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Mit persönlichen Erlebnissen und Humor zeigt Pastor Gunnar Engel, wie wir Gott auf sein Rufen antworten und einen neuen Weg voller Hingabe beschreiten können. »Hier bin ich. Sende mich.« In der Bibel sind immer wieder Persönlichkeiten zu finden, deren Weg mit Gott mit genau diesen Worten anfängt. Abraham spricht sie in tiefem Vertrauen, Mose mitten in der Wüste, Samuel während er Gottes Anwesenheit beinahe verschläft. Die Frage stellt sich auch uns: Wie können wir uns Gott ganz hingeben und ihm neu begegnen? Das Hier-bin-ich-Gebet ist zum einen ein Ausdruck unserer Hingabe. Zum anderen ist es die Antwort auf Gottes Handeln, denn auch Gott spricht zu uns: »Hier bin ich.«
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2020
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SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22979-0 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26957-4 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2020 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Str 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: [email protected]
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Weiter wurde verwendet:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT).
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
Titelbild: Grafikbüro Sonnhüter
Illustrationen: Erik Pabst, www.erikpabst.de
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Autorenfoto: © Anni Engel
Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de
Für Anni und Titus.
Ihr zeigt mir jeden Tag neu, wie groß Gottes Liebeund seine Gnade in meinem Leben sind.Danke, dass wir gemeinsam nachfolgen.
Über den Autor
Der Tiefpunkt in Isolation
Teil 1: Hier
Die erste Nacht – Nachfolge ist neuer Mut
Abraham & der neue Anfang
Das Evangelium des Abraham
Die zweite Nacht – Nachfolge ist Beziehung
Mose & der innere Kampf
Gott stellt sich vor
Echt statt perfekt
Teil 2: Bin
Die dritte Nacht – Nachfolge ist gemeinsames Hören
Samuel & der sprechende Gott
Eine Frage der Reihenfolge
Ein Ort des Wortes
Die vierte Nacht – Nachfolge ist Gehorsam
Hananias & der einfache Gehorsam
Die Priorität des Gehorsams
Wellen für das Königreich
Teil 3: Ich
Die fünfte Nacht – Reicht dir Jesus?
Jesaja & die Gegenwart Gottes
Verloren und gefunden
Teil 4: Sende mich
Die sechste Nacht – Hinein in Gottes Zukunft
… zum Wachstum
… ohne Masken
… zu den Menschen
… mit gefalteten Händen
… in deine Zukunft
Epilog
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
GUNNAR ENGEL (Jg. 1987) ist Pastor einer lutherischen Gemeinde im Norden Schleswig-Holsteins. Nebenbei betreibt er einen erfolgreichen YouTube-Kanal zu Fragen des christlichen Glaubens. Es ist seine Herzensangelegenheit, Menschen auf neue und kreative Weise mit dem Evangelium zu erreichen. 2019 erhielt er dafür den Medienpreis »Der Goldene Kompass« der christlichen Medieninitiative pro.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Psalm 46,11; LUT
Im letzten Jahr habe ich ein Gebet öfter gebetet als alle anderen: »Hier bin ich. Sende mich.«
Es ist ein gruseliges Gebet, besonders für einen Kontrollfreak wie mich. Was ich allerdings noch gruseliger finde, ist ein Leben ohne Gott. Ein leeres Leben. Ein Leben ohne göttliche Überraschungen, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Und wie so oft: Man kann nicht beides haben. Wenn man will, dass Gott einen überrascht, dann muss man die Kontrolle aufgeben. Und deshalb fängt meine Geschichte mit Tränen an.
Ich saß auf der Kante unseres Bettes und weinte. Meine Frau Anni hatte ihren Arm um mich gelegt. Ich brachte nicht viel raus außer: »Ich kann das alles nicht mehr.« Mehr musste ich auch nicht sagen, denn genau das meinte ich.
Ich war gerade dreißig Jahre alt geworden, war glücklich verheiratet, hoffte auf das erste Kind und diente als Pastor einer wachsenden Kirchengemeinde, die Stück für Stück auf dem Weg zurück zum Evangelium war. Gesundheitlich ging es mir gut, ich genoss ein aktives Leben, und es gab viele Gelegenheiten, in denen ich mich entfalten konnte. Von außen sah alles gut aus.
Aber im Inneren war es anders. Schon seit einigen Jahren waren Hoffnungslosigkeit, Depression, Distanz, Angst und Leere meine täglichen Begleiter. Insgeheim war ich stolz auf meine Fähigkeit, klar zu denken, aber plötzlich rasten Gedanken durch meinen Kopf, die ich nicht aufhalten konnte. Ich hatte regelmäßig Panikattacken und stellte mir vor, dass ich innerhalb der nächsten Monate sterben würde.
Und dann gab es noch die körperlichen Auswirkungen. Oft fiel es mir schwer, Luft zu holen. Meine Arme juckten unaufhörlich und mein Kratzen linderte dieses Gefühl in keinster Weise. Wenn ich nicht gerade das Gefühl hatte, dass ein 200-Kilo-Gewicht gegen meine Brust drückte, empfand ich eine unheimliche Hohlheit. Mein Gesicht brummte. Ich war benommen. Ich verbrachte viele Nächte damit, auf und ab zu gehen, während ich versuchte, zu beten.
Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Ständig war mir schlecht, an den meisten Tagen übergab ich mich direkt nach dem Aufstehen. Und zwischen dem ganzen Heulen und Würgen war ein Gedanke ganz klar: Ich war nicht mehr ich selbst. Schon lange nicht mehr. Hinter meiner Maske lebte ich wie automatisch. Da war kein Funken mehr. Keine Freude. Ich lief durch die Ruinen einer zerbombten Gefühlswelt.
Am einfachsten beschrieb das folgende Wort meinen Zustand: leer. In mir war es einfach leer. Und ganz ehrlich: Mir wäre jedes andere Gefühl lieber gewesen. Wut, Angst, Trauer. Damit hätte ich etwas anfangen können. Bei Wut kann ich mich abreagieren. Gegen Angst kann ich kämpfen. Trauer kann getröstet werden. Von all dem war aber nichts zu spüren. Da war bloß dieses schwarze Loch, das alles unaufhaltsam anzog und nach und nach verschlang.
Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Wusste nicht, ob ich am richtigen Ort war. Wusste nicht, ob ich vor Gott genügte. Vielleicht klingt das für einen Pastor ein wenig schräg, aber es war eine sehr dunkle Phase in meinem Leben. Ich war gerade neu in einer Gemeinde angekommen. Seit etwas mehr als einem Jahr war ich der Pastor in einem kleinen Ort kurz vor der dänischen Grenze. Und auch wenn bei uns auf dem Land eigentlich alles immer recht schön und gemütlich ist, war der Teufel offensichtlich bereit gewesen, hier ein ordentliches Schlachtfeld auszurufen, denn der zweite Kampf ging gerade erst los. Nach außen sollte natürlich alles perfekt aussehen. Immerhin konnte ich ja schlecht der neue Pastor sein, bei dem es sofort bergab geht. Zu der Panik mischte sich Scham. Ich schämte mich. Ich schämte mich dafür, zu versagen. Ich schämte mich, dass andere mein Versagen mitbekommen könnten.
Ständig trug ich den Gedanken mit mir herum, dass ich verstecken musste, wie es mir ging, was alles natürlich nur noch schlimmer und anstrengender machte. Ich dachte: »Immerhin bin ich Pastor! Und wenn sich einer mit Gott, dem Leben und dem ganzen Rest auskennen sollte, dann doch ich!«
In den Monaten zuvor hatte ich mich immer wieder neu zusammengerissen. Immer darum gekämpft, dass nach außen alles stimmte. Ich war in dem Spiel ziemlich gut geworden, kurz vor Champions League. Das Problem war, dass es keinen Pokal zu gewinnen gab. Es ging bloß immer weiter bergab, bis schließlich gar nichts mehr stimmte. Und den Leuten, die mir nahestanden, fiel dies immer mehr auf.
Abgesehen von dem normalen Druck, der auf einem Pastor in seiner ersten Gemeinde lastet, gab es keine offensichtlichen Gründe, warum ich verrückt zu werden schien. Um mögliche Ursachen auszuschließen, vereinbarte ich mit meinem Arzt einen Termin für einen kompletten Check-up. Von Blutentnahme über Herzuntersuchung bis Radfahren mit Messung der Atmung war alles dabei. Die Ergebnisse waren medizinisch negativ, also für mich positiv: Ich hatte nichts, mir ging es »gut«.
Nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich durchmachte. Meine inneren Anschuldigungen, dass Pastoren »so was« nicht passiert, machten mich nur noch verzweifelter. Ich suchte erfolglos nach etwas, das mir den Sieg über das bringen würde, was ich bekämpfte. Ich las in der Bibel, versuchte zu beten, drehte alle möglichen Lobpreisalben auf volle Lautstärke (da kam es mir zugute, dass unsere einzigen Nachbarn auf dem Friedhof liegen). Ich versuchte es mit einer besseren Organisation. Ich erstellte Tagespläne. Nahm mir regelmäßige Auszeiten. Fuhr in den Urlaub. Nichts half.
Schon früh dachte ich darüber nach, mir einen Berater zu suchen, vielleicht sogar einen Psychiater. Mir war bewusst, dass Menschen mit einem hormonellen Ungleichgewicht, einer Schlafstörung oder traumatischen Erfahrungen von einer medizinischen Behandlung profitierten. Ich fragte mich, ob Medikamente mir helfen könnten, wieder auf die Beine zu kommen, um mit dem umzugehen, was ich erlebte.
Ich identifizierte mich auch mit verschiedenen Diagnosen, über die ich gelesen hatte: Nervenzusammenbruch. Burn-out. Angststörung. Depressionen. Was auch immer vor sich ging, es beeinflusste mich emotional, physisch, mental und geistlich. Die Symptome waren zu zahlreich und zu intensiv, um zu denken, dass es sich nur um eine »Phase« handelte.
Aber kein Etikett, das ich meinem Zustand zuordnete, identifizierte die Grundursachen. Wenn das, was ich erlebte, in meinem eigenen Herzen entstand (wie es schien), wollte ich dieses zuerst erforschen. Ich wollte mich an das Evangelium halten, um zu sehen, was mir vielleicht bisher entgangen war.
Vielleicht kennst du so eine Situation. Vielleicht hast du auf die eine oder andere Art etwas Ähnliches erlebt. Hast Nächte hindurch geweint, weil du nicht wusstest, wie es weitergehen soll mit deinem Leben, deinen Beziehungen, deinem Vertrauen auf Gott. Du hast ihn gesucht. Hast nach Gott gerufen, damit er sich dir zeigt. Damit er der Vater ist, von dem die Bibel spricht.
