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Sie ist eine von Vielen: Emmy. Mit zunehmendem Alter verliert sie Sprache und Ausdruck. Nur die Lieder, die sie zeitlebens gesungen hat, bleiben noch lange erhalten, bis auch sie sich verflüchtigen. Die Lieder sind es aber auch, durch die ihre Therapeutin Zugang zu Emmys Innenleben findet. – Eine kleine Geschichte aus dem Alltag, die verstummende Sprache im O-Ton und die immer wieder ohne jeglichen Zusammenhang aufleuchtenden Liedtexte machen dieses Buch zu einem beeindruckenden Dokument von Wandlung, Zuversicht und Menschlichkeit. “There’s a swallow. Winging swiftly through the sky.”
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Juan Fidelder den Mut hat, in diese schwierige Zeit hinein geboren zu werden
Alma Wichmann-Erlen
Flieg, Emmy, flieg!
Kauderwelsch und Geistesgegenwarteiner demenzerkrankten großen Seele
(Schlanke Reihe, Band 4)
ISBN E-Book 978-3-95779-170-2
ISBN gedruckte Version ISBN 978-3-95779-169-6
Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2022 der gedruckten Ausgabe zugrunde.
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage 2022
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll und Heisterkamp KG,Frankfurt am Main
Lektorat: Ramon Brüll, Frankfurt am Main
Satz: Ulrich Schmid, de·te·pe, Aalen
Cover: Frank Schubert, Frankfurt am Main
There’s a swallow. Winging swiftly through the sky
Sie ist eine von Vielen: Emmy. Mit zunehmendem Alter verliert sie Sprache und Ausdruck. Nur die Lieder, die sie zeitlebens gesungen hat, bleiben noch lange erhalten, bis auch sie sich verflüchtigen. Die Lieder sind es aber auch, durch die ihre Therapeutin Zugang zu Emmys Innenleben findet. – Eine kleine Geschichte aus dem Alltag, die verstummende Sprache im O-Ton und die immer wieder ohne jeglichen Zusammenhang aufleuchtenden Liedtexte machen dieses Buch zu einem beeindruckenden Dokument von Wandlung, Zuversicht und Menschlichkeit.
Die Autorin mit „Herrn Yason“
Alma Wichmann-Erlen, geb. 1954, ist Sozialtherapeutin und Kunsttherapeutin im Fachbereich Musik. Seit ihrem 20. Lebensjahr ist sie mit der Anthroposophie verbunden. Sie war in freier Praxis musiktherapeutisch tätig und lebt in der Nähe von Neuruppin.
Vorwort
Warum dieses Bändchen?
„Für Demente verboten!“
Der Lebenslauf
Musiktherapie
Ein ganz besonderes Lied
Emmys bruchstückhafte Äußerungen
Flieg, Emmy, flieg! – 1
Flieg, Emmy, flieg! – 2
Flieg, Emmy, flieg! – 3
Flieg, Emmy, flieg! – 4
Flieg, Emmy, flieg! – 5
Flieg, Emmy, flieg! – 6
Flieg, Emmy, flieg! – 7
Mein Dank
Nachwort
Anhang: Emmys Liedtexte
Es muss ja in allem ein gewisser Geist sein,ein Blick, der gleichsam als eine Seeledas Ganze leitet
Christoph Lichtenberg
aus: Aphorismen 1902–1908
Dies ist ein ganz persönliches Buch. Während ich es schreibe, stricke ich an einem Strampelsack für meinen Enkel, der, hungrig nach dem Leben auf dieser Erde, sich auf den Weg gemacht hat, geboren zu werden. Ich freue mich sehr, dass er nun zu uns gekommen ist und ich finde es ausgesprochen mutig. Was wird dieser kleine Kerl, denn ein Kerl ist er, das sieht man schon zwei Tage nach seiner Geburt, was wird dieser kleine Mensch für positive Kräfte in die Welt zu tragen haben? Welch riesengroßen Sack voller Liebe muss er mitgebracht haben? Ich wünsche ihm Klarheit, Licht und Wärme.
Zeitgleich denke ich an all die vielen Kinder, die mit ihren Aufmerksamkeitsschwierigkeiten in diese Welt hinein geboren werden. Mich rufen sie alle auf: Wandele Dich, damit wir verstanden werden können mit all unseren Anliegen, mit all den Aufgaben, die uns hier auf der Erde erwarten. Wandlung muss geschehen in der Welt, in der Gesellschaft, damit diese Kinder in Frieden leben können. Nicht die Kinder sind es, die sich ändern müssen, die angepasst werden müssen an unsere Strukturen. Nein, wir selbst sind es, die sich verändern müssen.
Dringend notwendig ist das. Und die Veränderung kann nicht darin bestehen, dass wir den Staat, wer ist das denn?, verantwortlich machen für unsere Gesundheit. Sie kann auch nicht darin bestehen, dass wir uns den Mund verbieten lassen. Sie kann nur darin bestehen, dass wir Verantwortung übernehmen für uns und für die Menschen, die in unserem Umfeld leben, wie für die Natur und auch die Kunst. Und vieles mehr.
