazit
9.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
9.4.2Personen, Begriffe, Fragen
10Intermezzo
11Information und Preisbildung
11.1Marktmikrostruktur
11.1.1Information und Risiko
11.1.2Vermittler und Gutachter
11.1.3Auktion und Information
11.2Umsetzung neuer Informationen
11.2.1Finanzanalyse
11.2.2Wie Informationseffizienz definiert wird
11.2.3Was aus der Informationseffizienz folgt
11.3Fazit
11.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
11.3.2Personen, Begriffe und Fragen
12Diversifikation
12.1Effiziente Portfolios
12.1.1Portfolio und Kapitalstruktur
12.1.2Risk-Return-Diagramm
12.1.3Effizienzgrenze
12.2Marktportfolio
12.2.1Kapitalmarktlinie
12.2.2Separationstheorem
12.2.3Portfolios mit Währungsrisiken
12.3Risk-Ruler und Robo-Advice
12.3.1Rekapitulation
12.3.2Folgen für die Vermögensverwaltung
12.3.3Robo-Advice
12.4Fazit
12.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
12.4.2Personen, Begriffe, Fragen
13Kapitalstruktur
13.1Irrelevanz und Leverage
13.1.1Finanzmittel diversifizieren?
13.1.2Irrelevanz der Kapitalstruktur: Modigliani und Miller
13.1.3Leverage-Effekt
13.1.4Voraussetzungen
13.2Tradeoff, Agency und Hackordnung
13.2.1Tradeoff-Ansatz
13.2.2Agency-Theorie
13.2.3Hackordnung
13.2.4Anstreben einer Ziel-Kapitalstruktur
13.3Fazit
13.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
13.3.2Personen, Begriffe, Fragen
14Zinsrisiko
14.1Duration
14.1.1Kursrisiko und Duration
14.1.2Duration-Gap
14.1.3Paritätstheoreme
14.1.4Auf- und Abwertungen
14.2Internationale Finanzwirtschaft
14.2.1Das Mundell-Fleming-Trilemma
14.2.2Das Trilemma der Globalisierung
14.3Fazit
14.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
14.3.2Personen, Begriffe, Aufgaben
15Faktormodelle
15.1Grundlagen
15.1.1Wozu Faktormodelle?
15.1.2Kurzübersicht zu Indizes
15.1.3Einfaktor-Modell
15.2Das CAPM
15.2.1Capital Asset Pricing Model (CAPM)
15.2.2Wertschriftenlinie
15.2.3Zur empirischen Validität
15.3Anleihen und Aktien
15.3.1Veränderungen der Relation
15.3.2Decoupling
15.4Fazit
15.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
15.4.2Personen, Begriffe, Fragen
16Kreditrisiken
16.1Kreditrisiken
16.1.1Kreditrisikoprämie
16.1.2Risk-Adjusted-Pricing
16.1.3Beispiele
16.2Eigenkapital als Risikoträger
16.2.1Ausreichend Eigenkapital verlangen!
16.2.2Basel I bis III
16.2.3Stop-Loss-Strategie durch Kreditvereinbarungen
16.2.4Kreditderivate
16.3Fazit
16.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
16.3.2Personen, Begriffe, Aufgaben
17Arbitrage
17.1Replikation und Arbitrage
17.1.1Fungibilität, Substitute und Replikationen
17.1.2Arbitragefreiheit
17.2Arbitrage Pricing Theory (APT)
17.2.1Wann Preise existieren
17.2.2Dicke und Vollständigkeit
17.3Fazit
17.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
17.3.2Personen, Begriffe und Fragen
18Swaps, Futures, Optionen
18.1Hedging
18.1.1Payoff-Diagramm
18.1.2Differenzgeschäfte
18.1.3Termingeschäfte
18.1.4Wahlrecht
18.2Tausch- und Termingeschäfte
18.2.1Zins- und Währungsswaps
18.2.2Swaps und Zinsterminkontrakte
18.2.3Zur Preisbildung
18.2.4Devisenterminkontrakt
18.3Optionen
18.3.1Optionsarten
18.3.2Black-Scholes-Formel
18.4Fazit
18.4.1Zusammenfassung und Lernpunkte
18.4.2Personen, Begriffe, Fragen
19Financial Engineering
19.1Strukturierte Produkte
19.1.1Stile und Themen
19.1.2Zertifikate, Kapitalschutz und Maximalrendite
19.2Hedgefonds
19.2.1Kategorien
19.2.2Zur Preisbildung
19.3Fazit
19.3.1Zusammenfassung und Lernpunkte
19.3.2Personen, Begriffe, Fragen
20Konklusion
20.1Hauptpunkte
20.2Glossar als Lernkasten
Stichwortverzeichnis
Endnoten
In den Finanzmärkten werden Verträge, Positionen und Wertpapiere getauscht, die eine Gemeinsamkeit besitzen: Sie beziehen sich allesamt auf Geld und Zahlungen. Deshalb gehört unser erster Blick dem Geld.
Hauptbotschaft: Die Gelddeckung ist heute durch Erwartungen gegeben. Doch damit diese nicht umschlagen, wie das bei bloßen Stimmungen möglich ist, verlangt das Geld letztlich staatliche Einrichtungen, sichere Institutionen und Nachhaltigkeit bei Geld- und Fiskalpolitik.
Erstes Ziel: Geld als gesetzliches Zahlungsmittel, als Inhaberanteil auf das Sozialprodukt und als Mittel zur Werterhaltung.
Zweites Ziel: Unterschiede zwischen Geld und Währung.
Drittes Ziel: Digitales Geld aus privater und aus staatlicher Hand.
Vorgehen: Abschnitt 1.1 führt bis zum Begriff der Währung, Abschnitt 1.2 ist dem Buchgeld und dem Kryptogeld gewidmet.
Blicken wir tausend Jahre zurück: Tausch wird durch Geld erleichtert. Die heutigen Märkte sind ohne Geld nicht denkbar. Silber- und Goldmünzen kamen schon früh in Umlauf. Die damalige Obrigkeit nutzte Bergwerke, um Münzen zu prägen. Die Obrigkeit bezahlte Dienste und verlangte die Bezahlung der Steuern mit eben diesen Münzen. Dieses Verlangen stärkte die allgemeine Akzeptanz des Geldes. Die Ausgabe von Geld förderte die Wirtschaftstätigkeit, was der Bevölkerung wie der Obrigkeit nutzte. Ein gut funktionierendes Geldwesen stärkt die Wirtschaft und den Wohlstand. Geld wurde überall geschätzt, denn mit dem Geld konnte man vieles Notwendige oder Wünschenswerte kaufen. Zudem ist Geld zu haben vielfach besser, als Güter zu besitzen. Denn sofern Gütermärkte bestehen, kann mit Geld fast alles gekauft werden.
Hunderte von Aphorismen umreißen Aspekte des Geldes, vor allem die Freiheit und Unabhängigkeit, die es jenen verschafft, die Geld haben. JEAN JACQUES ROUSSEAU (1712-1778) wusste: „Das Geld, das man besitzt, ist das Instrument der Freiheit; dasjenige, dem man nachjagt, ist das Instrument der Knechtschaft.“ FJODOR M. DOSTOJEWSKI (1821-1881) schrieb in seinen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus: „Geld ist geprägte Freiheit.“ Der Musiker DIETER BOHLEN, dessen Finanzvermögen auf 135 Millionen Euro geschätzt wird, sagte: „Mich interessiert die Freiheit, die das Geld mir verschafft: morgens aufstehen und machen, worauf ich Lust hab.“ Und frei zu sein, trägt bei zum Glück.1
Der aufblühende Handel verlangte es, Münzen verschiedener Obrigkeiten zu wechseln. Dazu waren professionelle Kenntnisse notwendig. Beim Wechsel waren die Menschen auf Spezialisten angewiesen, die Expertise und Glaubwürdigkeit entwickeln mussten. Die Münzwechsler standen an den Marktplätzen hinter Tresen (italienisch: Banco), auf denen Kunden die zu wechselnden Münzen ablegten.
Alsbald nahm ein jeder Banconiere die Münzen zur sicheren Verwahrung entgegen. Wenn die Banconieri am Tresen Münzen in Verwahrung nahmen, stellten sie Quittungen aus. Diese Scheine wurden alsbald wie Geld verwendet, weil der Wechsler Glaubwürdigkeit besaß. Da die verwahrten Gold- und Silbermünzen nicht sofort wieder abgezogen wurden, konnten sie die Banconieri zwischenzeitlich als Kredit herausgeben. So entstanden die ersten Banken.
