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Bluebird27 alias Kim Haekwon, Sohn und Thronfolger des Königs der Schreibwarenartikel, hat das behütete Leben voller Dekadenz satt. Keinen Schulabschluss in der Tasche und von seinem Vater verachtet, der immer noch darauf besteht, dass er die Nachfolge der Unternehmensleitung antritt, flüchtet er in die Cyberwelt. In den ultimativen Weiten des Internet-Highways begegnet er Browneyes55. Fasziniert von dessen Aura entwickelt sich aus einem virtuellen Chat eine reale Freundschaft. Oh Soo-Jung, Browneyes55, schwänzt die Schule und arbeitet stattdessen als Fahrradkurier für einen Nudelimbiss. Auch NewGirl17, in der realen Welt Hyuna, tritt durch eine zufällige Lieferung in sein Leben. Gemeinsam mit ihrem Bruder, Ji-Min, lebt sie im Armenviertel in Angst und Schrecken vor ihrem gewalttätigen und ständig betrunkenen Vater, eines ehemaligen LKW-Fahrers, der seinen Job verloren hat und von seiner Frau verlassen wurde. Hyuna kümmert sich liebevoll um ihren jüngeren Bruder, aber der unberechenbare Zorn ihres Vaters verbannt die beiden Kinder in ein Leben voller Trostlosigkeit. Frustriert treffen die drei Freunde eine folgenschwere Entscheidung: Hand in Hand wollen sie sich von einem Hochhaus in den Tod stürzen, wenn sich ihre Leben nicht mehr zum Besseren entwickeln, aber es kommt alles anders als erwartet… Der geschmiedete Todespakt verändert das Leben der drei Freunde für immer.
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Seitenzahl: 585
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Byung-uk Lee
Four Kids
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Bluebird27
Browneyes55
Erste Begegnung
Bonuspunkte
Narrenfreiheit
Fliegende Worte
Digitale Delikatessen
Regeln ohne Regeln
Ich sehe was, das du nicht siehst
Rote Tapeten
Pflichten
Willkürliche Ereignisse
Bis in die Ewigkeit
Schlechtes Gewissen
Kirschbaum im Wind
Wo bleibt mein Essen?
Virtuelle Grüße
Wiedergeburt
Unsichtbar
Kausalkette
Die Furcht und ihr Gefolge
Leere
Eine Horde Affen
Seltsame Muster
Der Pakt
Blinde Wut
Spuren im Wind
Vielfältige Monotonie
Gurken im Sommer
Highscore
Schlaglöcher
Irgendwann
Totenschmaus
Hail to the King
Kürbiskerne
Nobody is perfect
Licht und Dunkelheit
Steine
Dämonen
Ein Königreich für ein Pixel
Realer Wahn
Das Treffen
Laute Stille
Gravitation
Ausweglos
Brackwasser
Update
Reifeprüfung
Fliegender Wechsel
Straßen, Zahlen, Leben
Laguna Bay
Der verlorene Sohn
Eine Forelle zum Frühstück
Route gecheckt
Lobet den Herrn
Letzte Worte
Rückkehr
Falsche Worte
Rückfall 1001110101101
Roger und over…
Impressum neobooks
Mit unglaublicher Geschwindigkeit bewegten sich seine Finger über die Tasten. Er kam sich vor wie ein Pianist, der jedes Stück spielen konnte. Seine Kunst galt aber nicht der Musik, sondern den Melodien der Kommunikation.
Browneyes55: Was? Du kennst die Geeks nicht?
Bluebird27: Nein.
Browneyes55: Dann machst du einen auf Rebellen.
Bluebird27: Höre mehr Sachen von Vassline
Browneyes55: Du scheinst ein netter Kerl zu sein, hast aber keine Ahnung von guter Musik.
So verbrachte er jeden Abend, jede Nacht, jede freie Minute mit diesem Unbekannten aus der Cyberwelt. An ein gesundes soziales Leben war nicht mehr zu denken. Sein bester Freund hieß Samsung P530. Er war schwarz und bestand aus einer glänzenden Kunststoffhülle. Die einzige Verbindung zur Außenwelt. Sein Laptop, den er jede Nacht wie eine Geliebte zum Glühen brachte. Alternierend den Geschmack von Crackern und Softdrinks auf der Zunge.
Im Internet war er unter dem Decknamen Bluebird27 unterwegs. Im wahren Leben hingegen hieß er Kim Haekwon. Er war 19 Jahre alt und wieder mal durch die Abschlussprüfung gefallen. Und das in einer Gesellschaft, die nach Leistung und Perfektion strebt, ein Zeitalter des Wettbewerbs. Mittlerweile kam er sich wie ein Anachronismus auf zwei Beinen vor.
Leistung, immer nur Leistung bringen. LEISTUNG. Er konnte dieses abartige Wort nicht mehr hören. Ein Wort, das mit einem Presslufthammer in die Hirne der Schüler eingehämmert wurde. So sah die Gesellschaft heute aus und Haekwon hasste sie, weswegen er aus der Realität ins Internet flüchtete, denn in der echten Welt galt er nur als Abtrünniger. Ein Tagedieb, der seinen Eltern die Haare vom Kopf fraß. Ein Niemand, über den fleißig gelästert wurde, wenn er sich nicht in der Nähe befand. Und wenn er es tat, wurde er nur süffisant belächelt. Er hatte vieles satt. Besonders seine Mitmenschen oder besser Gegenmenschen, wie er sie liebend gern bezeichnete.
Sein Blick machte einen Rundflug durch das Zimmer. Es war vollgestopft mit überflüssigem Schnickschnack. Materieller Blödsinn, den ihm seine Eltern über Jahre hinweg an Geburtstagen und Weihnachtsfesten geschenkt hatten. Das einzig nützliche in diesem Raum war sein Laptop. Für ihn bedeutungslose Urkunden und Zeugnisse aus alten Zeiten hingen an seiner Wand. Seine Mutter, Yeon-Woo, hatte sie dort hingehängt, um anderen Gegenmenschen zu zeigen, dass er doch bereits etwas in seinem Leben erreicht hatte. Sie musste sich ebenfalls beweisen. Sie tat ihm leid.
Früher hatte er regelmäßig Tennis gespielt. Mit 14 wurde er sogar zum Sieger eines Turniers gekürt. Der Pokal zierte jetzt schon seit 5 Jahren den Wohnzimmertisch. Wenn Besuch kam, mussten seine Eltern damit prahlen. Wenn sein Furz nach Erdbeere riechen würde, dann täten sie es vermutlich auch. Er nahm es ihnen nicht übel. Da sie nicht viel vor der heuchlerischen Bekanntschaft zum Prahlen hatten, mussten sie sich etwas aus den Fingern saugen. Selbst die größten Banalitäten wurden verschossen.
„Willst du wieder die halbe Nacht vor dem Computer hocken?“ Die Stimme seiner Mutter drang ihm ins Ohr. Ohne zu klopfen war sie wieder in sein Hoheitsgebiet eingedrungen, eine Eigenart, die sie wohl nie verlernen würde.
„Nur noch zehn Minuten“, log er und starrte seine Mutter solange an, bis sie kopfschüttelnd aus seinem Zimmer verschwand. Endlich war er wieder allein. Er liebte die Ruhe der Nacht. Keine Stimmen, kein Verkehrslärm und keine Presslufthämmer. Nur die Stille gepaart mit dem gleichmäßigen Fauchen seines PC-Kühlers. Ab und zu gestört durch das Rascheln der Tüte mit Krabbencrackern. Er war mal sportlich gewesen, aber sein Körper war durch viele Sitzungen am PC, Softdrinks und Fastfood mittlerweile etwas aufgedunsen. Er fühlte sich auf keinen Fall übergewichtig, aber die Körperstruktur, die er einst besessen hatte, war verblasst. Eigentlich schade, da er viele Stunden dafür investiert hatte. Von heute auf morgen war sie einfach verschwunden. Seine Haut war bleich, kreidebleich sogar leichenblass, da er kaum das Haus verließ. Wie ein Zwangsneurotiker folgte er einem strikten Tagesablauf: Schule, Mittagessen, der Laptop und das war´s. Für Außenstehende nicht gerade ein aufregendes Leben, aber für Haekwon war es eine Erfüllung. Partys, durchzechte Nächte und seine Ex-Freundin, das gehörte der Vergangenheit an. Er kam sich wie ein Schmetterling vor, der nach einer Zeit im Kokon sich in eine Raupe verwandelt hatte. Nur liebte er sein Dasein als Raupe. Für andere Menschen nicht nachvollziehbar, aber was andere dachten, interessierte ihn schon lange nicht mehr. Mit Herz und Blut war er Rebell.
Wenn seine Mutter zum allwöchentlichen Kaffeekränzchen einlud, kamen die reichen Ziegen, die nichts anderes zu tun hatten, als den ganzen Tag zu shoppen oder über andere Leute herzuziehen. Wie schmarotzende Pilze saugten sie sich an ihre reichen Ehemänner und belasteten Kreditkarten. Wie konnte man nur so nutzlos sein, und zeitgleich über die vermeintliche Nutzlosigkeit anderer herziehen? Haekwon saß wie üblich im Wohnzimmer und schaute fern. Er trug als Zeichen des Missmutes sein grünes Che T-Shirt, aber die ungebildeten Hühner wussten wahrscheinlich nicht mal, wer Che Guevara war.
„Musst du denn immer dieses furchtbare T-Shirt tragen?“, beschwerte sich Yeon-Woo. Dieses Kleidungsstück war ihr schon lange ein Dorn im Auge.
Frau No saß ebenfalls am Tisch. Eine furchtbare Frau, die ständig von ihrem ach so prächtigen Sohn berichtete.
„Mein Sohn hat den besten Notendurchschnitt des gesamten Jahrgangs erzielt und wird nächstes Jahr an der Universität Medizin studieren.“ Sie blickte verstohlen in die Runde und stibitzte sich ein Stück Reiskuchen vom Teller.
