Das Phänomen Perón - Bernd Wulffen - E-Book

Das Phänomen Perón E-Book

Bernd Wulffen

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Beschreibung

Der Populismus, wie wir ihn heute in den USA, in Lateinamerika und Europa erleben, hat Vorläufer. Juan Domingo Perón hatte nach 1943 mit dem Justizialismus in Argentinien eine Bewegung ins Leben gerufen und eine Revolution ausgelöst, die bis heute von großem Einfluss auf die Zivilgesellschaft ist. Gestützt auf Arbeiter und Gewerkschaften war Perón in drei Amtsperioden Präsident. Mit dem Brasilianer Getulio Vargas zählt er zu den ersten Populisten in Lateinamerika. Sowohl Fidel Castro wie auch Hugo Chávez orientierten sich an dem charismatischen Argentinier.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meiner Familie und meinen Freunden in Argentinien

Inhalt

Vorwort

Einleitung

TEIL I

Erstes Kapitel

Kindheit, Jugend Streitkräfte

Zweites Kapitel

Der Oberst in Buenos Aires

Drittes Kapitel

Die Arbeiter gehen auf die Straße - Weg zur Macht

Viertes Kapitel

Die Compañera

TEIL II

Fünftes Kapitel

Perón Präsident

Sechstes Kapitel

Schattenseiten

Siebentes Kapitel

Die Wirtschaft

Achtes Kapitel

Die deutsche Wirtschaft in Argentinien nach dem Zweiten Weltkrieg

Neuntes Kapitel

„Andere Deutsche“ in Argentinien

Zehntes Kapitel

Das Wirken Eva Peróns

Elftes Kapitel

Schwierige zweite Amtszeit

Zwölftes Kapitel

Die Außenpolitik Peróns

Dreizehntes Kapitel

Perón und die Kultur

Vierzehntes Kapitel

Perón und die Kirche

Fünfzehntes Kapitel

Der Sturz

TEIL III

Sechzehntes Kapitel

Erste Jahre im Exil

Siebzehntes Kapitel

Perón in Madrid

Achtzehntes Kapitel

Irrfahrten einer Toten

Neunzehntes Kapitel

Die Ära Lanusse

Zwanzigstes Kapitel

Rückkehr im Regen

TEIL IV

Einundzwanzigstes Kapitel

Die (endgültige) Rückkehr Peróns

Das Debakel von Ezeiza

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ein komplizierter Konsularfall

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Rücktritt Cámporas und die Folgen

Vierundzwanzigstes Kapitel

Das böse Ende

Nachwort

Zeittafel

Personenregister

Literatur

Vorwort

Wie eine gefräßige Raupe nagt der Populismus im Baum der Demokratie. Mit dem Wahlsieg von Donald Trump hat er die USA, die Wiege des modernen Rechtsstaats, befallen. Auch in Europa ist er, wie die Wahlen in Österreich, den Niederlanden und in Frankreich gezeigt haben, zu einer gefährlichen Bedrohung der demokratischen Nachkriegsordnungen geworden. Auch in Italien und Deutschland wächst die Furcht vor einem weiteren Erstarken populistischer Parteien.

In Lateinamerika war vor allem Hugo Chávez zu einem populistischen Führer aufgerückt. Sein Nachfolger Maduro setzt diesen Kurs fort und führt die demokratischen Institutionen immer mehr ad absurdum. Chávez war nicht der erste Populist auf dem Subkontinent. Vor ihm hatten bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Getulio Vargas in Brasilien und Lázaro Cárdenas in Mexiko die bisherigen Eliten verdrängt und Regime errichtet, die sich auf das „Volk“ stützten.

Aber besonders der Argentinier Juan Domingo Perón hatte seit 1943 ein populistisches Regime im Sinn, dass sich auf Gewerkschaften und Arbeiter stützen und eine Revolution im südlichsten Großstaat Lateinamerikas einleiten sollte. Von 1946 bis 1955 war Perón an der Macht. Was ihn auszeichnete, war die Gründung einer Bewegung, des Peronismus oder Justizialismus, die bis heute ein entscheidender Machtfaktor in Argentinien ist. In beiden Häusern des Parlaments verfügen die Peronisten über die Mehrheit.

Seit meinem ersten Aufenthalt in Argentinien, ab November 1970, befasse ich mich mit dem Peronismus. Drei Jahre lang war ich als Konsul und Kulturreferent an der Botschaft Buenos Aires tätig. Ich erlebte die Rückkehr Peróns 1973 aus dem Exil in Madrid. Auch nach meiner Abreise aus Argentinien beobachtete ich das Land intensiv. Seit meiner Heirat 1975 mit einer Argentinierin habe ich das Land regelmäßig besucht. Seit 2005, meinem Eintritt in den Ruhestand, habe ich neben einer Wohnung in Berlin auch eine Wohnung in San Miguel de Tucumán, im Nordwesten Argentiniens, bezogen.

Die folgenden Ausführungen sind Ergebnis meiner persönlichen Erfahrungen. Sie geben nicht die Aufassung des Auswärtigen Amts wider.

Berlin, im Oktober 2017

Einleitung

Fast zwanzig Jahre hielt ein Mann ein Land in Atem. Er war nicht da, aber er war präsent. Aus weiter Ferne dirigierte er ganze Armeen von Helfern und Ergebenen, mal senkte er, mal hob er den Daumen. Ganz nach der Art römischer Diktatoren. Als er schließlich aus dem Exil zurückkehrte, war er ein kranker Mann. Er starb nur wenige Monate nachdem ihn das Volk mit ungekannter Mehrheit erneut zu seinem Präsidenten gewählt hatte. Aber der Unglückliche hinterließ einen Scherbenhaufen, ein tief gespaltenes Land und eine völlig überforderte Nachfolgerin, die sich als Tänzerin in einem Nachtclub in Panama bis in die Staatsspitze Argentiniens vorgearbeitet hatte. Die Rede ist von Juan Domingo Perón, einem General-Präsidenten, dessen Andenken und Mythos auch heute noch in weiten Teilen das politische und soziale Lebens eines der wichtigsten Staaten Lateinamerikas bestimmt: Argentinien.

Mit einem unglaublichen Gespür für die Macht gelangte er am Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts nach oben. Bis an die Staatsspitze. Bis in den Sessel des Präsidenten. Die Massen jubelten ihm und seiner unvergesslichen zweiten Frau, die alle nur „Evita“ nannten, zu. Perón, damals noch Oberst, wusste sie zu begeistern, sich ihrer Stimmen zu versichern. Er war der erste Populist in der Casa Rosada, dem Sitz des Staatspräsidenten in jenem prächtigen Buenos Aires, von dem aus das vom Krieg geschüttelte und verarmte Europa ernährt wurde, mit Fleisch und Getreide.

Die entscheidende Stunde für ihn schlug, als er sich, ganz unbemerkt und scheinbar nebenbei eines Amtes bemächtigte, das er bald zu einer Schaltstelle umfunktionieren würde: dem Departamento Nacional de Trabojo, DNT (Nationales Department für Arbeit), das niemanden interessierte und zu einem Abstellgleis im Innenministerium geworden war. Viele nannten es einen „Elefantenfriedhof“. Dorthin entsorgte man ältere Herren, um ihnen vor ihrer Pensionierung noch ein Amt zu geben. Perón wertete es auf und machte daraus schon nach einem Monat, im November 1943, die Secretaria de Trabajo y Previsión, das Sekretariat für Arbeit und soziale Fragen, das nur wenige Blocks vom Machtzentrum, der Casa Rosada, entfernt war.

Von hier aus schmiedete er seine Pläne zur Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft und des Proletariats und für seinen eigenen Aufstieg ins Präsidentenamt.

Was Juan Domingo Perón in den Jahren nach 1943 tat, war etwas ganz Unerhörtes, nie Dagewesenes. Zum ersten Mal nahm sich jemand aus der Regierung der Belange der Arbeiter an und förderte sie aktiv. In den Jahren davor waren die Regierungen die Feinde der Arbeiter und gingen mit Gewaltgegen Streiks und Revolten vor. Hunderte von Arbeitern wurden die Opfer blutiger Auseinandersetzungen. Osvaldo Bayer hat in seinem verfilmten Werk „Patagonia Rebelde“ auf ein Massaker an Arbeitern in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufmerksam gemacht.

