Focusing Yoga - Barbara Franz - E-Book

Focusing Yoga E-Book

Barbara Franz

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Durch Focusing zu einer feineren Yoga-Praxis Yoga ist im Kern ein Weg, bei dem man über die Körpererfahrung Zugang zu sich selbst bekommt. Focusing hat einen sehr ähnlichen Ansatz und ist überdies leichter zu erlernen als Yoga. Nichts liegt näher, als die beiden Methoden miteinander zu verbinden. Die Yoga- und Focusing-Lehrerin Barbara Franz hat genau dies getan und ein komprimiertes Praxis-Programm für inneres Wachstum geschaffen. Achtsamkeit, Atmung und Körperbewegung sind dabei die wichtigsten Mittel, um sich selbst besser annehmen und gelassener werden zu können. Mit 15 praktischen Übungssequenzen Das erste Buch, das beide Selbsthilfe-Methoden miteinander verbindet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Barbara Franz

Focusing Yoga

Mehr Gespür für sich selbst entwickeln und Yoga intensiver erleben

Knaur e-books

Über dieses Buch

Focusing ist eine leicht zu erlernende Methode zur Lösung persönlicher Probleme durch bewusste Körperwahrnehmung. Der passende nächste Schritt ist immer schon da. Er zeigt sich, sobald wir uns dem, was der Körper sowieso schon weiß, mit freundlicher Aufmerksamkeit zuwenden. Barbara Franz verbindet Focusing mit den bewährten Übungsweisen des Yoga und schafft damit ein komprimiertes Praxis-Programm für inneres Wachstum. Sie erläutert den traditionellen indischen Selbsterfahrungsweg, der so viel mehr zu bieten hat als Entspannung. Im bekannten Yoga-Sutra empfiehlt Patanjali, uns zu beobachten und dem Leben zu vertrauen, der Intelligenz, die in allem wirkt. Selbstbeobachtung, Atmung und Körperbewegung sind die wichtigsten Mittel, um sich selbst besser annehmen und gelassener werden zu können. Focusing Yoga hilft, diese Weisheit im täglichen Leben umzusetzen.

Übungsanleitungen für die Yoga-Matte und den Alltag runden jedes Kapitel ab und laden zum Ausprobieren ein.

Inhaltsübersicht

EinleitungFocusing YogaDas große ZielDas Wissen des KörpersWie Veränderung geschiehtYoga und FocusingDas innere FeuerDas Element der WandlungWas Focusing istDem eigenen Gespür trauenDas Erleben des KörpersExperimente mit FocusingWie ist es jetzt gerade?Den Körper wahrnehmenDem Weg des Atems folgenKeine Angst vor Unbehagen!Freiraum gewinnen und bewahrenVom Mut der VerzweiflungDie ernüchternde Lehre des BuddhaDer dringliche Wunsch nach BefreiungDie erste Yoga-LektionYoga-Üben im KörperSitzenDen Atem erfahrenÜber die Form hinausDas innere Feuer schürenDie lebendige MitteDie Freiheit des BeobachtensSelbsterfahrungOffen für NeuesAbstand und NäheDie schöne WahrheitIm Zwiegespräch mit dem KörperBeobachtungen im FreiraumDer Anfang – hier und jetztEtwas in mirEs mögenDer Widerstand und ichZweifel und VerletztheitDer Raum der EntfaltungDie einzige Yoga-ÜbungErmutigende ZweifelWelle und MeerEigenes ErkundenIm Licht der ErkenntnisFeldforschungAuf der Spur des NichtwissensWelle, Strom und Meer des AtemsÜbergänge gestaltenDem Leben vertrauenRealistisch seinDie FortsetzungUnvorstellbarDie innere OrdnungDer Körper ist BeziehungDas Problem enthält die LösungEs ist jetztDas Persönlichste ist das AllgemeinsteDer tragende StromWas fließt, was stockt, was ruht?Der innere GartenBegegnung mit einem inneren KritikerJemand ist daDie beglückende EinsichtNicht dieses, nicht jenesDas bist duIch bin dasAlles in allemDas innere LichtDer Übungsweg des YogaAnkommen – immer wieder neuDie Wachheit des KörpersDie Leichtigkeit des TraumsDie Grenzenlosigkeit des TiefschlafsDas Eine in allemAnhangZwei vollständige Übungssequenzen1. Die Haltung des Beobachters2. Indras ÜbungswegLiteraturAnmerkungen
[home]

Einleitung

Focusing Yoga

Das große Ziel

Yoga wird immer beliebter, und das aus gutem Grund: Yoga entspannt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Für die meisten Menschen gibt es wohl kein dringlicheres Anliegen. Wie souverän wir uns in der Welt bewegen, im persönlichen wie im beruflichen Umfeld, hängt davon ab, inwieweit es uns gelingt, präsent zu sein. Je freier wir von innerer Anspannung sind, desto wacher und offener sind wir für das, was das Leben in jedem Moment bietet.

