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Fortschritt bedeutet Steigerung, Zuwachs, Erhöhung der Fähigkeiten, eine Verbesserung der bestehenden Zustände. Haben sich die Menschen, die politischen und kulturellen Verhältnisse in den letzten 2500 Jahren wirklich gesteigert und verbessert? Neben technischen Verbesserungen sind auch extreme Zerstörungskräfte wie Nuklearwaffen möglich geworden. Dennoch wird an der Bedeutung von Fortschritt und Zuwachs festgehalten. Heutige Fortschrittsvorstellungen sind zu einer Ideologie geworden, einem Trugbild, das ein erfülltes Leben verhindern kann.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hans Schümann
FORTSCHRITT ALS MODERNE IDEOLOGIE
Engelsdorfer VerlagLeipzig2022
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Zweite überarbeitete Auflage
Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild © bint87
Korrektorat: Barbara Lösel
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
I. Einführung
II. Die maßlose Moderne – Über Fortschritt und Modernisierung
Das Fortschrittsdenken im Einzelnen
Bemerkungen zum Wandel vom Mittelalter zur Moderne
Die Moderne ab dem 19. Jahrhundert
Haben sich die globalen Verhältnisse verbessert?
Evolutionäre Grundlagen, Religion und Fortschritt
III. Narrenlärm – Eine Kulturkritik inspiriert von Sebastian Brants „Narrenschiff“ mit Anmerkungen zum Flüchtlingszustrom im Jahr 2015
Ein kurzer Rückblick
Der Aufstieg des linken und grünen Narrentypus
Das linke und grüne Narrentreiben weckt seine rechte Kehrseite
IV. Ein skeptischer Zukunftsentwurf – Ein Gespräch im Sommer 2014
Die hier zusammengeführten Texte sind in ihrer ersten Form vor einigen Jahren entstanden. Sie wurden auf meiner Internetseite www.hanschuemann.de 2015 veröffentlicht und später überarbeitet. 2018 ließ ich sie im Engelsdorfer Verlag unter dem Titel „Fortschritt als moderne Ideologie“ veröffentlichen.
Im Frühjahr 2022 habe ich den Text in Kapitel II. „Die maßlose Moderne – Über Fortschritt und Modernisierung“ überarbeitet, teilweise verändert und erweitert. Dieser Text setzt sich in einem Überblick mit den der heutigen Politik, Ökonomie und Kultur zugrunde liegenden Vorstellungen und historischen Entwicklungen auseinander. Er ist notwendigerweise recht pauschal und dient als Orientierungshilfe.
Der in Kapitel III. „Narrenlärm – Eine Kulturkritik inspiriert von Sebastian Brants Narrenschiff“ veröffentlichte Text entstand im Spätsommer des Jahres 2015 und thematisierte unter anderem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ich habe ihn später an einigen Stellen überarbeitet. Bis auf einige Korrekturen und Begriffsänderungen wird er hier in der 2018 veröffentlichten Form wiedergegeben. Ausgehend von den europäischen Extremen, die im 20. Jahrhundert zwischen extremem Nationalismus und marxistischem Internationalismus pendelten, ist dieser Text ein Kommentar zur politischen Entwicklung in Deutschland. Die Hybris der hunderttausendfachen Rechtsbeugung durch die an den Grenzen unterlassenen Identitätskontrollen von etwa einer Millionen Migranten, die zum Teil unter dem Vorwand des politischen Asyls ins Land strömten, führten im Jahr 2015 zum monatelangen Staatsversagen. Sie führten zu einer Vertrauenskrise, der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung und zur weiteren Aushöhlung des Asylrechts.
Der Text unter IV. „Ein skeptischer Zukunftsentwurf. Ein Gespräch im Sommer 2014“ entstand in jenem Jahr, ausgelöst durch die Konfrontation des Westens mit Russland und der so wiederbelebten Gefahr eines Nuklearkrieges. Dieser Text wird mit leicht gewandeltem Titel und geringfügigen Begriffskorrekturen wiedergegeben, er hat durch die sich seit 2014 zuspitzenden Ereignisse an Aktualität gewonnen.