Schon im Oktober 1945 konnte Perón die ersten Früchte seiner Zuwendung zu den Arbeitern, den descamisados, den Leuten ohne Hemd, ernten. In den Wirren jenes Jahres war er aller seiner Ämter verlustig erklärt und verhaftet worden.Am 17. Oktober demonstrierten hunderttausende Arbeiter vor dem Präsidentenpalast, der Casa Rosada, in Buenos Aires für die Freilassung des Mannes, der sich zu ihrem Anwalt gemacht hatte. Sie hatten Erfolg. Die Regierung beugte sich ihrem Druck. Perón wurde aus dem Gefängnis entlassen und konnte nun, gemeinsam mit seiner jungen und attraktiven späteren Ehefrau Evita, den Wahlkampf vorbereiten, den er ein Jahr später für sich entscheiden würde. Im Juni 1946 zog ein von den Massen umjubelter Präsident in die Casa Rosada ein. Er würde sie erst neun Jahre später wieder verlassen.

Wie gelang es diesem Mann, der bis 1943 weitgehend unbekannt war, in das höchste Staatsamt zu gelangen? Im ersten Kapitel werden wir uns mit dem Werdegang von Juan Domingo Perón befassen.

TEIL I

1. Kapitel

Kindheit, Jugend, Eintritt in die Streitkräfte

Juan Domingo Perón wurde wohl am 8. Oktober 1895 in dem Vorort Lobos von Buenos Aires geboren. Schon um seine Geburt ranken sich Vermutungen und Gerüchte. Diese nehmen von der erst 1898 ausgestellten Taufurkunde ihren Ausgang. Ohne Nennung seines Vaters wird dort Juan Domingo Sosa, Sohn von Juana Sosa genannt. Perón war demnach bei seiner Geburt ein uneheliches Kind. Sein Vater hieß Mario Perón, Sohn des Arztes und Lokalpolitikers Tomás Liberato Perón. Warum Mario Perón und Juana Sosa vor der Geburt ihrer Kinder nicht geheiratet hatten, lässt sich nur vermuten. Juana war offenbar ein einfaches Mädchen mit indianischem Blut1. Sie war unter dem Stand ihrer Schwiegereltern. So jemanden heiratete ein Akademiker aus gutem Hause nicht.

Jedoch hat Mario Perón, der sein Medizinstudium aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen hatte, seine Söhne Juan Domingo und den zwei Jahre älteren Mario Avelino nach seiner Heirat mit Juana (1901) später legitimiert.2 Jedenfalls trug Juan seit 1901 den Nachnamen „Perón“.

Die Familie führte ein unstetes Leben. Nachdem sie in Buenos Aires in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war, versuchte der Vater in Patagonien sein Glück, zunächst in der Provinz Chubut, später in der noch weiter südlich gelegenen Provinz Santa Cruz. Sie lebten in einem von Wellblech gedeckten, aber in seinem Inneren mit Holz getäfelten Haus. Während sich der Vater um die Verwaltung einer Schaffarm kümmerte, die einem Schotten gehörte, verbrachte Juan Domingo viel Zeit mit den peones, den Knechten, und den Schafhirten. So wuchs der Junge zunächst im Süden Patagoniens auf. Mit acht Jahren schenkte sein Vater ihm einen Karabiner 22. Die Jagd, z.B. auf die patagonischen Hasen, und Pferde würden zu seinen Hobbies werden. Patagonien. Dieses vom ständig wehenden Winde zerzauste, karge Land war um die Wende zum 20. Jahrhundert fast völlig menschenleer. Erst 1878 hatte

Karte von Argentinien (Provinzen). Die Provinzen Neuquén, Rio Negro, Chubut und Santa Cruz gehören zu Patagonien.

General Julio Argentino Roca in seiner conquista del desierto (Eroberung der Wüste) das Tor nach Patagonien geöffnet. Mit 6000 Mann leichter Kavallerie war er gegen die Indios zu Felde gezogen, die mit ihren häufigen Überfällen auf Siedler eine systematische Erschließung der heutigen Provinzen La Pampa und Río Negro und der Landmasse weiter südlich unmöglich gemacht hatten. Vier Caziques (Stammeshäuptlinge) mit 3000 Indios waren gefangen genommen worden, 1250 Indios waren gefallen. Aber trotz der „Befriedung“ fanden nur ein paar Abenteurer und Schafzüchter den Weg in diese südlichen Provinzen, die für viele, vor allem in den strengen Wintern, unerträglich waren. Ständig wehte ein starker Wind, der viele in den Wahnsinn trieb. Im Westen allerdings, an der Grenze zu Chile, in der weiten Andenregion, bot das Land spektakuläre, einmalig schöne und bizarre Landschaften, die heute zu den großen Touristenattraktionen zählen. In diese wüste Einöde verschlug es die Peróns, freilich in der Hoffnung, ihre prekäre finanzielle Situation endlich aufzubessern.

Juan war ein aufgeweckter und für sein Alter sehr selbständiger Junge. Aber er sollte eine Schule besuchen, die es dort in der Einöde nicht gab. Daher entschieden sich seine Eltern, die mittlerweile zurück in die Provinz Chubut umgezogen waren, ihn mit zehn Jahren in die Obhut der Großmutter väterlicherseits, Dominga Dutey, nach Buenos Aires zu geben. In der Schule fiel er vor allem als Sportler auf. Seine übrigen Leistungen waren weniger beeindruckend.3 Würde er, wie der Großvater und der Vater, ebenfalls Medizin studieren? Vieles deutete darauf hin. Aber den sportlich begabten Jungen faszinierte ganz etwas anderes: In den Schulen hatte man damit begonnen, bestimmte Feiertage mit militärischem Zeremoniell zu begehen, die argentinische Flagge wurde gehisst und die Nationalhymne gesungen. Überhaupt war das Militärische unter dem General-Präsidenten Julio Argentino Roca stark ins Zentrum des politischen Geschehens vorgerückt.

Juan Domingo Perón war hiervon sehr angetan. So brauchten Freunde, die ebenso dachten und bereits ihre Berufswahl für die Armee getroffen hatten, den Heranwachsenden nicht lange überreden, sich für das Eintrittsexamen in das Colegio Militar, der Militärakademie, zu bewerben. Juan, der sich mit Gewehren und Pferden auskannte und schon einige Sportarten betrieb, bestand das Examen mit Bravour. 1911 wurde er Kadett, der keinesfalls ahnte, welche unglaubliche Karriere er vor sich hatte.

Es war eine Zeit, in der Argentinien in voller Blüte stand. 1910 hatte es hundert Jahre der Revolución de Mayo gefeiert, den Beginn seiner Unabhängigkeit von Spanien. Die internen Kriege und andere Geburtswehen einer entstehenden Nation lagen lange zurück. Argentinien war durch den Export von Getreide und Fleisch reich geworden. Einwanderer, vor allem aus dem westlichen Mittelmeer, strömten zu Hunderttausenden ins Land. Das elegante Buenos Aires hatte sich, auch mit dem 1908 vollendeten Bau des großen Opernhauses Teatro Colón, zur kulturellen Hauptstadt Südamerikas entwickelt. „Reich wie ein Argentinier“ war in Europa ein geflügeltes Wort.

Juan Domingo fühlte sich in der für ihn neuen Welt des Militärs wohl. Die Militärakademie gab ihm eine gewisse Geborgenheit, die ihm seine Familie vorenthalten hatte. Auch die Einsamkeit, unter der er vor allem im unwirtlichen Patagonien gelitten hatte, war vorbei. Auch mit seinen Kameraden kam er gut zurecht. Wenn gelegentlich behauptet wird, der Junge habe versucht, seine uneheliche Geburt zu verschleiern und er habe dies durch Eloquenz und eine gewisse Angeberei kompensieren wollen4, so scheinen mir doch Fragezeichen angebracht. Durch die Heirat der Eltern war dieser „Makel“ geheilt. Warum sollte dies den jungen Mann noch anfechten?

