Foxfighter - Rivalen des Waldes - Akram El-Bahay - E-Book

Foxfighter - Rivalen des Waldes E-Book

Akram El-Bahay

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Beschreibung

Band 2 der abenteuerlichen Tier-Fantasy rund um den Silberfuchs Finn

Seit der junge Fuchs Finn ausgewildert wurde, hat er nicht nur ein neues Zuhause bei den Nachtpfoten gefunden, sondern auch gegen einen Schattenwolf gekämpft, ein magisches Siegel entdeckt und etwas Unglaubliches erfahren: Finn ist ein Silberfuchs und besitzt eine besondere Gabe! Damit konnte er den Schattenwolf zwar besiegen, aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Kralle, der Verräter, schart bereits neue Schatten um sich. Er will die dunklen Waldgeister befreien und mit ihnen über den Wald herrschen. Das Einzige, was jetzt noch helfen kann, ist eine Allianz der Fuchsfamilien. Doch können sie ihre Rivalitäten ruhen lassen? Und kann Finn seine besondere Gabe nutzen, um den Wald zu retten?

  • Ein spannendes, altersgerechtes Fantasy-Abenteuer mit starken tierischen Identifikationsfiguren
  • Wichtige Themen wie Freundschaft, Mut und Selbstfindung

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchTitelAus der Bibliothek der ungeschriebenen BücherUnachtsamKralles SchattenDie Weisheit eines IgelsFuchsDie BotenSoloBei den SchattenflüsterernDer SpionAngst um FabelfellDas OrakelEine zu große AufgabeVertriebenDer Platz der FüchseVorwürfeMärchenZur FarneninselDer letzte der SilberfüchseJägerAngriff!Familie und FeindDrei GeisterDer beste AnfangÜber den AutorImpressum

Über dieses Buch

Seit der junge Fuchs Finn ausgewildert wurde, hat er nicht nur ein neues Zuhause bei den Nachtpfoten gefunden, sondern auch gegen einen Schattenwolf gekämpft, ein magisches Siegel entdeckt und etwas Unglaubliches erfahren: Finn ist ein Silberfuchs und besitzt eine besondere Gabe! Damit konnte er den Schattenwolf zwar besiegen, aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Kralle, der Verräter, schart bereits neue Schatten um sich. Er will die dunklen Waldgeister befreien und mit ihnen über den Wald herrschen. Das Einzige, was jetzt noch helfen kann, ist eine Allianz der Fuchsfamilien. Doch können sie ihre Rivalitäten ruhen lassen? Und kann Finn seine besondere Gabe nutzen, um den Wald zu retten?

AKRAM EL-BAHAY

FOXFIGHTER

RIVALEN DES WALDES

>

Aus der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

Unachtsam

Es ist zu ruhig.« Finn sah auf die Bäume vor sich. Über ihm hatte sich die Nacht ausgebreitet. Sterne standen wie silberne Blüten am Himmel, und ein sachter Wind strich ihm über das Fell.

»Hättest du lieber wieder einen dunklen Wolf vor der Schnauze, der uns durch den Wald jagt?« Fabelfell streckte sich und gähnte herzhaft.

Finn hätte beinahe mit Ja geantwortet. Nicht, dass er ihren schattenhaften Gegner vermisste. Im Gegenteil. Aber wären er und Fabelfell dem Schattenwolf nicht auf die Schliche gekommen, hätten sie niemals das magische Siegel entdeckt. Und Finn wäre nicht durch das Portal gegangen und hätte seine Familie getroffen. Die Silberfüchse. Die Erinnerung daran war der größte Schatz, den Finn im Herzen trug.

Er sah Fabelfell an und schüttelte den Kopf. »Aber ich weiß, dass Kralle dort irgendwo ist. Und dass er das Siegel zerstören will.«

Fabelfell sträubte sich, als würde die Erinnerung an ihren Bruder und seinen Verrat ihr Unbehagen bereiten. »Wir wissen nicht, ob er noch immer nur Kralle ist. Etwas ist in jenem Moment mit dir zusammen von der anderen Seite in den Wald gelangt. Und es hat meinem Bruder das Fell dunkel gefärbt. Und vielleicht sogar sein Inneres. Womöglich ein Waldgeist.«

Finn hatte bereits den Mund zu einer Erwiderung geöffnet, doch dann schloss er ihn wieder, ohne dass auch nur ein Wort über seine Zunge kam. Er wollte Fabelfell die Illusion lassen, dass ihr Bruder zu retten war. Er selbst hatte keine Hoffnung. Kralle hatte sich freiwillig mit den Wesen eingelassen, die auf der anderen Seite des Durchgangs lebten und von den Silberfüchsen bewacht wurden. Finn wollte seine Familie so dringend wiedersehen, dass es ihm fast das Herz zerschnitt. Auch wenn er von Fabelfells Familie, den Nachtpfoten, aufgenommen worden war und nun bei ihnen lebte.

