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Vom Zufall und den Versuchen seiner Bändigung. »Fortuna – aus dem Götterrummel der alten Welt ist sie die Einzige, die in unverminderter Frische unter uns weilt« – Georg Brunold erzählt uns warum Glück und Pech bestimmen unser Leben – doch wie diese beiden Zwillinge genau funktionieren, das weiß keiner recht. In seiner kleinen Universalgeschichte des Zufalls (und Schicksals) versucht Georg Brunold jener wankelmütigsten aller Göttinnen auf die Schliche zu kommen, die Pech und Glück verkörpert: Fortuna.Auf ebenso belehrende wie vergnügliche Weise begleitet Brunold die einzige Überlebende des heidnischen Götterhimmels durch die Antike und die Renaissance bis in die moderne Welt. Er flaniert mit ihr durch Spielkasinos, lugt mit ihr Statistikern, Versicherungsmathematikern und Risikomanagern im Finanzgeschäft über die Schultern, bestaunt mit ihr (auf der Suche nach dem Ursprung allen Seins) den Teilchenbeschleuniger des CERN und befragt Fortuna auf ihre Rolle bei der Freiheit des Willens. Boethius und Petrarca, Fibonacci und Newton kommen genauso zu Wort wie Chaos- und Spieltheoretiker, Hirn- und Kreativitätsforscher. Ein Buch voller überraschender Einsichten und erstaunlicher Wendungen, das auf verblüffende Weise zeigt: Es gibt kein größeres Vergnügen, als lustvoll denkend ein Sachgebiet zu erforschen. Und wenn auch selbst unser Autor Fortuna am Ende nicht immer randscharf dingfest zu machen vermag: die tröstende Erkenntnis aus Georg Brunolds kleiner philosophischer Wundertüte ist, dass Fortuna sich bis heute nützlich macht, egal ob wir an sie glauben oder nicht.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2011
Inhalt
CoverTitelWidmungBildSafety Last! – Ausgerechnet Wolkenkratzer!– 01 – Nichts gegen Pech! Oder wie das Glück uns alle düpiert. Anstelle eines Vorworts– 02 – Wer glaubt schon an den Zufall Wofür es keine Erklärung gibt, dafür muß eine gefunden werden – noch über Darwin hinaus– 03 – Dürfen wir bitten, Mademoiselle? Jenseits von Kleinigkeiten wie Kasino oder Börse: was die Welt im Innersten zusammenhält– 04 – Fortuna trägt uns – wie das Meer Von Odysseus zum Kaufmann von Venedig und zu Lloyd’s: Steuermänner und göttliche Ahnentafeln– 05 – Kleine Typologie des Zufalls Was wir darunter verstehen. Von Aristoteles bis Jacques Monod und Zankapfel. Ein Lexikoneintrag, gemeinverständlich– 06 – Arbeit am Schicksal Im Tempel und darum herum: Orakel, Lose, Würfel und andere Überlistungsinstrumente– 07 – Widerspenstige Magd des christlichen Hochgottes Augustin, Boethius, Dante, Petrarca … 1000 Jahre katholische Bezwingung– 08 – Comeback unter Schlagen und Stoßen Unseres eigenen Glückes Schmied? Fortunas unglücklicher Liebhaber Niccolò Machiavelli– 09 – Zahlen oder Glück nach Maß Pascal, Fermat und die verspätete Entdeckung der Wahrscheinlichkeit– 10 – Alles ganz normal. Glück in großen Mengen Sterbetafeln, Renten und die Morgendämmerung der Ordnungsmacht Statistik– 11 – Auf dem Hochseil von Gesundheit und Verbrechen Ein Hohn auf unsere Intuition: Überraschungen mit bedingter Wahrscheinlichkeit– 12 – Glück ist alles, nicht weniger Größenordnungen und die unendliche Unwahrscheinlichkeit von allem– 13 – Fortuna, Uhrmacherin und Maschinistin Descartes, Laplace und die Wiege des neuzeitlichen Determinismus– 14 – Schmetterlingseffekt Genauigkeit und Ungenauigkeit der Welt– 15 – Die Zahl π und ihre poetischen Qualitäten Genauigkeit und Ungenauigkeit der Welt– 16 – Unser freier Wille ist kein Zufall Vom alten Rätsel, ob Menschen überhaupt handeln können oder nicht– 17 – Ohne Zufall keine rationale Entscheidung Spieltheorie oder wie die menschliche Intelligenz ihre Grenzen sprengt– 18 – Diese skandalöse Fiktion Vom mehr und weniger fröhlichen Einzug des Zufalls in die Literatur– 19 – Innovative Absicht ist nicht alles Der Zufall im Werkzeugkasten der Künste– 20 – Heureka! Der Zufall bringt Neues! Fortuna als Schutzherrin der Kreativitätsforschung– Anhang – Konsultierte QuellenBuchAutorImpressum[Menü]
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New York, April 1923. – Harold (er trägt im Film den gleichen Namen wie im bürgerlichen Leben) hat Schulden, was ihn nicht davon abhält, seiner Braut mit unbezahlten Geschenken zuzusetzen. Er ist Verkäufer beim De Vore Department Store und schnappt im Büro des General Managers auf, daß dieser einen Preis von 1000 Dollar aussetzt für jeden, der das öffentliche Interesse auf das Geschäft zu lenken versteht. Also wendet sich Harold an Limpy Bill, einen Bauarbeiter, mit dem er Zimmer und Miete teilt. Dieser soll die Fassade des zwölfstöckigen Gebäudes von De Vore erklettern, wofür er ihm 500 Dollar offeriert. Doch am Tatort des in der Zeitung annoncierten Stunts wartet auf Bill ein Polizist, der mit ihm eine Rechnung zu begleichen hat. Bill, der den Cop im Inneren des Gebäudes abzuschütteln hofft, bringt Harold dazu, an seiner Stelle die ersten zwei Geschosse in Angriff zu nehmen, wonach er ihn durchs Fenster abzulösen verspricht. Und während der Polizist Bill drinnen von Etage zu Etage höher hetzt, bleibt Harold nichts, als selber weiterzuklettern. Der Kletternovize bringt mehr Spannung ins Geschehen, als je ein Stuntman das vermöchte, bis ihn zu guter Letzt – nach unvergeßlichen Kämpfen ganz oben mit der großen Wanduhr und mit deren schrecklichen Zeigern – auf dem Dach die Küsse seiner Braut Mildred belohnen.