„Das ist ja wunderbar!“ Seine Mutter und Frau Oh, eine weitere Kaffeefreundin, lobten sie im Chor. Frau No setzte ein zufriedenes Gesicht auf und genoss den Beifall, der warm und verlogen auf sie niederprasselte.
Sie schien nicht nur hohl zu sein, sondern auch vergesslich, da sie die Geschichte bereits zum zehnten Mal erzählte. Haekwon saß im Wohnzimmer und rollte genervt die Augen.
„Und was ist mit deinem Sohn? Hat er die Prüfung bestanden?“, fragte Frau No und zeigte höhnisch ihr Pferdegebiss. Ihr Sohn musste es ihr längst erzählt haben. Obwohl sie es wusste, stichelte sie Yeon-Woo. Haekwon tat so, als ob er nicht mithörte. Innerlich brannte er vor Wut. Was bildete sich diese alte Schachtel ein? Er war nicht wütend, weil Frau No ihn in ein schlechtes Licht rückte, sondern weil ihm jedes Mal sein Herz blutete, wenn er sah, dass sich seine Mutter rechtfertigen musste.
„Also… “ Sie konnte den Satz nicht beenden. Es war eine Folter der ganz anderen Art.
Frau No blickte sie lächelnd an. Es war aber keineswegs ein freundliches Lächeln, vielmehr sollte es ihren Triumph über Yeon-Woo ausdrücken.
„Jedenfalls kommen im nächsten Jahr viele Kosten auf uns zu. Neben den Studiengebühren muss er ja schließlich eine schöne Wohnung finden und habt ihr euch mal die hohen Mietpreise angesehen?“ Frau No befreite seine Mutter von der Last ihrer Antwort und setzte ihr eigenes sinnloses Geschwafel fort.
Haekwon saß lieber in seinem Zimmer, aber er wollte die Gespräche heimlich belauschen. Seine Mutter sollte nicht allein dastehen. Wenn es zu hart für sie werden sollte, würde er gegebenenfalls einschreiten und sie verteidigen. Der Ruf der Familie hin oder her, verdammt sei er. Sollten bestimmte Grenzen überschritten werden, dann würde er kräftig auf den Tisch hauen und der Schikane ein Ende bereiten. Allerdings kannte selbst Frau No glücklicherweise Grenzen und legte nicht zu lange ihren Finger in die Wunde seiner Mutter. Am liebsten hätte er Yeon-Woo mit einem guten Schulabschluss glücklich gemacht, aber er war nun mal nicht der Intelligenteste. Er konnte ihr nur seine Liebe und Zuneigung offerieren, aber das war meist nicht genug, um sich in dieser Welt zu beweisen.
Sein Vater, Hee-Chul, betrat mit einem erschöpften Gesichtsausdruck die Wohnung.
„Herr Kim, schön, dass Sie da sind. Leisten Sie uns doch Gesellschaft.“ Frau No ergriff das Wort. Sie tat so, als ob es ihre Wohnung war und bot seinem Vater einen Stuhl an.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Frau No. Aber ich muss mich erst umziehen.“
Er hatte wieder seinen schwarzen Anzug an und um seinen Hals schnürte sich die knallrote Krawatte, die Haekwon ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Da er ein erfolgreicher Unternehmer war, wollte sich Frau No bei ihm einschmeicheln, um sich Vorteile zu verschaffen.
Kim Papier, da Ihre Ideen es verdient haben. Kim Papier sorgt für Inspiration.
Das waren die Slogans, die überall in der Stadt plakatiert waren. Als führender Hersteller von Schreibwarenartikeln konnten sie sich zwar ein eigenes Haus leisten, aber aus irgendeinem Grund hatte sich Hee-Chul damals für ein Apartment entschieden.
„Aber bleiben Sie nicht zu lange fern“, scherzte Frau No, während sie seinem Vater einen verführerischen Blick zuwarf.
Haekwons Vater wischte sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn und lächelte mild.
„Keine Sorge, Frau No. Ich werde nicht lange benötigen.“
Gedankenverloren kaute Frau Oh auf dem zähen Stück Reiskuchen, während Yeon-Woo verstört einen Schluck Kaffee trank.
Spät abends lag Haekwon auf dem Bett. Seine bleichen Arme hinter dem Kopf verschränkt und die ebenso bleiche Zimmerdecke anstarrend, konnte er seine Eltern aus dem Schlafzimmer hören.
„Du lässt dich von dieser Frau einwickeln.“ Die Eifersucht seiner Mutter spürte man selbst durch die dicken Wände.
„Ich habe doch gar nichts gemacht“, verteidigte sich Hee-Chul.
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Denkst du etwa ich merke nicht, was hier läuft? Denkst du ich bin blind? Diese Frau baggert dich ständig an und ich sehe doch immer deinen leicht verstohlenen Blick, wenn du ihr ins Gesicht schaust.“
„Du spinnst doch“, erklang wieder etwas dumpfer die Stimme seines Vaters. Anscheinend hatte er sich weiter von der Wand wegbewegt. „Wenn es dir nicht passt, dann lade sie doch nicht ein“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Schweigen. Mit diesem Argument schien er Yeon-Woo mundtot gemacht zu haben. Haekwon glaubte, sie leise weinen zu hören, oder vielleicht bildete er sich das nur ein. Mühsam richtete er sich auf, um dieser Daily Soap, die er fast jede Woche zu hören bekam, selbst zu beenden. Nun switchte er wieder auf den Laptopmodus um. Das Kunststoffgehäuse lockte ihn wie der Käsegeruch die Maus. Ein Knopfdruck und sein elektronischer Freund erwachte zum Leben. Elektrische Impulse durchzuckten das Gerät, um gehorsam die Befehle seines Herrchens entgegenzunehmen. Eingekeilt zwischen schrill leuchtender Werbung für Software, Fastfood und die neuesten Automodelle entdeckte er in der exklusiven Chatliste zum Thema Sonstiges den Namen, Browneyes55. Er war also wieder online und bereit für eine weitere Runde verbalen Kräftemessens.
Browneyes55: Du bist heute spät dran.
Bluebird27: Ja, hatte zu tun.
Browneyes55: Was denn?
Bluebird27: Privatsache. Was hast du denn heute gemacht?
Browneyes55: Was schon! Musste arbeiten.
Bluebird27: Wo?
Browneyes55: Im Prinzip überall in der Stadt.
Bluebird27: Verstehe ich nicht.
Browneyes55: Liefere Champong und andere Nudelgerichte für einen Imbiss aus.
Bluebird27: Musst du nicht zur Schule gehen?
Die nächste Zeile blieb leer. Haekwon musste einen empfindlichen Nerv getroffen haben. Er verspürte Groll gegen sich selbst, da er mit seiner schwachsinnigen Neugier möglicherweise den interessantesten Chatpartner seit Monaten in die Flucht getrieben hatte. Er, der reiche Sprössling eines erfolgreichen Schreibwarenherstellers, interessierte sich für einen Lieferjungen. Der Gedanke war so absurd, dass Haekwon selbst darüber schmunzeln musste, aber er war auch ein wenig traurig. Er legte sich wieder ins Bett, um das Deckenspannen fortzusetzen. Vermutlich schliefen seine Eltern bereits, denn das Drama, das sich nebenan abgespielt hatte, war verstummt. Schlurfenden Schrittes ging er in die Küche, um sich ein Glas Milch einzugießen, die seiner Schlaflosigkeit den Kampf ansagen sollte. Auf der Wohnzimmercouch lag ein dunkler Haufen, eingehüllt in dünnen Decken.
„Haekwon?“, die zurückhaltende Stimme seines Vaters erklang. Die gleiche Stimme, mit der er Konferenzen abhielt und Untergebene zurechtwies. Haekwon fragte sich, wie Hee-Chul so weit aufsteigen konnte, als er seinen Vater in fast devoter Haltung auf der Couch liegen sah.
„Ja“, erwiderte er nur, um einem längeren Gespräch zu entgehen.
„Warum bist du so spät noch wach?“, fragte Hee-Chul.
„Ich kann nicht schlafen.“
Das Glas in der Hand fühlte sich noch kalt an, aber je länger sich das Gespräch mit seinem Alten hinziehen würde, desto größer war die Gefahr, dass der Inhalt seinen Weg in die Toilettenschüssel finden würde.
„Und wieso schläfst du im Wohnzimmer?“
Es glich einem Kraftakt, aber etwas unbeholfen schaffte es sein Vater, sich aufzurichten. Den Oberkörper nach vorne gebeugt saß er da. Die schlaffe Haut seiner Arme wurde von steifen Schenkeln flach gedrückt. Sorgenvoll raufte er sich die Haare, während er auf die bunten Muster des Teppichs blickte.
„Deine Mutter“, fing er an. „Sie weiß manchmal nicht, was sie redet. Sie vertraut mir nicht.“
Am liebsten hätte er Hee-Chul angeschrien und ihm gesagt, dass er Frau No einfach zum Teufel jagen soll, aber diesen inneren Drang, der seine Stimmbänder hochkroch, unterdrückte Haekwon.
„Was ist das Problem?“, fragte er stattdessen wohlwissend.
Hee-Chul atmete laut aus und blieb ihm die Antwort schuldig.
„Wie läuft es in der Schule?“
In der Dunkelheit stehend zuckte Haekwon mit den Schultern.
„Du solltest dich wirklich mehr anstrengen. Nur weil ich gut verdiene, bedeutet das nicht, dass aus dir nichts Anständiges werden soll.“
„Nächstes Jahr werde ich es bestimmt schaffen.“
Nun richtete sich sein Vater ganz auf. Für einen Koreaner war er überdurchschnittlich groß. Die dunkle, hagere Silhouette näherte sich ihm.
