Stimme aus der Tiefe - Byung-uk Lee - E-Book

Stimme aus der Tiefe E-Book

Byung-uk Lee

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Beschreibung

Als der Sohn des iranischen Postboten Yassir Navid spurlos verschwindet, bricht für ihn eine Welt zusammen. Seine Frau, Nia, die ihm noch Jahre später vorwirft, nicht auf ihren Sohn, Bassam, geachtet zu haben, begegnet ihm mit Hass. Die lieblose Ehe scheint zu zerbrechen. 19 Jahre später erscheinen plötzlich zwei Polizisten, die Yassir zu einem Mann bringen, der wissen könnte, wo sich Bassam befindet. Neue Hoffnung keimt wieder in ihm auf. Eingebettet in einer spannenden Verfolgungsjagd ist dies auch ein Roman für Leser, die sich für den Islam und die iranische Kultur interessieren. Als Leser folgt man nicht nur dem Protagonisten Yassir Navid auf der Suche nach seinem Sohn, sondern dringt auch tief in den Kern einer Kultur ein, die dem Okzident heute noch weitgehend unbekannt ist.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Byung-uk Lee

Stimme aus der Tiefe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

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3

4

5

6

7

8

9

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Impressum neobooks

Prolog

„Schau mal, Baba!“ Der kleine Bassam zeigte auf den Ziegenbock, der im Staub schlief und an einem Holzpfosten angeseilt war. Yassir lächelte und gab seinem Sohn die Erlaubnis, das Tier zu streicheln. Aufgeregt rannte der Junge auf den Bock zu.

„Der gehört dem Obsthändler, Faris. Ein prächtiges Tier. Irgendwann kauf ich dir auch eines.“

„Wirklich, Baba!?“ Ungläubig blinzelte der kleine Bassam seinem Vater entgegen, während er vorsichtig über das weiße Fell strich. Das Tier war mittlerweile aufgewacht und schüttelte sich.

„Denkst du etwa ich lüge?“ Yassir wollte seinen Sohn mit der Frage liebevoll auf die Probe stellen, aber wie zu erwarten war die Antwort des Jungen von Aufgewecktheit und Humor geprägt.

„Eher würde ich mich von einem Esel treten lassen.“

Sein Vater lachte herzhaft.

„Jetzt lass das Tier in Ruhe schlafen. Wir müssen noch für Mutter das Lammfleisch besorgen.“

Der Basar von Teheran war an diesem Morgen gut besucht. Eltern mit ihren Kindern, wie Yassir, spazierten über die braungelben Pflastersteine, die im Sonnenschein matt glänzten. Der Großteil der Geräuschkulisse bestand aus dem Stimmgewirr der Verkäufer, die schreiend ihre Produkte anpriesen. Der Duft von frischen Feigen, gegrilltem Lammfleisch und gebackenem Fladenbrot lag in der Luft.

„Ich habe Hunger, Baba“, sagte Bassam, während er Yassir am Saum seines weißen Gewands zupfte.

„Hab Geduld, mein Sohn.“

Die Sonne brannte auf die Menschen nieder. Einzelne Schweißtropfen liefen Yassir übers Gesicht. Unter seiner runden, grauen Mütze hatte sich eine unerträgliche Wärme gebildet. In Burkas vermummte und Tschadors gehüllte Frauen, die konsequent seinem Blick auswichen, kamen ihm entgegen. Yassir fragte sich, wie es diese armen Frauen nur schafften, bei der Hitze so verschleiert rumzulaufen.

An den eisernen Haken, die direkt durch die Kehlen gespießt worden waren, hingen die gehäuteten Lämmer. Bassam mochte diesen Anblick überhaupt nicht und vergrub das Gesicht im Gewand seines Vaters. Hinter den toten Lämmern stand Luqman, der Fleischhändler. Yassir gab ihm die Hand und einen Kuss auf die Wange.

„Schön dich zu sehen. Salaam Aleikum, Allah sei mit dir“, meinte Yassir gut gelaunt.

„Aleikum Salaam. Danke, alter Freund.“ Die beiden kannten sich schon seit ihrer Kindheit. Während Luqman das Fleisch in Stücke schnitt, erblickte er den vierjährigen Bassam.

„Mann, ist dein Junge ein gut aussehender Bursche“, meinte Luqman, während sein Beil kraftvoll auf das Brett fiel und dabei ein paar Rippen zerteilte.

„Was hast du erwartet“, sagte Yassir und fuhr mit seiner wettergegerbten Hand durch Bassams schwarzes Lockenmeer. „Ich bin schließlich der Vater.“

„Du kleines Schlitzohr. Da kann ich dir ausnahmsweise nicht widersprechen.“ Luqman fuchtelte mit seinem Beil in der Luft herum.

„Baba, kann ich wieder die Ziege streicheln gehen?“ Bassam blickte seinen Vater mit seinen großen, braunen Augen erwartungsvoll an.

„Sieh ihn dir an. Er wird später um einiges schlauer und hübscher sein, als sein alter Herr.“

„Jetzt übertreib mal nicht. So hässlich bist du auch wieder nicht“, scherzte Luqman, woraufhin Luqman über seine eigenen Worte laut loslachte.

„Baba, was ist denn jetzt? Kann ich gehen, bitte!“

„Geh schon, mein Sohn, aber bleib bei der Ziege und geh nirgendwo anders hin.“ Yassir klopfte Bassam auf die Schulter, bevor der Junge in der Menschenmenge verschwand.

„Kannst stolz auf ihn sein“, meinte Luqman.

„Ja, das bin ich auch.“ Yassir blickte seinen Freund ernst an. „Ich wünschte nur, Allah hätte dir und deiner Frau auch dieses Geschenk gemacht.“

„Jetzt hör schon auf, sonst fang ich, vor Rührung, an zu weinen.“ Luqman tat so, als ob ihm die Bemerkung seines Freundes nichts ausmachen würde. „Mir und meiner Frau war es halt nicht bestimmt, ein Kind zu haben.“

„Es ist ein so schöner Tag. Lassen wir uns nicht von trüben Gedanken die Stimmung verderben.“ Yassir wollte das Thema wechseln, da er merkte, dass es seinem Freund sehr nahe ging.

„Und wie läuft es in der Poststelle?“, fragte Luqman.

„Viel Arbeit, viel zu viel Arbeit. Ich habe das Gefühl, das ich die ganzen Briefe Teherans allein austragen muss.“

„Stell dich nicht so an. Wenigstens riechst du nach Feierabend nicht nach rohem Fleisch.“

Die Menschenmenge verdichtete sich. Yassir spürte am Rücken die warmen Körper, die sich an ihm vorbeidrängten.

„Fünfhundert Gramm, wie immer?“, fragte Luqman, während er das tote Lamm vom Haken nahm.

Neben ihm gackerten ein paar Hühner, die in Holzkäfigen eingesperrt waren. Hektisch schlugen sie mit den Flügeln und berührten mit ihren blutroten Kämmen die Stäbe. Yassir nickte dem Metzger zu und wandte sich um. Sein Sohn war nicht in Sichtweite. Er wurde unruhig. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl und er bereute es, dass er seinen kleinen Jungen so leichtsinnig weggeschickt hatte.

„Bereite schon mal alles vor. Ich hol´s später ab“, sagte Yassir. Dabei drückte er Luqman dreißig Rial in die Hand.

Yassir drängte sich durch die Menschenmasse, die wie eine Wand vor ihm stand. Bärtige Männer und schwarze Burkas tauchten vor seinem Auge auf. Alle Menschen sahen ähnlich aus. Yassir kam es vor, als wenn ihm immer wieder die gleichen Personen entgegen laufen würden. Am Rand nahm er die vielen Stände auf dem Basar wahr, die Imitate westlicher Markenprodukte verkauften. Gefälschte Uhren, Jeanshosen und Elektronikgeräte türmten sich auf viel zu kleinen Tischen. Laute Stimmen schallten von allen Seiten und verwirrten ihn, so dass er Gefahr lief, die Orientierung zu verlieren. Mehrere Marktbesucher rempelten ihn an, aber Yassir nahm sie nur schemenhaft wahr.

Endlich entdeckte er die Ziege und den Obststand.

„Faris! Faris!“, rief er.

„Was ist?“, raunte der Händler, der gerade frische Orangen in einen Weidenkorb legte.

„Hast du meinen Sohn gesehen?“

„Nein, wieso sollte ich!?“ Faris zuckte desinteressiert mit den Achseln.

„Er muss hier gewesen sein. Er wollte sich deine Ziege anschauen.“

„Hier war er jedenfalls nicht und jetzt lass mich weiterarbeiten.“

Die gleichgültige Kälte, die der Obsthändler ausstrahlte, erschreckte Yassir. Hektisch lief er das ganze Gelände ab. Seine Beine schmerzten bereits und der Schweiß lief ihm den ganzen Oberkörper runter. Der gelbe Sandstaub, der vom Boden aufgewirbelt wurde, blieb an seinen nassen Füßen haften. Die groben Körner scheuerten unangenehm zwischen den Zehen und Lederriemen seiner Sandalen.

„Bassam, Bassam,…!“, rief er immer wieder und wieder, aber er bekam keine Antwort.

***

„Wo haben Sie ihren Sohn das letzte Mal gesehen?“, fragte der Polizist.

„Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Am Fleischstand von Luqman Cyrus“, antwortete Yassir, der seinen Arm um seine zitternde Frau, Nia, gelegt hatte.

„Bitte, finden Sie meinen Sohn“, flehte sie und brach erneut in Tränen aus.

