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Horst Hesse musste untertauchen. In der DDR. Die US-Justiz hatte ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt, denn er hatte dem MID, dem Nachrichtendienst der US-Armee, einen enormen Schlag versetzt: Als Doppelagent im Auftrag der DDR brachte er es im MID zum Leiter der Abteilung Agentenwerbung und entwendete die komplette Agentenkartei. Eine Aktion, die zur Enttarnung von 521 Spionen und zu 140 Verhaftungen in der DDR führte. Dieses Husarenstück diente als Vorlage für den DEFA-Spionagethriller »For eyes only«. Doch über den Mann, der den Stoff geliefert hatte, erfuhr man nichts. Er musste geschützt werden. Jahre nach seinem Tod wird nun das Geheimnis gelüftet: Peter Böhm rekonstruiert das Leben eines der interessantesten Spione des 20. Jahrhunderts, den keiner wirklich kannte.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Bildnachweis: Privatarchiv der Familie Hesse; Peter Böhm
ISBN eBook 978-3-360-51039-6
ISBN Print 978-3-360-01876-2
© 2016 edition ost im Verlag Das Neue Berlin, Berlin
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Die Bücher der edition ost und des Verlags Das Neue Berlin erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.
www.eulenspiegel.com
Über das Buch
1956 stahl im Auftrage der Spionageabwehr der DDR Horst Hesse in der Würzburger Residentur eines US-Nachrichtendienstes geheime Unterlagen. Mit diesen konnten mehr als einhundert Spione in der DDR enttarnt werden. Hesse wurde in Abwesenheit von einem US-Militärgericht zum Tode verurteilt, obgleich die USA auch noch nach 1990 offiziell bestritten, dass ihnen Pfingsten ’56 etwas abhanden gekommen sei. Peter Böhm rekonstruiert das Leben eines Kundschafters, der mit seinem spektakulären Coup die Vorlage für einen der erfolgreichsten Filme der DEFA lieferte. »for eyes only« kam in die Kinos der DDR, als im Westen der erste James-Bond-Film zu sehen war. Nicht nur der zeitliche Kontext führte dazu, Horst Hesse zum James Bond der DDR zu erklären.
Über den Autor
Peter Böhm, geboren 1950, nach dem Philosophiestudium Hochschullehrer, anschließend im Internationalen Pressezentrum der DDR (IPZ) in Berlin tätig. Nach 1990 Pressereferent und freier Journalist.
In der edition ost erschienen bereits »Spion bei der NATO. Hans-Joachim Bamler, der erste Resident der HV A in Paris« (2014) und »Im Schatten der Roten Kapelle. Das unstete Leben des Spions Hans Voelkner« (2015).
Inhalt
Vorwort
Die Wahrheit in den Zeiten des Kalten Krieges
Der Ingenieur und die Soubrette
Diesseits von Afrika
Magdeburg
Die ungleichen Schwestern
In der Hauptstadt der Spione
Der erste Auftrag
Der Sprung ins kalte Wasser
Würzburg
Der Alltag eines Geheimen
Lügendetektor
Aktion »Schlag«
hcag 0666
The day after
Der letzte Schritt
Der Heldenvater
Der Held
Der Titel – der Film
Promotion
Das Kreuz mit dem Plan X
Lebenslinien
Eberswalde
Abspann
Anlagen
Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir
am meisten für die Menschheit wirken können,
dann können uns Lasten nicht niederbeugen,
weil sie nur Opfer für alle sind;
dann genießen wir keine arme, eingeschränkte,
egoistische Freude, sondern unser Glück
gehört Millionen, unsere Taten leben still,
aber ewig wirkend fort,
und unsere Asche wird benetzt
von der glühenden Träne edler Menschen.