„Und jetzt geh schlafen. Du hast morgen Schule“, sagte Heechul, während er seinem Sohn beim Vorbeigehen auf die Schulter klopfte. Noch einige Zeit stand Haekwon in der Dunkelheit. Die seltenen Gespräche mit seinem Vater gingen ihm nahe, obwohl er sie meistens mied. Seifig fühlte sich die Milch an, die zähflüssig seine Speiseröhre runterlief. Das leere Glas stellte er auf den Wohnzimmertisch. Die Putzfrau würde es ohnehin am nächsten Tag wegräumen. Der einzige Ort, wo sie nicht hindurfte, war sein Zimmer, aber das hatte er der pummeligen Sunia vom ersten Tag an deutlich gemacht. Wenn sie ihm mit ihrem aufgedunsenen Gesicht fragend anblickte und dabei die ohnehin schon schmalen Augen zusammenkniff, musste Haekwon an eine Zucchini denken, die man mit dem Fingernagel eingedrückt hatte. Ansonsten mochte er Sunia sehr und scheute sich nicht, mit ihr bei einer heißen Schokolade in der Küche zu sitzen und ein Gespräch zu führen. Reality Chat.
Browneyes55 würde sich heute nicht mehr zeigen, daher fiel es Haekwon nicht schwer, die Finger vom Laptop zu lassen. Manchmal fragte er sich ernsthaft, wie es ihm gehen würde, wenn seine Eltern nicht so nachsichtig mit ihm wären. Im Grunde seines Herzens fühlte er den Egoismus, der gelegentlich seinen Geist umklammerte. Ja, vielleicht sollte er sich wirklich mehr anstrengen.
Browneyes55 war für ihn nicht nur ein angenehmer Gesprächspartner, sondern auch eine Fallstudie. Die andere Seite der Gesellschaft, das war es, was sein wahres Interesse weckte. In seiner Welt der verlogenen Menschen, die an den Strippen der Finanzen hingen, fühlte er sich im Inneren doch sehr einsam. Freunde entpuppten sich als Feinde, Reichtum als Irrtum und Privilegien als Laster. Unzählige Male spielte er mit dem Gedanken, Gangnam zu verlassen und durch die Gassen zu schlendern, die täglich von gewöhnlichen Leuten benutzt wurden. Obwohl es für ihn eher die ungewöhnlichen Menschen waren. Er hatte diese versnobte Plastikwelt satt, in der er zu versinken drohte, bis er den Grund der Bedeutungslosigkeit erreichte. Der Reiz lag im Normalen.
Fast hätte er die Klippe des Tiefschlafes erreicht, als ihn ein schrilles Geräusch in die Realität zurückholte. Sein verschwommenes Zimmer nahm feste Strukturen an, materialisierte sich und mit schläfrigem Blick bemerkte er den grellen Bildschirm seines PC´s. Hatte er tatsächlich vergessen ihn auszuschalten? Das Chatfenster von Browneyes55 hatte sich geöffnet. Eilig richtete sich Haekwon auf und fuhr sich mit der Handfläche über die kurzen Haarstoppel. Kurz hielt er inne und musste lächeln. Schließlich benahm er sich wie ein verliebter Teenager, der sein erstes Date hatte. So absurd es auch war. Irgendetwas zog ihn magisch an, ohne zu wissen, was es war. Nicht nur der grelle Bildschirm hatte Ausstrahlung, sondern auch die Person am anderen Ende der Leitung.
Browneyes55: Sorry für meine späte Antwort.
Bluebird27: Macht nichts.
Browneyes55: Ich gehe nicht mehr zur Schule. Ich muss Geld verdienen. Die Behörden leime ich und das Schulgebäude habe ich seit Monaten nicht mehr von innen gesehen.
Bluebird27: Was sagen denn deine Eltern dazu?
Haekwon biss sich auf die Faust. Wieder so eine Frage, die Browneyes55 einschüchtern konnte. Erleichtert las er die weiteren Zeilen, die ihn wieder in einen absoluten Wachzustand versetzten. Die Digitaluhr am unteren Rand des Screens zeigte 01:31 Uhr an. Den Unterricht heute würde er also mit Dösen verbringen.
Browneyes55: Ich bin Waise. Meine Eltern kenne ich gar nicht, daher weiß ich nicht, was sie dazu sagen würden. Stolz wären sie bestimmt nicht.
Bluebird27: Meine Eltern sind auch nicht stolz auf mich.
Browneyes55: Sollen wir uns Treffen?
Wie ein Fausthieb aus einer unerwarteten Richtung traf es Haekwon. Aus Erfahrung wusste er, dass all die Magie eines Chats in Enttäuschung umschlagen konnte, wenn man der tatsächlichen Person begegnete. NewWorldOrder22 war in Wirklichkeit ein verpickelter Junge mit Hornbrille gewesen, der artig seine Klavierstunden nahm und im gleichen Bezirk wie Haekwon wohnte. Eine herbe Enttäuschung, die sich nicht wiederholen sollte.
Browneyes55: Was ist jetzt? Sollen wir uns mal treffen?
Bluebird27: Ja. Wo und wann?
Wenn das mal kein Fehler war. Nun gab es kein Zurück mehr.
Browneyes55: In der Nähe vom Seoul-Tower gibt es einen Odeng-Stand, wo ich regelmäßig esse. Lass uns dort treffen.
Bluebird27: Ok, wieso nicht.
In schrillen Tönen erwachte das schwarze Handy zum Leben. Somewhere over the Rainbow. Die Melodie, die seine Ruhe auf ewig störte. Ein neuer Kunde, eine neue Adresse und ein neuer Weg, den er mit dem klapprigen Fahrrad zurücklegen musste, da er keinen Führerschein besaß, um einen Motorroller fahren zu dürfen. Wer zum Teufel bestellte sich um 8 Uhr morgens eine Nudelsuppe? Hatten die Menschen keine anderen Sorgen als ihren Wanst mit Suppe zu füllen? Mit trägen Bewegungen robbte Soo-Jung zum Telefon, dessen schrille Melodie zu seinem Ärger nicht abbrach. Dabei spürte er die Sonnenstrahlen, die dezent durch das Fenster fielen und seinen kahl geschorenen Schädel streiften.
„Ja!“ Müde und genervt wollte er klingen.
„Morgen du Schlafmütze.“ Die nervöse Stimme seines Vorgesetzten klang freundlich, aber ungeduldig.
„Wohin?“, fragte Soo-Jung, während seine Augen noch versuchten, sich an den neuen Tag zu gewöhnen.
„Jetzt werde mal nicht frech, Kleiner. Schließlich bezahle ich dein Gehalt und deine Miete. Also ändere deinen Ton oder ich schmeiß dich wieder raus.“
„Ist gut“, erwiderte Soo-Jung etwas milder.
„Zieh dich an und komm erstmal runter, dann gebe ich dir alles.“
Gyeong hatte aufgelegt, bevor Soo-Jung noch etwas sagen konnte. Als er nun aufrecht stand, wurde sein ganzer Körper von der Sonne umschmiegt. Nackt zu schlafen gehörte für Soo-Jung zum Leben dazu. Eine Marotte, die er wohl nie ablegen würde. Trotzdem genoss er die Wärme, die durch die Scheibe strömte und sich wie ein geschmeidiger Mantel über ihn stülpte. Im Blickfeld ein grauer Betonklotz. Voyeure hatten keine Chance, da die oberen Etagen leer standen. Für Soo-Jung war es nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Gebäude abgerissen werden würde, um einem Schickimickieinkaufszentrum Platz zu machen. Ihn widerte dieser Gedanke an. Mit Mühe streifte er sich die zerfledderte Jeans über die Beine. Hatte er zugenommen? Letztendlich war es ihm auch egal. Nach der üblich nachlässigen Reinigungsprozedur griff er sich das verwaschene T-Shirt von Hard Rock Café vom Boden und verließ seine bescheidene Behausung. Dabei knallte er die Tür laut zu, damit sein Chef wusste, dass er sich auf den Weg befand. Es war ein Fluch, dass sich der Nudelimbiss im gleichen Gebäude wie seine Wohnung befand. Aus einer vermeintlichen Bequemlichkeit entwickelte sich langsam eine riesige Lästigkeit. Es war Soo-Jung selbst, der die Initiative ergriffen und den tüchtigen Gyeong nach einem Job gefragt hatte. Das Angebot war anfangs zu verlockend gewesen: Mietfreies Wohnen und ein spärliches Gehalt. In seiner jugendlichen Naivität war er auf diesen Deal eingegangen. Alles war besser als in die Schule zu gehen, die Soo-Jung mehr hasste als seine Eltern, die er nie kennenlernen durfte. Waren sie tot oder wollten sie einfach nichts von ihm wissen? Waren sie ihm egal, so waren auch ihm sie egal.
Der klein gewachsene Gyeong stand gerade in der Kochnische, als Soo-Jung den Laden betrat. Mit der Stupsnase über einem dampfenden Topf gebeugt schloss sein Chef genießerisch die Augen. Ein paar graue Haare sprossen ihm bereits wie verdörrte Tannennadeln aus seinem schwarzen Schopf. Gyeongs Frau, die Soo-Jung nur selten zu Gesicht bekam, da sie die meiste Zeit Daheim die Kinder hütete, war gerade dabei, mit einem nassen Lappen die wenigen Tische abzuwischen. Ihren Namen hatte sie ihm mal gesagt, aber was sein Namensgedächtnis anging, glich es eher einem löcherigen Taschentuch. Ansonsten war sie eine sehr schweigsame Person, die zudem noch viel jünger aussah als ihr Mann. Fast meditativ drehte Gyeong seinen Kopf weg vom Dampf und bemerkte endlich seinen Lieferjungen.
