Fluchtpunkt Rio de la Plata - Bernd Wulffen - E-Book

Fluchtpunkt Rio de la Plata E-Book

Bernd Wulffen

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Beschreibung

Schon seit 1931 waren die Nationalsozialisten in Argentinien aktiv. Ihre Aufmärsche und Siegesfeiern wurden nach 1933 Legion. Auch betrieben sie, ähnlich wie im Deutschen Reich, die "Gleichschaltung" der deutschen Schulen und Vereine. Die nationalkonservative argentinische Regierung tolerierte diese Machenschaften. Unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen flüchteten nach 1933 mehr als 40.000 deutsche Juden an den Rio de la Plata. Trotz vieler Probleme fanden sie Aufnahme in einer Gesellschaft, welche auch liberale Traditionen pflegte und deutschen Juden weitgehend ein Umfeld anbot, in dem sie sich entfalten konnten. Allerdings hatten viele der jüdischen Einwanderer mit einer fremden Mentalität, Sprache und Kultur zu kämpfen. Viele von ihnen, vor allem Akademiker, konnten nicht in ihren Berufen arbeiten. Für sie begann ein neues, oft hartes Leben, teilweise auf dem Land, das ihnen als Stadtmenschen fremd war. Jüdische Hilfsvereine, aber auch Argentinier, die ihnen Verständnis entgegenbrachten, unterstützen sie finanziell und moralisch und ermöglichten ihnen den Neuanfang. In der kulturellen Metropole Buenos Aires fanden die meist kulturell aufgeschlossenen deutschen Juden eine neue Heimstatt, sei es in der Musik, den bildenden Künsten oder dem Theater. In der 1934 gegründeten Pestalozzi-Schule, die sich der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten entzog und in der liberale deutsche Lehrer unterrichteten, erhielten ihre Kinder eine offene, freie Erziehung. Ab 1938 war es deutschen Juden nach Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen nur noch in Ausnahmefällen möglich, nach Argentinien auszuwandern. Dennoch kamen noch Tausende, teilweise über Drittländer, an den Rio de la Plata. Argentinien, auch unter dem Diktator Perón, wollte keine Einwanderer mehr, welche durch ihre Religion und Kultur nicht in das weitgehend von katholischen Südeuropäern geprägte Land passten. So kam die jüdische Einwanderung allmählich zum Erliegen.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dora, Karin, Christian, Bernhard, Laurin, Karla und Amelia gewidmet

Fluchtpunkt Rio de la Plata

Deutsch-Jüdische Emigranten in Argentinien

Argentina

solar de hermanos

diste por tus virtuales leyes

lugar a todos los humanos

(Rubén Darío)

Argentinien

Heimstatt der Brüder

Gabst durch virtuelle Gesetze

Platz für alle Menschen

Inhalt

Einleitung

Vorwort

Abschnitt

Auch Juden erreicht der Ruf: Wandert ein

Die ersten jüdischen Flüchtlinge in Argentinien

Die „tragische Woche", erste Pogrome in Argentinien

Abschnitt

Deutsche Juden flüchten nach Argentinien

Zur Einführung: Argentinien in den dreißiger Jahren

Erste jüdische Fluchtwelle aus Deutschland

Die Rolle jüdischer Hilfsvereine

Abschnitt

Fluchtwellen ab 1935

Abschnitt

Die beiden deutschen „Dörfer" in Argentinien

Die Gründung der Pestalozzischule

Skandal um ein jüdisches Theaterstück

Der Theatermann Walter Jacob in Buenos Aires

Balder Olden in Argentinien

Gespräch mit Juan Alemann

Abschnitt

Die argentinische Regierung und die jüdische Einwanderungnach 1933

Abschnitt

Perón und die jüdische Einwanderung aus Deutschland

Der Aufstieg Juan Domingo Peróns

Perón und die jüdische Emigration nach Arg. und Israel

Abschnitt

Die deutsch

-

jüdische Einwanderung nach dem Sturz von Perón

Deutsche Juden als Opfer der Militärdiktatur (1976 bis 1982)

Auswanderung von deutschen Juden von Argentinien nach Israel

Rückkehrer nach Deutschland

Personenregister

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

10. April 1938. Der „Luna Park", die größte Sporthalle in Buenos Aires, in der auch Boxkämpfe und andere Großevents stattfinden, ist Schauplatz einer spektakulären Veranstaltung: 10.000 Nationalsozialisten und ihre Anhänger feiern den „Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Die Halle ist mit zahllosen Hakenkreuzfahnen geschmückt, auch an ihrer Außenfassade. Überall braune Uniformen mit der Hakenkreuzbinde, alle Hände strecken sich zum „Hitler-Gruß" nach oben, als die deutsche Nationalhymne ertönt und anschließend das „Horst Wessel-Lied". Fahnen über Fahnen und in der Mitte der Halle, auf ihrer Stirnseite ein riesiges als Relief gestaltetes Hakenkreuz in einem zahnradähnlichen Kranz. Eine Stimmung wie auf einem Parteitag der NSDAP, und dies mitten in Buenos Aires.

Nazi-Feier im Luna-Park in Buenos Aires 1938

Vor der Halle gibt es laute Proteste. Viele Argentinier sind von dem frechen Aufmarsch der deutschen Nationalsozialisten angewidert. Hakenkreuzfahnen werden niedergerissen, einige sogar verbrannt. Es kommt zu tumultartigen Szenen, bei denen zwei Menschen zu Tode kommen. Als die Polizei schließlich einschreitet, kann sie Schlimmeres gerade noch verhindern. Aber dieser Tag hat sich den „Porteños"1, wie die Bewohner der Hafen-Hauptstadt Argentiniens genannt werden, in die Seele eingebrannt. Immer lauter werden die Forderungen, auch in der Presse, dem Treiben der Nazis in Argentinien ein Ende zu machen. Bisher hatte die argentinische Regierung die Aktivitäten der Nationalsozialisten und ihre Feiern wohlwollend begleitet und ihre Aufmärsche und Kundgebungen toleriert.