Gleich zu Anfang will ich dir sagen: Damit bist du nicht alleine. Dafür musst du auch kein junger Pastor sein. Landauf und landab erlebe ich Christen und Kirchenbesucher generell, die mich aus ähnlichen Augen anschauen wie die, die ich in meinem Spiegel gesehen habe.
Dann ging alles ganz schnell: Drei Wochen nachdem ich verzweifelt gesagt hatte, dass ich das alles nicht mehr tun und ertragen konnte, ging es nachts mit Blaulicht ins Krankenhaus. Mein Herz raste und ich hatte unerklärliche Blutungen. Panisch zitternd saß ich in der Notaufnahme neben einer Frau im Rollstuhl, die kurz davor war, ein Kind zu bekommen. Der war es egal, ob ich ein erfolgreicher Pastor war oder nur so tat.
Gott hat die interessantesten Ideen für Auszeiten, das muss man ihm lassen. Als mir in der Notaufnahme das Blut oben und unten rauslief, hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken. Da stand das Gedankenkarussell still. Manchmal glaube ich, dass Gott mit den Augen rollt, wenn er an mich denkt. Liebevoll, aber trotzdem. Dann fragt er sich wahrscheinlich, wie oft er mir die gleichen Antworten noch geben soll, bis ich mir selbst und vor allem ihm endlich nicht mehr im Weg stehe.
Ich möchte dir gerne eine Frage stellen. Sie ist ein wenig persönlich, aber nach den ersten Seiten kennen wir uns ja schon ein wenig. Ich stelle sie dir, weil ich mich dasselbe in diesen Nächten im Krankenhausbett gefragt habe: Lebst du mit einem Glauben, der dich Dinge erleben lässt, wie du sie in der Bibel liest? Lebst du mit einem Glauben, der dir jeden Tag neu die Allmacht und Liebe Gottes zeigt? Bewegst du dich mit der Erwartung durch den Tag, Gott tatsächlich zu begegnen? Egal, was kommt? Vertraust du Gott in den dunklen Tälern deines Lebens genauso wie in den Höhepunkten?
Oder ist dein Glaube eher eine kleine Garnitur deines eigentlichen Lebens? Das Sahnehäubchen auf deinem Alltag?
Oder ist es andersherum: Denkst du, dass Gott Besseres zu tun hat? Denkst du, dass du vielleicht erst einiges an dir ändern müsstest, damit Gott etwas mit dir anfangen kann? Dass er Wichtigeres zu tun hat, als sich mit dir abzugeben? Immerhin ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums. Das klingt nach viel Arbeit.
Man weiß nie genau, wann einem die Dinge begegnen, die das Leben verändern. Und ich meine nicht die x-te belanglose Predigt über ein besseres Leben, die eigentlich bloß Self-Help mit ein bisschen christlichem Zuckerguss ist. (Ganz ehrlich: Hättest du mir im Krankenhaus noch eine Predigt über positives Denken, noch eine Liste mit den fünf besten Tipps zum gesegneten Leben oder einen Artikel über gesteigertes Vertrauen in Gott gegeben, hätte ich geschrien.) Mir fehlte etwas Grundlegendes. Deshalb musste Gott bei mir auch grundlegend neu anfangen. Das einzusehen, war gar nicht so einfach.
Im Krankenhaus wurde ich nach einer Nacht in der Notaufnahme in ein Isolierzimmer verlegt, ein Einzelzimmer, das vom Personal nur mit Schutzkleidung und so selten wie möglich betreten wurde. Auf eine schräge Art wurde das Isolierzimmer zu meiner Gebetskammer. Die Ärzte und Schwestern kamen immer mal wieder, um herauszufinden, was mit mir los war. Und ebenso kam Gott durch sein Wort zu mir, um mir in einem viel größeren Horizont zu zeigen, was falsch lief und wie er den weiteren Weg für mich vorbereitet hatte.
Diese absurde Parallelität wurde mir allerdings erst später klar. Als ich dort in meinem Bett lag, ging es für mich erst einmal ums Überleben. Große Fortschritte gab es nicht. Ich konnte nichts bei mir behalten, nahm beinahe zehn Kilo ab und kein Antibiotikum schlug an. Niemand wusste, was zu tun war. Die Ärztin zuckte mit den Schultern und die Schwestern schauten mitleidig drein. Es passte einfach nicht zusammen: Mein Körper behielt nichts bei sich, jeden Morgen war mein Laken blutig und gleichzeitig traten immer wieder Panikattacken auf, die ich aber auch zuvor schon gehabt hatte.
Es dauerte über eine Woche, bis eine endgültige Diagnose stand: MRSA.
Vier kleine Buchstaben, die ich bisher nur unter dem Begriff Krankenhauskeim gekannt hatte. Mehrmals im Jahr hatte ich Beerdigungen von Menschen gehalten, die an einem solchen Keim gestorben waren. Sie waren jedoch alle mindestens fünfzig Jahre älter als ich gewesen. Entsprechend groß war die Verwunderung bei den Ärzten und dem Personal, denn in meinem Alter war es beinahe unmöglich, sich einfach so mit MRSA anzustecken, oder wie mir die Oberärztin erklärte: »Für gesunde Menschen ist MRSA in der Regel ungefährlich. Für immungeschwächte Patienten auf Intensivstationen, Krebskranke, Chirurgie-Patienten, frühgeborene Babys oder Menschen mit chronischen Wunden hingegen können multiresistente Erreger lebensgefährlich werden.«
Bisher war ich mir ganz sicher gewesen, zu keiner dieser Gruppen zu gehören.
