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Das Leben der Regula Engel kennen wir nur von ihr selbst: Im Alter von sechzig Jahren verfasste sie 1821 die «Lebensbeschreibung der Wittwe des Obrist Florian Engel». In dem Bericht führt sie uns an der Seite ihres Gatten, eines Schweizer Offiziers in napoleonischen Diensten, durch ganz Europa, an den Fuss der Pyramiden, in die Schlachten von Austerlitz und Waterloo, wo sie ihren Mann und zwei Söhne verliert und schliesslich selber – in Offizierskleidung – schwer verwundet ins Hospital gebracht wird. Regula Engels Lebensbeschreibung ist einer der spannendsten autobiografischen Texte der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts, ein ergreifender und oft ergötzlicher Lebensbericht einer höchst vitalen und humorvollen «Frau aus dem Volk». «Wann liest man schon einmal die Erinnerungen einer Frau, die in Schlachten zog, 21 Kinder zur Welt brachte und von Napoleon ‹meine kleine Schweizerin› genannt wurde?» Münchner Merkur
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2025
Im Jahre 1821 verfasste Regula Engel im Alter von sechzig Jahren die «Lebensbeschreibung der Wittwe des Obrist Florian Engel». In dem Bericht führt sie uns an der Seite ihres Gatten, eines Schweizer Offiziers in napoleonischen Diensten, durch ganz Europa, an den Fuss der Pyramiden und in die Schlachten von Austerlitz und Waterloo. Regula Engels Lebensbeschreibung ist einer der spannendsten autobiografischen Texte der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts, ein ergreifender und oft ergötzlicher Lebensbericht einer höchst vitalen und humorvollen «Frau aus dem Volk».
Porträt von Regula Engel-Egli aus der 2. Auflage ihrer Erinnerungen, 1825
Regula Engel
Memoiren einer Amazoneaus Napoleonischer Zeit
Limmat Verlag
Zürich
Erster Abschnitt Herkunft, Geburt und frühere Schicksale bis zur Flucht aus dem väterlichen Hause 1774.
Zweiter Abschnitt Aufenthalt in Bündten. – Bekanntschaft mit Florian Engel. – Verheirathung. – Abreise zum Regimente Diesbach. – Begebenheiten und grosser Kindersegen bis 1792.
Dritter Abschnitt Traurige Lage bei Abdankung der Schweizer-Regimenter. – Engels Familien-Verhältnisse. – Sein Eintritt in die Dienste der Republik. – Feldzug von 1793. – Einstweilige Bestimmung zur Rheinarmee.
Vierter Abschnitt Einnahme von Holland 1794. – Hin- und Her-Märsche bis zu des Regiments Rückkehr nach Frankreich. – Bonapartes erster Feldzug in Italien. – Armee von England. – Bestimmung nach Egypten.
Fünfter Abschnitt Abreise von Toulon 1798 im April. – Malta. – Alexandria. – Gross-Cairo. – Englische Flotte. – Schlacht bei Abukir. – Aufstand in Cairo. – Expedition nach Syrien. – Marsch durch die Wüste Gazza. – St. Jean d’Acre. – Bonapartes Abreise nach Frankreich. – Kleber, Obergeneral. – Sein Tod. – Desaix. – Rückreise mit ihm nach Frankreich. – Ausschiffung zu Nizza. – Er hilft die Schlacht bei Marengo gewinnen. – Grosser Familien-Verlust.
Sechster Abschnitt Fernere Begebenheiten in den Jahren 1801 und 1802 bis zum Frieden mit England zu Amiens.
Siebenter Abschnitt Neuer Krieg mit England. – Darnach wieder mit Östreich und Russland, in den Jahren 1803 bis Ende 1805, während dessen Napoleon 1804 den Kaisertitel von Frankreich annimmt und bald darauf zum Könige von Italien ausgerufen wird.
Achter Abschnitt Prinz Joseph wird König von Neapel. – Aufenthalt in Rom. – Krieg mit Preussen und Russland bis zum Frieden von Tilsit.
Neunter Abschnitt Etwas aus den Feldzügen in Spanien und Portugall. – Neuer Krieg mit Östreich im Jahr 1809. – Friede. – Ehescheidung Napoleons von Josephine. – Seine Vermählung mit der Erzherzogin Maria Louise von Östreich bis zur Geburt des Königs von Rom.
Zehnter Abschnitt Begebenheiten während den Feldzügen von 1811, 1812 und 1813 bis zur Thronentsagung Napoleons und seiner Versetzung auf die Insel Elba.
Eilfter Abschnitt Rückkunft von Elba und Begebenheiten im Jahr 1815.
Zwölfter Abschnitt Kritische Lage. Abreise von Paris und vielfältige Schicksale bis zur Einschiffung in Havre de Grace.
Dreizehnter Abschnitt Reise nach Neuyork und von da nach Philadelphia. – Joseph, gewesener König von Spanien.
Vierzehnter Abschnitt Reise nach Neu-Orleans zu meinem Sohne. – Schweizer-Kaufleute. – Heimweh.
Fünfzehnter Abschnitt Rückreise nach Neuyork; Landung zu Charlestown. – Noch eine Fahrt nach Philadelphia zu Joseph und Rückkehr nach Neuyork.