Karl Marx,
Betrachtungen eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes, 1835 1
1 Karl Marx, Betrachtungen eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes, Marx Engels Werke, Band 40, Berlin 1968, S. 594
Vorwort
Der Vorgang, welcher im Zentrum dieses Buches steht, liegt sechzig Jahre zurück, und sein Protagonist starb vor zehn Jahren. Horst Hesse war auch zu Lebzeiten nur wenigen bekannt, obgleich er doch die Vorlage lieferte für einen der berühmtesten und erfolgreichsten Spielfilme der DEFA. So drängt sich denn die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, an Hesse und sein Kabinettstückchen in den 50er Jahren zu erinnern. Tempi passati, aus und vorbei, gilt wohl auch in diesem Falle, könnte man meinen.
Wirklich?
Der Kriegsversehrte Horst Hesse, ein unbescholtener Feinmechaniker aus Magdeburg, geriet damals ins Mahlwerk des Kalten Krieges. Die Geheimdienste traten in sein Leben, erst die westlichen, dann die östlichen, und gaben seinem Dasein eine Richtung, die es anderenfalls nicht genommen hätte. Die missliche Begegnung mit dem Agenten aus Übersee veranlasste ihn, sich dem östlichen Dienst anzuvertrauen, worauf der ihn als Kundschafter in den Westen schickte. Nach heutigem Verständnis ist Horst Hesse also ein Opfer.
Allerdings war er auch ein Täter, sogar ein Überzeugungstäter: Hesse »floh« nach Westen, weil er meinte, seinem Staat und dem Frieden zu nützen, wenn er aus der Residentur des Klassenfeindes berichtete, was dieser so trieb und was er gegen die DDR plante. Hesse ließ Familie und Freunde zurück und die Annahme, er sei ein Verräter und habe Kinder und Frau im Stich gelassen wie manch anderer auch. Sein bis dahin tadelloser Ruf war ruiniert. Dessen war sich Horst Hesse durchaus bewusst. Und trotzdem nahm er das Los an. Damals hieß das »Parteiauftrag«.
In kurzer Zeit machte er in der Würzburger Filiale eines militärischen Geheimdienstes Karriere. Im Unterschied zu den Abenteurern, die dort tätig und oft genug gesellschaftliches Strandgut waren, verrichtete Hesse die ihm übertragenen Aufgaben korrekt und verlässlich. Sein Aufstieg als US-Agent wurde allerdings jäh gebremst. Von der Zentrale in Ostberlin: Er solle nicht seiner Delegierung in die USA nachkommen, sondern besser nach Hause zurückkehren. Und zwar mit allem, was dort an brisantem Material herumliegt.
Das befand sich in zwei Tresoren, und da sich diese nicht öffnen ließen, lud er sie ins Auto und fuhr damit über die Grenze. Danach glitt ihm sein Leben vollends aus der Hand. Regie führten fortan andere. Er musste zwangsweise untertauchen, weil er gesucht und in den USA in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Seine Tage waren gefüllt mit Vorträgen und Schilderungen jenes einmaligen Diebstahls, der zur Enttarnung von Spionen in der DDR in nie gekanntem Ausmaß geführt hatte.
Die Geschichte war spektakulär, großes Kino, so dass man nicht anders konnte, als sie zu verfilmen. Aber Kino ist Kunst, nicht abgefilmtes Leben. Deshalb erfuhr die Handlung einige neue Zutaten, nicht wesentliche, aber dramaturgisch notwendige, es war ein Spiel-, kein Dokumentarfilm. Schließlich ging es um die Sache, nicht um die Person. Hesse wurde nicht nach dem Copyright gefragt. Auch wenn es »seine Geschichte« war, so gehörte sie ihm doch nicht mehr.
So entstand denn ohne sein Zutun ein Filmkunstwerk, das sich Millionen Menschen aus freien Stücken anschauten. Das war dem Stoff wie eben auch seiner Aufbereitung und den exzellenten Darstellern geschuldet, zu denen Horst Hesse allerdings nicht gehörte. Nur gelegentlich trat er bei öffentlichen Filmforen mit ihnen in Erscheinung und spielte dort die Rolle, die ihm zugedacht und die wohl auch die Rolle seines Lebens war: selbstlos und bescheiden, unauffällig, sich nie vordrängend.