Der Film von und mit Harold Lloyd (1893–1971) wird 1962 am Festival von Cannes neu lanciert, wo er bei einer neuen Generation von Cineasten bleibende Eindrücke hinterläßt. Der Slapstick ist das Medium des Zufalls und seiner fiktiven Bändigung. Die im Film unausweichliche Erlösung bringt ebenso unfehlbar seine wahre, undomestizierbare Natur ans Licht. Ein Höhepunkt der künstlerischen Moderne.
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Initia in potestate nostra, de eventu fortuna iudicat – Der Beginn liegt in unserer Hand, über den Ausgang entscheidet Fortuna.
Seneca
Noch heute schaudert mich bei dem Gedanken, ich hätte den Vertrag für den Kauf eines Hauses, der vor sieben Jahren auf meinem Schreibtisch lag, unterschreiben können, wie mit dem Agenten vereinbart. Doch bevor es dazu kam, hatte der Verkäufer sich völlig unerwartet in Luft aufgelöst und uns tiefbetrübt sitzenlassen. Ein Jahr lang war ich wöchentlich ein- bis zweimal ausgerückt und hatte um die siebzig Liegenschaften angeschaut. Irgendwann war klar: Das mußte ein Ende finden, bei solch ausgedehnten Suchaktionen spürt man den Druck wachsen, ein ganzes explosives Gemisch davon, bis man das Glück zwingen zu müssen meint. Geduld kann außer Rosen auch Kurzschlüsse bringen, hie und da sogar noch vorher. Wehe, wenn da nicht von außen eine wohltätige Hand dazwischenfährt und einen, bis die Gefahr vorüber ist, außer Gefecht setzt.
Vorerst hatten wir also Pech gehabt, und es dauerte nochmals einige Monate, bis uns dämmerte, welch unverdientes Riesenglück uns gerettet hatte. Sonst säßen wir jetzt in einem südarabischen Palast am Waldrand in Kyuna, mit 200 Quadratmetern schönster Dachterrasse über zwei Etagen mit ungefähr zwanzig Zimmern, verteilt auf lediglich zwei Haushaltungen, wovon die kleinere mit fünf Zimmern vermutlich für das Personal gedacht gewesen wäre. Wer in Kyuna kein Privatverkehrsmittel zur Hand hat, geht, auch bei strömendem Regen, zwanzig Minuten zur nächsten Haltestelle der von Kleingewerblern betriebenen Minibusse, welche alle Wohnviertel Nairobis mit der Innenstadt verbinden. An der jetzigen Wohnlage sind es gut zehn Gehminuten bis zu den Department Stores von Westlands mit zwei Postämtern, sämtlichen in Kenia niedergelassenen Banken, ungezählten Fachgeschäften, Speiserestaurants und Nachtlokalen. Hatte ich nicht jahrelang von einem Fußgängerdasein in Nairobi geschwafelt, dem wir nun so nahe wie irgend möglich gekommen sind? Aber das ist noch gar nichts! Auf unserem Compound an der Mvuli Road, einem veritablen Dorf, in dem sich zu Spitzenzeiten dreißig bis vierzig Leute aufhalten, stehen unsere drei geliebten und in der Tat unschätzbaren Häuser. In dem einen zahlt die Redaktion eines kommerziellen Radiosenders, dessen Betreiber in derselben Straße wohnt, eine nicht unerkleckliche Miete, in dem zweiten unterhalten wir ein Guesthouse für vier Partien, schön möbliert und mit täglichem Service von unserem vierköpfigen Personal, das man in Nairobi ohnehin braucht, und im dritten wohnen und arbeiten wir selber.