1930 hatte es in Argentinien den ersten Militärputsch gegeben, der faschistisch geprägt war und sein Vorbild in Mussolini und der spanischen Falange-Bewegung sah. Die Nationalsozialisten, die 1933 an die Macht gekommen waren, nutzten dies aus und versuchten auf verschiedene Weise Einfluss auf die argentinische Gesellschaft, vor allem auf die zahlreichen eingewanderten Deutschen, auf ihre Vereine und Schulen zu gewinnen. Oft trat der deutsche Gesandte in SS-Uniform auf. Aber die Nationalsozialisten überspannten den Bogen.

Im März 1939 kommt es zum Skandal. Zeitungen veröffentlichen einen angeblichen Brief der Deutschen Botschaft in Buenos Aires an das Kolonialpolitische Amt der NSDAP in Berlin. Darin wurde Patagonien als Niemandsland klassifiziert. „Weder die gegenwärtige noch zukünftige Regierungen Argentiniens werden fähig noch willens sein, der ihnen obliegenden Verpflichtung (zur Besiedlung) nachzukommen." In der argentinischen Presse wurde daraus die Schlussfolgerung gezogen, Deutschland wolle Patagonien annektieren. Diese sog. „Patagonien-Affäre" - der Brief entpuppte sich später als eine Fälschung - erhitzte die Gemüter am Rio de la Plata. Von nun an kamen die Nazis in Argentinien unter Beobachtung. Bereits Ende Januar 1939 war der stellvertretende Landesgruppenleiter der NSDAP in Argentinien, Alfred Müller, verhaftet worden. Immer mehr gerieten jetzt die Nazis in die Defensive.

Was im Deutschen Reich unmöglich erschien, war in Argentinien Realität: Eine handfeste, wirkmächtige Opposition gegen den Nationalsozialismus. Sie wurde unterstützt durch große Zeitungen wie „La Prensa" und „la Nación" und vor allem durch das „Argentinische Tageblatt", das eine liberale Linie vertrat. Es war 1878 von dem Schweizer Einwanderer Johann Alemann als „Argentinisches Wochenblatt" gegründet worden und führte seit 1889 die neue Bezeichnung. In ihm erschien der Nationalsozialismus als Verbrecherkartell, seine Führer wurden als „Mörder" und „Brandstifter" dargestellt, mit den entsprechenden Karikaturen. „La Prensa" berichtete von den Konzentrationslagern und dem brutalen und menschenverachtenden Umgang mit seinen Insassen. Der sozialistische Abgeordnete im argentinischen Kongress, dem Parlament, Enrique Dickmann, verurteilte öffentlich die Verbrechen der Nazis und forderte ihre Bestrafung. „Das Andere Deutschland", eine Bewegung, die vom politischen Exil ins Leben gerufen war, brandmarkte ständig die Verbrechen in Deutschland, die untätige Justiz und die mit den Nazis im Bunde stehende Polizei.

In eine derart aufgeheizte Atmosphäre wanderten zehntausende deutscher Juden nach Argentinien ein, erhielten Hilfe von ihren Vereinen und wurden gerade auch von der Opposition gegen den Nationalsozialismus willkommen geheißen. Ernesto Alemann, der Herausgeber des „Argentinischen Tageblatts" verteidigte diese Einwanderung gegen Kritik2. Die deutschen Juden seien vielfach gebildeter und für das Land wertvoller als Tagelöhner aus Südeuropa, die obendrein oft einen kriminellen Hintergrund hätten. Trotz dieser Wohlwollenserklärungen hatten es deutschjüdische Emigranten in Argentinien meist schwer. Vor allem Akademiker. Als Juristen oder Ärzte konnten sie ihren Beruf nicht ausüben, mussten oft ein ganzes Studium in spanischer Sprache nachholen, obwohl sie es in der alten Heimat in ihrem akademischen Beruf zu Erfolg und Ansehen gebracht hatten.

Auch sonst erschien vielen Auswanderungswilligen Argentinien als ein Land, das keinesfalls an erster Stelle für die Auswanderung in Frage kam. Vor ihm rangierten andere europäische Länder wie die Schweiz, Frankreich oder England, dann die USA, aber auch das damals von Großbritannien als Mandatsmacht verwaltete Palästina. In Südamerika waren Uruguay oder Chile als Zielländer für deutsche jüdische Auwanderungsbewerber beliebter als Argentinien. Erst als der immer drohendere Krieg allmählich zu einer Realität zu werden begann, erschienen überseeische Länder für deutsche Juden attraktiver. Südamerika zählte zunächst weniger dazu. Einige seiner Länder hatten keinen guten Ruf. Nach der vox populi, übrigens schon vor 1933, gingen gewöhnliche Verbrecher in die USA, und Schwerverbrecher gingen nach Südamerika.

Viele deutsche Juden gelangten nach Argentinien, nachdem sie vorher in ein anderes Land ausgewandert waren, z.B. nach Bolivien, Paraguay oder Uruguay. 3 Für einige dieser „Spätauswanderer" war entscheidend, dass sie Verwandte in dem Land am Rio de la Plata hatten. Nach 1938 war meist eine Einladung („llamada") für die Einreise nach Argentinien Voraussetzung. Ich werde mich in einem späteren Zusammenhang ausführlich hiermit befassen.

