Finisher - Lars Boysen - E-Book

Finisher E-Book

Lars Boysen

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Beschreibung

Der Straßenradsport hat sich in den letzten Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung weit nach vorn gearbeitet. Wenn die Namen der wichtigsten Rennen und der berühmtesten Fahrer fallen, kann heute fast jeder mitreden. Aber Radsport ist auch Breitensport, und bei den zahllosen Veranstaltungen völlig unbekannter Hobbyisten wird kaum weniger verbissen gekämpft als zwischen Lance Armstrong und Jan Ullrich – und auch nicht immer mit offenen Karten. Lars Boysen hat bereits viele dieser so genannten "Jedermann-Rennen" bestritten und kennt die Szene genau. Der vorliegende ebenso spannende wie witzige Roman verarbeitet seine Erfahrungen bei der JEANTEX-TOUR-Transalp, einer extrem anspruchsvollen Etappenfahrt über die Alpen. Für die meisten Teilnehmer geht es dabei "nur" um das Ankommen: Wer bis zum Schluss durchhält, bekommt das begehrte Finisher-Trikot und steigt gewaltig in der Achtung seiner heimatlichen "Chain-Gang". Wer wollte da nicht alles geben? Und geht nicht vielleicht doch noch ein kleines Bisschen mehr? Humor- und liebevolle Darstellung der Freizeit-Radrennszene, nach dem Motto: Das Böse lauert überall – sogar im Herzen manches ehrgeizigen Hobby-Radsportlers …

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Lars Boysen

Finisher

Das Böse lauert überall ...

Delius Klasing Verlag

1. Auflage

ISBN 978-3-7688-8311-5

Copyright © 2010 by Moby Dick Verlag, Kiel

Die Printausgabe dieses Werkes wurde mit der

ISBN 978-3-7688-5225-8 herausgegeben.

Titelmotiv: Live Sportphotos, Oberasbach

Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch Teile daraus, nicht vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.delius-klasing.de

Inhalt

7Der Patron (1)

11Anfahrt

171. Etappe: Oberammergau – Ischgl

31Ischgl

34Die Stunde der Experten

442.Etappe: Ischgl – Sölden

48Sölden

563.Etappe: Sölden – Brixen

62Brixen

70... und nochmal Brixen

774.Etappe: Brixen – St. Vigil

82Der Profi

87St. Vigil

985.Etappe: St. Vigil – Wolkenstein

102Wolkenstein

109Wesseln in

1156.Etappe: Wolkenstein – Levico

119Der Radsport

128Das Leiden und seine Folgen

135Das knallharte Urteil

1427.Etappe: Levico –Garda

153Garda

157Camp Transalp

162Der Patron (2)

171Epilog

Der Patron (1)

»Doppelreihe!«

Sie gehorchten und fuhren nebeneinander.

»Schalt mal einen Gang runter da und fahr ne höhere Frequenz!«

Der angesprochene Fahrer schaltete einen Gang herunter und trat schneller.

»Kürzer führen vorne!«

Sie gingen zur Seite raus und ließen sich nach hinten zurückfallen.

Gerd war der Chef im Peloton. Wenn Gerd etwas sagte, dann war das Gesetz. Gerds Autorität war hier mit Sicherheit höher als die Armstrongs unter den Profis.

»Du brauchst nicht führen, geh mal lieber nach hinten, lutschen.«

Der Neuling ließ sich aus der zweiten Reihe wieder ans Ende fallen.

Gerd war der von allen unangezweifelte Experte. Er war der Patron der hiesigen RTF-Szene. Und so wie Armstrong durch das dauerhafte Tragen des Gelben Trikots zu seiner Stellung gekommen war, so kam Gerd durch das Finisher-Trikot der Jeantex/Tour-Transalp 2003 zu Würden! Das Finisher-Trikot war in den Farben Rot, Schwarz und Gelb gehalten, und in großen Buchstaben war auf dem Rücken Gerds unglaubliche Heldentat verewigt: »Finisher – 7 Etappen – 821 km – 19 Pässe – 20512 Höhenmeter«, stand dort geschrieben.

Nur ab und zu nahm es sich jemand heraus, Gerd direkt auf dieses Trikot anzusprechen. Gerd tat dann immer so, als ob nicht viel dabei gewesen wäre, und als ob der Anfragende selbst diese Tour auch hätte fahren können. Die kamen ganz von alleine darauf, dass sie die nicht hätten fahren können, und dann respektierten sie Gerd um so mehr, weil der sich anscheinend nicht einmal vorstellen konnte, wie schwach doch alle anderen waren.