„Probier mal. Ist ein neues Rezept.“
Den bereits benutzten Löffel wischte er an seiner Schürze ab und tauchte ihn in die scharfe, brodelnde Brühe. Innerlich ekelte sich Soo-Jung, als ihm Gyeong den dampfenden Löffel mit Suppe entgegenhielt. Wie ein Vogelbaby reckte er seinen Kopf nach vorn, um die Neukreation seines Vorgesetzten zu kosten. Überraschend gut schmeckte sie.
„Und?“, fragte Gyeong mit Augen, in denen große Erwartungen aufblitzten.
„Ist ok“, meinte Soo-Jung.
„Ist nur ok?“ Beleidigt zog Gyeong den Löffel wieder zurück. „Du hast doch von gutem Geschmack keine Ahnung, deswegen bin ich der Koch, und du nur der Lieferjunge.“
„Klar“, stimmte Soo-Jung artig zu. Der neue Tag sollte nicht mit einem Streit beginnen.
Gyeong stieß einen lauten Seufzer aus, während er Soo-Jung einen zerknitterten Zettel in die Hand drückte. Vom Kochdampf war seine Haut im Laufe der Jahre weich und rosig geworden. Mit einer flüchtigen Handbewegung grüßte Soo-Jung Gyeongs Frau, die nun gerade dabei war, die gelben Tulpen auf der Fensterbank des kleinen, aber gemütlichen Geschäftes zu gießen. Eine gewisse Erleichterung spürte der Lieferjunge, als er endlich den Laden verlassen hatte und nun seinen bestimmten Arbeitsplatz betreten durfte, die Stadt. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte seine Adern, wenn er mit dem Fahrrad durch verwinkelte Gassen, über Hauptstraßen, die vor fahrendem Blech überquollen, oder durch künstliche Parkanlagen fuhr. Dabei riss er unzählige Kilometer ab, die seine Oberschenkel am Ende einer Schicht hart wie Stein werden ließen. Stets hatte er das Mobiltelefon in der Tasche, damit Gyeong ein Gefühl von Kontrolle hatte. Gelegentlich ging Soo-Jung nicht ran. Bei dem Gedanken, dass sein Chef wutentbrannt seine Stimme nicht vernehmen würde, formten sich seine blassen Lippen zu einem Schmunzeln. Wenn er nicht so zuverlässig das Essen ausliefern und jeden Winkel der Stadt so gut kennen würde, hätte Gyeong ihn tatsächlich schon auf die Straße gesetzt. Daher wollte Soo-Jung ihn nicht zu sehr verärgern. Der Riemen der Thermotasche, die die heißen Nudeln mit Meeresfrüchten vor dem Erkalten schützte, schnitt sich in seine Schulter.
Was soll´s, dachte Soo-Jung, als er schon einige Blocks und ein paar wütende Autofahrer hinter sich gelassen hatte. Mit leerem Magen fuhr es sich deutlich schlechter. Er stieg vom Fahrrad, um sich ein Käse-Sandwich aus der Bäckerei zu holen, die zufällig seinen Weg kreuzte. Dazu machte er es sich mit heißer Schokolade auf einer Straßenbank bequem. Dann musste der Kunde halt zehn Minuten länger auf sein Essen warten und Gyeong ihm dafür erneut den Kopf waschen. Zwar konnte er sich keine Menschennamen merken, aber dafür kannte er fast jede Straße in dieser Stadt. Er kannte Seoul so gut wie eine Mutter ihr Junges. Jeden Charakterzug, jede Schwäche und jede Gewohnheit der Stadt hatte er sich seit seiner Kindheit eingeprägt. Die Feierabende verbrachte er häufig in Internet-Cafés, die in den letzten Jahren in Mode gekommen waren und die Menschen vor sozialen Kontakten bewahrten, die meist unerfreulicher und enttäuschender sein konnten, als ihre Pseudonyme, die sich in Namen wie Coldwind75, NakedApe oder Clownface69 ausdrückten. Mit Bluebird27 ging Soo-Jung seit langem wieder ein Risiko ein, indem er ein Treffen vorschlug.
Gerade erblickte er den Boden des Styroporbechers, an dem sich noch hartnäckig einige Kakaoreste klammerten, da klingelte wieder das Telefon. Aus unerfindlichen Gründen war Soo-Jung heute in glänzender Laune, daher beschloss er, sich dem Ärger Gyeongs auszusetzen.
„Bist du schon da?“, fragte der Nudelkoch voller Ungeduld. „Ich habe hier noch eine weitere Bestellung bekommen. Also, zacki zacki.“
„Ja, ich sehe schon fast das Haus“, flunkerte Soo-Jung, während er seinen Drahtesel bestieg.
Gyeong hatte schon wieder aufgelegt, um sich vermutlich dem Teigkneten zu widmen. Eines musste man seinem Chef lassen, er beherrschte sein Handwerk. Soo-Jung selbst aß gelegentlich im Nudelhaus, obwohl es ihm eigentlich zuwider war. Es schmeckte dort so gut, dass auch gelegentlich Bestellungen aus den reicheren Stadtvierteln entgegengenommen wurden. Voller Stolz berichtete Gyeong seiner Frau, wenn eine Bestellung nach Gangnam ausgeliefert wurde oder Männer in feinen Anzügen höchstpersönlich an den kleinen Tischen Platz genommen hatten.
Die Fahrradkette rasselte in monotonem Takt, als Soo-Jung wieder Fahrt aufnahm. Zum Stadtbezirk Nangok-Dong sollte die Bestellung gehen. Nachdem er einige Abzweigungen genommen hatte, rollte er durch eine Gasse, die von niedrigen, grauen Mauern gesäumt war, auf denen rote Ziegel locker ruhten und drohten, runterzustürzen. Hinter der Betonfassade ragten die Dächer bescheidener Behausungen in unterschiedlichen Höhen hervor, steinerne Säulendiagramm. Es stank entsetzlich nach Urin, verwestem Kohl und menschlichen Ausdünstungen. Soo-Jung war froh, wenn er diesen trostlosen Bezirk wieder verlassen durfte. Die Räder drehten sich nun langsamer, da er seinen Bestimmungsort fast erreicht hatte. Gegen ein grünes Metalltor, das der Rost im Laufe der Zeit angenagt hatte, lehnte ein junges Mädchen. Schon aus der Ferne erkannte Soo-Jung, dass sie hübsch war. Je näher er ihr kam, desto schneller pochte sein Herz in der Brust. Doch ihre Schönheit war von Trauer getrübt. Denn matt glänzte ihr Gesicht im Licht. Sie musste noch vor einigen Sekunden geweint haben. Leicht flatterte der schwarze Rock ihrer Schuluniform in der Brise. Völlig in Gedanken verloren, hatte sie Soo-Jung nicht bemerkt, der sich mit der schweren Thermotasche auf sie zubewegte. Endlich hob sie ihr Kinn und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Uniform das feuchte Gesicht ab.
Warum schämten sich die Menschen für ihre Gefühle? Das machte sie ja gerade zu Menschen.
„Eine Bestellung für Familie Lee“, sagte Soo-Jung, während er verlegen zu Boden blickte.
Traurigen Mädchen konnte er nicht in die Augen sehen, obwohl sie sehr schöne Augen hatte. Sie waren zwar schmal, aber es funkelte liebenswerte Güte in ihnen, die Soo-Jung irgendwie tröstete.
„Ja, das sind wir“, erwiderte sie und nahm die Bestellung entgegen.
Die zerknüllten Won-Scheine, die ihm das Mädchen mit zarten, gläsernen Fingern überreichte, stopfte er hastig in seine Gürteltasche. Aus dem Haus hinter ihr war Lärm zu vernehmen. Es war das Gebrüll eines zornigen Mannes und das dezente Wimmern eines verängstigten Kindes. Verlegen drehte sich das Mädchen um, wonach sie ihm einen berschämten Blick zuwarf.
„Ja, ich muss dann wieder los“, verabschiedete Soo-Jung.
„Mein Name ist Hyuna“, flüsterte sie, als er bereits einen Fuß auf dem Pedal hatte.
Eine achtförmige Spur hinterließ er im Staub, als er wieder auf sie zurollte.
Zögernd streckte er ihr seine schmale Hand entgegen, auf der sich eine dicke Ader unter der faden Haut entlang zog. Die Fahrradstange drückte in sein Becken, als er nun mit den Beinen festen Halt gefunden hatte. Beide Hände zusammengefaltet war sie es nun, die verlegen den Boden anstarrte.
„Mein ist Name ist Soo-Jung.“ Ihr Händedruck war zerbrechlich.
Im Hintergrund war es einige Sekunden still geworden, dann fing der Zornige wieder an rumzubrüllen. Die dünnen Hauswände vermochten die Wut nicht zu verbergen.
„Warum schreit der denn so?“, fragte Soo-Jung hinter ihr deutend.
„Er ist wieder wütend, weil mein Bruder etwas kaputt gemacht hat.“
„Dann muss dein Bruder etwas sehr Teures zerstört haben“, sagte Soo-Jung, da ihm nichts Besseres einfiel.
„Eigentlich“, meinte sie, während ihre gläsernen Finger durch das Haar strichen, „brüllt er oft.“
Die Schiebetür des Hauses öffnete sich und ein Junge hastete mit kurzen Schritten raus. Ihm folgte der Zornige, über dessen stolzen Bauch sich ein fleckiges Unterhemd gestrafft hatte. Beim Laufen hielt er sich die Hose, während er die Hand mit dem Gürtel zu einer Faust geballt hatte, die er fluchend in die Luft riss.
„Komm zurück, verdammter Bengel!“, stöhnte er und blieb stehen, als er Soo-Jung bemerkte.
Seine erregten Augen formten sich zu Schlitzen, die den Lieferjungen böse anfunkelten. Vom Wind wurden seine grauen Koteletten erfasst, als er entschlossen auf Soo-Jung und Hyuna zumarschierte.
„Was suchst du hier?“, fragte er.
„Er hat uns nur das Essen geliefert.“
Prüfend blickte der Zornige auf den Nudelbecher in ihrer Hand, aus dem schon lange kein Dampf mehr stieg.