Allerdings hatte mein Immunsystem unter dem Stress und der Überarbeitung der letzten Monate mehr als nur gelitten. Es war beinahe verschwunden. Und so lag ich nun in diesem Isolierzimmer und bekam eine Auszeit von allem, was sonst meinen Alltag bestimmte.
In dieser Gebetskammer aus Plastikfolie und Desinfektionsmitteln begann meine Reise hin zu einem intensiven Leben der Nachfolge.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Angst vorm Versagen uns nicht aufhalten sollte, einen Schritt im Glauben zu tun. Selbst wenn es im gleichen Moment bedeutet, alte Sicherheiten zu verlassen. Selbst wenn es bedeutet, Schmerzen und unbequeme Wege zu erdulden. Das ist notwendig, wenn wir uns von dem Ort, an dem wir sind, zu dem Ort begeben, an dem Gott uns haben will. Mit anderen Worten: Ein gelebter und brennender Glaube kostet dich etwas. Gelebter Glaube ist nämlich nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Eigentlich ist genau das Gegenteil gemeint: ein Glaube, der zu einem Ausdruck vollständiger Bereitschaft und Hingabe wird. Ich möchte mit einigen Beispielen verdeutlichen, wie Gott unser Leben auf den Kopf stellt, wenn wir ihm nachfolgen.
Als Gott Mose aus dem brennenden Busch zu sich rief, antwortete Mose ihm mit »Hineni«. Vermutlich weißt du, welche Aufgabe Mose daraufhin bekommen hat. (Es hat mit einem ziemlich zornigen Pharao, einem geteilten Meer und einigen Jahrzehnten mit einem murrenden Volk in der Wüste zu tun.)
Als Gott eines Tages »Abraham« rief, antwortete dieser: »Hineni!«, ohne zu ahnen, dass Gott ihn auffordern würde, auf einen Berg zu steigen und seinen Sohn zu opfern.
Dreimal musste Gott den jungen Samuel rufen, bis dieser schließlich ihm und nicht Eli antwortete: »Hineni!« – »Rede Herr, denn dein Knecht hört.«
Viele Hundert Jahre später fragte Gott, wer für ihn in den schwierigen Dienst des Propheten treten würde. Jesaja antworte: »Hineni! Sende mich!«
Kinder sagen es zu ihren Eltern, um zu signalisieren, dass sie bereit sind, dem Wunsch der Eltern zu folgen. Familienmitglieder sagen es einander, um ihre Bereitschaft auszudrücken, füreinander einzustehen und zu handeln.
Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, in welche Richtung wir uns bewegen. Es ist eine Reise in ein fremdes Land, in dem wir unsere Welt und unsere Ansichten und Sicherheiten hinter uns lassen müssen. Der Grund dafür ist simpel: Gott selbst hat alle Ansichten und Sicherheiten hinter sich gelassen, als er in Jesus zu uns gekommen ist. Am Kreuz hat Gott auf einmalige, perfekte und unübertreffliche Weise gezeigt, wie groß seine Liebe für uns ist. Er hört uns permanent zu und sieht in unsere Herzen.
Das ruft nach Liebe. Das erfordert Hingabe, Verfügbarkeit und Opferbereitschaft für den anderen. Gott hat alles für uns gegeben, aber wird er auch in uns bedingungslose Hingabe und Bereitschaft finden, die Kosten des Glaubens zu tragen?
Was wäre, wenn Gott deinen Namen heute laut rufen würde? Bist du bereit, dich ihm für den Dienst anzubieten, den er für dich hat, ohne zu wissen, worum es sich handeln könnte?
Wir müssen nicht warten, bis wir einen hörbaren Ruf empfangen. Der Neustart bei Gott steht dir und mir immer offen. Es ist ein Lebensstil, bei dem wir in Gottes Gegenwart treten, indem wir ihm sagen, dass wir bereit sind, seinen Willen zu tun.
Wie so oft begann auch bei mir dieses große Abenteuer mit einem kleinen Schritt.
Man weiß nie genau, wann einem die Dinge begegnen, die das Leben verändern werden. Es gibt ein kleines Gebet, das sich mehrmals in der Bibel findet. Es ist ziemlich einfach. Die kurze Variante besteht auf Deutsch aus drei Worten, die lange aus fünf. Man kann es sich also leicht merken. Bewusst habe ich diese drei Worte zum ersten Mal in meinem zweiten Semester an der Universität gehört, in einer Vorlesung über Kirchengeschichte. Unser Professor hatte die Angewohnheit, die manchmal recht trockene Vorlesung alle paar Minuten mit guten und weniger guten Witzen zu unterbrechen. Dann blickte er schief grinsend über den Rand seiner Brille, um einen Lacher einzusacken.