Hinter Finn lag eine Nacht als Jäger. Er hatte die Aufgabe, Nahrung für diejenigen zu fangen, die noch zu jung oder bereits zu alt waren, um selbst Mäuse zu erbeuten. Und obwohl die Vorstellung, sich auf der Farneninsel, der Heimat der Nachtpfoten, in den Bau zu legen und ein paar Stunden zu schlafen, äußerst verlockend war, machte er einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung. »Ich gehe noch zum Siegel«, sagte er, was ihm ein Kopfschütteln und einen genervten Blick von Fabelfell einbrachte.

Finn konnte ihr die Gedanken von der Stirn lesen. Sie war der Ansicht, dass er sich zu viele Sorgen machte. Erst recht, seit er die beunruhigenden Nachrichten von Robin, seinem Freund, gehört hatte.

Fabelfell legte den Kopf schief und seufzte. »Gut«, sagte sie. »Ich begleite dich. Du wolltest mir noch berichten, was dir die Schneckenhaut gestern erzählt hat.«

Schneckenhaut. Der Begriff der Füchse für Menschen. Finn benutzte ihn längst auch.

Da sie nicht auf der Jagd waren, gaben sie sich keine Mühe, leise zu sein, als sie losgingen. Sie selbst mussten ohnehin nicht mit Gefahren rechnen. Einzig die Steinadler, die in der Nähe lebten, betrachteten Füchse als Beute. Und vor ihnen schützten sie die Kronen der Bäume.

»Hast du von einer Krankheit gehört, die sich hier ausbreitet?«, fragte er Fabelfell, während sie in Richtung des Teils ihres Waldes gingen, den alle nur die ewige Finsternis nannten.

Ihr Kopfschütteln war Antwort genug.

»Robins Mutter hat von einem befreundeten Forscher …« Finn unterbrach sich, als ihm bewusst wurde, dass die Füchsin im Gegensatz zu ihm mit menschlichen Begriffen nichts anfangen konnte. Finn war unter den Schneckenhäuten aufgewachsen, was ihm die erste Zeit im Wald einige Schwierigkeiten gebracht hatte. Als Silberfuchs verstand er die Sprache jedes Wesens und hatte sich mit diesem Talent und mit seinem Mut den Platz unter den Nachtpfoten erkämpft. »Sie hat von einer anderen Schneckenhaut erfahren, dass einige Tiere des Waldes, nun, weniger werden. Ausbleichen.« Er konnte Fabelfell ansehen, dass sie denselben Gedanken hatte wie er, als ihm Robin davon erzählt hatte. Mondauge, das Oberhaupt der Nachtpfoten, hatte an einer Krankheit gelitten, die dies bewirkt hatte. Ein Biss des Schattenwolfs hatte ihn schwinden lassen. Erst durch Finns Sieg über das Wesen, das er auf die andere Seite des Durchgangs verbannt hatte, war Mondauge gerettet worden.

»Kann der Wolf zurückgekehrt sein?« Fabelfell hatte die Frage geknurrt, als würde sie ihren Feind ganz in ihrer Nähe vermuten.

»Nein!«, entfuhr es Finn so unvermittelt, dass er sich selbst wunderte. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. »Ich habe ihn auf die andere Seite geschickt.«

Finn erinnerte sich noch allzu gut daran, wie der Wolf und er in eine Welt gelangt waren, zu der kein normaler Weg führte. Eine Welt, zu der sie einen Durchgang hatten passieren müssen, der den Stamm eines steinernen Baums in der ewigen Finsternis wie einen langen Riss durchzog. Eine Welt, in der Finns Eltern und die anderen Silberfüchse lebten. Alle, bis auf ihn.