Heilsam ist nur, wennim Spiegel der Menschenseelesich bildet die ganze Gemeinschaft,und in der Gemeinschaft lebetder Einzelseele Kraft.(Rudolf Steiner, Motto der Sozialethik)
Genauso verhält es sich mit Emmy. Sie ist alt geworden, hat alles vergessen, was ihr nicht mehr wichtig ist: Dinge, Orte, Menschen, Sprechen, Hören und vieles mehr. Ist das nicht eigentlich ein schöner Weg, sich ganz allmählich aus diesem Erdenleben zu verabschieden? Nur wir, die Gesellschaft, wir sind darauf nicht eingerichtet. Es ist mühsam, diese vergesslichen Alten auszuhalten, dann müssen sie meist auch noch gepflegt werden, dann sind sie laut, dann machen sie die Nacht zum Tag. Oder sie erkennen ihre liebsten Menschen nicht mehr, die eigenen Kinder oder den Partner. Sicher, das ist schwer für alle Angehörigen. Aber es sind doch wir, die einen anderen, einen neuen Umgang lernen müssen mit diesen Menschen, damit sie in unserer Mitte bleiben können, bis sie diese Erde verlassen wollen. Und damit sie nicht ausgesperrt werden von der Welt.
Emmy und ich haben eine Möglichkeit des Gemeinsamen Gespräches gefunden, auch als ihre Sprache verlorenging. Wir haben beide das Singen in unseren Herzen. Und dieses Band verliert sich nicht. In all den Stunden, in denen ich mit Emmy zusammen sein konnte, sind wir wirkliche Freundinnen geworden. Deswegen will ich es heute wagen, sie persönlich zu Wort kommen zu lassen. Und ich hoffe auf ein liebevolles Verstehen derjenigen, die dieses Büchlein zur Hand nehmen. Mit Geistes Gegenwart ist alles möglich.
Nur wer den Menschen liebt,wird ihn verstehen.Wer ihn verachtet,ihn nicht einmal sehen.
Christian Morgenstern
aus: Epigramme und Sprüche, 1920
Ja, es gibt bereits eine Menge guter Bücher zur Demenz. Das sind wissenschaftliche Bücher, das sind künstlerische Bücher, das sind Lebensbeschreibungen und sogar Romane. Warum nun noch ein Bändchen zu diesem lange vergessenen und nun immer aktueller werdenden Thema?
Immer wieder einmal verirrten sich demente Menschen mit ihren Angehörigen in meine musiktherapeutische Praxis. Dadurch bekam ich die Möglichkeit, diese Erkrankung intensiv mitzuerleben.
Als Emmy zu mir kam, war das ein ganz besonderes Erlebnis: Sie war damals 81 Jahre alt und sie hatte ihr ganzes Leben lang gesungen, bis auf eine Zeit, in der das Schicksal ihr so sehr zugesetzt hatte, dass das Singen verstummte.
Von klein auf hatte sie gesungen, aus reiner Freude am Singen, aber auch gegen die Schrecken der Welt, die sie durchleben musste.
Anhand unserer gemeinsam gesungenen Lieder in der Therapie und auch durch die Gespräche, die sich da herum rankten, durfte ich deutlich miterleben, wie Emmy begann zu vergessen, wie ihre Worte sich wandelten, wie sie nach und nach ihren Sinn, ihren Inhalt verloren. Eine Zeit lang versuchte Emmy, Ersatzworte zu finden oder selber zu bilden, dann sprach sie mutig weiter und verband lauter leere Worthülsen miteinander. Sie klammerte sich an den Refrain eines Liedes und sang ihn statt des Liedes mehrere Male hintereinander. Und dann blieben nur noch einzelne Wortfetzen übrig, es entwickelten sich daraus Stereotypen, die immer lauter wurden und die niemand aushalten mochte: „There’s a swallow through the sky“ Bis zuletzt auch sie verschwanden und Emmy vollends verstummte.
Die tiefe Freude am Singen wich einem dunklen Schweigen. Und nur hin und wieder erinnerte ein stilles Lächeln in ihrem zarten Gesicht daran, wie gerne sie gesungen hat, wenn es wie ein leiser Wind darüber hin zog.
Ob sie vielleicht eine Schwalbe gesehen hat, die frei über den weiten Himmel flog?
In der liebevollen Hinwendung konnte ich erfahren, wie ihre Sprache sich völlig der Zensur entzog, die normalerweise unser Denken übernimmt. Es entstanden Satzgebilde oder auch nur einzelne Wortgebilde, die den Gesetzen der Logik und des Denkens nicht länger folgen wollten. Wenn man aber genau hinhört, so ergibt sich doch wieder ein Sinn. Es ist das ein ganz neuer Sinn, der sich nirgendwo einordnen lässt. Und der mich nachdenklich stimmt in Bezug auf das gegenseitige Verstehen der Menschen untereinander überhaupt. Was ist Geistesgegenwart? Kann ich nur verstehen, was ich auch selber denken kann? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, so etwas wie ahnendes Verstehen?
