Fossile Strategien - Anja Baisch - E-Book

Fossile Strategien E-Book

Anja Baisch

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Beschreibung

DEMOKRATISCHER UND GERECHTER KLIMASCHUTZ? Ökologisch ist die Sache einfach: Nichts kann das Klima schneller entlasten als ein schneller und hundertprozentiger Wechsel zu erneuerbaren Energien. Doch die Energiewende ist schwer umkämpft. Denn es geht um viel mehr als nur um Emissionen. Die Politologin und Volkswirtin Anja Baisch holt das Thema aus der ökologischen Ecke und entwirft eine politische Erzählung. Sie skizziert die Strategien der Fossilwirtschaft und analysiert die Energiepolitik der Bundesregierung. Hinter all den PR-Kampagnen und grünen Konzepten verbirgt sich eine Weichenstellung: Führt die Klimapolitik zu einer noch stärkeren Konzentration und Zentralisierung von wirtschaftlicher Macht? Oder kann die Energieversorgung genutzt werden, um die Welt gerechter und friedlicher zu gestalten? Wie funktioniert demokratischer Klimaschutz?

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2021

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ANJA BAISCH

Fossile Strategien

Woran Klimaschutz scheitert

© 2021 Anja Baisch

Herausgeber: klima.radikal

Autor: Anja Baisch

Umschlaggestaltung: Formsport Design-Studio

Lektorat: SKRIPTART

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-37764-6 (Paperback)

978-3-347-37765-3 (Hardcover)

978-3-347-37992-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.klima-radikal.de

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Teil

Die systemische Perspektive

Kapitel 1

Die Verzichtsdebatte - Mensch, ändere dich

Kapitel 2

Erneuerbare Energien - Nur eine Ergänzung?

Kapitel 3

Energiesysteme - Der Schlüssel zum Verständnis

Kapitel 4

Die Energiewende - Geänderte Spielregeln

2. Teil

Die strategische Perspektive

Kapitel 5

Fossile Strategien - Möglichst wenig und weit weg

Kapitel 6

Neue fossile Strategien - Verkäufer und Verwerter

3. Teil

Die zeitgeschichtliche Perspektive

Kapitel 7

Das EEG - Ein grünes Wirtschaftswunder

Kapitel 8

Der Systemwechsel - Fossilwirtschaft unter Druck

Kapitel 9

Phase 1: Diffamierung

Kapitel 10

Phase 2: Monopolisierung

Kapitel 11

Phase 3: Re-Zentralisierung

4. Teil

Der Blick in die Zukunft

Kapitel 12

Die Energiepolitik der Regierung - „Gas ist sexy“

Kapitel 13

Offene oder geschlossene Energiegesellschaften

Kapitel 14

Narrative in der Klimapolitik - Nichts ist auserzählt

Quellen

Einleitung

Es gibt wohl wenige Begriffe, die so starke Assoziationen hervorrufen, wie die Wörter Klimakrise und Klimaschutz. Von Ängsten und Resignation bis zu Abwehr und Überdruss sind alle Reaktionen vertreten. Manche möchten nichts mehr davon hören, während andere das Thema noch viel stärker in die öffentliche Debatte bringen wollen. Es gibt freundliche Einladungen zum Dialog, wütende Proteste sowie Vorschläge von politischen Entscheidungsträgern, strenge Verbote einzusetzen, um die Bevölkerung zu – vermeintlich – klimaschonendem Verhalten zu zwingen. So unterschiedlich diese Positionen sind, lässt sich zumindest eines festhalten: Die Begriffe polarisieren.

Und sie emotionalisieren. Gerade weil dramatische Konsequenzen für die existenziellen Lebensgrundlagen aller im Raum stehen, berühren die Ausdrücke viele auf einer schwer greifbaren Ebene. „Wenn die klimatischen Bedingungen Jahr für Jahr dieselben bleiben, wenn die Jahreszeiten wie erwartet aufeinander folgen, ist Zukunft etwas, das man sich vorstellen und planen kann“, schreiben der Kulturwissenschaftler Nico Stehr und die Politologin Amanda Machin. „Aber dieser selbstverständliche Hintergrund ist dabei, seine Selbstverständlichkeit zu verlieren.“1

Es entsteht ein Bild der Zukunft als schwer vorstellbares und nicht mehr planbares Szenario. Dürren, Überschwemmungen, bislang ungekannte Feuersbrünste und Temperaturrekorde mit allen politischen Folgen: Hungersnöte, Fluchtbewegungen, soziale Spannungen. Der Raum des Möglichen hat sich enorm vergrößert.