»Aber als du von dort zurückgekehrt bist, ist dir dieses Ding gefolgt«, erinnerte Fabelfell ihn. »Dieses Ding, das meinem Bruder das Fell schwarz gefärbt hat. Vielleicht ist seither noch mehr durch den Spalt gelangt.«

Finn drückte die Schnauze gegen den Boden, als könnte er so die Erinnerung an den Wolf und alles Dunkle loswerden, das es noch in der ewigen Finsternis gab. »Wir haben das Siegel repariert«, sagte er bestimmt. »Der Spalt ist wieder geschlossen.«

»Also macht es doch keinen Sinn, nachzusehen«, sagte Fabelfell. »Denn eigentlich …«

Finn legte den Kopf schief. »… müssen wir noch weiter jagen? Beute für die Familie holen?«

»Eigentlich«, bestätigte die Füchsin. »Aber ich bin sicher, dass wir das auch dann noch vor dem Ende der Nacht schaffen, wenn wir einen kleinen Umweg machen. Du willst nachsehen? Also sehen wir nach. Es sei denn, du hast Angst, Kätzchen.« Bei den letzten Worten funkelte Fabelfell ihn herausfordernd an.

Und Finn knurrte. Kätzchen. So hatte Fabelfell ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen genannt, nachdem sie herausgefunden hatte, dass er mit Schneckenhäuten in Kontakt gewesen war. Ohne etwas zu erwidern, lief Finn los. Genau auf die Grenze zu, hinter der die ewige Finsternis lag.

Kätzchen. Er wusste, dass Fabelfell ihn ärgern wollte. Und das hatte sie auch geschafft. Böse war er ihr nicht, doch das Wort ließ ihn rennen, um ihr zu zeigen, dass er ein Fuchs war.

Ebenso schnell wie leise lief er zwischen die Stämme der Bäume jenseits der Grenze zur ewigen Finsternis. Und kaum hatte er eine Pfote auf den weichen, nach Moder riechenden Boden gesetzt, umfing ihn eine Dunkelheit, die so dicht war, als wäre er blind geworden. In der Nacht konnten Füchse dank ihrer empfindlichen Augen gut sehen. Hier aber waren sie beinahe blind. Es wurde plötzlich kälter, und Finn musste sich überwinden, weiterzulaufen. Die ewige Finsternis war ein Teil des Waldes, über den einst die Waldgeister geherrscht hatten. Und auch wenn diese furchterregenden Geschöpfe von den Silberfüchsen besiegt und auf die andere Seite verbannt worden waren, schien dieser Ort immer noch von ihnen erfüllt zu sein.

Dornige Ranken wuchsen auf dem Weg, und Finn glaubte, dass sie sich in seine Richtung bewegten, als er an ihnen vorbeilief. Er sah das Glimmen von Pilzen, die ein fahles Gelb in die Schwärze mischten. Und er hörte das Summen von Insekten, das ihn, würde er dem Geräusch länger lauschen, sicher einschläferte. Es gab viele Gefahren in der ewigen Finsternis. Und die meisten bemerkte man erst, wenn es zu spät war.

Finn spitzte die Ohren, um nach dem Geräusch zu lauschen, das er am meisten hier fürchtete. Dem Klacken von Spinnenbeinen. In der ewigen Finsternis lebten große Exemplare, die sicher nicht aus dieser Welt stammten, sondern aus der, der auch die Waldgeister entsprungen waren. Doch die einzigen Schritte, die er hörte, waren leicht und so leise, dass sie fast in seinem Atem untergingen.

»Du musst dich schon etwas mehr anstrengen, wenn du mich abhängen willst.« Fabelfell schloss so mühelos zu Finn auf, dass dieser sich einen Moment wunderte.

»Ich habe nur auf dich gewartet«, log er, während sich die Füchsin vor ihn setzte und sie beide tiefer in die Dunkelheit liefen. Für einen Fuchs, der das erste Mal in die ewige Finsternis ging, wurde die Chance, mit heilem Fell aus ihr herauszukommen, mit jedem Schritt geringer. Doch Finn und Fabelfell waren so oft hier gewesen, dass sie sich bestens zurechtfanden. Die Stelle, an der sich der einsame, steinerne Baum erhob, dessen gespaltener Stamm den Durchgang in die andere Welt darstellte, lag tief in der ewigen Finsternis. Und auch wenn weder Finn noch Fabelfell oder irgendeine andere Nachtpfote bislang auf dem Weg dorthin in Gefahr geraten war, wurden die beide bald langsamer und vorsichtiger.

Kein Tier wurde alt, wenn es unvorsichtig war. Und kein Tier kehrte aus der ewigen Finsternis zurück, wenn es unachtsam war. Finn wurde ebenso stumm wie Fabelfell, als sie sich an hohen Bäumen vorbeidrückten, die so eng beieinanderstanden, als wollten sie verhindern, dass die Füchse an ihr Ziel gelangten. Das Summen wurde lauter und verführerischer. Fabelfell nannte die Geschöpfe, die es erzeugten, Schlafbeißer. Bei seinen ersten Ausflügen in diesen Teil des Waldes hatte Finn das einschläfernde Summen nicht bemerkt. Und irgendwann hatte er sich davon einlullen lassen. War müde geworden und ehe er sichs versah, so oft in die Haut unter seinem grauen Fell gebissen worden, dass er glaubte, keine Stelle seines Körpers wäre verschont geblieben. Es hatte tagelang gejuckt. Und seither fand Finn sogar das Brummen von Bienen im Sonnenschein unangenehm.