Dieses eine Mal sind wir exakt zum Ziel gelangt, und was dabei als erstes vonnöten war, war nicht etwa Glück, sondern – ganz im Gegenteil – Pech. Weh dem, der vom Jackpot einen Tag zu früh erwischt wird. Diese Einsicht hatte länger auf sich warten lassen und hätte sich ohne diese jüngste, einprägsame Erfahrung vielleicht niemals in gleicher Prägnanz eingestellt. Was wäre aus mir geworden, wenn mir 1986 jene humanitäre Genfer Organisation eine Stelle angeboten hätte, statt mir zu erklären, man übe doch Zurückhaltung, wenn es darum gehe, einem angehenden Schriftsteller wie mir – mein erstes Buch war vom Verlag angekündigt – ein Überseestipendium anzutragen? Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht fünfzehn Jahre davor auf der Aroser Schipiste K. J. aus Köln kennengelernt und in direkter Folge dieser Begegnung nicht Philosophie, sondern, wie bis dahin fest geplant, theoretische Physik studiert hätte? Oder am Ende gar, wenn F. M., die ich in den folgenden zehn Jahren mit eiserner Beharrlichkeit und ebensolcher Vergeblichkeit umwarb, mich am Ende doch geehelicht hätte? Ich hätte, muß ich doch annehmen, meine wunderbare Ehefrau niemals kennengelernt und bekäme morgens am Bett nicht Besuch von unserem vierjährigen Christian.
Bereiten wir nicht alle endlich dem Zufall und seiner unvergleichlichen Mildtätigkeit ein kleines Dankesfest?! Und vergessen dabei keinesfalls das Lob des Pechs, mit dem wir hie und da mehr Glück haben als mit dem Glück, das gut und gern an der Spitze einer Pechlawine daherkommen kann. Ist es nicht erschreckend genug, daß wir Glück und Pech auf Anhieb nicht klar auseinanderzuhalten vermögen? Wenn das alles wäre! Aber das eine wird nicht nur unversehens vom anderen abgelöst, sondern auf einen Schlag entpuppt es sich höchstselbst als sein krassestes Gegenteil!
Mit meinem weiteren beruflichen Werdegang will ich Sie verschonen, denn worauf es mir hier ankommt, dürfte bereits hinlänglich klargeworden sein. Was Job, Ehefrau, Haus und andere wirklich wichtige Dinge angeht: Nicht was wir leisten und erreichen bestimmt unsere Karriere und macht unser Glück, sondern was uns – rechtens oder perfiderweise und dennoch so oft zu unserem guten Glück – vorenthalten wird.
Was wir einmal haben, und dies zu allem hin auch noch auf Nummer sicher, legt uns fest, und zwar nur allzu leicht auf alle Zeiten. Davon nochmals loszukommen ist im Großen kaum leichter als im Kleinen, wo noch keine Kostenfragen von Bedeutung ins Spiel kommen. Wie viele Menschen, dies nur als ein Beispiel, sitzen vierzig Jahre lang im Eigenheim auf derselben Klosettschüssel, die durch irgendeine Unzuträglichkeit tagtäglich an ihren Nerven zerrt und auf ihre Laune schlägt, die sie sich aber dennoch niemals auszuwechseln aufraffen, obschon sie sie jederzeit zum Bauschutt befördern und selbst nach einigen Jahrzehnten noch durch das kleine, aber ausdauernd ersessene Lebensträumchen einer gefälligeren Schüssel ersetzen dürften! Funktionieren wir nicht in ungezählten Fragen alle ein bißchen so? Es dauert gewöhnlich nicht sehr lange, und entweder sind unsere Umstände uns oder wir diesen unzertrennlich angewachsen.
Solange wir dagegen etwas noch nicht haben, stehen wir im Genuß des unschätzbaren Privilegs, uns danach umschauen und auf bessere Tage hoffen zu dürfen. Bei dem angeschnittenen Kapitel erliegt eine angeregte Phantasie leicht dem übermächtigen Hang, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Doch begnügen wir uns an dieser Stelle festzuhalten: Wir alle brauchen Glück, soviel ist sicher, aber noch wichtiger ist das dazu unentbehrliche Maß an Pech. Das Pech allein kann dem Glück den Weg bereiten. Und zum eigenen Pech, das sollten wir nicht übersehen, muß fremdes hinzukommen. Denn wäre jener allzu leichtsinnige Verkehrsteilnehmer nicht schon zwei Kilometer eher von seinem Malheur ereilt worden, hätten unversehens wir uns darin verwickelt gefunden.
So lauern uns die ganze Zeit und allerorten Myriaden verhängnisvollster und schicksalhafter, jedenfalls gefährlichster Verstrickungen auf. Jeder einzelne Tag hat es in sich, und jede unserer unzählbaren ganz zufälligen Begegnungen, ob unwahrscheinlich oder womöglich gar nicht so sehr, kann unabsehbare Rattenschwänze weiterer erfreulicher oder unliebsamer Überraschungen nach sich ziehen und mit alttestamentarischer Unerbittlichkeit unsere Nachkommen schlagen, bis ins siebte Glied. Wäre, der Satz stammt vom großen Pascal, die Nase der Kleopatra eine Spur kürzer gewesen, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Wäre das Glück oder Pech gewesen?
