Food Fix - Mark Hyman - E-Book

Food Fix E-Book

Mark Hyman

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Beschreibung

  • Versteckter Lobbyismus, Betrug und Interessen gesteuerte Politik: New York Times Bestseller-Autor Dr. Mark Hyman deckt die Korruption und Zerstörungskraft unserer modernen Lebensmittelindustrie auf
  • Erfahren Sie, was dieses Ernährungssystem mit sozialer Ungerechtigkeit, Rassismus und Krankheit zu tun hat
  • Nicht nur der Klimawandel beginnt auf dem Teller – wie eine gesunde Ernährung unsere Gesellschaft rettet und unsere Wirtschaft klimafreundlich macht
  • Der Experte für Ernährung und funktionelle Medizin zeigt nachhaltige und überzeugende Lösungswege für einen gesunden Planeten, vom täglichen Einkauf im Supermarkt bis hin zu politischen Aktionen
  • Werden Sie Teil einer großen Bewegung

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DR. MARK HYMAN

FOOD FIX

So retten wir unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und unseren Planeten

Allen Landwirten, Essern, Gemeinschaften, Aktivisten, Wissenschaftlern, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern gewidmet, die nach Kräften versuchen, unser Ernährungssystem zu reformieren.

Inhalt

Einführung

Teil I: Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen unseres Ernährungssystems

1 Die wahren Kosten unseres Essens – gesundheitlich, wirtschaftlich, ökologisch und klimatisch

2 Die globale Epidemie chronischer Krankheiten – Die Rolle unseres Ernährungssystems

3 Der globale Einfluss der Lebensmittelkonzerne

4 Finanzpolitische Maßnahmen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten

Teil II: Die schmutzigen Machenschaften der Lebensmittelkonzerne

5 Wie Lebensmittel- und Agrarkonzerne die Ernährungspolitik kontrollieren

6 Die Macht der Lebensmittel-Lobbyisten

7 Die US-Regierung: Subventionierer von Krankheit, Armut, Umweltzerstörung und Klimawandel

8 Wie die Lebensmittelindustrie Kinder und Schulen ins Visier nimmt

9 Die Zulassungsbehörde lässt uns im Stich

Teil III: Informationskrieg

10 Wie Lebensmittel- und Getränkeindustrie die öffentliche Gesundheit für ihre Zwecke missbrauchen und die Ernährungswissenschaft verfälschen

11 Wie Lebensmittelkonzerne Partnerschaften kaufen und sich hinter Frontorganisationen verstecken

Teil IV: Essen und Gesellschaft: Die Zerstörung unseres menschlichen und intellektuellen Kapitals

12 Versteckte Unterdrückung durch Big Food: Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Rassismus

13 Essen und seine Wirkung auf unser psychisches Wohl, unser Verhalten und Gewalt

14 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie – Die vergessenen Opfer unseres Ernährungssystems

Teil V: Die ökologischen und klimatischen Auswirkungen unseres Ernährungssystems

15 Warum Landwirtschaft so wichtig ist: Essen und was damit zusammenhängt

16 Boden, Wasser, Artenvielfalt – Warum es uns kümmern sollte

17 Die Lebensmittel- und Agrarindustrie: Die größten Verursacher des Klimawandels

Nachwort: Die Zukunft von Lebensmitteln, Menschen und unseres Planeten

Danksagung

Referenzen

Abbildungsverzeichnis

Index

Über den Autor

Überwältigende Resonanz für Food Fix

Impressum

Einführung

Es ist ein herrliches Gefühl, die Einheitlichkeit eines Komplexes von Erscheinungen zu erkennen, die der direkten sinnlichen Wahrnehmung als getrennte Dinge erscheinen.

— ALBERT EINSTEIN

Wir scheinen … offensichtlich nicht den Zusammenhang der Probleme und daher auch der Lösungen erkennen zu wollen, der unserem Dilemma zugrunde liegt und sicherlich auch unsere Fähigkeit beeinflusst, die Zukunft unserer Ernährung zu bestimmen.

— PRINZ CHARLES

Es gibt eine Schnittstelle, bei der fast alles zusammenläuft, was in der heutigen Welt von Bedeutung ist: Unser Essen und unser Ernährungssystem – das komplexe Netzwerk dessen, wie wir Lebensmittel anbauen, produzieren, verteilen und bewerben; was wir essen, was wir wegwerfen und welche Politik weltweit hinter dem unfassbaren Leid und der Zerstörung steckt, die unser menschliches, soziales, wirtschaftliches und natürliches Kapital zunichtemacht.

Essen ist die Ursache der meisten gesundheitlichen, wirtschaftlichen, ökologischen, klimatischen, sozialen und sogar politischen Krisen dieser Welt. Das mag sich übertrieben anhören, ist es aber nicht. Das Problem ist noch viel gravierender, als wir glauben. Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie verstehen, welche Zusammenhänge hinter dieser weitgehend unsichtbaren Krise stecken und warum die Transformation unseres Ernährungssystems für unsere Gesundheit und das Wohlergehen unserer Bevölkerung, unserer Umwelt, unseres Klimas, unserer Wirtschaft – schlichtweg für das Überleben der Menschheit – so wichtig ist. Sie werden auch verstehen, welche Kräfte, Unternehmen und politischen Maßnahmen die Katastrophe anheizen, und welche Menschen, Unternehmen und Regierungen Hoffnung keimen lassen und einen Weg aus der Krise unseres kaputten Ernährungssystems aufzeigen.

Aber warum interessiert sich ein Arzt wie ich so sehr für Essen, das System, das es produziert, und die Ernährungspolitik, die dahintersteckt?

Als Arzt habe ich einen Eid geleistet, menschliches Leid und Krankheiten zu bekämpfen und selbst keinen Schaden anzurichten. Als Arzt für funktionelle Medizin wurde ich dafür ausgebildet, nach den Ursachen von Krankheiten zu suchen und den menschlichen Körper als komplexes Ökosystem zu betrachten.

Unsere Ernährungsweise ist die Hauptursache von Tod, Behinderungen und Leid in der Welt. In den letzten 100, besonders aber 40 Jahren hat sich unsere Lebensmittelversorgung dramatisch verändert. Unser Essen besteht aus immer mehr ultraverarbeiteten Produkten, die von einer Handvoll Nutzpflanzen (Weizen, Mais, Soja) stammen. Wenn unsere schlechte Ernährung tatsächlich der größte Killer unseres Planeten ist, musste ich unserem Essen und dem System, das es produziert, zwangsläufig auf den Grund gehen. Das brachte mich dazu, die gesamte Nahrungskette genauestens zu erforschen – vom Samen übers Feld bis hin zur Müllhalde. Dabei sah ich mir auch die Schäden an, die auf jeder Station dieser Reise verursacht werden. Die Geschichte unseres Essens schockierte mich. Sie zwang mich dazu, andere darüber zu informieren und nach einem Ausweg aus diesem kaputten System zu suchen, das langsam, aber sicher die Menschen und Dinge zerstört, die wir am meisten lieben.

Unsere wirkungsvollste Waffe im Kampf gegen chronische Krankheiten, Umweltzerstörung, Klimawandel, Armut, soziale Ungerechtigkeit, korrupte Politik und eine angeschlagene Wirtschaft ist Essen. Die Lebensmittel, die wir anbauen, die Weise, wie wir sie anbauen, und die Art von Lebensmitteln, die wir essen, haben eine enorme Auswirkung – nicht nur auf unsere Hüften, sondern auch auf unsere Gemeinschaften, unseren Planeten und die Weltwirtschaft.

Chronische Krankheiten sind mittlerweile die stärkste Bedrohung des weltweiten wirtschaftlichen Fortschritts. Lebensstilbedingte Krankheiten wie Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs töten jährlich fast 50 Millionen Menschen – doppelt so viele wie an Infektionskrankheiten sterben. Heutzutage gehen weltweit zwei Milliarden Menschen übergewichtig und 800 Millionen hungrig ins Bett. Einer von zwei erwachsenen US-Amerikanern und einer von vier Teenagern hat Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes.

Der Einfluss von Lobbyisten auf die Politik hat dazu geführt, dass Konzerne und nicht die Bevölkerung im Zentrum jedes einzelnen Aspekts unseres Ernährungssystems stehen. Das beginnt damit, welche Lebensmittel wie angebaut oder produziert werden, und reicht bis zu der Art, wie sie verarbeitet, vermarktet und verkauft werden. Wenn die Politik vom Geld bestimmt wird, führt dies zu genau der unkoordinierten und widersprüchlichen Ernährungspolitik, mit der wir es gerade zu tun haben. Diese subventioniert, schützt und fördert die Dominanz großer Lebensmittel- und Agrarkonzerne – zum Nachteil der Bevölkerung und der Umwelt. Die Konzerne ziehen Politiker, öffentliche Gesundheitsorganisationen, Aktivistengruppen, Wissenschaftler und Schulen mit Unmengen an Geld auf ihre Seite, manipulieren die Wissenschaft und führen die Öffentlichkeit mit Desinformationskampagnen in die Irre. Die Konsolidierung und Monopolisierung der Lebensmittelindustrie in den letzten 40 Jahren machte aus ehemals Hunderten verschiedenen Lebensmittelverarbeitungsunternehmen, Saatgutherstellern und Chemie- und Düngeunternehmen weniger als ein Dutzend Großkonzerne. Das hat die Branche zur größten kollektiven Industrie der Welt werden lassen, die schätzungsweise 15 Billionen US-Dollar schwer ist, beziehungsweise circa 17 Prozent der gesamten Weltwirtschaft ausmacht. Kontrolliert wird sie von ein paar Dutzend CEOs, die entscheiden, welche Lebensmittel angebaut, wie sie angebaut, verarbeitet, verteilt und verkauft werden. Und das wirkt sich auf jeden einzelnen Menschen dieser Welt aus.

Die Zukunft unserer Kinder wird von einem Leistungseinbruch bedroht, der größtenteils mit einer auf verarbeiteten Produkten und Zucker basierenden Ernährung zusammenhängt – auch an Schulen. Fünfzig Prozent der Schulen in den USA bieten in ihren Cafeterien Fast Food an. 80 Prozent haben Verträge mit Softdrinkherstellern. Die Lebensmittelkonzerne konzentrieren sich mit ihrer Milliarden Dollar teuren Werbung für die ungesündesten „Lebensmittel“ gezielt auf Kinder und Minderheiten.

Armut, soziale Ungerechtigkeit und Gewalt nehmen durch die schädliche Wirkung unseres nährstoffberaubten und giftigen Lebensmittelumfelds auf die intellektuelle Entwicklung, die Laune und das Verhalten unserer Kinder weiter zu. Gewaltdelikte in Gefängnissen können durch eine gesunde Ernährung der Insassen deutlich reduziert werden. Die nationale Sicherheit der USA ist gefährdet, weil junge Erwachsene nicht mehr fit genug zum Kämpfen und daher nicht wehrtauglich sind. Abgesehen davon sind viele US-Soldatinnen und -Soldaten übergewichtig.