Das Summen der Schlafbeißer wurde bald jedoch leiser, und Finn hörte nur die Schritte von Fabelfell und ihm und das Schlagen des eigenen Herzens. Schließlich erreichten sie den Rand einer kreisrunden Lichtung. Von dem Fuchs, der hier Wache halten sollte, konnte Finn keine Spur ausmachen. Wo war er?

Seine Augen hatten sich nun etwas an die Finsternis gewöhnt, und vage konnte Finn die Reihe der Stämme erkennen, die um die Lichtung herum wuchsen. Keiner schien es zu wagen, nur eine Wurzel auf die Lichtung selbst zu setzen. Lediglich einer erhob sich in ihrer Mitte.

Der Baum mit dem gespaltenen Stamm.

Wie der Schatten einer Schneckenhaut erschien er, die blattlosen Äste wie Arme in die Luft gereckt. Der Stamm war in der Mitte vom Boden bis hinauf zu der Krone geteilt. Ein so schmaler Spalt, dass nicht einmal ein schlanker Vogel hindurchpasste. Auf diesem Spalt war das kreisrunde, magische Siegel angebracht, das Finn mithilfe von Robin und Fabelfell repariert hatte.

Und hinter diesem Siegel lebten Finns Eltern und die anderen Silberfüchse.

Die Versuchung, den Durchgang mit dem Aussprechen des passenden Wortes zu öffnen, war so groß, dass Finn ein Keuchen entfuhr.

Ein warnendes Knurren zerschnitt im nächsten Moment die Finsternis, und zwischen zwei Bäumen trat die Gestalt eines Fuchses hervor.

»Wir sind es, Beerenschweif«, sagte Fabelfell beschwichtigend.

Der junge Fuchs näherte sich dennoch vorsichtig und schnüffelte. Erst als ihn der Duft offenbar überzeugte, kam er ganz auf sie zu. »Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet«, sagte er. »Die Ablösung soll erst mit Anbruch des Tages kommen.«

Finn konnte deutlich aus den Worten des Fuchses heraushören, dass dieser der Ablösung sehnsüchtig entgegensah.

»Wir haben schon eine ganze Weile dagestanden, ohne dass du uns bemerkt hast«, meinte Fabelfell mit Tadel in der Stimme. »Ist etwas Besonderes geschehen?«

Beerenschweif entfuhr ein Schnauben, das sein Missfallen kaum verbergen konnte. »Es ist schwer, Schatten in der Nacht auszumachen«, sagte er entschuldigend. »Diese Nacht ist wie jede Nacht. Lang und dunkel und sehr einsam.« Er sah zu dem Baum in der Mitte der Lichtung. »Weder hat jemand versucht, von hier durch den Spalt zu gelangen, noch hat jemand Anstalten unternommen, herauszukommen.«

Weder Schattenwesen noch Silberfüchse. Ohne die Waldgeister und ihre Diener hätte Finn längst seine Familie befreien können. Doch auch sie waren dort, und Finn würde das Böse in diese Welt bringen, falls er seine Familie befreite.

»Wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass du durch den Spalt gegangen bist, würde ich denken, dass dies nur ein einfacher Baum ist und dass keiner von uns ihn bewachen müsste.« Beerenschweif gähnte und schüttelte sich, als könnte er so die Müdigkeit loswerden.

Das ist nicht gut, dachte Finn bei sich. Beerenschweif hat uns erst bemerkt, als ich einen Laut von mir gegeben habe. Was wäre, wenn Fabelfell und ich stille Angreifer gewesen wären?

»Vielleicht gelangt niemand aus dem Spalt. Aber Kralle wird kommen«, sagte Fabelfell so überzeugt, als wähnte sie ihren Bruder, der die Nachtpfoten verraten hatte, hier irgendwo in der Nähe. »Und bis dahin müssen wir aufmerksam sein.«

Finn sah sich um. Die Lichtung lag so verlassen da, dass es selbst ihm schwerfiel, hier eine Gefahr zu vermuten. So Furcht einflößend die ewige Finsternis sonst auch war, so öde und in bleischwere Langeweile getränkt erschien sie ihm hier. Nun, da er lauschte, konnte er sogar wieder ganz leise das eintönige Brummen der Schlafbeißer hören, und nur mit Mühe unterdrückte er ein Gähnen. »Es ist wichtig, dass wir hier sind«, sagte er und versuchte, überzeugend zu klingen.