„Dich habe ich nicht gefragt!“, fauchte er sie an. „Geh zurück ins Haus!“
Hyuna presste sich die Hand auf den Mund und tat, was ihr befohlen wurde. Mit einem zischenden Geräusch schloss sich die Schiebetür. Soo-Jung glaubte, zuvor ein Lächeln in ihrem Gesicht erkannt zu haben.
„Und du verschwindest jetzt“, drohte der Mann, beide Fäuste in die Hüfte gestemmt. Vollkommen grau waren auch seine krausen Brusthaare, die unter dem versifften Hemd hervorquollen. Wortlos drehte sich der Lieferjunge um und fuhr davon. Stress war das Letzte, was er heute gebrauchen konnte, obwohl ihm das Mädchen leidtat.
Endlos schienen die grauen Mauern zu sein, die sich bedrohlich auf beiden Seiten auftürmten und ihre niedrigen Schatten auf ihn warfen. Obwohl Soo-Jung selbst arm war, schätzte er eine hübschere Wohngegend. Die hier glich eher einer verrotteten Konservendose, in die willkürlich viele Menschen reingestopft worden waren. Einmal hielt er kurz an, um einen kleinen Hund zu beobachten, der zwischen den Mülltonnen umherstreunte. Schnüffelnd begutachtete der kleine Taiwanhund die Rillen der Tonnen, von denen er eine mit der Nase aufstieß. Der Metalldeckel war noch nicht zur Ruhe gekommen, da begann das Tier schon daran zu lecken, als wäre die Innenfläche mit Hackfleisch beschmiert worden. Soo-Jung stieg vom Rad, das er an die graue Mauer lehnte. Leicht silbern war das ansonsten schwarze Fell, über das er strich. Der Taiwanhund ließ es sich gefallen, während die filzige Zunge den Rand des Deckels abschleckte.
„Wir sind gar nicht so verschieden“, seufzte Soo-Jung.
Treu blickten ihn die Hundeaugen an, sodass er laut lachen musste. So einfache Dinge bereiteten ihm also Freude. Wer hätte das gedacht? Das Leben war anscheinend doch nicht so kompliziert.
Somewhere over the Rainbow
Das verfluchte Handy zerstörte diesen magischen Moment. Und als wenn der Hund dies ahnte, begann er laut zu kläffen und seine spitzen Zähne zu fletschen.
„Du hast ja recht“, beruhigte ihn Soo-Jung und strich dem Tier ein letztes Mal übers Fell.
Als er wieder aufs Rad stieg, ertönte immer noch die schrille Melodie. Die Räder knatterten, die Morgenluft schnitt sich in seine Wangen und hinter ihm vernahm er das durch die grauen Gassen schallende Geräusch von vier Pfoten, die auf Asphalt galoppierten.
„Nein, lauf mir nicht hinterher, du blöder Flohzirkus!“, rief Soo-Jung, nachdem er einen Blick nach hinten geworfen hatte, aber der Hund war genauso ein Sturrkopf wie er. Und das gefiel ihm.
David gegen Goliath. So kam es Haekwon zumindest vor, als er das kleine Zelt aus blauen Kunststoffplanen, worunter sich der Odeng-Stand befand, neben dem Seoul Tower erblickte. Der stählerne Fernsehturm durchbrach den grauen Himmel, von dem es reichlich goss. Für die Strecke hatte er sich ein Taxi genommen. Für den Rückweg wollte er die Metro nehmen. Die blauen Planen fanden keine Ruhe, da der Wind mit ihnen spielte. Oben über dem Eingang hatte sich Regenwasser gesammelt, sodass die wenigen Gäste beim Ein- und Austreten ihre Köpfe mit Zeitungen, Regenschirmen oder den blanken Händen schützten. Von seinem Militärschnitt perlte saures Wasser, das das blaue Hemd und die Cordhose durchweichte. Wieso er sich so fein angezogen hatte, wusste er selbst nicht. Schließlich traf er sich nicht mit einem Mädchen. Trotzdem klopfte sein Herz wild wie bei seinem ersten Date, an das er sich nur noch verschwommen erinnerte. Im Zelt roch die Luft künstlich und feucht. Zusätzlich schlug ihm der milde Duft der Fischkuchenspieße entgegen, die sich ein Bad im heißen Wasser gönnten. Hinter dem Stand befand sich eine Frau mittleren Alters mit kurzer Dauerwelle, die ihn mit einem ebenso künstlichen Lächeln begrüßte. In einer grünen Schürze gehüllt versorgte sie die bereits sitzenden Gäste mit Soju und Fischspießen. Zunächst fiel Haekwon seine Zielperson nicht sonderlich auf. Ganz im dunklen Schatten des Zeltes saß er unscheinbar auf einer Holzbank hinter einem älteren Ehepaar, das sich lachend und schmatzend vergnügte. Der kahlköpfige, bleiche Junge saß ganz still da, während er sein Essen in Sojasoße tunkte und gelegentlich einen kräftigen Schluck aus der Coladose nahm. Langsam blickte er auf, als Haekwon vor ihm stand.
„Da bist du ja endlich“, sprach er so vertraut, als würden sie sich schon seit Jahren kennen. „Setz dich oder verschwinde wieder“, fügte er mit einer Handbewegung hinzu, als Haekwon immer noch vor ihm stand und keinen Ton von sich gab.
Jemand, der geradewegs seine Meinung sagte. So lebte Haekwon doch in einer Welt, in der sich verlogene Menschen gegenseitig die Haut abzogen und sich dabei noch anlächelten. Innerlich fühlte er jetzt schon eine unerklärliche Verbundenheit zu diesem Jungen, daher entschied er sich für Ersteres und setzte auf die Bank. Gegenüber saß tatsächlich sein Freund aus der virtuellen Welt und hatte das Treffen nicht sausen lassen.
„Wenn ich so deine Klamotten sehe, bist du anscheinend Sohn eines Bonzen“, bemerkte Soo-Jung und schob sich noch ein langes, dampfendes Stück Fischkuchen in den Mund.
„Also mein Vater...“
„Hey Fräulein, bitte noch eine Portion für mich und meinen Kumpel!“
Ehrlich war er, aber Manieren hatte er keine, dachte Haekwon. Er musste mehr über ihn erfahren.
„Tschuldigung.“, meinte der Kahlkopf grinsend. „Was war mit deinem Vater?“
„Also mein Vater ist Unternehmer.“
„Mit anderen Worten deine Familie stinkt nach Geld.“
Soo-Jung lehnte sich vor, als wenn etwas an Haekwons Gesicht kleben würde. Die Bedienung brachte währenddessen eine große Schüssel mit Spießen und stellte vor Haekwon ein kleines Schälchen mit salziger Sojasoße, die sich farblich nicht von der Cola unterschied.
„Lang zu“, meinte der Kahlköpfige.
Zögernd nahm sich Haekwon einen dampfenden Spieß, der so zäh war, dass er mit den Vorderzähnen lange daran zerren musste.
„Und du bist wirklich Lieferbote?“, fragte er, während ihm noch ein Stück Fisch heiß auf der Zunge lag.
Ein Grinsen breitete sich über dem bleichen Gesicht aus.
„Ja, ich liefere in fast jede Ecke der Stadt.“
„Und warum gehst du nicht zur Schule?“
Das Grinsen verflüchtigte sich wieder und wich einer ernsten Miene.
„Du stellst ganz schön viele Fragen für das erste Treffen“, raunte Soo-Jung. „Naja, ich will nicht so sein. Du hast Glück. Heute habe ich gute Laune, daher sag ich es dir. Die Antwort auf deine Frage ist so simpel wie das Alphabet. Ich habe einfach kein Bock auf die Schule.“
Das klang für Haekwon so einleuchtend, dass er nicht nachhakte. Außerdem wollte er den Kahlkopf nicht weiter verärgern. Mit einer blauen Serviette wischte sich Soo-Jung einen Tropfen Sojasoße vom Mundwinkel und schmiss das Tuch anschließend in die Schale. Dunkel verfärbte sich die Serviette, als sie sich mit der schwarzen Flüssigkeit vollsog.
„Fräulein, wir möchten zahlen!“, rief er mit einem neckischen Grinsen der Verkäuferin zu, die herbeieilte und sich daran machte die Schalen und Schüsseln vom Tisch zu räumen. Leise grunzende Laute gab Soo-Jung von sich, während er die zerknüllten Scheine auf den kleinen Tisch legte, die sich langsam entfalteten.
Wir möchten zahlen hatte er gesagt und doch alles selbst bezahlt. Haekwon schwieg.
„Du redest nicht viel, was?“
„Naja, ich möchte nur das Nötigste sagen. Denn Worte können eine verheerende Wirkung haben.“
„Das gefällt mir“, meinte Soo-Jung. Dabei war sein bleicher Zeigefinger wie ein Revolver auf Haekwon gerichtet. „Ich persönlich rede auch nicht viel, aber die Klappe ganz halten, so wie du, könnte ich nicht.“
Als sie das kleine Zelt verließen hatte der Regen nachgelassen. Nur noch einzelne Tropfen hagelten vom stählernen Himmel. Schweigend standen sie am Straßenrand und beobachteten den Verkehrsfluss, der so zähflüssig war, als würde er aus Lava bestehen. Das Hupkonzert dröhnte Haekwon in den Ohren und die Fahrzeuge, die unermüdlich Kohlenstoffmonooxid ausspuckten, vernebelten seine Sinne.
„Ich kenne da einen Ort, dort können wir in Ruhe quatschen und was trinken.“
„Ok.“ Das erste Mal an diesem Abend lächelte Haekwon.