Außerdem beuten wir das Kapital der Natur aus – ein Kapital, das sich, wenn es erst einmal erschöpft ist, wohl nur noch zum Teil regenerieren lässt. Nicht nur unsere Gesundheit und die Zukunft unserer Kinder sind bedroht, sondern auch die Gesundheit des Planeten, der unser Überleben sicherstellt. Unser industrielles Agrar- und Ernährungssystem (Lebensmittelabfälle eingeschlossen) ist die Hauptursache des Klimawandels und übertrifft sogar die Auswirkungen fossiler Brennstoffe. Die heutigen Anbaumethoden sorgen dafür, dass uns wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert der fruchtbare Boden und das Süßwasser ausgehen. Wir zerstören unsere Flüsse, Seen und Ozeane durch abfließenden Stickstoffdünger, der riesige tote Zonen in den Meeresgebieten entstehen lässt. Wir werfen 40 Prozent der Lebensmittel weg, die wir produzieren. Das kostet uns und die Welt jährlich 2,6 Billionen US-Dollar.

Aber es gibt einen Ausweg: Die Lösung liegt in unserer Art zu Essen. Überall auf der Welt gibt es Regierungen, Unternehmen, Graswurzelbewegungen und engagierte Einzelpersonen, die unser Ernährungssystem neu denken und transformieren wollen. Sie finden Lösungen, die genau die Herausforderungen anpacken, mit denen jeder Bereich unseres Ernährungssystems konfrontiert ist. Dieses Buch erläutert nicht nur die Probleme, es beschreibt auch Maßnahmen, wirtschaftliche Innovationen und grundlegende Lösungen. Es zeigt, was jeder Einzelne von uns tun kann, um seine eigene Gesundheit, die Gesundheit unserer Gesellschaft und die Gesundheit unseres Planeten zu verbessern.

Die Transformation unseres Ernährungssystems ist nicht nur eine medizinische, moralische oder ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Dr. Dariush Mozaffarian, Dekan der Tufts School of Nutrition Science and Policy, lässt angesichts dieses scheinbar überwältigenden Problems Hoffnung keimen und verweist auf die „Innovations- und Kapitalschübe, von denen der Lebensmittelsektor und verwandte Disziplinen gerade profitieren – von der Landwirtschaft über die Lebensmittelverarbeitung bis hin zur Gastronomie, dem Einzelhandel und auch dem Gesundheitswesen, der Personalisierung, der Mobiltechnik und der betrieblichen Gesundheitsförderung. Diese milliardenschwere Revolution zu unterstützen und sicherzustellen, dass sie schnell, evidenzbasiert und zielorientiert vonstattengeht, ist eine entscheidende Chance und Herausforderung“.

Als Arzt wird mir zunehmend klar, dass die Gesundheit unserer Bürger, unserer Gesellschaft und unseres Planeten von revolutionären Innovationen abhängt, die unsere Lebensmittelproduktion und den Konsum unserer Lebensmittel dezentralisieren und demokratisieren – Innovationen, die echte Lebensmittel in großem Stil produzieren und die Gesundheit unserer Böden, unseres Wassers und unserer Luft wiederherstellen. Innovationen, die die Artenvielfalt unseres Planeten retten und den Klimawandel rückgängig machen. Ich kann Fettleibigkeit und Diabetes nicht in meiner Praxis heilen. Der Schlüssel zu ihrer Heilung liegt in den landwirtschaftlichen Betrieben, den Lebensmittelgeschäften, Restaurants, unseren Küchen zu Hause, den Schulen, am Arbeitsplatz und in den Glaubensgemeinschaften.

All diese und weitere Orte sind die Quelle des Wandels, den wir brauchen, um eines der zentralsten Probleme unserer Zeit zu lösen: die Qualität unseres Essens, das mehrmals täglich auf unseren Teller kommt. Wir müssen uns unsere Gesundheit zurückholen – Küche für Küche, Zuhause für Zuhause, Familie für Familie, Gemeinschaft für Gemeinschaft und Bauernhof für Bauernhof! Die Umstellung unserer Ernährung ist ein wichtiger Schritt, reicht aber allein nicht aus, um eine Veränderung auf den Weg zu bringen, die eine gesunde, nachhaltige und gerechte Welt schafft.

Die Politik und die Unternehmen, die unser gegenwärtiges System steuern, müssen sich verändern – hin zu einem neugedachten Ernährungssystem „vom Hof auf den Tisch“, und noch weiter darüber hinaus. Wenn wir einen einzigen großen Hebel umlegen könnten, um die Gesundheit der Menschen weltweit zu verbessern, wirtschaftlichen Wohlstand zu schaffen, soziale Ungerechtigkeit zu verringern, psychische Erkrankungen zu bekämpfen und den Klimawandel rückgängig zu machen, dann wäre das die Transformation unseres gesamten Ernährungssystems. Dies ist die wichtigste Aufgabe unserer heutigen Zeit – eine Aufgabe, die wir jetzt in Angriff nehmen müssen.

Teil I

Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen unseres Ernährungssystems

Die Leute werden von einer Lebensmittelindustrie ernährt, die sich nicht um Gesundheit schert, und von einer Gesundheitsindustrie geheilt, die sich nicht um Ernährung schert.

— WENDELL BERRY

1

Die wahren Kosten unseres Essens – gesundheitlich, wirtschaftlich, ökologisch und klimatisch

Fünfundneunzig Billionen US-Dollar — $95.000.000.000.000. Das ist eine fast unvorstellbar große Zahl. Und dennoch ist das die geschätzte Summe, unter deren Last unsere Wirtschaft aufgrund chronischer Krankheiten in den nächsten 35 Jahren ächzen wird – sowohl durch direkte Gesundheitskosten wie auch durch Produktivitätsverluste und Behinderungen. Zum Vergleich: Das ist fast fünfmal so viel wie das jährliche Bruttoinlandsprodukt der USA von 20 Billionen US-Dollar. Laut Angaben der Weltbank betrug das weltweite Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2017 gerade einmal 80 Billionen US-Dollar.

Mit dieser Summe könnten wir …

◼ kostenlose Bildung gewährleisten,

◼ eine kostenlose Gesundheitsversorgung sicherstellen,

◼ Armut beseitigen,

◼ Ernährungsunsicherheit und Hunger beseitigen,

◼ soziale Ungerechtigkeit sowie Einkommens- und Gesundheitsunterschiede abschaffen,

◼ Arbeitslosigkeit beseitigen,

◼ die Infrastruktur und das Verkehrswesen sanieren,

◼ auf erneuerbare Energien umsteigen,

◼ Kohlenstoffemissionen reduzieren und den Klimawandel rückgängig machen,

◼ das für Menschen, Tiere und die Umwelt schädliche industrielle Agrarsystem zu einem nachhaltigen, regenerativen System umbauen, das den Klimawandel rückgängig macht, die Süßwasserressourcen erhält, die Artenvielfalt erhöht, Bestäuber schützt und gesundheitsfördernde, vollwertige Lebensmittel produziert.

Diese 95 Billionen US-Dollar (oder 91 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des Landes) sind die Gesamtkosten, die in den nächsten 35 Jahren wegen chronischer Krankheiten auf die USA zukommen. Sie setzen sich aus direkten Gesundheitskosten und Produktivitätseinbußen zusammen, die durch Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs, psychische Erkrankungen und andere chronische Krankheiten entstehen.1 Stellen Sie sich vor, wir könnten einen erheblichen Teil dieser finanziellen Ressourcen für Dinge ausgeben, die für uns alle von Bedeutung sind, und nicht für vermeidbare chronische Krankheiten. Die meisten dieser Krankheiten werden durch unsere industrielle Ernährung verursacht. Das heißt, dass sie vermeidbar sind – wenn wir andere Lebensmittel anbauen, verarbeiten und essen. Wenn wir alles in Ordnung bringen, woran unser Ernährungssystem krankt, sind diese 95 Billionen nur ein Bruchteil des Gesamtwerts, von dem unsere Wirtschaft profitieren wird. Natürlich werden deshalb nicht gleich alle chronischen Krankheiten verschwinden, und auch nicht alle chronisch Kranken werden wieder arbeiten können. Doch wenn auch nur ein geringer Teil dieses Geldes dafür eingesetzt wird, sagen wir ungefähr 15 Billionen Dollar, kann uns dies wichtige Ressourcen verschaffen, um unsere drängendsten Probleme zu lösen. Und 15 Billionen Dollar entsprechen immerhin den US-amerikanischen Steuergesamteinnahmen von vier Jahren.

Elf Millionen Menschen sterben jedes Jahr, weil sie sich ungesund ernähren. Weltweit sind mehr als eine Milliarde Menschen übergewichtig und krank, weil sie von verarbeiteter Industrienahrung leben und keine gesunden und vollwertigen Lebensmittel essen.2 Der Mangel an Obst und Gemüse bei der Ernährung ist die Hauptursache all dieser Todesfälle. Es ist traurige Tatsache, dass auf lediglich 2 Prozent der US-amerikanischen Anbauflächen Obst und Gemüse angebaut wird – trotz der Empfehlung der US-Regierung, laut der unsere Ernährung zu 50 Prozent auf Obst und Gemüse basieren sollte. Auf 59 Prozent der Anbauflächen stehen Nutzpflanzen (Mais, Weizen, Soja), die zu ultraverarbeiteten Lebensmitteln werden und – wie wir längst wissen – tödlich sind. Unsere Ernährung besteht zu 60 Prozent aus genau solchen verarbeiteten Produkten!

Warum das so schlimm ist? Pro jede 10 Prozent Ihres Essens, das aus verarbeiteten Lebensmitteln besteht, steigt Ihr Sterberisiko um 14 Prozent.3 Das bedeutet sehr viele unnötige Todesfälle, nur weil wir eine Landwirtschaft unterstützen, die Nahrung produziert, die uns krank und dick macht und gleichzeitig die Umwelt zerstört. Stattdessen sollten wir den Anbau von Obst, Gemüse und anderen vollwertigen Lebensmitteln fördern, die uns gesund machen.

Die Komplexität dieses Problems verhindert, dass die Leute eins und eins zusammenzählen und etwas dagegen tun. Da die allermeisten den Großteil der wahren Kosten nicht einmal erkennen, fehlt ihnen auch die Motivation, das bestehende System zu verändern. Lassen Sie uns deshalb jeden einzelnen Aspekt des Ernährungssystems genauer unter die Lupe nehmen, damit die Zusammenhänge deutlich werden.