Beerenschweif musterte ihn einen Moment lang, wobei sein Blick an Finns grauem Fell hängen blieb. Es wurde silbern, wenn sich Finn seiner besonderen Gabe bediente. Wenn er fremde Sprachen nutzte. Dann zeigte sich der Silberfuchs in ihm. »Vielleicht ist Kralle auch längst fort. Ist in irgendeinem Fluss ertrunken oder von einem dieser Monster der Schneckenhäute totgefahren worden.«

Autos. Das Wort kam Finn ganz plötzlich in den Sinn, als er daran dachte, wie Fabelfell und er an diesen Monstern vorbeigelaufen waren, um Robin in der Stadt der Schneckenhäute zu finden. »Wir werden sehen«, murmelte er. Dann straffte er sich. »Aber hier scheint alles in Ordnung zu sein. Wir gehen wieder. Heute müssen wir noch jagen. Nusszahns Junge sind noch nicht so weit, mit ihr auf Suche nach Beute zu gehen. Und man könnte glauben, dass die kleinen Füchse mehr Hunger haben als ein ausgewachsener Bär.«

»Halt die Augen offen, Beerenschweif«, ermahnte Fabelfell den Wächter. »Deine Ablöse dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und Kralle ist nicht fort.« Ihre Worte klangen so düster, als hätte sich die Dunkelheit auf ihre Zunge gelegt.

Beerenschweif nickte, doch er machte keinen sonderlich überzeugten Eindruck.

Mit einem Nicken verabschiedete sich Finn, und Fabelfell folgte ihm zwischen die Bäume am Rand der Lichtung.

»Wir werden unachtsam«, sagte sie leise, während Finn voranging auf dem Weg, der sie am schnellsten aus der ewigen Finsternis bringen würde.

»Und wenn er recht hat?« Finn wich einer Ranke aus, die sich ihm in den Weg reckte, als wäre sie der Arm eines unheimlichen Wesens, das ihn packen wollte.

»Hat er nicht«, erwiderte Fabelfell entschieden. »Mein Bruder ist nicht fort. Er will das Oberhaupt der Nachtpfoten werden. Er will das Oberhaupt aller Familien werden. Der Herr des Waldes. Doch er würde nur der Diener der Waldgeister sein, wenn er sie in unsere Welt brächte.«

»Wir …« Finn verschluckte den Rest des Satzes, als sich sein Fell wie von selbst sträubte. Da war etwas, das sogar an diesem finsteren Ort so dunkel war, dass es Finn Unbehagen bereitete.

Auch Fabelfell schien es zu spüren.

Sie brauchten keine Worte, um einander zu verstehen. Sie drehten sofort um und liefen, alle Vorsicht vergessend, zurück zur Lichtung und wurden erst langsamer, als sie den steinernen Baum auf der Lichtung wieder ausmachten.

Die Füchsin blieb grollend stehen und richtete ihre bernsteinfarbenen Augen auf den Rand der Lichtung.

Finn folgte ihrem Blick. Und keuchte auf.

Am gegenüberliegenden Ende der Lichtung stand ein Schatten.

Kralle.

Kralles Schatten

Ohne nachzudenken, rannte Finn los.

Kralle, der Verräter.

Kralle, ihr Feind.

Kralle, der … was war? Noch immer ein Fuchs? Oder hatte ihn der Kontakt mit einem Schatten der anderen Seite verändert?

Es war gleich. Sie mussten ihn aufhalten. Kralle hatte schon einmal das Siegel zerstören wollen, um den Durchgang zu öffnen. Um die Waldgeister in die Welt zu holen. Und er wollte es offenbar wieder versuchen.

Den Gedanken, dass mit dieser Tat auch Finns Eltern und seine ganze Familie frei wären, schob er so weit von sich, wie er nur konnte. Kralle durfte es nicht schaffen.

»Warte«, grollte Fabelfell so leise hinter Finn, dass er sie kaum verstand.

Finn wandte sich nur kurz um, ehe er weiter rannte. Mit einem Satz war er auf der Lichtung und setzte seine Pfoten auf den Boden vor dem steinernen Baum.