So ging er denn auch von dieser Welt, ohne dass groß Notiz von seinem Tod genommen wurde. Lediglich zwei deutsche Tageszeitungen vermeldeten sein Ende.2
Wir haben es folglich mit einer zweifachen Ungerechtigkeit zu tun, die dieses Buch zu beheben versucht, auch wenn inzwischen viel Zeit ins gesamtkapitalistische deutsche Vaterland gegangen ist. Die erste besteht darin, dass Horst Hesse zu Lebzeiten – weshalb auch immer – jene öffentliche Anerkennung versagt blieb, die sein Husarenritt verdient hätte. Schließlich hatte er Leib und Leben riskiert, um dieses Land ein wenig sicherer zu machen, indem es etliche feindliche Spione ausschalten konnte. Mit Orden an Jahrestagen war es da gewiss nicht getan.
Die zweite Ungerechtigkeit bestand darin, dass der Film Furore machte und der eigentliche Held dahinter verschwand. Das Kunstwerk, die Inszenierung war größer als der Mann, der die Vorlage lieferte. Das ist so ungewöhnlich nicht, Lisa del Giocondo würde in keinem Geschichtsbuch Erwähnung finden, hätte Leonardo da Vinci sie nicht gemalt und uns als »Mona Lisa« hinterlassen. Zum Beispiel.
So wissen wir denn über Horst Hesse so gut wie nichts. Es gibt kaum Akten, die sich auswerten ließen, Arbeitskollegen leben auch nur noch wenige. Auskunft gaben einige Nachkommen, doch ihnen blieb die Arbeit ihres Vater fremd, denn sie war konspirativ oder fand vor ihrer Geburt statt. Hesses berufliche Tätigkeit endete bereits in der Mitte seines Lebens, mit 44 Jahren musste er invalidisiert werden. Das waren nicht die Folgen des Klassenkampfes, sondern des zweiten großen Krieges – ein Grund, weshalb Horst Hesse unbedingt einen dritten verhindern wollte. Das ist ihm, gemeinsam mit vielen anderen Zeitgenossen, gelungen. Und dafür gebührt ihm auch posthum Dank.
Und noch ein weiterer Grund rechtfertigt dieses Buch, auch wenn die deutsche Zweistaatlichkeit längst Geschichte ist und der Kalte Krieg, angeblich, auch. Es ist hin und wieder zum Verständnis der Gegenwart ganz nützlich, sich der Vergangenheit zu erinnern. Gesetze und Menschen wurden nicht nur in dem einen Staat gebrochen – der Kalte Krieg kannte keine Menschenrechte, die universell galten. Auf Recht und Gesetz ward gehustet, wenn es gegen den Feind ging.3 Das scheint man in der Bundesrepublik zu verdrängen und absichtsvoll zu vergessen.
2junge Welt vom 29. Dezember 2006, s. Anlagen; Neues Deutschland vom 30. Dezember 2006
3 siehe Alexander von Brünneck, Politische Justiz gegen Kommunisten in der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 1978
Die Wahrheit in den Zeiten des Kalten Krieges
»What the hell is on here, damned fool!« Ob der deutsche Untertan in Uniform diese Worte verstand, blieb unklar. Den Ton jedenfalls kannte er. Salutierend legte er eilig die Hand an den Mützenschirm und gab den Weg frei. Langsam fuhr der Kombi weiter nach vorn.
Vor dem Schlagbaum hatten sich Militärpolizisten postiert. Der US-Offizier dirigierte den soeben kontrollierten Pkw zurück. Nun sah er den Kombi auf sich zukommen. Sein Gesicht unter dem klobigen Helm verzerrte sich. Er stellte sich breitbeinig auf die Straße und hob die Hand. »Stop!«
Hansen wusste: Das war die Sekunde! Jetzt galt nur eins: handeln! Sofort und entschieden handeln! Er tat, als wolle er vor dem Offizier stoppen. Seine Hand tastete seitlich, fand die Gasgranate und entsicherte sie. Frantisek griff ohne Zögern die zweite.
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