Der im Februar 2022 begonnene Angriff Russlands auf die Ukraine ist nur der Höhepunkt einer langen Reihe vorangehender Konfrontationen zwischen Ost und West. Ein Krieg, der bereits seit 2014 von Seiten der ukrainischen Regierung gegen die russisch-sprachigen Volksrepubliken Luhansk und Donezk geführt wird, die wiederum von Russland unterstützt werden.
Die hier vereinten Texte sind Versuche, die gängigen Vorstellungen von Fortschritt und Wachstum, von Verbesserung, Modernisierung und Humanisierung skeptisch zu bewerten. Ihre Aktualität haben sie bewahrt, da es um langfristige Entwicklungen geht, die jetzigen politischen Verhältnisse eingeschlossen. Viele politische Bewegungen, Parteien und Regierungen berufen sich seit Jahrzehnten ausdrücklich auf das Konzept vom Fortschritt, es ist zur allgegenwärtigen Ideologie geworden. Auch die jetzige deutsche Bundesregierung bezeichnet sich als eine Fortschrittskoalition.
Mit einer skeptischen Bewertung meine ich Folgendes: Der Begriff Skepsis leitet sich vom griechischen Verb skeptesthai ab, das spähen, schauen, betrachten und untersuchen bedeutet. Skeptiker bemühen sich, Sachverhalte prüfend zu untersuchen, sie „erforschen und denken gründlich nach“, wie es Erasmus von Rotterdam um 1500 formulierte.
Diese allgemeine Bedeutung von Skepsis ist hier maßgeblich, es geht weniger um die als Skeptizismus bezeichnete philosophische Richtung. Letztere geht zurück auf antike Philosophen, für die damals die Bezeichnung Skeptiker geläufig wurde. Sie erhoben das Gegeneinander und das Abwägen von Aussagen wie auch den Zweifel zur Methode des Denkens. In ihren Untersuchungen kamen sie zu dem Schluss, sich jeglicher Urteile zu enthalten, weil es immer Argumente für wie auch gegen einen Sachverhalt gibt. Da ein unumstrittenes Wahrheitskriterium fehlt, sagten Skeptiker häufig: „Alles ist unbestimmt“ – zugleich aber war ihr Handeln an den gegebenen Konventionen und sozialen Strukturen ausgerichtet, die sie nicht infrage stellten.
Um diese Auslegung der Skepsis als eines grundlegenden Zweifels und eines zugleich kritiklosen Hinnehmens der politischen Gegebenheiten geht es in den folgenden Texten nicht. Dennoch stimme ich der Feststellung im weitesten Sinne zu, dass eine einzig richtige, objektive Aussage, eine absolute Wahrheit unmöglich ist.
In diesen Texten werden sehr entschiedene Aussagen gefällt. Es geht um eine Kritik der herrschenden Gesinnungen, der kulturellen und politischen Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum, Modernisierung und Verbesserung. Damit verbunden ist eine Kritik der weitverbreiteten Illusion, dem US-Imperium, der NATO und der EU gehe es um Freiheit, Frieden, Demokratie, Menschenrechte und die Wahrung des Völkerrechtes, gar um das Wohlergehen „der Menschheit“.
Meine Texte wollen nicht anklagen oder belehren, noch wollen sie linke oder rechte Sichtweisen verbreiten oder Sympathien für eine Partei, Bewegung, Religion und einen Staat äußern. Mit dem sozialen Leben ergeben sich jedoch unweigerlich Besorgnis, Unruhe und Erregung, daher ist Klärung erforderlich. Stets nehmen wir eine bestimmte Position ein und behaupten sie gegen Andersdenkende, wir bewerten und fällen Urteile. Wir haben auf kulturelle Konventionen und auf politische Ereignisse zu antworten, denn unser Denken und Handeln geschieht vor dem uns gesellschaftlich gegebenen Hintergrund.
Anfängliche Besorgnis und Unruhe sind somit einer der Anlässe zu diesen Texten. Dienten sie zuerst der Klärung der eigenen Sichtweise, so richtete ich sie anschließend an meinen Freundes und Bekanntenkreis. Mit ihrer Veröffentlichung schließlich wandte ich mich an ein breiteres Publikum. Damit tritt das ursprüngliche skeptische Anliegen wieder hervor, die Klärung von Sichtweisen mit dem Ziel der Gelassenheit, des Gleichmutes. Das zentrale Anliegen griechischer Philosophen von Demokrit über Sokrates und seinen Schülern zu den Skeptikern, Epikureern und Stoikern war ataraxía, übersetzt meist mit Unerschütterlichkeit, Affektlosigkeit, Seelenruhe und Gleichmut. Sie war das eigentliche Ziel der Betrachtungen und Gedankengänge, nicht der einzig richtige Standpunkt oder die dogmatische Lehre.