Mit einem schnellen Blick erkannte er Beerenschweif. Der Wächter stand vor …

»Was ist das?« Fabelfell hatte schwer atmend zu Finn aufgeschlossen. Sie wurden beide nicht langsamer, als sie nun auf Beerenschweif und seinen Gegner zuhielten.

Was war das da vor Beerenschweif? Ein Schatten? Das Wesen war etwas kleiner als der Wächter, doch es ähnelte ihm. Kein Fuchs. Eine Katze? Wenn es eine war, so besaß sie ein so schwarzes Fell, dass sie beinahe mit der Dunkelheit verschmolz.

Ein kurzer Blick zeigte Finn, dass sich Kralle nicht von der Stelle bewegt hatte.

»Wir müssen Beerenschweif helfen!«, rief Fabelfell.

Und das Siegel? Kralle war sicher nur deswegen hier. Doch er machte keine Anstalten, sich zu rühren, als hätte ihn die Nacht in einen schwarzen Kokon eingewoben, und Finn rannte mit der Füchsin weiter Richtung Wächter und seinen Angreifer.

Beerenschweif hatte die Zähne gebleckt und sich geduckt. Dann sprang er unvermittelt los. Er schien in der Luft zu tanzen und kaum den Boden zu berühren, während er mit den Vorderpfoten nach dem Schatten hieb und versuchte, sich in seinen schwarzen Leib zu verbeißen. Dann heulte er unvermittelt auf und kauerte sich auf den Boden. Die Schnauze drückte er gegen den Boden, als wollte er sich etwas von der Nase wischen.

»Nicht beißen!«, rief Fabelfell, die offenbar den gleichen Gedanken wie Finn hatte. Irgendetwas an diesem Wesen war giftig. Vielleicht sein Fell, wenn es so etwas überhaupt besaß.

Die Füchsin sprang wie zuvor Beerenschweif, doch sie attackierte das Katzenwesen nur mit den Pfoten. Grub ihre Krallen in den Leib und entlockte dem Wesen damit ein böses Zischen.

»Kannst du laufen?« Finn kam vor Beerenschweif zum Stehen und betrachtete den Wächter besorgt. Er konnte an dessen Schnauze nichts entdecken, doch als der Fuchs antwortete, klang er, als hätte er die Kontrolle über seine Zunge verloren.

»Ja«, sagte der Fuchs undeutlich.

»Dann lauf zur Farneninsel und hol Hilfe«, wies Finn ihn an. Er wartete die Reaktion des Wächters nicht ab. Sicher fiel es Beerenschweif schwer, seinen Posten zu verlassen. Vielleicht hatte er die beiden Eindringlinge zu spät bemerkt und schämte sich dafür. Doch all das war nun egal. Fabelfell und Finn mussten das Siegel beschützen. Und das hier überleben.

Fabelfell deckte die Katze mit mehreren Hieben ein, und das Wesen wich langsam zurück. Dann aber, als Finn schon glaubte, sie hätte die Katze allein besiegt, duckte sich das Wesen und sprang nun ebenfalls.

Mit einer Bewegung, die so schnell war, dass Finn sie kaum wahrnahm, versuchte Fabelfell, der Katze auszuweichen, doch die schlug nun mit ihren Vorderpfoten auf die Füchsin ein.

Und dann war Finn bei ihr. Er war kein so geübter Kämpfer wie Fabelfell. Doch er war etwas größer und schwerer, und als er sich mit aller Kraft gegen die Katze warf, stieß er sie so weit von Fabelfell fort, dass die Füchsin sich schütteln und für einen Moment durchatmen konnte.

Die Katze fauchte Finn wütend an, und er konnte sie endlich etwas näher in Augenschein nehmen. Das da war keine Hauskatze, wie sie gelegentlich an dem Garten der Forschungsstation vorbeigekommen waren. Damals, als Finn noch mit Robin und dessen Eltern zusammengelebt hatte. Diese Katze gehörte in den Wald. Ihr Fell war struppig und so schwarz, als hätte die Nacht es gefärbt. Abgesehen von der Farbe schien sie eine normale Wildkatze zu sein, die Finn immer mal wieder zwischen den Bäumen sah, wenn er auf die Jagd ging. Füchse und Wildkatzen stritten um dieselben Beutetiere, doch die Füchse waren stärker und nur die mutigsten Katzen wagten es, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Doch diese hier war anders. Sie betrachtete Finn, als müsste sie sich darüber klar werden, ob er gefährlich war oder nicht. Und in diesem Moment erkannte er, dass etwas an ihr nicht stimmte. Es war nicht die Farbe ihres Fells. Sie war ganz einfach … unnatürlich. Ein besseres Wort konnte Finn nicht finden.