In diese persönliche Freiheit zu führen ist das Ziel von Yoga, ebenso wie von jeder Psychotherapie. Genau genommen ist das zugleich die einzige Freiheit, die tatsächlich erreichbar ist. Alle anderen Freiheiten sind relativ. Wer mächtig und wohlhabend ist, kann sich natürlich vieles leisten, aber er muss doch auch Sorge dafür tragen, dass Macht und Besitz erhalten bleiben. Er ist höchst unfrei! Mein Lehrer Swami Veṅkaṭeśānanda sagte einmal, er wolle lieber nicht wissen, was Minister brauchen, um abends einschlafen zu können.

Yoga bietet viel mehr als körperliche Entspannung und Gesundheitsförderung. So erstrebenswert eine gute Gesundheit ist, so ist doch klar, dass auch sie nur länger erhalten werden kann, aber nicht ewig währt. Wer darauf baut, wird irgendwann zwangsläufig enttäuscht. Die Freiheit, um der es dem Yoga geht, ist viel umfassender. Es ist die Freiheit, feinfühlig zu sein und dennoch unbeeinträchtigt zu bleiben von den unangenehmen Erfahrungen, die zum Leben gehören.

Dieses Ideal umschreibt der humanistische Psychologe Carl Rogers als »voll entfaltete Persönlichkeit« eines Menschen, der die innere Reife erlangt hat, seinen Alltag lebendig und spontan zu gestalten, der mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen vermag, ohne sich selbst aufzugeben. Er gleicht dem Lotosblatt, das vom Wasser berührt, doch nicht von ihm benetzt wird. Genau das ist das Ideal des Yoga: In dieser Welt zu leben, tätig zu sein und zu genießen, was das Leben bringt, während wir in uns selbst ruhen und uns heiterer Gelassenheit (saṁtoṣa) erfreuen. Und dieses Ideal scheint nicht unerreichbar zu sein, denn über Jahrtausende hinweg haben Menschen davon berichtet, wie sie diese große Erfahrung erlangten, von der alle Yoga-Übenden zumindest eine süße Ahnung haben.

Was können wir also tun, um diese Klarheit zu gewinnen und inneren Frieden zu finden?

Viele Antworten sind möglich. Die Antwort, die ich vorschlage, weil sie sich in meiner psychotherapeutischen Heilpraxis ebenso bewährt hat wie im Yoga-Unterricht (vor allem aber darin, meinen eigenen Alltag zu bewältigen), lautet: »Bemerken, beobachten, vertrauen«.

Die Formulierung ist meine eigene, die Antwort selbst stammt jedoch von Patañjali. Er war der Verfasser des bekannten »Leitfadens des Yoga«, des Yoga-Sūtra, das vielen als die Grundlage des Yoga-Übens gilt. Dort wird Yoga als Zustand beschrieben, in dem die inneren Bewegungen der Gedanken und Gefühle zur Ruhe gekommen sind und die friedvolle Klarheit, die unsere eigentliche Natur ist, sozusagen durch sie hindurchstrahlt. Solange dies nicht geschieht, erklärt Patañjali, laufen wir Gefahr, uns mit den wechselnden Erscheinungsformen unserer Gedanken und Gefühle zu identifizieren und uns dadurch unglücklich zu machen.

Obwohl sie über zweitausend Jahre alt ist, ist diese knappe Analyse noch heute hochaktuell und gültig. Denn die Identifikation mit bestimmten Gedanken- und Gefühlsmustern ist, was zu Unfreiheit führt. Wir machen uns Vorstellungen davon, was gut und schlecht wäre, und hegen entsprechende Hoffnungen und Ängste. Je abhängiger wir von diesen Vorstellungen sind, desto abhängiger sind wir davon, dass die Wirklichkeit ihnen folgt, was sie natürlich keineswegs immer tut.

Dieses menschliche Grundproblem ist in zweifacher Hinsicht paradox. Zunächst einmal lässt es sich nicht durch vermehrte Anstrengung lösen. Angestrengtes Bemühen um Besserung wäre ja nur ein weiteres Gedanken- und Gefühlsmuster, die neuerliche Identifikation mit einer Vorstellung. Die eigentliche Verstrickung wird dadurch höchstens dichter. Bei näherer Betrachtung wird leicht erkennbar, dass wir selbst unsere er­­barmungslosesten Kritiker sind. Der größte Leistungsdruck, der das Leben so erschwert, geht üblicherweise nicht von anderen aus, sondern von uns selbst, weil unser Leben hinter unseren Erwartungen zurückbleibt und wir von ihm oder uns fordern, »besser« zu werden, endlich »gut genug« zu sein.

Die Lösung lässt sich also nicht erzwingen. Das Einzige, das wir Patañjali und der uralten Yoga-Lehre zufolge jedoch tun können, ist, uns in einer »klaren Schau« zu üben. Wir können den inneren Antrieb (tapas) bemerken, wir können beobachten, was er in uns in Bewegung bringt (svādhyāya), und wir können lernen, die Wirklichkeit so zu erkennen und anzunehmen, wie sie ist (īśvara-praṇidhāna). Jeder der drei Teile dieses Buches widmet sich einem dieser drei Schritte. Gemeinsam beschreiben sie den gesamten Übungsweg des Yoga als Gegenentwurf zum Leistungs- und Erfolgsdruck des Alltags.