Die Kosten chronischer Krankheiten

2018 veröffentlichte das Milken Institute zwei größere Berichte: The cost of chronic diseases in the US (Die Kosten chronischer Krankheiten in den USA)4und America’s Obesity Crisis: The Health and Economic Costs of Excess Weight (Amerikas Fettleibigkeitsepidemie: Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Kosten von Übergewicht).5 Beide skizzieren, welche extremen Auswirkungen Fettleibigkeit und Krankheiten haben, deren Ursache in erster Linie bei unserem gegenwärtigen Ernährungssystem zu suchen ist. Die Lektüre ist erschreckend. Hier nur einige der wichtigsten Fakten:

◼ Die direkten Gesundheitskosten für chronische Krankheiten lagen 2016 in den USA bei 1,1 Billionen Dollar beziehungsweise 5,8 Prozent des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

◼ Die indirekten Kosten, zu denen Einkommensverluste, Produktivitätseinbußen und die Auswirkungen auf pflegende Angehörige zählen, aber nicht der Einfluss des Ernährungssystems auf die Umwelt, lagen bei weiteren 2,6 Billionen Dollar. Die Summe aus direkten und indirekten Kosten lag also bei 3,7 Billionen Dollar. Das entspricht einem von fünf Dollar der gesamten US-Wirtschaft, und zwar Jahr für Jahr!

◼ Die meisten Krankheiten, die diese Kosten verursachen, hängen mit Fettleibigkeit und ungesunder Ernährung zusammen: zu hohe Cholesterinwerte, Gelenkentzündungen, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle, Krebs, Alzheimer und Nierenversagen. Prädiabetes, von dem mittlerweile jeder zweite US-Amerikaner betroffen ist und der Herzinfarkte, Schlaganfälle und Demenz verursacht, auch wenn er sich nicht zu einem ausgeprägten Typ-2-Diabetes entwickelt, wird übrigens nicht dazugerechnet.

◼ In zehn Jahren werden 83 Millionen US-Amerikaner an drei oder mehr chronischen Krankheiten leiden. 2015 waren es noch 30 Millionen. Heute leiden 60 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung an einer und 40 Prozent an zwei oder mehr chronischen Krankheiten.

◼ 70 Prozent der US-Amerikaner sind übergewichtig oder fettleibig – das sind circa 228 Millionen Menschen! Im Vergleich zu 1962 sind statt 3,4 Prozent heute 40 Prozent fettleibig.

Stellen wir uns das Ganze nun im globalen Maßstab vor. Wenn 2,2 Milliarden Menschen auf der Welt übergewichtig sind, sprechen wir von unvorstellbar hohen Kosten. Wenn die Last der chronischen Krankheiten allein die amerikanische Wirtschaft in den nächsten 35 Jahren 95 Billionen kosten wird, was kommt dann auf die Welt zu?

Die globalen Gesundheitsausgaben pro Kopf sind nur ein Zehntel so hoch wie die US-amerikanischen. Die globale Fettleibigkeitsrate ist ebenfalls niedriger. Trotzdem steigen auch hier die Kosten ins Unermessliche. Nehmen wir rein hypothetisch an, dass weltweit 1.000 Mal mehr Menschen fettleibig sind als in den USA (also über 2,2 Milliarden).6 Dann lägen die globalen Kosten bei mehreren Billiarden Dollar! Das sind eine Menge Nullen.

Warum sollte uns das kümmern? Nun, während die Demokraten in den USA Medicare for All einführen und die Republikaner Ansprüche auf Gesundheitsleistungen noch weiter kürzen wollen, um die Staatsverschuldung von 22 Billionen Dollar zu verringern, verkennen beide das Offensichtliche: Wir müssen die Ursache dieser Kosten beseitigen. Das bedeutet, den Zustrom weiterer kranker Menschen in ein kaputtes System zu stoppen und der Umweltzerstörung und dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, indem wir uns der Ursache des Übels annehmen: unseres Ernährungssystems.

Doch statt das zu tun, fördern die meisten unserer Regierungen den Anbau, die Produktion, die Vermarktung, den Verkauf und den Konsum der ungesündesten Lebensmittel dieser Welt. Subventionen in Milliardenhöhe (in Form von Ernteausfallversicherungen und anderen staatlichen Förderungen) fließen in den Anbau von Nutzpflanzen, die zu Junkfood und Futtermitteln für die Massentierhaltung verarbeitet werden. 75 Milliarden Dollar werden jedes Jahr für Lebensmittelmarkenprogramme aufgewendet, die zwar den Hunger bekämpfen, letztendlich aber vor allem den Kauf von verarbeiteten Lebensmitteln und Erfrischungsgetränken ankurbeln. Hinzu kommen unregulierte Werbung für Erfrischungsgetränke und Junkfood, verwirrende Lebensmitteletiketten, Ernährungsrichtlinien, die von der Industrie beeinflusst werden, und vieles mehr. Genau diese Ernährungspolitik fördert die landwirtschaftlichen Praktiken, die unsere Umwelt zerstören und den Klimawandel vorantreiben.

Der Congressional Research Service schätzt, dass im Jahr 2025 voraussichtlich 48 Prozent der US-Staatsausgaben für Programme wie Medicare und Medicaid ausgegeben werden.7 Der frühere Gouverneur von Tennessee Bill Haslam verriet mir, dass einer von drei Dollar des Gesamthaushalts von Tennessee in Medicaid fließt. Und da sind all die zusätzlichen bundesweiten Programme zur Gesundheitsfürsorge wie das Department of Veterans Affairs, das Department of Defense, das Children’s Health Insurance Program und der Indian Health Service noch nicht mit eingerechnet. Die US-Regierung übernimmt insgesamt 50 bis 60 Prozent der US-amerikanischen Gesundheitskosten. Das Government Accountability Office (GAO) geht davon aus, dass Medicare und Medicaid den Staatshaushalt im Jahr 2048 ganze 3,2 Billionen Dollar kosten werden. Zum Vergleich: Die gesamten Steuereinnahmen der USA liegen bei gerade einmal 3,8 Billionen Dollar.8 Es wird also kaum mehr etwas zum Regieren übrig bleiben – weder für Verteidigung, Bildung, das Verkehrswesen noch sonst irgendetwas. Weder Leistungskürzungen bei Medicare noch die Einführung von Medicare for All wird dieses Problem lösen.

Die Rettung des Gesundheitswesens jenseits von Kürzungen oder Medicare for all

2013 hielt ich einen Vortrag auf dem Weltwirtschaftsforum. Bei einer großen Zusammenkunft weltweit führender Vertreter des Gesundheitswesens aus Regierungen, der Pharmaindustrie, Versicherungen und der Gesundheitsversorgung stellte ich eine einfache Frage. Das tat ich, nachdem ein erstklassiges Gremium über die Reform der Gesundheitsversorgung diskutiert hatte – durch eine bessere Gesundheitsinformationstechnologie, eine verbesserte Koordination der Pflege, die Verringerung von Behandlungsfehlern, eine verbesserte Effizienz sowie optimierte Zahlungsmodelle. All das ist sicherlich notwendig, aber bei weitem nicht ausreichend. Dieser Plan war in etwa so, als würde man auf der Titanic Bordliegestühle zurechtrücken, damit alles ordentlich aussieht.

Meine Frage war folgende: Wäre es nicht sinnvoller, die Ursachen chronischer Krankheiten zu bekämpfen, die für die Kosten verantwortlich sind, anstatt nur oberflächlich Symptome zu lindern? In dem Raum mit 300 Leuten wurde es plötzlich totenstill. Es war, als hätte ich allen gerade den Sinn des Lebens offenbart. Später erzählte mir der Moderator, selbst Dekan der School of Health der Columbia University, wie wegweisend diese Erkenntnis wäre, und dass alle Gesundheitsfachleute nach meinem Vortrag darüber diskutiert hätten. Ernsthaft? Ich war geschockt. Obwohl es so offensichtlich ist, kam bisher wohl noch niemand auf diesen Gedanken.

Das Weltwirtschaftsforum schätzte, dass die globalen Gesundheitskosten für chronische Krankheiten zwischen 2010 und 2030 47 Billionen US-Dollar übersteigen werden9 (angesichts der aktuelleren und verlässlicheren Analyse von 95 Billionen in den nächsten 35 Jahren allein für die USA wohl eine Untertreibung). Dieses Problem wurde zur größten Bedrohung der globalen Wirtschaftsentwicklung erklärt. General Motors gibt für Gesundheitsversorgung mehr aus als für Stahl, und Starbucks mehr als für Kaffeebohnen!

Andere Analysen des globalen Finanzberatungsunternehmens McKinsey sehen die weltweiten Kosten von Fettleibigkeit bei 2 Billionen Dollar pro Jahr. Das entspricht ungefähr dem, was Rauchen, Waffengewalt, Krieg und Terrorismus weltweit zusammen anrichten.10 Darüber hinaus ist Fettleibigkeit laut eines Berichts des McKinsey Global Institutes für 2 Billionen Dollar Produktivitätseinbußen verantwortlich.11 Wie Sie das Blatt auch drehen und wenden, die durch chronische Krankheiten und Fettleibigkeit verursachten Kosten lasten unglaublich schwer auf der Welt.

Wir mögen das für ein Problem der Überflussgesellschaft halten. Fakt ist aber leider, dass Entwicklungsländer und Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen mit circa 80 Prozent der Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten die schwerste Last tragen. Sie sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) von der „doppelten Belastung durch Fettleibigkeit und Mangelernährung“ betroffen. Und sie stehen dieser Epidemie völlig unvorbereitet gegenüber, da sie eine nur unzureichende Gesundheitsinfrastruktur, wenig Ärzte und medizinisches Personal zur Behandlung dieser Probleme und noch weniger Geld haben.

Das „Billigessen“, das diese Krankheiten verursacht, ist am Ende wohl doch nicht so billig. Die Hoffnungen und Versprechungen der Agrarrevolution – der Einsatz von Agrartechnologie zur Produktion eines Nahrungsüberflusses, um die Weltbevölkerung ausreichend zu versorgen – haben entsetzliche, unbeabsichtigte Auswirkungen. Wie es aussieht, ist billiges Essen letztendlich richtig teuer.