Sechszehnter Abschnitt Reise von Neuyork nach London. – Ansuchen bei dem englischen Ministerio daselbst, zu meinen Söhnen nach St. Helena reisen zu dürfen. – Abschlägiger Bescheid. – Reise über Dover nach Calais.
Siebenzehnter Abschnitt Reise durch Belgien, in der Hoffnung, Schweizertruppen anzutreffen. – Das Regiment Sprecher in Löwen. – Fortsetzung der Reise nach Brüssel. – Wallfahrt zu den Gräbern von Watterloo. – Charlesroi. – Beinbruch und langer Aufenthalt. – Weitere Reise über Maubeuge, Avennes, Sedan, Nancy und Metz – von da wieder nach Lyon.
Achtzehnter Abschnitt Reise von Lyon nach Italien über Grenoble, Turin, Parma, Livorno. – Zwischentour nach Rom. – Rückkehr nach Livorno.
Neunzehnter Abschnitt Rückreise von Livorno nach Genua zu Wasser. – Tour nach Mailand. – Rückkehr nach Turin und über den Mont Cenis nach Genf.
Zwanzigster Abschnitt Genf – Lausanne – Bern – Zürich.
Frau Oberst Engels Kindersegen
Erläuterungen
Editorische Nachbemerkung
Meine Eltern, Blutsverwandte im dritten Grade, fanden sich zufälliger Weise in Berlin. Sie stammten beide von Fluntern, einer in Zürich pfarrgenössigen Landgemeinde her, wo ihr Stammhaus unten am Suserberg im Vogelsang liegt. Die Grosseltern väterlicher Seite waren Fabrikarbeiter und standen in gutem Rufe; allein eine so stille Lebensart behagte meinem Vater nicht; er überliess dieselbe seinem Bruder und ging in die Welt, um sein Glück weiter zu suchen. Ein schöner, wohlgewachsener Jüngling, wie er war, konnte dem Späherauge der dazumal allenthalben laurenden preussischen Werber nicht entgehn. Er kam also in preussische Dienste, und hatte dabei das Glück unter die königliche Leibgarde zu kommen, wo er unter der Compagnie des Prinzen Heinrich, Bruder des Königs*, nach und nach zum Sergent-Major befördert wurde. [*Namen und historische Ereignisse, die im Kapitel «Erläuterungen» am Schluss ausgeführt werden, sind bei erstmaliger Nennung kursiv gesetzt.]
Sein Oheim, mein Grossvater mütterlicher Seite, war Rudolph Egli, ein geschickter Goldarbeiter. Er war mit einer Wyssling von Stäfa verheiratet, konnte aber in seiner Heimath sein Brod nicht finden, und arbeitete daher einige Zeit in Nürnberg, wo meine Mutter geboren ward, zog aber bald darauf nach Berlin, in welcher Stadt unter des grossen Friedrichs Schutze jeder Künstler sein Stück Brod verdienen zu können sicher war. Allein die lieben Grosseltern genossen hier ihres Glückes nicht lange. Mit ihrem siebenten Jahr war meine liebe Mutter, ihr einziges Kind, eine vater- und mutterlose Waise. – Die Gemahlin des Feldmarschalls Grafen Schwerin fand, dass das kleine Mädchen viel Geist und glückliche Anlagen besitze, nahm es zu sich und liess es unterrichten; zur erzogenen Tochter herangewachsen, ward sie von der Frau Gräfin zum Kammerfräulein ernannt, und blieb in dem Gräflich Schwerin’schen Hause bis ins 20ste Jahr.
In Berlin also fanden meine lieben Eltern Heinrich und Katharina Egli sich einander unter den glücklichsten Umständen. Ein gemeinsames Vaterland, nahe Verwandtschaft und gleich glückliche Dienstverhältnisse mussten sehr bald die freundschaftlichsten Bande zwischen ihnen knüpfen, und da sie beinahe alle Tage sich zu sprechen Gelegenheit hatten, so mussten sich diese Gesinnungen bald in zärtlichere Empfindungen umschmelzen, und nach von beiden Seiten erhaltener Bewilligung wurden sie in der königl. Hofkirche in Potsdam kopulirt.
Einige Jahre lebten sie hier einig und glücklich bei einander. Die Mutter, welche eine vortreffliche Erziehung genossen und in allen Frauenzimmer-Arbeiten Meisterin war, hatte am Hofe, wo alle Prinzessinnen und Hofdamen sie kannten, beide Hände voll zu thun, und verdiente viel Geld; auch der Vater stand in seinem Dienste sehr gut. Drei Kinder waren bereits die Frucht ihrer glücklichen Ehe: Louise, Friederika und Jakob. Woher der liebe Bruder diesen altpatriarchischen Namen bekommen, weiss ich nicht; er hatte zwar sehr blöde Augen, war aber doch kein Sohn der Lea.