Der Zugang zu diesem Übungsweg könnte nicht naheliegender sein: Es ist der Körper, in dem wir unsere inneren Bewegungen erleben und in dem wir uns in der Welt bewegen. Alle Erfahrungen, die wir machen, machen wir im Körper. Und all diese Erfahrungen sind paradox dem Wortsinn nach: Sie können nicht gelehrt werden, sie lassen sich nicht in eine Doktrin fassen.

Die einzige Möglichkeit ist, sie selbst zu erleben.

Das Wissen des Körpers

Über die Körperwahrnehmung erschließen die Hatha-Yoga genannten Übungsweisen tiefere Bewusstseinsschichten. Weil sie den Gedanken und Gefühlen gewissermaßen zugrunde liegen, sind sie für das gewöhnliche Denken und Fühlen unerreichbar.

In einer indischen Geschichte heißt es, dass die Götter vor langer Zeit eine Versammlung einberiefen. Sie waren besorgt, weil sie beobachtet hatten, dass die Menschen immer mehr Entdeckungen machten, obwohl ihnen die nötige Reife zum sinnvollen Umgang damit fehlte. Ihr Halbwissen hatte ein solches Ausmaß angenommen, dass die Menschen zu einer Gefahr für die Erde wurden.

Die Götter entschieden, dass es am besten sei, das größte Geheimnis, die Weisheit des Universums, zum Schutze der Menschen vor ihnen selbst zu verstecken. Sie berieten darüber, welches Versteck das sicherste wäre. »Lasst es uns auf dem höchsten Berg der Erde lagern!«, schlug einer der Götter vor. Doch nach einiger Beratung entschieden die Götter, dass der Mensch in der Lage sei, alle Berge der Erde zu besteigen, noch bevor er die nötige Reife haben würde, die höchste Weisheit zu empfangen. »Auf dem tiefsten Meeresgrund ist die Weisheit sicher vor den Menschen«, meinte ein anderer Gott.

Tatsächlich sind die Gründe der Meere, die einen Großteil der Erde bedecken, den Menschen auch heute noch weitgehend unbekannt. Doch auch dieses Versteck wurde vom Rat der Götter als zu unsicher erachtet. Sie meinten, dass auch wenn alle Meeresböden erforscht werden könnten, noch immer nicht gewährleistet sei, dass die Menschen reif genug für die Wahrheit sein würden. Schließlich beschlossen sie, die Weisheit des Universums im Menschen selbst zu verstecken. Dort, dessen waren sie sich sicher, würde er erst dann danach suchen, wenn er wirklich reif dafür war. So geschah es, und deshalb können wir diese Weisheit des Universums, dieses höchste Wissen, nirgendwo finden als in uns selbst, wenn wir reif dazu sind.

Die verborgene Weisheit, die sich im bewussten Körpererleben enthüllt, weist auch im Focusing die Richtung zu innerer Freiheit. Focusing – das englische Wort wird wie im Deutschen ausgesprochen und auf der ersten Silbe betont – ist eine Methode der psychotherapeutischen Selbsthilfe. Sie beruht auf der Beobachtung, dass persönliche Probleme nicht nur psychische Anspannungen sind, sondern sich auch im Körper widerspiegeln. Jeder kennt es, dass es im Magen vor einem schwierigen Gespräch flau wird, dass der Hals wie zugeschnürt ist oder eine Last auf dem Herzen liegt. Geht das Gespräch gut aus, dann ist auch die Erleichterung von deutlichen Körperempfindungen begleitet, von einem Aufatmen, nachlassendem Druck, als ob ein Stein vom Herzen fallen würde oder eine warme Welle den Körper sanft durchflutet.

Erleichterung ist das körperlich empfundene Gegenstück zur Anspannung. Sie ist ein echtes Glücksgefühl! Gene Gendlin, auf den Focusing zurückgeht, entdeckte, dass das Empfinden dieser Erleichterung nicht davon abhängt, ob ein Problem »wirklich« gelöst wurde oder nicht. In seinem ersten Buch über Focusing gibt er ein sehr schlichtes und nachvollziehbares Beispiel dafür und beschreibt, wie er im Flugzeug sitzt, mit dem unbehaglichen Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Dieses Unbehagen, das womöglich ein leichter Druck im Oberbauch ist, ein Anflug von Übelkeit, löste sich sogleich auf, sobald ihm einfiel, dass er versäumt hatte, den Wecker einzupacken: »Ach, das ist es!« Der Wecker ist immer noch nicht da, aber das Problem hat sich gezeigt, und es ist klar, was zu tun ist. Augenblicklich stellt sich Erleichterung ein, und innere Kräfte sind freigesetzt – zum Beispiel, um zu planen, wie Ersatz zu beschaffen ist.

Der Körper hat ein sehr feines und umfassendes Empfinden für alle Situationen. Dieses Empfinden bezieht mehr mit ein, als das »Schon-Gewusste«, wie im Beispiel des Weckers. Das Empfinden kann also auf etwas verweisen, was der Körper sozusagen schon »weiß«, aber der Verstand noch nicht. Entscheidend ist es, dieses Empfinden wahrzunehmen und ihm Raum zu geben. Das dumpfe Gefühl im Oberbauch ... Wie fühlt es sich genau an? Das Lauschen nach innen erschließt eine andere Quelle, als Nachdenken und Analysieren es können.