Es ist naheliegend, dass eine solche Wahrnehmung zu einer tiefen Verunsicherung führen kann. Der daraus resultierende Stress zeigt sich in der öffentlichen Debatte, die geprägt ist von Schuldvorwürfen und Appellen an die persönliche Verantwortung. Der mentale Druck kann sich auf verschiedene Arten zeigen, zum Beispiel als schlechtes Gewissen, als Resignation oder als Klima-Angst – das Gefühl, auf eine ökologische Katastrophe zuzusteuern und dieser Entwicklung ohnmächtig ausgeliefert zu ein. Insgesamt ist das Thema unangenehm und belastend.

Das macht die Auseinandersetzung nicht einfach. Eine sachliche und konstruktive Herangehensweise ist notwendig. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigt und nach Argumenten sucht, der stößt zunächst auf: Zahlen. Hierin liegt jedoch eine eigene Problematik.

Jahreszahlen, Prozente und Temperaturziele pflastern die öffentliche Debatte. Oft werden die Zahlen in Kombination genannt: Bis zu einem bestimmten Jahr müsse eine definierte Kennziffer realisiert sein. Notwendig sei eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um fünfzig, sechzig oder hundert Prozent bis zum Jahr 2030 oder 2050. Als ambitioniert gilt, wer bei diesem Zahlen-Lotto einen höheren Wert anstrebt. Welche Maßnahmen konkret geplant sind, steht gar nicht im Zentrum der Auseinandersetzung, stattdessen wird die Debatte über Absichtserklärungen geführt. Man müsse geeignete Maßnahmen ergreifen, ansonsten sei „Paris“ nicht mehr zu erreichen. Doch auch das Internationale Klimaschutzabkommen von Paris ist vor allem eine unverbindliche Willensbekundung, sich an bestimmten Ziffern zu orientieren. Insofern ist die Debatte zunächst einmal sehr abstrakt.

Und als wäre das nicht herausfordernd genug, tauchen immer wieder neue Begriffe auf. Sie werden in politischen Kommunikationsagenturen entworfen und klingen ökologisch ambitioniert. So begründen politische Entscheidungsträger ihre Maßnahmen gerne mit Klimaneutralität, doch was genau sich hinter diesem Begriff verbirgt, bleibt häufig unklar – und ändert sich mitunter auch im laufenden Diskurs. Von diesen Wortneuschöpfungen gibt es viele: Energien sind inzwischen CO2-frei oder CO2-arm. Es ist die Rede von sauberen Gaskraftwerken oder sauberem Wasserstoff. Insbesondere zum Thema Wasserstoff öffnet sich eine ganz eigene Welt, mit grünem, blauem, grauem oder violettem Wasserstoff – für den Laien ist das kaum noch zu überblicken.

Man könnte also sagen: Die Debatte ist irrational, kompliziert und ständig im Wandel. Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass viele das Thema lieber den Experten überlassen wollen. Oder nach einfachen Lösungen suchen. Oder gar nichts mehr davon hören wollen.

Das ist deshalb ein Problem, weil das Thema hochpolitisch ist und jeden betrifft. Damit ist nicht nur die ökologische Dimension gemeint, sondern auch die gesellschaftliche Tragweite. Denn Klimaschutz ist nicht einfach ein Thema, das „on top“ noch dazukommt, wie etwa ein CO2-Preis, sondern Klimaschutz ist ein Thema, das sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht. Das liegt daran, dass der Klimaschutz eine fundamentale Säule einer jeden Nation betrifft: ihre Energieversorgung. Es ist die Art und Weise, wie die Menschen sich mit Energie versorgen, die die gesellschaftliche Entwicklung anschiebt, formt und befeuert.

Der Politiker, Soziologe und Energiewende-Pionier Hermann Scheer formulierte: „Die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Menschen sind der Kern gesellschaftlicher Entwicklungen. Der harte Kern der wirtschaftlichen Tätigkeiten wiederum ist der Einsatz verfügbarer Energie. (…) Die Geschichte der Menschheitsentwicklung war nicht zufällig immer eine der jeweiligen Möglichkeiten der Energieversorgung.“2

Eben deshalb sind die Klimaschutzdebatte und mit ihr die Energiedebatte keine rein technischen Fragen. Es geht nicht darum, das optimale Mischungsverhältnis zu finden, in dem fossiler, atomarer oder erneuerbarer Strom durch die Leitungen geschickt wird, sondern hier stehen große, gesellschaftliche Entwürfe zur Debatte. Die Strukturen der Energieversorgung prägen die wesentlichen Bereiche des Zusammenlebens: Wirtschaft, Einkommen, Arbeitsbedingungen, Umweltpolitik, Gesundheit, Bildung und nicht zuletzt die Außenpolitik. Nicht wenige Kriege werden geführt, um Zugang zu fossilen Ressourcen zu erhalten oder zu sichern.