Ataraxie ist die Voraussetzung für die Eudaimonie, das gelingende, heitere, von Glück geprägte Leben des Weisen. Um die Ataraxie bildlich zu beschreiben, verwendeten einige griechische Denker das Bild der Meeresstille, einer nicht von Stürmen und Wellen aufgewühlten, sondern glatten Oberfläche des Ozeans. Als gelungen galt somit ein Leben, das nicht von deutlicher Erregung, Anspannung und maßlosen Urteilen überschattet wird.
In einer Zeit wie der heutigen aber ist bereits der Alltag beim Einkauf in der Stadt oder beim Einschalten von Computer, Smartphone, Radio und Fernsehen überflutet von aufdringlichen, visuellen und akustischen Informationswellen, von starken Sinnesreizen und Erregungen. In großen Baumärkten, Supermärkten und Einkaufspassagen erklingt eine geisttötende Dauerberieselung aus Popmusik und Kaufanreizen; der Blick in ein beliebiges Webportal überschwemmt den Betrachter mit Werbung und Kriegs- und Katastrophennachrichten. Es gehört zum Geschäftsmodell der modern und fortschrittlich genannten Konsum- und Event-Kultur.
Aktualität und schrille Töne gehören zusammen: Sei dabei, sei up to date, ständig informiert! Sei Teil des weltweiten Fortschritts, des progressiven, großen, globalen „Wir“.
Es ist eine in weiten Bereichen materialistisch krankhaft verkümmerte Kultur. Überaus extravertiert und stark von äußeren Einflüssen geleitet, wird mittels Geld, Anschaffungen, Abwechslungen, Informationen und Ideologie Sinnerfüllung gesucht. Durch technische Apparate und moderne Fortbewegungs- und Verteilungsmittel, durch ein soziales Sicherungsnetz und staatliche Leistungen soll alles jederzeit und sofort verfügbar sein. Eine große Illusion.
Viele Menschen haben ein grundlegend existenzielles Gespür für Natur und den eigenen Körper als organischen Ausdruck und Teil der Natur verloren – damit auch für unsere im Unbewussten wurzelnden Antriebskräfte und fürs Transzendente. Handlungen und bewusste Vorstellungen werden nicht mehr verstanden als von natürlichen Entwicklungen und der biologischen Evolution geprägt. Etliche sind vielmehr von kulturellen und politischen Trends geleitet, vom Zeitgeist, der oft genug Geistarm ist in seinen verschiedenen Formen der Bekenntnisse und Parteigesinnungen. Die heute weitverbreitete Variante nennt sich „engagiert“, rot-grünbunt-alternativ und progressiv.
Politische Themen wie das Weltklima, ökologisches Handeln und der Naturbezug sind für viele eher ideologisch aufgeladene Themen. Etliche „Engagierte“ folgen damit dem Mainstream oder streben direkt nach Einfluss, Geltung, Macht und Parlamentsposten. Ein praktisch vorgelebtes Verhalten ist bei Ihnen kaum damit verbunden. Sie handeln so wie zahlreiche Menschen, die am Wochenende einige Stunden zum Entspannen in „die Natur“ gehen, etwa einen Stadtpark. Die subtilen Prozesse des Körpers und der Traum- und Denkprozesse nehmen sie kaum wahr, sie empfinden sie nicht als Natur, als einen Ausdruck des Kosmos, sondern als ein Ich-Projekt: Ich leiste etwas, profiliere mich und habe Erfolg; ich bin Mitglied einer Bewegung, „engagiere“ mich und erlange Einfluss; ich gehe in „die Natur“, so wie ich in einen der vielen wechselnden Räume gehe: politische Versammlungsräume, Bahnhöfe, Flughäfen, Parlamentsräume, Ausstellungsräume, Einkaufsmeilen, Cafés und die künstlichen Räume der Kinofilme.