Und ich war Gerds Kollege. Ich hatte im Peloton nichts zu sagen, aber ich genoss einen gewissen Respekt. Irgendwie strahlten Gerds Leistungen auch auf mich ab. Ich selbst hatte mir im Leben zwar schon so einiges geleistet, aber etwas Großartiges geleistet hatte ich noch nicht. Und so war es auch dieses Mal nicht meine Idee gewesen, sondern es war mehr oder weniger auf mich zugekommen. Gerd suchte nämlich nach einem Teamkollegen für die Jeantex/Tour-Transalp 2004 und hielt mich für den einzigen dafür in Frage kommenden Fahrer in seinem Bekanntenkreis. Mir schmeichelte das zwar, aber im Grunde genommen war ich mir sicher, dass ich auf keinen Fall sieben Tage in Folge und ohne Ruhetag über die Berge fahren könnte. Gerd blieb beharrlich. Er schilderte mir in blumiger Sprache die tollen Erlebnisse während der Tour, erzählte von den Bergen, den Abfahrten und von den unglaublich guten Gefühlen bei der Zielankunft in Garda. Ich konnte mir immer noch wenig unter der Tour vorstellen, aber Gerds Überzeugung begann meine Zweifel Stück für Stück bröckeln zu lassen. Eines Sonntagabends setzte er dann zum finalen Angriff an. Ich hatte den Tag gedanklich schon beendet und dämmerte so vor mich hin, als es an meiner Tür klingelte.

Ich öffnete und sah schon an seinem Gesichtsausdruck, dass es sich um eine hochoffizielle Angelegenheit handelte.

»Willst du immer so weiter leben?«, fragte er mich mit ernster Miene und machte eine abfällige Handbewegung in meine Richtung, als wolle er damit auf meine erbärmliche Existenz hinweisen. »Willst du dich dein ganzes Leben vor den großen Herausforderungen drücken und auf irgendwelchen Radtourenfahrten herumtingeln? ! «

Ich wusste dazu nichts zu sagen. Gerd spielte mir gegenüber zwar meistens den antiautoritären 68er, wenn er aber etwas durchsetzen wollte, dann konnte er von einer Sekunde zur anderen zum Oberlehrer der 1950erJahre mutieren.

»Oh, ich vergaß«, setzte er nach, »du fährst ja sogar einmal im Jahr wie 14000 andere auch die HEW-Cyclassics!«

Die HEW-Cyclassics hatte ich bisher immer als Saisonhöhepunkt angesehen. Man fuhr dort auf abgesperrten Straßen, und es gab eine offizielle Zeitmessung. Das Beste daran aber waren die vielen Zuschauer. Zu Tausenden säumten sie die Strecke und spendeten Beifall. Wenn man in Hamburg zwischen all den jubelnden Menschen über die Ziellinie fuhr, dann konnte man schon feuchte Augen bekommen.

»Du solltest dich mal an die großen Brocken heranwagen!«, fuhr Gerd mit seinen Vorwürfen fort. »Es ist ja nicht mit anzusehen, wie du deine Jugend verschenkst! Wie du deine Möglichkeiten ungenutzt lässt! Wie du hier verkümmerst! Wie du dich versteckst!«

Ich fühlte mich wie ein notorischer Hausaufgabenvergesser, der vom Rektor zur Schnecke gemacht wird. Die Anschuldigungen nahmen kein Ende. Gerds Mienenspiel zeigte unmissverständlich, dass er kein Widerwort dulden würde. Er stellte mich und mein Leben dar, als wäre ich das größte auf Erden wandelnde Trauerspiel. Er zeichnete ein Bild von meinem Dasein, das einen wahrhaft bedenklich stimmen konnte.

Dann brachte er es auf den Punkt:

»NUN KOMM DOCH MAL AUS DIR HERAUS!!!«, forderte er mit erhobenem Zeigefinger und sah mir dabei fest in die Augen.

Der Appell hing einige Sekunden unbarmherzig in der Luft, dann änderte sich Gerds Gesichtsausdruck plötzlich und er wechselte geschickt die Strategie.

»Lars! Ich bitte dich! Die größte Herausforderung für einen Rennrad- Fan, die Jeantex/Tour-Transalp, die phänomenalste Alpenüberquerung aller Zeiten – wir müssen daran teilnehmen!«

Er kam jetzt von der ganz anderen Seite. Er bekniete mich, er flehte mich an, er beschwor meine sportliche Ehre.

»Lars! Gemeinsam werden wir das Ding packen! Wir werden uns gegenseitig helfen, uns motivieren, gemeinsam über die Ziellinien rollen und gemeinsam siegen! Wir werden das am besten funktionierende Team der Transalp sein!«

Ich sagte nichts. Ich war völlig hin- und hergerissen. Auf der einen Seite waren mir die lange Anfahrt, die sieben Tage in den Bergen und die Gemeinschaftsübernachtungen einfach zu viel, auf der anderen Seite hatte Gerd meine Meinung so gut wie überrannt.

Und dann setzte er von einer Sekunde zur anderen diesen freudestrahlenden Gesichtsausdruck auf.