Der Polizist zog ein Taschentuch aus der Hemdtasche seiner grauen Uniform, das er Nia reichte. Sie trocknete sich damit ihre tränenbenetzten Wangen.

„Ich bin mir sicher, dass es ihrem Sohn gut geht. Er ist bestimmt nur zu einem Freund gelaufen. Solche Vorfälle haben wir ständig.“

„Wir haben schon alle Eltern benachrichtigt“, meinte Yassir und verlor allmählich die Geduld. „Starten Sie doch eine Suchaktion.“

Der Polizist schmunzelte, woraufhin Yassir fast in Rage geriet.

„Das geht nicht so einfach“, meinte der junge Mann. „Ihr Sohn muss erst einige Stunden verschwunden sein, bis wir die Erlaubnis für so etwas bekommen.“

Yassirs Kopf dröhnte und er verspürte das Verlangen, den Gesetzeshüter an die Wand zu drücken, fing sich aber wieder.

„Können Sie denn gar nichts machen?“

„Ich muss mich an die Vorschriften halten. Außerdem hat die Polizei von Teheran noch viele andere Fälle zu lösen. Ich kann Sie nur bitten sich in Geduld zu üben.“

„Wie können Sie so etwas sagen?!“, brüllte Yassir. „Mein Sohn läuft da draußen alleine rum. Vielleicht hat ihn schon irgendein Verrückter entführt!“

Der junge Mann massierte sich nachdenklich seinen fleischigen Nacken.

„Bitte suchen Sie meinen Sohn. Bitte, ich flehe Sie an. Allah wird es Ihnen danken.“ Nia hatte den Arm des Polizisten ergriffen, der sich löste und langsam von ihr distanzierte.

„Es tut mir leid“, sagte er, während er sich die schwarze Schirmmütze wieder aufsetzte. „Kommen Sie nach ein paar Stunden aufs Präsidium und geben Sie eine Vermisstenanzeige auf. Mehr kann ich leider nicht für Sie tun.“

Nia wollte wieder zu ihm stürzen, aber Yassir hielt sie fest. Er drückte sie an seine Brust, in der er schweren Druck fühlte. Der Polizist drehte sich ein letztes Mal um, bevor er in die Abendsonne Teherans trat. Plötzlich stieß Nia ihren Mann kräftig von sich. Ihre braunen Augen sprühten vor Hass.

„Das ist alles deine Schuld, du hast ihn allein gelassen“, zischte sie.

Yassir fing sich eine Ohrfeige, die er wie eine Bestrafung hinnahm. Verlegen blickte er auf den Boden.

„Du hast ihn allein gelassen, meinen Bassam, mein Baby!“, schrie sie, während sie mit ihren Fäusten auf ihn einschlug. Yassir konnte ihr einfach nicht widersprechen, da er wusste, dass sie recht hatte. Er drückte sie noch mal fest an sich, dass sie nicht mehr zum Schlag ausholen konnte. Ihre Muskeln erschlafften. Sekunden später vernahm er nur noch ein Schluchzen. Der Stoff an seiner Brust tränkte sich langsam mit ihren salzigen Tränen.

„Es wird alles gut, alles gut“, tröstete er sie, während er über ihr schwarzes, langes Haar strich.

1

19 Jahre später

Teheran, 17.Juli.2006

„Ist der Himmel nicht wunderschön“, seufzte Yassir, während er nach dem Glas mit der Zitronenlimonade griff. Das Kondenswasser perlte bereits an der Außenseite ab. Er saß auf dem Dach seiner Behausung. Neben ihm lag Nia auf einem Liegestuhl und blickte, wie hypnotisiert in den Himmel. Keine Wolke war zu sehen und die schwüle Hitze war drückend. Das Blau breitete sich wie eine unendliche Leinwand über ihnen aus. Yassir blickte zu ihr rüber, aber sie ignorierte ihn. Seit dem Verschwinden Bassams schien der Zorn auf ihn kaum nachgelassen zu haben. Aus der einst lebensfrohen Frau war ein verbitterter Mensch geworden. Yassir erkannte sie kaum noch wieder. Nachts hatte er sogar das Gefühl, als läge eine völlig Fremde neben ihm. Auch äußerlich hatte sie sich im Laufe der Jahre enorm verändert. Ihr geschmeidiges, schwarzes Haar war wellig geworden und von grauen Strähnen durchzogen. Auf ihrem Gesicht hatte die Zeit einige Falten hinterlassen. Ein Lachen hatte er schon seit Jahren nicht mehr von ihr sehen können, und wenn sie es tat, wirkte es gezwungen und es bildeten sich Krähenfüße um ihre Augen.

„Ich habe Kopfschmerzen.“ Sie stand auf und stieg durch die Dachluke runter in die Wohnung.

Yassir hatte sich an die Kälte, die sie ihm zu spüren gab zwar gewöhnt, aber es tat ihm im Herzen immer noch weh, dass sie ihn so herablassend behandelte. Die Schuld und die Trauer um Bassam hatten ihn selbst fast in den Wahnsinn getrieben. Ein Fehler, der heute noch seine Seele in Stücke riss. Seufzend trank er aus seinem Glas und spürte die erfrischende Wirkung der Kohlensäure, die seine Kehle runterlief. Er blickte über zahlreiche Häuser, die die Wärme des Tages aufnahmen und den Menschen in den kalten Nächten zugute kam. Von hier konnte er sogar die Schahid Mottahari Moschee sehen, deren bunte Kuppel einen langen Schatten auf die anliegenden Häuser warf. Die Stimme des Muezzins, der zum Abendgebet aufrief, schallte über die Dächer.

„Was soll das alles bringen“, murmelte er zu sich selbst.

Nachdem Gebet stieg er die Leiter runter. Die Wohnung lag im Dunkeln. Die Vorhänge waren zugezogen. Ein Abbild des Seelenzustands seiner Frau. Schon seit Langem hatte sie das Haus nicht mehr verlassen, geschweige denn unter Menschen gekommen. Einige Male wollte Yassir sie zum Essen ausführen.

„Es wird dir gut tun“, hatte er gesagt, aber ihre Antwort war immer die Gleiche gewesen.

„Ich will nicht, ich fühl mich heute nicht gut.“

Yassir setzte sich müde an den Tisch. Nia, die in der Küche stand, wo sie einen Fisch anbriet, blickte kurz zu ihm rüber.

„Essen ist gleich fertig“, sagte sie mit einer schläfrigen Stimme.

Am liebsten wollte Yassir seine Arme um sie legen, während sie noch am Herd stand, aber sie spürte schon lange für ihn keine Zuneigung mehr. Alles hatte sich verändert. Er hatte nicht nur sein einziges Kind verloren, sondern auch seine Frau. Stille hatte sich in der ganzen Wohnung ausgebreitet. Nur das in der Pfanne brutzelnde Fett war zu hören.

„Warte, ich helfe.“ Yassir war aufgestanden, als seine Frau begann, den Tisch zu decken.

„Brauchst du nicht“, meinte sie.

Er ignorierte ihre Aussage und gemeinsam stellten sie Schüsseln, die mit Oliven, Fladenbrot und Schafskäse gefüllt waren, auf den Tisch. Ein verlegenes Lächeln war in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie nahm die Pfanne vom Herd und stellte sie auf die Mitte der Tischfläche.

Zögerlich setzte sie sich hin. Auf den Stuhl, der sich möglichst weit weg von ihm befand. Sie ertrug seine Nähe nicht. Selbst jetzt nicht, nach so einer langen Zeit. Einige Male hatte er, seit dem Verschwinden Bassams, versucht ihr körperlich zu nähern, aber war immer wieder von ihr zurückgewiesen worden, als würde er sie anwidern. Irgendwann hatte er es ganz aufgegeben. Durch die emotionale Kälte in ihrer Ehe hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich von ihr zu trennen, aber er machte sich Sorgen, dass sie von den Leuten geächtet sein würde. Eine geschiedene Frau war in dieser Gesellschaft nichts wert. Das wollte Yassir ihr nicht antun. Denn sie hatte genug gelitten. Trotzdem ertrug er es kaum noch sich mit ihr im gleichen Zimmer zu befinden.

Schweigend fing Yassir an zu essen. Das Dankgebet sprachen sie schon lange nicht mehr. Mit dem Verschwinden ihres Sohnes schien auch ihr Glaube verschwunden zu sein. Yassir war den ganzen Tag durch die engen Gassen Teherans gelaufen. Bei der Hitze eine Knochenarbeit, die er allerdings schon seit über zwanzig Jahren machte. Er hatte das Gefühl, dass die Ledertasche, die mit Briefen und kleineren Paketen gefüllt war, täglich etwas schwerer wurde. Dementsprechend groß war auch sein Appetit. Fleißig langte er zu und schob sich dabei gleichzeitig Fisch und Brot in den Mund. Nia aß nichts. Sie saß nur da und blickte ihn giftig an.

„Wie kannst du nur fressen wie ein Schwein, nach all dem. Wie kannst du nur so einfach weiterleben, als wenn nichts geschehen wäre.“ Wie aus dem Nichts kamen jedes Mal ihre Sticheleien.

Yassir blieb das Essen fast im Halse stecken, als er die Veränderung in ihrer Stimme hörte. Seine Kaubewegungen verlangsamten sich. Nia war aufgestanden und ins Schlafzimmer gegangen, wo sie sich ausgezehrt ins Bett legte. Yassir hielt es nicht mehr länger aus. Hastig stürmte er ins Zimmer. Sie hatte ihre Augen geschlossen und tat so, als würde sie bereits schlafen.