Interessant war, dass Perón als junger Soldat bereits mit dem Preußentum in Verbindung kam. Schon vor dem ersten Weltkrieg kaufte Argentinien Waffen im Deutschen Reich, auch Uniformen und militärisches Gehabe waren den Preußen nachempfunden.5 Deutsche Offiziere waren häufig Ausbilder. Einige von ihnen erhielten den Auftrag, die Kriegsakademie aufzubauen. Bei ihrer Eröffnung im April 1900 waren der Direktor und vier von zehn Professoren deutsche Offiziere.6 Deutsche Offiziere unterrichteten auch in der Schule für Ballistik (Escuela de Tiro) oder im Militärgeographischen Institut, die nach preußischem Modell errichtet worden waren.

General Colmar von der Goltz, ein Freund Kaiser Wilhelms II., hatte 1883 ein Buch unter dem Titel „Das Volk in Waffen“ veröffentlicht, in dem er sich immer wieder auf die Werke von Clausewitz bezog. Dieses Buch faszinierte die jungen argentinischen Offiziersanwärter. Es schien für sie, die im Geiste einer unvermeidlichen Auseinandersetzung mit dem Nachbarn Chile erzogen wurden, eine Art „Bibel“ zu sein. Von der Goltz war übrigens persönlicher Gesandter des Kaisers bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Revolución de Mayo im Mai 1910 in Buenos Aires. Ein Foto zeigt ihn in der offenen Kutsche neben Staatspräsident Figueroa Alcorta. Ein Sohn von der Goltz diente damals als Oberstleutnant in der argentinischen Armee. Umgekehrt durchliefen der spätere Staatspräsident General Uriburu und zahlreiche andere Argentinier eine Offiziersausbildung in Deutschland. Die deutsch-argentinischen militärischen Beziehungen waren eng und freundschaftlich. Dies wird sich, wie wir noch sehen werden, maßgeblich auf die argentinische Außenpolitik während der Weltkriege auswirken.

Am 13. Dezember 1913 erhielt Perón als Subteniente de Infantería sein Offizierspatent. Aus diesem Anlass schenkte ihm sein Vater u.a. ein Buch über das Leben von Philip Dormer Stanhope, dem „Lord Chesterfield“ (Stanhope war unehelicher Sohn des wirklichen Lord Chesterfield). Stanhope gelang als Abgeordneten im Unterhaus und Botschafter in Den Haag eine spektakuläre Karriere. Seine in zahlreichen Briefen an seinen Sohn gerichteten Ratschläge beeinflussten das Leben des jungen Offiziers Perón nachhaltig.7

Die ersten fünf Jahre seiner Offizierslaufbahn verbrachte Juan Domingo in Paraná, in der Hauptstadt der Provinz Entre Rios. Dort gründete er einen Boxclub. Danach wurde Perón bei der Niederschlagung von Streiks und Arbeiterunruhen eingesetzt. In dem von der britisch-französischen Gesellschaft La Forestal beherrschten Gebiet von Villa Guillermina (Norden der Provinz Santa Fe) erkannte er die Ausbeutung und die Gier, welche diese bei der Abholzung großer Waldflächen an den Tag legten. Neupflanzungen des für die Tannin-Gewinnung geschlagenen Quebracho-Holzes fanden nicht statt. Auch stellte die Gesellschaft immer wieder den Arbeitern das Wasser ab oder schloss sie von der Versorgung mit Nahrungsmitteln aus. Daraus resultierte eine Abneigung gegen England, aber auch gegen Frankreich, die, so hieß es landläufig, seit über hundert Jahren versucht hätten, den internationalen Handel zu dominieren und Argentinien auszubeuten.8

Arbeiteraufstände in Argentinien

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war Argentinien häufig Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen mit der politisch allmählich erwachenden Arbeiterschaft. Die Landarbeiter, die sog. „peones“, wurden oft wie Tiere behandelt. 9Vor allem aus Europa eingewanderte Arbeiter, welche die wachsende soziale Bewegung des alten Kontinents miterlebt hatten, wurden in Argentinien, in dem Estancieros, Militärs und Kaufleute den Ton angaben, zur Keimzelle der Arbeiterbewegung. Etwa von 1900 an werden Ausstände von Arbeitern immer häufiger. Viele von ihnen, aus Europa eingewandert, lebten jahrelang in prekären Verhältnissen, in den sog. „conventillos“, schäbigen, heruntergekommenen Männerheimen, in denen es oft von Ungeziefer wimmelte. Die Arbeiter beginnen sich zu organisieren. Im Mai 1901 kommt es zur Gründung der anarchistischen Federación Obrera de la República Argentina (FORA). 1902 scheiden die Sozialisten aus der FORA aus und gründen die Unión General de Trabajadores (UGT). Nun werden Arbeitskämpfe immer häufiger. Gegen 1910 verging fast kein Monat mehr ohne Streiks. Dabei traten anarchistische und sozialistische Rädelsführer auf den Plan. Hunderte von Arbeitern wurden Opfer der Auseinandersetzungen, in denen Polizei und Streitkräfte oft brutal vorgingen. Ein aus dem zaristischen Russland stammender Anarchist tötete im November 1909 mit einer Bombe den Polizeichef von Buenos Aires, der besonders rigoros vorgegangen und für den Tod zahlreicher Arbeiter verantwortlich war. Dies war der Auslöser für eine sich stetig verstärkende Eskalationsschraube. Die Ereignisse kulminierten 1919 beim Einsatz von Soldaten gegen Arbeiter, welche in einem strategisch wichtigen Betrieb die Arbeit niedergelegt hatten. Die hohe Opferzahl unter den Arbeitern führte zu dem Begriff der „Semana Trágica“.

1919 gehörte Perón zu den Truppen, welche in der sog. Semana Trágica gegen streikende Arbeiter vorgingen. Dabei hatte es ca. 700 Tote und mehr als 4000 Verletzte gegeben. Ein Jahr später wurde er Lehrer an der Unteroffiziersschule Campo de Mayo in Buenos Aires. 1924 wurde er zum Hauptmann befördert. Weiterhin betätigte er sich als eifriger Sportler. Im Degenfechten wurde er Heeresmeister. 1926 wurde der ehrgeizige Offizier an die Escuela Superior de Guerra, die oberste Kriegsschule, versetzt. Hier erhielt er drei Jahre lang eine umfassende Ausbildung, auch in Vortrag und Rhetorik. Dies sollte für seine politische Karriere von erheblicher Bedeutung sein.

Die Lehrtätigkeit bei den Streitkräften sollte für den jungen Perón immer mehr zum Mittelpunkt werden. Er befasste sich unablässig mit kriegsgeschichtlichen Themen und veröffentlichte eine Reihe von Untersuchungen. Hierzu gehörten z.B. die verschiedenen Feldzüge von San Martín, der französisch-deutsche Krieg von 1870, der russisch-japanische Krieg von 1905 sowie die Lage an der Ostfront im Ersten Weltkrieg. 10

Die Jahre 1929 und 1930 wurden erste entscheidende Jahre für den Hauptmann. 1929 heiratete er die 27-jährige Lehrerin Aurelia Gabriela Tizón („Potota“), die Tochter eines angesehenen Fotografen aus Belgrano, einem vornehmen Residenzviertel in Buenos Aires. 1930 unterstützte er die Generäle Uriburu und Justo, die nach faschistischen Vorbildern in Europa, besonders in Spanien und Italien, einen korporativen Staat gründen wollten. Die Wirtschaftskrise dieser Jahre, die von den USA ihren Ausgang nahm, und auch Argentinien in Mitleidenschaft zog, bildete den Vorwand für den ersten Militärputsch von 1930, der General José Felix Uriburu an die Macht brachte. Er gehörte zu den Offizieren, die im Deutschen Reich eine Ausbildung durchlaufen hatten. Präsident Marcelo T. Alvear hätte ihn gern zum Kriegsminister ernannt, sah aber dann doch davon ab, um bei den Alliierten keinen Argwohn zu erwecken. So wurde der General 1923 Generalinspekteur, ein Top-Posten in der argentinischen militärischen Hierarchie.11 Perón schloss sich Uriburu und seinen Leuten an. Er wurde Dozent an der Kriegsakademie (Escuela Superior de Guerra). Unter Uriburus Nachfolger General Agustín Pedro Justo wurde Perón 1932 zum Major befördert und Adjutant des Kriegsministers. Mehrfach hatte der Hauptmann hervorragende Beurteilungen erhalten.12 1936 wurde er Oberstleutnant und zum Militärattaché in Chile ernannt.