Da Argentinien Landwirte und Landarbeiter brauchte, kamen deutsche Akademiker oft nur ins Land, wenn sie bereit waren, in einer der großen Agrarprovinzen zu schuften. Viele hausten in Wellblechhütten ohne elektrisches Licht und ohne fließendes Wasser. Akademikerinnen übten sich im Kuhmelken oder Reinigen der Ställe. Aber sie waren froh. Sie hatten überlebt, während ihre Verwandten und Freunde, die in Deutschland geblieben waren, von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet worden waren. Einige, vor allem jüdische Menschen, die ein Handwerk gelernt hatten, konnten in den Städten leben, gelangten wegen ihrer Tüchtigkeit schnell zu bescheidenem Wohlstand.

Wohl 40.000 deutsche Juden retteten sich zwischen 1933 und 1943 nach Argentinien. Sie säten Weizen und ernteten Doktoren. Denn in der zweiten Generation erreichten viele der Ausgewanderten, ähnlich wie schon vorher in Deutschland, einen hohen Bildungsgrad, wurden Akademiker und Argentinier. Deutschland lag weit hinter ihnen.

***

Zwei Themen stehen heute ganz im Vordergrund des Geschehens in Europa. Es ist der wiederaufkeimende Rechtsextremismus und Faschismus, die in zahlreichen Staaten, in Frankreich, Österreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland, zuletzt auch in Brasilien mit der Wahl des rechtsextremen Jair Bolsonaro, die Gemüter bewegen. Daneben ist die Migration mit bisher kaum gekannten Flüchtlingsströmen zu einem beherrschenden Thema in der politischen Debatte vieler Länder geworden. Gegenwärtig sperren sich die Regierungen von Italien, Ungarn, Polen, der Slowakei und andere gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Ein „déjà vu", wenn man an vergangene Zeiten denkt, in denen Staaten den vom Tode bedrohten deutschen und anderen mittel- und osteuropäischen Juden die Aufnahme verweigerten. Es gab aber auch Länder, die – zumindest zeitweise – ihre Grenzen für die jüdische Einwanderung offenhielten.

In der aktuellen Diskussion um die Migrationsfrage schien es mir geboten, einen Blick auf ein fernes Land zu werfen, das im vergangenen Jahrhundert viele Tausende deutscher Flüchtlinge aufgenommen hat, darunter etwa 40.000 deutsche Juden. Nach Argentinien kamen nach 1933 aber auch politisch Verfolgte, die oft in ihrer Heimat mit dem Tode bedroht worden und dem Terrorregime der Nationalsozialisten entkommen waren. Viele waren zunächst in das benachbarte Ausland gegangen, aber, als sie auch dort nicht mehr sicher waren, weiter geflüchtet, darunter viele nach Südamerika, vor allem nach Argentinien.

Sicher, Argentinien war ein Einwanderungsland. Nach 1900 kamen in das boomende Pampaland hunderttausende Südeuropäer, vor allem Italiener und Spanier. Italiener und ihre Abkömmlinge sind heute immer noch in vieler Beziehung tonangebend in Argentinien. Als ich 1970 nach Argentinien kam, zählte das italienische Generalkonsulat in Buenos Aires allein in der Provinz Buenos Aires über eine Million italienische Passinhaber. Das Spanische der Argentinier, ihre Essgewohnheiten, ihre Mentalität sind stark italienisch geprägt. Die Argentinier sind weit überwiegend katholischen Glaubens. Daher war der Widerstand gegen Einwanderung von Mitteleuropäern mit ganz anderen Gewohnheiten und anderer, nichtchristlicher Religionszugehörigkeit beachtlich.

Dass dennoch so viele deutsche Juden einwandern konnten, ist letztlich der Großzügigkeit der „Criollos", der angestammten Argentinier, zu verdanken. Das Denken der Gründungsväter des La Plata-Landes war durch die französische Revolution geprägt, durch „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit". Viele von ihnen erkannten, dass sie Menschen in Not, die teilweise über eine hohe Bildung verfügten, helfen mussten.

Ich habe in diesem Band den Versuch unternommen, Schicksale vieler nach Argentinien ausgewanderter deutscher Juden nachzuzeichnen, dabei aber nicht die Schwierigkeiten ausgespart, die sich ihnen nach der Ankunft in Südamerika entgegenstellten. So flüchtet ein vierzehnjähriger jüdischer deutscher Junge, der vorübergehend in Schweden Aufnahme gefunden hatte, 1939 über die UdSSR, Japan und Mexiko nach Bolivien. Dort trifft er seine Mutter, die noch in letzter Minute ein Visum für das Andenland bekommen hatte. Später flüchten sie nach Buenos Aires weiter. Ein deutscher, jüdischer Jurist, der 1936 die Flucht nach Argentinien ergriff, nimmt harte Arbeit auf dem Land in Kauf, um zu überleben. Eine deutsche, jüdische Zahnärztin beginnt nach ihrer Flucht illegal mit einer Zahnarztpraxis in Buenos Aires und wird von ihren zahlreichen Patienten geschützt. Eine jüdische Schneiderin hat es einfacher. Sie kann bald nach ihrer Flucht ihre Arbeit wiederaufnehmen und kommt rasch zu zahlreichen Aufträgen und auch zu Wohlstand.

Die Rede ist von Menschen, die in Deutschland alles aufgegeben und sich auf eine Flucht in die Ungewissheit begeben hatten. Sie alle eint die Freude, nicht den Häschern eines mörderischen Regimes anheimgefallen zu sein und überlebt zu haben.

Das reiche Argentinien bot ihnen ein zu Hause, eine zweite Heimat. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts war dies nicht selbstverständlich. Viele Staaten lehnten es ab, jüdische Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Wir sehen Parallelen zur heutigen Zeit. Auch in Argentinien gab es Leute, welche die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland ablehnten, weil sie nicht in das von der katholischen Religion und von südeuropäischen Einwanderern geprägte Land zu passen schienen.