Um welches Thema es an diesem Tag ging, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Das sagt wahrscheinlich einiges über mein Gedächtnis und noch viel mehr über die Gründlichkeit meiner Mitschriften aus. Ich würde meine Notizen aus der Vorlesung nicht mal finden, wenn mein Seelenheil dran hinge – Gott sei Dank tut es das nicht. Vermutlich ging es um irgendeine Figur der frühen oder mittleren Kirchengeschichte. Und es ging darum, dass Gott spricht, denn diese Information war das Set-up für den Witz. Insgesamt geschah etwa Folgendes:
Professor (plötzlich und mitten in einem Satz über die Erlebnisse eines armen Menschen aus dem Mittelalter, an den ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann): »Wissen Sie eigentlich, dass es nur ein hebräisches Wort gibt, dass Sie sich wirklich merken müssen?«
Kurs (in Erwartung des Witzes stumpf dreinblickend): »…«
Professor: »Ich war ja nie wirklich gut in Hebräisch. Aber ein Wort habe ich mir gemerkt. Wenn Gott zu jemandem spricht, ist die Antwort, die man gibt, ein einziges Wort. Hineni. Mehr nicht. Das ist Hebräisch für Hier bin ich. Und da Gott ja offensichtlich vor allem Hebräisch spricht, habe ich mir schon als Student gedacht, dass es vielleicht ganz sinnvoll wäre, sich wenigstens das zu merken. Man weiß ja nie.«
Ich weiß nicht, ob und wie oft Gott zu meinem Professor für Kirchengeschichte gesprochen hat. Oder wie die Gespräche gelaufen sind, wenn man bedenkt, dass sein hebräischer Wortschatz anscheinend ziemlich begrenzt war und dies seine Hauptgebetssprache war. Aber vielleicht war das ja auch nur Ironie. Doch dieser eine Satz wurde für mich lebensverändernd. Denn genau dieses kleine Gebet benutzte Gott, um mich in den Wochen und Monaten nach meiner Aufnahme im Krankenhaus »auf links zu krempeln«.
Ich schlief nachts auf meiner Bibel ein. Versuchte, so viele Verheißungen Gottes wie möglich aufzusaugen. Wie ein ausgetrockneter Schwamm lechzte ich danach, Gott als Heiler und Tröster zu erleben. Und immer wieder stolperte ich über diese Worte:
Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich.
Ich betete. Laut, leise, mit Tränen. Es ging inzwischen gar nicht mehr so sehr um die Zeit im Krankenhaus. Mit einem Mal war das Ganze deutlich größer geworden.
»Hier bin ich« ist eine alte Weisheit. Viel älter als du oder ich. Älter als unsere Kirche. Sie steht schon ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Diese Art zu leben, führt uns an den Beginn unseres Menschseins. Und gleichzeitig ist sie neu, weil Gott unser Leben ständig und beständig erneuern wird. Wir Menschen sind so oft auf der Suche nach dem neusten Trend oder dem letzten Schrei. Auch ich dachte: Es muss doch ein Konzept geben, das mein Problem X löst. Aber jedes Mal warteten nur neue Enttäuschungen auf mich.
Nun war es an der Zeit, loszulassen. Es war an der Zeit, dass ich mich ganz in Gottes Gnadenmeer fallen ließ mit der festen Hoffnung, dass er mich nicht ertrinken lassen würde.
Damals begriff ich: Gott hatte mir die Auszeit gegeben, weil er etwas von mir wollte. Er wollte Veränderung. Er wollte mich. Und das war schmerzhaft, weil ich mir eingestehen musste, dass ich auf dem falschen Weg war. Dass ich viel zu lange eine ganze Menge an Masken getragen hatte. Weil ich perfekt erscheinen wollte. Weil ich geliebt werden wollte. Weil ich meine Bestätigung immer an den falschen Orten gesucht hatte. Es war die Sünde, perfekt sein zu wollen. Wie ein Bollwerk hatte ich diese Mauer um mich herum hochgezogen. Und dann zerbrach Gott all das.
Ich ahnte noch nicht, dass die nächsten zweieinhalb Jahre die härtesten meines Lebens werden würden. Aber gleichzeitig waren es zweifellos die besten Jahre, denn ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt.
Wenn du deine Umstände nicht ändern kannst, ist es an der Zeit, die Perspektive zu ändern. Und was könnte für eine neue Perspektive hilfreicher sein, als auf einen Berg zu steigen?
Nach meinem langen Krankenhausaufenthalt packte ich meinen Rucksack und war einige Tage in den Alpen unterwegs. Dazu muss man wissen, dass ich ein norddeutscher Jung bin. Ich hatte davor noch nie einen richtigen Berg gesehen – von hinaufklettern ganz zu schweigen. Entsprechend geschafft war ich, wenn ich abends auf der nächsten Hütte ankam, um mein Lager für diese Nacht zu beziehen. Ich lud meinen Rucksack ab, in dem sich alles befand, was ich auf dieser Reise dabei hatte. Es war ein wundervoller Tausch: ein Krankenzimmer mit Sicherheitsschleuse und Personal, das sich immer in Plastikanzüge kleidete, die ich sonst nur aus Filmen über Alieninvasionen kannte, gegen das offene Panorama der Alpen. Und so stand ich mitten in den Bergen, der kalte Nachtwind fuhr mir durchs Gesicht, und ich war mit einem Mal weit weg von allem Bekannten. Von allem, was mich festhielt. Wenn das mal kein Perspektivwechsel war!
Ich blickte zu den Sternen und dachte an Abraham. Tausende Jahre zuvor hatte Gott zu diesem Mann gesagt: »Schau hinauf zum Himmel. Kannst du etwa die Sterne zählen?« (1. Mose 15,5). Gott verbindet die simpelsten Dinge zu einer Geschichte des Neuanfangs. Die Sterne am Himmel waren schon immer da. Abraham hatte sie schon unzählige Male angeschaut. Hatte vielleicht in einer ruhigen Minute versucht, sie zu zählen, immerhin hatte er kein Smartphone, um die Zeit totzuschlagen. Aber in dieser Nacht war alles anders. Gott gab ihm eine Verheißung. Das Versprechen, ihn an den Ort zu führen, an den er gehörte. Ihm Nachkommen zu schenken. Ein ganzes Volk, das aus ihm entstehen sollte.