„Was erwartest du von mir!? Ich habe dich unzählige Male auf Knien um Verzeihung gebeten. Denkst du etwa die Erinnerung an Bassam, würde mir nicht das Herz zerreißen. Ich habe damals alles versucht ihn ausfindig zu machen.“

„Wag es nicht seinen Namen auszusprechen“, zischte sie, nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte.

„Soll ich tot umfallen!? Willst du das von mir!? Selbst wenn ich vor Reue sterben sollte, wirst du deinen Sohn nicht mehr in den Armen halten können.“

„Hör endlich auf!“, schrie sie den Tränen nahe. „Ich will dich einfach nicht mehr sehen.“

Es klopfte, was den Streit zwischen ihnen unterbrach. Völlig aufgewühlt ging Yassir zur Haustür, die er nur einen Spalt öffnete. Das wenige Licht, das eindrang, reichte aus, um den ganzen Raum zu erhellen. Vor ihm standen zwei uniformierte Polizisten. Beide mit Schnauzbart. Der eine allerdings etwas kleiner, als der andere. Trotzdem hätten sie Brüder sein können.

„Yassir Navid!“, sagte der Größere in militärischem Tonfall.

„Ja“, bestätigte Yassir und zog die Tür weiter auf.

„Ich muss Sie bitten, mit uns zu kommen. Der Polizeichef will Sie sprechen.“ Nun meldete sich auch der Kleinere zu Wort. Der Mann wirkte ungeduldig.

„Wollen Sie mir nicht erst erklären, worum es geht. So kommen Sie doch bitte rein.“

„Na gut“, meinte der Große und betrat schweigend das Haus. Neugierig blickte er sich um.

Sein Kollege trat sich die Schuhe ab, bevor er folgte. Eilig wollte Yassir Teewasser aufsetzten, aber ein Polizist hob die Hand und gab ihm zu verstehen, dass es nicht nötig war. Yassirs Herz klopfte. Er wusste schließlich nicht, was diese beiden Herren von ihm wollten. Hatte er vor Kurzem gegen ein Gesetz verstoßen?

„So setzen Sie sich doch.“

Die Polizisten folgten seiner Aufforderung und nahmen am Küchentisch Platz, auf dem noch die fast vollen Schüsseln standen. Yassir eilte zu den Fenstern und zog überall die Vorhänge wieder auf. Der Raum wurde in helles Licht getaucht.

„Haben wir Sie gestört?“, fragte der Große, während er auf den gedeckten Tisch deutete.

„Nein, ich war schon fertig“, log Yassir. Das kaum angerührte Essen entblößte die Lüge.

„Was wollen Sie von mir?“

„Es geht um ihren Sohn, Bassam Navid.“

Yassir stockte der Atem. Beunruhigt blickte er Richtung Schlafzimmer. Nia schien schon eingeschlafen zu sein.

„Wie bitte?“

„Genaueres kann ich Ihnen auch nicht sagen, aber es gibt da jemanden, der weiß, wo er sich befinden könnte.“

„Mein Sohn, sind Sie sich sicher, mein Bassam!?“ Yassir konnte den Polizisten kaum in die Augen blicken. Zu sehr stand er nach diesen Worten unter Schock. Seine Zunge war wie gelähmt und sein Blick panisch. Neunzehn Jahre hatte es keine einzige Spur von Bassam gegeben und jetzt tauchten diese Männer wie aus dem Jenseits auf und nährten seinen Schmerz.

„Wie gesagt, die genauen Details besprechen Sie bitte mit dem Polizeichef. Wir werden Sie umgehend dorthin fahren.“ Fast gleichzeitig waren die beiden Männer aufgestanden, nachdem sie wieder ihre Mützen vom Tisch genommen hatten. Nur der Kleinere setzte sie sich auf. Der andere klemmte sie unter den Arm und ging auf die Haustür zu.

„Was sagten Sie da?“ Die Stimme hinter ihnen ließ Yassir zusammenzucken.

Nia stand in der Küche, mit verweinten Augen blickte sie die Polizisten an.

„Nia… .“Yassir trat ihr einen Schritt entgegen.

„Bassam könnte noch am Leben sein. Ich habe es genau gehört.“

Yassir drückte sie zurück, aber Nia stemmte sich mit all ihrer Kraft gegen ihn.

„Lass mich!“, brüllte sie. „Ich werde mitkommen.“

„Du weißt doch gar nicht, was dahinter steckt. Bleib zu Hause und schone deine Nerven. Ich werde dir alles berichten, sobald ich wieder zu Hause bin.“

Yassir wandte sich um.

„Bitte gehen Sie schon mal vor. Ich komme sofort.“

Die beiden Polizisten blickten sich ratlos an und verließen das Haus.

„Nia, ich weiß, dass es hart für dich sein wird, aber du musst erst hierbleiben. Vielleicht sind es nur haltlose Informationen, die ins Nichts führen. Wenn du dir jetzt zu große Hoffnungen machst, wirst du ein zweites Mal daran zerbrechen.“

Eine schallende Ohrfeige traf seine Wange. Entsetzt über ihre eigene Tat, blickte Nia ihm in die Augen. Ihre hingegen füllten sich langsam wieder mit Tränen. Er nahm sie liebevoll in die Arme. Seit einer Ewigkeit war er ihr nicht mehr so nahe gewesen. Ihre Wärme tat ihm gut. Wortlos drehte sie sich um und ging zurück ins Schlafzimmer.

***

Das gleißend helle Licht schmerzte. Seine Augen mussten sich erst daran gewöhnen. Yassir hielt sich die Hand schützend vor das Gesicht. Der kleine Polizist saß bereits am Steuer, während sein Partner rauchend am Wagen lehnte. Als er Yassir erblickte, warf er die Zigarette umgehend in den Staub, wo die Glut ein letztes Mal aufglomm.

Während der Fahrt waren beide sehr schweigsam. Yassir saß auf der Hinterbank, die durch ein schwarzes Metallgitter von der Fahrerkabine getrennt war. Gelegentlich blickte der Große zurück, um mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Small Talk, ansonsten kein Wort über seinen verschwundenen Bassam. Der Fahrer schwieg die ganze Fahrt lang.

„Stammen Sie aus Teheran?“, fragte der Polizist.

Yassirs Antwort bestand nur aus einem Nicken. Für so ein belangloses Gespräch fehlten ihm in diesem Moment die Nerven.

„Ich komme aus Kisch, ist ne Insel im Süden. Ich mag die Hauptstadt eigentlich nicht. Zu viel Lärm, zu viele Menschen, schlechte Luft …“

Yassir nahm die Worte nur als unklares Hallen wahr. Aus dem Seitenfenster konnte er sehen, wie Hochhäuser und Lehmhütten an ihm vorbeisausten. Alte Bauten eingezwängt zwischen der Moderne einer Metropole. Kinder jagten einem braunen Lederball nach, was in Yassir augenblicklich die Erinnerung an Bassam hervorrief. Ihm war schlecht und er spürte ein Druckgefühl in der Brust.

„Halten Sie den Wagen an“, rief er plötzlich.

Sie befanden sich gerade auf einer Brücke. Das Auto kam ruckartig zum Stillstand. Yassir stieß die Tür auf und bückte sich über das Geländer. Beide schauten ihm im Wagen sitzend dabei zu, wie er sich übergab. Yassir war es mehr als unangenehm. Keuchend krallte er sich am Stahlgeländer fest, während er auf die Straße, die unter der Brücke herführte, hinunterblickte. Die Autos rasten wie Blutkörper über die pulsierenden Adern aus Asphalt. Über seine Schulter hinweg bemerkte er, dass den beiden Polizisten die Situation genauso unangenehm war. Starr schauten sie durch die Frontscheibe ihres weißen Opels. Yassir brauchte noch einen Moment, bevor er wieder ins Auto stieg. Etwas fester zog er die Seitentür zu, die beim Zufallen ein dumpfes Geräusch von sich gab. Die Fahrt wurde unmittelbar fortgesetzt. Etwas schneller als vorher fuhr der Fahrer sogar. So schnell wie möglich wollten sie ihn zur Polizeistation bringen. Beide sprachen über ihre Ehefrauen und Kinder. Keiner von ihnen wagte es noch, ein weiteres Gespräch mit ihm zu suchen.

Endlich erreichten sie ihr Ziel. Die Polizeistation war von einem schwarzen Eisengitter umzäunt. Vor dem feudalen Eingang flatterte die iranische Flagge an einer hohen Stange im heißen Sommerwind.

„Wir werden hier auf Sie warten“, sagte der Kleine. „Nachher bringen wir Sie wieder heim.“

Beide blieben auf der Treppe stehen und unterhielten sich. Mühsam stieg Yassir die Stufen hinauf. Mit der ständigen Furcht im Nacken, was ihm in diesem riesigen Gebäude erwarten würde. Andere Polizisten kamen ihm entgegen. Alle gekleidet in gestriegelt aussehenden Uniformen.

***

Das Büro des Polizeichefs war deutlich geräumiger als die der anderen Abteilungen. Die Tür stand offen und Yassir sah einen Mann, der gerade nachdenklich aus dem Fenster blickte. Beide Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt und durch die Sonnenstrahlen konnte man jede einzelne Falte in seinem Gesicht erkennen.