Für viele der geflüchteten Juden bedeutete das Leben in Argentinien einen steilen Abstieg, vor allem für deutsche Akademiker. Aber sie haben gezeigt, dass sie in der Lage waren, diesen Herausforderungen die Stirn zu bieten und sich zu behaupten. Es war mir wichtig, dabei auch immer wieder die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen hervorzuheben, unter denen die deutschen Auswanderer standen.

Ich würde mir wünschen, hiermit einen Beitrag zur Festigung der deutschargentinischen Freundschaft leisten zu können. Als ich im November 1970 zum ersten Male nach Argentinien kam, wurde ich freundlich aufgenommen. Es war für mich nicht schwer, Freunde zu gewinnen. Buenos Aires, wo ich als Konsul und Kulturattaché arbeitete, war eine faszinierende Stadt. Ich empfand sie so, wie sie offenbar auch die meisten der deutschen Flüchtlinge sahen: Ein Hort lebendigen, vielgestaltigen kulturellen Schaffens und Lebens, eine bunte Metropole, die in ihrer mehr als 500-jährigen Geschichte ihren Reichtum aus Handel, Zöllen und -auch das war Realität - Schmuggel bezogen hatte.

Die nachfolgenden Ausführungen stellen meine Privatmeinung dar.

Für die Unterstützung während meiner Recherchen in Argentinien danke ich dem argentinischen Aussenministerium, insbesondere Frau Marcela Bubien und Frau Laura Assali, sowie Karl Ostenrieder herzlich. Mein Sohn Christian, Magister in Lateinamerikanistik und Italianistik, hat das Manuskript lektoriert.

San Miguel de Tucumán/Argentinien, im Dezember 2018

1 Puerto, Hafen

2 Schwarcz, Trotz allem...99

3 Schwarcz aaO, 101

Vorwort

Trotz aller großartigen Erfindungen, rasanter Fortschritte auf verschiedenen Gebieten, herausragender Persönlichkeiten und „Wunder", werden die Schattenseiten des vergangenen Jahrhunderts schwer auf ihm lasten. Kriege, Holocaust, Vertreibungen, menschliche Katastrophen im Übermaß, Versagen der Zivilgesellschaft. Noch lange wird das Gebell der Diktatoren in die Mikrophone, dieser Kettenhunde Satans, auf uns nachwirken. Aus der Perspektive einer „golden generation", die ihr großes Glück im Frieden zu leben, kaum verkraftet, ist dies alles unverständlich. Wir sind ratlos. Wie konnte dies geschehen? Wie konnte sie tatenlos zusehen, die Generation unserer Eltern und Großeltern?

Die große Katastrophe kam nicht von ungefähr. Sie kündigte sich an, scheibchenweise. Dies wird am Schicksal der nach 1933 aus Deutschland auswandernden Juden deutlich. Einige von ihnen wollen wir unter die Lupe nehmen, an ihrem Beispiel das Fürchterliche der Emigration, der Entwurzelung, die Not und Ungewissheit in der neuen „Heimat" Argentinien darstellen. Wir wollen auf das rettende Ufer, aber auch auf die Sprachlosigkeit und das Unverständnis gegenüber einer Umwelt hinweisen, die oft mehr der Infamie und der Skrupellosigkeit als den überkommenen Wertvorstellungen zuneigte.

Wie froh waren die deutschen Flüchtlinge jüdischen Glaubens, dass sie dem Tod entronnen waren, besonders nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs und der Unmöglichkeit, Deutschland zu verlassen. Bei aller Kritik am Gastgeber Argentinien dürfen wir nicht vergessen, dass er etwa 40.000 deutschen Juden nach 1933 die Türen öffnete. Es wurde das lateinamerikanische Land mit den meisten jüdischen Emigranten. Der Hang vieler Argentinier, Gesetze nicht zu befolgen oder großzügig darüber hinwegzugehen, durchlöcherte die den Juden gegenüber ausgesprochene Einwanderungssperre. An der Grenze und anderswo drückte man gelegentlich ein Auge zu. Sogar die Staatsspitze ließ trotz der Bevorzugung katholischer Einwanderer aus Südeuropa ab und zu Juden, die sich in großer Not befanden, in ihr gesegnetes Land einreisen.

***

Als ich im November 1970 zum ersten Mal nach Buenos Aires kam, wurde mir schnell klar, dass sie eine Stadt der Einwanderer war. Die beiden dicken Telefonbücher der über fünf Millionen Einwohner zählenden Stadt –mit ihrem Umland sind es 12 Millionen –klärten mich schnell darüber auf. In ihnen geben italienische und spanische Namen den Ton an. Aber gelegentlich sind darunter auch deutsche, französische oder englische Namen, auch russische, polnische oder tschechische. Im „Schmelztigel" Buenos Aires sind fast alle Nationen vertreten.

Die deutsche Botschaft und das Konsulat waren damals in einem Hochhaus in der zentralen Calle Maipú untergebracht, im 20. 21. und 22. Stockwerk. Vor allem alte Menschen hatten manchmal Angst vor den Aufzügen und der Höhe, in die man sie befördern würde. Meine Mitarbeiter im Konsulat fuhren oft ins Erdgeschoss hinunter, meist mit Stempel und Fomularen ausgerüstet, um auf dem Empfangstresen einer freundlichen Textilfirma einen Wiedergutmachungsantrag oder eine Lebensbescheinigung entgegenzunehmen oder auszustellen.

Unter den Besuchern befanden sich oft auch in Deutschland geborene Juden oder ihre Abkömmlinge. Einige von ihnen kamen nur ungern in die deutsche Botschaft. Sie wollten an das Schicksal und Leiden ihrer Landsleute während des Zweiten Weltkriegs nicht erinnert werden. Nur mit Mühe gelang es, Zeugen in Prozessen gegen KZ-Verbrecher zu überreden, bei uns auszusagen. Die Erinnerung ließ die Menschen erzittern. Gerade daher waren ihre Aussagen, die für den Ausgang eines Prozesses entscheidend sein konnten, so glaubhaft.