Ich blickte in den Himmel, wie Abraham es damals getan hatte. Er wusste nicht, wie es für ihn weitergehen sollte. Er wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde. Er wusste nicht mal genau, wer er war. Er saß einfach nur irgendwo in der Wüste, hinter sich das Zelt, neben sich das Kamel, doch tief in ihm brannte das unauslöschliche Vertrauen, dass Gott jeden Moment seines Lebens in der Hand hielt. Dass es nichts gab, das außerhalb von Gottes Willen lag, und dass er sich einfach nur auf diesen Gott einlassen musste.
Und in dieser Situation sprach er ein einfaches Gebet. Ganz leise sagte er die Worte in die Dunkelheit der Nacht. Hauchte sie beinahe, weil er wusste, dass Gott ihn hörte.
»Hier bin ich.«
Hier beginnt das Leben der Nachfolge: Wenn wir realisieren, dass Gottes Wille in jedem Moment alles trägt. Daraus wächst die unglaubliche Freude des christlichen Lebens. Es ist zugleich die Schönheit und die Ernsthaftigkeit der Nachfolge, dass sie immer nur im Hier und Jetzt möglich ist. Ich kann nicht in einem Moment der Vergangenheit nachfolgen und ich kann ebenso wenig jetzt sagen, was ich tun werde, wenn ich einmal in dieser oder jener Situation sein werde. Nachfolge ist immer nur jetzt möglich. Die Vergangenheit mag mich an diesen Punkt gebracht haben und die Zukunft ist das Ergebnis meiner heutigen Entscheidung. Aber nachfolgen kann ich einzig und allein in diesem Moment.
Das mag simpel klingen, aber für mich war es eine großartige Entdeckung, denn es befreite mich zum einen davon, meine Vergangenheit ständig durchzuspielen, und zum anderen davon, mir die schlimmsten Szenarien für meine Zukunft auszumalen. Alles, was Gott von mir wollte, war mein Jetzt. Als ich mit diesem Gedanken in den Alpen umherwanderte, fühlte ich mich befreit. Es ging nur um diese Zeit. Alles andere konnte ich hinter mir lassen.
Immer wieder habe ich mit Menschen gesprochen, die auf der Suche nach Gottes Willen waren: Für ihr Leben, ihren Beruf, ihre Ehe, ihre Gemeinde. Ich habe es genauso gemacht. Immer wieder. Bis zu diesem Moment der Hingabe. Mit einem Mal wurde mir klar, dass Gottes Wille viel einfacher ist, als ich dachte. Ich suche nicht nach seinem Willen, sondern ich antworte auf seinen Willen. Gott setzt sich durch. Im Hier und Jetzt.
»Hier bin ich.«
Abraham ist der Erste, der diese Worte in der Bibel spricht (1. Mose 22,1). Aber er ist bei Weitem nicht der Einzige. Eine lange Kette von Glaubenden haben dieselben oder ähnliche Worte gebraucht. Menschen, denen Gott begegnet ist. Menschen, die das dringende Bedürfnis hatten, immer mehr von Gott zu erfahren.
Abraham sucht nach dem nächsten Schritt und folgt Gott auf dem Weg ins Unbekannte hin zu großen Verheißungen. Mose wird aus seinem Alltag geholt und führt eine neue Generation von Menschen zu Gott zurück. Samuel wird von Gott aus dem Schlaf gerissen und lebt als sein Prophet für ein taubes Volk. Jesaja steht mit allen Fehlern, Schwächen und Sünden vor Gott und wird ausgerüstet für Großes. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen: Debora, Ruth und Ester, Gideon, David und Josia. Maria, die Mutter von Jesus, und Johannes der Täufer. Timotheus, Paulus, Lydia und Priscilla. All diese Menschen stellen sich in den entscheidenden Momenten Gott ganz zur Verfügung, weil sie wissen, worauf es ankommt, wenn Gott mit Macht in ein Leben bricht und mit Macht die Perspektive neu ausrichtet. Ein hebräisches Wort, drei kleine Worte auf Deutsch:
»Hier bin ich.«
Beim Wandern in den Bergen sah ich immer wieder Schilder mit Warnhinweisen, die unpassierbare Wege und steile Abhänge kennzeichneten. Entweder sollte man diese Wege gar nicht begehen oder nur mit einem gewissen Level an Erfahrung.
Ein kleines Warnschild möchte ich nun auch hier aufstellen:
Dein Leben wird sich verändern.
Egal, wie schwach dein Glaube gerade ist – Gott ist stärker. Egal, wo du gerade herkommst und was du bisher erlebt hast – Gott ist größer. Egal, was du gerade über dich selbst denkst – Gott liebt dich.
Ein schwacher Glaube braucht einen starken Gott. Und dieser starke Gott wird nach und nach an dir sichtbar werden. Die Menschen in deiner Nähe werden sehen, dass dein Leben sich verändert, seit du mit Gott unterwegs bist. Sie werden sehen und erkennen, dass sich dein Blick auf das Hier und Jetzt verändert hat. Dass du nicht mehr einfach nur als Reaktion auf deine Umwelt lebst, sondern dass du als Reaktion auf Gott lebst, der dich zu sich gerufen hat.