Sie fuhren mit der Metro durch mehrere Stadtviertel. Menschen verließen und betraten die Abteile, flüchtige Besucher so wie sie selbst. Meist abgehetzte Gesichter, dazwischen einige resignierte Mienen, aber gelegentlich sah man auch den einen oder anderen entspannten Zug. Eine Frau beugte sich über einen Kinderwagen und wedelte verzweifelt mit einer Rassel, da das Baby nicht aufhörte, zu weinen.
„Kutschi, kutschi, kutschi“, alberte sie ein kindisches Mantra.
Über Soo-Jungs Miene huschte ein Schmunzeln, das, wie Haekwon vermutete, mehr Verachtung als Belustigung äußern sollte. Wie ein Großstadtäffchen hielt sich der Kahlkopf am Kunststoffriemen fest, seine Beine in lockerer Stellung.
„Lass doch das Kind in Frieden!“, rief er der jungen Mutter zu. „Es will die scheiß Rassel nicht.“
Giftig blickte die Frau auf.
„Und du, kümmer dich um deinen eigenen Kram.“
Soo-Jungs Augen erhaschten gierig einen Blick auf den wohlgeformten Hintern der Dame, der in einem langen Rock mit Blumenmuster verpackt war. Mit der Zunge leckte er sich über die schmalen Lippen, während er seine Augen nicht vom Po der jungen Frau lösen konnte.
„Schon mal gevögelt?“, fragte er in der Menge stehend.
Haekwon spürte, wie seine Wangen leicht erröteten. Ein Kribbeln, das sich wie eine raue Decke über die gesamte Gesichtshaut zog. Seine Antwort war ein kurzes Nicken. Dabei dachte er an Yeji, seine erste Freundin. Vor seinem geistigen Auge erschien ihm das Dreiecksgesicht bedeckt mit einer dicken Hornbrille. Die Augenbrauen stets hochgezogen, eine überrascht naive Miene erzeugend.
„Also ich könnte mal wieder“, sagte Soo-Jung zwinkernd.
In der Ecke versteckte sich ein alter Mann hinter seiner Zeitung, von dem Haekwon nur raschelndes Papier und ein leises Lachen vernahm. Ob der Greis einen amüsanten Artikel las oder ihr Gespräch belauscht hatte, wusste er nicht. Allein diese Ungewissheit bereitete ihm Unbehagen, daher wollte er die Metro schnell verlassen. Doch sie verließen die eiserne Raupe erst an der letzten Station. Diesen Stadtteil hatte Haekwon zuvor nie besucht und es kam ihm so vor, als würde er einen fremden Planeten betreten, auf dem man sich behutsam bewegen musste. Hingegen stieg Soo-Jung eiligen Schrittes die Stufen hoch, mit einer Sicherheit, die Haekwon bewunderte. Auf dem Asphalt lag überall Müll. Die Gebäude, teils zerfallen, konkurrierten mit ihrem Grau mit der düsteren Wolkendecke, die wieder drohte, sich über sie zu ergießen. Der Wind wehte ihnen schneidig um die Wangen und die feuchte Kälte drückte sich langsam auf Haekwons Gemüt.
„Wie lange dauert es noch?“, fragte er.
Soo-Jung lief, ohne zu antworten einen Schritt vor ihm. Gelegentlich bildeten sich an seinem Nacken fleischige Falten, wenn er hochsah, um den Himmel zu betrachten, als wenn er dadurch einen weiteren Schauer verhindern könnte. Das Gras auf beiden Seiten der Straße war verdorrt und darbte vor sich hin. Am Ende des Weges erreichten sie ein Areal, auf dem sich mehrere zerfallende Fabriken und Lagerhallen befanden. Fossile Überreste aus besseren Zeiten. Eingeschlagene Fenster, korrodierte Metallwände und Wellblech auf dem sich moosiges Grün ausgebreitet hatte. Alles befand sich an einem Kanal, der mit schmutzigem Wasser gefüllt war.
„Willkommen in meinem Reich.“ Soo-Jung reckte beide Arme in die Höhe und lächelte verschmitzt.
„Was sollen wir hier?“
„Habe ich doch gesagt. Quatschen und was trinken. Dazu benötigt man eine Kulisse mit Charme und Atmosphäre.“
Aus seinem roten Rucksack kramte er zwei Dosen Bier, mit denen er Haekwon zuwedelte. Tatsächlich spürte er hier an diesem Ort der Verrottung einen gewissen Frieden. Diese Leere hatte etwas Anziehendes. Die Anstrengung der Menschen so viele Gegenmenschen kennenzulernen wie möglich, hatte Haekwon noch nie nachvollziehen können. Je mehr Leute man kannte desto mehr Ärger hatte man. So jedenfalls seine Faustregel. In der Schule verhielt er sich daher sehr bedeckt und streifte meist allein durch die Korridore. Diejenigen, die er einst kannte, hatten bereits ihren Schulabschluss und studierten an den verschiedenen Unis der Welt. Verstreut in alle Winde. Und Haekwon war froh über diesen Neustart. Ging nichts mehr, drückte man einfach auf die Resettaste.
„Komm wir setzen uns ans Ufer“, schlug Soo-Jung vor.
Während sie einen Dampfer verfolgten, der gemächlich an ihnen vorbeifuhr und schwarzen Qualm in den Himmel spie, öffnete Soo-Jung als erster die Dose Hite. Zischend sprudelte der Schaum ans Tageslicht, was Haekwon animierte auch sein Bier zu öffnen. Der Kahlkopf trank fast die Hälfte in einem Zug aus. Danach verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Erst lag einem der bittere Geschmack auf der Zunge, danach ein wärmendes Gefühl in den Eingeweiden. Im Takt zu einer nicht hörbaren Musik schlug Haekwon mit der Hacke gegen die Betonwand des Kanals, sodass am Wadenbein die Cordhose verdreckte. War er nervös?
„Bist du oft hier?“
Soo-Jung trank seine Dose aus, die er zerknüllte und ins Wasser schmiss. Einsam trieb sie dem Dampfer hinterher, von dem nur noch die Rauchfontäne zu sehen war. Einige Sekunden schweifte sein Blick über die Landschaft, die sich farblich den stählernen Fossilien angepasst hatte.
„Gelegentlich, wenn ich allein sein will, um nachzudenken. Jetzt hätte ich mal eine Frage: Was macht so ein reicher Bengel wie du den ganzen Tag? Golf oder Tennis spielen? Auf Cocktailpartys rumlungern?“
Jetzt war es Haekwon, der sich einen langen Zug aus der Dose gönnte, so als müsste er sich Mut antrinken, damit er nicht die falschen Worte wählte.
„Weißt du, ich tue eigentlich all die Dinge, die andere auch machen. Manchmal wünsche ich mir sogar, dass ich nicht der Sohn eines Bonzen wäre.“
Ein verächtliches Schnaufen vernahm er vom Kahlen, der seinen Kopf schmunzelnd schüttelte und einen weiteren Schluck nahm. Bierschaum klebte an seiner Oberlippe, die sich zu einem Grinsen verzerrt hatte.
„Wenn ich in deiner Lage wäre, dann würde ich feiern und meinen Spaß haben, bis ich tot umfalle.“
„Glaub mir. Wenn es zur Gewohnheit wird, dann möchtest du etwas anderes. Ein anderes Leben, einen anderen Freundeskreis und eine andere Umgebung. Menschen neigen leider dazu, sich schnell zu langweilen.“
Darüber musste Soo-Jung erstmal nachdenken. Denn er schwieg und blickte wieder in die Ferne. Er war doch eigentlich zufrieden mit seinem Leben. In eine andere Richtung zu streben hielt er nicht für nötig, aber nach oben war gerade nicht verkehrt.
„Gefällt dir dein Job?“
„Tja, es gibt Tage da verfluche ich ihn und er ist mir überaus lästig. An anderen Tagen wiederum denke ich mir, Mensch die Arbeit ist gar nicht mal so schlecht. Man lernt neue Leute kennen, ist den ganzen Tag an der frischen Luft und kann die Eindrücke der Stadt in sich aufnehmen.“
Der Wind wehte nun stärker über die Landschaft, ließ die Metallwände der Urriesen erzittern, pfiff durch die zerborstenen Fenster und selbst das verdorrte Gras verneigte sich ehrfürchtig vor ihm.
„Es regnet gleich wieder. Wir sollten verschwinden. Es sei denn dein Bonzenarsch will nass werden.“
Haekwon lachte laut.
„Im Sommer ist es hier besser. Dann kann man trinken, auf dem trockenen Gras liegen und den wolkenlosen Himmel betrachten. Einfach die Seele baumeln und die Gedanken schweifen lassen.“
Diese Vorstellung gefiel Haekwon. Im Grunde seines Herzens wünschte er sich doch nichts als einen ehrlichen Menschen an seiner Seite, die in dieser Welt immer seltener wurden. Vielleicht sogar ausgestorben waren. Möglich, dass er mit dem Kahlkopf eine solche Person gefunden hatte.
„Ja, lass uns gehen“, stimmte Haekwon zu, während er sich am Muttermal über der Lippe kratzte, das gelegentlich juckte.
Wieder ging Soo-Jung ein Stück voraus, sodass er sich wie ein Reisender vorkam, der von einem hiesigen Bewohner durch eine fremde Landschaft geführt wurde. Doch so fremd kam Haekwon diese Gegend nicht mehr vor. Schnell hatte sich eine Vertrautheit in seine Gedanken geschlichen, während er Soo-Jung durch eine schlecht befestigte Gasse folgte, die von zwei Lagerhallen gesäumt wurde. Die breiten, korrodierten Metallwände überragten sie und schwankten wie taumelnde Giganten, da sie von einem starken Windstoß erfasst wurden. Dann ging es wieder über den Friedhof der zerfallenen Wohnblocks, deren fenster- und türlosen Öffnungen wie schreiende Mäuler offenstanden. Doch niemand erhörte ihr lautloses Klagen. Sie befanden sich tatsächlich am äußersten Rand von Seoul. Lange Zeit schien es her zu sein, dass dieser Ort seine Blütezeit erlebt hatte. Kaum hörte die pulsierende Wirtschaftsader auf zu pochen, waren auch die Anwohner vor den scharfen Raffzähnen der Existenzbedrohung geflohen.