Das bedeutet keine Geringschätzung des Denkens. Das Denken hat im Focusing wie im Yoga einen anderen Stellenwert als im Alltagsbewusstsein. Logik und Verstand sind unverzichtbare Instrumente, um sich in der Welt zurechtzufinden, und es lohnt sich, sie zu schulen und zu pflegen. Dennoch ist klar, dass nur das zu einem echten Problem wird, worauf Nachdenken und Analysieren keine Antwort gebracht haben – ansonsten wäre die Lösung ja schon längst gefunden. Probleme dieser Art verweisen darauf, dass der Raum, in dem sie betrachtet und bewegt werden, zu eingeschränkt ist und es etwas wirklich Neues braucht.

Probleme fordern Kreativität! Sie machen spürbar, wo irreführende Einschränkungen bestehen, und verweisen damit auf mögliche Wachstumszonen des Bewusstseins. So betrachtet sind Schwierig­­keiten wahre Kostbarkeiten, weil sie zum nächsten Entwicklungsschritt einladen.

Das mag banal klingen, oder für jemanden, der gerade mit akuten Problemen zu kämpfen hat, sogar zynisch. Doch es ist weder das eine noch das andere. Im Gegenteil: Krisen als Chancen zu sehen bringt eine ganz neue Lebensqualität, vor allem, wenn dies kein bloßer Glaubenssatz ist, sondern eine Einsicht, die auf eigener Erfahrung beruht.

Darin liegt die tiefere Gemeinsamkeit von Yoga und Focusing.Vielleicht ergibt sich durch das Innehalten und Nach-innen-Lauschen zwar nicht die Lösung des ganzen Problems. Es kann aber gut sein, dass sich ein passender nächster Schritt zeigt. Und mehr als diesen einen nächsten Schritt braucht es ja nie.

Wie Veränderung geschieht

Focusing ist verblüffend einfach. Es ist leicht zu erlernen und lässt sich wunderbar einsetzen, um sich im Alltag bewusst zu entspannen. Erfreulicherweise lässt es sich auch auf Probleme anwenden, die schwerwiegender sind als ein vergessenes Reiseaccessoire. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich daraus auch ein psychotherapeutischer Ansatz entwickelt, der nicht nur begleitend zu jeder anderen psychotherapeutischen Methode eingesetzt werden kann, sondern erfolgreich als eigenständige Methode wirkt und die »körpereigene« Weisheit nutzt.

Diese Methode entdeckte Gene Gendlin, als er der Frage nachging, wie sich Bedeutung verändert. Gendlin, der 1926 in Wien geboren wurde und 1938 mit seinen Eltern in die USA emigrierte, hatte in den 50er Jahren an der Universität Chicago Philosophie studiert. Es war die Zeit, in der sich ein tiefgreifender Umbruch in den Wissenschaften anbahnte, der später erkenntnistheoretische Wende genannt wurde. Ausgangspunkt war die Feststellung Albert Einsteins, dass es in der physikalischen Welt keine Gleichzeitigkeit unabhängig von Bezugssystemen gibt. Die Welt der Dinge kann also nicht anders als relativ erfasst werden: Je nachdem, wer sie wahrnimmt, ist sie eine andere. In der Logik und der Philosophie haben die Arbeiten von Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger diese Einsicht weiterentwickelt. Für Menschen ist es wichtig, was die Welt und ihr eigenes Dasein darin bedeuten, aber diese Bedeutung ist nicht äußerlich zu belegen. Sie ist in irgendeiner Form sprachlich, sie beruht also auf Übereinkünften. Die Wirklichkeit kann niemals objektiv erfasst werden, nicht einmal in den Sprachen der Logik und der Mathematik, die ebenfalls auf Übereinkünften beruhen und relativ sind.

Wenn die Welt nicht objektiv erfahrbar ist, kommt es entscheidend darauf an, welche Bedeutung ihr beigemessen wird. Gendlin hatte eine kluge Einsicht, die zugleich den Grundstein für seine weitere Arbeit legte: Alles ist am leichtesten zu beobachten, während es sich verändert. Demnach musste die Psychotherapie das Gebiet sein, in dem er am meisten darüber erfahren konnte, denn sie hatte sich darauf spezialisiert, Bedeutungsänderung auf der Ebene der Persönlichkeit zu bewirken. Also wurde Gendlin Klient an der psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität, die damals von Carl Rogers geleitet wurde. Bald wurde er zu Rogers’ Forschungsassistenten und studierte bei ihm Psychologie.

Als Rogers 1957 eine Professur der Universität Wisconsin annahm, begleitete ihn Gendlin dorthin und übernahm dort die Leitung einer großen Studie in einer psychiatrischen Klinik.

Die Frage, wie sich Bedeutung verändert, leitete Gendlin auch als Psychotherapeut und Forscher: Warum bewirkt die Therapie bei einigen Patienten Veränderungen, bei anderen aber nicht? Mit seiner Forschungsgruppe untersuchte er systematisch Tonbandaufnahmen von Therapieverläufen.