Nun hat sich in den letzten knapp zweihundert Jahren eine Art der Energieerzeugung durchgesetzt, die große ökologische Auswirkungen hat. Sie begann mit der Verbrennung von Kohle und nahm ihren Lauf mit der Verarbeitung von fossilem Gas und Öl. Je mehr Staaten industrielle Produktion entwickelten und je größer die Wachstumssprünge wurden, desto mehr Treibhausgase wurden in die Atmosphäre gestoßen. Die klimatischen Folgen zeigen sich nicht nur in der zunehmenden Erdüberhitzung, sondern auch in steigenden Meeresspiegeln und häufigeren Wetterextremen.

Zugleich – und das ist der unterschätzte Faktor – hat die fossile Energieerzeugung eine gesellschaftliche Transformation ausgelöst und geprägt. Das rasante wirtschaftliche Wachstum der industriellen Revolution wäre ohne die Entdeckung von Kohle, Gas und Öl nicht möglich gewesen. Erst durch das Zusammentreffen von technischen Innovationen und fossiler Energieerzeugung konnte eine solche ökonomische und gesellschaftliche Dynamik entstehen. Der Ökonom Elmar Altvater spricht von der „Trinitarischen Kongruenz von kapitalistischen Formen, fossilen Energieträgern und europäischer Rationalität“,3 um die gegenseitige Bedingtheit dieser Entwicklungen auszudrücken.

Dass die globalen Machtstrukturen heute so zentralisiert, hierarchisch und von großen Konzernen dominiert sind, ist daher nicht nur eine Folge der kapitalistischen Genese, sondern die fossile Energieerzeugung hat bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt. Deshalb ist gerade in einer Zeit der ökonomischen Konzentrationsprozesse der Blick auf die konstituierende Rolle der Energieversorgung wichtig.

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die klimapolitischen Debatten in einem anderen Licht. Denn wer das Energiesystem ändert, rüttelt an der politischen und ökonomischen Gesamtordnung einer Gesellschaft.

Wenn also darüber gestritten wird, welche Rolle Kohle, Gas und Öl bei der Energieerzeugung übernehmen können und sollen, gilt es, die gesellschaftlichen Auswirkungen mitzudenken. Wer hat die Macht- und Verfügungsgewalt in fossilen und atomaren Energiesystemen? Welche Interessensgruppen profitieren von Wasserstoff? Wie ändern sich Besitzverhältnisse infolge der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien?

Das sind Fragen von demokratischer Teilhabe oder zentralisierten Strukturen, von autonomen Gemeinschaften oder Abhängigkeitsverhältnissen, von gerechter Einkommensverteilung oder Kapital- und Machtkonzentration und letztlich auch von Krieg oder Frieden.

Dieses Buch ist der Versuch, eine politische Erzählung zu finden. Wenn man Zukunft gestalten möchte, dann braucht man eine Idee davon, wie es sein könnte. Damit ist eine konkrete Vorstellung gemeint, wie das Leben möglich wäre – im Alltag, im Berufsleben und mit Blick auf den sozialen und politischen Zusammenhalt. Was bedeutet es für eine Gesellschaft und für die einzelnen Individuen, in einer fossilen, solaren oder atomaren Energiewelt zu leben?

Das Buch ist der Auftakt zu einer dreiteiligen Serie, die sich mit diesen Fragen beschäftigt. Es sind politische Bücher, die nicht die technischen Aspekte der Klimakrise fokussieren, sondern ihre gesellschaftlichen Folgen in den Blick nehmen.

Die Titel der Bücher lauten:

Fossile Strategien.

Solare Strategien.

Atomare Strategien.

Im vorliegenden ersten Band geht es um eine Art Bestandsaufnahme, woran Klimaschutz scheitert. Die Analyse setzt bei den Ursachen der Klima-Verschmutzung an und nimmt dabei schnell die Energieerzeugung in den Blick. Hierin liegt der Kern des Klimaschutzes. Ein schneller Wechsel hin zu einem System, in dem hundert Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden, muss daher das klare politische Ziel sein.