Zu viele Menschen leben ihr Leben ohne Sinn und Verstand vor sich hin. Sie drehen sich im Kreis und wandern taub durch die Wüste ihres Lebens. Auf dem Weg aus dem Krankenhaus zurück in meine Gemeinde wurde mir das deutlicher als je zuvor. Wir Menschen sind zerbrechlich und voller Sehnsucht.
Wenn wir tief genug in uns hineinhorchen, stoßen wir darauf. In uns lebt die Sehnsucht, uns an etwas hinzugeben, das größer ist als wir selbst. Wir sind auf Hingabe angelegt.
Hingabe heißt: Ich werde durch etwas Faszinierendes, das größer ist als ich selbst, dazu verlockt, mich loszulassen und mein Leben daran zu verschwenden. Gott zu finden und mit ihm zu leben, ist ohne den Preis der Hingabe nicht möglich. Und die Heimatlosigkeit, die Menschen immer wieder überfällt, hat nicht zuletzt auch etwas damit zu tun, dass sie sich nicht hingeben können oder wollen.
Denn Hingabe ist gefährlich. Wenn ich von Hingabe spreche, meine ich keine Teil-Hingabe oder ein wenig Leidenschaft, sondern eine die ganze Person umfassende Hingabe. Eine Hingabe, die das ganze Sein verschlingt. Es ist die Sehnsucht nach etwas, an das ich mein Herz verlieren kann. Genau das ist jedoch immer mit Risiken verbunden. Es ist immer ein ungeheures Wagnis. Ich setze mich selbst aufs Spiel. Dabei kann ich alles gewinnen oder alles verlieren. Ich habe ja nur ein Herz.
Aber erst wenn ich mein Herz verliere, finde ich mich. Wo mein Herz ist, da ist nämlich auch mein Zuhause, da gehöre ich hin.
Und vielleicht stoßen wir damit an das eigentliche Geheimnis unserer Sehnsucht: Wir wollen wissen, wo wir hingehören – im Gelingen und im Scheitern, auf den Höhen und in den Tälern unseres Daseins, im Leben und im Sterben. Wir wollen irgendwo ganz »zu Hause« sein.
Kennst du das? Dann bist du hier richtig. Denn alles beginnt mit einem Satz.
»Hier bin ich.«
Diese drei Worte, die wunderschön miteinander verflochten sind, bilden einen der mächtigsten Sätze der Schrift. Tatsächlich würde ich es wagen, zu sagen, dass es einer der eindrucksvollsten Sätze ist, die wir jemals sprechen können. Aber wie kommt es, dass eine kleine Phrase so viel Macht hat? Wie können diese Worte deinen geistlichen Weg radikal verändern, indem sie Glauben und Mut entzünden, die anders sind als alles, was du je gekannt hast?
Die folgenden Seiten und Kapitel wollen dich mitnehmen auf eine Reise durch deine Zweifel, den geistlichen Schluckauf und die Ängste, um aufzudecken, welchen Stellenwert Gott in deinem Leben wirklich hat.
Dabei betrachten wir unterschiedliche Menschen in der Bibel, die die Worte »Hier bin ich« gesagt und mit eifrigem Gehorsam geantwortet haben, als Gott sie zum nächsten Schritt im Glauben berufen hat. Jeder von ihnen zeigt, wie es aussieht, Hindernisse zu überwinden und an den Punkt zu kommen, an dem wir den Ruf Gottes hören und entsprechend reagieren.
Wir werden den Vorhang ihres Lebens zurückziehen und herausfinden, was sie bewegt hat. Wir werden untersuchen, wie sie bei ihrem Streben nach eigener Gerechtigkeit versagt haben, wo und wie Gott ihr Leben verändert hat und welche Bedeutung ihr »Hier bin ich« hat. Mein Gebet ist, dass du dadurch ebenfalls deine Stimme findest und sagst: »Gott: Hier bin ich. Sende mich.«
Aber ich will dich nicht nur mit netten Geschichten inspirieren und sagen: »Jetzt streng dich ein bisschen mehr für Gott an!« Billige Magie und falsche Versprechungen haben wir in unserer Welt und zwischen zwei Buchdeckeln schon genug. »Hier bin ich« ist kein Zauberspruch oder ein Mantra, das du nur oft genug wiederholen musst, damit es wirkt. »Hier bin ich« sind Worte, die uns an etwas erinnern sollen. Sie sollen dich und mich immer wieder daran erinnern, wer Gott ist. Sie sollen uns immer wieder vor Augen halten, dass all unser Handeln ganz von Gott abhängig ist.
Von den Nächten in meiner Gebetskammer aus Plastikfolie bis zu diesem Buch war es eine ziemlich lange Reise. Unterwegs habe ich Menschen getroffen, die genau wie ich auf der Suche nach einer neuen Begegnung mit Gott waren. Nach und nach haben wir uns gesammelt. Nicht um diese drei Worte, sondern um den lebendigen Gott, der sie hört. Gott hat uns in dieser Zeit eines unmissverständlich gezeigt: »Du wirst dich selbst nicht finden, wenn du mich nicht findest. Um herauszufinden, was der Sinn deines Lebens ist, musst du herausfinden, wer ich bin.«
Die lange Kette von Menschen, die diesen Weg mit Gott gehen, reißt nicht ab. Immer wieder treffe ich Leute, die genau so leben. Mit ganzer Hingabe in der Nachfolge Gottes. Nicht nur für sich selbst, sondern als Ansporn für eine ganze Generation.