Argentinien und der Faschismus

Der Faschismus in Europa hatte seine Wurzeln in den Folgen des Ersten Weltkriegs. Enttäuschte Soldaten, wirtschaftlicher Niedergang mit finanziellen und sozialen Folgen und immer noch lebendiger Nationalismus gaben extremistischen, revisionistischen und nationalistischen Strömungen Raum, die sich anschickten, die mühsam errichteten demokratischen Strukturen zu beseitigen. An ihre Stelle sollten diktatorische Regime treten mit einem korporativen Unterbau und allmählicher Militarisierung von Gesellschaft und Staat. Italien und Mussolini machten dabei 1922 den Anfang. Ihm folgten bald Spanien, Portugal und Deutschland. In Deutschland wurde der Faschismus noch durch eine rassistische Komponente verstärkt, die sich besonders im Kampf gegen Juden im In- und Ausland ausprägte. In Lateinamerika übernahmen zahlreiche Politiker faschistisches Ideengut. In Argentinien waren es z.T. Leute, welche der katholischen Kirche nahe standen, vor allem auch Militärs, welche die Demokratie ablehnten. Unter den Intellektuellen stach der Dichter Leopoldo Lugones hervor, der den Faschismus verherrlichte. Auch in Brasilien gab es Politiker, wie Getulio Vargas, die jedenfalls anfangs einen nationalistischen, faschismus-ähnlichen Kurs steuerten. Die Weltwirtschaftskrise gab ihnen Auftrieb; für sie günstige Rahmenbedingungen brachten sie um 1930 an die Macht.

Als Perón 1936 als Militärattaché nach Santiago ging, war General Justo immer noch der unangefochtene Machthaber in Argentinien. Skandale überschatteten die politische Szene. Wahlen wurden gefälscht, und korrupte Politiker gelangten in hohe Staatsämter. Das Jahrzehnt nach 1930 trägt daher auch den Namen „década infame“. Perón wurde als Militärattaché in Chile mit Aufgaben betraut, die nichts mehr mit seinem Amt zu tun hatten und die wir als Spionage bezeichnen müssen. Hierzu gehörte die Beschaffung chilenischer Geheimdokumente über die Angriffs- und Verteidigungsstrategie des chilenischen Kriegsministeriums gegenüber Argentinien. So stellte Perón Agenten an, welche diese Dokumente gegen Entgelt besorgen sollten.

Die chilenische Seite, die hiervon erfahren hatte, ließ die Argentinier gewähren und würde ihnen (gefälschte) Dokumente zuspielen. Noch bevor die Pläne zur Ausführung kamen, wurde Perón – man schrieb mittlerweile das Jahr 1938 - nach Buenos Aires zurückversetzt. Sein Nachfolger, Major Lonardi, führte sie aus, wurde dabei ertappt und zur persona non grata erklärt. Perón soll seinen Nachfolger über die rechtswidrige Spionageaktion nicht unterrichtet haben.13 Hatte Perón sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht und seinen Nachfolger „ins offene Messer laufen“ lassen? Hierüber entstand vor Jahren in der argentinischen Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung. Angeblich hätten sich schon damals kalte Berechnung und rücksichtsloses Karrieredenken des Offiziers gezeigt. Übrigens ist Lonardi 1950 als einziger Nicht-Peronist zum Divisions-General befördert und auf ein Schlüsselkommando versetzt worden. Wollte damit Perón eine Schuld gegenüber seinem Kameraden begleichen? Lonardi stand 1955 an der Spitze der Militärjunta, die Perón stürzte. Er ließ den Gestürzten nach Paraguay ins Exil ausreisen. Ich werde hierzu noch ausführlich berichten.

1938 hielt für den 45-jährigen Oberstleutnant eine schlimme Überraschung bereit: Seine Frau „Potota“, die er neun Jahre zuvor geheiratet hatte, war an Gebärmutterkrebs erkrankt und verstarb im September. Etwa zur gleichen Zeit schlossen Hitler und Mussolini auf der einen Seite und Chamberlain und Daladier auf der anderen das sog. „Münchener Abkommen“, in welchem das Sudetenland an das Deutsche Reich gegeben und die Rest-Tschechoslowakei zum „Protektorat Böhmen und Mähren“ eben dieses Reiches wurde. Dieser Machtzuwachs und der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurden in Argentinien durchaus wahrgenommen. Perón, den der Verlust seiner Frau sehr schmerzte, dachte zunächst nicht an die Vorgänge in Europa. Er unternahm vielmehr eine lange Reise durch Patagonien, um sich abzulenken. Kurz nach seiner Rückkehr Anfang 1939 bewarb er sich um einen Posten im Ausland. Ihm wurde angeboten, bei den italienischen Gebirgsjägern, den Alpini, ein Praktikum zu durchlaufen. Perón nahm dies mit Freude an. Endlich würde er die Heimat seiner Vorfahren kennen lernen. Am 17. Februar 1939 schiffte er sich an Bord der Conte Grande zunächst nach Lissabon ein. Er würde fast zwei Jahre in Europa bleiben. Fast ein Jahr tat er bei alpinen Einheiten des italienischen Heeres und in einer italienischen Infanterieschule Dienst. Auf diese Weise lernte er Südtirol, Piemont und die Abruzzen kennen. Er nahm an zahlreichen Übungen der Gebirgsjäger teil und lernte Skilaufen. Später würde er sagen, dass er in Italien seine Gebirgserfahrung gesammelt hätte. Danach ging er für fast ein weiteres Jahr als Beobachter im argentinischen Militärattachéstab nach Rom. Von dort reiste er nach Budapest, nach Berlin, nach Albanien und an die russisch-deutsche Grenze. In Italien hatte er mehrfach Gelegenheit, Reden Benito Mussolinis zu hören. Ob er dem „Duce“, wie er selbst behauptete, je persönlich begegnete, muss als eher zweifelhaft angesehen werden. Jedenfalls faszinierte den Argentinier die von Mussolini vertretene „Dritte Position“ zwischen liberalem Kapitalismus und Sozialismus. Die von den italienischen Faschisten ins Werk gesetzten Propaganda-Kampanien waren Vorbilder für sein eigenes späteres Handeln. 16

Faschismus in Italien

Benito Mussolini war 1922 nach dem „Marsch auf Rom“ im Rahmen der italienischen Verfassung an die Macht gekommen. Im Bündnis mit konservativen Führungsgruppen aus Wirtschaft, Heer, Verwaltung und der Kirche setzte er die Ernennung zum Ministerpräsidenten eines Koalitionskabinetts durch und wurde allmählich der „starke Mann“ Italiens. Seine Herrschaft beruhte nicht auf einem ausgefeilten theoretischen Unterbau als vielmehr im Glauben an die„Dynamik der faktischen Situation“, die durch die Stärke des Führers und der unbedingten Unterordnung der von ihm geleiteten Bewegung (Faschismus) bestimmt wurde. Der Starke unterwirft den Schwachen. Der Krieg wird zur Charakteristik des Mannes, so wie die Mutterschaft die Frau ausmacht. Faschismus ist keine Doktrin, sondern vielmehr die Technik, die Macht zu erlangen und sie gewaltsam zu behalten. Kämpferische Tugenden, militärische Disziplin, Rücksichtslosigkeit und eiserner Wille zeichnen den Faschisten aus. Er verherrlicht sein Vaterland, seine Geschichte und Traditionen, wobei die dem Staatsvolk fremden ethnischen Gruppen ins zweite Glied herabgestuft oder sogar bekämpft werden.14 Die Ausrichtung des Staates und der Gesellschaft auf den Führer, den Duce, gestattet keinen Pluralismus, kein für die Demokratie typisches Parteiensystem und freie Wahlen. In Italien wird der dem Duce unterwürfige Gran Consiglio del Fascismo, der Große Rat des Faschismus, de facto höchstes Staatsorgan, dem die Exekutive und die Legislative unterworfen werden. Während der italienische Faschismus an seinem Beginn sowohl antikapitalistisch als auch anti-sozialistisch war, entschied er sich im Laufe er Zeit für eine Allianz mit konservativ-liberalen Kräften, mit der Armee und der Kirche, zu einer gemeinsamen Front gegen den Sozialismus (marxistischleninistisch oder sozialdemokratisch). Auch Kontakte zum Dachgewerkschaftsverband, der Confederazione Generale del Lavoro, standen am Beginn der politischen Führerschaft Mussolinis.15