Die Ergebnisse waren überraschend, denn es zeigte sich, dass der Erfolg einer Therapie offensichtlich nicht von der Art des Problems abhängig war, und nicht einmal davon, mit welcher Technik der Therapeut arbeitete. Stattdessen fanden Gendlin und sein Team ein Kriterium, mit dem sie sehr zuverlässig schon aus den ersten Aufnahmen eines Therapieverlaufs vorhersagen konnten, ob die Therapie erfolgreich sein würde oder nicht. Das entscheidende Kriterium war die Art und Weise, in der die Patienten über ihr Problem sprachen. Bei denjenigen, die ohne Zögern erklären konnten, worum es ging, ergab sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch nach vielen Stunden keine Veränderung. Anders bei denjenigen, die nicht ohne weiteres über ihre Schwierigkeiten sprechen konnten, sondern dabei nach Worten suchten.

Das Neue und Hilfreiche kam also sozusagen aus einem inneren Bereich, der nicht von Bedeutungen überlagert ist. Im Alltag erwarten wir, dass die Dinge klar und eindeutig sind. Für echte Weiterentwicklung ist diese vermeintliche Eindeutigkeit hingegen ein Hindernis.

Diese Entdeckung war der Grundstein zur Entwicklung von Focusing. Die äußere Suche nach dem passenden Begriff, der treffenden Beschreibung, geht mit einem inneren Vorgang einher, der die Veränderung bringt: etwas Neues, das zuerst im Körper gespürt wird, bevor es sich denken und in Worte fassen lässt. Jetzt lautete die Forschungsfrage: Wie kann diese Fähigkeit dieser Art inneren Handelns erlernt werden? Die Antwort darauf enthält die »einfachste und kürzeste« Definition von Focusing, die Gendlin drei Jahrzehnte später gibt: »Focusing nenne ich die Zeit, in der man mit etwas ist, das man körperlich spürt, ohne schon zu wissen, was es ist« (2004:13). Es gibt also nichts Besonderes zu erlernen. Das Einzige, was geübt werden kann, ist das Dasein, das Nichtwissen und Spüren, und das Vertrauen in die Weisheit, die im Körper wirkt.

Yoga und Focusing

Yoga und Focusing sind nicht miteinander vergleichbar. Das eine ist ein großer spiritueller Weg, der kein geringeres Ziel verfolgt als die sogenannte Erleuchtung, das andere eine schlichte Methode zur psychotherapeutischen Selbsthilfe. Beide haben also höchst unterschiedliche Reichweiten. Das erleichtert einiges, denn es ist von vornherein klar, dass sie nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Und beide sind offen für die Ergänzung durch andere Methoden.

Focusing ergänzt den Yoga-Übungsweg auf ideale Weise, weil es ein so leichtes Werkzeug ist. Die philosophische Tradition, in der Gendlin steht, ist die des Pragmatismus, der keine absoluten Wahrheiten behauptet, sondern der Frage nachgeht, wie wir die Welt und uns selbst verstehen können. In seinen Vorträgen und Schriften wird deutlich, dass Gendlin sich mit östlichem Denken befasst hat, er spricht aber nicht ausdrücklich darüber. Viele Focusing-Übende finden, dass Focusing zu ähnlichen Erfahrungen führt wie die Meditation. Gendlin selbst sagt dazu, dass Focusing zwar in dieselbe Richtung gehe wie Meditation, nämlich durch den Körper und die Ebene der Gefühle hindurch zu dem, was darunter liegt. Auf einer noch tieferen Ebene kommt die innere Stille der Meditation, der klaren inneren Schau, in der es keine Unterschiede gibt.

Der Teil des Yoga, der sich mit den ganz persönlichen Erfahrungen befasst, die sich sozusagen auf einer mittleren Ebene zwischen dem Alltagsbewusstsein und der klaren Schau der Erleuchtung abspielen, ist im Westen weniger bekannt als die Körper-, Atem- und Meditationsübungen mit ihren präzisen Übungsanweisungen. Er verbirgt sich hinter vielen indischen Erzählungen, beginnend mit den Upanischaden, den uralten Berichten über Menschen, die nach dem Sinn des Lebens suchen. Das spirituelle Abenteuer, das der junge Fürst Arjuna in der Bhagavad Gita besteht, ist ebenso persönlich wie die vielen Geschichten, die im Yoga Vāsiṣṭha davon erzählen, wie unterschiedlich der Weg zur Erfahrung der Wirklichkeit erlebt wird. Dieses Geheimnis kennen sowohl der Yoga als auch Focusing: Unmittelbare eigene Erfahrungen sind in einer anderen und tieferen Weise wahr, als allgemeine Beschreibungen es jemals sein können.

Das indische Denken ist mit der Symbolsprache der inneren Intelligenz vertraut, die einer anderen Logik folgt als das Alltagsbewusstsein. Vor dem Hintergrund unserer christlich-rationalistisch geprägten Kultur ist uns diese Ebene ungewohnter; im Umgang mit ihr sind wir nur wenig geschult.