Ja, chronische Krankheiten sind teuer und töten Millionen Menschen. Und doch ist das nur ein Bruchteil der Gesamtkosten, die unser Ernährungssystem verursacht. Es kommen nämlich noch die realen Kosten für die Umwelt, die Wirtschaft, das Klima, Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Armut, Bildung, die nationale Sicherheit und vieles mehr hinzu. Und diese Gesamtkosten steigen unaufhörlich. Schauen wir uns einige von ihnen genauer an:

Die Kosten für Beschäftigte in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie

Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie sind unterbezahlt und werden ausgebeutet. Sie sind einem großen Verletzungsrisiko sowie gesundheitlichen Schäden durch die in der Landwirtschaft eingesetzten Chemikalien ausgesetzt. Die meisten bekommen weder Mindestlohn noch Überstundenzuschläge. (Immerhin beschloss der Bundesstaat New York kürzlich den Farm Laborers Fair Labor Practices Act.12) Viele dieser Arbeitskräfte leben unterhalb der Armutsgrenze, sind nicht krankenversichert und stattdessen von Notfallambulanzen und Medicaid abhängig. Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass die Auswirkungen unseres Ernährungssystems arme Menschen, Einwanderer und People of Color, die in diesem System arbeiten, besonders hart treffen.

Eine durchschnittliche Gastronomiekraft verdient pro Stunde nur circa 10 US-Dollar.13 Deshalb bezahlt die amerikanische Gesellschaft ihren eigentlichen Lohn in Form von milliardenhohen Trinkgeldern und zusätzlichen 16,5 Milliarden Dollar für Lebensmittelmarken. Die Abhängigkeit von Lebensmittelmarken schränkt die Wahlmöglichkeit dieser Menschen beim Einkaufen stark ein, da gesunde Optionen oft kaum bezahlbar sind oder nicht mit Lebensmittelmarken bezahlt werden können.

Die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten – in den USA circa 1 Million Beschäftigte – haben einen der gefährlichsten Jobs überhaupt. Ihre Sterberate ist siebenmal höher als die anderer Arbeiter.14 Die Environmental Protection Agency (EPA) schätzt, dass jährlich 10.000 bis 20.000 Landwirtschaftsarbeiter von akuten Pestizidvergiftungen betroffen sind. Und das schließt die langfristigen Auswirkungen der Pestizide nicht mit ein, denen sie Tag für Tag und Jahr um Jahr ausgesetzt sind.15 Die Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel, die US-Landwirte auf ihren Nutzpflanzenfeldern einsetzen, sind Nervengifte sowie krebserregende und hormonstörende Stoffe. Viele davon sind außerhalb der USA verboten. Und die US-Behörden (die Food and Drug Administration, kurz FDA, und EPA), die den Einsatz dieser Chemikalien eigentlich regulieren sollten, um die Menschen zu schützen, tun es nicht.

Schwindende Artenvielfalt in natürlichen und landwirtschaftlichen Lebensräumen: Warum es uns kümmern sollte

Diese Chemikalien schaden nicht nur der menschlichen Gesundheit, sondern auch den natürlichen Ökosystemen. Sie dezimieren die Vielfalt des Lebens in den Böden, bedrohen den Fortbestand der meisten Tier- und Pflanzenarten, von denen wir uns seit Jahrtausenden ernähren, und schaden besonders Bestäubern wie Honigbienen und Schmetterlingen, von denen unsere Nutzpflanzen abhängig sind.16 (In Kapitel 16 gehe ich detailliert auf diese Zusammenhänge ein.) Doch der Schwund der Artenvielfalt, ein Ergebnis der industriellen Landwirtschaft, ist ein noch größeres Problem, das die globale Ernährungssicherheit bedroht. Wir gefährden nicht nur das Überleben der Insekten, die für die landwirtschaftliche Produktion unverzichtbar sind, sondern verlieren auch mit alarmierender Geschwindigkeit viele Tier- und Pflanzenarten.

Laut der UN Food and Agriculture Organization (FAO – Welternährungsorganisation der UN) haben wir (die Landwirte und die Welt) bereits mehr als 90 Prozent der Pflanzenvielfalt und die Hälfte aller Tierrassen verloren.17 Der Großteil unseres Essens stammt von nur 12 Pflanzen- und fünf Tierarten – und bedroht dadurch unsere Ernährungssicherung. 30 Prozent der Nutztierrassen sind vom Aussterben bedroht, und jeden Monat kommen 6 weitere Rassen hinzu. Gerade einmal drei Nutzpflanzen (Weizen, Mais und Reis) machen 60 Prozent unserer Nahrung aus. Das liegt an der Zentralisierung der Saatgutproduktion (Landwirte dürfen nicht einmal ihre eigenen Nutzpflanzensamen sammeln, lagern und daraus neue Pflanzen züchten) durch Konzerne wie Monsanto (jetzt Bayer). Dies war Teil der „Verbesserung“ der Landwirtschaft, die weltweit durch die Agrarrevolution und die Industrialisierung der Landwirtschaft gefördert wurde. Die meisten Landwirte bauen keine regionalen, widerstandsfähigen, genetisch vielfältigen und nährstoffreichen Kulturpflanzen mehr an. Sie verwenden nur noch genetisch einheitliche (oder genetisch modifizierte) ertragreiche Sorten, die die intensive Nutzung von Düngemitteln, Pestiziden und Unkrautvernichtungsmitteln erfordern. Dadurch wird die organische Substanz und Artenvielfalt des Bodens noch weiter zerstört, was zu nährstoffärmeren Pflanzen und einem erhöhten Bewässerungs- und Düngebedarf führt. Für alle Ökosysteme bedeutet Vielfalt Gesundheit, während sie durch Homogenität verwundbar werden. Denken Sie zum Beispiel an Maismonokulturen (ein Landwirtschaftsbetrieb baut also nur eine Nutzpflanze an) im Vergleich zum Regenwald. Wenn im Regenwald eine Pflanze stirbt, ist das kein großes Problem. Wenn Pflanzen auf einer Mega-Farm mit Mais- oder Sojamonokultur absterben, heißt das: keine Nahrung.

Wie lassen sich die Kosten für die menschliche Gesundheit, die Gefahr für unsere Bestäuber und der Verlust der Artenvielfalt überhaupt beziffern? Keine Bienen heißt keine Bestäubung, keine Pflanzen, keine Tiere – und keine Menschen mehr.

Über Gesundheits- und Krankheitskosten hinaus

Bevor wir uns zu sehr in die zusätzlichen Kosten und Schäden vertiefen, die unser Ernährungssystem anrichtet, hier die gute Nachricht: Es gibt Lösungen für diese Probleme! Oder anders ausgedrückt: einen Food Fix-Aktionsplan. Dabei handelt es sich um ein komplexes, weltweit gedachtes Strategiepaket für Bürger, Unternehmen, Philanthropen und Regierungen, mit dem wir unser Ernährungssystem sanieren können. Es wird nicht einfach, aber es ist notwendig – für unser Überleben, die wirtschaftliche und politische Stabilität nationaler Regierungen und die Gesundheit unseres Planeten.

Die Kosten unseres Ernährungssystems tragen nicht die Unternehmen, die die Probleme verursachen. Wir bezahlen auch nicht im Supermarkt oder im Restaurant dafür. Stattdessen bezahlen wir sie indirekt durch den Verlust unseres Sozialkapitals (unsere Zufriedenheit, Gesundheit, Produktivität usw.), unseres Naturkapitals (die Gesundheit der Böden, des Wassers, des Klimas, der Ozeane, der Artenvielfalt usw.), unseres wirtschaftlichen Kapitals (unserer Fähigkeit, wirtschaftliche Unterschiede und soziale, ökologische, die Bildung und die Gesundheitsversorgung betreffende Probleme zu lösen), unserer nationalen Sicherheit und vieler anderer Dinge.

Der Lichtblick dieses Buches ist unser Potential für eine Transformation, die ein enorm starker Motor für wirtschaftliches Wachstum und Innovationen sein kann. Investitionen in Milliardenhöhe fließen in den Lebensmittel- und Landwirtschaftssektor. Das schafft neue Unternehmen, neue Jobs und ein nationales und globales Wirtschaftswachstum, das Innovationen in der Landwirtschaft, der Lebensmittelherstellung, dem Einzelhandel, der Gastronomie, dem Gesundheitswesen und dem Wellness-Bereich anstößt. Das wiederum kann die Gesundheit der Menschen und des Planeten verbessern. Der Nebeneffekt dieser Entwicklung wäre ein deutliches Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze in völlig neuen Industrien. Hinzu kämen Kosteneinsparungen in Billionenhöhe dank der Bekämpfung chronischer Krankheiten, der Erholung ganzer Ökosysteme einschließlich ihrer Böden, Wasservorkommen und Artenvielfalt, und die Umkehr des Klimawandels. Die Länder, die so einen Weg einschlagen, werden nicht nur den Menschen und der Erde helfen, sondern sich in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts in Sachen Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum einen Vorsprung verschaffen.

In diesem Buch enthüllen wir, wie all diese Faktoren zu Leid und Mangel in dieser Welt beitragen. Wir sehen uns aber auch an, wie wir als Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Philanthropen und Regierungen damit beginnen können, die Gesundheit unserer Bevölkerungen, unserer Gemeinden, unserer Wirtschaft und unserer Umwelt wiederherzustellen. Im Judentum gibt es das Konzept des Tikun Olam, was so viel wie „Heilung der Welt“ bedeutet. Genau das ist jetzt unsere Aufgabe, und die Hoffnung dieses Buches.

Die unsichtbaren Kosten unseres Ernährungssystems

Für die unsichtbaren, aber umso realeren Kosten kommen wir alle auf, und nicht das Ernährungssystem, das sie verschuldet hat. Wir müssen diese Vielzahl unbeabsichtigter Schäden, die unser Ernährungssystem verursacht hat, genau dokumentieren. Zu diesen zählen der Klimawandel, die Erschöpfung der Trinkwasserreserven, die Zerstörung der Wälder, Böden und Ozeane, der Verlust der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung sowie chronische Krankheiten und daraus entstehende wirtschaftliche Belastungen.

Es ist nicht leicht, diese komplizierten und vielfältigen Auswirkungen unseres menschlichen Handelns und wie sie unser menschliches, natürliches, soziales und wirtschaftliches Kapital zerstören, zu verstehen. Aber es ist überlebensnotwendig. Wir dürfen Gesundheitsversorgung, Krankheiten, soziale Ungerechtigkeit, Klima, Bildung, Wirtschaft und nationale Sicherheit nicht länger als voneinander unabhängige Bereiche betrachten, sondern müssen das Puzzle zusammensetzen und die Interdependenz und den Systemcharakter des Problems erkennen. Nur so können wir es lösen. Dafür braucht es ein aktives Handeln und die Zusammenarbeit von Regierungen, Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen und der Bevölkerung. Der erste Schritt aber ist, diese Zusammenhänge zu erkennen.

Ich kann in diesem Buch keinen umfassenden Katalog aller Auswirkungen und Lösungen (und da gibt es so einige) zusammenstellen. Aber ich hoffe, anhand von Beispielen und der Skizzierung des generellen Problems eine neue Form des Denkens und Handelns anzuregen, die zur Lösung dieses Problems beiträgt. Manchmal habe ich das Gefühl, am Strand zu stehen und einen Tsunami auf uns zurollen zu sehen, während sich alle anderen sorglos weiter sonnen und baden, ohne die geringste Ahnung davon, was uns erwartet.