Yassir klopfte gegen den Türrahmen, woraufhin der Mann leicht erschrocken herumfuhr. Die ernste Miene blickte ihn prüfend an. Sofort bemerkte Yassir, weswegen diese Person es bis zum Polizeichef gebracht hatte. Schon allein seine Erscheinung strahlte Autorität aus. Die Uniform, die straff an seinem korpulenten Körper saß, war glattgebügelt und es befand sich kein einziges Staubkorn auf ihr. Auf dem Gesicht konnte man eine Spur von Argwohn und Strenge erkennen. Über der Brusttasche hingen verschiedene silberne und goldene Orden, die das Sonnenlicht, das ebenfalls auf seine Glatze fiel, reflektierten.

„Treten Sie ein und Setzen Sie sich, Aghaye Navid“, sagte er und nahm selbst auf einem schwarzen Ledersessel Platz. Auf dem wuchtigen Schreibtisch stand eine kleine Messingstange mit der iranischen Flagge und hinter ihm hing ein überdimensionales Bild von Mahmud Ahmadinedschad an der Wand. Die kalten Augen des Staatspräsidenten, der im letzten Jahr gewählt worden war, blickten Yassir drohend an. Als wenn dieser wüsste, dass er für Rafsandjani gestimmt hatte.

„Aghaye Navid, ich bin Polizeichef Said Iraj. Sie fragen sich sicher, wozu ich Sie hierher beordert habe.“ Entspannt legte Iraj beide Arme auf die Lehnen. Seine Augen, unter denen sich schwere Tränensäcke befanden, blickten Yassir mit unendlicher Geduld an.

„Es geht um meinen Sohn“, antwortete Yassir. „Bitte sagen Sie mir, wo er sich befindet.“

Seine Stimme zitterte ein wenig bei diesen Worten, was dem Polizeichef nicht entging.

„Das kann ich leider nicht.“ Die Antwort Irajs kam mit Verzögerung. „Ich kann natürlich Ihren Schmerz verstehen, ich selbst hatte drei Söhne. Einer von ihnen ist vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben.“

Verlegen senkte Yassir den Kopf und schwieg.

„Was ich tun kann“, setzte Iraj seine Rede fort, „ist Sie zu der Person zu bringen, die weiß, wo er sein könnte.“

„Wer ist es?“, fragte Yassir.

„Sein Name ist Djamal Hussein und er stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Jiroft. Zurzeit halten wir ihn wegen einer Straftat fest. Er kennt Ihren Sohn.“

„Woher sollte er meinen Sohn kennen?“ Yassirs Atem wurde schwerer, sodass ihm das Reden immer mühsamer fiel.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht habe ich meine Worte etwas unpräzise gewählt. Er behauptet zumindest Ihren Sohn zu kennen.“

„Das ist der einzige Hinweis? Wieso haben Sie ihn nicht direkt über den Aufenthaltsort meines Sohnes befragt? Dieser ganze Aufwand wegen einer vagen Vermutung!?“ Yassirs anfänglicher Unmut schlug nun in Frustration um.

„Das haben wir“, meinte Iraj und zögerte wieder. „Wir haben bei dem Gefangenen sogar verschiedene Verhörtechniken angewandt, aber Sie kennen diesen Jungen nicht. So einen zähen Burschen habe ich noch nie gesehen. Er hat beharrlich darauf bestanden, nur Ihnen diese Information mitzuteilen.“

Yassir schwieg. Denn er wusste, was der Polizeichef mit Verhörtechniken meinte. Er selbst hielt nicht viel davon, Menschen zu quälen, damit sie Antworten preisgaben.

„Wollen Sie ihn jetzt sehen oder nicht?“ Die Stimme Irajs klang schlagartig unruhig. „Aghaye Navid, ich habe hier noch einen Haufen Arbeit zu erledigen. Bitte treffen Sie eine Entscheidung.“

„Natürlich möchte ich mit ihm sprechen“, sagte Yassir mit einer solchen Hast, die ihn selbst überraschte.

Iraj murmelte etwas Unverständliches, während er nach dem Telefonhörer griff. Einen Augenblick später standen die beiden Polizisten mit Schnauzbart im Büro. Beide hatten sich in strammer Haltung vor dem Polizeichef postiert.

„Bringt ihn hin!“, befahl Iraj, woraufhin beide Yassir ohne Verzögerung zur Tür begleiteten.

„Aghaye Navid, da wäre noch etwas.“

Alle drei drehten sich um. Der Polizeichef zog seine Stirn kraus.

„Der Gefangene befindet sich in Spezialverwahrung. Bitte wundern Sie sich nicht darüber.“

„Sitzt er nicht im Evin?“

„Nein, er selbst hat darauf bestanden, woanders einquartiert zu werden.“

***

Das mulmige Gefühl im Magen war immer noch nicht ganz verschwunden, weswegen Yassir das Seitenfenster runterkurbelte. Diesmal saß der Größere am Steuer. Beide Polizisten unterhielten sich miteinander und ignorierten ihn wieder. Das war Yassir nur recht. Grübelnd blickte er aus dem Fenster. Die heiße Sommerluft hatte sich durch die schnelle Fahrt in einen erfrischenden Luftzug gewandelt, der ihm nun ins Gesicht blies. Seine grauen Haare bewegten sich wild und der frische Wind fuhr über seinen Stoppelbart. Yassir schloss seine Augen und konzentrierte sich auf den Lärm der Straße. Autohupen, Stimmgewirr und Abgase drangen durch das geöffnete Fenster.

Die Sonne war schon fast untergegangen und die Fahrt dauerte länger, als er vermutet hatte. Der weiße Opel war weit aus dem Stadtgebiet gefahren. Sie durchquerten nun eine trostlose Landschaft aus braungelbem Gestein. Der Boden war uneben. Ungeeignet für den Dienstwagen. Jedes Mal wenn das Auto heftig ruckelte, fluchte der Fahrer. Gelegentlich kam die ein oder andere Lehmhütte ins Sichtfeld, ansonsten war weit und breit nur trockene Einöde zu sehen.

„Verdammt, diese Straße ist zum Kotzen“, schimpfte der Große laut.

„Beruhig dich, wir sind ja gleich da.“ Sein Kollege klopfte ihm versöhnlich auf die Schulter.

Der Dienstwagen blieb abrupt stehen und der Motor kam zum Stillstand. Yassir blickte sich um, aber er konnte nirgends ein Gebäude sehen, das nur annähernd wie ein Gefängnis aussah.

„Was wollen wir hier?“, fragte er.

„Das müssten Sie doch jetzt wissen“, meinte der Polizist. „Sie wollten mit dem Gefangenen sprechen.“

Fast gleichzeitig schwangen sich die Polzisten aus dem Auto. Einer von beiden ging einige Meter und blieb stehen. Der andere öffnete den Kofferraum, aus dem er einen blauen Holzstuhl herausholte.

„Warten Sie auf mich!“, rief Yassir dem Größeren zu, der sich schon fast fünfzig Meter von ihm entfernt hatte und nun auf den Boden blickte.

Als er ihn fast erreicht hatte, sah Yassir zu seiner Verwunderung, weswegen der Polizist nach unten schaute. Mitten in der steinigen Wüste war ein rostiges Eisengitter im Boden eingelassen worden, das ein etwa zehn Meter tiefes Loch absperrte. Ungläubig starrte Yassir in die Dunkelheit.

„Da unten“, sagte der Polizist. „Sprechen Sie mit ihm. Wir werden im Wagen auf Sie warten.“

Der andere hatte das Loch nun auch erreicht und stellte den Holzstuhl direkt vor das Gitter. Bevor beide gingen, schmiss der Kleinere einen Stein ins Loch, der schallend auf den Grund fiel.

„Hussein, du hast Besuch!“, rief er und verfiel dabei in höhnisches Gelächter.

Es war immer noch sehr heiß. Verschwitzt sank Yassir langsam auf den Stuhl nieder, der so blau wie der Himmel am Nachmittag über ihm war.

„Können Sie mich hören?“, fragte er etwas lauter. Das leichte Echo, das zurückschallte, ließ ihn zusammenzucken. Verunsichert blickte er zum Dienstwagen, aus dem der Gesang von Mohammad-Resa Schadscharian zu hören war. Beide Polizisten nickten im Takt der Musik.

„Ich habe mir Ihre Stimme ganz anders vorgestellt.“ Wie aus dem Nichts war eine leise Antwort zu hören, fast wie ein Flüstern, aber Yassir konnte die Stimme sofort einem etwas jüngeren Mann zuordnen. Ein Junge, wie Iraj gemeint hatte, war er allerdings nicht.

„Bitte, sag mir, wo sich Bassam befindet.“

Der Gefangene blieb stumm.

„Bitte, ich flehe dich an. Sag mir, wo ich meinen Sohn finde.“

„Sie stellen eine Forderung, ohne zu wissen, was ich von Ihnen will!?“ Yassir atmete erleichtert auf, als der Mann ihm endlich eine Antwort gab.

„Was willst du von mir? Was soll ich tun? Ich werde alles für dich tun!“

„Ich will Zeit.“

Es war schon fast dunkel und Yassir hatte kaum noch Nerven mit dem Unbekannten zu verhandeln.

„Zeit!?“

„Sie haben richtig gehört. Zeit, Ihre Zeit. Hören Sie mir nur zu, was ich Ihnen zu erzählen habe und ich werde Ihnen sagen, wo Sie Bassam finden werden.“ Die Stimme des Gefangenen klang kräftig und selbstbewusst.

Vergeblich versuchte Yassir zu erkennen, wie der Insasse aussah, da er in einer Ecke kauerte, die abgedunkelt war. Nur die Stimme schallte geisterhaft zu ihm hoch.