Doch um die Energiewende wird seit Jahrzehnten heftig gestritten. Diese Auseinandersetzungen sind nur dann verständlich, wenn man sie nicht nur als eine technische Angelegenheit betrachtet, sondern zugleich ihre gesellschaftspolitische Dimension beleuchtet.

„Einem solchen Austausch (des Energiesystems) stehen vor allem deshalb so große Hindernisse und Widerstände entgegen, weil damit der gesamte Zusammenhang von Energie-, Wirtschafts-, und Gesellschaftssystem herausgefordert wird“,4 formulierte Hermann Scheer.

Aus dieser Weichenstellung ergeben sich weitreichende gesellschaftspolitische Auswirkungen: Führen die energiepolitischen Entscheidungen zu einer weiteren Zentralisierung und Konzentration von wirtschaftlicher Macht? Oder kann die Energieversorgung als Treiber einer Demokratisierung genutzt werden?

Das ist eine Frage, die in der Klimaschutzdebatte kaum thematisiert wird. Pauschale Forderungen nach „mehr erneuerbaren Energien“ oder danach „Ausbauziele zu erhöhen“, blenden diesen ganzen Zusammenhang aus.

Hier liegt der nächste spannende Aspekt: Wie kam es eigentlich dazu, dass die entscheidenden Fragen gar nicht mehr gestellt werden?

In dem zweiten Band zu den „Solaren Strategien“ wird es um die Chancen eines Energiesystemwechsels gehen. Innerhalb der Klimaschutzbewegung, aber auch unter ihren Kritikern, wird die Energiewende sehr unterschiedlich eingeschätzt: Von „völlig überschätzt und irreführend“ bis hin zu „abgehakt und auserzählt.“ Diese Positionen werden vor dem Hintergrund der ökologischen und politischen Potentiale der erneuerbaren Energien näher betrachtet. Auch hier findet sich wieder die Konfliktlinie zwischen zentralistischen und dezentralen politischen Wegen.

Der dritte Band, „Atomare Strategien“, beschäftigt sich mit den aktuellen Entwicklungen rund um die Atomenergie. Es geht darum, wer diese Technik nun forciert und warum – sowie um die Frage, was es mit dem derzeitigen Revival der sogenannten Kernenergie auf sich hat.

Als Ergänzung zu den Büchern gibt es auf dem Blog klimaradikal.de immer wieder Artikel zu aktuellen Entwicklungen rund um Klimaschutz, Energiewende und Demokratie.

Die Veröffentlichungen richten sich an Leserinnen und Leser, die die Klimakrise in ihren ökologischen und politischen Ausmaßen erkennen und deshalb nach demokratischen Lösungswegen suchen. Die Bücher sollen Anregungen bieten, wie möglichst schnell eine Entlastung der Umwelt erreicht werden kann, und genau dadurch eine gesellschaftliche Demokratisierung befeuert werden könnte. Denn hier liegt eine große Chance.

1. Teil

Die systemische Perspektive

Kapitel 1

Die Verzichtsdebatte - Mensch, ändere dich

„Mensch, ändere dich“, lautete die Kampagne von 1995.5 Zwei Figuren – Bille und Henning – sollten die Bürger zu einem klimafreundlicheren Verhalten animieren. Dazu klärten sie auf, welche CO2-Einsparmöglichkeiten es im Alltag gäbe. Und das Tolle daran: Es schone nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel. Die Menschen müssten nur aufgeklärt werden, wie sie es besser machen könnten, so lautete der Subtext der Kampagne. Das erklärte Ziel der Initiative war, die Menschen zu ermutigen, eigene Beiträge für das Klima zu leisten. 2,2 Millionen gab das Umweltministerium damals für Plakate und Anzeigen aus. Es war eine der ersten Amtshandlungen der neuen Umweltministerin Angela Merkel.