»Ich wusste es!«, fuhr es aus ihm heraus. »HERVORRAGEND! Das wird ein riesiges Erlebnis, das kann ich dir sagen.«

Noch bevor ich irgendetwas sagen konnte, verabschiedete er sich und war genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war.

Ich hatte ihm seine Vorführung abgenommen. Ich war auf seine Anschuldigungen hereingefallen und auf seine plötzliche Sinneswandlung zum mich beknieenden Freund. Und zu guter Letzt hatte er mich mit seiner Freude über meine angeblich gegebene Zustimmung übertölpelt. Ich hatte es einfach nicht fertig gebracht, ihm das Spiel zu verderben.

Und jetzt war ich wohl oder übel Gerds B-Fahrer.

Anfahrt

Ich hatte seit einiger Zeit meine Augen geschlossen und horchte in meine Oberschenkel hinein. Sie fühlten sich stark an. Ich hatte in den Monaten seit meiner angeblichen Zusage optimal trainiert und war dementsprechend optimistisch an die Sache herangegangen. Allerdings spürte ich eine deutliche Verspannung im rechten vorderen Oberschenkel. Ich drückte mit den Daumen auf die betroffenen Muskelstränge und fühlte den typischen Schmerz verhärteter Muskeln. Zum Vergleich tastete ich den linken Oberschenkel ab und diagnostizierte die gleichen Symptome. Aber stark waren sie, die Beine, nur wäre es besser, wenn ich nicht gleich in den roten Bereich gehen müsste. Ich öffnete die Augen und blickte auf die acht Meter vor uns fahrende Rückseite eines Reisebusses. Gerd fuhr Windschatten.

»Hauptsache ankommen«, sagte ich, »für mich spielt die Platzierung überhaupt keine Rolle.«

»Ja«, antwortete Gerd betont gleichgültig, »Platzierung ist nichts.«

Recht hatte er. Wer würde schon etwas damit anfangen können, ob wir nun als zweihundertstes oder als vierhundertstes Team abschneiden würden. Für unsere Sportsfreunde zählten die Distanzen und die Höhenmeter. Darunter konnten sie sich in etwa vorstellen, was wir zu leisten hatten; aber die Platzierung? Wer konnte schon sagen, wie gut die anderen Teams sein würden? Schließlich waren sogar Profis angemeldet, und dass man uns mit denen nicht vergleichen durfte, das war ja wohl jedem klar.

Ich schloss wieder die Augen und knetete meine verspannten vorderen Oberschenkel. Die Platzierung sagte gar nichts aus. Wenn unsere daheimgebliebenen Radkollegen einen Anhaltspunkt für meine Leistung finden konnten, dann waren das höchstens die Zeiten von Gerd. Seine Leistungsfähigkeit kannten sie aus eigener Erfahrung, zwischen uns konnten sie einen konkreten Vergleich ziehen. Gerd oder ich. Im Grunde genommen war das auch das Einzige, was sie interessierte. Gerd oder ich, wer würde besser über die Berge kommen? Gerd war mit 51 Jahren weit über sein Höchstleistungsalter hinaus, aber man sollte sich da im Radsport nicht täuschen. Er betrieb den Sport schon erheblich länger als ich und mit jedem Jahr kam erfahrungsgemäß Leistung dazu. Natürlich war ich mit meinen 33 Jahren schon im Vorteil, aber wohl lange nicht so stark, wie es Nichthobbyradsportler annehmen würden. In der Leistungsspitze waren die Jungen zu finden, aber im Breitensport brachten die älteren Jahrgänge unglaubliche Ausdauerleistungen zustande. Und so einer war Gerd.

Ich erinnerte mich an einen Nord-Cup-Marathon, den wir zusammen gefahren waren. Nach 30 Kilometern hatte sich ein spitzer Stein in meinen Grand-Prix-3000-Hinterreifen gebohrt und mich zum Schlauchwechsel gezwungen. Allerdings erwies es sich als unglaublicher Kraftakt, den Mantel von der Felge zu hebeln und vor allem, ihn wieder heraufzubekommen. Gerd war bei mir geblieben und so hatten wir mindestens 15 Minuten verloren. Wahrscheinlich nahmen wir die Fahrt sogar als Schlusslicht des Feldes wieder auf.

Die nächsten 180 Kilometer ins Ziel fuhren wir dann als Duo. Das lag weniger daran, dass wir keine geeignete Gruppe gefunden hätten, als an Gerds immer wieder durchbrechender übermotivierter Fahrweise. Ständig waren wir damit beschäftigt, zu einer vor uns fahrenden Gruppe aufzuschließen, um uns kräftesparend in den Windschatten hängen zu können. Sobald wir aber dran waren, fuhr Gerd nach vorn, zog das Tempo an und sprengte die Gruppe schließlich auseinander. Wenn nichts mehr von ihr übriggeblieben war, visierte er die nächste Gruppe an und wiederholte das Spiel. Natürlich kamen wir auf Grund meiner Panne nicht mehr an die vordersten Gruppen heran, aber ich war mir sicher, dass er auch dort das Tempo unnötig angezogen hätte. Ich hatte den Marathon eigentlich als Grundlagenausdauereinheit nutzen wollen, stattdessen fuhr ich große Teile der 220 Kilometer nahe an der anaeroben Schwelle.