Perón erlebte den Hitler-Stalin-Pakt vom 24.8. 1939 sowie den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1.9. 1939 in Europa. Ende Dezember 1940, nachdem das argentinische Außenministerium die Rückversetzung des gesamten militärischen Personals im Ausland angeordnet hatte, kehrte auch Oberstleutnant Perón nach Argentinien zurück. Begeistert berichtete er seinen Landsleuten von seinen Erfahrungen in Europa. Die Organisation und die Mobilisierung der Massen in Italien und Deutschland begeisterten ihn.17 Besonders die Einbettung der sozialen Frage in das System des Faschismus und die Teilnahme der Arbeiter am politischen Leben in Italien und Deutschland fanden seine rege Zustimmung. Die Anfänge Mussolinis in der sozialistischen Partei Italiens – er war Lehrer und Journalist und Chefredakteur der sozialistischen Parteizeitung „Avanti!“ – waren Perón durchaus geläufig. In Vorträgen und schriftlichen Veröffentlichungen kommentierte er dies. Spanien, das Perón auf der Durchreise nach Lissabon kennen gelernt hatte, litt immer noch unter Folgen des Bürgerkriegs. In Perón rief dies Horrorvorstellungen wach. Wahrscheinlich hat dies wesentlich dazu beigetragen, dass er in seinem Land einen Bürgerkrieg mit allen Mitteln vermeiden wollte.

Für Perón war der von den europäischen Faschisten, vor allem von Mussolini und Hitler propagierte Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus als eine Art „dritter Ideologie“, der ideale Weg, auch um die Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Einklang zu bringen und damit den sozialen Frieden zu garantieren. Daher auch die Zielsetzung Peróns, über die STP (Staatssekretariat für Arbeit und Fürsorge) Arbeitgeber und Gewerkschaften zu beeinflussen. Freilich war dies eine naive Sichtweise, die mit der Realität wenig zu tun hatte. Perón baute sich ein Gedankengebäude auf, das keinen Bestand haben konnte. Es verriet auch einen hohen Grad von Ignoranz.18 Wo er allerdings richtig lag, war die Unterstützung der Arbeiterschaft bei der Überwindung fundamentaler Ungerechtigkeiten und bei der Stärkung ihrer Rechte. Hier war er fast allen lateinamerikanischen Staaten weit voraus.

Im Übrigen unterschied sich Perón ganz deutlich von den europäischen Faschisten durch seine grundsätzliche Ablehnung von brutaler Gewalt und durch die Ablehnung der Rassenideologie. Zwar gebrauchte auch er, wie wir noch sehen werden, gelegentlich unlautere Mittel bis hin zum physischen Zwang, auch war er den Juden gegenüber, jedenfalls am Anfang, wenig aufgeschlossen; aber das was Hitler und teilweise auch Mussolini politischen Gegnern und den Juden antaten, war nicht seine Sache. Gewalt gehörte nicht zum Kern seines Denkens.19Der Faschismus ist für Perón der „Versuch eines weder marxistischen noch dogmatischen nationalen Sozialismus“.20 In Argentinien mit seinen ständigen Streiks, die sich, wie wir gesehen hatten, zu bewaffneten Auseinandersetzungen steigerten, wurde diese Sichtweise häufig als „kommunistisch“ gebrandmarkt.

Anfang Januar 1941 wurde Perón zu den Gebirgsjägern nach Mendoza, in die Andenregion, versetzt.21 Ist der Rückkehrer aus Europa wegen seiner Ansichten, die er aus dem alten Kontinent importierte, in die ferne Andenregion nach Mendoza versetzt worden? Einerseits konnte ein solcher Offizier hoch gefährlich werden, so dass er aus Buenos Aires verschwinden musste. Andererseits war die Versetzung nach Mendoza nach den bei den italienischen Gebirgsjägern gemachten Erfahrungen durchaus folgerichtig. Ich bezweifle daher, dass Perón, zwischen dessen Rückkehr nach Argentinien und der Abreise nach Mendoza nur wenige Wochen und die Weihnachtszeit sowie die Jahreswende lagen, die Zeit blieb, in die Feiertagsstimmung hinein „Ansichten“ zu vertreten, die ein „Exil“ in die Anden hätten rechtfertigen können.22

In Mendoza wurde der Oberstleutnant Kommandeur eines Gebirgstruppenregiments. Seine neuesten in den italienischen Alpen erworbenen Kenntnisse konnte er gut anwenden. Auch hier wurde er als Lehrer tätig, sogar beim Skilaufen. Die Tatsache, dass Perón Ende Dezember 1941 in Mendoza zum Oberst befördert wurde, spricht ebenso wie die übrigen Argumente gegen eine Strafversetzung.

1 Vgl. Pigna, Los Mitos Bd. IV, 12, García Hamilton, Juan Domingo 21

2 García Hamilton, aa0, 21

3 Pagni aa0, 15

4 García Hamilton aa0, 36

5 García Hamilton aa0, 37

6 Potash, The Army and Politics…(Bd. 1), 4

7 Pagni aa0, 18

8 Pagni aa0, 21

9 Galeano, Las venas abiertas…,169

10 Page, Perón, 57 ff.

11 Potash, aa0, 4

12 Garcá Hamilton aa0, 57

13 Vgl. auch Potash, El ejército…(Bd.2), 162 und Fußnote 53

14 Vgl. Encyclopedia Britannica, Bd. 7, 183

15 Marxism, Communism …, Bd. 3, 285

16 Vgl. auch Mercado, El inventor…49

17 Page, Perón, 62

18 Vgl. auch Page aa0, 132

19 Page aa0, 133

20 PIgna, El historiador (biografías) Juan Domingo Perón (Internet, letzter Zugriff 15.3.2016)

21 Pigna aa0 28,30

22 Page, Perón, 63

2. Kapitel

Der Oberst in Buenos Aires

Eigentlich hätte hier, in den Anden, die Karriere des mittlerweile 47-Jährigen enden können. Aber das Schicksal wollte es anders. Perón freundete sich in Mendoza mit seinem Chef, General Edelmiro J. Farrell und mit dem ihm unterstellten Oberstleutnant Domingo Mercante an. Mit dem General verband Perón die Erfahrungen in Italien. Auch Farrell hatte, allerdings fast zwanzig Jahre vor Perón, bei den italienischen Gebirgstruppen ein Praktikum absolviert. Mercante war ihm aus der Unteroffiziersschule bekannt, an der Perón unterrichtet hatte. Schon damals war er ihm als intelligent, loyal und fleißig aufgefallen.

Nachdem Farrell zum Inspekteur der Gebirgstruppen bestellt und nach Buenos Aires versetzt wurde, holte er im Mai 1942 seine Freunde Perón und Mercante in die Hauptstadt nach. Es war eine politisch hochbrisante Zeit. In der Folge des Sturzes von Yrigoyen (1930) hatte sich unter der Bezeichnung „Concordancia“ eine neue Machtelite gebildet, die schamlos ihre eigenen Interessen verfolgte. Betrügereien und Korruption waren gang und gäbe. Die einst mächtige radikale Partei hatte sich teils der Concordancia angeschlossen, teils saß sie im Schmollwinkel politischer Enthaltsamkeit. In der argentinischen Gesellschaft wuchs die Opposition gegen die Selbstbedienung der führenden Schichten. Die zivilen Regierungen, die in den letzten Jahren geherrscht hatten, erschienen erschöpft. Auch stand die Frage im Raum, ob Argentinien seine Neutralität aufgeben und sich, wie andere Staaten Lateinamerikas, den Alliierten anschließen würde. Präsident Ortiz hatte im Juni 1942 sein Amt aufgegeben. Sein Nachfolger, Castillo, nahm die betrügerischen Praktiken von Vorgängerregierungen wieder auf und begünstigte den aus Salta in Nordargentinien stammenden Robustiano Patrón Costas, einen reichen, skrupellosen Großgrundbesitzer, der für den Kriegseintritt Argentiniens auf Seiten der Alliierten eintrat. Er sollte sein Nachfolger werden.