Im Herzen Europas geschah das im 13. Jahrhundert, als Florenz zur Handelsmacht aufstieg, und das dortige Bankgeschäft aufblühte. Die 1472 gegründete Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS) gilt als älteste Bank der Welt. Anfangs erhielten nur Fürsten Kredite, später auch gehobene Bürgerschichten. Ab 1747 begannen Fusionen von Banken, aus denen die Großbank UBS entstanden ist. Die Deutsche Bank und ebenso die Commerzbank wurden 1870 gegründet. Im 19. Jahrhundert kamen auch Sparkassen auf, die der Bevölkerung Geldgeschäfte ermöglichen. Als Gründungsvater der Volksbanken gilt HERMANN SCHULZE-DELITZSCH (1808-1883). Die Raiffeisenbanken gehen auf den Sozialreformer FRIEDRICH WILHELM RAIFFEISEN (1818–1888) zurück.2
Eine Bank ist ein Kreditinstitut. Neben Geldgeschäften mit Kunden (Geldaufbewahrung, Kontoführung, Geldwechsel, Kreditvergabe) bieten Banken Zahlungsverkehr an. Heute erbringen die Geschäftsbanken zahlreiche und verschiedenste Dienstleistungen im Finanzwesen für Privatkunden, Firmenkunden, Staaten, Gebietskörperschaften und Kirchen. Geschäftsbanken pflegen enge Geschäftsbeziehungen zu anderen Banken, etwa im Interbankenhandel.
Banken sind ein wichtiger Träger der Finanz-Infrastruktur. Die Finanz-Infrastruktur ist wie andere Arten von Infrastruktur ein öffentliches Gut. Dessen Förderung erkennt der Staat als eine seiner Aufgaben an. Notfalls werden öffentliche Gelder und staatliche Mittel eingesetzt, um die Stabilität der Finanz-Infrastruktur zu erhalten. Aus derjenigen Bank eines Landes, die besonders eng geschäftlich mit dem Staat verbunden ist, sind in vielen Staaten Zentralbanken hervorgegangen, denen der Staat besondere Aufgaben zuwies.
[1]Die Hauptaufgabe einer Zentralbank besteht darin, für die stabile Funktion des Geld- und Finanzwesens zu sorgen.
[2]Eine erste Teilaufgabe, die sich aus dem Stabilitätsziel ableitet, ist der Erhalt der Kaufkraft
[3]des Geldes.
[4]Eine zweite Teilaufgabe ist die Vermeidung einer Rezession, eines Einbruchs realwirtschaftlicher Tätigkeit.
Um dem Stabilitätsziel und den genannten beiden Teilaufgaben nachkommen zu können, erhalten Zentralbanken besondere Rechte. (1) Zentralbanken haben das Monopol, Papiergeld auszugeben. (2) Sie haben Weisungs- und Kontrollrechte gegenüber den anderen Banken, den Geschäftsbanken. (3) Zentralbanken können die Geldmenge steuern und verschiedene Zinssätze beeinflussen (Geldpolitik).
Immer wieder wollen private Firmen in diesen Bereich eindringen und Teile aus diesem Aufgabenbereich für sich erschließen. Zentralbanken können diesen privaten Firmen verbieten, etwa digitale Vermögensübertragungen anzubieten, die einer Zahlung mit dem Geld des Landes ähneln. Sie erlauben dies meistens, wenn es nur um Kleinbeträge geht. Indes sprechen Zentralbanken Verbote aus, wenn sie dadurch Weisungs- und Kontrollrechte verlieren und die Geldmenge weniger gut steuern können.
Da heute viele Finanzdienstleistungen (wie Kontoführung oder Zahlungsverkehr) mit den technischen Möglichkeiten der Informationstechnologie IT (Computer, Internet, künstliche Intelligenz KI) verwirklicht werden, kommt es in unserer von Digitalisierung geprägten Welt dazu, dass die Position von Banken zunehmend von IT-Anbietern streitig gemacht wird. Der Punkt ist nicht, ob den Banken durch IT und durch Fintechs Konkurrenz entsteht. Die Finanz-Infrastruktur und deren Stabilität sind öffentliche Güter, und die Zentralbank und die Geschäftsbanken unter ihrer Führung sind dem Ziel verpflichtet, die Stabilität zu erhalten. Die Frage lautet, ob Konkurrenten von privater Seite bemüht wären, die Stabilität des Finanzsystems zu fördern. Das verneinen die Zentralbanken tendenziell.
Beispiel: Facebook möchte eine Digitalwährung, genannt Libra oder Diem, weltweit als Zahlungsmittel einführen. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) plant, eine eigene Digitalwährung auszugeben, den E-Euro. Die EZB wehrt sich gegen den Vorstoß von Facebook mit dem Kommentar: „aus regulatorischer Sicht bedenklich und mit Risiken für die Finanzstabilität und den Verbraucherschutz verbunden“. Die EZB sieht die Verantwortung für die Stabilität des Geldwesens auftragsgemäß bei ihr und verteidigt ihre Kompetenz. Ganz ähnlich werden sogenannte Kryptowährungen (wie Bitcoin, Ethereum und Cardano) von den meisten Zentralbanken nicht als Währung akzeptiert. Auch wenn die kurz als Krypto, Coin oder Token bezeichneten digitalen Vermögenswerte sich als Tauschmittel eignen, erfüllen sie nicht die anderen, auch wichtigen Eigenschaften, die von Geld oder von einer Währung verlangt werden.
Mit dem Geld ist die Grundlage für die finanzielle Seite des Wirtschaftslebens geschaffen. Deshalb ist Geld das Symbol der Finanzwelt schlechthin. Doch was ist Geld? Unter Geld werden Zeichen in einem System verstanden, das Zahlungen bewerkstelligen kann, Wertübertragungen also, die allgemein anerkannt und akzeptiert werden.
Immer wieder wird gefragt, wodurch das Geld „gedeckt“ sei. Ein an der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel entstandener Forschungsaufsatz erklärt: Geld ist eine soziale Übereinkunft – eine Seite akzeptiert es als Zahlung in der Erwartung, dass andere dies ebenso tun werden. Die beiden wichtigsten Merkmale von Geld sind demnach, dass (1) damit geleistete Wertübertragungen (Zahlungen) allgemein akzeptiert werden und dass (2) allgemein erwartet wird, das Geld habe diese Zahlungsmittelfunktion auch in Zukunft.
Die „Deckung“ des Geldes wird folglich durch allgemeine Erwartungen bewerkstelligt sowie durch Einrichtungen, staatliche Institutionen und Verhaltensweisen, welche diese Erwartungen prägen und stärken.
Das kann kaum von einer allein privat getragenen Einrichtung erhofft werden. Nach unserem ökonomischen Verständnis sind staatliche Institutionen verlangt, damit die genannten beiden Erwartungen von der Allgemeinheit getragen werden. Ein reines Zahlungsmittel kann zwar von einer privaten Seite angeboten werden, und es könnte durchaus auch funktionieren. Doch wenn das Geld auch „gedeckt“ sein soll, wenn also die Allgemeinheit die beiden Erwartungen teilen soll, dann ist dazu der Staat verlangt. Letztlich kann nur eine staatliche Institution gedecktes Geld ausgeben. Rechtlich gesehen ist Geld ein vom Staat vorgeschriebenes Zahlungsmittel. Der Staat setzt einen gesetzlichen Annahmezwang durch: Wer eine Forderung hat, kann sich nicht dagegen wehren, wenn die in der Pflicht stehende Person anbietet, die Forderung mittels einer Geldzahlung zu erfüllen. Und damit das Geld auch wirklich von der Bevölkerung benutzt wird, verlangt der Staat die Entrichtung von Steuern mit diesem Geld. Diese Auffassung vom Wesen des Geldes heißt Chartalismus. Sie geht auf GEORG FRIEDRICH KNAPP (1842-1926) zurück.3
Das Geld wird durch rechtsverbindliche Erklärung als „gesetzliches“ Zahlungsmittel geschaffen. Das Geld ist in der Auffassung des Chartalismus insofern „gedeckt“, als der Staat verlangt, Steuern mit der Währung zu zahlen. Vor allem: Das Geld ist auch in Zukunft nützlich, weil der Staat es zur Begleichung der Steuern annimmt.
Gleichwohl ist der Naturaltausch weiterhin erlaubt und selbstverständlich sind Geschenke losgelöst von einer Geldzahlung möglich. Selbst Einlagen bei Firmengründungen können durch die Übergabe konkreter oder abstrakter Objekte getätigt werden.
Wenn die mit Geldzahlungen beabsichtigte Wertübertragung allgemein anerkannt wird, dann kann man mit dem Geld Dinge kaufen und Dienstleistungen bezahlen. In diesem Licht erscheint Geld als „Inhaberanteil auf das Sozialprodukt“ (FRIEDRICH BENDIXEN 1864-1920). Geld hat Kaufkraft. Geld erlaubt den Konsum von Gütern und den Bezug von Diensten nach Belieben. Insofern bietet Geld die in den Zitaten zuvor beschriebene Freiheit. Das gilt besonders dann, wenn in dem betreffenden Land zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten bestehen und es sich eventuell auch für den Urlaub eignet. Zudem könnte das Land Unternehmensgründungen fördern. In einer solchen Situation ist es attraktiv, das Geld zu halten und zu nutzen.