Auch privat hatte ich mit deutsch-jüdischen Mitbürgern zu tun. Dr. Hans Herzfeld, Intellektueller und geistreicher Kommentator beim Argentinischen Tageblatt, lud mich zu seinem monatlichen Gesprächszirkel ein. Mit meinen Nachbarn, einem deutsch-jüdischen erfolgreichen Geschäftsmann und seiner Frau, verbrachte ich gelegentlich ein Wochenende im uruguayischen Punta del Este. Mit einem anderen deutsch-jüdischen Emigranten traf ich mich am Wochenende am Swimmingpool. Als Journalist war er an meiner Meinung über Argentinien interessiert, umgekehrt suchte ich mehr über seine interessante Arbeit zu erfahren.

Oft haben wir über Deutschland gesprochen. Meine jüdischen Bekannten sprachen deutsch als ihre Muttersprache, manchmal sogar mit einem dialektalen Einschlag, der sie als „Berliner", „Frankfurter" oder „Kölner" zu erkennen gab. Sie haben nie von der Emigration oder der Flucht aus Deutschland gesprochen, aber von Deutschland, von Willy Brandt, der damals Bundeskanzler war oder vom Wiederaufbau des einen oder anderen Opernhauses oder Theaters in Deutschland.

Zum Stadtbild von Buenos Aires gehörte durchaus auch der orthodoxe Jude, der sich schwarz kleidete, stets einen Hut trug, unter dem lange Locken (Peikeles) hervorkamen. Gelegentlich wurde ich auch einer Synagoge ansichtig, die aber nicht bewacht wurde. Mir wurde bald klar, dass Buenos Aires eine Stadt mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung war und wie ich später erfuhr, mit der größten jüdischen „Kolonie" außerhalb Israels nach New York.

In den Jahren 1992 und 1994 wurden Attentate auf die israelische Botschaft (1992) und auf die Asociación Mutual Israelita en Argentina AMIA (1994) verübt, die bis heute nicht aufgeklärt sind. Bei dem Anschlag auf die Botschaft waren 29 Tote zu beklagen. Er erfolgte über einen mit Sprengstoff beladenen Kleinlastwagen. Noch katastrophaler war der zweite Anschlag, der mitten im „jüdischen Viertel" von Buenos Aires auf die AMIA verübt wurde.

Die AMIA: Eines der Zentren jüdischen Lebens in Buenos Aires ist die Plaza Once. Dieser zentral gelegene Platz ist auch ein beliebtes Geschäftsviertel, in dem man günstig einkaufen kann. Viele der Ladenbesitzer sind emigrierte Juden oder ihre Kinder und Enkel. Ganz in der Nähe befindet sich auch die AMIA (Asociación Mutual Israelitaen Argentina). Oft sprach man auch von der AMIA als von einem „Kulturinstitut".

Die zerstörte israelische Botschaft in der Calle Arroyo in Buenos Aires

Auf die AMIA wurde 1994 ein Bombenanschlag ausgeführt, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen und 300 verletzt wurden. Er ist bis heute nicht aufgeklärt. Dem ehemaligen Staatspräsidenten Menem wurde vorgeworfen, dass er absichtlich die Ermittlungen gegen die Täter behindert habe.

Die zerstörte AMIA

Während meines dienstlichen Aufenthalts in Argentinien habe ich mich um Kontakt zu allen Kreisen der deutschen Kolonie bemüht, mit Ausnahme von rechtsextremen Gruppen und Personen. Es kam vor, dass ich im Gespräch mit einem deutschstämmigen Argentinier auf die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands angesprochen wurde. Das Gespräch konnte z. B. mit den Nazi-Aufmärschen im Buenos Aires der dreißiger Jahre beginnen. Ich erfuhr zu meiner Überraschung, dass diese nicht nur geduldet, sondern von den rechtsgerichteten Regierungen Argentiniens sogar eine Weile begrüßt wurden. Mir wurden Fotos von Kundgebungen der Nazis gezeigt, mit Hakenkreuzen überall, mit SA-Uniformen, mit dem zum „Hitler-Gruß" erhobenen Arm. ich konnte dies zunächst nicht glauben, aber bald merkte ich, dass dies der Wahrheit entsprach. Der Nationalsozialismus besaß jahrelang in Argentinien eine wichtige überseeische Basis.4

Natürlich interessierten die Gesprächspartner meine Auffassung dazu. Die meisten von ihnen hörten mit Genugtuung von meiner Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus, von der Scham, die ich empfand, wenn es um die Opfer des Holocausts ging. Es wurde mit Wohlwollen akzeptiert, wenn ich von dem neuen Deutschland sprach, das Demokratie und Schutz der Menschenrechte zu einem Grundpfeiler seiner Verfassung gemacht hatte und ihre Verwirklichung ernst nahm. Keiner von uns ahnte, dass nur wenige Jahre später eine menschenverachtende Diktatur die Herrschaft in Argentinien an sich reißen würde, in der es auch Opfer in der deutschjüdischen Kolonie geben würde, unter Menschen, deren nächste Verwandte in einem deutschen KZ ermordet worden waren. Glücklicherweise sprachen schon damals viele der Deutsch-Argentinier, die dem anderen „Lager" zuzurechnen waren und deren Vorfahren mit den Nazis sympathisiert hatten, mit Respekt von der Bundesrepublik Deutschland.