Mit dem Leben unausweichlich verbundene Sorgen, Ängste, elementare Regungen und der deutlich empfundene Mangel werden zunehmend mittels technologischer Apparate und Medien verdrängt, eine ständige Einbindung in eine Flut von Stimulationen, Meldungen, Prognosen, Musik und Szene-Geschwätz. Die starke Einbindung in Technologien suggeriert den Eindruck stets effektiv, nie einsam und allen Bedrohungen gewappnet zu sein.
In der Werbung ist zwar oft von Genuss und Freude die Rede, gemeint ist aber der mit einem Kaufvorgang verbundene Erwerb eines neuen Objektes, das Freude und Genuss bringen soll. Dass jedoch das unvermittelte, unspektakuläre, geldlose, stille Erleben von Stunden der Arbeit im Garten oder einer Waldwanderung erfüllenden Genuss bringt, weil absichtslos und ich-vergessen, scheint etlichen nicht klar. Fehlt ihnen das Gespür für die stille Freude und geistige Kraft unscheinbarer Lebensvorgänge? Empfinden sie ziel- und zweckloses stilles Schauen oder ruhiges Tätig sein nicht als eine Freiheit, sondern als Langeweile?
Viele suchen eher das Ich-Gefühl durch neue Eindrücke und Projekte zu verstärken. Manche kontrollieren sogar ständig ihre Körperfunktionen mit neuen digitalen Geräten, um das Ich-Gefühl zu optimieren. Ein Trend zur Dauer-Erregung und Leistungssteigerung kennzeichnet diese Gesellschaft, als sei sie unter ständigem elektrischen Strom – nur nicht den Stecker raus ziehen, keine Stille, keine Zweifel aufkommen lassen. Keine Frage, wozu das Ganze, was ist der Sinn?
Selbst wenn wir, wie der Autor dieser Zeilen, ein abgeschiedenes, ruhiges Leben auf dem Lande führen, müssen wir jedoch als wachsame und friedfertige Beobachter und Staatsbürger zu politischen Ereignissen Stellung nehmen: Zur Pandemie und den Grundrechts-Einschränkungen, der Meinungskontrolle und dem Kampf gegen Andersdenkende, dem Impfzwang und den Impfschäden, vor allem aber zur Gewalt in Form von Krieg, Aufrüstung und Nuklearbomben. Es sind Themen, die unsere Gemüter erregen, daher ist eine skeptische, auf Leidenschaftslosigkeit und Gelassenheit gerichtete Haltung wichtig.
Stellungnahmen zu Krieg und Frieden, zur Aufrüstung und der Eskalation von Gewalt oder zur Abrüstung, zum Weg der Diplomatie und der Friedensverhandlungen spalteten seit jeher soziale Gemeinschaften. Mit dem seit 2014 schwelenden und im Februar 2022 vollends deutlichen Krieg in der Ukraine sind diese Fragen geradezu lebenswichtig geworden. Mit diesem Krieg ist die Gefahr eines nuklearen 3. Weltkrieges zwischen Russland und den USA und seinen NATO-Verbündeten von Tag zu Tag deutlicher spürbar.
Statt zu deeskalieren, heizen führende Politiker und Generäle der USA, Englands, der NATO und der EU diese Situation durch Äußerungen und Waffenlieferungen geradezu an. Statt sich aus diesem Konflikt im großenteils russischen Sprachraum der vormaligen Sowjetunion herauszuhalten, wird Russland seit dem 2014 von den USA gelenkten und finanzierten Maidan-Putsch in Kiew als bösartiger Aggressor und Feind der Freiheit hingestellt. In meinem im Sommer 2022 veröffentlichten Buch „Weltkriegswahn“ gehe ich auf diesen Krieg ein.
Trotz der in jenem und in diesem Buch gefällten Urteile, die den weitverbreiteten Ansichten widersprechen, geht es mir nicht um Stellungnahmen gegen eine Regierung oder einen Staat. Mein Anliegen sind innere Klarheit und eine gelassene Haltung in den sich seit Jahrtausenden unter wandelnden Parolen und Kostümen immer wiederholenden Kriegen und sozialen Konflikten in Klassengesellschaften. Es wird um Einfluss, Macht, Besitz und Verteilung gekämpft. Wie vor 2000 Jahren im Römischen Reich, dient auch die Politik der jetzigen deutschen Regierungskoalition vor allem den Interessen der herrschenden Klasse, einer kleinen, sehr reichen Minderheit an der Spitze der sozialen Pyramide. Dem jeweiligen Zeitgeist entsprechende religiöse oder politische Gesinnungen werden dabei benutzt, an den heutigen Konflikten ist nichts grundlegend neu.