Dieses häusliche Glück ward mit Einem Male durch den Ausbruch des siebenjährigen Krieges zerstört. Die königl. Leibgarde marschierte ins Feld; meinem Vater gieng es anfangs sehr glücklich bis zu der wichtigen Schlacht bei Collin, wo er das Unglück hatte, schwer verwundet und ins Hospital gebracht zu werden. Da es mit seiner Heilung ziemlich lang anstand, so hatte er Gelegenheit über die Übel des Krieges und die Segnungen des Friedens vielerlei Selbst-Betrachtungen anzustellen, wobei ihm denn natürlich auch sein liebes Vaterland, die friedliche Schweiz, wieder in’s Gedächtniss kam; er fing an, sich dahin zurückzusehnen, und sein Entschluss zur Desertion wurde reif. Er war geheilet und sollte nun wieder zur Leibgarde des Königs abgehen, da ward er eines Morgens vermisst. Seines Fortkommens war er so gewiss, dass er am Tage vorher seiner Gattin nach Berlin schrieb: «Er gehe weg, sie solle mit ihren Kindern nach der Schweiz kommen, er wolle sie in Zürich erwarten.»
Der Tod ihres Mannes selbst hätte für meine Mutter kaum eine schreckenvollere Nachricht seyn können, als diese es war. Alle ihre frohen Aussichten waren mit einmal verschwunden. Ihren reichen Verdienst sollte sie aufgeben, um einem ungewissen Auskommen entgegen zu gehn und allein mit drei kleinen Kindern die Reise von Berlin nach der Schweiz unternehmen. Welche Entschlüsse mussten da gefasst werden? Aber Mutterpflicht und Liebe zum Gatten halfen alles besiegen. Sie fasste sich, machte Anstalten zur Abreise und verliess endlich Berlin. Auf der Reise erkrankte ihr zweites Kind Friederika und starb. Welche Betrübniss! Als sie aber vollends mit den zwei andern auf Zürich kam, und ihren Mann nicht fand, da wusste sie sich gar nicht zu fassen. Sie war zwar von den lieben Grosseltern mit aller möglichen Liebe aufgenommen worden und die Verwandten alle suchten ihr Ehre zu erweisen, allein sie blieb höchst traurig. Dazu kam noch, dass sie mit Niemanden sprechen konnte. Die Leute verstanden sie nur gar wenig, und sie selbst verstand von dem verdorbenen Deutsch der Züricher kein Wort.
So vergingen mehrere Tage. Endlich brachte man ihr einen Brief von ihrem Manne aus Wien, der durch den kaiserl. Gesandten in der Schweiz an die Regierung in Zürich gekommen war. Hastig erbrach sie ihn und las. Aber anstatt der Freude ward ihre Betrübniss nur vermehrt. Der Vater war nämlich glücklich nach Wien gekommen, und hoffte da ohne Anstand die nöthigen Pässe zur weitern Heimreise zu erhalten; allein man ertheilte keine dergleichen an preussische Überläufer, bevor man nicht alles versucht hatte, um sie in kaiserliche Dienste zu locken. Nicht selten liess sich die Kaiserin dergleichen, von denen man etwas mehr hoffen zu können glaubte, selbst vorstellen, und suchte sie dann auf die allerherablassendste Weise durch die glänzendsten Versprechungen in ihre Dienste zu ziehen. Dies begegnete auch meinem Vater. Maria Theresia, von dem schönen Manne, dessen Grösse (er hatte wirklich Schuh 3 Zoll franz. Mass), seine Bildung, vollendete Manieren und militärischen Kenntnisse sie gleich hochschätzen musste, in hohem Grade eingenommen, lud ihn nun ein, in ihre Dienste zu treten, und bemerkte, sie wolle ihm bis morgen Anträge desswegen machen lassen. Diese bestanden nun darin: Die Kaiserin wolle ihm eine Offizier-Stelle unter der Kaisergarde mit Oberst-Rang ertheilen, unter der Bedingung: zur Römisch-Katholischen Religion überzutreten. Er erhielt Befehl, dieses seiner Gattin zu melden und sie einzuladen, mit den Kindern auch nach Wien zu kommen, es solle ihr nicht minder gut gehen als es ihr in Berlin gegangen sei u. s. w. Im Falle, sie sich dazu entschlösse, so dürfe sie nur nach Maria Einsiedeln gehen, dort werde ihr der Fürst-Abt einen Wechsel von 1000 Gl. zustellen, damit sie die Reise mit aller Bequemlichkeit machen könne. – Was – rief sie aus – ich sollte zur Seelenverkäuferin an meinem Manne werden? Sie nahm den Brief, und brachte denselben dem damaligen Herrn Antistes Wirz, um sich von Sr. Hochwürden guten Rath zu erbitten. Derselbe entliess sie nicht ungetröstet, und sie machte sogleich Anstalten zur Reise nach Wien. Sie ging nach Ulm, und schrieb von da erst durch die Post an ihren Mann: dass sie im Begriff stehe auf der Donau nach Wien abzugehn, wo der Schiffmann auf die und die Zeit einzutreffen hoffe; es würde sie freuen, ihn sogleich beim Aussteigen umarmen zu können. Die Reise ging glücklich von Statten; das Schiff landete am bestimmten Tage in der St. Leopolds-Stadt, und gleich war mein Vater an Bord, um der lieben Mutter an’s Land zu helfen. Daselbst stand eine Kutsche mit 2 Bedienten bereit, man sass ein und fuhr nach einem grossen Hotel, wo, da es bereits schon ziemlich spät war, man sich gleich zur Abendtafel setzte. Nicht lange waren nach dem Abendessen meine Eltern auf ihrem Zimmer im vertraulichen Gespräche vereinigt, als sich plötzlich die Thür öffnete und ein alter geistlicher Herr hereintrat, der einen grossen Stern an einer goldnen Kette trug, die ihm am Halse hing. Er machte meiner Mutter ein tiefes Compliment und fragte sogleich nach dem Fürst-Abt von Einsiedeln. Meine Mutter entschuldigte sich, sie habe gar nicht die Ehre diesen Herrn zu kennen – übrigens sey sie so eben angekommen, noch ganz in Reisekleidern, wünsche ruhig zu seyn u. d. gl. Der geistliche Herr verstand den Wink, merkte, dass kein Wechsel in Maria Einsiedeln enthoben worden, machte sein Compliment und ging weg.