Verantwortung für die Folgen des Ernährungssystems übernehmen

Das Preisschild verrät nichts über die wahren Kosten unseres Essens. Schlüge sich der wahre Preis unseres Essens in dem Preis nieder, den wir bezahlen, oder müssten die Agrar- und Lebensmittelkonzerne für den Schaden bezahlen, den sie bei der Lebensmittelproduktion anrichten – Umweltverschmutzung, Verlust der Artenvielfalt, Verlust von Böden und Anbauflächen, Erschöpfung der Trinkwasserressourcen, Verbreitung chronischer Krankheiten, Verlust unseres intellektuellen Kapitels durch die Hirnschäden, die unsere Kinder durch den Konsum ultraverarbeiteter Produkte davontragen, die Ungerechtigkeit, unter der die Arbeitskräfte in der Lebensmittel- und Agrarindustrie leiden, die Bedrohung unserer nationalen Sicherheit und andere schlimme Auswirkungen – dann wären Ihr Bio-Steak aus Weidelandhaltung, Ihr biologisch und nachhaltig angebautes Obst und Gemüse sowie andere Lebensmittel deutlich günstiger als alle industriell erzeugten Produkte. Um diese Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen, sind manchmal auch Gerichtsverfahren nötig. Das Unternehmen General Electric pumpte zum Beispiel 30 Jahre lang knapp 600.000 Kilo polychlorierte Biphenyle (PBC) in den Hudson River. Es wurde schließlich belangt und zu einer Zahlung von über 1,7 Milliarden Dollar zur Beseitigung der Verunreinigungen gezwungen. Wir müssen sämtliche Kosten, die unser Ernährungssystem verursacht, berücksichtigen und dokumentieren. Denn was nicht gemessen wird, lässt sich auch nicht verbessern.

Es gibt mittlerweile eine Bewegung, die die wirklichen Kosten beziehungsweise die Auswirkungen einberechnet, die ein Unternehmen auf die Menschen, die Umwelt und die Ökonomie unseres gegenwärtigen Ernährungssystems hat. Sie nennt sich True Cost Accounting. Einige dieser Kosten lassen sich leicht ermitteln, wie beispielsweise die direkten Gesundheitskosten. Andere lassen sich nur schwer beziffern, wie unter anderem die entstehenden Umwelt- und Klimaschäden oder die Auswirkungen auf die soziale Gerechtigkeit. Dennoch arbeiten viele Gruppen engagiert daran, all diese Faktoren einzukalkulieren und einen ehrlichen Blick auf die Folgen zu werfen, die daraus resultieren, was wir anbauen und wie wir es anbauen – und wie es sich auf die auswirkt, die es anbauen und essen, wie auch auf Regierungen und Volkswirtschaften. Veränderungen unserer Ernährungspolitik, die diese Kosten berücksichtigen und Steuern sowie Anreize anders gestalten, könnten die allgemeine Gesundheit der Weltbevölkerung und unseres Planeten stark verbessern.18

In seinem Bericht The True Cost of American Food (Die wahren Kosten US-amerikanischer Lebensmittel) beschreibt der Sustainable Food Trust detailliert, wie die scheinbar nicht miteinander zusammenhängenden Bereiche des Gesundheitswesens, der Politik, der Umwelt, des Klimas, der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie miteinander verbunden sind. Die TEEBAgriFood-Gruppe (The Economics of Ecosystems and Biodiversity for Agriculture and Food) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen versucht mit ihrem aktuellen Bericht Measuring What Matters in Agriculture and Food Systems (Messen, was in Landwirtschaft- und Ernährungssystemen von Bedeutung ist) ebenfalls, Probleme und Lösungen zu definieren. Wir müssen sämtliche Auswirkungen unseres Ernährungssystems analysieren – die guten und die schlechten – und dabei auch alle Kosten und Einsparungen berücksichtigen, um ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln zu können, das die wahren Kosten unseres Essens widerspiegelt. Und wir müssen ein Geschäftsszenario für ein nachhaltiges, regeneratives Ernährungssystem entwerfen.

Zwei Lebensmittel auf dem Prüfstand: Die unsichtbare, harte Wahrheit

Nehmen wir uns einmal einen ganz normalen Hamburger und einen Softdrink vor. Es ist ein recht eindrucksvolles Gedankenexperiment, den gesamten Weg der von uns konsumierten Dinge nachzuvollziehen. Normalerweise denken wir nicht groß über den Lebenszyklus unseres Essens nach. Wir mampfen es unbekümmert, ohne uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie unsere Wahl die Dinge beeinflusst, die uns am Herzen liegen. Es ist ja auch leichter, das Ganze selbstvergessen zu genießen. Aber wir können uns diese Gedankenlosigkeit nicht mehr leisten. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Unsere Geschichte fängt irgendwo in Iowa oder vielleicht Brasilien an. Und dann durchläuft sie die gesamte Nahrungskette – bis der Burger auf unserem Teller landet. Wenn der Mais für die Massentierhaltung aus Brasilien stammt, ist der einzige zusätzliche Nachteil, dass wir dadurch die Abholzung uralter Regenwälder fördern, die der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen, ihn binden und so unseren Planeten kühl halten. Die zwei Hauptprodukte, die aus Sojabohnen gewonnen werden, sind Sojaöl (eine Hauptzutat verarbeiteter Produkte) und Sojamehl, das an Hühner, Schweine, Haustiere, Zuchtfische und Milchkühe verfüttert wird und in verarbeiteten Lebensmitteln wie pflanzenbasierten Burger-Patties steckt. Auf Mega-Farmen angebaute Mais- und Sojamonokulturen und sogenannte CAFOs (confined animal feeding operations – Intensivtierhaltungen) oder Massentierhaltungsbetriebe in Iowa und Brasilien verursachen dieselben Probleme – und zwar auf folgende Weise:

Das Saatgutmonopol

Erstens verkaufen die Saatgutmonopole der Agrarindustrie den Landwirten gentechnisch verändertes Saatgut. Vier große Konzerne – Bayer (das kürzlich Monsanto geschluckt hat), Chem-China und seine Tochterfirma Syngenta, Corteva und BASF, die in den letzten Jahren durch Megafusionen entstanden sind – kontrollieren den Großteil des Saatguts unserer Welt, einschließlich 60 Prozent aller Gemüsesamen. Diese Konzerne zwingen den Landwirten weniger Wahlmöglichkeiten und höhere Preise auf und machen sie von ihrem Saatgut und ihren Chemikalien abhängig. Sie produzieren nämlich nicht nur das Saatgut, sondern auch die Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel, die beim Anbau dieser Nutzpflanzen zum Einsatz kommen. Diese Konsolidierung und Zentralisierung der Saatgutproduktion bedeutet weniger Lebensmittelvielfalt und eine geringere Widerstandsfähigkeit der Pflanzen. Und das bedroht unsere Ernährungssicherheit. Es bedeutet auch, dass Landwirte nicht mehr die Autonomie haben, ihr eigenes Saatgut zu gewinnen und aufzubewahren. Das trifft die 2,5 Milliarden Kleinbauern dieser Welt besonders hart. Sie sind dazu gezwungen, ihr Saatgut ausschließlich von den Konzernmonopolen zu kaufen.

Nur 1 Prozent des in den USA angebauten Maises ist Zucker- oder Speisemais, der von Menschen gegessen wird. Der Rest ist Körner- oder Futtermais, der zur Herstellung von Speiseöl, Tierfutter (für Rinderherden), Ethanol, Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt (für all unsere süßen Erfrischungsgetränke), biologisch abbaubare Kunststoffe, Alkohol, Lebensmittelstärke und Lebensmittelzusatzstoffe (zum Beispiel für Hamburgerbrötchen) zum Einsatz kommt. Soja wird zunehmend für Biodiesel verwendet, was den Preis nach oben treibt. Soja- und Mais-Monokulturen machen 53 Prozent der gesamten Anbauflächen aus. Der Großteil der Ernte endet als Tierfutter für CAFOs oder Massentierhaltungsbetriebe. Leider ist das die Weise, auf die heute die allermeisten Tiere in der entwickelten Welt gezüchtet werden, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind. Auch wenn es von Land zu Land variiert, werden zum Beispiel in den USA nur 27 Prozent der gesamten Anbaufläche für den Anbau von Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr genutzt. Für den Anbau von Futterpflanzen für die Massentierhaltung sind es ganze 67 Prozent.19 Laut der FAO der UN eignen sich weltweit 70 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen nur für Weidetiere (und nicht für den Anbau von Nutzpflanzen). Diese sind aber, wie wir in Teil 5 sehen werden, ein wichtiger Teil der Lösung bei der Bekämpfung des Klimawandels.

Die Zerstörung der Böden und Regenwälder: Klimawandel und Wüsten

Das Problem ist nicht nur, dass ein Großteil der Nutzpflanzen als Tierfutter in der Massentierhaltung (auch bei den Rindern, die zu Burgern werden) endet oder zu Maissirup für süße Softdrinks wird. Auch die Weise, wie diese Pflanzen gezüchtet werden, verursacht eine massive Zerstörung. Die industrialisierte Intensivlandwirtschaft führt zu einer gravierenden Bodenerosion und entzieht den Böden Kohlenstoff. Das verschärft den Klimawandel. In Iowa geht pro Kilo angebautem Mais 1 Kilo Mutterboden verloren. Die von der industriellen Landwirtschaft verursachte Bodenerosion kostet uns jährlich 44 Milliarden Dollar. Wir verlieren fast 2 Milliarden Tonnen Muttererde pro Jahr.20 Das sind circa 200.000 Tonnen pro Stunde! In den letzten 150 Jahren haben wir bereits ein Drittel unseres gesamten Mutterbodens verloren – Mutterboden, dessen Entstehung Milliarden Jahre brauchte. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass wir in 60 Jahren vermutlich unseren gesamten restlichen Mutterboden „abgebaut“ haben. Dann wird der Anbau von Nahrung ein Ding der Unmöglichkeit. Kein Boden mehr. Kein Essen. Keine Menschen. Nach nur 60 weiteren Ernten. Was sollen unsere Enkelkinder essen?

Die Bodenerosion und der Verlust von Bodenkohlenstoff verschärfen das schon jetzt massive weltweite Problem der Desertifikation beziehungsweise Wüstenbildung auf früheren Acker- und Weideflächen. 12 Millionen Hektar Land – eine Fläche so groß wie Nicaragua oder Nordkorea – verwandeln sich jedes Jahr in eine Wüste. Dieses Land, das wir jährlich verlieren, könnte uns 20 Millionen Tonnen Getreide einbringen.21

Das betrifft nicht nur die entwickelte Welt. Es gibt eine ständig steigende Nachfrage nach Palmöl (das sogar in „gesunden“ Lebensmitteln steckt), das aus gerodeten Regenwäldern in Südostasien stammt. Das verstärkt die Bodenerosion, die Luft- und Wasserverschmutzung und den Klimawandel. Es zerstört den Lebensraum von Wildtieren und führt zum Aussterben bedrohter Tierarten wie der Orang-Utans.

Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen toten und lebendigen Böden. Tote Böden sind leblos. Sie können weder Wasser noch Kohlenstoff speichern und enthalten nur sehr wenige Mikroorganismen, Pilze oder Würmer, die allesamt wichtig sind, um Nährstoffe für Pflanzen zu produzieren. Damit auf solchen Böden Nutzpflanzen wachsen, müssen horrende Mengen Dünge-, Schädlings- und Unkrautvernichtungsmittel sowie Wasser zum Einsatz kommen. Das zerstört die Böden noch weiter. In den USA werden jährlich über 500.000 Tonnen Pestizide ausgebracht. Weltweit sind es 5,4 Millionen Tonnen Pestizide und über 200 Millionen Tonnen Düngemittel, die das Bodenleben zerstören.22 Gesunde, lebendige Böden hingegen wimmeln nur so von Mikroben. Nur 2 Quadratzentimeter enthalten mehr Leben und Mikroorganismenvielfalt als alles andere im Universum. Gesunde Böden können pro Hektar Hunderte Liter Wasser speichern und uns so vor Dürren und Überschwemmungen schützen. Sie sind auch die größten CO₂-Speicher unseres Planeten: Sie können mehr davon binden und den Klimawandel stärker rückgängig machen als alle Regenwälder unserer Erde zusammen. Wenn wir allen toten Böden der Erde ihr Leben zurückgäben, könnten wir den Kohlenstoffgehalt unserer Umwelt wieder auf das Niveau senken, auf dem er vor der Industrialisierung war. Gesunde Böden reduzieren den Bedarf an Schädlings- und Unkrautbekämpfungsmitteln sowie Dünger oder machen sie komplett überflüssig. Sie machen die Nährstoffe aus der Erde für Pflanzen und Menschen verfügbar. In den letzten 100 Jahren ist der Mineralstoffgehalt unserer Lebensmittel drastisch gesunken.23 Lebende Böden versorgen Pflanzen mit Mikro- und Makronährstoffen. Tote Böden können das nicht. Sie müssen mit Chemikalien angereichert werden, damit überhaupt etwas auf ihnen wachsen kann.

Alles andere als nachhaltig

All diese Aspekte zusammen machen unser Ernährungssystem zur Hauptursache des Klimawandels. Es übertrifft sogar den Energiesektor, vor allem wegen zunehmender Abholzung, CO₂-Emissionen und Methan aus der Massentierhaltung, Stickstoffoxid, Kohlendioxid und Methan durch übermäßige Verwendung von Düngemitteln auf Basis fossiler Brennstoffe, Lebensmitteltransporten und -lagerung sowie Lebensmittelabfällen. Allein bei der Herstellung von Düngemitteln wird hundertmal mehr Methan produziert als die Düngemittelindustrie öffentlich angibt.24 Ein Drittel bis die Hälfte aller Treibhausgasemissionen sind der industriellen Landwirtschaft zuzuschreiben, die jährlich 600 Millionen Tonnen CO₂ freisetzt.25

Zu den direkten Schäden, die unser gegenwärtiges System verursacht, gesellt sich die verpasste Gelegenheit wirtschaftlicher und ökologischer Innovationen in der Landwirtschaft, wie zum Beispiel regenerativer Landbau, auf Landwirtschaftsflächen wachsende Wälder und Hutewälder (als Weide genutzte Wälder, aber auch Wiesen und Lichtungen, die die Bodenfruchtbarkeit erhöhen und den Düngemittel- und Wasserbedarf reduzieren). Die Vorteile dieser landwirtschaftlichen Innovationen (siehe Teil 5) wirken sich Schätzungen zufolge doppelt so stark aus wie die durch unser bisheriges Landwirtschaftsmodell verursachten Schäden.

Die Medien, Regierungen und sogar das Pariser Klimaabkommen konzentrieren sich fast ausschließlich auf den Energiesektor, aber nicht auf die Landwirtschaft. Das Pariser Klimaabkommen erwähnt nicht einmal, dass sich unser Ernährungssystem stärker auf den Klimawandel auswirkt als der Energiesektor. Dabei ist das Agrarsystem dessen größter Verursacher und gleichzeitig am stärksten davon betroffen. Die unbequeme Wahrheit ist, dass unser Planet sich aufheizt. Die unsichtbare Wahrheit ist, dass unser Ernährungssystem daran die größte Schuld trägt.

Der weltweite Verlust der Süßwasserreserven

Aber zurück zum Gen-Mais, der als Rinderfutter verwendet wird. Solche Felder müssen bewässert werden, da leblose Böden kein Wasser speichern können (was zu der steigenden Zahl an Überschwemmungen und Dürren führt, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten). Siebzig Prozent der globalen Süßwassernutzung entfallen auf die Landwirtschaft.26 Ein Großteil davon wird anstatt für die Lebensmittelproduktion für Menschen für den Anbau von Tierfutter oder für Ethanol verbraucht. Dabei sollten die so gemästeten Tiere von Natur aus eher auf Weideflächen grasen und Regenwasser trinken oder mit Regenwasser gewachsenes Gras fressen, und keinen mit kostbarem Süßwasser aus Grundwasserspeichern oder Flüssen bewässerten Mais.

Wasser ist eine begrenzte Ressource. Nur 5 Prozent des Wassers auf unserem Planeten ist Süßwasser. Der Baikalsee in Russland enthält 1 Prozent. Wir leeren diese uralten Grundwasserspeicher schneller, als Regenfälle sie wieder auffüllen können. Dem Ogallala-Aquifer, dem größten Grundwasserspeicher Nordamerikas im Mittleren Westen, werden Jahr für Jahr Unmengen an Litern Wasser mehr entnommen, als Regenfälle je wieder auffüllen können.27 Der Hauptgrund dieser Übernutzung ist die Bewässerung von Nutzpflanzen. Tote Böden können kein Wasser speichern. Lebendige schon. Würden wir zu einer regenerativen (Weide-)Viehzucht wechseln, könnten wir ausgelaugte Böden sanieren, Kohlenstoff speichern (und so den Klimawandel rückgängig machen), riesige Mengen Wasser speichern und dadurch Überflutungen und Dürren verhindern. Kein Wasser, keine Nahrung, keine Menschen. Die Lösung ist soil, not oil – gesunde Böden statt Öl. Laut einem UN-Bericht aus dem Jahr 2019 würden 300 Milliarden in die regenerative Landwirtschaft investierte US-Dollar dafür ausreichen, 900 der weltweit 2 Milliarden Hektar degradierter Flächen und ihre Böden zu sanieren und den Klimawandel lange genug aufzuhalten, um uns 20 Jahre Zeit zu verschaffen – Zeit für innovative Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels.28 Das ist nicht mehr als die globalen Militärausgaben in 60 Tagen und weniger als ein Zehntel der jährlichen Kosten, die allein in den USA durch Fettleibigkeit und Diabetes entstehen.

Düngemittel zerstören Seen und Ozeane

Die Stickstoffdünge-, Schädlings- und Unkrautvernichtungsmittel, die beim Anbau der Pflanzen zum Einsatz kommen, mit denen auch die später zu Burgern verarbeiteten Rinder gefüttert werden, basieren alle auf fossilen Brennstoffen: Ein Fünftel aller fossilen Brennstoffe wird in der Landwirtschaft und unserem Ernährungssystem verwendet.29 Das ist mehr, als von sämtlichen Autos, Flugzeugen und Schiffen zusammen verbraucht wird. Allein in den USA werden 10 Millionen Tonnen Dünger nur für den Maisanbau verwendet. Weltweit werden jedes Jahr 200 Millionen Tonnen Dünger ausgebracht.30

Der Stickstoffdünger sickert von diesen Mega-Farmen in die Flüsse und Seen. Das Leben im Wasser des Eriesees in Cleveland wurde vor Kurzem von Algenblüte erstickt: Fische verendeten, im See entstand eine riesige tote Zone und das Trinkwasser der Stadt Toledo in Ohio wurde vergiftet. Der Eriesee stirbt zum Teil wegen Hamburgern und Steaks aus Massentierhaltung. Toledo gab über 1 Milliarde US-Dollar aus, um das Problem des verseuchten Trinkwassers zu lösen.31

Der Stickstoffdünger fließt auch in Flüsse, die in den Ozean münden. Wenn die Abwässer industrieller Mastbetriebe aus dem Mittleren Westen der USA den Golf von Mexiko erreichen, entsteht dadurch eine über 20.000 Quadratkilometer große tote Zone – eine Fläche so groß wie Sachsen-Anhalt! Allein im Golf von Mexiko töten diese Abwässer jährlich 212.000 Tonnen Meeresfrüchte.32 Das sind jede Menge Muscheln und Sushi! Weltweit gibt es fast 400 ähnliche tote Zonen, die zusammen eine Fläche der Größe Europas ausmachen. Wir produzieren massenweise Soja und Mais, um damit Massentierhaltungsfleisch, Ethanol, Biokraftstoffe, Speiseöle und ultraverarbeitete Lebensmittel herzustellen. Die „Nebenwirkung“ ist die Zerstörung einer der gesündesten Proteinquellen der Welt: Meeresfrüchte. Die Kosten der Stickstoffverschmutzung werden auf 210 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt.33 Es gibt aber noch weitere unbeabsichtigte Folgen: Die Stickstoffabwässer gelangen in unser Leitungswasser und führen zu erhöhten Krebsraten und Geburtsfehlern, vorzeitigen Wehen und einem niedrigen Geburtsgewicht.34

Viehzucht, die auf Weidezucht und regenerativer Landwirtschaft basiert, schützt unsere Wasserwege und rettet Millionen Tonnen Fisch. (Mehr dazu in Teil 5.) Damit würden wir auch Fleisch produzieren, das gesünder für uns Menschen und den Planeten und humaner für die Tiere und die Arbeitskräfte in der Landwirtschaft ist.

Doch nicht nur die Soja- und Mais-Mega-Farmen sind das Problem. Gigantische Rinder-, Schweine- und Hühnerzuchtbetriebe lagern riesige Mengen stickstoffreicher Tierexkremente in Güllelagunen, deren Inhalt aussickert und in Flüssen und Seen landet. Erinnern Sie sich noch an Hurrikan Florence in North Carolina, der zur Überschwemmung dieser Lagunen führte? Dabei gelangte die Gülle von über 50 solcher Schweinemistlagunen in die Wasserwege der gesamten Region.35 Raten Sie mal, was mit diesen giftigen Abwässern passierte.