„Ich werde dir zuhören, aber sag mir bitte, wo sich Bassam befindet.“

Yassir kniete jetzt vor dem Loch. Die spitzen Steine bohrten sich in seine Schienbeine.

„Ich möchte mit Ihnen eine Vereinbarung treffen. Sie werden mich die nächsten Tage besuchen. Ich werde Ihnen erzählen, woher ich Bassam kenne und wie ich hier gelandet bin. Einzige Bedingung wird sein, dass sie mir bis zum Ende zuhören, ohne mich zu drängen oder ständig nach Ihren Sohn fragen. Dann werde ich Ihnen sagen, wo er sein wird. Haben Sie mich verstanden?“

Eine Forderung, deren Zustimmung Yassir viel Überwindung kostete. Denn er wollte so schnell wie möglich eine Antwort.

„Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagen und Wort halten wirst?“

„Haben Sie eine andere Möglichkeit, als mir zu glauben?“

„Nein.“ Yassir blickte betrübt auf den Boden.

Die wärmende Abendsonne war bereits untergegangen und Dunkelheit umgab ihn, wie sie Hussein in diesem Loch umgab. Es war bitterkalt geworden. Yassir zitterte am ganzen Leib und er fragte sich, wie der Gefangene unter diesen Umständen leben konnte.

„Dann fahren Sie jetzt heim zu Ihrer Frau und kommen morgen wieder. Ich bin müde.“

Zuerst wollte Yassir noch etwas sagen, aber er hielt inne und machte sich zurück auf den Weg zum Auto. Die Sterne leuchteten am Himmel und der Mond hing wie ein blasser Ball über ihm.

Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Autotür zu. Der große Polizist, der eingeschlafen war, schreckte hoch, während sein Kollege sich gerade im Radio die Nachrichten anhörte. Die Stimme von Ayatollah AliChamene'i, der gerade eine Rede hielt, tönte aus den Lautsprecherboxen.

„Und konnten Sie etwas rausfinden?“, fragte der Polizist mit schläfrigen Augen. Es waren die ersten Worte seit einer langen Zeit, die ihm zugedacht waren.

„Nein“, seufzte Yassir resigniert.

„Hätte mich auch gewundert. Dieser kleine Bastard, ich trau ihm nicht. Alles dreckiges Pack, die aus dem Süden“, meinte der Kleine, während er den Zündschlüssel drehte.

Das Auto fuhr langsam an. Durch das Rückfenster blickte Yassir zurück, aber die Staubwolke, die das Auto hinter sich aufwirbelte, versperrte ihm die Sicht.

***

Völlig erschöpft stand Yassir vor der Haustür. Die Schlüssel hatte er bereits in der Hand, aber er zögerte hineinzugehen, da in der Wohnung noch Licht brannte. Nia war wahrscheinlich noch wach und würde eine Erklärung verlangen. Der Tag hatte nichts Ertragreiches gebracht, was ihn am meisten frustrierte, und seine Frau war unnötig in Aufruhr geraten.

Als er die Küche betrat, sah er Nia am Tisch sitzen. Vor ihr dampfte eine Tasse mit schwarzem Tee, in die sie nachdenklich hineinblickte. Sie bemerkte ihn erst eine Weile später und stand sofort von ihrem Platz auf.

„Konnte er dir etwas sagen?“, fragte sie. „Sag doch etwas.“

Yassir atmete tief aus und wusste nicht, wie er seiner Frau die Situation schonend erklären sollte.

„Es wird noch etwas dauern, bis ich erfahren werde, wo er sich befindet.“

„Wie meinst du das? Ich versteh dich nicht.“

Nia sank wieder auf den Stuhl, während sie sich mutlos die Hand vor den Mund hielt.

„Wir müssen uns gedulden, es wird sich etwas ergeben.“

„So wie du damals schon meintest und du trotzdem nichts erreicht hast.“ Die Wut und Enttäuschung keimten wieder in ihr auf, was Yassir an ihren zitternden Lippen bemerkte, aber diesmal ging sie nicht auf ihn los.

Umgehend ging Yassir ins Badezimmer, wo er sein Gesicht mit kaltem Wasser benetzte. Das Spiegelbild zeigte ihm, dass dieser aufreibende Tag nicht spurlos an ihm vorbeigezogen war. Er sah Augenringe und eine ausdruckslose Miene. Mit hängenden Schultern ging er ins Schlafzimmer und fiel völlig ermüdet auf die Matratze. Nia war noch in der Küche, wo sie stundenlang blieb.

Irgendwann in der Nacht war sie zu ihm ins Bett geschlüpft. Yassir, der sofort wach wurde, lag mit dem Rücken zu ihr. Dann tat sie etwas, das er nicht für möglich gehalten hatte. Mit ihrer Hand strich sie sanft über seine Schulter. Er drehte sich zu ihr um und sie sahen sich einige Minuten schweigend in die Augen. Dann küssten sie sich. Der erste Kuss seit einer Ewigkeit. So lange hatte er darauf gehofft, dass seine Frau doch noch Gefühle für ihn zeigen würde. Dieser innige Moment spendete ihm so viel Trost, dass er die Ängste sogar für einen kurzen Augenblick vergessen konnte. Die Angst, die er vor dem hatte, was ihm der Unbekannte die nächsten Tage erzählen würde. Die Angst, Bassam trotz aller Bemühungen nicht zu finden. Die Angst, dass seine Frau ein zweites Mal in ein tiefes, emotionales Loch fallen würde.

„Allah hat uns eine zweite Chance gegeben“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Neue Hoffnung …“

„Nia…“, meinte Yassir. Denn er wusste, was in ihr vorging.

„Lass mich bitte ausreden. Ich weiß, dass ich dich die letzten Jahre ungerecht behandelt habe. Ich weiß, dass ich zu einer unerträglichen Person geworden bin, aber den Verlust um meinen einzigen Sohn habe bis heute nicht verkraftet. Nun sind diese Leute aufgetaucht und ich fühle wieder Leben in mir. Bitte entreiß mir nicht die einzige Hoffnung, die mich noch am Leben hält. Bitte unterlass jegliche Äußerungen, auch wenn sie dir noch so realistisch erscheinen, die mir den Wunsch Bassam wieder in meine Arme zu schließen, nehmen. Denn du tust mir damit weh.“

„Ich wollte dich nur vor dir selbst schützen. Es war kaum zu ertragen dich so zu sehen, als du das letzte Mal daran zerbrochen bist. Ich will dich nicht mehr so verletzlich sehen, deswegen habe ich versucht, die Dinge klarer zu sehen. Keinesfalls wollte ich dich damit kränken.“

Sie umarmten sich und schliefen gemeinsam ein.

***

„Wie, du kommst die nächsten Tage nicht zur Arbeit?“ Die aufgebrachte Stimme Farbods dröhnte schmerzhaft in Yassirs Ohr, der den Hörer deswegen etwas weiter vom Kopf weghielt. Farbod, der das Postamt leitete, war ein kugelrunder, schnell aufbrausender Mann, der immer einen roten Kopf hatte. Alle Mitarbeiter wussten, dass er an seinem Schreibtisch saß und des Öfteren die Schublade, in der sich die Rakiflasche befand, herauszog. Alkohol war sein einziges Laster, das aber dafür schwere Strafen nach sich ziehen konnte. Von Peitschenhieben bis zur Hinrichtung. Das Spektrum der gesetzlichen Grausamkeit war weit gefächert. Kein Mitarbeiter wagte es allerdings Farbod bei den Behörden zu melden.

„Ich muss mich um eine wichtige Angelegenheit kümmern.“ Eigentlich hätte Yassir eine Krankheit vorgaukeln können, aber er wollte ehrlich sein.

„Deinen Privatkram kannst du in deiner Freizeit erledigen!“, brüllte Farbod. Yassir merkte, dass sein Chef schon leicht angetrunken war. „Wir sind sowieso schon unterbesetzt. Was ist das nur für eine Arbeitsmoral …“

„Ich werde die fehlenden Stunden nachholen, versprochen.“ Yassir versuchte versöhnlich zu klingen, obwohl er seinen Vorgesetzten nicht leiden konnte. „Diese Sache ist für mich sehr wichtig. Sie muss jetzt erledigt werden.“

Weitere Schimpftiraden drangen noch aus der Hörmuschel, aber Yassir legte einfach auf.

Um Punkt 10 Uhr wollten ihn die beiden Polizisten abholen. Nia saß mit ihm am Küchentisch, wo sie gemeinsam ihr Frühstück verzehrten.

„Wieso kann ich nicht mitkommen?“, fragte sie.

„Weil es zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gut für dich ist“, sagte Yassir, nachdem er einen kräftigen Schluck Kaffee getrunken hatte. „Bitte sei nicht traurig. Ich habe dir doch die Gründe erklärt.“ Zärtlich ergriff er ihre Hand. Eine Geste, die er sich noch am Vortag nicht zugetraut hätte.

Enttäuscht stand Nia auf und holte das frisch gebackene Fladenbrot aus dem Ofen, das sie mit etwas Hammelfleisch in eine Plastikbox packte.

„Dann bring ihm das von mir“, sagte sie und verschwand wieder im Schlafzimmer.

***

Die Fahrt kam Yassir beim zweiten Mal nicht mehr so lang vor. Bereits am frühen Vormittag war das Wetter brühend heiß und die Polizisten stellten ihm sogar mehrere Flaschen mit Wasser neben den Stuhl.

„Wir fahren dann wieder in die Stadt zurück“, meinte der Kleinere.

„Warten Sie, wie komme ich denn wieder zurück?“ Schnell war Yassir von seinem Platz aufgesprungen.