Nun hatten sich die beiden Eheleute nach einer langen Trennung über einen wichtigen Gegenstand zu berathen. Meine Mutter bestand durchaus darauf, sich der Kaiserin persönlich zu Füssen werfen zu wollen. Der Vater liess sich die Sache gefallen. Schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft liess sich meine Mutter bei i. m. der Kaiserin melden und wurde sogleich vorgelassen. Gleich beim Eintritte wollte sie sich i. m. zu Füssen werfen, die Kaiserin befahl ihr aber huldreichst aufzustehen und ihr Begehren ohne Scheu vorzutragen. Sie bat also um die Gnade, mit ihrem Manne nach der Schweiz, ihrem Vaterlande, zurückreisen zu dürfen. Sie seien zwar beide von den grossmüthigen Anerbietungen, welche i. k. k. m. ihrem Manne allergnädigst zu machen geruht haben, auf das innigste gerührt, allein die von i. k. k. m. dabei gemachte Bedingung könnten sie nicht erfüllen, dass verbiete ihnen ihr Gewissen u. s. w. Die Kaiserin hörte sie zwar sehr gnädig an, wollte aber noch nicht ja sagen. – Am Ende hiess es: man werde sie wieder rufen lassen. Bei dieser zweiten Audienz erhielt sie dann den gnädigen Entschluss i. m., mit ihrem Mann in die Schweiz zurückreisen zu dürfen. Die nöthigen Pässe wurden ihnen ausgefertigt und meinem Vater ein schönes Reisegeld gegeben. Nachdem sie dieses erhalten hatten, reisten sie so eilfertig ab, dass meine Mutter nicht zu bewegen war, nur einen einzigen Rast über die Nacht zu machen, bis sie in Augsburg angekommen waren; sie fürchtete immer von den Östreichern wieder eingeholt zu werden. Endlich kamen sie an’s Ziel ihrer Reise und langten glücklich in Zürich an.
Am Morgen nach ihrer Ankunft liess der gute Vater seine Frau wohlbedächtlich zurück und wanderte durch die neugewonnenen vaterländischen Gegenden hinauf nach seinem Stammhause, forschend, ob ihn jemand noch kennen werde. Aber niemand erkannte ihn. Er war bereits 28 Jahre abwesend; selbst im elterlichen Hause ward er nicht erkannt, weil sie den erwarteten Sohn in einer schönen preussischen Uniform zu sehen verhofften, er sich aber absichtlich in ein anderes Kleid gesteckt hatte. Die alte Mutter war allein, und kam im Gespräche mit dem vermeinten fremden Herrn immer auf den erwarteten Sohn zu sprechen. Die Täuschung hatte schon einige Zeit gedauert, da konnte sich mein Vater nicht mehr halten, er fiel ihr um den Hals und rief: ich bin es ja, liebe Mutter! ich bin euer Sohn! Nun war die alte Grossmutter vor Freuden fast ausser sich. Es erhob sich ein lauter Jubel. Bei den lieben Eltern und der ganzen weitläufigen Verwandtschaft wurden allenthalben Gastmahle bereitet. Man wetteiferte die neuen Ankömmlinge bei sich zu haben, und sich von Friedrich und dem alten Schwerin, von Maria Theresia und tausend andern Sachen erzählen zu lassen.
Sie waren nun wohl im Vaterlande, aber wie man sich darin ernähren wolle, das war nun die Frage. Meine Mutter war bald in den vornehmsten Familien zu Zürich bekannt und bekam häufige Arbeit. Der Vater, der sich bei der Regierung um eine Militärstelle beworben hatte, bekam auch einen Platz und ward Adjutant. Die jungen Herren in Zürich lernten bei ihm exerciren, es war ein sehr schönes Kadetten-Korps; in graulichtbläulicher Uniform, mit rothen Kragen, Aufschlägen und Revers, gelber Weste und Beinkleidern, mit sehr schönen Grenadier-Mützen. Auch musste er viel auf Landmusterungen; wobei sich die Bauern sehr vor ihm fürchteten, denn er war derb und sehr streng im Dienst, und wenn er kommandirte, so war es, als ob die Erde zittern müsste.