Na, schon deprimiert?

Es kommt aber noch schlimmer. Ich liste das nicht auf, um Ihnen die Laune zu vermiesen, sondern um Ihnen zu helfen, die Zusammenhänge zu erkennen. Nur so können wir das Problem als Ganzes lösen, statt nur Stückwerk zu fabrizieren. Den Leuten zu erzählen, sie sollten weniger essen und sich mehr bewegen, schiebt nur den Opfern die Schuld zu. Es liegt an der Lebensmittelindustrie, die süchtig machende Bürger und Softdrinks produziert, die unsere Willenskraft ausschalten und uns dick werden lassen.36 Gesundheitsschädliche Lebensmittel wie diese haben eine erschreckende Vielzahl sekundärer Folgen – für uns Menschen, die Umwelt und die Wirtschaft.

Die wahren Kosten unseres Essen: Noch ein paar unbeabsichtigte Folgen

Ich hoffe, Sie bekommen eine klare Vorstellung von all diesen zusätzlichen Kosten – den Kosten, die Sie weder im Supermarkt noch im Restaurant bezahlen. Und wenn die realen Kosten unseres Essens und unseres Ernährungssystems tatsächlich in den Preis einkalkuliert wären? Wenn Landwirte für das Unterstützen der Ökosysteme (Sanierung der Böden, Verbesserung der Wassernutzung und Schutz der Artenvielfalt) bezahlt würden, während die Landwirtschafts-, Saatgut-, Chemie- und Düngemittelkonzerne (die die organische Substanz der Böden zerstören, Süßwasserressourcen aufbrauchen und verschmutzen, die Artenvielfalt – zum Beispiel Bestäuber – dezimieren und den Klimawandel vorantreiben) für ihren zerstörerischen Einfluss auf die Ökosysteme bezahlen müssten? Vielleicht sollte ein Massentierhaltungsburger pro Pfund 1.000 Dollar und eine Dose Limo 100 Dollar kosten. Vielleicht läge der Preis für ein Pfund Bio-Steak aus Weidehaltung ja dann nur bei 3 Dollar. Bei einem großen Internethändler Tafelwasser von Coca-Cola 9 Cent pro 30 ml. Cola aus der 2-Liter-Flasche kostet 2 Cent pro 30 ml. Wenn Wasser mehr als viermal so viel kostet wie Cola, dann haben wir ein Problem.

Hier finden Sie den Rest der versteckten Kosten, die sich in Steaks oder Burgern aus Massentierhaltungsfleisch (beziehungsweise fast jedem Lebensmittel, das ein Produkt unseres industriellen Agrarsystems ist) verbergen:37

◼ Pestizidvergiftungen und damit verbundene Krankheiten kosten die USA jährlich 1 Milliarde Dollar.

◼ Weitere durch Pestizide verursachte Kosten (Tod von Vögeln und bestäubenden Insekten wie Bienen und Schmetterlingen, Verlust der Artenvielfalt, Ernteausfälle und Grundwasserverunreinigungen) belaufen sich jährlich auf circa 7 Milliarden Dollar.

◼ Die Entsorgung von Tierexkrementen aus Massentierhaltungsbetrieben (CAFOs) kostet jährlich circa 4 Milliarden Dollar. Wir sprechen von Millionen Tieren, die pro Jahr über 300 Millionen Tonnen Mist produzieren, der in offenen Gruben oder Güllelagunen aufbewahrt wird und Land, Wasser und Luft verseucht. Die Krankheiten, die in nahegelegenen Ortschaften durch das Einatmen dieser Giftstoffe entstehen (zum Beispiel Asthma), sind dabei nicht mit eingerechnet.

◼ Sinkende Immobilienwerte in der Nähe von CAFOs kosten 26 Milliarden Dollar pro Jahr. Wer will auch neben einer stinkenden und verseuchten Schweine-, Hühner- oder Rinder-Mega-Farm wohnen?

◼ Die Steuergelder, die dank der Farm Bill [Agrargesetz in den USA, Anm. d. Red.] Massentierhaltungsbetrieben zugutekommen, belaufen sich auf circa 13 Milliarden Dollar pro Jahr.

◼ Angestellte bei Fast-Food-Ketten verdienen so wenig für die Zubereitung von Burgern (und das Servieren von Fritten und Softdrinks), dass sie Lebensmittelmarken brauchen, um sich selbst Lebensmittel kaufen zu können. Das kostet das US-Staatssäckel jährlich 7 Milliarden Dollar.

◼ Steigende CO₂-Werte in der Atmosphäre führen zur Übersäuerung der Ozeane und dem Absterben von Phytoplankton, das 50 Prozent des Sauerstoffs bildet, den wir atmen. Kosten? Wie hoch ist der Preis für den Verlust von 50 Prozent unseres Sauerstoffs?

◼ Antibiotika in Tierfutter, die das Wachstum der Tiere beschleunigen und wegen der Haltung auf extrem beengtem Raum drohende Infektionen verhindern sollen, sind zum Großteil für die Antibiotikaresistenz bei uns Menschen verantwortlich. Diese kostet uns weltweit jährlich 700.000 Menschenleben und Billionen Dollar. Die Antibiotika landen auch in der Gülle, die auf Feldern (auch mit Bio-Obst und -Gemüse) versprüht wird, und zerstören die Mikrobiologie der Böden. (Anm. d. Verlags: In Deutschland kommt im Bio-Landbau keine Gülle aus konventioneller Viehhaltung zum Einsatz.)

Diese Liste ist nicht vollständig, aber Sie verstehen das Prinzip. Die globalen Kosten belaufen sich nicht auf Milliarden oder Billionen, sondern auf Billiarden. Vieles davon lässt sich kaum messen. Wie messen Sie den Verlust der Artenvielfalt, das Absterben von Korallenbänken oder das Verschwinden von Phytoplankton, das einen maßgeblichen Teil des Sauerstoffs produziert, den wir atmen? Wer bezahlt das? Sie. Ich. Wir alle. Unser Planet. Die natürlichen Lebensräume und die Ozeane. Sogar die Vielfalt des Saatguts, mit dem wir unser Essen anbauen, ist in Gefahr. Die Saatgutmonopole sorgen dafür, dass wir unser Nahrungserbe verlieren. Und damit nicht genug: Wenn Sie Ihren Massentierhaltungsburger (oder irgendein anderes Produkt) nicht aufessen, sondern wegwerfen, verschärfen Sie damit das zusätzliche gravierende Problem massenhafter Lebensmittelabfälle. Und das kostet weitere 2 Milliarden Dollar!

Lebensmittelabfälle: Was für eine Verschwendung!

Die Lebensmittelverschwendung ist enorm. Bis zu 40 Prozent unseres Essens verdirbt auf den Feldern, beim Transport oder im Umfeld des Einzelhandels und wird in Restaurants, bei Gastronomie- und Cateringfirmen und bei uns zu Hause weggeworfen. Am Ende landet es auf der Deponie.38 Denken Sie an all die Ressourcen, die für den Anbau, den Transport, die Verteilung und den Kauf von Lebensmitteln notwendig sind: Samen, Wasser, Energie, Land, Düngemittel, Arbeit und Finanzkapital – alles für die Katz. Was für ein Irrsinn. Wir verfügen mit unserem gegenwärtigen Lebensmittelversorgungssystem über genug Essen, um alle Menschen dieser Erde zu ernähren – ja sogar mehr (bis zu 10,5 Milliarden)! Trotzdem gehen 800 Millionen hungrig ins Bett und 2 Milliarden sind unterernährt. Die Verschwendung all dieser Lebensmittel, die zusätzlichen Agrarflächen und -praktiken für deren Anbau, die ständige Abholzung, um wegen der hohen Verschwendung noch mehr anzubauen, und das Verrotten der Lebensmittel auf Deponien, wo sie giftiges und unser Klima weiter aufheizendes Methan bilden, machen Lebensmittelabfälle zum drittgrößten Verursacher von Treibhausgasen unseres Planeten – nach den USA und China (mehr dazu in Kapitel 7).

Doch es gibt Lösungen: In einigen Städten wie San Francisco ist Kompostieren Pflicht. In Frankreich dürfen Supermärkte nicht länger legal Lebensmittel wegwerfen, sondern müssen sie an lokale Tafeln, Kompostierunternehmen oder als Tierfutter an Bauernhöfe abgeben. Gemeinnützige Organisationen wie Feeding the 5000 haben schon 40 weltweite Events auf die Beine gestellt, bei denen 5.000 Menschen mit Essen nur aus Lebensmittelabfällen bewirtet wurden. Sogar Spitzenköche wie Dan Barber kochen Gourmetdinner allein aus Lebensmittelresten wie Karottenschalen, Sellerieschnipseln und Pilzstielen.

Diese Initiativen sind nur ein Anfang. Doch wenn wir dieses Problem lösen, können wir den Hunger auf der Welt, den Bedarf nach weiteren Anbauflächen und Abholzungen und den CO₂-Ausstoß in die Umwelt um 70,53 Gigatonnen verringern. Laut Project Drawdown wäre dies der drittwichtigste Schritt zum Abbau von Kohlenstoff und zur Umkehr des Klimawandels.

Die unvorhergesehenen Auswirkungen des Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit

Der Bericht des medizinischen Fachjournals The Lancet von 2018 namens Countdown on Health and Climate Change: Shaping the Health of Nations for Centuries to Come (Countdown für Gesundheit und Klimawandel: Gestaltung der Gesundheit von Nationen für die kommenden Jahrhunderte)39 dokumentiert die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Menschen. Klimaflüchtlinge gibt es längst – sie fliehen vor Naturkatastrophen und extremen Wetterbedingungen. Laut UN-Prognosen wird es bis zum Jahr 2050 200 Millionen bis zu einer Milliarde Klimaflüchtlinge geben.40 1820 entsprach das der gesamten Weltbevölkerung.