Ich öffnete die Augen. Gerd fuhr jetzt gerade dicht hinter einem Kleintransporter auf der linken Spur.

»Lass uns die erste Etappe ruhig angehen«, sagte ich.

»Ja, auf jeden Fall«, stimmte er mir für seine Verhältnisse erstaunlich leistungsunmotiviert zu.

»Ist ja schwachsinnig, sich gleich kaputtzufahren«, mahnte ich.

»Ne, vollkommener Unsinn, es wird ja eh die Zeit des Langsameren gewertet.«

Ich schloss wieder die Augen und dachte über das Gesagte nach. Bei der Transalp fuhren jeweils zwei Fahrer als Team und die Zeit des langsameren Fahrers galt als Teamzeit. Damit sollte wohl erreicht werden, dass sich die Teamfahrer gegenseitig unterstützen. Bisher hatte mich diese Idee auch beruhigt, aber hatte Gerd nicht gerade eben gesagt, dass eh die Zeit des Langsameren gewertet würde? Hatte er damit nicht indirekt schon gesagt, dass er nicht davon ausging, dass wir zusammen ins Ziel fahren würden? Ich machte mir Sorgen. Bei unserem gemeinsamen Marathon hatte Gerd ja gezeigt, dass er gerade auf diesen langen Distanzen unglaublich schnell fahren konnte. Und vor uns lagen sieben lange Etappen! Und wenn er mir nur jeden Tag zwei Minuten abnehmen würde, war ich eindeutig blamiert. Dann würden mir alle meinen Altersvorteil vorwerfen und mich als deklassiert verlachen.

Ich massierte meine Oberschenkel und ging vor meinem geistigen Auge noch einmal Gerds Fahrweise durch. In der Ebene hatte ich über lange Strecken schon Mühe, in seinem Windschatten zu bleiben. Einzig und allein bei einigen kurzen und steilen Anstiegen, die wir in der zum Teil hügeligen Streckführung zu bewältigen hatten, glaubte ich eine kleine Schwäche bei Gerd entdeckt zu haben. Er kam diese Hügel geringfügig langsamer hinauf als ich. Es waren wie gesagt nur kleine Erhebungen und ich wusste nicht, ob er vielleicht einfach nur länger brauchte, um von Ebene auf Anstieg umzuschalten, aber wenn überhaupt, dann hatte ich hier einen Vorteil. Und da vor uns sieben Bergetappen lagen, fiel ein wenig Anspannung wieder von mir ab. Ich atmete tief durch und beschloss, die Autofahrt zu genießen.

Bei uns im hohen Norden hatte es wochenlang geregnet und gestürmt, seit wir aber an Hannover vorbei waren, schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herab. Urlaub! Ich atmete noch einmal tief ein und konzentrierte mich beim Ausatmen darauf, all den Stress der vergangenen Wochen aus mir herauszublasen. Wie lange hatte ich mich doch auf diese Woche gefreut, wie lange hatte ich mich zielstrebig auf sie vorbereitet.

Wir kamen in die Kasseler Berge. Für mich als Schleswig-Holsteiner waren das schon kleine Giganten. Aber sie machten mich nicht nervös, ganz im Gegenteil, denn hier bestätigte sich nur meine Taktik. Den Berg hinauf würde ich Gerd bestimmt Zeit abnehmen können, und Berge herunter konnte man nicht wirklich viel Zeit verlieren. Dumm wäre es natürlich nur, wenn ich den Berg hinauf auf Gerd warten und er mich dann bei der Abfahrt oder in der Ebene abhängen würde. Ich sah hinüber zu Gerd. Er saß konzentriert hinter dem Lenkrad und folgte einem neueren Audi A4. Windschattenfahren. Gerd schien die Autobahnfahrt sportlich zu nehmen.

»Ich finde das gut mit der Teamwertung«, sagte ich.

Gerd nickte.

»Alleine würde man wahrscheinlich automatisch auf Anschlag fahren, aber zu zweit kann man sich auch mal gegenseitig bremsen«, ergänzte ich. Keine Reaktion.

»Ich meine, wenn man schon so weit fährt, dann sollte man auch was von der Landschaft mitbekommen und nicht nur an irgendeinem Hinterrad hängen«, äußerte ich als Argument.

Gerd brachte nur ein kurzes »Mmh« heraus, zog knapp hinter einem vorbeifahrenden Opel auf die Überholspur und ließ sich mit einem verbissenen Gesichtsausdruck an dem A4 vorbeiziehen.