Meine lieben Eltern hätten nun mit einander recht glücklich seyn können, allein diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. Zwar gebahr meine Mutter im Jahr 1759 einen Sohn, worüber beide Eltern eine ausserordentliche Freude hatten, sie liessen ihn nach dem Vater, Heinrich, heissen. Er lebte aber bloss ein Jahr und neun Monate, und die Betrübniss über seinen Tod musste um so stärker seyn, da der ältere Sohn bereits das Unglück hatte, ganz zu erblinden. Endlich i. J. 1761 kam noch ich, die letzte unglückliche Frucht ihrer Ehe, ans Tageslicht; man gab mir den Namen Regula, von meiner Taufpathin Frau Regula Tauenstein, geb. Nüscheler; Pathe war Herr Rittmeister Rudolph Schultheiss und ich ward gewiss nicht viel weniger Märtyrerin, als die fromme Schwester des heiligen Felix, obgleich ich meinen Kopf noch jetzt zwischen den Schultern trage. Ich war ein sehr ungesundes und schwächliches Kind, dass viel an den Gichtern zu leiden hatte; kaum fingen meine Begriffe an, sich in etwas zu entwickeln, als ich Zuschauerin der schrecklichen Zerwürfnisse zwischen meinen Eltern seyn musste. Wirklich trennte sich die Mutter vom Vater, und jedes lebte nun besonders für sich. Man kann sich die unglücklichen Folgen vorstellen, welche für meinen armen Bruder und mich aus diesen traurigen Verhältnissen entstehen mussten. Mein guter Bruder musste sich i. J. 1764 operieren lassen: allein er war blind – und blieb es. Ich bekam die Pocken und hatte zugleich das Unglück, meine lieben Taufpathen zu verlieren, bei denen ich, wenn sie am Leben geblieben wären, in jedem Falle Rath und Hilfe gefunden haben würde. Endlich kam das Traurigste, was begegnen konnte – meine Eltern wurden gerichtlich von einander geschieden! Unglückliche Kinder, die ein solches Verhängniss erleben müssen! Was ist es, das gewöhnlich dazu führt? Meine Eltern hatten beide guten Verdienst, und hätten glücklich seyn können, wie sie es vorher waren; allein mein Vater trank, wie man hier sagt, bösen Wein, und ward unordentlich und unmässig, besuchte gefährliche Häuser, die man meiden sollte, und liess da sein Geld sitzen u. s. w. Dies bringt Streit in die Haushaltungen, und brachte ihn, leider! auch in die unsere.
Indessen ging doch mir, Gott sey es gedankt! wenigstens für einige Zeit, in dieser traurigen Finsterniss einiges Licht auf. Mein Vater brachte mich durch Vorschub seines hohen Gönners, des Herrn Statthalter Escher, in das bürgerliche Waisenhaus, wo ich bis zum J. 1772 zu bleiben das Glück hatte. Es war zwar nicht das schöne neue, welches jetzt erbauet ist, aber ich war doch so glücklich, noch in dasselbe mit einziehen zu können. Es war im August 1771, als der Herr Statthalter selbst an der Spitze der hochobrigkeitlichen Direktion uns aus dem alten ungesunden Hause (wo wir armen Kinder an Krätze und andern Krankheiten viel zu leiden hatten), in feierlichem Zuge abholte. Diesen Herren folgten die beiden Prediger, dann der Herr Waisenvater und Frau Mutter, hierauf die Kinder paarweise, und endlich eben so, die ganze zum Waisenhause gehörende Dienerschaft. In seiner Rede sagte der Herr Statthalter, dieser hochverehrungswürdige Beschützer und Wohlthäter der Armuth und nebst Herrn Diakon Lavater, erster Schöpfer dieser neuen Anstalt, wozu er aus eigenem Vermögen 40000 fl. opferte, und daher in der Geschichte Zürichs in patriotischer und edelmüthiger Gesinnung gleich einem David Püry und Pourtales zu glänzen verdient: «Dies ist der schönste Tag meines Lebens, der Tag nach dem ich mich schon längst gesehnet habe!» Dieser Worte habe ich nie vergessen. Ich hatte aber nur noch ein Jahr in diesem neuen Hause zu bleiben, da ward ich meinem Vater zurück geschickt; theils war er ja nicht Stadtbürger, und theils war nun auch das bearbeitete neue Kriegsreglement vollendet und meinem Vater war bei diesem Anlasse sein Appointement so grossmüthig vermehrt worden, dass er nun gar leicht selbst für seine Kinder sorgen konnte. Wie er es that, will ich nun sogleich erzählen.