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Ob es den Zufall gibt und, wenn ja, was er ist, diese Frage heben wir uns noch einen Augenblick auf. Auch ohne Antwort darauf können wir bereits festhalten, daß wir Glück und Pech im Einzelfall weder auseinanderzuhalten vermögen, noch den Zufall im konkreten Auftritt von seinem Gegenteil unterscheiden können. Das kommt daher, daß wir selber ihn nicht willentlich hervorzubringen verstehen. Psychologen, die in ihrer Wissenschaft etwas Mathematik nicht scheuen, haben es experimentell bewiesen.
Zu diesem Zweck haben sie Versuchspersonen in der Imagination dreißig Mal eine Münze werfen und jedesmal notieren lassen, ob sie mit Kopf oder Zahl nach oben zu liegen kommt. Die Reihen, die so entstehen, können von einem Mathematiker mit unzufällig hoher Wahrscheinlichkeit von Reihen unterschieden werden, die entstehen, wenn dieselben Versuchspersonen die Münze tatsächlich dreißig Mal werfen. Der Zufall produziert andere und häufigere Unregelmäßigkeiten als wir bei unseren Imitationsversuchen, erlaubt sich einen deutlich wilderen Zickzackverlauf und unverschämtere Streuungen, als unsere Imagination ihm zutrauen mag. Daran liegt es, daß wir zumindest in gewissem Grad berechenbar bleiben, noch beim besten Willen, unberechenbar zu sein, Zufall zu produzieren. Deshalb gibt es bessere und schlechtere Knobler (das Beispiel Poker wäre bereits ein wenig hoch gegriffen), deshalb wären wir auf einen Würfel oder anderen Zufallsgenerator angewiesen, um uns mit unseren drei Streichhölzern optimal zu verhalten und dem instinktsicheren Kontrahenten gegenüber keine Blöße der Berechenbarkeit zu geben. Alles an uns scheint wenn nicht direktenwegs auf Regelmäßigkeit, so doch auf ein gewisses Mindestmaß davon angelegt zu sein. Der Zufall dagegen – in seinen Launen, Sprüngen, Strähnen – kommt uns unglaubwürdig, ja eben unzufällig vor.
Das ist ein Element unserer menschlichen Irrationalität, von dem uns kein Maß an menschlicher Vernunft ganz kurieren kann. Es hat damit zu tun, daß das Vertrauen auf ein physikalisch geordnetes Universum, worin sich alles nach unveränderlichen Regeln abspielt, uns einen Kraftakt abverlangt, dem nur ein fast übermenschlicher und jedenfalls nicht auf vernünftige Abwägung allein gegründeter Glaube gewachsen ist. Das Hemmnis dabei ist nicht in erster Linie ein abstrakter Verdacht, daß der kausale Determinismus der neuzeitlichen Naturwissenschaften, von dem noch die Rede sein wird, sich um keinen Preis mit unserem gesunden Menschenverstand in Einklang bringen läßt. Mehr als die zahllosen feinen Risse in der gewiß nicht immer regelkonformen Schöpfung bestürzen uns die Volten und Pirouetten, alle die Taschenspielertricks und guten und bösen Mirakel, mit denen sie tagtäglich unseren armen Verstand malträtiert. Schlußendlich kann da nichts mehr Zufall sein, bei weitem wäre der zu arglos! Bereits das Wort ist viel zu unschuldig. Außerdem müßte uns der nackte Zufall mit seinem letzten Wort mehr verstören und beängstigen als all die denkwürdigen Nymphen, Elfen und Feen, die sich mit den hinter jeder Ecke lauernden Gnomen und Kobolden balgen, ein ganzer natürlich-übernatürlicher Zoo böser und guter Dämonen, seien es römische Parzen oder nordische Nornen, nicht zu vergessen alle die Schutzengel sonder Zahl – und dies mit um so größerer Gewißheit, als wir nichts von ihnen sehen.
Schon für Darwin »ist nicht schwer zu begreifen«, wie unser Glaube »an unsichtbare oder geistige Kräfte«, den er für allgemein verbreitet hält, »entstanden ist. Sobald die bedeutungsvollen Fähigkeiten der Phantasie, Verwunderung und Neugierde, in Verbindung mit einiger Urteilsfähigkeit, teilweise entwickelt waren, wird der Mensch ganz von selbst versucht haben, das, was um ihn her vorgeht, zu verstehen …« Bald entsteht, so merkt der amerikanische Philosoph und Evolutionist Daniel C. Dennett dazu an, »eine gewaltige Überpopulation an Akteursvorstellungen, von denen die meisten zu albern sind, um unsere Aufmerksamkeit auch nur einen Augenblick zu fesseln«. Dennetts Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen ist ein ungemein spannendes Buch. Aber, so darin weiter, einige »gut konzipierte Ideen überstehen den Aufführungswettbewerb, wobei sie mutieren und [23]ständig besser werden. Die geteilten und erinnerten Vorstellungen sind die aufgemotzten Sieger aus Milliarden von Wettbewerben um Aufführungszeit in den Gehirnen unserer Vorfahren.« Unser unwiderstehlicher Hang zur »Zuschreibung von Intentionen auf sich bewegende Dinge in der Umwelt nennt man Animismus, was buchstäblich heißt, daß diesen Dingen eine Seele (lateinisch anima) gegeben wird. Bei Leuten, die liebevoll auf ihr störrisches Auto einsprechen oder ihren Computer verfluchen, sind noch fossile Spuren von Animismus zu erkennen.« Verwandte Züge ließen sich bei Vertretern der global grassierenden politischen Verschwörungstheorien jeglicher Couleur feststellen.