„Natürlich kommen wir heute noch wieder“, meinte erneut der Kleine und rollte mit den Augen. „Oder denken Sie etwa, dass wir vorhatten, Sie hier verdursten zu lassen.“

Beruhigt sank Yassir auf den Stuhl. Er fragte sich, wie viele Stunden er hier verbringen musste. Der Wagen zog wieder eine dicke Staubwolke hinter sich her, als er davonfuhr.

„Sind die beiden weg?“

Yassir zuckte erschrocken zusammen. Wie aus dem Nichts schien die Stimme zu kommen. Ein ungewohntes Gespräch für ihn.

„Ja, sie sind gerade weggefahren“, rief er ins Loch hinein.

„Ich hasse die beiden“, meinte Hussein. „Wie geht es Ihnen heute?“

„Nicht gut, ich vermisse meinen Sohn“, sagte Yassir mit zitternder Stimme. Die Sonne brannte ihm direkt auf den schweißbenetzten Nacken. Von unten konnte man ein Keuchen vernehmen.

„Behandelt man dich gut?“, fragte Yassir.

„Was denken Sie wohl? Aber ich wollte es nicht anders“, meinte Hussein hustend.

„Meine Frau hat mir etwas Proviant für dich mitgegeben.“ Zuerst zögerte Yassir, aber dann ließ er die Box ins Loch fallen. Sie sollte auf eine Stelle landen, die von den Sonnenstrahlen erhellt wurde. Um jeden Preis wollte er das Gesicht des Gefangenen sehen.

„Danke“, sagte Hussein verlegen, aber er ging nicht hin, um sich das Essen zu holen.

„Hast du denn keinen Appetit?“, fragte Yassir.

„Ich werde es mir später holen“, meinte der Gefangene, der seine List durchschaut zu haben schien.

„Wie ich höre, kommst du von einem kleinen Ort in der Nähe von Jiroft.“

„Das stimmt, ist mein Heimatdorf. Seit zwei Jahren lebe ich aber hier in Teheran.“

Schweißperlen liefen Yassir in die Augen, die fürchterlich zu brennen anfingen. Mit einem Tuch tupfte er sich die Stirn ab. Er versuchte jeden Drang zu unterdrücken, nach Bassam zu fragen. Denn er wollte die Vereinbarung nicht brechen. Vielleicht würde Hussein ihm dann keine einzige Information mehr geben.

„Was hat dich in die Hauptstadt verschlagen?“, fragte er schwer schluckend. Er leckte sich über die salzigen Lippen. Durch die Hitze war sein Mund völlig ausgedörrt. Yassir griff sich die erste Wasserflasche, aus der er einen kräftigen Schluck nahm.

„Ich habe Medizin an der Teheraner Universität studiert.“

„Weswegen wird ein so gebildeter Mensch ins Gefängnis gesperrt?“

„Die menschliche Niedertracht hat keinen Bildungsgrad“, antwortete Hussein trocken. „Ich werde Ihnen jetzt erzählen, wie ich in dieses Loch gekommen bin.“

2

Bassam war schon immer bei uns gewesen. Ich bin sozusagen mit ihm aufgewachsen. Erst später erfuhr ich, dass er nicht mein leiblicher Baradar war. Meine Eltern dachten immer, dass sie keine Kinder bekommen konnten, daher haben sie sich Bassam geholt, aber dann kam ich, Djamal Hussein, zur Welt und für Bassam hatte sich schlagartig alles verändert.

***

„Das waren deine Eltern, die meinen kleinen Jungen entführt haben!?“ Entsetzt war Yassir von seinem Stuhl aufgestanden.

„Ja“, gestand Hussein leicht beschämt.

„Ich glaub das alles nicht. Was seid ihr für kranke Menschen“, fluchte Yassir ins Loch hinein. Er konnte sich kaum noch halten.

„Hören Sie auf so über meine Eltern zu reden“, entgegnete Hussein mit lauter Stimme, in der das höchste Maß an Selbstbewusstsein lag.

Yassir setzte sich im Schneidersitz auf den steinigen Boden und hielt sich angespannt die Stirn, hinter der es mächtig brodelte. Mit allem hätte er gerechnet, aber nicht damit, dass er mit dem Sohn der Entführer reden würde.

„Haben Sie sich wieder beruhigt?“, fragte der Gefangene.

„Er war damals noch ein Kind. Er war ja damals selbst noch ein Kind. Er kann nichts dafür“, wiederholte Yassir leise immer wieder diese Worte. Es erforderte große Anstrengung, bis er wieder die Fassung erlangte.

„Hören Sie, ich weiß, dass die Situation nicht einfach für Sie sein wird, aber egal was ich Ihnen erzähle, Sie müssen genau zuhören, und mich nicht ständig unterbrechen. Haben Sie mich verstanden?“

Ohne Widerworte blickte Yassir ins Loch. Der Boden unter ihm fühlte sich warm an. Was würde Nia dazu sagen? Er durfte ihr nicht davon erzählen, sonst würde sie am nächsten Tag mit Sicherheit mitkommen wollen, ohne dass er sie diesmal davon abhalten könnte. Diese schreckliche Erkenntnis würde sie wieder runterreißen. Ihre unbändige Wut und Enttäuschung würde sie wie einen Feuerball auf den Gefangenen schmettern.

Benommen trank Yassir noch einen großen Schluck aus der Wasserflasche und wischte sich den Mund ab.

„Ja, keine Unterbrechungen mehr, versprochen.“

***

Mein Vater, Siamak, und meine Mutter, Elham, liebten mich, wie man einen Sohn nur lieben kann. Mir fehlte es an nichts. Ich war ihr unerwartetes Geschenk, das vom Himmel gefallen ist, sagten sie immer. Auch Bassam hatten sie ihre Liebe geschenkt, aber mit meiner Geburt schwächte ihre Fürsorge für ihn zunehmend ab.

Wir lebten in einer kleinen Lehmhütte, die sich außerhalb des Dorfes befand. Viel Geld hatten wir nie besessen. Wir waren sogar bettelarm. Jeder Rial, den mein Vater verdiente, wurde für meine spätere Ausbildung gespart. Mein Vater, der auf dem Feld eines ansässigen Weizenbauern beschäftigt war, ging jeden Tag zur Arbeit, während meine Mutter das Haus hütete. Jeden Abend kam er Heim, mit schmutzigen Händen, die voller Schwielen waren. Er war ein tüchtiger Mann, der die schwersten Arbeiten nicht scheute und gut für uns sorgte.

Bassam und ich spielten häufig miteinander, aber schon als kleines Kind bemerkte ich, dass ihm etwas fehlte. Die fehlende Zuneigung seitens meiner Eltern wandelte sich immer mehr in Taten. Es begann damit, dass Bassam nicht mehr mit uns am Tisch essen durfte. Meistens hockte er auf dem dreckigen Boden oder ging hinaus, um sich auf einen Felsstein zu setzen. Die einzige Pritsche, die wir hatten teilten wir uns, wie eine Familie das nun mal macht. Bassam musste auf dem harten Boden schlafen. Das Essen, das er bekam, war auch schlechter. Meistens gab man ihm altes Brot oder sogar verdorbenes Fleisch, von dem er tagelang an Durchfall litt. Ich bemitleidete ihn, denn er war schließlich mein Baradar. Doch meine Eltern gaben mir zu verstehen, dass mein Mitleid unberechtigt war, bis ich es hinterher sogar für richtig hielt, ihn genauso zu behandeln.

„Er ist schlechter als du, mein Sohn“, sagte mein Vater.

„Wieso?“, fragte ich. „Er ist doch mein Bruder.“

Die Antwort war mehr als falsch, aber da ich noch ein Kind war, hielt ich sie für die Wahrheit. Denn ich glaubte alles, was mein Baba mir sagte.

„Weil er kein richtiger Hussein ist. Er gehört nicht zur Familie.“

Das reichte für mich als Erklärung vollkommen aus, obwohl ich damals nicht wirklich verstand, was er genau damit meinte. Sie duldeten es zwar, dass ich mit Bassam spielte, aber ich sollte nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen. Während ich täglich die Dorfschule besuchte, musste Bassam meiner Mutter im Haushalt helfen. Einmal kam ich vom Unterricht heim und er saß auf dem Felsstein vor unserer Behausung. Schon von Weitem konnte ich ihn dort sitzen sehen. In gekrümmter Haltung lehnte er am warmen Stein. Erst als ich näher kam, sah ich, dass er weinte. Tränen liefen ihm unentwegt über die Wangen, die er sich beschämt, als er mich kommen sah, mit den Ärmeln seines grau gestreiften Gewands wegwischte.

„Was ist passiert?“, fragte ich erstaunt, da ich ihn vorher noch nie weinen gesehen habe, obwohl er täglich den Schikanen meiner Eltern ausgesetzt war.

„Nichts“, log Bassam und dabei ließ er seinen Blick in die Ferne schweifen.

„Das glaub ich dir nicht.“

Er fing wieder an zu schluchzen.

„Elham hat mich geschlagen“, meinte er.

„Das glaub ich dir auch nicht, du lügst doch.“ Wütend starrte ich ihn an.

„Doch es stimmt“, erzählte er weiter. „Ich habe versehentlich beim Wasserholen den Tonkrug zerbrochen. Da ist sie laut geworden und hat mir eine Ohrfeige gegeben.“

Obwohl sein Anblick mir leid tat, hielt ich die Bestrafung für richtig. Denn ich dachte immer, dass meine Madar schon ihre Gründe hatte, Bassam so zu erziehen.