Er hatte inzwischen, als ich noch im Waisenhause war, eine zweite Frau geheirathet, die unter der Larve der Frömmigkeit (deren ohngeachtet sie aus dem Vereine der Frommen, der sich damals an der Ötenbacher-Gasse versammelte, ausgestossen wurde) eine Furie von Stiefmutter war. Sonst hatte mein Vater, selbst noch unter seinen Verirrungen, uns Kinder sehr lieb gehabt, jetzt ward es alle Tage schlimmer. Das böse Weib wusste den guten Vater so sehr zu verblenden, dass er uns täglich mehr seine Liebe entzog, und es endlich dazu kam, dass wir nicht mehr am Tische mit den Eltern essen durften. Nun kochte sie uns denn schlechter als den Schweinen, und mehr als einmal, wenn wir vor Hunger alles hätten verschlucken mögen, konnten wir doch diese Nahrung nicht essen, und leerten sie lieber zum Fenster hinaus. Es war am Pfingstmontag 1774 (mein Vater befand sich in den Bädern zu Baden) als ich in der Kinderlehre aufsagen sollte. Ich hatte unlängst vorher ein recht schönes neues Kleid bekommen, und freute mich schon darauf, heute darin figuriren zu können; da fiel es der Frau Stiefmutter ein, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Sie gab mir mein altes abgetragenes Kleid anzuziehen. Erst bat ich um das neue, dann forderte ich’s; sie ward böse und ich ward trotzig. «Sie ist eine böse Frau, sagte ich, Sie ist nicht meine Mutter, ich erkenne Sie nicht dafür!» Nun war’s fertig. Wild fasste sie mich beim Arm, schleppte mich in meine Kammer, und sperrte mich ein; ich war Gefangene. Auf folgenden Abend erwartete man den Vater zurück, da ward meinem Bruder bange für mich. Da die Stiefmutter bei Seite war, öffnete er die Thür, gab mir zwei Zürichschillinge und eine Murree und sagte: flüchte dich, um Gotteswillen flüchte dich! wenn der Vater nach Hause kommt – du wirst zu Tode geschlagen! Ich nahm mein kleines Viatikum und meine grünen Pantöffelchen in die Hände, schlich mich, so wie ich war, leise die Stiege hinunter und lief, so viel ich laufen konnte, der Schifflände zu. Hier suchte ich den Stäfener Schiffmann, und bat ihn um Gotteswillen, mich doch aus Barmherzigkeit mit sich nach Stäfa zu nehmen. So trieben mich die Verfolgungen dieser schändlichen Mutter – noch heute, da ich kein Kind mehr bin, kommt es mich schwer an, ihr den ehrwürdigen Mutter-Namen zu geben – im zehnten Jahre, man bedenke dieses zarte Alter, von Haus und Heimath, wo ich ganz gewiss später meinen Unterhalt und mein Glück hätte finden können, welche Zuversicht, verknüpft mit der Erinnerung an so viele traurige, gefahrvolle, unglückliche Jahre und Ereignisse mein sorgenvolles Alter verbittern. Aber – der selige Glaube an eine gütige, liebevolle Vorsehung, die uns väterlich führet, tröstet mich einzig; er hat mich aufrecht erhalten in allen Leiden und Gefahren, in allem Wechsel der Dinge; er soll meine Stütze seyn bis zur letzten Stunde meines Ermattens, und mich im Grabe sanft betten, bis die Stimme Gottes uns alle aus demselben ruft, und vor sein Gericht fordert – es war der Wille des Schicksals, es war der Wille Gottes; er brauchte diese böse Stiefmutter als Werkzeug, um mich auf die Bahn zu leiten, die ich nach seinem weisen, obschon mir jetzt noch unerforschlichen Willen gehen sollte. Sein Name sey ewig gepriesen!
Doch ich kehre zu meiner Erzählung zurück; der liebe Leser verzeihe mir hier an dieser Stelle den kleinen Erguss meiner Empfindungen; er wird nun gewiss fragen, wohin ich denn wohl zu flüchten gedachte? nicht nach Egypten – daran kam mir dazumal noch kein Gedanke; doch aber nach einem Lande wo hohe Pyramiden stehen, die aber nicht von Menschenhänden aufgeführt wurden – nach Bündten!
Warum ich aber nach dieser wilden Gegend meine Zuflucht nahm, wird erklärlicher werden, wenn ich erzähle, wie meine liebe Mutter, nachdem sie von dem Vater geschieden worden, nun nach seiner zweiten Heirath auch von ihren leiblichen Kindern aufs unmenschlichste getrennt war, und wenig Vergnügen mehr in Zürich finden konnte, sich dann nach einem andern Aufenthaltsort umsah, den sie auch bald in Chur fand.
Von diesem Mittelpunkt aus gerieth sie mit dem ganzen zahlreichen Adel dieses Landes sehr bald in Bekanntschaft und wurde allenthalben geschätzt und geliebt. Ich glaubte kein Unrecht zu begehen zu ihr zu flüchten. Wie viel tausend Kinder haben sich nicht schon vor einem erzürnten Vater in den Schooss einer liebevollen, zärtlichen Mutter gerettet? Wohl war ich nun in Stäfa, aber wie nun weiters kommen? Mir war bekannt, dass der damalige Herr Landschreiber in Stäfa uns von der sel. Grossmutter her etwas verwandt war, und ich wandte mich an ihn. Derselbe wollte mich denn sanft nach Zürich zurückweisen, allein ich bestand darauf zu meiner Mutter reisen zu wollen. Das fand denn der gute Mann ohne Begleitung auch nicht thunlich und empfahl mich dem braven Schiffmann, der mich mitgebracht hatte. Ich blieb vier Tage bei diesen Leuten und strickte Strümpfe für meinen Unterhalt.