„Was zerstört die Freundschaft auf der Erde am meisten? Das Handwerk der Politik. Beobachtet den Neid der Politiker auf diejenigen, die versuchen, sich hervorzutun, die Rivalität, die zwangsläufig unter den Konkurrenten entsteht, den Kampf um die Eroberung der Macht und die entschiedene Organisation von Kriegen, die nicht nur das Individuum, sondern ganze Völker zerrütten.“ Im ersten Jahrhundert v. Chr. schrieb der griechische Philosoph und Epikureer Philodemos von Gadara diese Sätze. Sie gelten noch heute. Geltungssucht und Macht machen krank. Kann ein bedeutender Teil der Politiker nicht zu Recht als entwicklungsgestört bezeichnet werden?
Dagegen ermöglichen Klarheit und Distanz in politischen und kulturellen Angelegenheiten Gelassenheit, Gleichmut und eine gewisse Heiterkeit – trotz der sehr angespannten Weltsituation. Apokalyptische Meldungen eines in wenigen Jahrzehnten drohenden Untergangs der „Menschheit“ durch Erderwärmung, bedrohliche Viren und Krankheiten oder einen alles Leben vernichtenden Atomkrieg sind keinesfalls hilfreich. Extreme Ansichten sind immer schädlich. Jene, die sich lautstark in Medien und Politik erregen, tun es häufig mit dem Ziel, sich als wichtig hervorzutun – statt mit dem Wandel bei sich anzufangen und ein friedfertiges Leben zu kultivieren.
Wandel und dramatische Entwicklungen zeichnen das Leben seit Jahrmillionen aus, so entwickelt sich das wachsam beobachtende und kreativ Lösungen suchende menschliche Bewusstsein. Gelassenheit ist ein zeitübergreifendes Anliegen. Es wird bei griechischen Philosophen wie etwa Heraklit, Empedokles und Sokrates, bei indischen Rishis und Buddhisten oder chinesischen Taoisten und Chan-Buddhisten und im japanischen Zen ebenso deutlich wie bei heutigen kritisch wachsamen Menschen.
Um auf die skeptisch und kritisch zu beurteilenden Konzepte von Fortschritt, Wachstum, Modernisierung und Verbesserung zurückzukommen: Von ihnen ist nicht nur in den Statements von Politikern und Journalisten die Rede, sondern ebenfalls bei der Entwicklung von Nuklearwaffen und in der Planung ihres Einsatzes. In Militär- und Regierungskreisen wird von einer „Modernisierung und Verbesserung des Atomwaffenarsenals“ gesprochen, von „neuen fortschrittlichen Waffensystemen und innovativen Strategien der Kriegsführung“, von der durch „moderne Technologien vergrößerten Zielgenauigkeit der neuen Raketen“, die gegnerischen Abwehrsystemen besser ausweichen können. Durch den Einsatz von taktischen Mini-Atombomben der „fortschrittlichsten Waffengeneration“ soll die Kampfkraft des Heeres gestärkt werden.
Zugleich haben politische Führer der westlichen Nuklearmächte und ihre europäischen Verbündeten nicht die geringsten Skrupel, von einer Humanisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu reden. Sie nennen ihre Regierungsmannschaft fortschrittlich und preisen ihre politischen Maßnahmen als progressiv, als einen „Meilenstein in Richtung Zukunft“. Zeitgleich verordnen sie massive Aufrüstungsprogramme inklusive neuer Nuklearbomben. Die „Leitmedien“ und öffentlich rechtlichen Sendeanstalten bestärken diese Sichtweise und flößen sie der Menge ein.