In der Metro schwiegen sie. Selbst die anderen Fahrgäste stimmten in ihr Schweigen ein, aber dafür nahm man andere Geräusche umso intensiver wahr. Raschelndes Zeitungspapier, Hüsteln, Räuspern, quengelnde Kinder und das Ruckeln, wenn die Bahn über eine Unebenheit fuhr. In solchen Momenten horchte Soo-Jung genau hin. Denn es waren nicht nur Geräusche der Umgebung, sondern es war viel mehr die Stimme der Stadt. Für ihn besaß sie eine eigene Sprache, die er mittlerweile verstand, eine geheime Botschaft, die nur er entschlüsseln konnte. Der Zeitungsleser in der Ecke wollte nicht angesprochen werden und seine Ruhe haben, die Kinder waren erschöpft vom langen Tag und die Schienen mussten langsam wieder saniert werden. Sein neuer Freund, wenn man ihn so bezeichnen konnte, war in Ordnung, aber schien in sich gekehrt. Jedes Mal, wenn die Metro eine schärfere Kurve fuhr, spürte Soo-Jung den Riemen, der sich in seine Hand schnitt. Von oben betrachtete er den Bürstenkopf. Haekwon hatte seine Ellenbogen auf die Knie gestützt und in gebeugter Haltung starrte er auf die Fensterscheibe, die mit Fingerabdrücken beschmiert war. Dunkelheit und dann wieder Licht. So war der Rhythmus, wenn die U-Bahn aus dem Tunnel fuhr, um die nächste Station anzufahren. Die Neonröhren hingegen brannten in disziplinierter Zuverlässigkeit auf die Fahrgäste nieder. Haekwons müdes Gesicht war von kalten Fingern umschlossen, die versuchten, sich an den erhitzten Wangen wärmen.
In der Nähe vom Seoul Tower stiegen sie aus. Inzwischen war der Himmel aufgeklart. Die Befürchtung eines weiteren Regenschauers hatte sich im Nichts aufgelöst. Am Straßenrand stehend betrachteten sie erneut den Verkehrsfluss, der sich nicht verändert hatte. Diese Stadt war ständig in Bewegung. Dynamischer Verkehr, dynamische Menschen, dynamische Leben. Nach den zerfallenen Fabrikhallen und maroden Wohnhäusern schien die Flut aus leuchtenden Reklametafeln, modernen Wolkenkratzern und Straßen voller Menschen, die sich wie unzählige Thermiten über den makellosen Asphalt bewegten, wie eine märchenhafte Glitzerwelt. Dieses künstliche Plastikleben hatte Haekwon satt, denn sie drohte, wie er selbst der Meinung war, die letzten Kulturschätze zu ersticken.
„Nächste Woche gleiche Uhrzeit, gleicher Treffpunkt?“
Soo-Jung streckte ihm die Hand entgegen.
„Abgemacht“, erwiderte Haekwon kurz und ergriff die bleichen Finger, die sich im Gegensatz zu dem unbedarften Charakter des Kahlkopfs eher zierlich und zart anfühlten. Seine wirkte grob und kräftig. Obwohl er keinen Sport mehr machte, schien dies ein Überbleibsel aus vergangenen Jahren zu sein. Regelmäßiges Tennisspielen hatten seine Oberarme und Schenkel kräftig gemacht, was ihm der Laptop und die Softdrinks wieder genommen hatten. Nur sein Griff war immer noch der Alte. Soo-Jung drehte sich um und verschwand ohne weitere Worte zu verlieren in der Menschenflut, die auf ihn zurollte, während Haekwon den dunklen Rachen der Metrounterführung hinabstieg. In Gedanken versunken, da er immer noch nicht sicher war, was er sich von weiteren Treffen erhoffte.
Der Warteraum des Krankenhauses quoll über wie eine faulig stinkende Mülltonne. Ein kleiner, pummeliger Junge saß auf dem warmen Mutterschoß einer zierlich gebauten Frau, die vergeblich versuchte, liebevoll seinem Jammern ein Ende zu setzen. Auf hellgrünen, am Boden festgeschraubten Kunststoffstühlen saßen meist ältere Leute, sehnsüchtig darauf wartend, dass die unfreundliche Schwester hinter dem Schalter ihre Zahl aufrufen würde. Hyuna presste sich das Taschentuch fester auf die Nase. Einige Tropfen Blut waren bereits auf die roten Kacheln gefallen, fielen daher nicht sonderlich ins Auge. Er hatte es schon wieder getan, obwohl sie alle Regeln befolgt und sich seinem Willen gebeugt hatte. Er hatte sie erneut geschlagen. Sie wusste nicht, wann seine Wutausbrüche ein Ende nehmen würden. Unkalkulierbar der Zorn war eines Mannes, der von der eigenen Frau hintergangen wurde, indem sie mit einem Immobilienmakler eine Affäre angefangen hatte und nach Japan durchgebrannt war. Auch Hyuna spürte gelegentlich diesen Zorn. Denn sie fühlte sich von ihrer eigenen Mutter im Stich gelassen. Ihr einziger Trost war ihr sechsjähriger Bruder, Ji-Min, der sich tapfer auf den fleischigen Rücken seines Erzeugers geschmissen hatte, als der wieder die Kontrolle über sich verlor. Nicht selten bekam der kleine Junge dabei auch eine verpasst. Dann taumelte er winselnd wie ein Welpe in eine Ecke, was Hyuna mehr Schmerzen bereitete als der Schlag ins Gesicht.
„Nummer 124!“ Die mechanische Stimme der Schwester dröhnte blechern aus dem Lautsprecher. Routine und Alltag hatten ihre Gesichtszüge versteinern lassen. Alle Emotionen waren im Geruch von Desinfektionsmitteln und den Ausdünstungen Kranker zersetzt worden. Nur die hellblaue Kappe auf ihrem leicht ergrauten Haar hatte etwas Warmherziges. Hyuna blickte auf den zerknitterten Zettel in ihrer Hand. Die Zahl, die aufgerufen wurde, gehörte einem Greis im Poloshirt, der sich mit Hilfe seines Gehstocks aufrichtete und auf den Schalter zuwankte. Ein Speichelfaden klebte ihm am Kinn und er schien kaum in der Lage die kurze Strecke zu bewältigen, die ihm in seinem Zustand wie eine Reise zum Mount Everest vorkommen musste. Seufzend stopfte sie den Zettel mit der 145 in die Hosentasche ihrer Jeans, auf der am rechten Oberschenkel eine blaue Blume aufgestickt war. Die hässliche Hose hatte sich heute mit einem gelben Schlabberpulli vermählt. Ice Cream war auf der Brustseite in weißen Lettern gedruckt. Grässlich diese Kombination, die zu Hyunas Stimmung passte. Wenn alle Klamotten abgenutzt waren, schickte sie meist ihr Vater, Jun-Su, zur Kleiderspende, da der Stolz ihm selbst die Beine lähmte. Genauso lähmend war die Scham, die sie dazu trieb, auch in der Freizeit in ihrer Schuluniform rumzulaufen, damit andere nichts von ihrer Armut erfuhren. Immer noch dröhnte ihr der Schädel. Sie spürte ein Stechen auf dem Nasenrücken, der hoffentlich nicht gebrochen war. Ins Gesicht hatte er sie noch nie geschlagen. Sie hatte das überraschte Aufblitzen in seinen Augen bemerkt, da er sich selbst über die eigene Grobheit zu wundern schien. Patienten verließen das Krankenhaus und doppelt so viele strömten nach. So viele kranke Menschen, die kleine oder große Gebrechen behandeln lassen wollten. Neben Hyuna nahm ein Junge im Sportdress Platz, den Arm im Gips. Freunde und Familie hatten ihn signiert. Hinter den mit schwarzem Filzstift gemalten Geschmiere tauchte nur sporadisch weißer Verband auf. Anscheinend war er sehr beliebt. Hyuna tat so, als müsste sie zur Toilette. Denn im Gesicht des Jungen, zwar schön und jugendlich, erkannte sie auch die Ungeduld und Unbeherrschtheit ihres Vaters. Eingekeilt zwischen dünnen Holzwänden der Toilettenkabine vernahm sie rauschende Wasserhähne und beiläufige Gespräche. Der Raum kam ihr kälter vor als der Wartesaal. Trotzdem blieb sie auf dem runtergeklappten Toilettensitz, um die Zeit verrinnen zu lassen. Im Sichtfeld nur die weiße Tür aus Sperrholz. Daneben die zerpflückte Klopapierrolle, die sich dem Ende neigte. Es hatte aufgehört zu bluten, daher schmiss sie das durchtränkte Taschentuch in die klaffende Öffnung des Mülleimers. Dumpf drang die Lautsprecherdurchsage bis zu ihr.
„Nummer 129!“
Sie würde noch hier einige Zeit verharren müssen, bis der zuständige Arzt sie ihrer Ungewissheit berauben würde. Eine gebrochene Nase konnte viele lästige Fragen in der Schule aufwerfen, der sie als schlechte Lügnerin kaum standhalten würde. Im Rausch der Gedanken musste sie an den Lieferjungen denken. Er hatte die treuen Augen eines Hundes und das schüchterne Lächeln eines Knaben, der das erste Mal eine nackte Frau zu Gesicht bekommt. Einen richtigen Freund hatte Hyuna noch nie gehabt. Es waren vielmehr kurzfristige Begegnungen gewesen, die mehr enttäuschend als erleuchtend gewesen waren. Innere Schönheit, das war nicht nur eine Phrase für sie. Denn ihre letzte Begegnung hatte sie mit einem Jungen, mit dem sie einige Male zusammen gegessen hatte. Die Kilos, die er zu viel auf die Waage brachte, störten sie nicht. Vielmehr fürchtete sie sich vor der Unsicherheit des Dicken, die schnell in Angst und Wut umschlagen konnte, daher hatte sie die Sache schnell beendet. Das Gesicht war für Hyuna nicht nur ein Sammelsurium aus Mund, Nase und Augen, sondern versuchte sie bei Fremden zunächst anhand der Mimik den inneren Seelenzustand zu ergründen. Wie konnte sie eine Person lieben, die selbst keine innere Ruhe finden konnte?