Auch das ist wohl ein Grund, warum westliche Yoga-Übende – oder Adepten anderer fernöstlicher Wege – manchmal dazu neigen, die äußeren Formen, Rituale oder Lehrer dieses Wegs mit den Inhalten ihrer Lehren zu verwechseln. Das Ergebnis ist bestenfalls spirituelle Folklore, die gerade nicht auf eigenem Erfahren beruht.

Dieses Buch lädt ein, sich auf das eigene Erfahren einzulassen, und ermutigt zum eigenen Experimentieren mit den Möglichkeiten, die Yoga und Focusing uns zur Verfügung stellen.

»Focusing Yoga« versteht sich als Wegbeschreibung und zugleich als ein Reiseführer für alle, die sich Gelassenheit im Alltag wünschen und wissen möchten, wie ein traditioneller Übungsweg und eine moderne Methode der Selbsthilfe sie dabei ganz konkret unterstützen können.

[home]

Das innere Feuer

Das Element der Wandlung

Natürlich sind Focusing und Yoga auch in Situationen hilfreich, in denen es uns gutgeht. Sie lassen uns das Wohlbefinden und das unbeschreibliche innere Erleben, das damit verbunden ist, noch bewusster auskosten. Für gewöhnlich sind es aber Krisen, die den Impuls geben, einen neuen Weg zu gehen. Die Bereitschaft, sich der Wirklichkeit zu stellen, ist die Voraussetzung für jede bewusste Veränderung. Dazu braucht es Mut – einen inneren Antrieb, der stärker ist als die Angst vor dem noch Unbekannten. Deshalb beginnen die meisten Menschen eher dann nach Yoga oder einer Methode der Selbsthilfe wie Focusing zu suchen, wenn sie einen Anlass haben, sich Veränderung zu wünschen. Zumindest ist es so, dass Menschen, die sich aus diesem Grund für Yoga oder Focusing interessieren, am meisten davon profitieren.

Am Anfang jeder Veränderung steht der Wunsch danach, dass sich etwas verändert. Ohne diesen Wunsch, ohne ein Ziel, bleibt jede Übung sinnlos. In einer bekannten Zen-Geschichte bittet ein Besucher den Meister wortreich um Unterweisung und lässt dabei erkennen, wie viel Wissen er auf vielen Gebieten der Spiritualität bereits erworben hat. Der Meister bietet ihm eine Tasse Tee an. Der Gast stimmt freudig zu, ist dann aber verblüfft und schließlich entsetzt, als der Meister gar nicht mehr aufhört, Tee in die Tasse einzuschenken, die schon längst voll ist und überläuft: »Halt! Das ist zu viel!« Ruhig und mit feinem Lächeln antwortet der Meister: »Du hast ganz recht. In eine volle Tasse passt nichts mehr hinein. Du weißt schon alles – was kann ich dir noch sagen?« Der gelehrte Besucher, der so von seinem vermeintlichen Wissen verblendet ist, dass er gar nicht aufnahmefähig für die Lehren des Meisters ist, gleicht den Psychotherapie-Patienten, die von der ersten Sitzung an schon wissen, was ihr Problem ist, woher es rührt und wie es zu lösen ist. Bei ihnen bleibt die Therapie wahrscheinlich unwirksam, wie Gendlins Forschungsteam herausfand. Ihnen fehlt der Funke, den es braucht, um eine innere Wandlung in Gang zu setzen.

Vermutlich haben die anderen Patienten, bei denen die Therapie tatsächlich zu einer Verbesserung ihres Befindens geführt hat, ihren Zustand zu Beginn der Therapie als schmerzhafter erlebt. Es ist nicht schön, keine passenden Worte zu haben, nicht genau ausdrücken zu können, was eigentlich los ist. Das Nichtwissen ist schwer auszuhalten, und die Versuchung groß, es zu überspielen.

Doch etwas in uns sehnt sich nach Veränderung – immer wieder, denn Veränderung ist, worin das Leben besteht.

Den Impuls, der stark genug ist, die Trägheit zu überwinden, die uns an eingefahrenen Gewohnheiten festhalten lässt, bezeichnet Patañjali als »Feuer« (tapas).

Ein bemerkenswert treffendes Bild! Feuer ist das perfekte Symbol für Energie und Wandlung. Ob Wut, Leid, Lust oder Sehnsucht – starke Emotionen, die zum Handeln antreiben, werden oft als »feurig« erfahren. Zorn schießt in lodernden Flammen durch den Körper, Liebe glüht, Verlangen ist heiß, und Schmerz kann brennen.

Das Feuer steht in der Mitte der Elementarprinzipien, die der indischen Vorstellung nach Grundlage von allem in der Welt sind. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum sind die Schöpfungsreihe, die vom Groben und Teilbaren bis zum Feinen und Unteilbaren reicht. Entsprechend wohnt ihm unter allen Elementen das stärkste Wandlungspotenzial inne: Die Hitze des Feuers macht feste Stoffe zu Asche und Gasen, es lässt Flüssigkeiten verdunsten und Gase verpuffen, wobei Energie freigesetzt wird.