Und er konnte nicht weiter darüber nachdenken.

Schon im nächsten Augenblick warf sie sich gegen ihn und versuchte, ihm ihre Zähne ins Fleisch zu bohren.

Mit mehr Glück als Können entkam ihr Finn. Oh, verdammt, er hätte öfter mit Rotbart oder einem der anderen Jäger der Nachtpfoten das Kämpfen üben sollen.

Doch ehe die Katze einen weiteren Angriff starten konnte, war Fabelfell da und hieb ihr so kräftig gegen die Seite, dass der Katze ein schmerzerfülltes Fauchen entfuhr.

»Das Siegel.« Mehr konnte die Füchsin nicht sagen, denn nun ging die Wildkatze zum Gegenangriff über.

Finn musste den Blick losreißen und sah zu seinem Entsetzen, dass Kralle nicht mehr am Rand der Lichtung stand. Er war nun vor dem Siegel und stellte sich auf die Hinterläufe. Finn rannte los. Das Siegel durfte nicht erneut beschädigt werden. Beim letzten Mal waren die Waldgeister beinahe hindurch gelangt.

Mit einer Pfote hieb Kralle nach dem Siegel, während Finn sprang.

Der Schrei des Verräters hallte über die Lichtung, als er das Siegel berührte.

Und Finn prallte so hart gegen Kralle, dass dieser mit ihm zusammen zu Boden fiel.

Sofort war Fabelfells Bruder wieder auf den Beinen, und für einen Moment hatte Finn das Gefühl, dass er zwei Gestalten vor sich sah. Kralle, den Fuchs, und … etwas, das ihm wie ein dunkler Nebel am Fell haftete und sich kurz gelöst hatte, ehe es sich wieder auf ihn legte. Doch er kam nicht dazu, sich über diese Beobachtung zu wundern. Schon griff Kralle an.

Die Pfote, mit der er das Siegel berührt hatte, schien verletzt. Kralle zischte vor Schmerzen, als er sie belastete. Doch mit energischen kraftvollen Hieben seiner unverletzten Pfote trieb er Finn in Richtung von Fabelfell, die, wie Finn mit einem schnellen Blick erkannte, vor dem Schatten zurückwich. Die Füchsin sah ratlos aus. Wie bekämpfte man so ein Wesen? Das war keine Wildkatze mit schwarzem Fell, sondern ein Wesen, das eigentlich nicht in den Wald gehörte. Da war Finn sicher.

Als er gegen Fabelfell stieß, blieb Kralle stehen, und auch der Schatten der Katze verharrte.

»Ihr seid besiegt«, grollte Kralle. Er klang verändert. Die Stimme war seine, kein Zweifel. Doch die Überheblichkeit, die stets in ihr gelegen hatte, war einer vollkommen unfuchsigen Kälte gewichen.

Fabelfell verengte die Augen, als müsste sie ihren Bruder neu in den Blick nehmen. Sein Bild nachschärfen.

»Lass nicht zu, dass jemand verletzt wird, Schwester.« Das letzte Wort klang seltsam unpassend aus Kralles Mund. Als würde er es nur nachsprechen, ohne seinen Sinn zu verstehen. »Nicht du. Nicht er. Und nicht die Füchse der Farneninsel. Die Alten. Und die Jungen.«

Bei dem Gedanken an seine neue Familie, die Kralle hier offen bedrohte, wurde eine Wut in Finn entfacht, die so heiß wie das Feuer der Schneckenhäute war. Oder besser: silbern. Er sah, wie sein Fell zu schimmern begann, als würde sich das letzte Mondlicht, das den Weg auf die Lichtung fand, darin sammeln.

Eine Kraft wuchs in Finn, stieg in ihm auf und ließ ihn den Mund weit aufreißen. »Verschwindet!«, rief er so laut, dass es ihm selbst in den Ohren dröhnte.

Das schattenhafte Katzenwesen duckte sich, als hätte sich ein Gegner unvermittelt auf es gestürzt, und lief mit Geheul auf den Rand der Lichtung zu. Auch Kralle flüchtete, doch er war langsamer mit der verletzten Pfote, und auf seinem Gesicht mischten sich Wut und Unglaube. Als er neben dem Schatten zum Stehen kam, fixierte er Finn, als gäbe es einzig ihn auf der Welt.

Und ohne, dass er auch nur ein Wort sagte, lösten sich weitere Schatten aus der Dunkelheit jenseits der Lichtung und traten an Kralles Seite.