Endlich fand der Herr Landschreiber einen seiner Bekannten von Meilen, der mit einem Schiffe nach Wallenstadt fuhr, um eine Ladung Holz zu holen. Diesen bat er, mich mit sich zu nehmen und stellte ihm für meine Verköstigung etwas zu; so kam ich denn im Schiffe bis auf Wallenstadt. Mein Führer blieb dorten drei Tage und ich bei ihm. Er sprach von der Rückreise und ob ich nicht wieder mit ihm wolle, ich erzählte ihm dagegen von meiner lieben Mutter und dass ich nur zu ihr wolle. Die braven Wirthsleute hatten mich lieb gewonnen und luden mich ein, bei ihnen zu bleiben, da fing es mir an angst und bange zu werden; ich hatte nämlich in der Zeit, da wir zu Wallenstadt waren, kaum für drei Kreuzer Speise genossen, denn seit ich wusste, dass ich in einem katholischen Lande war, hatte mich eine unglaubliche Furcht befallen, ich vermeinte meines Lebens nirgends sicher zu seyn und wünschte nichts als weiter zu kommen. Mein Führer reiste nun auch ab, und gab mir im Namen des Herr Vetter Landschreibers noch ein Vierbatzenstück. Dafür hätte ich mir nun wohl keine Kutsche miethen können, um nach Chur zu reisen. Ich ging also zu Fusse – das erste mal mir selbst überlassen – auf Sargans. Hier kam ich in dem armseligsten Zustande von der Welt an; meine Pantöffelchen waren durchgegangen, ich war baarfuss, ein kleines Nachtschlüttchen, ein kurzes Unterröckchen und ein natürlich nicht mehr sauberes Hemdchen, deckten noch meine Blösse. In diesem Aufzuge kam ich auf das Landvögtliche Schloss; zum Glück war der Herr Landvogt von Zürich. Die Frau Landvögtin war eine sehr gütige Dame, aber auch sie ermahnte mich, als ich ihr meine Geschichte erzählt hatte, zum Wiederumkehren nach Zürich. Da weinte ich überlaut – der Vater würde mich todtschlagen … ich wolle zur Mutter. Die Frau Landvögtin hatte eine Fräulein Tochter, ohngefähr von meinem Alter neben sich, auch diese weinte mit mir. Endlich gab man mir etwas zu essen, und beschenkte mich dann mit einem Hemde, einem artigen Röckchen, einem Paar Schuhe und endlich mit einem kleinen Anhängtäschlein, worein man mir 2 Vierbätzner einwickelte. Dann sagte mir noch die Frau Landvögtin: Du darfst jetzt nicht nach Chur gehen, deine Mutter ist gegenwärtig in Malans bei Frau Landvogt S*** von Zürich, dort wirst du sie antreffen. Ich dankte herzlich für alles Gute, und die junge Demoiselle E*** hatte die Gefälligkeit mich noch eine Strecke Weges zu begleiten. – Als ich nun auf die Ebene kam, die zwischen Ragaz und Sargans liegt, so lag die weite mosigte Fläche ganz unter Wasser. Durchaus musste ich, oft bis an die Knie, durchwaten. Eine Herzensbeklemmung befiel mich ohne Gleichen, sie wurde aber zur Todesangst, als ich von weitem eine Figur auf mich zukommen sah, die ich durchaus nicht für einen Menschen ansehen konnte; ich glaubte vielmehr es wäre ein reissendes Thier, wie ich etwa gehört hatte, dass sich in den Gebirgen aufzuhalten pflegen. Ich fing an inbrünstig zu beten, dass mich doch der liebe Gott erretten und mir Hülfe senden möchte. Es tropfte mir der Angstschweiss am ganzen Leibe herunter und ich wurde über dem Wasser so nass, als ich es unter demselben war. Endlich hörte ich etwas hinter mir, ich sahe mich furchtsam um und erblickte einen Herrn zu Pferd, der mir bald nahe war. Ich stand augenblicklich still und rief ihm noch in einiger entfernung zu: um Gottes willen, Herr, retten Sie mich! sehen Sie, was dort gegen uns kommt. Der Herr sah nach dem Gegenstand meiner Furcht und lächelte, es ist ja ein Herr Pater (Capuziner, sagte er, du musst dich nicht fürchten – ich konnte mich aber nicht beruhigen und bat immer: halten Sie mich doch! Indessen war auch der Capuziner bei uns angelangt und redete sehr freundlich mit dem Herrn. Dieser sagte ihm: die Kleine da hat sich vor Ihnen gefürchtet, sie hat noch nie einen Herrn Capuziner gesehen. Jener wollte mir nun auch zeigen, dass er kein so fürchterlicher Mensch sei, und beschenkte mich mit einem schönen Bouquet bunter künstlicher Blumen; ich wollte sie nicht annehmen – da sagte der Herr zu Pferde: Nimm sie und bedanke dich, oder ich lasse dich stehen und reite davon. Husch! griff ich nun, nur mit zwei Fingerspitzen, als wenn ich in einen Dornstrauch hätte langen müssen, nach dem schönen Bouquet und machte dem Capuziner eine stillschweigende Verneigung. Man schied. Der gütige Reiter nahm mich zu sich auf ’s Pferd, und als er nun vernommen hatte, wo ich hin wollte, frug er: Bist du denn das Rägeli Egli, nach dem sich deine Mutter so sehnt? ich hätte nicht geglaubt, dass du so furchtsam seyn würdest. Es war der Herr Apotheker Pauli aus Malans, der mich so gerettet hatte, denn ohne seine Dazwischenkunft wäre ich wahrscheinlich ein Opfer meines Schreckens geworden. Er brachte mich unter einem nicht geringen Fieber-Anfall in den Gasthof zum wilden Mann in Ragaz, liess mich da in ein gutes Bett legen, und empfahl mich der Sorgfalt der braven Wirthsleute, bis man mich nach Malans abholen würde.