Vierundzwanzig Jahre später hat sich an der Einstellung der jetzigen Kanzlerin nichts geändert. „Wir setzen darauf, dass die Menschen wissen, was an Verhaltensänderung in den nächsten Jahren stattfinden muss“, sagte sie im Oktober 2019 bei der Eröffnung der „Klima-Arena“ in Sinsheim (ein Erlebniszentrum, das den Menschen genau das vermitteln soll.6 Ein paar Tage später, beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, setzte sie nach: „Diese Transformation bedeutet im Grunde, die gesamte Art des Wirtschaftens und des Lebens, wie wir es uns im Industriezeitalter angewöhnt haben, in den nächsten 30 Jahren zu verlassen.“7

Auch hier ist die Botschaft deutlich: Gewöhnt euch um! Die Menschen müssen sich endlich ändern! Das mag unbequem sein, und sie habe Verständnis für die ältere Generation, die um die Anerkennung ihrer Lebensleistung bange, und gleichzeitig habe sie Verständnis für die jungen Leute, denen alles zu langsam gehe, aber sie habe als Bundeskanzlerin die Aufgabe, alle mitzunehmen. Anfang 2020 erklärte sie, die Menschen müssten bereit sein für diese Veränderungen.8

Ob der Kampf gegen die Erdüberhitzung gelingen wird, hängt demnach von „den Menschen“ ab. Ob sie gründlich aufgeklärt sind, ob sie zu Einschränkungen bereit sind, ob sie ihr Verhalten ändern. Alle tragen Schuld, wenn sich das Klima weiter erhitzt, weil die Menschen einfach zu bequem, egoistisch, faul, unaufgeklärt oder wie auch immer seien. Seit vierundzwanzig Jahren versucht Angela Merkel nun, diese Botschaft zu vermitteln: Mensch, ändere dich!

Psychischer Stress

Das sind tiefgreifende Vorwürfe, denn die Auswirkungen der Klimakrise sind so bekannt wie dramatisch. Es ist mental extrem herausfordernd, mit der Botschaft umzugehen, dass das Ökosystem kollabiere, weil jeder Einzelne sich falsch verhalte. Den meisten Menschen ist es vermutlich nicht egal, dass zukünftige Generationen möglicherweise schlechter leben werden und mit unkontrollierbaren Wetterextremen zurechtkommen müssen. Es gibt verschiedene Strategien, mit dieser mentalen Belastung umzugehen.

Manche leugnen: Den Klimawandel gibt es nicht.

Oder sie hoffen: Es gibt ihn, aber den Menschen wird schon eine technische Innovation einfallen, um das alles zu drehen.

Wieder andere moralisieren: Verantwortungsvoller Konsum ist eine Frage des Charakters, und ich verabscheue Menschen, die drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen.

Manche rechtfertigen sich: Ich fliege zwar, aber dafür fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, und überhaupt wäre es sinnvoller, wenn erst mal die Kreuzfahrtschiffe verboten würden.

Einige resignieren: Die Stofftüte ist zwar kein Plastik, aber ihre Herstellung verbraucht mehr Energie. Das ist alles so kompliziert, ich weiß nicht, was ich noch machen soll.

Oder sie wehren ab: Klimaschutz ist schön und gut, aber am Ende zahlen doch wieder die kleinen Leute, und das Geld dafür habe ich nicht.

Manch einer verzweifelt: Ich spüre tiefe Angst und könnte nur noch weinen.

Und wieder andere büßen: Wir Menschen sind so blöd. Wir haben es nicht besser verdient.

Insgesamt könnte man sagen: Das Thema Klimaschutz ist emotional besetzt. Es wühlt tiefe Ängste auf und verursacht Gewissensbisse, die von der Bundeskanzlerin mit ihren Appellen an die Veränderungsbereitschaft noch verstärkt werden. Gleichzeitig signalisiert sie Verständnis für die individuelle Fehlbarkeit, aber an der Schuldzuschreibung ändert sich nichts.

Klima-Angst

Diese Botschaft ist gerade für jüngere Menschen, die eigentlich voller Optimismus in ihr Leben starten möchten, schwer zu verarbeiten. Und so hat sich in den letzten Jahren ein neues Phänomen verbreitet, das von Psychologen als „Klima-Angst“ oder „Klima-Depression“ bezeichnet wird.

„Betroffene haben permanent Schuldgefühle, sind traurig, verzweifelt, fühlen sich machtlos, schlafen nicht gut“, sagt die Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer.9 Es sei ein relativ neues Phänomen, das sich zunehmend verbreitet. In einem Online-Portal, das von Psychologen betreut wird, treffen sich Menschen, die psychisch unter der Erdüberhitzung leiden. In einem Hilfsangebot für Klima-Depressive findet ein Satz besonders viele Likes: „Ich habe 99 Emotionen, aber Hoffnung ist keine.“10

Inzwischen sind Klimadepressionen zu einem eigenen Forschungsgegenstand geworden. Der Umweltpsychologe Grothmann beschreibt Klima-Angst als Zustand, in dem die Risiken als übermächtig wahrgenommen werden, während die eigene Handlungsfähigkeit begrenzt erscheint. Die Politiker gelten als unwillig oder unfähig.11 Übrig bleibt eine Mischung aus Verzweiflung und Resignation.