Weltweit sind benachteiligte Bevölkerungsgruppen vermehrt Wetterextremen, Infektionskrankheiten und einer drohenden Ernährungsunsicherheit ausgesetzt. 2017 verursachten 712 Extremwetterereignisse 326 Milliarden US-Dollar wirtschaftliche Verluste – dreimal so viel wie im Jahr zuvor.41 Hitzewellen führten zu 153 Milliarden verlorenen Arbeitsstunden, weil es zu heiß zum Arbeiten war. Bei höheren Temperaturen treten auch vermehrt Krankheiten wie Cholera, Malaria und Denguefieber auf. Außerdem schadet die Hitze der Gesundheit und erhöht bei Menschen mit Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes und Lungenkrankheiten den Bedarf an nur eingeschränkt verfügbaren Gesundheitsdienstleistungen. Auch die Landwirtschaft ist vom Klimawandel und steigenden Temperaturen betroffen. In dreißig Ländern wird die Ernährungssicherheit durch einen Abwärtstrend bei den landwirtschaftlichen Erträgen bedroht. Das hängt natürlich nicht nur mit unserem Ernährungssystem zusammen, da auch andere Faktoren den Klimawandel beschleunigen. Doch weil es die Hauptursache ist, wäre eine Reform des Ernährungssystems der wichtigste Lösungsansatz. 2019 veröffentlichte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) den wegweisenden „IPCC-Sonderbericht über Klimawandel, Desertifikation, Landdegradierung, nachhaltiges Landmanagement, Ernährungssicherheit und Treibhausgasflüsse in terrestrischen Ökosystemen“.42 Dieser Bericht macht deutlich, dass das Neudenken unseres Agrarsystems die Schlüssellösung für den Klimawandel, unsere politische Sicherheit und unsere Ernährungssicherheit ist.

In Kapitel 17 konzentrieren wir uns auf den Klimawandel und schauen uns an, wie wir diese beispiellose Krise mithilfe unseres Ernährungssystems und innovativer landwirtschaftlicher Lösungen bewältigen können – denn sie ist schlimmer, als wir denken.

Außerdem ist die US-Regierung eine Marionette der Industrie. Ich fragte Ann Veneman, frühere Landwirtschaftsministerin unter George W. Bush, warum wir uns bei unserer Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik nicht von der Wissenschaft leiten lassen, oder die direkte Vermarktung von Junkfood an Kinder einschränken, oder transparentere Lebensmittelkennzeichnungen einführen, oder nicht länger die extreme Verarbeitung von Agrarrohstoffen und stattdessen Obst und Gemüse subventionieren. Sie antwortete mir, dies läge am Einfluss der Lebensmittel- und Agrarindustrie auf den Kongress und die Regierung.

Das Farm-Bill-Agrargesetz, das den Großteil der Ernährungs- und Agrarpolitik in den USA reguliert, wurde massiv von Lobbyisten beeinflusst. Über 600 Unternehmen machten 500 Millionen Dollar locker, um die Farm Bill von 2014 nach ihren Wünschen zu gestalten.43 Fast 73 Prozent der Mitglieder des Senatsausschusses für Landwirtschaft, Ernährung und Forstwirtschaft und 90 Prozent der Mitglieder des Landwirtschaftsausschusses des Repräsentantenhauses erhalten Zuwendungen von Monsanto (Bayer) und Syngenta. Würde man sämtliche weitere Lebensmittel- und Agrarunternehmen hinzuzählen, erhielten ganze 100 Prozent der Mitglieder Zuwendungen.44

Softdrinks und mit Zucker gesüßte Getränke: Mais wiegt schwer

Erfrischungsgetränke haben eine ähnlich unerquickliche Bilanz wie Burger oder Steaks: Umweltschäden, immense Kosten für die Gesellschaft und horrende wirtschaftliche Folgen – alles verursacht durch das Trinken von Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt, dem Süßstoff, der in Softdrinks, Energy Drinks, Tee- und Kaffeegetränken steckt. Mit einem großen Unterschied: Massentierhaltungsfleisch ist nicht gesund, aber es bringt uns nicht um, außer vielleicht durch die Folgewirkungen, die wir uns zuvor angesehen haben. Zucker aber schon! Besonders Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt, der zum Süßen von Erfrischungsgetränken eingesetzt wird. In den USA töten solche Getränke durch ihre gesundheitsschädigende Wirkung jedes Jahr 186.000 Menschen, die an Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs sterben.45 Mit jeder Dose Limo steigt das Risiko.46

Laut einer aktuellen Studie steigt das Risiko, an einer Herzkrankheit zu sterben, um 31 Prozent, wenn man täglich zwei mit Zucker gesüßte Getränke trinkt.47 Jedes weitere Getränk lässt das Risiko um zusätzliche 10 Prozent ansteigen. Vor Kurzem kaufte ich in einem Lebensmittelgeschäft in Utah ein. An der Kasse vor mir stand eine deutlich übergewichtige Frau, die Limonade in 2-Liter-Flaschen kaufte und dabei an einem Strohhalm saugte, der in einer 1,2 Liter fassenden Limonadenflasche steckte. Ich wünschte, das wäre die Ausnahme, aber leider ist so etwas in Amerika mittlerweile Normalität.

In den USA gibt es ein weiteres großes Problem mit der Getränkeindustrie: Die Steuerzahler spendieren der armen Bevölkerung über das Lebensmittelmarkenprogramm SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program) 31 Milliarden Portionen Softdrinks. Das summiert sich jedes Jahr auf 7 Milliarden Dollar und ist damit der größte SNAP-Posten, der ganze 10 Prozent der „Lebensmittel“ ausmacht, die SNAP-Empfänger einkaufen. Rechnen Sie es sich selbst aus: Wenn eine 2-Liter-Flasche Softdrink im Supermarkt 1,79 Dollar (circa 1,50 Euro) kostet, sind das 22 Cent (circa 19 Euro-Cent) pro Portion (rund 240 ml). Und das ergibt 31 Milliarden Portionen. Softdrinks gehören zu den wenigen Dingen, die bewiesenermaßen dick machen.48

Die wahren Kosten von Mais

Die US-Amerikaner zahlen in Wirklichkeit viermal für ihren Mais.

Erstens wird der Maisanbau jährlich mit circa 250 Millionen US-Dollar subventioniert. 8 Prozent dieses Maises wird zu Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt verarbeitet. Der Rest davon wird zu Tierfutter für Massentierhaltungsbetriebe, zu Ethanol, Speiseöl, Alkohol, industriellen Produkten und Zusätzen in verarbeiteten Lebensmitteln.

Zweitens bezahlen die Leute für die ökologischen Folgen des modernen Maisanbaus. Die moderne Bodenbearbeitung mit ihrem intensiven Einsatz von Chemikalien führt zur Verdichtung der Böden und zum Verlust von Mutterboden. Dies wiederum erhöht die Treibhausgase, weil die industrielle, auf Monokulturen ausgerichtete, chemische Landwirtschaft die organische Bodensubstanz erschöpft. Die Leute bezahlen also für all die Schäden, die durch den Übergang stickstoffreicher Abwässer in die Wasserwege und Ozeane entstehen, für die Zerstörung, die Pestizide und Herbizide anrichten, und für die Erschöpfung der Wasserressourcen.

Drittens bezahlen sie in Form von SNAP einen Großteil des Junkfoods und der aus Maissirup hergestellten Softdrinks – ungefähr 75 Milliarden Dollar pro Jahr. Tatsächlich macht das mit SNAP verdiente Geld circa 20 Prozent von Coca-Colas Jahreseinnahmen in den USA aus. Da sind die Einnahmen durch zuckerhaltige Getränke ohne Kohlensäure noch nicht mit eingerechnet. Das macht Coca-Cola zu einem milliardenschweren Sozialhilfeempfänger!

Viertens bezahlen sie für sämtliche Gesundheitskosten, die durch Fettleibigkeit und chronische Krankheiten (meist ernährungsbedingt) entstehen. Das sind weitere 3,7 Billionen Dollar pro Jahr.49 Leider kommen auf die Kinder noch weitere Kosten zu. Wir sind überfüttert und unterernährt. Fettleibigkeit, Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung treten innerhalb derselben Bevölkerungen auf. In den USA sind 7 Prozent aller Kinder unterentwickelt. Das bedeutet für diese Kinder permanente entwicklungsbedingte und neurologische und für die Gesellschaft langfristige wirtschaftliche Folgen.

Was sollte eine Dose Softdrink dann kosten? Jedenfalls deutlich mehr als 22 Cent für 240 ml! Vielleicht sollten es pro Dose 100 Dollar oder mehr sein.

Berücksichtigt man die wahren Kosten, sind unser Fast-Food-Burger und unsere Softdrinks wesentlich teurer als ein Bio-Steak aus Weidehaltung und ein Glas Wasser.

Dabei bezahlen wir alle dafür, nämlich durch Regierungssubventionen für die industrielle Landwirtschaft, unter anderem in Form der (schönfärberisch sogenannten) Ernteausfallversicherung. Diese kommen größtenteils multimillionenschweren Mega-Farmen zugute. Das meiste davon landet in den Taschen der Chemie-, Saatgut- und Düngemittelkonzerne, die diese Farmen beliefern. Und obwohl die amerikanischen Steuerzahler für das SNAP-Programm bezahlen, legt das US-Landwirtschaftsministerium merkwürdigerweise nicht offen, wo all das Geld ausgegeben wird. Es sagt, es schütze damit die Privatsphäre von Einzelhandelsriesen wie Walmart und Kroger. Eine Zeitung aus dem US-Bundesstaat South Dakota fand, dass die Öffentlichkeit aufgrund des Freedom of Information Act (FOIA) Zugang zu diesen Informationen haben sollte, und reichte Klage ein, damit diese veröffentlicht würden. Dieser Fall ging bis vor den Supreme Court.50 Sollte die Regierung statt der Konzerne nicht ihre Bürger schützen? Was wird da vertuscht?

Wir unterstützen die Lebensmittelindustrie indirekt, indem wir ihr erlauben, ihr an Kinder, Arme und Minderheiten gerichtetes Junkfood-Marketing mit der Geltendmachung von Werbekosten steuerlich abzusetzen. Das sind in den USA 190 Milliarden Dollar pro Jahr.51 Gleichzeitig sprechen wir sie von der Verantwortung frei, die Kosten für die chronischen Krankheiten zu tragen, die durch diese Art von Essen entstehen. Wer zahlt denn dann dafür? Die amerikanischen Steuerzahler – in Form von Medicare, Medicaid und allen anderen medizinischen Versorgungsleistungen, die die US-Regierung für über 50 Prozent ihrer Bevölkerung übernimmt.

Das ist weder gerecht noch ethisch, moralisch oder richtig. Wir müssen das ändern. Wir brauchen volle Transparenz und Aufrichtigkeit, wenn es um die Kosten geht, die unser gegenwärtiges Ernährungssystem jedem Einzelnen von uns, unseren Gemeinden, unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft und unserer Umwelt auferlegt.

Food Fix: Die wahren Kosten unseres Essens

Für die Herausforderungen, denen wir uns in Sachen Landwirtschaft, Ernährung, öffentliche Gesundheit, Wirtschaft, Umwelt, Klima, Arbeitnehmerrecht, Bildung, nationale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Gesundheit, Einkommens- und gesundheitliche Unterschiede und mehr stellen müssen, gibt es keine simple Einzellösung. Dennoch sind alle diese Bereiche auf bestimmte Weise durch eine Sache miteinander verbunden:

Essen.