Der Anschlag auf die AMIA und die Folgen

Ende 2017 beherrschte dieser Anschlag wieder die Schlagzeilen der argentinischen Medien. Diesmal allerdings unter ganz anderen Überschriften. Es ging um den Tod des argentinischen Staatsanwalts Alberto Nisman, der als Sonderermittler in Sachen AMIA eingesetzt worden war. Er hatte 2013 Anklage gegen eine Reihe von iranischen Funktionsträgern erhoben– offenbar Angehhörige des iranischen Geheimdienstes – und sie für den Anschlag verantwortlich gemacht. Darüber hinaus beschuldigte er die Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die Aufklärung des Falles verhindern zu wollen. Sie hatte mit Iran die Bildung einer internationalen Wahrheitskommission vereinbart und damit die argentinische Justiz von weiteren Ermittlungen ausschließen wollen. Zugleich sollte der bilaterale Handel mit Iran durch die Lieferung von argentinischem Fleisch und Getreide und im Gegenzug von iranischem Erdöl verstärkt werden. Wenige Stunden vor seiner Anhörung vor dem argentinischen Kongress war der Staatsanwalt erschossen in seiner Wohnung in Buenos Aires aufgefunden worden. Obwohl Frau Kirchner anfangs von einem Suizid sprach, kamen starke Zweifel an dieser Version auf. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt, im Dezember 2015, wurden die Ermittlungen verstärkt fortgesetzt. Im Dezember 2017 erließ der zuständige Richter Bonadío Haftbefehl gegen Frau Kirchner wegen mutmaßlicher Verschleierung, Behinderung der Justiz und wegen Landesverrats. Das Oberste Gericht Argentiniens hat im März 2019 diese Entscheidung in letzter Instanz bestätigt. Da die Ex-Präsidentin mittlerweile zu Senatorin gewählt worden ist, könnte ihr nur nach Aufhebung ihrer Immunität der Prozess gemacht werden. Wegen der Mehrheit der Peronisten im Kongress ist damit jedoch nicht zu rechnen. Ähnlich wie gegen Ex-Präsident Menem, gegen den auch Verfahren schweben, kann sie sich vorläufig sicher fühlen.

Die Zeiten hatten sich geändert. Das neue Deutschland war nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern war auch als Hort der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit und als demokratischer Rechtsstaat international anerkannt. Es war abzusehen, dass die Gräben, die noch in den siebziger Jahren zwischen den verschiedenen Teilen der deutschen „Kolonie" in Argentinien bestanden, mit der Zeit verschwinden würden. Viele mögen es bedauern, dass die „Deutschen" in der zweiten oder dritten Generation zu Argentiniern geworden waren; aber ihre Integration hat auch ihr Gutes. Sie hilft, ein unseliges Andenken, auch in Argentinien, zu überwinden.

4 Wulffen, Deutsche Spuren in Argentinien, 99

Erster Abschnitt

Auch Juden erreicht der Ruf: Wandert ein

Wann kamen die ersten Juden nach Argentinien? Waren es Portugiesen, die von Brasilien aus in die spanischen Kolonien am Rio de la Plata gekommen waren? Allem Anschein nach haben sich Juden und ihre Nachfahren, von denen sich viele zum Schein in Portugal hatten taufen lassen, seit dem 16. Jahrhundert in Argentinien aufgehalten.5 Manchmal werden sie als „Kryptojuden" oder „christãos novos" bezeichnet.6 Bei meinen Recherchen über die Deutschen in Argentinien stieß ich auf einen Erlass der Stadt Buenos Aires aus dem Jahre 1610, worin den Bürgern der Stadt mit der Todesstrafe gedroht wurde, wenn sie Ausländer ohne Einreiseerlaubnis bei sich aufnahmen. Was war der Hintergrund dieser drastischen Maßnahme? Offenbar hatten sich im Hafen von Buenos Aires allerlei Abenteurer und Strolche angesiedelt, menschliches „Treibgut" aus Europa, das es hierher, an die Mündung des Rio de la Plata verschlagen hatte. Aber dies war nicht der einzige Grund. Wie ich jetzt herausfand, waren im Laufe des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts Portugiesen nach Buenos Aires gelangt, die bald ins Fadenkreuz frommer Kirchenleute geraten waren. Es handelte sich um Juden, die sich zwischenzeitlich in Brasilien angesiedelt hatten und nachdem sie dort von der Inquisition entdeckt worden waren, weiter nach Süden, an den Rio de la Plata geflüchtet waren.

Besonders auch diesen Leuten galt der eingangs erwähnte Erlass, dem eine Anordnung des Rates der Stadt (Cabildo) von 1606 zugrunde lag, wonach eine königliche Anordnung (Real Cédula) zu befolgen war, derer zufolge alle Personen, gleich welchen Standes, außer Landes zu bringen waren, „die ohne Erlaubnis oder Anordnung ihrer Majestät in die Stadt eingereist waren". Das Problem war nur, dass die portugiesischen Juden wichtige Funktionen in Buenos Aires bekleideten, mit christlichen Frauen verheiratet waren und als Ärzte, Architekten oder Lehrer in dem damals primitiven Buenos Aires wirkten. Sollte man diese Leute wirklich ausweisen?

Der Bischof der Stadt, Martin Ignacio de Loyola, der anfangs ganz auf der Linie des Cabildo zu sein schien, fand einen Ausweg: Man sollte die königliche Anordnung nicht getreu ihrem Buchstaben, sondern im Lichte der natürlichen Gerechtigkeit interpretieren. Dabei müsse man auch den Zweck der königlichen Anordnung im Auge haben. Der Zweck jedes Gesetzes sei der Schutz der natürlichen Ordnung und wenn dieser Schutz durch das Gesetz in Frage gestellt würde, sei es nicht zu befolgen. So erhoben sich die Jesuiten, denen der Bischof angehörte, zum Schutz der portugiesischen Juden. Die Protektion durch den Bischof war von erheblicher Bedeutung. Damit wurde der portugiesische Jude – oft war er nur zum Schein Christ geworden oder dazu gezwungen worden – mit zu den Begründern der argentinischen Nation. 7