Ich habe die Geschichten, in denen Menschen diese drei Worte gesagt haben, immer wieder gelesen. Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich. Sie sagten sie voller Angst, voller Vertrauen, mit Mut, mit Tränen. Da waren sie nicht anders als ich. Und jeder, der dieses Gebet sprach und es so meinte – über alle Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg – machte eine Erfahrung, die mit nichts anderem zu vergleichen ist: Gott antwortet auf dieses Gebet.
Die DNA unseres Glaubens beinhaltet immer einen Hunger nach Gott. Eine Sehnsucht nach mehr. Das ist der Heilige Geist in uns. Er lässt uns nach dem eigentlich Unmöglichen streben. Er richtet uns auf und zieht uns immer wieder zu Gott. Und zugleich macht er es unmöglich, beim Altbekannten stehen zu bleiben. Genau da stoßen wir mit unseren christlichen Routinen an Grenzen. Dabei ist ein Leben mit Gott alles andere als bloße Routine. Die wunderbarste und tiefste Kommunikation findet nur statt, wenn ich mein Gegenüber kenne. In unserer zwischenmenschlichen Kommunikation macht das den Unterschied zwischen Small Talk und einem echten Gespräch. Gott ist nicht für Small Talk da. Gebete, Gespräche, Leben mit Gott sind alles andere als einseitig.
Wir stehen an der Schwelle zum Himmel. Jesus wurde einmal von seinen Jüngern gefragt, wie sie beten können. Seine Antwort war das Vaterunser. »Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.«
Gott hat alles im Griff. Er möchte, dass wir mit ihm leben. Dazu hat er uns in Jesus befreit.
Also: Rauf auf den Berg! Stell dich deinen Ängsten. Mache Fehler. Lerne. Versuch es noch einmal. Erlebe, wie Gott mehr tut, als du dir jemals vorstellen könntest!
Acht Jahre bevor ich in meiner Gebetskammer aus desinfizierten Folienwänden von Gott gerufen wurde, fiel die Tür meiner ersten Studentenbude ins Schloss. Der Umzug war geschafft. Ich war von zu Hause ausgezogen. Das Auto meiner Eltern fuhr weg und ich war allein.
An meinen Schülerfantasien gemessen, hätte sich jetzt eigentlich eine ganze Menge an Gefühlen Bahn brechen müssen, von Freude bis Freiheit. Ich fing aber einfach nur an, zu weinen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich noch oft umziehen würde. Wer wollte schon sein Leben lang in einer Studentenbude wohnen? Aber vor allem wusste ich, dass ich nie wieder in das Haus einziehen würde, in dem ich aufgewachsen war. Ich wusste, dass dieser Abschnitt meines Lebens für immer vorbei war. Und auch wenn mir das eigentlich vorher schon klar gewesen war, spürte ich es in diesem Moment mit ganzer Härte. Selbst wenn ich ein Dach über dem Kopf hatte, war ich auf eine gewisse Weise heimatlos geworden. Damit war ich in einem Grundzustand des Christseins angekommen.
Es gibt eine Heimatlosigkeit, die durch und durch christlich ist. Denn Christen sind nicht mehr von dieser Welt, auch wenn sie in der Welt bleiben (Johannes 17,14-15). Die meisten von uns verstehen das abstrakt. Wir wissen, dass Jesus uns aus dieser Welt auserwählt hat (Johannes 15,19) und dass wir aufgefordert sind, hier auf der Erde nur als »Gäste und Fremde« zu leben (Hebräer 11,13).
Trotzdem ist es schwierig, sich an die konkrete Erfahrung zu gewöhnen, dass es nie so richtig passt. Egal, wo wir sind, egal, was wir tun, wir sind Fremde und fühlen uns etwas fehl am Platz. Bis wir mit dieser Realität wirklich zurechtkommen, werden wir immer wieder Desorientierung empfinden und Enttäuschung.
Stell dir einmal einen Karton vor und schreib in Gedanken darauf mit einem dicken Filzstift »Hier«. Es ist ein ziemlich großer Karton. Nicht bloß ein Schuhkarton oder eine der Abermillionen Amazon-Kisten, die täglich durch unser Land gefahren werden, sondern ein Riesenkarton für die ganz große Perspektive, wie du sie hast, wenn du von einem Berg herabschaust. Stell dir vor, du würdest aus dieser Perspektive auf dein ausgebreitetes Leben hinabblicken. Was du siehst, ist groß und unüberschaubar. Und vor allem: Es ist zwar dein Leben, aber es ist nicht deine Heimat.
• Dein Körper ist nicht deine Heimat. Er wird eines Tages sterben.
• Der Ort, an dem du lebst, ist nicht deine Heimat. Kein Heimwerkerprojekt wird ihn jemals zu dem Himmel machen, den du suchst.
• Deine Ehe ist nicht dein Zuhause. Selbst die beste Ehe endet, wenn »der Tod sie scheidet«.
• Deine Kinder sind nicht deine Heimat. Jede noch so gute Erziehung zielt darauf ab, dass sie eines Tages das Haus verlassen.
• Deine Freundschaften sind nicht deine Heimat. Selbst die besten gehen durch schwere Zeiten und es ist unklar, welche ein Leben lang halten.
• Deine Ortsgemeinde ist nicht deine Heimat. Wie dein menschlicher Körper wird die Gemeinde eines Tages ein vollkommener, verherrlichter Leib Christi sein (Römer 12,5; Epheser 5,27). Aber gerade jetzt erinnern uns Sünde, Zerbrochenheit und Versagen daran, dass unsere Ortsgemeinde noch nicht unsere Heimat ist.
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