G. F. KNAPP: Chartalismus
Der Staat schreibt sein Geld als Zahlungsmittel gesetzlich vor, verlangt die Entrichtung von Steuern mit diesem Geld, kontrolliert die ausgegebene Geldmenge und schränkt die Verwendung von privatem Geld ein.
F. BENDIXEN: Geld als Inhaberanteil auf das Sozialprodukt
Damit das Geld akzeptiert wird, müssen viele Güter angeboten werden, die man damit kaufen kann. Das Geld muss Kaufkraft haben.
G. SCHMÖLDERS: Geld muss seine Kaufkraft über die Zeit hinweg erhalten (keine Inflation)
Damit das Geld akzeptiert wird, muss es sich als Mittel für die Wertaufbewahrung eignen. Man kann es zur Seite legen und sparen, ohne dass es nennenswert an Kaufkraft verliert.
Abb. 1-1: Geld als gesetzliches Zahlungsmittel, Geld als Schlüssel zum Konsum, Geld als Medium für die Aufbewahrung von Werten.
Die Akzeptanz des Geldes zeigt, dass es ein „dokumentiertes Wertversprechen allgemeiner Geltung“ (GÜNTER SCHMÖLDERS 1903-1991) ist. Dafür darf das Geld im Verlauf der Zeit nicht zu schnell im Wert verfallen. Es muss seine Kaufkraft über die Zeit hinweg behalten. Ein Kaufkraftverlust kann (1) durch Inflation (Preissteigerung bei Gütern) eintreten, oder wenn der Geldbestand (2) durch einen Negativzins belastet wird und somit wegschmilzt. Kaufkraftverlust droht auch, wenn (3) besondere Steuern und Abgaben drohen oder sogar (4) eine Währungsreform.
Ökonomen versuchen, Geld durch Funktionen zu charakterisieren. Die wichtigste und deshalb als Erstes genannte Funktion ist die des Zahlungsmittels (Wertübertragung). Verbunden damit ist die zweite Funktion der Wertaufbewahrung: Das Geld muss seinen Wert, also die Möglichkeit, damit zu kaufen und bezahlen zu können, über die Zeit hinweg behalten. Selbstverständlich ist Geld eine kardinale Größe und kann als Betrag durch eine Zahl ausgedrückt werden. Das Geld hat also eine dritte Funktion: Es dient als Recheneinheit für Werte. Beispielsweise kann der Wert einer Immobilie in Geldeinheiten ausgedrückt werden. Und Preise können ausgeschildert werden. Viertens sollte das Geld über die Zeit hinweg einen Standard bieten und sich für längerfristige Vergleiche eignen. Wäre es kein Standard, würde die allgemeine Akzeptanz infrage gestellt werden.
So wurde der US-Dollar 1785 als Währung der 1776 gegründeten USA etabliert. Den Franken gibt es in der Schweiz in unveränderter Form seit 1850. Der Franken war in den Anfangsjahren ein Anhängsel des französischen Franc, der 1795 eingeführt wurde (und damals den Livre ablöste). Der Renminbi ist seit 1949 die Währung der Volksrepublik China. Der Euro wurde 1999 eingeführt.
Die Geldfunktionen sind diese vier: 1. Mit Geld können Zahlungen vorgenommen werden, wie sie bei Käufen und Verkäufen auftreten. 2. Geld kann dazu dienen, Werte aufzubewahren. 3. Das Geld legt eine Recheneinheit für Werte fest. 4. Geld definiert einen über die Zeit hinweg gültigen Standard. RALPH N. ANGELL (1874-1967) reimte: Money is a matter of functioning four, a medium, a measure, a standard, a store.
Die Art des gesetzlichen Geldes (money) in Kombination mit der gesetzlichen Ordnung des Geldwesens in einem Staat oder in einem Wirtschaftsraum wird als Währung (currency) bezeichnet. Die meisten Länder haben eine eigene Währung, eben ein eigenes Geldwesen. Oft hat die Währung denselben Namen wie die Geldeinheit. Mit „Euro“ wird die Geldeinheit bezeichnet. Preise sind in Euro ausgeschildert, Kurzzeichen: €. Zugleich ist „Euro“ die Bezeichnung für die Währung und für das Geldwesen der (mit EU-19 bezeichneten) Eurozone.
Übrigens ist der Euro nicht die erste Einheitswährung in Europa. Die Rolle einer europäischen Einheitswährung hatte ab dem Jahr 437 der Solidus inne, geprägt unter der Regentschaft des weströmischen Kaisers VALENTINIAN III, der sich mit LICINIA EUDOXIA verheiratet hatte, der Tochter des oströmischen Kaisers THEODOSIUS II. Der Solidus wurde als Goldmünze geprägt, hat die Eheleute in ihren Hochzeitskleidern gezeigt und sollte West und Ost in Europa verbinden. Der Solidus wirkte bis zum beginnenden 12. Jahrhundert als Währung für ganz Europa (mit Mittelmeerraum) und wird auch Euro des Mittelalters genannt.
In China bestehen hingegen zwei Bezeichnungen: „Renminbi“ ist der Name der Währung. Der Begriff „Renminbi“ wird benutzt, wenn über die Währung der Volksrepublik China gesprochen oder geschrieben wird. So kann etwa gesagt werden, der Renminbi sei „unterbewertet“. Mit „Yuan“ wird in China die Geldeinheit bezeichnet. Das Wort „Yuan“ wird also gebraucht, um einen Geldbetrag zu beziffern; Kurzzeichen: ¥.
Die bekanntesten Zeichen für Geld sind die von der Zentralbank ausgegebenen Geldscheine (sowie die meist vom Staat ausgegebenen Münzen). Wie viel von diesem Bargeld geschaffen wird, entscheidet die Zentralbank. Die (durch den Gesamtbetrag ausgedrückte) Geldmenge wird mit M0 symbolisiert. Sie umfasst alle Scheine und Münzen, die von Nichtbanken gehalten und verwendet werden. Dieses Geld ist im Währungsgebiet oder außerhalb „in Umlauf“. Kassenbestände der Geschäftsbanken sind nicht eingeschlossen.
Das Bargeld ist aber keine Forderung gegenüber der Zentralbank, wie manche denken. Es kann nicht der Zentralbank vorgelegt werden, um die Herausgabe einer anderen Sache mit Wert zu verlangen. Das Bargeld ist lediglich ein Zeichen. Im Hintergrund steht die Zentralbank mit ihrem Können, die Funktionen dieses Geldzeichens zu erhalten. Die Zahlungsfunktion verlangt ein System, um die Zeichen zu übertragen. Das ursprünglichste System der Zahlung besteht darin, Bargeld (Geldscheine und Münzen) zu übergeben. Die Wertaufbewahrung verlangt, dass Geldscheine und Münzen auch später noch Kaufkraft haben.
Geldzeichen werden von den Menschen nicht allein deshalb als Zahlungsmittel angenommen, weil Gesetze dazu verpflichten (wie der Chartismus postuliert). Das Leben zeigt, dass immer wieder Gesetze auch umgangen werden. Das gesetzliche Geld wird angenommen, weil die allgemeine Erwartung besteht, dass es jetzt überall zur Zahlung angenommen wird und auch in Zukunft allgemein als Zahlungsmittel angenommen werden wird.
Besteht diese allgemeine Erwartung und wird allgemein angenommen, dass diese Erwartung auch in Zukunft bestehen wird, dann ist das Geld „gedeckt“ – wie aus historischen Formen der Gelddeckung etwa durch hinterlegtes Gold gesagt wird. Das moderne Geld wird durch allgemeine Erwartungen gedeckt.
Nun ist klar, dass Erwartungen kippen können. Vielleicht wird aufgrund der politischen und sozialen Situation bezweifelt, dass das Geld seine Kaufkraft behalten wird. Andere sprechen in der Meinungsdiskussion von der erkennbar kommenden Notwendigkeit einer Währungsreform. In solchen Situationen wird die Deckung fraglich, und wenn die beschriebene Erwartung einmal gebrochen ist, kann sie kaum wiederhergestellt werden.
Viele Länder heute haben zwar Geld in Umlauf, und es funktioniert auch einigermaßen als Zahlungsmittel, doch das Geld ist nicht so gedeckt, wie es die Definition mit der allgemeinen Erwartung verlangt. Dann ist das Geld des Landes kaum besser als ein Zahlungssystem, das von einer ausländischen, privaten Firma angeboten wird. Und das ausländische System ist vielfach technologisch effizienter. Dann wird bald das heimische Geldwesen verdrängt. Der Staat und die Zentralbank haben folglich die Aufgabe, dafür zu sorgen: Die mit Geld verbundenen Erwartungen sollen allgemein aufrecht bleiben, dass das Geld auch zukünftig angenommen werden wird. Wie kann der moderne Staat diese Aufgabe lösen?
Förderliche Maßnahmen
1. Eine Geldpolitik, die sich am Wirtschaftswachstum, also am Geldbedarf orientiert und dazu gewisse, wissenschaftlich anerkannte Regeln befolgt.