Auch im Körper gehen hitzige Gefühle meistens von der Mitte aus, von Bauch und Magen. In der tantrischen Mystik wird diese mittlere Körperregion als »Stadt der Juwelen« (manipura cakra) bezeichnet und gilt als Sitz des persönlichen Willens und der Tatkraft. Anatomisch betrachtet befinden sich an dieser Stelle das Sonnengeflecht und die Bauchspeicheldrüse. Von dort gehen also insbesondere Nervenimpulse, Enzyme und Hormone aus, die vor allem den Vorgang der Verdauung steuern, in dem der Körper aus Nahrung Energie gewinnt. In Indien heißt es deshalb, dass die Umwandlung von Nahrung und Energie vom »Verdauungsfeuer« bewirkt wird.

Im übertragenen Sinn sprechen wir davon, dass wir etwas »verdauen« müssen, das uns »im Magen liegt«. Es kommt vor, dass sich dauerhafter Kummer als psychosomatisches Symptom besonders im Verdauungstrakt niederschlägt, als ob der Körper etwas Unverträgliches, das ihm zugeführt wird, ebenso wenig verarbeiten kann wie das Denken und Fühlen. Umgekehrt hat bestimmt jeder schon einmal erlebt, wie es fast fröhlich im Bauch gluckert, wenn sich in einer schwierigen Frage, die das Gefühl betrifft, ein Lösungsschritt zeigt. Das fühlt sich an, als ob dort wieder mehr Weite entstehen würde, weil sich wieder eine Übereinstimmung mit unserer willentlichen Vorstellung ergeben hat, oder wir wissen, wie wir unsere Tatkraft einsetzen können und was zu tun ist.

Die Einteilung der Welt in die »Elemente« Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum habe ich lange als Ausdruck einer schlichten, eigentlich naiven Auffassung von Naturwissenschaft belächelt. Doch irgendwann wurde mir klar, dass alle Konzepte der indischen Kosmologie und Mythologie tatsächlich für einen anderen Zweck bestimmt sind als die Konzepte der westlichen Wissenschaften. Das westliche Denken geht im Wesentlichen von der Annahme aus, dass die Wirklichkeit objektiv darstellbar ist. Das ist auch der Grund dafür, dass wir meinen, unterschiedliche Konzepte müssten einander ausschließen – nur eines kann ja »richtig« sein!

Das indische Denken geht hingegen davon aus, dass die Wirklichkeit das Denkbare überschreitet. Innerhalb des Denkens kann die Wirklichkeit demnach niemals ganz dargestellt werden. Unter dieser Voraussetzung sind alle Erklärungen nur Hinweise, die das Denken in eine bestimmte Richtung locken, in der ein intuitives Verstehen entstehen kann, eine Einsicht. Deshalb schließen die »Schulen« der indischen Philosophie (darśanas, »Anschauungen« oder »Sichtweisen«), zu denen Yoga, Vedanta und der analytische Ansatz (Sāṁkhya) gehören, sich gegenseitig nicht aus, sondern ergänzen einander. Auch die indischen Gottheiten sind diesem Verständnis nach keine »Götter«, sondern symbolisieren Aspekte des an sich unfassbaren Seins, das allem zugrunde liegt und allem innewohnt. Die indischen Mythen über Gott und die Welt sind in derselben Weise wahr wie die Symbole, die Focusing als Zugang zu unserer ganz persönlichen inneren Wirklichkeit nutzt. Ebenso stehen die Metaphern des Yoga für persönliche Erfahrungen, die nicht den üblichen Kategorien von Logik, Zeit und Raum unterliegen. »Die besten Dinge lassen sich nicht sagen«, sagte der große Indologe Heinrich Zimmer, und fügte hinzu: »Die zweitbesten werden missverstanden.«1

Das »Zweitbeste« sind die Metaphern, in denen Menschen tiefe Erfahrungen formulieren. Sie sind deshalb immer missverständlich, weil sie nicht eindeutig sind und sich gerade nicht auf kon­­krete und äußere Vorgänge beziehen. Das tragischste Missverständnis ist, mythologische Beschreibungen mit Tatsachenbeschreibungen zu verwechseln. Joseph Campbell, der Heinrich Zimmers Werke herausgegeben und seine Arbeit weitergeführt hat, sieht in dieser Verwechslung sogar das Grundproblem der westlichen Gesellschaft.

Kein Wunder, dass viele Menschen den Glauben verlieren, wenn ihnen gesagt wird, sie müssten dazu akzeptieren, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde und nach seiner Hinrichtung von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist. Wörtlich genommen ist all das ebenso absurd wie die Überzeugung der »Kreationisten«, die das Alte Testament der Bibel wie einen Wissenschaftsreport lesen und darauf bestehen, dass diesen Deutungen im US-amerikanischen Schulunterricht nicht widersprochen werden darf.

Das Alltagsdenken ist zu eng, um die weitreichenden Bezüge innerer Symbole und spiritueller Metaphern zu erfassen. Die Ebene, auf der sie verständlich und in ihrer eigenen Weise logisch sind, ist die innere Weite, in der Yoga und Focusing geschehen und in der innerer Wandel geschieht.