„Aufgrund der Bedrohung nehmen Ängste, Depressionen, Stress, posttraumatische Belastungsstörungen, aber auch pretraumatische Belastungsstörungen zu“, erklärte die Psychotherapeutin Mareike Schulze vor der Bundestherapeutenkammer im November 2019.12 Die Delegierten verabschiedeten schließlich eine Resolution, in der die direkten und indirekten Auswirkungen des Klimawandels als Problem beschrieben werden.

Hauptsache aktiv

Einige Psychotherapeuten entwickeln Konzepte, um den Betroffenen zu helfen: So zum Beispiel Online-Seminare zu Klimaresilienz (d.h. die Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber Störungen wie Umweltkatastrophen zu stärken). Oder es wird die Empfehlung ausgesprochen, in irgendeiner Art und Weise aktiv zu werden. In welcher Form dieses Engagement stattfindet, ist den Betroffenen überlassen. Wichtig sei, dass sie sich damit wohlfühlten.

Im konkreten Fall ist das sicherlich hilfreich. Und vermutlich engagieren sich die meisten Aktivisten der Klimaschutzbewegung genau aus diesem Grund. Wut, Ärger, Angst oder Unzufriedenheit waren immer schon die Motoren, um sich politisch zu betätigen. Dagegen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil!

Trotzdem ist es auffallend, dass im Fall der Klima-Angst die Zweckmäßigkeit der Proteste und des Engagements gar keine Rolle mehr spielen.

Auch den Depressiven ist bewusst, dass sie mit einem Nachhaltigkeits-Blog nicht den Planeten retten werden, sondern ihr eigenes Ohnmachtsgefühl betäuben wollen. Gerade diese Ziellosigkeit – irgendwas zu tun – kann die empfundene Machtlosigkeit wiederum verstärken, wenn die eigenen Aktivitäten als wirkungslos wahrgenommen werden.

Überspitzt formuliert: Es geht nicht mehr darum, was man gegen den Klimawandel unternehmen kann, sondern wie man damit umgeht, dass man nichts dagegen tun kann.

Blick in die Zahlen

Diese Prozesse erschweren die Diskussion über den Klimawandel und machen es notwendig, die Debatte auf eine sachlichere Ebene zu bringen. Die erste Frage zielt daher auf den Ursprung der Emissionen. Sind es wirklich „die Menschen“ in ihrem Alltagsverhalten, die die Schadstoffe verantworten?

Das Umweltbundesamt hat dazu eindeutige Zahlen veröffentlicht.13 Sie besagen, dass fünfundachtzig Prozent aller Emissionen energiebedingt sind. Sie entstehen, wenn fossile Rohstoffe, wie Kohle, Gas und Öl, in Energie umgewandelt werden.

Im Prinzip dreht es sich um drei große Umwandlungsverfahren, bei denen Treibhausgase entstehen:

1. Elektrische Energie: Stromerzeugung

2. Thermische Energie: Wärmeerzeugung

3. Chemische Energie: Abgase aus Verbrennungsmotoren

Schaut man sich die drei problematischen Verfahren genauer an, ergibt sich folgendes Bild in Anteilen: Der Großteil der Energie-Emissionen stammt mit knapp vierzig Prozent aus der Stromerzeugung. Es folgen der Verkehr mit zwanzig Prozent und die Industrie mit eigenerzeugten Energieemissionen, die noch einmal etwa fünfzehn Prozent ausmachen. Stromerzeugung, Verkehr, Industrie. Diesen Dreiklang sollte man sich einprägen, um in den vielen Zahlenbergen zur Klimakrise nicht den Überblick zu verlieren.

In Berichten über den Klimawandel taucht häufig die Einteilung der Emissionen nach wirtschaftlichen Sektoren auf. Aber auch in der Landwirtschaft oder im Verkehrsbereich entstehen die Emissionen durch eines der drei oben genannten Verfahren, so dass es sinnvoll ist, direkt auf den Entstehungsprozess zu schauen.