Wir dürften sie nicht allzu leicht loswerden, diese Überpopulation mehr oder minder sichtbarer, mehr oder minder natürlicher Akteure; und ebensowenig unseren Hang, sie im Zweifelsfall zu vermehren. Wie Evolutionisten annehmen, hat die Evolution uns nämlich mit einem HADD ausgestattet, einem hyperactive agent detection device oder, auf deutsch, einem hyperaktiven Akteurerkennungsapparat. Dieser dient der Entdeckung von beweglichen und aktiven Wesen in unserer Umgebung: von Beutetieren, Paarungspartnern, Räubern und tödlichen Bedrohungen, und dieser Apparat schießt dabei wohlweislich übers Ziel hinaus. »Wenn Ihr Hund aufspringt und knurrt«, so Dennett zum HADD, »weil eine Ladung Schnee von Ihrem Dachsims geplumpst ist und ihn aus seinem Nickerchen geweckt hat, dann offenbart er damit eine ›falsch positive‹ Orientierungsreaktion, die von seinem HADD ausgelöst wurde.« Dieser und seine Neigung, zuviel des Guten wie des Schlechten zu vermelden, ist keine Exklusivität des Menschen. Aber auch für uns ist es gemäß den Gesetzen der natürlichen Selektion im Zweifelsfall besser, da weniger gefährlich, hinter einem Geschehen einen Akteur zu entdecken, wo in Wahrheit gar keiner ist, als keinen zu entdecken, wo hingegen tatsächlich einer auf der Lauer liegt und uns ahnungslos erwischt. (So viel Selbsterhaltungslogik und daher mildernde Umstände stecken auch im gesunden Kern der Mimosen unter uns, und wenn bekanntlich sogar eine ausgewachsene Paranoia keine letzte Gewähr dafür bietet, daß in Ihrem Garten niemals eine Giftschlange aufkreuzen wird, so kann der Wahn doch wenigstens helfen, Sie wach zu halten, nicht wahr. Für die Frage, wieviel unser HADD zu unserem Wohlbefinden beiträgt und wann und wo er abträglich wird, hängt freilich einiges vom Grad seiner Hyperaktivität ab.)
Die Niedertracht der Geschicke erheischt also eine böse Absicht, und dies nicht nur, damit wir sie recht als solche würdigen können. Die zuschreibbare Urheberschaft hilft uns überdies, das Unglück leichter zu ertragen, als wenn es gänzlich sinnlos aus dem Nichts zuschlägt. Aber nicht weniger unerwartet, wenn denn einmal alles gutgeht, ja verbotenes Schwein im Spiel ist, stellt die gute Fee ihre selige Anmut unter Beweis, und obschon ihre Bezeichnung etymologisch mit fatum (Plural fata), dem lateinischen Schicksal, zusammenhängt, führt sie uns, in ihrem leichtbeschwingten Gedicht recht eigentlich das Gegenteil von Fatalismus verkörpernd, über die Abgründe menschlicher Schicksalsfragen hinweg desto direkter ins Wunderland. Aber aller Unglaublichkeit zum Trotz, oder vielmehr gerade ihrethalben, kann ohne Zweifel, nicht anders als im innersten Höllenkreis, auch da nur alles Schicksal sein! Und das steht irgendwo, auf einem von Sterblichen nicht abrufbaren File, niedergeschrieben. Wie denn auch anders!
»Wir sehen«, schrieb schon David Hume, der große englische Philosoph des 18. Jahrhunderts, »menschliche Gesichter im Mond, Armeen in den Wolken und schreiben aufgrund eines natürlichen Hanges, sofern er nicht durch Erfahrung und Nachdenken korrigiert wird, einem jeden Ding, das uns verletzt oder gefällt, Böswilligkeit oder einen guten Willen zu.« Daher muß es kommen, daß nicht nur die Esoterikabteilung im Buchhandel floriert, sondern, wie wir alle Jahre wieder irgendwo lesen können, drei Viertel der erwachsenen italienischen Bevölkerung den Mago aufsuchen oder daß der Präsidentschaftskandidat John McCain, wie Vertraute wissen, sich mit Hosentaschen voller Steine, Federn, Kaninchenfüße und anderer Accessoires auf Wahlkampftournee begibt.