Vor diesem Hintergrund hatte sich eine kleine konspirative Gruppe von Offizieren gebildet, die einerseits gegen die Bindung an die Alliierten waren – sie sympathisierten mit den Achsenmächten - und andererseits erneute betrügerische Machenschaften der Staatsführung ablehnten. Auch befürchteten sie eine Stärkung linker, dem Sozialismus oder Kommunismus nahestehender Kräfte. Diese Gruppe nannte sich GOU (Grupo de Oficiales Unidos, auch Grupo

GOU, ein starker Geheimbund

Die dreißiger Jahre, die mit dem ersten Militärputsch unter General Uriburu begannen, sind als década infame bekannt. Die Werteordnung, wie sie sich unter dem Einfluss der Kirche etabliert hatte, kam ins Rutschen. Die dreißiger Jahre sind durch Tricks, Wahlfälschungen und ständige Manipulationen bekannt, wobei Argentinien kein Einzelfall ist. So ein Trickser war auch der Präsident Castillo, der einen guten Freund zu seinem Vizepräsidenten und Nachfolger machen wollte. Seine Machenschaften riefen junge Offiziere auf den Plan, die sich damit nicht abfinden wollten. Sie sahen ihr Vaterland von außen und von innen bedroht. Von außen durch den wachsenden Druck der USA und ihrer Verbündeten, in den Krieg gegen die „Achse“ einzutreten. Von innen durch Kräfte, die eine völlig andere Gesellschaftsordnung herbeiführen wollten, unter sozialistischem oder kommunistischem Vorzeichen. Sie orientierten sich an der Sowjetunion unter Stalin, die dem Angriff Nazi-Deutschlands „heldenhaft standhielt“. Die Offiziere schlossen sich zu einem Bund zusammen und nannten ihn GOU (Grupo de Oficiales Unidos oder auch Gobierno Orden y Unidad). Oberste Ziele waren die Abwehr der das Land gefährdenden Einflüsse von außen wie von innen. Perón gehörte am Anfang nicht zum Führungszirkel des Bundes, stieg aber allmählich hierzu auf. Konkret wollten sie 1943 die Kandidatur eines gefährlichen Mannes für die Vizepräsidentschaft verhindern: Patrón Costas, der als Freund der USA und als Befürworter eines Kriegseintritts Argentiniens aufgetreten war. Möglicherweise wollten sie auch anderen Offiziersgruppen, die einen Aufstand planten, zuvor kommen. Die Verschwörer des GOU begannen Pläne für einen Sturz der demokratisch gewählten, wenn auch durch Wahlfälschungen an die Macht gekommenen Regierung Castillo zu schmieden. Sie wollten die verfassungsmäßige Ordnung, aber auch die Moral und Disziplin innerhalb der Streitkräfte wiederherstellen. Nach ihrer Auffassung würde die Korruption im Land den Kommunisten in die Hände spielen. Sie galt es zu bekämpfen. Darüber hinaus wollten sie die Waffenkäufe in den USA verhindern. Zwar war der Präsident ein Befürworter der argentinischen Neutralität; aber das Waffengeschäft hätte den USA erheblichen Einfluss auf die argentinische Außenpolitik einräumen können. 23

Obra de Unificación oder Gobierno, Orden, Unidad). Perón trat dieser Gruppe bei und wurde bald einer ihrer Führer. Es wird sogar behauptet, Perón sei der Gründer und Initiator von GOU gewesen.24 Die Offiziersfronde agierte im Schatten des Kriegsministers General Ramírez. Dieser hatte bei der Revolution von 1930 eine wichtige Rolle gespielt. Auch galt er, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, als Freund der Achsenmächte.

Was sich in den Juni-Tagen 1943 in Argentinien zutrug, war unglaublich. Zunächst ging es um die Wahlen, die für September 1943 angesetzt waren. Wer würden die Kandidaten sein? Castillo und seine Leute kamen aus der Sicht der wichtigsten Parteien, z.B. der UCR und der Sozialisten, die sich in der „Alianza Democrática“ zusammengeschlossen hatten, nicht infrage. Er hatte sich durch sein Verhalten, vor allem die Wahlfälschungen, „verbrannt“. Der ehemalige Präsident Augustín P. Justo, der an sich in Frage gekommen wäre, war im Januar 1943 verstorben. Nun dachten die demokratischen Parteien an einen gut beleumundeten General, den Kriegsminister Pablo Ramírez, und boten ihm die Kandidatur für das Präsidentenamt an.

Präsident Castillo, der davon erfuhr, forderte Ramírez auf, sich zu erklären. Aber die erwartete Erklärung kam nicht, stattdessen nur ein gewundenes und mehrdeutiges Statement. Castillo wurde von Stunde zu Stunde nervöser. Schließlich bat er am 3. Juni 1943 den Marineminister, ein Dekret zu formulieren, in welchem die Entlassung von Ramírez ausgesprochen wurde. Dieser Schritt rief die Militärs auf den Plan, die hierauf offenbar gewartet hatten. Schon mit dem Entwurf des Dekrets – der Präsident hatte es allerdings noch nicht unterzeichnet – sahen sie die Würde der Streitkräfte angetastet. Sie sahen in dem Verhalten einen Affront und sannen auf den sofortigen Sturz Castillos.

Präsident Castillo trat am 4. Juni zurück, als er auf den entschlossenen und geschlossenen Widerstand der Streitkräfte stieß und bemerkt hatte, dass er völlig isoliert war. Auch der Rücktritt seines Kriegsministers, General Ramírez, hatte dies ganz deutlich gemacht. General Arturo Rawson, Befehlshaber im Campo de Mayo, des wichtigsten Kommandos in der Hauptstadt und Freund der Alliierten, schickte sich an, Präsident zu werden. Mit zehntausend Mann marschierte er im Morgengrauen des 4. Juni auf die Casa Rosada, den Amtssitz des Präsidenten, zu und ließ sich die Präsidentenschärpe umhängen. Nun trat aber die Offiziersgruppe GOU auf den Plan, die Rawson als einen Usurpator betrachtete und vehement ablehnte. Einige der Offiziere begaben sich in die Amtsräume des neuen Präsidenten und forderten ihn auf, unverzüglich zurückzutreten. Andernfalls drohten sie, ihn aus dem Fenster zu werfen. Unter ihnen befand sich auch Perón, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte und bereits von einigen seiner Kameraden als Feigling gebrandmarkt wurde.25 Rawson trat zurück und nun wurde der Wunschkandidat der aufmüpfigen Offiziere, General Pedro Pablo Ramírez, Präsident26.

Warum hatte sich Oberst Perón im Hintergrund gehalten und sich nicht aktiv an dem Umsturz beteiligt? Wahrscheinlich war auch für ihn die Lage unklar. Weder Ramírez noch andere Generäle, die GOU nahestanden, verfügten über die für den Umsturz notwendigen Truppen. Rawson jedoch konnte sich auf entscheidende Truppenteile stützen. Allerdings war er für GOU und andere Offiziere wegen der von ihm favorisierten Kabinettsliste letztlich inakzeptabel. Sie enthielt Namen von Leuten, die Castillo nahegestanden hatten und im Ruf standen, für betrügerische Machenschaften offen zu sein.27 In diesem Wirrwarr zog es Perón offenbar vor, abzuwarten und sich im letzten Moment auf die richtige Seite zu schlagen. Jedenfalls trat er in jenen Tagen immer wieder zusammen mit seinem Freund Farrell auf, der gerade Kommandeur des wichtigen ersten Heerescorps geworden war und daher mit großer Wahrscheinlichkeit ein wichtiges Amt im künftigen Militärkabinett erhalten würde.