Es würde hier zu weit führen, die Geschichte der portugiesischen Juden bis ins Mittelalter zurückzuverfolgen. Nur soviel sei hier gesagt: Ähnlich wie in Spanien, wurden auch sie in Portugal verfolgt und ausgewiesen. Viele von ihnen flohen in die neue Kolonie in Amerika, nach Brasilien. Hier konnten sie sich zunächst sicher fühlen. Aber mit der Festigung der portugiesischen Herrschaft über Brasilien, wurden sie auch dort verfolgt und flohen weiter in südliche Richtung, an den Rio de la Plata.8

Berühmt wurde der jüdische Bankier Diego de Vega, der im Buenos Aires des 17. Jahrhunderets so mächtig geworden war, dass jede Regierung in der Stadt, die nicht auf seine Unterstützung zählen konnte, zum Scheitern verurteilt war. De Vega war im Grunde ein Spitzbube und Gauner, aber ein großer Könner. Er handelte mit fernen Ländern in Europa und Afrika, machte den Schmuggel über den Hafen von Buenos Aires, der fernab vom beherrschenden und den Schmuggel bekämpfenden Lima lag, zur Grundlage seines Reichtums. Der „freie Markt" war seine große Spielwiese, in der er sich wie kein anderer auskannte. De Vega wurde der erste Bankier am Rio de la Plata, und wer heute das ausgedehnte und imposante Bankenviertel von Buenos Aires betrachtet, sollte sich dieser Tatsache vergewissern.

Der Freiheitsdrang, der von den jüdischen Portugiesen ausging und der in klarem Kontrast zur spanischen monarchischen Ordnung in den amerikanischen Kolonien stand, war der Urgrund der Anfang des 19. Jahrhunderts keimenden Revolution am Rio de la Plata, letztlich der Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland.9 Freilich verschwanden im Laufe der Zeit die Spuren der mehrheitlich im 16. Jahrhundert eingewanderten jüdischen Portugiesen. Jedoch kann man sie bis auf den heutigen Tag zurückverfolgen. In zahlreichen Namen leben sie weiter, wie z.B. Méndez, Peixoto, Sequeira, Machado Melo oder Gonzalez de Acosta.10 Viele andere Beispiele ließen sich noch aufführen. Sie alle weisen weit zurück auf die Ursprünge von Buenos Aires.

Wohl erst im 19. Jahrhundert kamen Juden direkt aus Europa an den Rio de la Plata. Es waren nur wenige. In den Provincias Unidas, wie sich Argentinien nach Erlangung einer Unabhängigkeit 1810-1816 nannte, herrschte keineswegs Religionsfreiheit. Nur die katholische Religion war anerkannt, die Ausübung anderer Religionen war verboten. Hierüber wachte die Inquisition, das Santo Oficio, das bis 1813 die religiöse Wächterfunktion am Rio de la Plata ausübte und diese der immer noch mächtigen katholischen Kirche überließ. Für Andersgläubige war kein Platz in dem neuen Staat, der 1816 formell seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte. Dies änderte sich mit der Intensivierung des Handelsaustausches mit Großbritannien. Es war dieses westeuropäische Land, das als erste europäische Macht das argentinische Potential erkannte. Bereits 1825 hatte es – im Alleingang und unter Missachtung der Politik der anderen führenden europäischen Mächte, welche die Anerkennung der Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien Spaniens solidarisch ablehnten – einen Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsvertrag mit der Regierung in Buenos Aires geschlossen. Damit war implizit die Anerkennung der neuen Republik am Rio de la Plata einhergegangen.11 Teil dieses Vertrages war die Gewährung der Religionsfreiheit für alle Briten, die sich am Rio de la Plata niederlassen wollten. Damit war eine schmale Tür für jüdische Immigration geöffnet. Der Brite Henry Joseph war der erste jüdische Rabbiner in Buenos Aires.12 Wie groß seine Gemeinde war, wissen wir nicht. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts finden sich die Namen Levy und Halevy, Silberschmiede in Buenos Aires. Für den 11.11.1860 ist die erste jüdische Hochzeit in Buenos Aires belegt. Salomón und Elizabeth Levy, französische Staatsangehörige, sind die Brautleute. 1862 kommt es zur Gründung der ersten jüdischen Vereinigung in Argentinien, der Congregación Israelita de la República Argentina (CIRA).13 Wahrscheinlich waren damals bereits über 300 Juden in Argentinien, vor allem in Buenos Aires, ansässig. Die fortschrittliche Verfassung von 1853 hatte den Ausländern alle bürgerlichen Rechte eingeräumt. Hierzu gehörte die freie Ausübung des Berufs, des Handels, der Besitz von Grundstücken und die ungehinderte Ausübung ihrer Religion.14

Der Cabildo (hist. Ratsversammlung) in Buenos Aires

In jener Zeit war das riesige Land, das achtmal die Fläche des heutigen Deutschland umfasst, immer noch menschenleer. Nach dem Zensus von 1869 hatte Argentinien nur etwas mehr als 1,7 Mio. Einwohner, wovon ein knappes Drittel in der Hauptstadt Buenos Aires lebte. Vor allem fehlten tüchtige Bauern und Landarbeiter, die bereit waren, die harte Arbeit unter klimatisch schwierigen Bedingungen auf sich zu nehmen. Bereits um 1850 hatte der „Vater" der argentinischen Verfassung von 1853, Juan Batista Alberdi, die Devise ausgegeben, regieren bedeute das Land zu bevölkern („gobernar es poblar"). Präsident Domingo Faustino Sarmiento (18681874) war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit Energie für die Einwanderung, besonders aus Mitteleuropa, einsetzte. Die Präsidenten Nicolás Avellaneda (18741880) und Julio A. Roca (1880-1886, erste Präsidentschaft) setzten diese Politik fort. Roca hatte mit seiner rabiaten Campaña del Desierto (Feldzug in der Wüste) die Indianer zurückgedrängt, die Buenos Aires und seine Umgebung ständig bedrohten. Er hatte damit das riesige Land zwischen Buenos Aires und Patagonien für die Besiedlung geöffnet. Avellaneda und Roca waren an jüdischer Einwanderung interessiert und hatten sie durch besondere Gesetze und Dekrete zu fördern gesucht. Avellaneda hatte 1870 das Gesetz über Einwanderung und Besiedlung (ley de inmigración y colonización) erlassen, womit gerade auch jüdische Einwanderung gefördert werden sollte.