Auch für diese Ebene des Wandels ist das Feuer das Symbol. Als Mittelpunkt der Elementenreihe steht es zwischen dem konkret Wahrnehmbaren und dem Unbegreiflichen und hat an beiden Polen gleichermaßen teil (Schaubild 1).

Schaubild 1: Feuer im Mittelpunkt der Elementenreihe

Feuer ist das dynamischste der fünf Elemente, aus denen der altindischen Vorstellung nach alles besteht. Es repräsentiert die Mitte zwischen dem Erkennbaren, Vielfältigen, also der materiellen Schöpfung, und dem Unerkennbaren, Allgegenwärtigen, der kosmischen Intelligenz, die unterschiedslos in allem wirkt. Weil es an beiden Polen teilhat und ihm ein enormes Wandlungspotenzial innewohnt, gilt es als Symbol der spirituellen Suche.

Es ist so sichtbar und spürbar wie Erde und Wasser, aber so ungreifbar wie Luft und Raum. Wer eine Kerzenflamme zu packen versucht, verbrennt sich an ihr, bekommt sie aber nicht zu fassen.

Feuer geht von etwas Stofflichem aus, etwa von Holz, Kohle, Gas oder einem Kerzendocht und Wachs, und ist doch selbst nicht stofflich. Ein Haufen Erde wird weniger, wenn man eine Schaufel davon abträgt; wird Wasser aus einer Kanne gegossen, ist anschließend weniger Wasser darin. Das Feuer einer Kerze wird jedoch nicht kleiner, wenn eine zweite Kerze daran entzündet wird.

Damit veranschaulicht das Feuer auch die eigentlich unvorstellbare Allgegenwart des kosmischen Bewusstseins. Auch »Luft« und Raum sind überall dieselben. Es kann uns aber in Staunen versetzen, uns klarzumachen, dass die Flamme der zweiten Kerze sich durch nichts von der Flamme der ersten Kerze unterscheidet, an der sie entzündet wurde. Beide Kerzenflammen brennen ganz unabhängig voneinander, aber es ist doch ein und dasselbe Feuer, das in ihnen und in allen anderen Feuern brennt.

Das ist die anrührendste Erfahrung aus Yoga und Focusing: Es ist dasselbe Feuer, dasselbe Bewusstsein in allen. Nicht an der Oberfläche, nicht dort, wo uns unsere Prägungen und individuellen Lebenserfahrungen voneinander unterscheiden, sondern dort, wo wir uns selbst am deutlichsten spüren – in unseren inneren Wahrnehmungen und Erlebnissen. »Das Persönlichste ist das Allgemeinste«, sagt Gene Gendlin.2 Was für mich selbst wirklich wahr ist, können auch andere Menschen leicht verstehen – was ich daraus zu machen versuche, ist dann schon spezieller. Das ist im Yoga mit dem Gruß namaste gemeint, mit dem viele Yoga-Traditionen das gemeinsame Üben zu beginnen pflegen: So viel uns äußerlich auch unterscheiden mag, in unserem Innersten sind wir dasselbe, oder, ein wenig poetischer ausgedrückt: »Ich grüße jenen Ort in dir, wo, wenn du an diesem Ort in dir bist und ich an diesem Ort in mir bin, wir eins sind.«

Im inneren Feuer trennt sich das Reine vom Unreinen, Vermischten. Das gilt im übertragenen Sinne für die allerpersönlichsten Erfahrungen, in denen wir auf das Wesentliche stoßen, in denen wir einander gleichen, ganz ähnlich wie das Feuer im Läuterungsvorgang das Beständigere vom Unbeständigen trennt. Im Feuer wird gebrauchtes Gold eingeschmolzen und damit verfeinert, eine Eisenlegierung wird in großer Hitze zu Stahl gehärtet. All diese Eigenschaften machen das Feuer zu einem Sinnbild der inneren Wandlung.

Das innere Feuer zu bemerken kann eine Richtungsänderung veranlassen und damit der erste Schritt zu Gelassenheit und innerem Frieden sein. Das Brennen der Gefühle – die Wut, der Schmerz oder die Sehnsucht – ist nicht das Feuer, aber wenn wir diesen Gefühlen ausreichend Raum geben, damit sie sich entfalten können, ohne dass wir ihnen unterworfen sind und sie »ausagieren« müssen, bringen sie uns auf die Spur zu einem inneren Energiequell. Denn Energie, besonders in Form von Geduld und Ausdauer, ist nötig, um den Weg der Selbsterfahrung zu gehen, im Yoga wie mit Focusing.

Die innere Flamme gilt es zu pflegen. Sie sollte nicht nur ein Strohfeuer sein, das durch zu starken Brand Rauch und Ruß verursacht, womöglich Schäden verursacht und rasch wieder erlischt. Brennt dieses Feuer stetig, bewirkt es eine Läuterung, Reinigung und Umwandlung, die auf sehr natürliche Weise von innen her geschieht.

Was Focusing ist

Dem eigenen Gespür trauen

Auch Focusing trägt das Feuer sozusagen im Namen, denn focus