Der wartet niemals auf mich, schoss es mir durch den Kopf! Der wird sich bei der erstbesten Gelegenheit absetzen. Ich würde ihn an den Anstiegen abhängen müssen, da lag meine einzige Chance. Wenn ich da nicht wegkam, dann konnte es knapp werden. Blieb nur diese scheinheilige Vorgabe des Teamfahrens. Nicht, dass Gerd noch den Anspruch erheben würde, dass ich auf ihn zu warten hätte.

»Ach, hör mal, Gerd«, warf ich ein, »zusammen fahren ist ja schön und gut, aber sollte ich am Berg nicht mithalten können, dann fährst du einfach dein Tempo, klar? Ich meine, es ist ja Unsinn, wenn wir uns gegenseitig bremsen!«

Gerd lachte. »Klar, aber ich warte dann oben auf dich.«

»Nein, nein«, schob ich hinterher, »nicht warten! Ich versuch dich dann irgendwie zu kriegen. Das spornt mich zusätzlich an. Fahr dein Tempo! Es taugt nichts, wenn wir uns am Berg aus dem Rhythmus bringen!«

Gerd stimmte zu, wirkte aber nachdenklich.

Ich schloss wieder die Augen und kümmerte mich um meine Beine. Die rechte Wade machte auch nicht gerade den lockersten Eindruck. Vielleicht hatte ich zu viel Kaffee getrunken und mir die Mineralstoffe aus dem Körper geschwemmt, anders konnte ich mir das nicht erklären. Aber stark fühlten sich die Beine an, da bestand kein Zweifel. Ich versuchte die Wade ein wenig zu dehnen, indem ich die Fußspitze anzog, spürte dabei aber deutlich die Verhärtung im Oberschenkel und ließ es lieber bleiben. Es bestand natürlich die Gefahr, dass Gerd die Berge gar nicht schlechter hinaufkommen würde als ich. Vielleicht brauchte er nur ein oder zwei Minuten länger, um seinen Rhythmus zu finden. Bei uns im Norden war es dann schon zu spät, weil man bereits über den Hügel war, aber in den Alpen? Trotzdem nahm ich an, dass ich ihm ein paar Minuten abnehmen würde. Die musste ich dann irgendwie bis zum nächsten Anstieg beziehungsweise bis ins Ziel retten. Die Gefahr bestand nur darin, dass er mich auf den Abfahrten oder in der Ebene überholen würde. Er verstand es, sich von Gruppe zu Gruppe vorzuarbeiten, und wenn ich selbst keine guten Mitfahrer erwischen würde, dann konnte es eng werden. Ich beschloss, dann einfach so zu tun, als ob ich auf ihn gewartet hätte, schließlich musste er dann auch auf mich warten.

»Hör mal«, unterbrach Gerd meine Gedanken, »wenn du in der Ebene irgendwie besser wegkommst, dann fährst du einfach dein Ding, klar?« »Ach was«, konterte ich, »da fahren wir schön zusammen.«

»Ja, klar«, stimmte Gerd wie selbstverständlich zu, »aber wenn du irgendwie in eine schnellere Gruppe springen kannst und ich nicht, dann fährst du dein Rennen! Nicht warten! Fahr dann einfach dein Rennen und ich versuche wieder heranzukommen. Klar?«

Ich nickte, machte mir aber so meine Sorgen. Es war nur schwer vorstellbar, dass die Geschichte so herum laufen würde. Meiner Meinung nach plante Gerd schon seinen Ausreißversuch.

1. Etappe:Oberammergau – Ischgl

Start: 27.06.2004, 9:30 Uhr. Gerd und ich waren mit dem Rad von unserer Unterkunft zum nahegelegenen Startbereich der Jeantex/ Tour-Transalp in Oberammergau gefahren. Beim Absteigen vom Rad kam es zu einer Verkrampfung meines rechten Gesäßmuskels. Meine Nerven lagen blank. Ich machte mir große Sorgen, ob ich die erste Etappe überhaupt überstehen würde. Meine vorderen Oberschenkel waren immer noch fest und die Waden bedurften ständiger Dehnungsübungen.

Wir reihten uns unserer Startnummer entsprechend in den Startblock ein und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. 850 Starter und ein großes Drumherum gaben einem das Gefühl, am Start der Tour de France zu stehen. Eines stand hier schnell fest: Alles, was ich bisher an Radveranstaltungen miterlebt hatte, war gegen diese Sache unbedeutend. Der Sprecher gab durch die Lautsprecherboxen letzte Informationen zur Strecke und tat so einiges für die Stimmung der Fahrer und der Zuschauer. Gerd drückte mir sein Rad in die Hand und verschwand auf der Suche nach einer Toilette.