Ein Deutscher, der 1871 die argentinische Staatsangehörigkeit erhält, ist der erste bekannte Argentinier, der sich zum jüdischen Glauben bekennt. Es ist der Offizier Luis Hartwig Brie, der 1834 in Hamburg geboren wird und im Alter von dreizehn (!) Jahren nach Rio de Janeiro geht. 1851 schließt er sich einem brasilianischen Heereskorps an, das gemeinsam mit dem argentinischen General und Caudillo Justo José de Urquiza gegen den argentinischen Diktator Manuel de Rosas kämpft. Er nimmt an der Schlacht von Caseros (1852) teil, die mit der Niederlage und dem Exil von Rosas und der Machtübernahme durch Urquiza, dem ersten Präsidenten der argentinischen Konföderation, endet. Brie wird wegen seiner Tapferkeit zum Feldwebel befördert und lässt sich in Buenos Aires nieder. Während des Triple Allianz-Krieges Argentiniens, Brasiliens und Uruguays gegen Paraguay (1865 bis 1870), an dem er teilnimmt, wird er zum Hauptmann befördert. Er, der weiterhin in Buenos Aires ansässig ist, nimmt die argentinische Staatsangehörigkeit an.15 Er war Mitbegründer und Förderer deutsch-jüdischer Institutionen in Buenos Aires und wurde Ehrenpräsident der „Congregación Israelita de la República Argentina". Er starb 1917.16

An dieser Stelle sei angemerkt, dass der deutsche Zollverein, unter Führung Preußens, 1857 einen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag mit der argentinischen Konföderation abschloss, deren Hauptstadt sich damals in Paraná, der Hauptstadt der Provinz Entre Rios befand (Buenos Aires wollte damals die Hauptstadtfunktion noch nicht übernehmen). Damit holte ein Teil der deutschen Staaten einen Akt nach, den die Briten bereits 22 Jahre vorher vollzogen hatten. Aber bereits vor 1857 handelten deutsche Staaten, wie Preußen, die Hansestädte und Sachsen, mit Argentinien und entsandten ihre Vertreter nach Buenos Aires.17

Die ersten jüdischen Kolonien

Im Westen der Agrarprovinz Santa Fe, an der Grenze zur Provinz Córdoba, gab es weite, nicht kultivierte Anbauflächen. Diese waren das Ziel der jüdischen Einwanderer, die 1889 an Bord der „Weser" nach Argentinien gelangt waren. Leider waren die ersten jüdischen Einwanderer, die dorthin gelangten, vom Pech verfolgt. Entweder waren die ihnen zugewiesenen Landflächen bereits anderweitig verkauft oder die von ihnen mit dem Eigentümer geschlossenen Verträge wurden nicht respektiert. So lebten sie anfangs in großer Armut, waren Empfänger von Almosen oder Opfer ansteckender Krankheiten. Viele Kinder überlebten das erste Jahr nicht. Dr. Loewenthal, der das Büro der von Baron Hirsch gegründeten Stiftung in Argentinien leitete, nahm sich der armen jüdischen Siedler an und erwarb für sie Ende 1891 rund 10.000 ha Land. Damit waren die größten Probleme beseitigt. Ursprünglich sollten 25.000 Juden in Argentinien angesiedelt werden, und die Zahl sollte in den folgenden Jahren noch erheblich ansteigen. Jedoch wurden 1892 nur 2.500 angesiedelt und die Zahl jüdischer Einwanderer überstieg niemals 15.000 pro Jahr. Nachdem die spontane Einwanderung zu großen Problemen geführt hatte, optierte Baron Hirsch für organisierte Einwanderung in größeren Gruppen. Außerdem sollten die neuen Einwanderer erfahrene Landwirte sein. Dies alles würde auch 1933 noch gelten, als die vom Nationalsozialismus erzwungene Auswanderung deutscher Juden begann (Saint Sauveur-Henn, Un siècle d'Emigration Allemande vers L'Argentine 1853–1945, S. 453 f.)

Juden in Buenos Aires, 1500 in ganz Argentinien ansässig.18

In den Jahren ab 1870 wandern einige jüdische Familien nach Argentinien ein. Dies führt 1881 zu einer Polemik über jüdische Einwanderung, die vor allem von der größten Tageszeitung, La Nación, geführt wird. 1887 sind nach einem Zensus 326

Die ersten jüdischen Flüchtlinge in Argentinien

Im August 1889 betraten Menschen zum ersten Mal amerikanischen Boden, die aus dem Zarenreich „ausgewandert" waren. Sie waren von Bremen mit dem deutschen Dampfer „Weser" über den Atlantik gefahren, um in Argentinien eine neue Heimat zu suchen. Es waren 824 Juden, die den wiederholten Pogromen in Russland entkommen waren. Wenn sie auch nicht die ersten Juden waren, die nach Argentinien kamen, so waren sie doch die ersten jüdischen Flüchtlinge, die aus Europa einwanderten. Jahrzehnte später würde Argentinien der „Rettungsanker" für Zehntausende Juden aus Mittel- und Osteuropa werden.

Warum war das Land am Rio de la Plata interessant für europäische Flüchtlinge?