Wir entdecken hier eine Charaktereigenschaft von Perón, auf die wir auch in seinem späteren Leben immer wieder stoßen werden: Der Mann taktiert, legt sich nicht fest, sucht Risiken zu vermeiden. Es ist der Opportunist Perón, dem wir hier begegnen. Immer auf sein eigenes Wohl bedacht, lässt er im Zweifel die Kameraden im Stich, verbirgt sich im Hintergrund, bis die Sache klar ist und er seinen persönlichen Nutzen ziehen kann.28

Aber kommen wir auf den Putsch zurück: Interessant an dem Vorgang ist auch, dass der neue Präsident Ramírez ja auch der Kandidat der großen demokratischen Parteien, wie der UCR, des Partido Socialista und des Partido Demócrata Progresista war. Aber die Militärs wollten mit ihrem Staatsstreich verhindern, dass es erneut zu Wahlmanipulationen, Fälschungen und Betrug käme. Sie misstrauten den „Demokraten“ zutiefst. Auch die kleine kommunistische Partei dachte insgeheim in die gleiche Richtung. Daher war letztlich der Kandidat Ramírez, der jetzt die Präsidentenschärpe trug, allgemein anerkannt. Damit war auch der Militärcoup irgendwie „verdaulich“. Es war ja der Mann an die Macht gekommen, den viele wollten.29

Es ist viel darüber gestritten worden, ob der Militärputsch von 1943 ein faschistischer Coup war oder nicht. Sicherlich beteiligten sich an ihm ultrakonservative Kräfte, die große Sympathien für die europäischen Faschisten hegten. Daher läuteten in Washington damals die Alarmglocken. Die USA fürchteten die Errichtung einer Nazi-Diktatur in einem der wichtigsten Länder Lateinamerikas und erhebliche Einflüsse auf den Rest des Kontinents, ja sogar dessen Kontrolle. 30 Wenn sie dennoch die Regierung Ramírez anerkannten, so geschah dies wohl in der Erkenntnis, Argentinien nicht zu isolieren und damit die Kräfte zu stärken, die man bekämpfen wollte.

Das Kabinett von Ramírez zählte 19 Minister, darunter 15 Militärs. General Farrell wurde Kriegsminister. Er ernannte seinen Freund Perón zum Staatssekretär. Innenminister wurde Oberst Gilbert, der einem anderen maßgeblichen Offizier des GOU nahestand. So erhielt der Geheimbund, den viele Argentinier eine logia (Loge) nannten, bestimmenden Einfluss auf die Politik des Landes. Perón als Stellvertreter des Kriegsministers und als allmählich führender Kopf des GOU hatte eine so starke Stellung erlangt, dass er sich ohne Widerspruch auch noch zum Chef des „Departamento Nacional de Trabajo“ (DNT) machen konnte, das dem Innenminister, einem dem GOU nahestehenden General, unterstand. Perón pflegte das Image von GOU als der für den Staatsstreich maßgeblichen Institution. 31Für ihn war es auch deshalb ein Leichtes, sich des DNT zu bemächtigen, weil einerseits die Prioritäten des Innenministers auf ganz anderem Gebiet lagen, nämlich die Festigung der Macht des Militärregimes auf der Grundlage eines diktatorischen Repressionsapparats.32 Hinzu kam, dass niemand das DNT ernst nahm. Es war ein Abstellgleis, ein Elefantenfriedhof, auf den man lang gedienten Beamten noch kurz vor ihrem Ruhestand zu einem Posten verhalf. Perón aber fasste den

Blick über den Zaun. Getulio Vargas

Wie in zahlreichen anderen Ländern, so führte auch in Brasilien die von den USA ausgehende Weltwirtschaftskrise zu enormen Umwälzungen. Bis 1930 hatte die Oligarchie im Städtedreieck Rio de Janeiro – São Paulo – Belo Horizonte die Macht inne. Schmunzelnd nannte man das Regime „Café com Leite“ (Milchkaffee) die Herrschaft der Kaffeebarone und der Viehzüchter. In dieser, auch als „Coronelismo“ bezeichneten feudalen Herrschaftsstruktur, hatten Arbeiter und Schwarze nur wenige Rechte. Sie lebten zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen. Die Weltwirtschaftskrise ließ den für Brasilien zentralen Kaffeeexport merklich einbrechen. Millionen Tonnen dieses Rohstoffs wurden ins Meer geschüttet, um den internationalen Kaffeepreis nicht ins Bodenlose absinken zu lassen. Mit dem Verlust der internationalen Kaffeemärkte verlor auch die Oligarchie an Macht. Sie versuchte nun durch Tricks und Betrügereien, vor allem auch durch Wahlmanipulationen, das von ihr getragene Regime aufrechtzuerhalten. Unruhe machte sich im Volke breit. Als 1930 ein aussichtsreicher Kandidat für die Vizepräsidentschaft ermordet wurde, kam es zum offenen Widerstand gegen das herrschende Regime. Der Gouverneur von Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat, Getulio Dornelles Vargas, der selbst Präsidentschaftskandidat gewesen war, setzte sich an seine Spitze und erzwang den Rücktritt des durch Wahlmanipulationen gewählten Staatspräsidenten. Vargas war einerseits Anhänger der europäischen Faschisten, vor allem des Spaniers Primo de Rivera und des Italieners Mussolini, andererseits aber erkannte er die Notwendigkeit, etwas für die Unterschicht zu tun, für die Schwarzen und für die Arbeiter. Mit seinem Projekt der Brasileiridade im Rahmen seines Estado Novo suchte er erfolgreich die Inklusion der Schwarzen und die Bildung einer Nation herbeizuführen und Rassenschranken zu überwinden. Vargas, der 1937 alle ausländischen Vereine und Schulen in Brasilien verbot, geriet bald ins Fadenkreuz faschistischer Attentäter, die ihn zu beseitigen suchten. Eine gegen Faschisten eingeleitete Verhaftungswelle führte zur diplomatischen Krise zwischen Nazi-Deutschland und Brasilien. 1942 schloss sich das Land den Alliierten an und erklärte den Achsenmächten den Krieg33.

Plan, das DNT auf die Ebene eines Staatssekretariats (Secretariado de Trabajo y de Previsión, STP) anzuheben und es unmittelbar dem Staatspräsidenten zu unterstellen. So geschah es im November 1943. Perón würde das DNT, jetzt STP, zur entscheidenden Schaltstelle in den Beziehungen der Regierung zur Arbeiterschaft entwickeln und zum Sprungbrett für seine eigene Karriere.

Seine Stellung als Staatssekretär im Kriegsministerium war anfangs keineswegs unangefochten. Einige höhere Offiziere, die ihn beobachtet hatten, sahen in ihm einen rücksichtslosen Karrieristen, der danach trachtete, immer mehr Einfluß in der Regierung zu gewinnen und weiter aufzusteigen. Dabei half dem Oberst, dass General Farrell fast willenlos Perón folgte. 34 Seit mehr als einem Jahr war Perón, ein harter Arbeiter mit gutem Urteilsvermögen, zur Vertrauensperson des Generals aufgerückt. Dabei hielt sich der Oberst nach außen stets im Hintergrund, so dass der Eindruck entstand, Farrell hätte die betreffende Entscheidung getroffen. Einige Offiziere, vor allem im Rang unter Perón, sahen dadurch, dass sie Perón unterstützten, die Möglichkeit, aufzusteigen.

Sein Glanzstück an Gerissenheit vollführte Perón noch 1943, als er einige unliebsame oder ihm sogar feindlich gesonnene Offiziere in Schlüsselpositionen, wie z.B. in der Präsidialkanzlei, mit lukrativen Auslandsversetzungen (Militärattachés) weglobte und seine eigenen GOU-Leute dort platzierte. Präsident Ramirez sah in den von Perón angeschobenen Personalbewegungen nichts Schlechtes. Er weigerte sich, Perón, der auch ihm tüchtig erschien, zu ersetzen, so wie es einige höhere Offiziere verlangt hatten. Aber dann kam doch ein gefährlicher Moment, als Ramirez sich durchgerungen zu haben schien, Farrell und Perón aus ihren Ämtern zu entlassen. General Rossi sollte Kriegsminister werden. Aber im letzten Augenblick änderte Ramirez seine Meinung und befahl Rossi dort zu bleiben, wo er war. Farrell und sein schlauer Vertreter zogen aus dieser Situation zusätzlichen Nutzen.