Und was ist mit den privaten Haushalten, deren Klimawirkung der Bundeskanzlerin so am Herzen liegt? Sie machen etwa zehn Prozent der energiebedingten Emissionen aus, sagt das Umweltbundesamt. Das ist nicht nichts. Selbstverständlich macht es Sinn, den eigenen CO2-Fußabdruck zu beachten und die Klimaeffekte von Ernährung und Fortbewegung zu berücksichtigen. Aber zehn Prozent sind eben nicht fünfundachtzig.

Deshalb ist es wichtig, die Verantwortlichkeiten klar zu benennen. Es sind nicht die Menschen in ihrem Alltagsverhalten, die die größten Emissionen verursachen, sondern es geht um die Energieerzeugung. Große Produktionsverfahren (Strom, Wärme und Kraftstoff) müssen umgestellt werden. Hier liegt ein riesiges Einsparpotential. Wer wirksam und schnell Treibhausgase reduzieren möchte, sollte sich auf diesen großen Block konzentrieren. Die Zahlen sind so eindeutig, dass das Ziel von sinnvollen klimapolitischen Forderungen auf der Hand liegt. Alles dreht sich um die Energie.

Allein mit einer vollständigen Umstellung auf eine Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien könnten die deutschen Treibhausgase innerhalb kurzer Zeit um die Hälfte reduziert werden.

Die Energie ist nicht alles,

aber alles ist nichts ohne die Energie14 (Hermann Scheer)

Die Verfügbarkeit sauberen Stroms hätte zudem große Auswirkungen auf den Verkehr und die Industrie. Mit dem Begriff Sektorintegration wird die Verknüpfung der verschiedenen Anwendungsbereiche von Ökostrom bezeichnet. Die erneuerbare Energie wird bei einer solchen Integration auch für andere Sektoren genutzt, zum Beispiel für die Wärmeerzeugung der Industrie und im Bereich der Gebäudeheizungen. Um Verbrennungsmotoren ablösen zu können, braucht es Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb. Der Strombedarf wird umso mehr steigen, je besser die Sektorintegration funktioniert. Ein Ausbau der erneuerbaren Energien hätte daher nicht nur auf die reine Stromerzeugung, sondern ebenso in Bezug auf die beiden anderen dreckigen Verfahren zur Wärme- und Krafterzeugung einen immensen Klimaeffekt.

Es mag andere Gesetze und Maßnahmen geben, die eine positive Auswirkung auf das Klima haben, aber sie sind nicht entscheidend. Alles steht und fällt mit der Energiepolitik. Ohne einen radikalen Energiewechsel ist jede Klimaschutzpolitik sinnlos.

Das wird untermauert in einer Untersuchung des Global Carbon Project, bei dem sich Forscher im Umfeld der Stanford University zusammengefunden haben, um die globalen Treibhausgase und ihre Ursachen zu quantifizieren. In einer Untersuchung, zuletzt aktualisiert im Oktober 2019, berechneten die Forscher, wie viele Emissionen auf einzelne Unternehmen zurückzuführen sind.15 Die größten Kohle-, Gas- und Ölunternehmen werden darin als „Carbon Majors“ bezeichnet. Das Ergebnis: Die Anzahl der entscheidenden Akteure ist überraschend klein. Gerade mal hundert Unternehmen haben einundsiebzig Prozent der weltweiten Emissionen seit 1988 erzeugt.

Im Hinblick auf die Klimakrise können daher ein kleiner Kreis von Verursachern und ein eindeutiger Ursprung der schädlichen Emissionen festgemacht werden, nämlich die Erzeugung von Energie durch die Verbrennung fossiler Ressourcen.

Diese Einordnung steht offensichtlich in Kontrast zu dem diffusen, unangenehmen Appell an alle Menschen, alles anders zu machen. Weder Schuldgefühle noch ein schlechtes Gewissen helfen weiter. Es ist nicht hilfreich, die sich anbahnende Klimakatastrophe zu verdrängen oder auf ein technisches oder sonstiges Wunder zu hoffen. Der Appell von Angela Merkel, alle Menschen sollten ihr Verhalten ändern, ist nur verwirrend und eine Nebelkerze, die die Menschen im Hinblick auf die wahren Verantwortlichkeiten blendet.

Was sich verändern muss, ist die Art der Energiegewinnung. Das ist ein klar umrissenes Feld, aus dem sich ganz andere Handlungsmöglichkeiten ergeben als aus dem Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden. Und dass eine saubere Energiegewinnung notwendig für das Klima ist, gilt gesellschaftlich inzwischen auch als unumstritten. Selbst Energiekonzerne, die seit Jahrzehnten fossile Geschäftsmodelle praktizieren, werben mit ihrem Engagement für erneuerbare Energien.