2. Vermeiden einer Geldpolitik, die darauf abzielt, Ziele der Regierung zu unterstützen und das Budget zu erweitern. Dies wird durch Zentralbanken gestärkt, die von der Regierung unabhängig sind.
3. Eine Fiskalpolitik, bei der die Staatsverschuldung nicht so hoch wird, dass immer mehr die Hilfe externer Einrichtungen oder anderer Staaten als notwendig erscheint.
4. Eine generelle Einstellung der Bevölkerung im Land, Korruption zu vermeiden. Die Bereitschaft zu Transparenz und zu klaren, ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften. Und die allgemeine Förderung kompetitiver Unternehmungen.
Die Deckung wird fraglich, wenn die Zentralbank Geld schöpft, um der Regierung eine das Budget sprengende Sozialpolitik zu ermöglichen. Sie wird fraglich, wenn die politischen Verhältnisse instabil scheinen. Und die Deckung wird fraglich, wenn die Bevölkerung kein Verständnis für Investitionen und für die Wirtschaft hat und denkt, die Wirtschaft sei ein Füllhorn, mit dem sich alle Gruppen frei bedienen dürfen.
Eine Gruppe von Leuten, die an der Wirtschaft interessiert sind, bleibt hingegen bei folgender Überzeugung: Die als „Gelddeckung“ bezeichnete allgemeine Erwartung verlangt eine Hinterlegung von Edelmetallen: Die Geldzeichen sollten demnach unwiderruflich an eine Sache gebunden sein, die wertvoll ist und deren Wert offensichtlich fortbesteht. Dazu gehören Edelmetalle. Hier die Einschätzungen:
Hervorragend wird die Dauerhaftigkeit der Erwartung erreicht, wenn die Geldzeichen selbst aus Edelmetall bestehen, so wie Goldmünzen.
Sehr gut ist die Dauerhaftigkeit der Erwartung erreicht, wenn die Geldzeichen zwar vielleicht aus Papier bestehen, jedoch wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: (1) Die geldausgebende Institution, die Zentralbank, hält Goldvorräte vor und (2) sie nimmt auf Wunsch die Geldzeichen zurück unter Herausgabe von Gold.
Gut wird die Dauerhaftigkeit der Erwartung erreicht, wenn die Zentralbank Geldzeichen nur in dem Umfang ausgibt, in dem sie über zweifelsfrei wertvolle Vermögenspositionen (Edelmetalle, erstklassige Wertpapiere, Devisen) verfügt.
Allerdings führen alle drei Vorstellungen in einer wachsenden Wirtschaft dazu, dass die Geldmenge zu gering ist, um die im Wirtschaftsleben verlangten Transaktionen zu ermöglichen. Die Geldmenge wird knapp, wodurch eine Rezession ausgelöst werden kann. Der Goldstandard war 1929 eine der Ursachen für die Weltwirtschaftskrise.
Eine andere Gruppe von Experten tritt für diese Sicht ein: Die allgemeine Erwartung, dass Geld auch in Zukunft weitergegeben werden kann und als Zahlung angenommen wird, sei derzeit vorhanden. Die Erwartung bleibt weiterhin und auf Dauer bestehen, sofern im Geldwesen und in der Wirtschaft keine Entwicklung einsetzt, die nicht nachhaltig ist. Um die Erwartung (zukünftiger Annahme des Geldes) aufrecht zu erhalten, muss die Zentralbank Entwicklungen entgegenwirken, die nicht nachhaltig sein können.
Die immer wieder als Gelddeckung angesprochene Sicherheit wird als das Potenzial der Zentralbank, als ihr Können und Vermögen verstanden, die Geldfunktionen zu erhalten. Dabei muss auch die Regierung mit ihrer Fiskalpolitik zur Seite stehen. Denn wenn F. BENDIXEN betont, dass Geld Kaufkraft haben müsse, dann muss man sich in dem Land mit Geld auch Güter kaufen können. Dazu muss es Produzenten geben, Lieferanten, Supermärkte und nicht Leere und Arbeitslosigkeit.
Die Geschichte zeigt, dass drei abträgliche Entwicklungen eintreten könnten, von denen eine Störung der Geldfunktionen ausgehen könnte. Eine Zentralbank muss glaubhaft zeigen, dass sie diese drei Entwicklungen bereits im Ansatz umkehren kann: (1) Eine Deflation – die in einer Spirale zu einem immer stärkeren Preisverfall führt. (2) Eine zu hohe Inflation – die zu einer immer stärkeren Inflation und sogar zu einer Hyperinflation führen könnte. (3) Eine zu hohe Staatsverschuldung – die letztlich eine Währungsreform verlangt.
Früher galt es als die Stabilität fördernd, wenn die Zentralbank aufgrund des Wirtschaftswachstums Geldmengenziele veröffentlicht und verfolgt hat. Diese erwiesen sich als wirksam, eine zu hohe Inflation zurückzufahren.
Nach der Taylor-Regel (benannt nach dem amerikanischen Ökonomen JOHN B. TAYLOR) berücksichtigen Zentralbanken nicht nur die aktuelle Inflationsrate, sondern zugleich, und zwar anhand des Arbeitsmarkts, die konjunkturelle Situation. An beiden Größen orientiert sich nach der Taylor-Regel die Zinspolitik, während sich die Geldmenge anschließend aufgrund der Zinsen ergibt.
Eine neuere Regel hat ATHANASIOS ORPHANIDES, EZB-Ratsmitglied, aufgestellt. Die Orphanides-Regel berücksichtigt ebenso die Inflation (Vergleich von Soll und Ist) sowie die wirtschaftliche Auslastung (Vergleich von Potenzial und aktuellem Output). Anders als die Taylor-Regel kommt die Orphanides-Regel ohne Konzepte wie Produktionslücke und Natürlicher Realzins aus, die nicht genau quantifizierbar sind. Nach der Orphanides-Regel dürfte die EZB ihre Niedrigzinspolitik noch für eine geraume Zeit aufrechterhalten, weil das Produktionspotenzial aufgrund der strukturellen Veränderungen für längere Zeit nicht ganz ausgelastet sein dürfte.5
Fast alle Menschen haben ein Bankkonto. Durch die Verbindungen der Banken untereinander können sie Zahlungen per Überweisung veranlassen. Und ebenso können Zahlungen erhalten werden. Früher wurden Guthaben auch verzinst, was die Wertaufbewahrung begünstigte. Durch Gutschrift auf einem Kundenkonto schafft die Geschäftsbank Buchgeld. Diese Geldschöpfung tätigt eine Geschäftsbank bei drei Vorgängen:
[1]Der Kunde macht eine Einzahlung auf sein Konto.
[2]Der Kunde erhält eine Überweisung.
[3]Die Bank gibt einen Kredit und schreibt den Kreditbetrag dem Kundenkonto gut.
Eine Bank wird beispielsweise einem Firmenkunden einen Kredit einräumen, sobald dieser einen neuen, günstigeren Geschäftsplan vorlegt. Oder eine Privatperson erhält nach Darstellung der persönlichen Situation einen Überbrückungskredit. Zwar bestehen für die Geldschöpfung der Geschäftsbanken gewisse Vorgaben seitens der Zentralbank. Zum Beispiel müssen Geschäftsbanken Pflichtguthaben bei ihrer Zentralbank unterhalten (Mindestreserven). Die bei der Zentralbank gehaltenen Reserven müssen etwas erhöht werden, falls die Bank zusätzliche Kredite gibt. Doch insgesamt sind die Geschäftsbanken bei der Geldschöpfung ziemlich beweglich. Die Geldschöpfung der Geschäftsbanken ist um ein Vielfaches höher als die Ausgabe von Bargeld durch die Zentralbank.
Der Gesamtbetrag aus der Geldmenge M0 und dem Buchgeld für Kunden (die nicht selbst eine Bank sind) mit täglicher Fälligkeit wird mit M1 bezeichnet. M1 ist also der Bargeldumlauf plus Sichteinlagen der Nichtbanken. M1 zeigt das Potenzial der Nichtbanken (Privatpersonen und Unternehmen), sofortige Ausgaben tätigen zu können. In der Eurozone sind das rund 10 Billionen Euro (und der auf Deutschland entfallende Teil ist 25% davon). Die Geldmenge M1 ist überschlagsmäßig zehnmal so groß wie M0. Für die Übertragung der Buchgeld-Zeichen von einem auf ein anderes Bankkonto bestehen verschiedene Systeme, die von der Zentralbank betrieben oder überwacht werden.
Die Europäische Zentralbank EZB hat das transeuropäische, automatische Echtzeit-Brutto-Express-Abwicklungssystem TARGET.
Das mit Sitz in Belgien errichtete System SWIFT verbindet 11.000 Banken weltweit mit Meldungen.
Konkurrenz im Zahlungsverkehr kommt auch von privater Seite: Die Firma VISA hat über 3 Milliarden Kreditkarten ausgegeben. Neben Anbietern von Kreditkarten stehen weitere private Bezahldienstleister wie die schwedische Klarna oder PayPal.