„Sei nächstes Mal etwas vorsichtiger“, sagte ich, während ich ihm auf die Schulter klopfte.

Zu meinem achten Geburtstag schenkte mir mein Baba ein selbst gemachtes Schahbrett. Ich freute mich dermaßen darüber, dass ich es sogar mit zur Schule nahm, um es meinen Freunden zu zeigen.

„Wenn ich von der Arbeit komme, werde ich dir die Regeln beibringen“, versprach er.

„Danke, Baba.“ Ich umarmte meinen Vater, der sich ein herzhaftes Lachen verkneifen konnte.

Bassam kam gerade zur Tür hinein und sah das Brett auf dem Tisch. In beiden Händen hatte er Tonkrüge, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren. Seine Arme zitterten, sodass ein wenig Wasser über die Ränder schwappte und den Boden befeuchtete.

„Kannst du nicht aufpassen“, schimpfte Siamak und schlug ihm mit der Handfläche auf den Hinterkopf.

Bassam erschrak und ließ beide Krüge fallen, die scheppernd auf dem Boden zerbrachen. Meine Mutter stand am Herd und blickte ihn entsetzt an. Wütend zog sich mein Baba den Gürtel aus und legte Bassam übers Knie. Das Peitschen bei jedem Schlag verursachte mir eine Gänsehaut.

„Bitte Baba, ich werde es nicht noch mal tun!“, schrie Bassam verzweifelt. Sein Gesicht hatte sich vor Schmerz unnatürlich verzerrt.

„Ich bin nicht dein verdammter Baba“, sagte mein Vater und schlug noch fester zu.

„Bitte Siamak, es kommt nicht wieder vor“, flehte Bassam.

Ich konnte nur daneben stehen und dabei zusehen, wie mein Vater ihn bestrafte. Bis ich es nicht mehr aushielt und mir beide Hände auf die Augen presste. Als ich nichts mehr hörte, nahm ich sie weg. Bassam war in eine Ecke des Zimmers gelaufen, wo er neben dem Ofen aus Gusseisen kauerte und weinte. Mein Vater aß seelenruhig weiter sein Brot, während meine Mutter begann, die Scherben wegzuräumen. Böse blickte sie zu Bassam, der sein Gesicht ängstlich hinter den verschränkten Armen versteckte, die dürr und an einigen Stellen mit Schmutz überzogen waren.

Der Brunnen vor unserem Haus konnte uns nur begrenzt mit Wasser versorgen. Waschen mussten wir uns trotzdem. Bei den hohen Temperaturen schwitzte man den ganzen Tag und der Gestank war nachts kaum auszuhalten. Dennoch wuschen wir uns nur einmal wöchentlich. Bassam durfte sich nur waschen, wenn er die Erlaubnis meiner Eltern erhielt, die er nur bekam, wenn er so sehr stank, dass man es im Haus kaum aushielt. Meistens waren sie darüber sehr verärgert und schimpften mit ihm.

„Wir stinken doch genauso, wenn wir uns nicht waschen“, verteidigte ich ihn.

„Das ist was anderes“, sagte mein Vater. „Bassam ist ein Sonderfall.“

Ein Sonderfall so nannte er ihn tatsächlich.

Bassam und ich legten unsere Kleider ab. Er war bis auf die Knochen abgemagert. Seine dürren Beine zitterten trotz der Hitze, die Haut hatte sich wie ein Zelt straff über jede Rippe gespannt. Prüfend blickte das knochige Gesicht die Umgebung ab. Die blauen Flecken am Hintern bemerkte ich erst später. Zu sehr hatte mich sein nacktes Antlitz erschüttert.

Nachdem Elham jeweils einen Eimer Wasser über uns ausgekippt hatte, rieb er sich mit einem Stück Seife ein, das er mir reichen wollte. Doch meine Mutter gab mir ein neues Stück. Wieso sie das tat, begriff ich erst Jahre später.

Liebevoll trocknete sie mich ab und kniff mir in die Nase, während Bassam zitternd beide Arme um den Oberkörper geschlungen hatte. Missgelaunt schmiss sie ihm das Handtuch vor die Füße, mit dem sie mich bereits abgetrocknet hatte.

„Dafür bist du jetzt alt genug“, sagte Elham.

Am noch feuchten Handtuch klebte Sand. Trotzdem hob es Bassam vom Boden auf und benutzte es. Dabei rieb er sich den ganzen Sand über den Körper.

Die Sonne war schon fast untergegangen, als ich von Weitem meinen Vater kommen sah.

„Baba!“, rief ich und lief ihm entgegen.

Seine Stirn glänzte vor Schweiß. Lachend hob er mich mit seinen kräftigen Armen in die Höhe.

„Schön dich zu sehen, mein Sohn“, sagte er, während er mich durch die Luft wirbelte.

Ich kicherte laut und bemerkte, dass meine Mutter verlegen eine Hand vor den Mund hielt, um ihr Lächeln zu verdecken.

Den restlichen Weg zur Lehmhütte trug er mich auf den Schultern, obwohl er müde aussah. Bassam stand wie angewurzelt da und sagte kein Wort. Ohne zu grüßen lief mein Baba an ihm vorbei und gab meiner Mutter einen Kuss. Gemeinsam gingen wir in die Hütte. Bassam blieb alleine draußen stehen und setzte sich auf den Felsstein. Sehnsüchtig schaute er sich den Sonnenuntergang an. Er war sogar noch draußen, als wir zu dritt am Tisch saßen und mein Vater das Brot in Stücke riss.

„Komm endlich rein“, rief er Bassam irgendwann zu. „Der verlauste Bengel treibt mich noch in den Wahnsinn.“

Selbst wenn Bassam nichts angestellt hatte, fluchte mein Vater über ihn. Mit gesenktem Kopf betrat Bassam die Hütte und griff sich ein Stück Brot vom Tisch, das er mit in seine Ecke neben dem Gussofen nahm. Still aß er dort, während er gelegentlich zu uns rüberblickte. Sobald mein Vater ihn scharf ansah, ließ er wieder den Kopf sinken.

„Los, geh Holz holen“, brummte Siamak unzufrieden.

Unverzüglich ging Bassam hinaus. Befehle von meinen Eltern wurden schnell ausgeführt, was ihm durch viele Strafen anerzogen worden war. Meine Familie hatte die Angewohnheit beim Essen sehr wortkarg zu sein. Geredet wurde bei uns überhaupt sehr selten. Jeder sich andeutende Konflikt wurde durch eisernes Schweigen verdrängt. So lebten wir jahrelang. Nur wenn es um Bassam ging, konnten sie laut werden.

Ich holte das Schahbrett aus meiner Schultasche, während meine Mutter anfing den Tisch abzuräumen. Bassam stand draußen, wo er Äste von vertrockneten Sträuchern abbrach, die er anschließend in einen Flechtkorb legte.

„Du hast es mir versprochen“, bettelte ich und hielt meinem Baba das Schahbrett entgegen.

Mit einem Nicken stimmte er mir schließlich müde zu und brachte mir die Regeln bei.

„Das Spiel erfordert Grips und List“, begann mein Vater, während er die Holzfiguren aufstellte. „Du musst deinem Gegner immer einen Schritt voraus sein und ihn zu Fehlern zwingen. Der Schah und die Dame werden zu Beginn in die Mitte gestellt… “

Es dauerte eine Zeit bis ich die Regeln vollständig begriffen hatte, obwohl sie mir mein Vater ausführlich und lange erklärt hatte. Das erste Spiel gewann er, wie auch das zweite. Bassam betrat mit dem Korb die Hütte und begann, das Feuer zu schüren, das uns in den kalten Nächten Wärme spendete. Immer wieder schaute er neugierig auf den Tisch. Meine Mutter schlief bereits auf der Pritsche, als wir die dritte Partie begannen. Die trockenen Äste knisterten im Ofen und es breitete sich eine wohlige Wärme im ganzen Raum aus.

„Du wirst besser“, meinte mein Baba nach den ersten Zügen.

Seine Worte machten mich so stolz, dass ich übers ganze Gesicht strahlte.

Schweigend stand Bassam neben dem Tisch und verfolgte unser Spiel.

„Hast du nichts zu tun!?“, schimpfte mein Vater, als er bemerkte, dass Bassam schon eine Weile gedankenversunken auf das Brett starrte. „Das ist nichts für dich. Du bist zu dumm dafür.“

Ängstlich zog Bassam sich in seine Ecke zurück und schloss die Augen. Gleichmäßig hob und senkte sich sein Brustkorb, bis er in den tiefen Schlaf gefallen war.

„Ja, gewonnen“, rief ich vor Freude, als ich meinen Vater Schachmatt setzte und Bassam durch meinen Aufschrei hochschreckte. Neckisch lächelte mein Baba mich an, sodass ich meine Zweifel bekam, ob er mich nicht vielleicht gewinnen ließ.

„Du hast extra verloren“, beschuldigte ich ihn.

„Nein, hab ich nicht“, beschwichtigte mich Siamak. „Du hast das Spiel halt schnell verstanden und bist besser geworden.“

Ich wollte mich nicht mit ihm streiten, deswegen beließ ich es dabei. Bis heute habe ich allerdings meine Zweifel, ob ich wirklich die dritte Partie gewonnen habe oder mein Vater mir einfach ein Erfolgserlebnis schenken wollte.

***

„Kannst du es mir beibringen?“, fragte Bassam und sah mich mit großen Augen an.