Aber sie grenzen ein: Grundsätzlich und für die Zukunft sei saubere Energieerzeugung eine gute Sache, aber so leicht, wie Klimaschützer sich das oft vorstellen, sei die Umstellung nicht. Und an dieser Stelle beginnt die Aufzählung all der – vermeintlichen – Hindernisse auf dem Weg in eine saubere Energiewelt. Die Kraft von Sonne und Wind würden nicht ausreichen, die Energie sei zu schwankend, Speicher noch nicht vorhanden und überhaupt müsse die Grundversorgung von verlässlichen Großkraftwerken garantiert werden. Erneuerbare Energien seien eine sinnvolle Ergänzung, und irgendwann – nicht näher ausgeführt – sei eine saubere Vollversorgung sicher möglich. Doch derzeit seien sie noch lange nicht ausreichend, um den globalen Energiebedarf zu decken. Bis dahin müssten Übergangslösungen gefunden werden, in denen fossile Rohstoffe eine große Rolle spielten. Diese vermeintlichen Brücken in die Zukunft passen aber zu gut zum Geschäftsmodell der Energiekonzerne, als dass man sie ungeprüft stehen lassen könnte.

Kapitel 2

Erneuerbare Energien - Nur eine Ergänzung?

„Eine Wende hin zu hundert Prozent sauberen, erneuerbaren Energien ist sehr realistisch“, stellte Dr. Christian Breyer, Professor für Solarwirtschaft an der finnischen Universität LUT fest. „Schon jetzt, mit den heute verfügbaren Technologien.“16

Er gehörte zu einem Forscherteam, das gemeinsam mit dem deutschen Netzwerk Energy Watch Group im April 2019 eine wissenschaftliche Studie veröffentlichte. Die Forscher hatten darin eine vollständige weltweite Energiewende in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Meerwasserentsalzung modelliert, bei der kein weiteres CO2 emittiert werden würde.

Mit Blick auf die Klimakrise ist das ein phantastisches Ergebnis; doch die Studie wurde nur wenig besprochen. Kaum eine große Tageszeitung griff das Thema auf. Nur in Veröffentlichungen, die sich schwerpunktmäßig mit erneuerbaren Energien beschäftigen, fand die Untersuchung Erwähnung.

Doch die Frage, ob die Kräfte von Wind, Wasser und Sonne ausreichen, um den Energiebedarf der ganzen Welt zu decken, ist für die gesamte Klimaschutzdebatte fundamental. Daher sind die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien das Thema in diesem Kapitel. Ist die Studie der eingangs zitierten Forschergemeinschaft nur ein optimistischer Ausreißer oder liegen hier bahnbrechende Perspektiven? Sollte das wirklich möglich sein: Eine globale Vollversorgung, die sofort und mit den heutigen Technologien umsetzbar wäre?

Jahrzehntelang unterschätzt

Schaut man auf die Kontroversen der letzten Jahrzehnte, so wurden die Potentiale erneuerbarer Energien schon immer skeptisch beäugt. In den 1980er Jahren behaupteten viele, mit den damals erzeugten zwei bis drei Prozent sei das Ende der Fahnenstange erreicht. Im folgenden Jahrzehnt steigerte sich das auf ein Zehntel, aber mehr sei nicht vorstellbar. Als im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland verabschiedet wurde, hielten viele die angepeilten zehn Prozent bis 2010 für zu ehrgeizig. Doch das Ziel wurde bereits in der Hälfte der Zeit erreicht. Derzeit liegt der Anteil bei über fünfzig Prozent der Stromerzeugung, trotz diverser politischer Blockademaßnahmen. Angela Merkel behauptet nun, bis 2030 zwei Drittel anzupeilen, und sie hält dieses Ziel für ehrgeizig. „Das ist für ein Land, in dem die Sonne nicht so häufig scheint und der Wind auch recht unregelmäßig weht, recht viel.“17

In Deutschland gäbe es demnach nicht genügend Sonne und Wind, lautet ihr Argument. Sicherlich gibt es Länder, die in dieser Hinsicht bessere Voraussetzungen haben, aber ist die Situation hierzulande wirklich so ungünstig?

Laut einer Studie des Massachussetts Institute of Technology in Cambridge ist das Potential der Sonnenenergie mehr als ausreichend. In nur einer Stunde fällt ihren Berechnungen nach genug Sonnenlicht auf die Erde, um den weltweiten Energiebedarf für ein Jahr zu decken.18