Beim Buchgeld kann der Staat oder die Zentralbank leicht einen Negativzins umsetzen. Allerdings sehen die Menschen, dass bei Buchgeld alles auf Servern aufgezeichnet wird. Weder der Kontostand noch die Überweisungen sind anonym, denn Zugriffsberechtigte können aktuelle wie historische Daten einsehen. Die OECD-Staaten haben automatische Meldepflichten vereinbart. Von daher wird Buchgeld von vielen Menschen nicht so einfach als Ersatz für Bargeld akzeptiert. Aus diesem Grund wird nach Zwischenformen gesucht.
Forschung und Praxis haben Kryptowährungen wie Bitcoin (BTC), Litecoin (LTC), Ethereum (ETH) hervorgebracht. Ihre Anonymität ist zwischen Bargeld und Buchgeld einzuordnen. Neue Technologien (wie Blockchain) unterstützen die Aufbewahrung der Zeichen in Kryptowährungsbrieftaschen (Wallets) und die Übertragung (Zahlungsmittelfunktion).
Ein Buch ist eine mehr oder weniger geordnete Ansammlung einzelner Einträge. Eine zentrale Stelle führt das Buch. Damit sie nicht zu viel Zeit mit Prüfungen der Korrektheit verliert, werden immer wieder die bisherigen Einträge zusammengefasst (etwa durch Summen, durch einen Abschluss, durch das Ziehen eines Fazits), sodass die bisherigen Einträge nicht mehr im Einzelnen betrachtet werden müssen. Eine Blockchain verkettet jeden neuen Eintrag mit allen bisherigen. So kann mit dem Neueintrag die Konsistenz bisheriger Einträge geprüft und bestätigt werden. Dadurch kann eine Blockchain dezentral geführt werden, weil Fälschungen sofort erkannt würden.6
Indes sind die genannten Kryptowährungen rechtlich kein Geldersatz und nicht allgemein für Zahlungen akzeptiert. Allerdings planen die Zentralbanken Kryptowährungen, die sie selbst ausgeben wollen. Trotz einer gewissen Anonymität soll die Möglichkeit bestehen, einen Negativzins zu implementieren. Dazu wird versucht, die Systeme so zu gestalten, dass sie die Privatsphäre der Nutzer bei kleinen Beträgen schützen und gleichzeitig bei höheren Überweisungsbeträgen eine Prüfung zur Bekämpfung von Geldwäscherei erlauben. Diese Bemühungen laufen unter dem Akronym CBDC (Central Bank Digital Currency).
Inflation hat die abträgliche Wirkung, dass die Preise in kaum prognostizierbarer Weise steigen. (1) Die Suchkosten im Gütermarkt werden höher, der Gütermarkt dadurch ineffizienter. Dadurch behindert Inflation das Wirtschaftswachstum. (2) Durch immer wieder zu beobachtende Preiserhöhungen können die Preise nicht die wirtschaftlich korrekten Knappheitsverhältnisse an den Gütermärkten zeigen. Die Güterpreise lassen nur wenig aktuelle Informationen erkennen. Dadurch kommt es zu einer Fehlsteuerung der Wirtschaft. (3) Selbstverständlich trägt Inflation zu einer Abwertung von Schuldpositionen bei und hat dadurch eine Verteilungswirkung zwischen Gläubigern und Schuldnern, besonders wenn die Inflation unerwartet gekommen ist. Immer wieder ist zu hören, der Staat schätze an der Inflation, dass Staatsschulden entwertet werden. Zudem kommt es angesichts der Steuerprogression zu höheren nominalen Steuereinkünften des Staates.
Wird ein Zeitraum mehrerer Jahrhunderte betrachtet, so erweist sich die Inflation als ein Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts und besonders als eine Erscheinung der Nachkriegsjahre. Große Inflationsschübe gab es indes bereits in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen: Zum einen erlebte Deutschland 1922 und 1923 eine Hyperinflation mit mehr als 50% Inflation im Monat. Zum anderen führten im Nachgang an die Weltwirtschaftskrise in den Dreißigerjahren viele Industriestaaten sogenannte kompetitive Abwertungen durch, um den Außenwert ihrer Währungen zu reduzieren, die heimischen Exporte auf den internationalen Gütermärkten zu verbilligen und Importe zu verteuern. Da sich viele Industriestaaten gleich verhielten, führte dies zu einer inflationären Spirale.7
Beispiel: US-Dollar. Historisch lagen die nominalen Zinsen beim Dollar zwischen 100 und 250 Basispunkten über den Sätzen im Schweizerfranken. Da die realen Zinssätze aber nicht so stark auseinanderklaffen, kann der höhere nominale Zinssatz beim USD gegenüber dem CHF als Kompensation für die zu erwartende Abwertung des Dollars gegenüber dem Franken interpretiert werden. Und tatsächlich: Wenn man von einzelnen Zeitabschnitten absieht, hat sich über die vergangenen 80 Jahre der USD gegenüber dem CHF kontinuierlich abgewertet.
Die aus diesem Sachverhalt abgeleitete Zinsparität besagt, dass die Anlage in einer Fremdwährung kaum Vorteile bringt, da eben hohe Zinssätze nur eine Kompensation für anderweitige Risiken (etwa Inflationsrisiken) darstellen.
Dennoch kann sich eine Investition in Fremdwährung lohnen, wenn sich eine Währung temporär entgegen dem langfristigen Trend aufwertet (wie der USD gegenüber dem CHF in den Jahren 1996 bis 2000), wenn die Realzinsen verschiedener Wirtschaftsräume unterschiedlich hoch sind oder wenn die Konjunkturzyklen nicht parallel verlaufen.
Eine perfekte Anpassung des Zinsniveaus an die Inflationsrate, ein konstanter Realzins, ist selten zu beobachten. So fielen etwa die realen Renditen von Anleihen im Zeitraum von 1950 bis 1980 aufgrund der unerwartet hohen Inflationsraten vergleichsweise tief aus, und nicht selten verloren Anleihen real an Wert.
Die Ursachen der Inflation nach 1945 liegen vor allem in einem Anstieg der Nachfrage nach Gütern sowie in der Tatsache, dass die Zentralbanken bis um 1980 der Inflationsbekämpfung geringe Priorität einräumten. Sodann gab es Preisschocks an den Rohwarenmärkten. Erst die Preissteigerungen in den Erdölkrisen von 1973 und 1979 führten zu einem Umdenken bezüglich der Bedeutung der Preisstabilität. Weitere Ursachen einer inflationären Entwicklung liegen im Gebrauch der Notenpresse zur Finanzierung der Staatsverschuldung, wie dies bis in die 1990er-Jahre in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Staaten praktiziert wurde. Zum anderen werden administrierte Preise, gewerkschaftliche Lohnrunden, Kapazitätsengpässe und Steuern als Faktoren für Inflation angeführt.
Parallel zu den Preissteigerungen gab es preisdämpfende Faktoren: Aufgrund des Produktivitätsfortschritts sind Einkommen stärker gestiegen als Güterpreise. Ebenso hat die Liberalisierung vieler Märkte zu einem besser funktionierenden Preismechanismus mit tieferen Preisen geführt. Drittens wurden in den letzten fünfzehn Jahren in vielen Ländern Kartellgesetze etabliert und die Arbeitsmärkte flexibilisiert. Dort, wo die Preise nicht staatlich administriert sind, können Produktivitätssteigerungen als Preissenkungen an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben werden. In Relation zu den Einkommen sind viele Güter des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, Haushaltsgeräte, Elektronik, Telekommunikation, Verkehr und Reisen immer billiger geworden.
Dem gegenüber gibt es auch Bereiche, die überdurchschnittlich hohe Preissteigerungen erfahren haben. So etwa Dienstleistungen, weil die Löhne im Mittel stärker gestiegen sind als die Konsumentenpreise. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Kosten für Gesundheit und Pflege einen immer größeren Anteil des Einkommens beanspruchen.
Die zu beobachtende Inflation kann als Resultat eines starken Anstiegs der Einkommen und Vermögenswerte einerseits und der sich dämpfend auswirkenden Produktionsfortschritte und der Liberalisierung andererseits angesehen werden. Eine Inflationsrate von 2% wird daher als nicht schädlich empfunden. Sie wird durch den Anstieg der Einkommen in der Regel mehr als kompensiert. Problematisch sind höhere Inflationsraten sowie die Schwankungen der Inflationsrate.
Deflation, ein Rückgang des Preisniveaus, wird als desaströs angesehen. Die Güter und vor allem die Vermögenspositionen werden mit der Zeit nominal billiger (Kursverfall an Börsen, Rückgang der Preise für Immobilien, Wertzerfall bei Unternehmungen).
Deflation kann einerseits auf düstere allgemein geteilte Einschätzungen der wirtschaftlichen Zukunft zurückgehen.
Andererseits kam es immer wieder aufgrund einer Geldknappheit zu Deflation. Niemand konnte sich etwas kaufen und alle wollen ihre haltbaren Güter und Vermögensgegenstände schnell „versilbern“, nur um an Geld zu kommen.