Der Zufall mag uns – das braucht uns gar nicht aufzufallen – immer wieder vor einigem nicht ungefährlichen Unsinn bewahren, denn nicht in jedem Fall hätten wir von seinem Gegenteil ein besseres Los für uns zu erwarten. Aber trotzdem macht er keinen Sinn! Haben wir nicht dennoch allem Geschehen einen Sinn abzutrotzen? »Der Zufall ist die gottlose Figur der Notwendigkeit«, sagte Walter Benjamin. Nein, den Zufall gibt es nicht, an den Zufall mögen andere glauben – wir höchstens wieder, wenn erst der Enthusiasmus oder die Verzweiflung einer gewissen Ruhe Platz gemacht hat. Bis dahin brauchen wir Gestalten wie Fortuna. Seien wir versichert: Aus dem Götterrummel der alten Welt ist sie die einzige, die in unverminderter Frische unter uns weilt. Mars, Jupiter, Saturn können wir nur noch am Gestirn begrüßen, Venus allenfalls auch noch in der dermatologischen Polyklinik (wo uns die venerischen Krankheiten hinführen); Fortuna dagegen auf jeder Versicherungsagentur.
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Unser erstes Stelldichein mit der göttlichen Dame Fortuna liegt bereits hinter uns. Und dem ersten Anflug von Neugierde konnten wir uns hingeben, ohne dafür einem Kasino unseren Besuch abzustatten. Dürfen wir dies bei Gelegenheit trotzdem nicht versäumen, liegt es nicht daran, daß das Fortunas bevorzugter Aufenthaltsort wäre – es muß andere Gründe haben. Daß in den letzten zwanzig Jahren Kasinos weltweit starken Zulauf hatten, ist ein ganz nebensächlicher Aspekt, trotz des beträchtlichen wirtschaftlichen Volumens dieses Geschäfts. Allein der globale Umsatz mit Glücksspielen im Internet wird derzeit auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. In den USA ist das Glücksspiel spätestens seit den frühen neunziger Jahren die rasanteste Wachstumsbranche, die mit mittlerweile über 60 Milliarden Dollar Jahresumsatz mehr Kunden anlockt als Kinos oder Baseball-Stadien. In Deutschland brachte die Branche dem Fiskus 2004 mit rund 4 Milliarden Euro eine Milliarde mehr als der Alkoholkonsum. Und in der Schweiz, wo wir bis zu diesem neuen Jahrhundert, bis 2002, auf einen richtigen Spieltisch warten mußten, bezifferte die Eidgenössische Spielbankenkommission in einer Studie vom November 2004 die wachsende Menge der Spielsuchtfälle pro Kopf der Bevölkerung mit mindestens der doppelten Zahl, als amtliche Schätzungen für Deutschland ergeben haben. Die allzu lange währende erzwungene Enthaltsamkeit scheint sich zu rächen.
Doch makroökonomisch fällt das Glücksspiel kaum ins Gewicht, und zudem wahrt das Kasino in gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen hierzulande seine Unschuld. Im Falle der Schweiz übertrifft der Gesamtnutzen die Gesamtkosten um einen Faktor in der Höhe von sieben – und relativiert damit auch die berechtigten Bedenken, was die Quantifizierbarkeit der sozialen Folgekosten angeht. Also wenigstens uns abstinenten Zuschauern braucht Fortuna am Roulettetisch keine allzu großen Sorgen zu bereiten.
Doch mit Blick auf alle übrigen Lebensbereiche läßt sich Gleiches keineswegs behaupten. Bekanntlich entscheidet über unsere Lebensqualität nicht das absolute Niveau unseres materiellen Wohlstandes, an dem gemessen die Mittelschichten selbst in der krisengebeutelten Weltwirtschaft sich glücklicher fühlen müßten als die Oberschichten zu Zeiten der Großeltern. Auch nachbarschaftliche Vergleiche, Neid und Eifersucht angesichts der nur allzu sichtbaren Wohlstandsgefälle sind nicht die größte Gefahr für soziale Zufriedenheit und gute Stimmung. Als ob es ihn noch bräuchte, wird von einschlägigen Wissenschaftszweigen stets aufs neue der Beweis erbracht, daß für unser Wohlergehen und Glücklichsein kein anderer Faktor vergleichbar ins Gewicht fällt wie das Maß der Ungewißheit und Unsicherheit, der wir ausgesetzt sind. Die vergangenen Jahre haben uns allen diesen Befund wieder einmal näherbringen können.
In der »New York Times« vom 20. Mai 2009 macht Daniel Gilbert, ein in Harvard lehrender Psychologe, auf höchst bezeichnende und nicht weniger anschauliche Testergebnisse aufmerksam. Die Mitglieder einer von zwei Testgruppen erhalten 20 mittelstarke Elektroschocks, die Mitglieder der anderen Gruppe erhalten 17 leichte und 3 mittelstarke. Diese letzteren geben nicht nur größere Angst zu erkennen, sondern zeigen auch die stärkeren physischen Streßsymptome, schwitzen intensiver, haben einen schnelleren Herzrhythmus. Auf deutsch gesagt, erleiden sie unter der Behandlung die größeren körperlichen Qualen als die, welche die stärkeren Stromstöße empfangen, darum jedoch im voraus wissen. Gilbert führt aus Echtsituationen im Alltagsbetrieb der Krankenhäuser weitere Beispiele an, die zeigen, daß Menschen sich auf eine einwandfrei diagnostizierte ernstere Situation vergleichsweise leichter einzustellen vermögen, wogegen Ungewißheit nicht nur psychisch, sondern auch physisch mit der stärkeren Belastung verbunden ist.