Aber noch hatte Perón längst nicht die höchsten Sprossen der Karriereleiter erklommen. Eine gute Gelegenheit für einen Karrieresprung bot sich mit dem Amtsverzicht von General-Präsident Ramirez im Februar 1944. Farrell, der bereits das Amt des Vizepräsidenten bekleidete, wurde Staatspräsident. Perón rückte nach und wurde – zunächst amtierender, später mit vollem Kabinettsrang - Kriegsminister. Dieses neue Amt und die wenig spätere Ernennung zum Vizepräsidenten (7.7. 1944) gaben ihm angesichts der Schwäche und Antriebsarmut seines Chefs Farrell eine ungeheure Machtfülle. Einerseits hatte er ein wichtiges Wort über einen möglichen Kriegseintritt Argentiniens auf Seiten der Alliierten oder über die Beibehaltung der Neutralität mitzureden, andererseits erfolgten Ernennungen und Beförderungen auf dem militärischen Sektor nur mit seiner Einwilligung. Das Offizierscorps schielte nur auf den Kriegsminister und buhlte um sein Wohlwollen.

Perón meisterte seinen Aufstieg mit Bravour. Er war den meisten seiner Konkurrenten intellektuell überlegen, war pragmatisch und vereinigte machiavellistische sowie opportunistische Fähigkeiten. Seine freundliche, oft lachende Erscheinung schlug viele in seinen Bann. Aber vor allem beherrschte er die viveza criolla, d.h. Chuzpe und die Fähigkeit, sich durch Tricks und mancherlei Machenschaften durch allerlei Schwierigkeiten hindurch zu schlängeln.35 Seine Ernennung zum Vizepräsidenten hatte er durch die Unterstützung zahlreicher hoher Offiziere, darunter auch des Marineministers Admiral Alberto Teisaire, durchgesetzt.

Zu den großen außenpolitischen Problemen gehörte die Position Argentiniens gegenüber den Alliierten, die den Druck erhöhten, endlich in den Krieg gegen die Achsenmächte einzutreten. Im Februar 1944 brach Argentinien seine diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten ab. Allerdings hatte sich Präsident Ramírez bis zum letzten gegen diesen Schritt gewehrt und seinen Außenminister Storni in einem Schreiben an US-Außenminister Cordell Hull das Festhalten an der argentinischen Neutralität damit begründet, dass eine Kehrtwendung zugunsten der Alliierten in weiten Teilen der argentinischen Öffentlichkeit auf Unverständnis stoßen würde. Hull wies dies seinerseits in einem Schreiben zurück, in dem er auch die von Argentinien geäußerte Bitte um Waffenlieferungen brüsk zurückwies. Die Veröffentlichung beider Briefe rief in der argentinischen Öffentlichkeit Empörung hervor und führte zum Rücktritt von Storni und zur Ernennung von General Alberto Gilbert als neuem Außenminister.36

Ein weiterer Schritt, der zur Verhärtung der Beziehungen zu den USA führen sollte, war die Ernennung des Erzkonservativen Generals Luis Perlinger zum Innenminister. Perlinger, der als „Freund der Nazis“ galt, verbot gegen Ende 1943 alle politischen Parteien und auch jüdische Zeitungen und Wochenschriften. Er führte ein antidemokratisches, repressives Regiment. Die USA begannen, den internationalen Druck auf Argentinien zu verstärken. Ein von der argentinischen Regierung beauftragter Emissär nach Berlin, der dort Waffenkäufe tätigen sollte, wurde bei seiner Zwischenlandung in Trinidad verhaftet und als deutscher Spion entlarvt.

Ramírez sah keinen anderen Ausweg, als die Beziehungen zu den Achsenmächten abzubrechen. Dies wiederum führte zu stürmischen Protesten in GOU und nach wenigen Wochen zum Sturz von Ramírez. Perón sah diesem Treiben ohne eigene Stellungnahme zu. Er spielte die Karte von Farrell, der den Präsidenten ablösen würde. Allerdings würde er damit letztlich als Verräter dastehen, denn er hatte ja GOU unter anderem auch mit der Achsenfreundlichen Grundhaltung initiiert. Wenn er jetzt, in diesem entscheidenden Moment der argentinischen Außenpolitik keine Stellung bezog, handelte er gegen seine ursprüngliche Überzeugung. Eine Reihe seiner Kameraden würden ihm diese Kehrtwendung nicht verzeihen.

Bei allen Schwierigkeiten, die Perón vor allem in den Streitkräften hatte, sehen wir ihn Mitte 1944 als einen der mächtigsten Männer in Argentinien. Ohne sein Einverständnis wurde keine wichtige Entscheidung getroffen. Das galt auch auf sozialem Gebiet. Perón machte gemeinsam mit seinem Freund, dem Oberstleutnant Mercante, den er in Mendoza kennen gelernt hatte, die Secretaría de Trabajo y de Previsión zum Bindeglied zwischen der Regierung und der Arbeiterschaft. Mercante, selbst Sohn eines Eisenbahnarbeiters, der aktiv in einer Gewerkschaft mitgearbeitet hatte, kam die Freundschaft zu zahlreichen Gewerkschaftern zugute. Günstig wirkte sich auch aus, dass Perón in dem aus Katalonien stammenden Figuerola y Tresols einen Fachmann in der STP hatte, der bereits in den zwanziger Jahren in Spanien profunde Kenntnisse der Arbeitsgesetzgebung und der Arbeitsgerichtsbarkeit gesammelt hatte. Zehn Jahre lang hatte er Untersuchungen über die Probleme der Arbeiterschaft in Argentinien durchgeführt.37

Mit Hilfe seiner geschulten Mitarbeiter konnte Perón Lohnerhöhungen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einschließlich entsprechender Rechtsnormen sowie die Einrichtung von Arbeitsgerichten in Angriff nehmen. Dies war eine neue, ja unerhörte Politik, die allmählich die Anhängerschaft Peróns bei den unteren Schichten der Bevölkerung vermehrte. Bei den Arbeitern entstand der Eindruck, endlich die Teilnahme an der Sozialpolitik erreichen zu können. Perón brachte Bewegung in eine Gesellschaft, die in Erstarrung zu fallen drohte.38

Allerdings sah Perón auch ein schweres Hindernis: Die Gewerkschaften. Denn sie wurden zu einem großen Teil von Anarchisten, Kommunisten und Sozialisten beherrscht, die zu seinen Gegnern zählten. Auch hier zeigte sich das Geschick des Obristen. Er förderte ihm ergebene Gewerkschafter aus der zweiten und dritten Reihe, die sich immer weiter nach oben durchzusetzen vermochten und die mit Perón verfeindeten Führer schließlich stürzten. Dies galt besonders für die Dachorganisation der Gewerkschaften, die CGT (Confederación General de Trabajo), die als „kommunistisch“ galt. Perón machte einige der ihm ergebenen Gewerkschafter zu Mitarbeitern in der Secretaría de Trabajo y de Previsión. Es gelang ihm auf diese Weise, eine bedeutsame Gefolgschaft um sich zu scharen. Bald nannte man ihn den „ersten Arbeiter“ seines Landes.

Beispielhaft wurde seine Beziehung zum Führer der Schlachthofgewerkschaft, Cipriano Reyes. Reyes war ein fleißiger, auch bei seinen Kollegen hoch geschätzter Arbeiter, der gegen den wachsenden Einfluss der Kommunisten kämpfte. Perón erkannte dies und förderte ihn. Vor allem half er dem Mann, sich gegen den starken Mann in der Schlachthofgewerkschaft, José Peter, durchzusetzen. Peter war Kommunist und hatte im Gefängnis gesessen. Perón hatte seine Freilassung durchgesetzt und damit Ansehen bei dieser wichtigen Teilgewerkschaft gewonnen. Der Oberst erkannte jedoch, dass er auf Dauer mit Peter als Führer keinen Einfluss auf die Gewerkschaft gewinnen würde. Also unterstützte er Reyes, der gegen Peter antrat und schließlich der Führer der Schlachter wurde. Die enge Beziehung zu dem energischen Reyes würde sich für Perón noch als außerordentlich wichtig herausstellen.

Aber auch andere Gewerkschafter, wie Juan A. Bramuglia, Rechtsberater der Eisenbahnergewerschaft, oder Ángel G. Borlenghi, Funktionär bei der wichtigen Gewerkschaft der Handelsangestellten, wurden zu Vertrauten des Obristen. Sie würden später dem engen Zirkel angehören, den Perón aus Gewerkschaften um sich versammeln würde.39