Diese Situation begünstigt Arbeitslosigkeit. Einkommensausfälle sind die Folge. Es entsteht Pessimismus, der wiederum zu sinkender Neigung führt, Geld auszugeben. Ein Preisverfall nährt dann diese negativen Stimmungen.
Durch Selbstverstärkung kann eine deflationäre Abwärtsspirale einsetzen. So kann sich eine Deflation zu einer Depression ausweiten.
Wird eine Deflation erwartet, dann werden die Menschen nichts mehr kaufen, weil alles ohnehin billiger werden wird. Unternehmen haben in einem deflationären Umfeld keinen Anreiz zu investieren. Diese Situation führt dazu, dass die Angst vor einer Deflation mit tiefen nominalen und mit tiefen realen Zinssätzen verbunden ist.
Eine expansive Geldmengenpolitik ist in einem solchen Umfeld wenig wirksam. Dies war gut am Beispiel von Japan zu sehen, wo sich in den 1990er-Jahren die Zinsen praktisch auf Null zurückgebildet haben. Japan ist übrigens das einzige Industrieland, in dem sich seit 1945 eine Deflation entwickeln und über längere Zeit halten konnte.
Für die Preisreduktionen in einer Deflation sind zum Teil auch angebotsseitige Faktoren von Bedeutung, weshalb einige Deflationen der Vergangenheit aus heutiger Sicht als „gutartig“ beurteilt werden. Ein klassisches Beispiel für eine „bösartige“ Deflation hingegen ist die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1934. Verstärkt wurde der negative Effekt in den 1930er-Jahren durch die restriktive Geldpolitik vieler Zentralbanken.
In Deutschland ist die Erinnerung an die Hyperinflation der Jahre 1920 bis 1923 immer noch wach. Von den meisten Zentralbanken wird indes die Gefahr einer Deflation als viel abträglicher als die einer Inflation eingeschätzt, von der gehofft wird, sie lasse sich doch noch unter Kontrolle bringen.
Bei drohenden Krisen (wie etwa beim Börsencrash 1987 oder bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geschehen) reagieren die Zentralbanken deshalb mit einer sofortigen Senkung der Zinssätze und erhöhen das Geldangebot, gerade um einer drohenden Deflation entgegenzuwirken.
Die Bekämpfung von Deflation ist generell schwierig, denn es gibt in Zeiten, in denen sie auftritt, meist keinen geldpolitischen Spielraum für Zinssenkungen mehr. Zudem sind staatliche Programme zur Konjunkturbelebung fiskalpolitisch problematisch, weil die Staatsfinanzen in einer solchen Lage typischerweise ohnehin in schlechtem Zustand sind.
Im Jahr 1929 kam es in den USA zu einer großen Finanz- und Wirtschaftskrise, die auf andere Länder ausstrahlte und bald die ganze Welt erfasste. Niemand hatte Geld, niemand konnte etwas kaufen, und folglich sind alle Möglichkeiten zusammengebrochen, durch Verkauf eines Hauses oder eines Fahrzeugs zu Geld zu kommen. Großer Pessimismus machte sich breit, die wirtschaftlichen Kapazitäten blieben ungenutzt, hohe Arbeitslosigkeit entstand, und die Preise für Güter verfielen (Depression).
Später entstanden zahlreiche Untersuchungen über die Weltwirtschaftskrise. Sicherlich kam es im Vorfeld zu abträglichen Entwicklungen, die als Auslöser gewertet werden: In den Jahrzehnten vor der Krise kam ein Wirtschaftsboom auf, vor allem von neuen Produkten wie Radio, Kühlschrank, Auto, Düngemittel getrieben. Die neuen Produkte führten zu Produktionskapazitäten, die sich als übertrieben herausstellten, wodurch sich der Aufschwung in eine Depression kehrte. Eine viel wichtigere Frage als die nach der Ursache war jedoch um 1930 die, wie eine solche Phase beendet werden könnte. KEYNES argumentierte, der Staat müsse in die Lücke springen, wenn die Nachfrage der privaten Haushalte ungenügend sei. FRANKLIN D. ROOSEVELT, kurz FDR, Präsident der USA von 1933 bis 1945, hat als „New Deal“ ein breites staatliches Wirtschaftsprogramm in den USA angelegt.
KEYNES hat seine Argumentation 1936 in seinem Hauptwerk The General Theory of Employment, Interest, and Money ausgeführt. Das Lehrgebäude wird heute als Keynesianismus bezeichnet. Nach der Lehre von KEYNES sollte bei einem wirtschaftlichen Einbruch – zu geringe Nachfrage seitens der Privathaushalte, ungenügende Auslastung der geschaffenen Produktionskapazitäten – der Staat von sich aus („autonom“) als Nachfrager auftreten. Er sollte Bauten in Auftrag geben, Bildungsstätten errichten, Personal einstellen, und die Sozialausgaben erhöhen. Das alles sind Maßnahmen der Fiskalpolitik, die als Ersatz für die ansonsten mangelnde Nachfrage fungieren oder die private Nachfrage fördern (etwa durch neu eingestelltes Personal und eine Erhöhung der Sozialleistungen).
Wenn im Staatsbudget dafür keine Mittel frei sind, sollte der Staat keinesfalls die Steuern erhöhen – die eher gesenkt werden sollten, um die Nachfrage seitens der Privaten zu stärken. Die fiskalpolitischen Maßnahmen sollten vielmehr über eine zusätzliche Verschuldung des Staates finanziert werden („Deficit spending“).
Natürlich setzt diese Politik voraus, dass hinreichend viele Finanzinvestoren die neu ausgegebenen Staatsanleihen zeichnen, also erstens Geld verfügbar haben und es zweitens in Staatsanleihen anlegen wollen. Das ist der Punkt, an dem die Zentralbank als Förderer der staatlichen Fiskalpolitik in die Pflicht genommen werden soll. Hierzu sind geldpolitische Maßnahmen geeignet.
Eine erste geldpolitische Stützung der autonomen Staatsausgaben liegt in einer Politik geringer Zinssätze. Es liegt auf der Hand, dass die weitere Staatsverschuldung weniger bedrohlich erscheint, wenn das Zinsniveau gering ist, als wenn es hoch ist. Also wünscht der Staat Zinssenkungen. Außerdem wäre es eine für den Staat willkommene geldpolitische Situation, wenn die Zentralbank direkt oder indirekt (indem sie andere Institutionen dazu veranlasst, dies zu tun) die neuen Staatsanleihen kauft.
Die Zentralbank könnte Staatsanleihen entweder im Sekundärmarkt kaufen, und sie könnte Neuemissionen direkt im Primärmarkt übernehmen, sofern sie für solche Maßnahmen den gesetzlichen Freiraum hat. Der Kauf von Staatsanleihen wirkt dahingehend, dass deren Kurs steigt, wodurch das Zinsniveau reduziert wird. Wenn die Zentralbank diese Maßnahmen im Vorfeld ankündigt, dann veranlasst sie andere Investoren, zum Beispiel Banken, dasselbe zu tun. Wer Staatsanleihen hält, genießt dann Kursgewinne, die mit weiteren und mit angekündigten Käufen verbunden sind. Diese Geldpolitik hat also gleichzeitig eine beachtliche Verteilungswirkung, indem alle Institutionen vorhersehbare Gewinne erzielen können, sofern sie nur den Ankündigungen entsprechend selbst Anleihen kaufen. Dazu zählen insbesondere auch die Banken. Diese geldpolitische Vorgehensweise stärkt also zugleich das Bankensystem.
Nicht in allen Ländern hat die Zentralbank die gesetzliche Freiheit, Staatsanleihen zu kaufen. Entsprechende Verbote gehen auf eine Finanzierung zurück, die in Deutschland während des Ersten Weltkriegs praktiziert wurde. In einer Währungsreform hatte Deutschland 1914 die bis dahin gültige Goldmark (1 Mark war durch 1/2790 kg Gold gedeckt) durch die „Papiermark“ (inoffizielle Bezeichnung für die auf Mark lautenden Banknoten ohne Golddeckung) abgelöst. Die Regierung hat sodann Schatzanweisungen (Treasuries) ausgegeben und von der Zentralbank verlangt, dass sie diese Schatzanweisungen übernimmt. Es war geplant, dass die Zentralbank später nach Kriegsende alle diese Schatzanweisungen in „Kriegsanleihen“ umtauschen würde, die dann der Öffentlichkeit zur Anlage angedient werden sollten.
Doch die Mark hatte bis 1918, als der Erste Weltkrieg zu Ende war, bereits den halben Wert eingebüßt. Niemand hatte den Willen oder die Möglichkeit, Geld in Anleihen anzulegen. Die Inflation schlug 1923 in eine Hyperinflation um. Eine weitere Währungsreform war verlangt: Eine Billion Mark entsprach im Außenwert etwa einem Dollar und wurde in 4,2 Rentenmark getauscht. Abgesehen von dem unermesslichen Leid, das die kriegerischen Handlungen brachten, geriet Deutschland in wirtschaftliche Not. Leid und Not waren durch die unbeschränkte Verschuldungsmöglichkeit der Regierung begünstigt. Denn die Notenbank hatte die Schuldtitel direkt der Regierung abgenommen und der Regierung so das gewünschte Geld gegeben.