Damit sind wir wiederum mitten im Reich Fortunas angelangt, der Göttin sämtlicher Konfessionen, welche, falls wir ihre Freundschaft nicht erlangen können, leicht zu unserer schrecklichsten Feindin wird. An einem Bündner Stammtisch erinnerte ein ehemaliger Klassenkamerad kürzlich wieder einmal daran, daß die Schweizer Bevölkerung, mit entsprechenden Fragen zur Urne gerufen, zehnmal lieber auf die bewaffnete Landesverteidigung verzichten würde als auf die Versicherungen – oder auf die Spritze beim Zahnarzt, wie man mit Stanislaw Lem versuchsweise anfügen darf. Doch auch mit dem beredten Beispiel des Versicherungswesens sind wir noch nicht bei der Gesamtwirtschaft angelangt. Über diese hat uns die jüngste Vergangenheit mit erschreckender Klarheit deutlich gemacht, in welch höchst ungemütlichem Grad sie dem Diktat der Finanzmärkte unterliegt. Falls es auf deren Terrain überhaupt eine Wissenschaft gibt, die diesen Namen verdient, heißt ihre Königsdisziplin Risikomanagement.
Wie Peter L. Bernstein in seinem wunderbaren Buch Against the Gods (deutsch Wider die Götter) schon 1996 festhält: »Um ermessen zu können, bis zu welchem Grade die heutigen Methoden des Risikomanagements Segen oder Fluch bedeuten, müssen wir die Geschichte ihrer Entwicklung kennen. Wir müssen verstehen, warum die Menschen vergangener Epochen versucht – oder auch nicht versucht – haben, das Risiko zu bannen, wie sie dieses Ziel angegangen sind, welche Denk- und Sprachmodi auf ihre Erfahrungen zurückgehen und zu welchen kulturellen Veränderungen ihre Bemühungen im Zusammenspiel mit anderen historischen Entwicklungen beigetragen haben. Eine solche Betrachtungsweise wird uns tiefere Einsichten vermitteln in der Frage, wo wir heute stehen und wo unser Weg uns hinführen könnte.« Und in der Frage, wer wir sind.
[32]So muß auch dieser Steckbrief einer unberechenbaren Göttin auf ihren Lebenslauf zurückgreifen. Geschichten und Geschichte zu erzählen ist ein Vergnügen. Nicht aus volksgesundheitlicher Besorgnis werden wir zu gegebener Zeit an den Roulettetisch zurückkehren, sondern weil Spielen, wie Novalis sagte, »Experimentieren mit dem Zufall« ist. Das Glücksspiel hat einst den Anstoß zur Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung gegeben. »Es ist bemerkenswert, daß eine Wissenschaft, die mit der Betrachtung von Glücksspielen begann, der wichtigste Gegenstand des menschlichen Wissens werden sollte«, konstatierte Pierre-Simon Laplace (1749–1827), einer der bedeutendsten Köpfe in der Geschichte dieser modernen Disziplin. »Die wichtigsten Fragen des Lebens«, so fügte er an, »sind in der Tat vorwiegend Probleme der Wahrscheinlichkeit.« Dabei drängt sich allerdings bereits die Vermutung auf, daß im weiteren das Thema Fortuna weniger eines von Damenmode, Geldspielautomaten und anderen Glücksrädern sein wird. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und worin überhaupt ihre Berechenbarkeit gründen soll. Hierin und nur darin wird uns das Kasino seine Lehre erteilen können, wobei wir uns freilich auf diese noch einige Augenblicke zu gedulden haben werden.
Eines wissen wir schon: Wir alle brauchen Glück – und Pech. Gerne aber wüßten wir ein wenig mehr über die Herkunft von beidem. Wie es bereits der erste Satz der Metaphysik des Aristoteles sagt: »Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.« Und wäre es nicht die Natur, so wären es doch die Umstände. In jedem Fall ist das ein menschenfreundlicher und optimistischer Anfang. Der maliziösere Volksmund hält dem entgegen: Viele täten es leider nicht oder nur unter Zwang. Ist es das Glück nicht, was uns nach Wissen zu streben zwingt, dann hat das Pech in dieser Hinsicht fraglos größere Macht – nicht nur auf den Finanzmärkten. »Das Glück nimmt den Verstand, das Unglück bringt ihn wieder«, geht ein altes Sprichwort. Beidem derweil sind wir ausgesetzt wie eine Schaluppe den Klippen und den Launen des Meers, dieses unerhörten, gräßlichen Dings.