Finn konnte nicht alle erkennen. Er glaubte, einige Katzen zu entdecken. Und da war auch ein Dachs. Und ein Adler, der sich auf einem Ast niederließ. Es waren viele. Zu viele für Finn und Fabelfell.

Dennoch stellte sich Finn vor die Füchsin und fauchte herausfordernd. »Ihr müsst an mir vorbeikommen.« Die Worte klangen fremd in Finns Ohren, und er wusste, dass er sich gerade einer anderen Sprache bediente. Eine, die er schon zuvor gesprochen hatte. Finster und kalt. Die Sprache des Wolfes, der nun auf der anderen Seite des Durchgangs war. Die Sprache der dunklen Wesen.

Die Schatten zuckten unruhig, als wären sie schwarzes Wasser, durch das eine Welle zog. Doch Kralle stand zwischen ihnen wie ein Fels und grollte. »Gebt auf.«

»Und dann?« Fabelfell trat neben Finn und sah ihren Bruder herausfordernd an.

Doch Kralle kam nicht dazu, seine Frage zu beantworten. Von der anderen Seite der Lichtung her hörte Finn die Schritte von Füchsen. Leise und schnell und stark. Es waren viele, und er musste den Kopf nicht wenden, um zu wissen, dass es die Jäger der Nachtpfoten waren. Also hatte es Beerenschweif nach Hause geschafft? Nein, so schnell konnte er nicht zur Farneninsel laufen und die Füchse hierherschicken. Doch gleich, wie die Jäger von dem Angriff erfahren hatten: Sie waren hier. Und es waren sicher mehr als ein Dutzend. Sie traten in eine Reihe mit Fabelfell und Finn, dessen Fell nun so hell leuchtete, als wäre der Mond auf die Erde gefallen.

In seinem Licht blichen die Schatten aus, und sie traten allesamt einen Schritt zurück in die Finsternis zwischen den äußersten Bäumen.

Kralle verzog den Mund zu einem hässlichen Lächeln. »Es ist noch nicht vorbei. Im Gegenteil. Es fängt gerade erst an.«

Und mit diesen Worten machte er auf der Stelle kehrt und verschwand mit den Schatten in der ewigen Finsternis.

Finn sah ihnen noch einen Moment nach, während der Schimmer in seinem Fell verblasste und es wieder grau und unscheinbar wurde.

Y

Einige Wächter blieben zurück, während die anderen Finn und Fabelfell nach Hause begleiteten. Doch trotz der Eskorte fühlte sich Finn unwohl und unsicher. Er glaubte, Blicke auf dem Fell zu fühlen wie Finger, und jedes Mal, wenn er sich ruckartig umsah, meinte er ein Rascheln zu hören, als würde sich jemand ins Unterholz schlagen, um nicht gesehen zu werden.

Es war ein schweigsamer Marsch durch die ewige Finsternis, doch als die Füchse ihren Rand erreichten, waren sie weder auf Schatten noch auf Spinnen getroffen. Erst als sie einige Schritte auf dem Boden zwischen den freundlicheren Bäumen gemacht hatten, brach Fabelfell das Schweigen.

»Woher wusstet ihr, dass wir in Gefahr waren?«, fragte sie den Fuchs, der neben ihr und Finn lief.

Rotbart, ein Fuchs, der etwas jünger als Finn war und dessen Fell durchgehend rot gefärbt war, sah sich um, ehe er antwortete. »Wir wussten es im Grunde nicht«, sagte er. »Ich war auf der Jagd, als ich einen fremden Fuchs aufspürte. Ich habe ihn gerufen, ihn gewarnt, dass er gerade ins Revier der Nachtpfoten eingedrungen war. Doch er hat nur geschnaubt. Ich glaube, er hat sich über mich lustig gemacht.« Rotbart schüttelte den Kopf, als wollte er eine Schneckenhaut nachahmen, die sich wundert.

»Und dann?«, fragte Fabelfell.

»Hat er mir von einer Gefahr in der ewigen Finsternis berichtet, die sich dort zusammenbraut, wo ein einzelner Fuchs Wache vor einem steinernen Baum steht.«

»Hast du diesen Fuchs gestellt?«, wollte Finn wissen.

In dem Blick, den Rotbart ihm zuwarf, mischten sich Ärger und ein schlechtes Gewissen. »Er blieb die ganze Zeit außerhalb meiner Reichweite. Und er war fort, kaum dass er geendet hatte.«

»Und seine Spur?« Fabelfell sah sich um, als könnte sie so den geheimnisvollen Fuchs irgendwo zwischen den Bäumen ausmachen.