„Du hast doch gehört, was Siamak gesagt hat“, meinte ich. „Du wirst es nicht verstehen.“

„Bitte, zeig es mir. Ich will es wenigstens versuchen.“

Da meine Mutter ins Dorf gegangen war und mein Vater noch auf dem Feld arbeitete, ließ ich mich von Bassam überreden, der sich aufgeregt an den Tisch setzte. Misstrauisch über seine Euphorie begann ich die Holzfiguren aufzustellen, so wie es mir mein Baba gezeigt hatte.

Bassam verfolgte aufmerksam jede Handbewegung, als wenn er so die Geheimnisse des Schahspiels entschlüsseln konnte. Ich stellte sogar seine Figuren auf, weil ich es ihm nicht zutraute.

„Willst du die Schwarzen oder Weißen?“, fragte ich das Brett vor- und zurückschiebend.

„Die Schwarzen“, antwortete Bassam, wobei er seinen Blick nicht vom Schahbrett losreißen konnte.

Er verstand die Regeln erstaunlich schnell, sogar schneller als ich, was mich sehr wunderte. Daher fragte ich mich, wie mein Vater sich täuschen konnte. Vielleicht war Bassam nicht so dumm, wie wir alle dachten.

Wir spielten vier Spiele und alle gewann er. Mit jeder Niederlage wurde ich zorniger. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie mich Bassam so demütigen konnte. Wohlüberlegt tat er jeden Zug und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger auf sein Kinn. Die List, die man für dieses Spielt benötigte, schien er zu haben. Neidvoll sah ich dabei zu, wie er jeden Zug von mir zunichte machte oder zu seinem Vorteil kehrte, bis ich beim letzten Spiel die Geduld verlor.

„Du mogelst doch!“, brüllte ich und schmiss das Brett vom Tisch. Die Figuren rollten in verschiedene Richtungen. Einige unter die Pritsche, andere sogar unter den Gussofen.

„Nein, das stimmt nicht“, verteidigte sich Bassam.

„Doch, du hast mich betrogen!“, schrie ich.

Bassam schwieg und begann, die Figuren vom Boden aufzuheben, während ich enttäuscht aus dem Haus lief. Seitdem habe ich lange Zeit keine einzige Partie mehr gegen ihn gespielt.

Die darauffolgenden Tage redete ich mit ihm kaum, obwohl er nichts falsch gemacht hatte. Bassam erledigte die Aufgaben, die Elham ihm auftrug und wurde gelegentlich von meinem Baba zurechtgewiesen. Ansonsten schlief er viel, bis meine Mutter ihn wieder weckte, damit er weitere Hausarbeiten verrichten konnte.

„Kannst du nichts richtig machen!?“, brüllte ihn mein Baba eines Tages an. „Du bist zu nichts zu gebrauchen, zu nichts. Hast du mich gehört!“

Da Bassam hungrig war, hatte er sich hastig ein Stück von dem frischeren Brot genommen. In den Augen meines Babas ein schweres Vergehen. Denn die guten Lebensmittel durfte er nicht essen.

„Es war keine Absicht, Siamak“, stöhnte er, während er sich schützend seine Hände auf den Kopf legte.

Ich war noch wegen des Schahspiels wütend auf Bassam und wollte ihn daher nicht mehr verteidigen. Mit verschränkten Armen sah ich dabei zu, wie Siamak ihn grob an die Schulter packte. Heute kann ich nicht verstehen, wie ich so herzlos und bösartig sein konnte. Ich war nun mal ein Kind, die manchmal sogar grausamer als jeder Erwachsene sein konnten.

„Das passiert nicht noch mal“, meinte mein Baba warnend, während er Bassam drohend anblickte und ihm das Brot langsam entriss.

Wenn ich heute zurückblicke, erfüllt mich mein Herz mit Reue. Wieso nur haben wir unseren Bassam so schlecht behandelt? Es ist eine Frage, die mich jetzt noch quält.

***

Immer noch saß Yassir im Schneidersitz auf dem Boden. Die Fassung, die er kurzzeitig wiedererlangt hatte, hatte sich verflüchtigt.

„Was habt ihr meinem Sohn angetan?“, sagte er zunächst leise. „Was habt ihr ihm nur angetan!?“ Nun schrie er ins Loch hinein. Seine Finger griffen angespannt um die Gitterstäbe. Von unten kam eine Zeit lang keine Antwort.

„Es ist fast dunkel. Sie sollten jetzt besser nach Hause fahren.“

Yassir spürte plötzlich eine Hand auf seiner Schulter.

„Er hat recht. Es ist Zeit zu gehen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Erschrocken fuhr Yassir herum. Einer der beiden Polizisten stand plötzlich da. So sehr hatte ihn die Erzählung des Gefangenen entsetzt, dass er das Motorengeräusch des Polizeiautos nicht wahrgenommen hatte.

„Nein, warten Sie.“ Aufgebracht riss sich Yassir los. „Ich muss noch mit ihm reden. Hörst du mich da unten!“

Doch die einzige Antwort, die er bekam, war seine eigene Stimme, die als Echo wieder vom Grund hinauf hallte.

„Das bringt nichts“, meinte der Polizist. „Wenn der nichts sagen will, bekommen Sie nichts aus dem heraus. Selbst wenn man ihm die Scheiße aus dem Leib prügelt.“

Yassir raufte sich die Haare und erhob sich.

„Wenn Sie jetzt nicht kommen, fahre ich einfach ohne Sie los“, warnte der Polizist und machte sich wieder auf den Weg zum Dienstwagen.

Die Sonne war schon zur Hälfte untergegangen. Es sah so aus, als wenn sie vom Erdboden verschluckt worden war. Stiller kam es Yassir hier vor als am Vortag. Ein leichter Wind umwehte seine Nasenspitze und unter seinen Sohlen knirschte das Gestein. Müde ließ sich der Polizist hinter das Steuer fallen, während Yassir die Hintertür öffnete.

„Sie können auch vorne sitzen, wenn Sie wollen.“

Erst durch die dumpfe Innenbeleuchtung des Autos erkannte Yassir, dass der größere Polizist nicht anwesend war.

„Nein, danke“, lehnte er ab.

Der Mann zuckte mit den Schultern und fuhr los.

„Ach da fällt mir ein, dass der Polizeichef Sie sprechen wollte. Wenn es Ihnen keine Umstände macht, bringe ich Sie zuerst zum Präsidium, bevor ich Sie nach Hause fahre.“

Gedankenverloren blickte Yassir aus dem Seitenfenster. Längst überhört hatte er die Worte.

***

Noch zu später Stunde saß Polizeichef Iraj am Schreibtisch, wo er konzentriert einige Dokumente studierte. Hin und wieder legte er ein Blatt nieder, um darauf seine Signatur zu hinterlassen. Erst spät blickte er auf und bemerkte, dass Yassir in der offenen Tür stand.

„Aghaye Navid, sagen Sie doch etwas. Bitte treten Sie ein.“ Ein warmes Lächeln verzierte seine Lippen.

Wortlos betrat Yassir das Büro und blieb direkt vor Iraj stehen.

„Sie fragen sich wahrscheinlich, warum ich Sie noch einmal sprechen wollte.“

„Ja, das tue ich.“

Das Lächeln Irajs verblasste langsam und die gewohnte Ernsthaftigkeit trat wieder zum Vorschein.

„Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch, Aghaye Navid“, fing der Polizeichef seine Rede an. „Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich habe ständig das Bedürfnis, über alles und jeden Menschen gut informiert zu sein. Ich brauche Informationen sozusagen, wie die Luft zum Atmen.“

„Welche Informationen fehlen Ihnen denn, Aghaye Iraj?“

„Zum Beispiel, was hat dieser Bursche mit Ihnen vor? Was erhoffen Sie sich von den Treffen mit ihm?“

Yassir fühlte sich zu kraftlos für ein solches Gespräch, daher versuchte er mit Mühe den Respekt zu wahren.

„Natürlich will ich meinen Sohn wiederfinden. Das ist mein einziges Ziel.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn Sie die Sache auf sich beruhen lassen. Der Richter hatte zwar seine Zustimmung für ein solches Arrangement gegeben, aber ich hielt es von Anfang an für reine Zeitverschwendung.“

„Das können Sie nicht von mir verlangen“, sagte Yassir. „Das ist die einzige Chance meinen Sohn wiederzufinden. Wenn ich die nicht nutze, werde ich es bis ans Ende meines Leben bereuen.“

Iraj atmete einmal tief durch. Sein Blick drückte mitleidiges Bedauern aus.

„Vielleicht habe ich mich gerade nicht deutlich ausgedrückt, als ich meine Frage stellte. Wie hoch denken Sie sind Ihre Chancen Ihren Sohn wiederzufinden?“

„Was sollen diese Fragen?“ Nun wurde Yassir etwas lauter. Er befand sich am Ende seiner Kräfte und das Gespräch zehrte an seinen bereits angeschlagenen Nerven.

Eine Zeit lang schwiegen beide.

„Wissen Sie etwas, was ich nicht…“

„Ich möchte Sie nur vor diesen Hussein warnen. Er ist ein sehr gerissener Bursche. Ehe Sie sich versehen, können Sie zur Marionette seines listigen Spiels werden. Also bitte ich Sie, sehen Sie sich vor.“ Iraj war ihm direkt ins Wort gefallen.

„Wissen Sie etwas, was ich nicht weiß?“

Angespannt nahm er sich die Schirmmütze vom Kopf, die er mit beiden Händen zerknüllte. In gewohnter Manier zog Iraj seine Stirnfalten hoch, das machte ihn älter. Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein, das ist alles.“

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