Ich stellte mich zwischen unsere Räder, um meine Dehnungsübungen zu machen. Besonders mein rechter Gesäßmuskel, aber auch die seitlichen Oberschenkel machten mir zusehends Probleme. Ich setzte den rechten Fuß auf das Oberrohr meines Rades und ließ den Oberkörper langsam nach vorne abkippen. Dabei konzentrierte ich mich besonders auf die wohltuende Dehnung des rechten Gesäßmuskels. Nach 15 Sekunden richtete ich mich gefühlvoll wieder auf und nahm den Fuß vom Oberrohr. Genau in diesem Moment, in dem Augenblick, in dem ich mein gesamtes Körpergewicht auf das linke Bein verlagerte, spürte ich wie mein linker Gesäßmuskel zuzog.

Ich war erledigt. All die Vorbereitungen waren für die Katz gewesen, ich würde hier nicht eine Etappe zu Ende bringen. Gedanklich sah ich mich schon in unser gemeinsames Fitnesscenter gehen und immer und immer wieder die Geschichte erzählen, warum ich bei der ersten Etappe der Transalp hatte abbrechen müssen, während Gerd sieben Etappen problemlos hinter sich gebracht hatte. Man würde mir zwar gut zureden und mir darin zustimmen, dass es Pech gewesen wäre, aber innerlich würde man mich zum Versager stempeln. Ich wusste das, denn ich selbst stempelte Menschen bei Fehlleistungen gnadenlos ab. Dumm, faul, antriebsschwach, disziplinlos. Mir fielen auf Schlag mehrere Beispiele dafür ein, wie ich allein in den letzten Wochen Arbeitskollegen, Bekannte und Verwandte für irgendwelche Schwächen zu Verlierern degradiert hatte.

Nun fiel ich meiner eigenen Urteilshärte zum Opfer. Meine Beine waren stark, ich hatte mich gut vorbereitet und ich war bereit alles zu geben, aber das alles würde niemals jemand zu sehen bekommen, denn meine Muskeln krampften. Sie zogen einfach zu und dagegen war man machtlos. Gegen Schmerzen konnte man angehen, Schwäche konnte man mit Härte bekämpfen und Müdigkeit mit Motivation, aber ein krampfender Muskel legte einen lahm. Und in mir signalisierten viele Muskeln, dass sie sich bei der ersten echten Belastung gnadenlos dem Dienst entziehen würden.

Gerd kam wieder.

»Ich kann das Ding nicht fahren«, warf ich ihm entgegen.

Gerd lachte.

»Wirklich«, setzte ich nach, »ich hab bis jetzt nichts gesagt, aber meine Beine krampfen von oben bis unten! Bei jeder Bewegung kommt eine Muskelverhärtung dazu. Ich bin auf! Ich kann keine zwanzig Kilometer fahren! Nicht einmal in der Ebene. Alles ist vorbei! Ich fahre schnell zum Camp zurück und lass mir meine Tasche geben, damit sie die nicht bis zum nächsten Etappenziel fahren.«

»Das ist ganz normal«, klärte Gerd mich in einem betont ruhigen Tonfall auf. »Das geht gleich wieder weg. Das ist nur die Nervosität!«

Gerd schien überhaupt nicht in Sorge über meinen Zustand zu sein. Vielleicht nahm er meine Beschwerden einfach nur nicht ernst genug und hielt mich für einen Simulanten. Auf der anderen Seite war er aber auch erfahrener als ich, und eventuell hatte er ja Recht mit dem Gesagten.

»Du wirst dir die Beine einfach locker fahren und in Topform sein, glaub mir das!«, setzte er nach.

Ich schöpfte Hoffnung. Vielleicht war es nur die Anspannung der letzten Tage, die aus mir herausgefahren werden müsste. Vielleicht würde die Bewegung den Beinen gut tun. Den Beinen und meinem Kopf. Ich konnte es mir noch nicht wirklich vorstellen, aber möglicherweise würde es ja tatsächlich gehen.

»Bei mir äußert sich das anders«, verriet Gerd grinsend, drückte mir sein Rad in die Hand und verschwand abermals in Richtung der Toiletten.

9:56 Uhr. Meine Pulsuhr zeigte 132 Schläge pro Minute. Vier Minuten vor dem Start! Durch die Lautsprecherboxen ertönte Musik. »Let me entertain you« von Robbie Williams. Für einen Moment war die Sorge um meine Beine wie verflogen. Ich fühlte mich großartig und voller Tatendrang. Jetzt ging es endlich los, jetzt konnte ich endlich zeigen, was in mir steckte. Vor uns lag wie angekündigt die längste Etappe der Tour. 2521 Höhenmeter waren auf einer Distanz von 141,70 km zu überwinden. Es sollte zwar die längste, aber bei weitem nicht die schwerste Etappe sein. Wenn man den Angaben des Sprechers glauben konnte, dann war es nur eine Einrolletappe. 65 km bis zum ersten ernsthaften Anstieg zum Hahntennjoch, einem 1894 m hohen Pass, dann 15 km Abfahrt, etwa 20 km in der Ebene und schließlich die letzten 25 km leicht ansteigend.