Die leidvollen Erfahrungen mit einer falschen Geldpolitik liegen für die US-Amerikaner eher in der Möglichkeit einer Depression (bei zu geringer Geldversorgung der Wirtschaft) und für die Deutschen eher in der Inflationsgefahr (bei zu leichter Geldversorgung und zu leichter Mittelaufnahme seitens der Regierung). Amerikaner wünschen sich auch heute, dass Geld und Geldpolitik die Wirtschaft am Laufen halten (Arbeitsplätze, Konsum), was eine leichtere, „unterstützende“ Geldversorgung verlangt. Deutsche, ähnlich wie Schweizer und Holländer, wünschen sich, dass die Inflationsgefahr kontrolliert wird. Dazu darf nicht zu viel Geld geschaffen und in Umlauf gebracht werden. Vor allem darf ein Wunsch der Regierung nach höheren Ausgaben nicht dadurch erfüllt werden, dass sich der Staat weiter verschuldet und die neuen Anleihen direkt von der Zentralbank übernommen werden.
Entsprechend gerieten die Empfehlungen der Keynesianer in die Kritik. Die Monetaristen, prominent von MILTON FRIEDMAN (1912-2006) geführt, lehnen es ab, dass der Staat immer wieder steuernd oder gegensteuernd in die Wirtschaft eingreift. Vielmehr sollte der Staat nachhaltige Rahmenbedingungen schaffen und stabil halten, sodass sie berechenbar werden. Zudem sollten die Rahmenbedingungen effizient sein. Dazu sind überschaubare und transparente Gesetzeswerke und eine leichte Bürokratie verlangt. In einer Krise sollte nach FRIEDMANN von der Regierung eher gespart werden, und eventuell bieten sich strukturelle Reformen an.
Der monetaristischen Idee folgend haben die Zentralbanken über Jahrzehnte hinweg ein Geldmengenziel formuliert und transparent gemacht. Danach wird die ausgegebene und sich in Umlauf befindende Geldmenge in einer festen Relation zum BIP gehalten. Die Geldmenge wächst dann genauso wie die Wirtschaft, aber eben nicht schneller. Keynesianer üben bei einer monetaristisch ausgerichteten Geld- und Fiskalpolitik hingegen diese Kritik: Gerade dann, wenn die Privathaushalte nichts ausgeben können (etwa, wenn es zu Arbeitslosigkeit und folglich zu Einkommenseinbußen gekommen ist) spart auch der Staat. Das erscheint den Keynesianern völlig verfehlt. Denn die autonome Staatsnachfrage sollte die fehlende Privatnachfrage kompensieren, und eine Politik des leichten Geldes sollte die Privathaushalte anregen, Kredite zu nehmen, um Güter zu kaufen.
Allerdings hat KEYNES selbst auf Sondersituationen aufmerksam gemacht, in denen die Privaten nicht deshalb weniger ausgeben, weil sie etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit ein geringeres Einkommen haben, sondern weil sie hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft besorgt sind und deshalb ihre Ausgaben zurückhalten. Wenn den Privaten etwa die Staatsverschuldung als zu hoch erscheint und wenn sie befürchten, dass die staatliche Altersversorgung zusammenbrechen könnte, dann reduzieren sie ihren Konsum und suchen nach Möglichkeiten, um Werte zu horten. In solchen Situationen würden kreditfinanzierte Zusatzausgaben des Staates die Ängste nur noch schüren und die als düster angesehene wirtschaftliche Zukunft weiter verdunkeln. Dann kann auch Geldpolitik wenig bewirken, die darauf abzielt, dass die Privaten leichter zu Krediten kommen.
KEYNES hat diese Ausnahmesituationen als „Fallen“ (für die Geldpolitik) bezeichnet. Er unterschied eine Liquiditätsfalle sowie eine Investitionsfalle.
Bei einer Liquiditätsfalle geben Private zusätzliches Geld (etwa aufgrund von Steuersenkungen) nicht aus, sondern horten es. Zusätzlich geschaffene Liquidität verschwindet (wie in einer Falle).
Eine Investitionsfalle liegt vor, wenn die Privaten einen weiteren Preisrückgang (Deflation) erwarten und daher keine realwirtschaftlichen Investitionen tätigen, die beispielsweise Arbeitsplätze schaffen würden. Denn wie erwartet reduziert sich der Preis von Betriebsstätten und Produktionsanlagen im Verlauf der Zeit. In solchen „Fallen“, so meint KEYNES, kann weder mit der Fiskalpolitik weiterer Staatsausgaben noch mit der Geldpolitik leichter Verschuldungsmöglichkeiten die Situation verbessert werden. Andere Maßnahmen sind verlangt, um mangelndes Vertrauen wieder herzustellen und die Erwartung zu nähren, dass keine deflationäre Abwärtsspirale einsetzen wird.
Die Geldpolitik umfasst eine Reihe von Instrumenten: Im Wesentlichen zielen die Instrumente auf (1) das Zinsniveau und (2) die Geldmenge ab. Früher, bis etwa 1980, hatten die Zentralbanken traditionelle Ansätze verfolgt. Sie haben einen Zielkorridor für das weitere Wachstum der Geldmenge bestimmt und angekündigt. Dazu haben sie das aktuelle Wirtschaftswachstum prognostiziert und die Änderung der Geldmenge entsprechend eingestellt. Da es nie zu viel Geld in Relation zum Bedarf von Wirtschaft und Handel gab, war diese Politik, Geldmengenziele zu verfolgen, wirksam gewesen, um eine zu hohe Inflation zu verhindern oder zu verringern.
Geldtheorie
Geldpolitik
Definition des Geldbegriffs (Zeichen in Zahlungssystem) und ökonomische Lehre der Funktionen und Eigenschaften von Geld.
Strategie der Geldmengensteuerung und Zinsbeeinflussung, um Inflation ebenso wie Deflation zu vermeiden und zugleich für die Wirtschaft eine nachhaltige Entwicklung anzustreben.
Abb. 1-2: Zur Unterscheidung von Geldtheorie und Geldpolitik.
Im letzten Jahrzehnt war die wirtschaftliche Situation eher die einer geringen Inflation bei schwachem Wirtschaftswachstum und nicht ausgelasteter Produktionskapazität, verbunden mit Arbeitslosigkeit. Deshalb sollte durch die Steuerung von Zins und Geldmenge erreicht werden, dass die volkswirtschaftlichen Kapazitäten stärker ausgelastet werden und die Arbeitslosigkeit auf ein „natürliches“ Niveau zurückgeht. Dazu wenden die Zentralbanken volkswirtschaftliche Regeln an, die so kalibriert sind, dass sie eine gute Kapazitätsauslastung und 2% Inflation herbeiführen sollten. Hierzu gehören die Taylor-Regel und die Orphanides-Regel. Beide Regeln beobachten die Inflation (Vergleich von Soll und Ist) sowie den Grad wirtschaftlicher Auslastung (Vergleich von Potenzial und aktuellem gesamtwirtschaftlichen Output). Danach werden die Leitzinsen festgelegt. Die Geldmenge stellt sich dann als Reaktion auf die Leitzinsen ein. Angesichts von geringer Auslastung (hoher Arbeitslosigkeit) und bei geringer Inflation empfehlen die beiden Regeln eine lockere Geldpolitik (reichliche Geldversorgung) mit geringem Zinssatz, eventuell mit einem Nullzins.
Die Geldpolitik ist in den letzten Jahrzehnten von einer Geldmengensteuerung zu einer Steuerung der Zinssätze übergegangen.
Zum Zinsniveau: Banken betreiben untereinander Handel in Geldmarktpapieren und leihen sich gegenseitig Geld von einem Tag zum anderen (über Nacht) aus. So können Banken Zahlungsaufträge ausführen. Die Zentralbank greift in den Geldmarkt ein, indem sie (kurzfristige) Zinssätze festsetzt, zu denen sich die Banken bei ihr Geld über Nacht oder für kurze Frist leihen können. Auf diese Weise steuert die Zentralbank die Zinsen am kurzen Ende.
Zur Geldmenge: Die Zentralbank legt die Konditionen fest, zu denen sich die Banken dadurch Geld besorgen können, dass sie andere Vermögenspositionen (wie Anleihen oder Devisen) bei der Zentralbank als Pfand hinterlegen oder an sie verkaufen. Typischerweise können die Banken der Zentralbank Wertpapiere bieten, und die Zentralbank kauft diese und bezahlt mit ihrem Geld. Die Wertpapiere werden auf diese Weise „monetarisiert“, die Geldmenge hat sich erhöht.