„144!“
Nun war es fast so weit. Mit einem seltsamen Gefühl verließ sie die Kabine und wusch sich am schmutzigen Waschbecken die Hände. Im dumpfen Licht der Neonlampe betrachtete sie im Spiegel ihr Gesicht. Sie sah müde aus. Trotzdem nicht unbedingt unglücklich. Die Augen waren für ihren Geschmack zu asiatisch. In der Stadt wurden die Sinne von Reklametafeln fast erdrückt, auf denen schlanke Frauen mit großen, runden Augen die Kosmetikindustrie anpriesen. Manchmal blieb sie vor einem Plakat stehen, um minutenlang die schönen Gesichter von Models zu betrachten. Um ihr schien die Welt ohne sie weiterzulaufen, während sie in einer stehenden Zeitkapsel gefangen war, mitten auf dem Bürgersteig. Hinter den bunten Bildern erstreckte sich die farbengeschmückte Betonlandschaft.
„Wie ist das passiert?“, fragte der Arzt.
„Hab in der Schule einen Basketball ins Gesicht bekommen“, log Hyuna.
Das breite, rosige Gesicht des Mannes lächelte zwar, aber drückte auch Zweifel aus. Als die warmen Finger ihre Nase berührten, zuckte sie zusammen.
„Keine Sorge. Gebrochen ist sie nicht.“
„Gut.“
Hyuna ließ sich ihre Erleichterung nicht anmerken, obwohl der Arzt sehr vertrauenswürdig aussah. Das rege Treiben auf den Gängen drang in den kleinen Raum. Stimmgewirr und Gelächter, weinende Kinder, Durchsagen aus Lautsprechern, das Leben wie es von Gott gewollt war.
„Es ist nur eine harmlose Schwellung. Die wird in den nächsten Tagen abklingen. Meiden Sie aber die nächste Zeit Basketbälle“, scherzte der Arzt und lächelte mild.
„Wären wir dann fertig?“
Das breite Gesicht nickte zustimmend und gab ihr die Erlaubnis, zu gehen. Hyuna verabschiedete sich und hastete an den Kranken im Wartesaal vorbei, um in den beklemmenden Griff der Autoabgase zu flüchten. Die Stadt kam ihr wie ein Komposthaufen mit unzähligen Organismen vor, die mit schönen Lichtern geschmückt waren. Schon lange träumte sie von einem Leben am Meer. Am Straßenrand kaufte sie von einer freundlichen Dame einen getrockneten Tintenfisch. Lange musste sie an den verdorrten Beinen zerren, bis ihr die Zähne schmerzten. Endlich gelang es ihr dem getrockneten Kadaver eins auszureißen. Der restliche Rumpf verschwand in ihrer Tasche. Während sie auf dem noppigen Bein rumkaute, steuerte sie die Spielehalle an. Nach Hause wollte sie nicht gehen. Denn dort erwartete sie nur Ärger. Trotzdem hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie wollte Ji-Min nicht zu lange mit Jun-Su allein lassen.
Hyuna durchquerte eine morsche Holzpforte, die in ein Untergeschoss führte. Unten brannten die Lichter der Spielautomaten in grellen Farben. Ein Meer aus bunten, flackernden Neonröhren und Lämpchen begleitet von unförmiger Musik, die aus den Unterhaltungskisten schallte, durchflutete den Raum. Es roch nach feuchtem Holz und staubgeschwängerter Luft. Die meisten Sitze waren mit schwarzem, abgesessenem Leder bezogen. Nur einige Jugendliche hockten vor den Automaten und gaben sich der Fantasie hin, Terroristen zu töten, Karatemeister zu sein oder den virtuellen Asphalt mit schnellen Autos unsicher zu machen. Trotz dieser großen Auswahl spielte Hyuna schon seit Jahren nur ein Spiel. Der Flipper, eingekeilt zwischen zwei Stützbalken, stand am Ende des Raumes und schien nur von ihr benutzt zu werden. Schon als sie das erste Mal hier war, ging von diesem Gerät eine magische Wirkung aus, da sie alle verführerischen Angebote ignorierte und direkt auf den Flipper zumarschiert war.
Ein freundlich dreinblickendes Marsmännchen zierte die Frontscheibe des Automaten. Mit Vergnügen jagte sie die eiserne Kugel über ein Muster mit Ufos, die durch die Milchstraße düsten. Als sie die silberne Won-Münze in den Schlitz schob, stellte sie mit Genugtuung fest, dass ihr Rekord noch von niemandem gebrochen wurde. Mit schrillen Tönen erwachte die Maschine zum Leben. Stakkatoartig blitzten einige Lichter auf. Die Kakophonie der Spielehalle drängte sich in den Hintergrund zu einem müden Gemurmel, während sie vertieft im Rausch des Flipperns beobachtete, wie die Kugel chaotisch aber dennnoch zielstrebig von einer Seite zur anderen geschleudert wurde. Nur für eine Won-Münze, und sie vergaß kurzfristig ihre Sorgen. Ein geringer Preis wie sie fand. Nur drei Spiele machte sie, wenn sie hier war. Und niemals war es anders gewesen. Die warme, runzelige Hand von Tae-Min legte sich auf ihre Schulter. Über die Jahre hatte sie den alten Besitzer der Spielhalle gern gewonnen. Normalerweise saß er still mit seinem grauen Filzhut auf dem kahlen Schädel in der Ecke, während er sein müdes Gesicht auf einen braunen Gehstock stützte. Mit beiläufiger Aufmerksamkeit ließ er seinen Blick durch die Halle schweifen, um mögliche Unruhestifter zu orten. Die meisten Gäste saßen auf Hockern vor ihren Bildschirmen, mit entspannten Gesichtern von Lämmern, die von bunten Lichtern künstlich eingefärbt wurden. Nur selten tanzte ein Gast aus der Reihe. Dann lief Tae-Min in sein Kämmerchen, ein kleiner Nebenraum hinter dem großen Saal, der zu einem Büro umgebaut worden war, und rief die Polizei. Als sie Tae-Min das erste Mal begegnete, war ihr direkt sein leicht hinkender Gang aufgefallen. Trotz seines hageren Gesichtes wirkten seine Züge eher sanft als scharfkantig. Schwach wirkte er dennoch nicht, da seine Stimme sich mit Bedacht und Bestimmtheit ausdrückte.
„Wie geht es der Familie?“
Hyuna zuckte mit den Schultern. Die warmen, faltigen Finger berührten ihr Kinn und mit väterlicher Fürsorge drehte er ihr Gesicht in sein Blickfeld.
„Hat er es wieder getan?“
„Es war meine Schuld“, meinte Hyuna und widmete sich schüchtern wieder dem Flipper. Bisher war der alte Spielhallenbesitzer die einzige Person, die von ihren Problemen wusste. Tae-Min ging schweigend wieder in seine Ecke. Der Hocker, auf dem er saß, hatte im Gegensatz zu den übrigen einen anderen Lederbezug. Während Hyuna noch von den Klängen der Bonuspunkte beschallt wurde, blickte sie gelegentlich nach hinten. Der Alte hatte wieder seine gewohnte Pose eingenommen, aber er wirkte nachdenklicher als sonst.
Als sie aus der Dunkelheit des Untergeschosses wieder ans Tageslicht kam, war das Licht so grell, dass sie ihre ohnehin schon schmalen Augen noch fester zusammenkneifen musste. Sie kam sich wie ein Vampir vor, der nach hundertjährigem Schlaf wieder seinen Sarg verlassen musste. Mit dem Bus fuhr sie bis an den Stadtrand, wo sie wieder Kummer und Sorgen erwarteten. Das Monster des Alltags, das sie täglich aufs Neue verschlang und mit leerer Seele wieder ausspie. Durch die Glasscheiben des Busses, beschmiert mit Fingerabdrücken neugieriger Kinder, blickte sie auf eine vorbeizischende Glitzerwelt, bestehend aus Hochhäusern, Werbetafeln und Einkaufsstraßen. Doch bald wurde das Bild getrübt von zefallenen Häuserreihen, die architektonischen Stiefkinder der Hauptstadt. Einige streunende Hunde wandelten durch die schmalen, stinkenden Gassen in der Hoffnung auf etwas Fressbarem. Hyuna hatte Mitleid mit ihnen, aber wenn sie einen Streuner mit nach Hause nehmen würde, würde sie noch mehr Schläge erwarten. Denn eines hasste ihr Vater besonders: Streunende Flohfänger. Die grauen Mauerfassaden, die klare Besitzverhältnisse markierten, waren rissig. Sie hatte den Bus schon verlassen, der weiter durch das Armutsviertel fuhr, weiter in das schwarze Herz des Elends eindrang. Sie legte die Kuppe ihres Zeigefingers auf einen der Risse und fuhr ihn entlang, wie eine Rennstrecke, während sie langsam weiterging. Aus einigen Stellen strömten Ameisen oder anderes Getier ans Tageslicht. Dann blieb sie stehen und blickte in die Weite der Gasse. Vor ihr stand der Lieferjunge. Beide Beine fest auf dem Boden hockte er auf der Fahrradstange und blickte sie mit schüchternem Lächeln an. Sie erwiderte das Lächeln. Lange standen die beiden sich gegenüber und sagten kein Wort. Den kleinen Taiwanhund, der das Fahrrad in wilder Neugier umkreiste, hatte sie erst später bemerkt.