Unmittelbar vor dem Start. Puls 126. Der Sprecher forderte uns auf, die letzten 10 Sekunden gemeinsam rückwärts zu zählen. Das sollte noch mal die Motivation und die Stimmung heben, mir aber erschien es eine unverantwortliche Vergeudung meiner Kräfte zu sein, jetzt auch noch laut zählen zu müssen. Einige konnten sich das scheinbar erlauben.

Der Startschuss! Die Sonne schien durch die zunehmend aufreißende Wolkendecke auf uns herab. Es ging los! Ich klickte erst einmal nur einen Schuh ein und fuhr mit weiteren 849 Fahrern im Schritttempo durch die anfeuernden Zuschauer. Es herrschte Volksfeststimmung. Ich setzte eine entschlossene Miene auf, als würde ich beim Gesamtsieg mitreden können, hatte aber sogleich auch wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich mir nicht so sicher war, ob ich nicht in einer Stunde mit einem Taxi zurückkommen würde. Und für solche Leute klatschten die ja nun ganz bestimmt nicht!

Aus Sicherheitsgründen war der Start neutralisiert. Das bedeutete, dass die ersten Kilometer ein Fahrzeug vorne fahren und das Feld relativ geschlossen aus der Stadt bis zu einer günstigeren Stelle führen würde, an der das Rennen dann gefahrlos frei gegeben werden konnte. Mir kam das entgegen, so konnte ich mich tatsächlich erst einmal locker rollen. Kilometerweit pedalierten wir dicht an dicht im Windschatten bei angenehmem Tempo. Die Veranstalter ließen uns in etwa 200 Fahrer starken Blöcken fahren, zwischen diesen Blöcken fuhren zwei Motorräder und hielten ausreichend Abstand, sodass die Gefahr eines Massensturzes verringert wurde.

Trotzdem kam es regelmäßig zu nicht nachvollziehbaren Bremsmanövern bei den vorderen Fahrern, die sich wie eine Welle nach hinten fortsetzten. So etwas war in solchen Pulks nicht unnormal und nur schwer zu vermeiden, animierte einige Fahrer aber zum lautstarken Fluchen. Auch ich schloss mich diesem Geschrei an. Die sollen das Rennen endlich frei geben, forderte ich. Dann wieder zeterte ich herum, dass die endlich mal Gas geben sollten da vorne, und dass wir hier ja wohl nicht bei einer Landfrauenausfahrt wären und ob das alles Anfänger seien. Ich tat das für Gerd. Mir war nämlich aufgegangen, dass es ein großer Fehler gewesen war, ihm meine Schwäche zu offenbaren. Sicherlich, er hatte mich wieder aufgebaut, aber nun würde er die Chance nutzen, mich möglichst frühzeitig unter Druck zu setzen.

»So, kommt Leute, nun legt mal los da vorne!«, forderte ich gekünstelt leistungsbereit und konzentrierte mich auf einen betont runden Tritt. Jeder weitere Kilometer in diesem Tempo würde mir gut tun.

»Gas, Gas, Gas!«, zischte ich und achtete darauf, wie sich meine Muskeln bei einer 100er-Trittfrequenz und einem Puls von 132 lockerten. Nach einer weiteren scheinbar unbegründeten Bremswelle in unserem Pulk schaffte Gerd es dann, sich einige Meter nach vorn abzusetzen. Ich geriet in leichte Panik, weil ich ihn zwischenzeitlich nicht mehr sehen konnte. Dicht an dicht fuhren die Fahrer auf der für alle anderen Fahrzeuge gesperrten Strecke und versperrten mir die Sicht. Außerdem schien es schon überfällig zu sein, dass sie das Rennen vorne frei gaben und das Tempo schlagartig ansteigen würde. Ein Abstand von nur 15 Metern konnte bedeuten, dass er mit einer schnelleren Gruppe mitfahren und mich gleich zu Beginn abschütteln könnte. Löcher zufahren würde ich mit meinen krampfanfälligen Beinen kaum können, und so versuchte ich noch im dichten Gedränge zu ihm vorzukommen.

Für eine kurze Zeit bekam ich ihn wieder zu sehen. Seine nervöse Fahrweise zeigte mir, dass er bemüht war, noch mehr Fahrer zwischen uns zu lassen. Sein Kopf wanderte blitzschnell von links nach rechts, dann wieder nach links, um anschließend rechts nach einer Lücke zu suchen. Ich fuhr an den äußersten linken Fahrbahnrand und kam an zwei Teilnehmern vorbei, dann war wieder alles zu und ich verlor Gerd erneut aus den Augen. Als ich ihn wieder zu Gesicht bekam, war er bereits weitere zehn Meter nach vorn gekommen.