Eine der zwar ungeplanten, im Endeffekt aber dennoch als fortschrittlich ausgegebenen Maßnahmen war der im Frühjahr 2020 verkündete Lock-Down. Eine weltweite Pandemie durch ein SARS-Virus würde angeblich „die gesamte Menschheit“ bedrohen und zu vielen Millionen Toten führen. Ein von Pharmakonzernen rasch entwickelter und für sie extrem profitabler Impfstoff wurde mit Notfallzulassungen auf den Markt gedrängt, der Bevölkerung angepriesen und schließlich aufgezwungen – ohne eine genaue Prüfung auf Risiken und Nebenwirkungen.
Berichte von Wissenschaftlern über gefährliche Nebenwirkungen wurden unterdrückt oder die betreffenden Personen wurden verunglimpft und sogar massiv bedroht. Der Impfstoff und die mit ihm milliardenfach umgesetzte „neue, innovative und fortschrittliche Impfstrategie“ diene einzig „dem Schutz der Menschen, dem Wohl und der Gesundheit aller“, daher sei Impfzwang erforderlich als „Solidarität mit den gefährdeten Personen“.
Skeptiker und Gegner des Lock-Down, der massiven Einschränkung der Grundrechte der Bewegungs- und Meinungsfreiheit und Gegner des Impfzwangs wurden in Deutschland von progressiven Politikern und Journalisten als Idioten, Spinner, Rechte, Systemfeinde und Leugner des Corona-Virus bezeichnet. Zwar leugneten die Kritiker nicht das Vorhandensein des Virus, sie waren aber von dessen ungeheuren Gefahren nicht überzeugt und den rücksichtslos erzwungenen Maßnahmen gegenüber kritisch. Sie wurden als Demokratiegegner, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker abgestempelt, zum Teil gewaltsam und rechtswidrig polizeilich bekämpft. Einigen mutigen Wortführern wurde die berufliche Existenz zerstört, während die Regierung von Solidarität, Allgemeinwohl und Demokratie redete.
Im Jahr 2021 erhielt Deutschland eine Regierung, die im Kern noch gezielter auf einen neoliberalen, amerikahörigen, rot-grünen Obrigkeitsstaat orientiert ist. Deren Politiker wollen „noch mehr Fortschritt und Zukunft wagen“. Seit dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 wird dieser Fortschritt in Deutschland sichtbar: Statt zuvor verkündeter sozialer Verbesserungen finanziert die Koalition einen katastrophalen Wirtschaftsumbau und ein gigantisches Aufrüstungsprogramm. Die Bundeswehr soll unter anderem extrem teure „Tarnkappen-Bomber der fortschrittlichsten neuen Generation“ erhalten, die F 35 aus den USA. Sie gilt als „modernstes Kampfflugzeug der Welt“ und soll Atombomben sicher auf die gegnerischen Ziele in Russland abwerfen können.
Diese besondere Form des Fortschritts, der Demokratisierung und Humanisierung nach US-Vorbild nahm bereits seit den neunziger Jahren zunehmend Gestalt an: Zum einen durch die NATO Osterweiterung und zeitgleich mittels völkerrechtswidrig geführter Kriege – als Beispiele der Kosovo-Krieg 1999 und der Irak-Krieg 2003. Der Impuls geht entscheidend von der auf alleinige Weltherrschaft gerichteten US-Führung aus, flankiert von der Macht des Dollar der amerikanischen Großinvestoren, Banken, Hedgefonds und Ratingagenturen.
Statt nach dem Ende der Sowjetunion und des Warschauer Paktes die von Michail Gorbatschow offen und friedfertig gereichte Hand zur Zusammenarbeit anzunehmen, zur Beendigung der Konfrontation der beiden nuklearen Supermächte – es wäre eine wahre Humanisierung durch Annäherung –, nutzten die USA das Ende der Sowjetunion und die innerrussische Krise. Ziel ist die weitere Ausdehnung des amerikanischen Machtbereiches, letztlich die Unterwerfung des russischen Machtkonkurrenten. Das russische „Reich des Bösen“ (siehe Wikipedia-Artikel über US-Präsident Ronald Reagan) könne dann ebenfalls ins große, von Gott geleitete Reich des Guten einverleibt werden. 1992 verkündete US-Präsident G. W. H. Bush nicht zufällig bei einem Wahlkampfauftritt, durch die Gnade Gottes habe Amerika den Kalten Krieg gewonnen! Schrittweise ist diese „Gottesgnade“ in die weltpolitische Praxis umgesetzt worden.