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Nichts anderes als das Meer selber ist die fors, die uns trägt, buchstäblich, denn fors – der Wortstamm im Namen unserer Göttin Fortuna – kommt von fero: »tragen«, »dahintragen«. Das Meer ist nicht nur der nautisch versierten Dame angeborenes Element, sie bleibt zwei Jahrtausende lang ganz auf dem Meer zu Hause. Noch für Shakespeare ist das eine Selbstverständlichkeit, die nicht eigens Erwähnung erheischt – so selbstverständlich, daß im Kaufmann von Venedig das Meer und Fortuna in manchem ihrer mehr und minder maskierten Auftritte ein und dasselbe sind.
1687, knapp hundert Jahre nach Shylocks wohlverdienten und dennoch haarsträubenden Mißgeschicken in der ruhmreichen Lagunenstadt, wird Edward Lloyd an der Tower Street nahe dem Londoner Themse-Ufer sein Kaffeehaus eröffnen. Aus dem äußerst lebhaften Informationsaustausch der darin verkehrenden Seeleute entwickelt sich alsbald eine Risikobörse, aus der die für über zweihundert Jahre berühmteste Versicherungsgesellschaft der Welt hervorgehen wird. Makler verhökern im Auftrag der Reeder, deren Hochseeflotten bald schon rund um die Welt unterwegs sind, die Risiken an kommerzielle Risikoträger, die dafür ihre Prämien kassieren. Der Wert der Ladungen ist leicht in Zahlen erfaßt. In sich dagegen haben es die arithmetischen Probleme, mit welchen die Bösartigkeiten der nassen und bewegten Elemente aufwarten.
Die Quantifizierung von Risiko wird in der Folge Wissenschaftszweige jeder erdenklichen Provenienz auf den Plan rufen: Mathematik und Statistik, Mikro- und Makrophysik, Ökonomie, falls es sich hierbei um nur eine und nicht um eine unüberschaubare Vielzahl von Wissenschaften handelt, die Psychologie seit ihrer ersten Stunde, natürlich auch die Wissenschaft der Geschichte, die sich nebst vielem anderem auch mit den übrigen Wissenschaften und deren Geschichte herumschlägt. Hinzu gekommen sind mathematische und philosophische Spezialdisziplinen wie die allgemeine Systemtheorie und als einer ihrer Zweige die Chaostheorie, an prominenter Stelle auch etwa die Spieltheorie, ihrerseits alles andere als eine Spielerei, sondern tiefer Ernst. Von einer besonderen und ganz anders abzielenden Risikofreude lassen sich, in jüngerer Zeit wenigstens, immer wieder auch die Künste hinreißen, sowohl Literatur wie Malerei, bildende Kunst und Musik. Im Gegensatz zu den Wissenschaften, die alle der Welt die sie kennzeichnenden Ungewißheiten und Unsicherheiten nach Kräften auszutreiben bestrebt sind, setzen die Künste der Moderne bald einmal alles daran, deren Wirkungen auf das Höchste zu steigern.
Den Griechen Odysseus, der außer nautischer Brillanz und der ihn auszeichnenden Unerschrockenheit auch noch eine gehörige Portion Seemannsglück braucht, um zwischen den Ungeheuern Scylla und Charybdis den rettungsbringenden Kurs zu halten, trägt noch keine fors oder Fortuna, mit der später Cäsar und andere Römer über ihr Heil feilschen werden. Bei den Griechen heißt die schicksalsschwangere Dame Tyche und ist von weniger zweideutigem Profil als die römische Brünette, die mit ihrem Füllhorn auf einer rollenden Kugel dahergeprescht kommt, einem von einer gewissen Nonchalance zeugenden Mittel der Fortbewegung, das im Stillstand selbst einer Göttin nur unsicheres Balancieren gestattet. Wir werden zurückkommen auf die äußere Gestalt und den Aufzug der frühen Kosmopolitin, die sich in ihren ersten Auftritten jedenfalls nicht als Lichtgestalt unter die Sterblichen mischt. Homer scheint sie noch nicht zu kennen, Prominenz erlangt sie erst im 5. Jahrhundert v. Chr. in den Oden des Pindar und dann vor allem auf der Bühne, bei Euripides. Der erste Götterstammbaum, die Theogonie des Hesiod, führt sie als eine der frühesten und wenigen beim Namen genannten unter den über dreitausend Töchtern des Okeanos mit seiner »wirbelnden Tiefe«, der seinerseits Gaia, der Erde, entstammt – sie, Gaia, aber der Nacht und mit dieser, wie das ganze alte Göttergeschlecht, wie selbst »der leuchtende Tag«, dem Chaos und der Finsternis.
Allerdings haben wir schon mit Tyche und ihrem Namen ein minengespicktes Wortfeld betreten. Da »trägt« nichts. Gewiß, noch das lateinische fero kann nebst »tragen« auch »mitnehmen« oder »davontragen«, ja »hinwegraffen« bedeuten, »tragen«, wie halt eben nur das Meer so trägt, zudem »bringen«, »mit sich bringen«, was das Schicksal, fatum, »mit sich bringt«. Unter fors lautet der Eintrag im Taschenwörterbuch »blinder Zufall«, »das Ungefähr«, nun schon ganz im Zeichen der Göttin, die prompt in der nachfolgenden Zeile auftritt: fors fortuna –