Irgendwie schienen sich die Reihen etwas gelichtet zu haben, und dann erkannte ich, dass das Rennen bereits frei gegeben war. Ständig fuhren stärkere Fahrer nach vorne heraus, zogen das Feld in die Länge und sorgten damit dafür, dass immer mehr Luft zwischen die Räder kam. Ich nutzte eine Lücke und kam einige Plätze weiter nach vorn. Beim nächsten Versuch musste ich jedoch erkennen, dass mir ruckartige Antritte die Muskeln zuzogen. Bei gleichmäßigen Bewegungen konnte ich schon Kraft auf die Pedale bringen, aber mal kurz aus dem Sattel zu gehen und sechs sieben Umdrehungen durchzuziehen, das ging nicht.

Gerd war wieder in der Masse verschwunden. Er würde mit Sicherheit Lücke für Lücke nutzen und nach vorn springen, und solange mir das Feld kein gleichmäßiges Tempo gestattete, hatte er die besseren Karten. Das Glück wandte sich mir in Form eines Begleitmotorrades zu. Es bahnte sich von hinten kommend mit ständigem Hupen einen Weg an der äußersten linken Straßenseite durch das noch immer dichte Feld. Ich ließ es vorbei, klemmte mich sofort an sein Hinterrad und gab diesen Platz nicht mehr auf, bis ich Gerd erreicht hatte. Der beendete seine hektische Fahrweise und mimte wieder den Gelassenen, der einfach nur in Ischgl ankommen wolle.

Alles wurde jetzt flüssiger, das Tempo etwas höher, aber sehr gleichmäßig. Meine Muskeln ließen auch einen 150er-Puls bei rundem Pedalieren zu. Ich schöpfte Zuversicht und war gespannt auf den ersten zu überquerenden Pass, das 1894 m hohe Hahntennjoch. Es ließ zwar noch ein wenig auf sich warten, war dann aber urplötzlich da.

Wir bogen nach links von der Straße ab, auf der wir so lange unterwegs gewesen waren und schon schien das Feld zu stehen. Es ging sofort in eine anspruchsvolle Steigung hinein. Vorbei die Zeiten des Einrollens, vorbei das Fahren wie wir es im Norden gewohnt waren, nun hieß es gnadenlos herunterschalten und die Trittfrequenz bei 70 Umdrehungen halten. Ich kam gut klar mit dem Wechsel und schob mich an einigen Fahrern vorbei. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, dass Gerd wie erhofft nicht so schnell vorankam. Vielleicht brauchte er wie gesagt nur ein oder zwei Minuten länger, um in Fahrt zu kommen, aber ich klammerte mich an die Hoffnung, dass er während des ganzen Anstiegs Zeit verlieren würde. Und wenn er auch nur kurz zurückfallen würde, so hatte er danach doch doppelt damit zu tun, mich wieder einzuholen, und das würde an seinen Kräften zehren.

Einige Minuten lang ging es wieder sehr eng zu, dann hatte sich das Feld in die Länge gezogen und man konnte unbehindert sein Tempo fahren. Ich nahm an, dass Gerd mich noch sehen und alles geben würde, um an mir dran zu bleiben. Es wäre jedoch ein großer taktischer Fehler, sich in einer solchen Situation umzudrehen. Umdrehen bedeutete, dass man seinerseits alles gab, um den Kontrahenten abzuhängen, und dass einem langsam die Luft ausging und man sich vergewissern wollte, ob man es bereits geschafft hätte. Umdrehen würde Gerd neue Kräfte verleihen. Außerdem würde man in dem Moment, in dem man dem abzuhängenden Gegenspieler noch einmal in die Augen sah, ja ganz klar machen, dass man wusste, dass er zurückfiel, und dass man nicht daran dachte, auf ihn zu warten.

Also hielt ich meinen Kopf starr nach vorn gerichtet, hielt ein Auge auf die Pulsuhr und konzentrierte mich auf einen gleichförmigen kraftvollen Tritt. Beim Fahren bergauf war ganz besonders die Kraftausdauer gefragt. Die allermeisten Profis fuhren hier deutlich niedrigere Trittfrequenzen als in der Ebene. Und auch ich stellte schnell fest, dass ich selbst im ersten Gang gar keine 100er-Frequenz hätte fahren können. Aber ich war auf das untertourige Fahren vorbereitet.

Wir im äußersten Norden haben nämlich unseren eigenen Berg. Den Wind. Er ist fast immer da. Ein äußerst zermürbender Gegner, aber wenn man sich erst einmal mit ihm abgefunden hatte, dann konnte er ein guter Trainingspartner sein. Regelmäßig war ich bis zu zwei Stunden lang mit 53/12 oder sogar 53/11 gegen den Wind angefahren. Das war meine Simulation der Berge. Ich wusste, dass ich das mit Puls 160 und auch leicht darüber problemlos durchhalten konnte. Vorausgesetzt meine Krampfneigung würde mich nicht ausbremsen.