Historische Erfahrungen zeigen, dass eine großzügige Versorgung der Wirtschaft mit Geld irgendwann zu Inflation führt (Ansteigen des Preisniveaus), wogegen eine restriktive Geldpolitik die Wirtschaft hemmt. Deshalb wird bei der gegenwärtigen Geldpolitik immer wieder daran erinnert, dass die Gefahr eines plötzlichen Aufkommens von Inflation besteht. In der Tat ist es dazu 2021 gekommen, doch die Zentralbanken haben erklärt, der Anstieg des Preisniveaus sei lediglich temporär. Andererseits: Infolge einer zu restriktiven Geldpolitik kann Deflation eintreten: Die Preise für Güter bilden sich dann immer weiter zurück.
Die Inflation tritt oft in einer Phase auf, in der sich die Realwirtschaft „überhitzt“, also in der über die eigentliche Kapazitätsgrenze hinaus produziert wird. Deflation tritt oftmals auf, wenn sich die Wirtschaft „abkühlt“, das heißt, wenn die Nachfrage nach Gütern so gering wird, dass Produktionskapazitäten brach liegen. Um die Geldwertstabilität (weder Inflation noch Deflation) zu fördern, muss die Geldpolitik versuchen, Zinssätze und Geldmenge so einzustellen, dass die Realwirtschaft ein gutes Auslastungsniveau der Produktionskapazität erreicht und einhält.8
In Krisenzeiten beachten die Zentralbanken auch das Preisniveau an den Finanzmärkten. Genauer: In Krisenzeiten fallen oftmals die Preise für Wertpapiere an den Börsen dramatisch, und die Menschen geraten in Panik hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft. Dann könnte die Zentralbank das Preisniveau an den Finanzmärkten durch Stützungskäufe stabilisieren.
So ist das durch die Monetary Authority in Hongkong während der Asienkrise geschehen und jüngst durch die EZB während der Eurokrise. Verschiedene Gesetze schränken den Freiraum der Zentralbanken allerdings etwas ein. So darf eine Regierung nicht einfach neue Staatsanleihen ausgeben, wenn überhaupt kein privater oder institutioneller Investor zum Kauf bereit ist, und dann einfach die Zentralbank zwingen, die Staatsanleihen zu kaufen: „Die Regierung lässt sich Geld drucken.“
Allerdings haben sich die Steuerungsmöglichkeiten von Zinshöhe und von Geldmenge über die Zeiten hinweg gewandelt, und sie werden heute anders beurteilt.
Die kraftvolle Möglichkeit, die Zinssätze zu setzen und zu verändern, wird nach wie vor der Zentralbank zugesprochen.
Was die Geldmenge betrifft, so ist nach wie vor unbestritten, dass die Geschäftsbanken mit der Schaffung von Buch- oder Giralgeld deutlich an der Bereitstellung von Giralgeld für private Haushalte und für Unternehmen beteiligt sind (und hier eine wichtige Aufgabe der Geldversorgung übernehmen).
Die Frage jedoch ist, ob die Geschäftsbanken bei der Schöpfung des Giralgeldes von der Zentralbank abhängig oder frei sind.
Hier wird eine klassische Sicht von einer modernen Sicht der Geldtheorie unterschieden. Die frühere, heute als klassisch bezeichnete Sicht der Geldtheorie hat den Banken eine rein ausführende Umsetzung der Vorgaben der Zentralbank zugeschrieben. Zur Steuerung der Geldmenge bedient sich der klassischen Sicht zufolge die Zentralbank des Systems der Geschäftsbanken. Die Banken werden als Intermediäre von der Zentralbank geführt. Beispielsweise müssen die Geschäftsbanken Mindestreserven bei der Zentralbank halten und werden dadurch bei der Kreditvergabe durch Festsetzungen der Zentralbank gelenkt.
Folglich verfügt der klassischen Geldtheorie nach die Zentralbank über umfassende Steuerungsmöglichkeiten für (den Zins und) die Geldmenge. Die Banken helfen als Intermediäre, die Zentralbankpolitik umzusetzen. Sie sind praktisch an die Vorgaben der Zentralbank gebunden und haben keinen nennenswerten Freiraum.
Mit der heute von Ökonomen geteilten, modernen Sicht der Geldtheorie wird anerkannt, dass die Geschäftsbanken de facto große Freiräume bei der Entscheidung haben, wie viele Kredite sie den Privathaushalten und den Unternehmen geben und wie groß dadurch die Geldmenge wird. Beispielsweise können die Geschäftsbanken angesichts der Bonität ihrer Kundschaft Kredite sprechen oder auch nicht, und selbst bei hohen Mindestreserven bleibt der Freiraum groß. Dadurch entgleitet bei der modernen Sicht der Geldtheorie der Zentralbank die Möglichkeit der Steuerung der Geldmenge (während sie die Zinssätze steuern kann).
Pointiert werden die Möglichkeiten der heutigen Geldpolitik durch eine Sicht ausgedrückt, die als Moderne Geldtheorie (Modern Monetary Theory MMT) bezeichnet wird. Die MMT ist eine geldtheoretische und makroökonomische Denkschule, die aufgrund von Beobachtungen diese drei Sachverhalte betont:
[1]Die im Kreditgeschäft tätigen Geschäftsbanken können weitgehend eigenständig (und von der Zentralbank nur wenig gelenkt) Geld schöpfen. Banken schaffen Geld, indem sie Kredite allein aufgrund von Sicherheiten und der Bonität des Schuldners vergeben, und sozusagen aus dem Nichts Giralgeld schöpfen. Die Geldmenge wird wesentlich durch die Kreditentscheidungen der Banken bestimmt.
[2]Der Wert des Geldes und die Antwort auf die Frage, ob das Geld sicher sei, folgen weniger aus der Bilanz der Zentralbank (oder aus dem Edelmetallgehalt ausgegebener Münzen), sondern eher (1) aus der allgemeinen Sicherheit des Bankensystems, (2) aus der sozialen Akzeptanz des Geldes, und (3) aus der allgemeinen Zuversicht, das Geld werde auch in Zukunft seine Funktionen behalten. Dieser dritte Punkt wird durch die chartalistische Geldtheorie betont, die auf KNAPP zurückgeht.
[3]Die MMT greift eine Sicht des Postkeynesianismus auf, eine Sichtweise, die sich in der wissenschaftlichen Nachfolge auf die Lehre von KEYNES gebildet hat. Die MMT beobachtet, dass sich ein Staat – vertreten durch die Regierung – faktisch immer Geld von der Zentralbank besorgen kann, sei es direkt oder indirekt. Der Staat gibt das Geld aus, wodurch es privaten Haushalten und Unternehmen zugutekommt. Öffentliche Schulden zeigen sich daher als Vermögen in privater Hand, so die Grundthese der MMT. Hier spannt die MMT einen weiten Bogen, der die Ausgaben des Staates und die Einnahmen der Privaten übergreift. Diese Perspektive spricht für eine keynesianische Politik in der Krise, nach der die Regierung Schulden macht und staatliche Projekte startet.
Zwei Kritiken: Wo geht das Geld hin? Würde die Idee, dass Staatsschulden sich als Vermögen der Privaten wiederfinden, von der Politik vorsichtig und nur kurzfristig genutzt, ließe sich die MMT vielleicht noch nachvollziehen. Doch in den jüngsten Lockerungen der Geldpolitik sind viele Gelder nicht an das breite Volk und kleine Unternehmen geflossen, sondern an Hedgefunds und an Einrichtungen, die Preise für Immobilien nach oben getrieben haben. Die MMT bietet dadurch eine wissenschaftlich untermauerte Erlaubnis dafür, dass die Regierung das Geld hinausfeuert, ohne Wirkung und Effizienz der Geldausgaben zu beachten. Insbesondere werden die Staatsverschuldung und die Unglaubwürdigkeit, die aus unordentlichem Haushalten entsteht, durch die MMT verharmlost.
Zweite Kritik: Was passiert, wenn die Leute das Geld ausgeben? PAUL KRUGMAN betont: Die MMT begünstige Inflation, sobald keine „Liquiditätsfalle“ vorliegt (KEYNES bezeichnet eine Liquiditätsfalle als eine Situation, in der Private zusätzliches Geld nicht ausgeben, sondern horten, sodass zusätzlich vom Staat geschaffene Liquidität wie in einer Falle verschwindet). Wenn Inflation eintritt, führt das Ansteigen der Geldmenge durch die MMT dazu, dass die Währung gemieden und durch eine neue ersetzt werden muss.10
Wird eine wirtschaftliche Schwächephase als tiefer begründet (Strukturwandel und Innovation werden verlangt) und vermutlich zeitlich länger andauernd erkannt, dann stellt sich die Frage, mit welcher Geldpolitik und mit welcher Fiskalpolitik die staatlichen Organe reagieren sollten. Strukturelle Verbesserungen legen die Basis für eine nachhaltige Verbesserung, doch sie werden in Demokratien oft von der Bevölkerung verunmöglicht. Es wird der Ruf nach weiteren Staatsausgaben und Umverteilung laut, selbst wenn die Verschuldung hoch ist und eine großzügige Fiskalpolitik nicht nachhaltig wäre.