Die Sorgfalt des guten Herrn Pauli, das erwärmende Bett und die liebreiche Theilnahme der freundlichen Wirthsleute fingen bald an, wohlthätig auf meinen Körper zu wirken, während sich mein grossmüthiger Retter, der noch ein wichtiges Zwischengeschäft hatte, möglichst beeilte, nach Hause zu kommen, um meiner Mutter meine Ankunft in Ragaz anzukündigen. Sogleich liess Frau Landvogt S*** die Kutsche anspannen und kam selbst mit meiner Mutter auf Ragaz, um mich abzuholen. Gott! welch ein Wiedersehen war das! Wir zerflossen beide in Thränen. Als ich nun vollends meine ganze Reisegeschichte erzählte und dann der lieben Mutter aus meiner kleinen Tasche die drei noch unversehrten Vier-Bäzner übergab, die ich in Wallenstadt und Sargans bekommen hatte, da standen die beiden Frauen erstaunt, denn ich gestand ihnen aufrichtig, dass wenn mich noch so sehr gehungert und gedürstet haben würde, ich doch nicht das Herz gehabt hätte, nur ein Stück Brod bei einem Bäcker zu kaufen.
Ich war nun im mütterlichen Schoosse und kam mit der lieben Mutter bald in alle grossen Familien Churs und seiner Umgebungen; man verlangte mich allenthalben zu sehen. So verstrichen etwa fünf Wochen, als ich das Heimweh nach dem Vater bekam und darüber wirklich krank wurde. Die Lebensweise der adelichen Bündtner wollte mir nicht behagen, es war für mich als Kind zu viel Zwang und dabei mangelten mir die lieben Jugendgespielen. Die liebe Mutter stellte mir nun vor, dass man nicht immer hin und her reise, ich solle nur gern bei ihr bleiben, sie wolle mir eine schöne neue Haube machen und mich dann in’s Bad nach Pfeffers mitnehmen. Dergleichen Bonbons wirken auf Kinder, und ich beruhigte mich wieder. Bald aber kam auch mein lieber Bruder Jakob nach Chur, denn auch er hatte, nachdem ich von Haus weg war, vollends genug Stiefmutter bekommen, folgte mir deshalb bald nach und fand auch, obschon er blind war, den Weg leichter als ich, denn er war auch um so viel älter. Dieser Vorfall vertrieb nun das Heimweh noch mehr, und als endlich auf den St. Andreas Markt zwei Kaufleute von Zürich kamen, und einer derselben meine Kleider von dem Vater mitbrachte, da merkte ich, dass ich in Chur bleiben müsse.
Meine Mutter hatte nun wieder für zwei Kinder zu sorgen, und sie that es mit rühmlicher Hinsicht auf unser ewiges wie auf unser zeitliches Wohl. Sie schickte meinen Bruder in den Privatunterricht zu dem damaligen Herrn Stadtpfarrer in Chur, um ihn in der Religion zu befestigen, und zum Genusse des heil. Abendmahls vorbereiten zu lassen, und damit ich den nämlichen Unterricht desto ungestörter und ohne alle Zerstreuung geniessen möchte, verkostgeldete sie mich bei Herrn Pfarrer Grass in Zizers, von dem ich dann auch konfirmirt ward.
So vergingen ungefähr dritthalb Jahre, ohne dass etwas Bemerkenswerthes bei uns vorfiel, als auf einmal im Sommer1777 die Nachricht von der grauenvollen Überschwemmung des Dorfes Küssnachtam Zürichsee meinen unruhigen Geist wieder in Aufruhr brachte, und ich bei meiner Mutter darauf drang, dass ich jene Verwüstung sehen und dann meinen Vater besuchen wollte. Diesmal waren nun alle Vorstellungen vergebens, die gute Mutter musste nachgeben; sie packte mir die nöthigen Kleider in ein Felleisen und verdingte mich für diese Reise dem Zürichboten um einen Louisd’or. Auf dem Wege besann ich mich immer, wo ich ankehren wolle, denn gerade zu meinem Vater zu gehen, hatte ich das Herz nicht. Ich entschloss mich auf die Blatten zu Herrn Vetter Untervogt Notz zu gehen, und liess also, sobald wir in der Stadt anlangten, meine Kleider dahin voraustragen. Mit klopfendem Herzen ging ich eine Weile nachher auch, und schüchtern brachte ich meinen, guten Morgen! dem ehrwürdigen Freundespaar vor, die sich gerade zum Kaffe setzen wollten. Ich ward ziemlich hart angefahren und stand beschämt und erschrocken vor ihnen. Komm, sagte dann der Herr Untervogt in einem etwas sanfteren Tone, setze dich hieher und trink nur den Kaffe mit uns, ich will dann nachher mit dir sprechen. Das Gespräch begann nun allgemach und ging dann in eine lange Predigt über, worin die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern scharf gezeichnet wurden. Ich musste sogar das Fünfte der heil. zehn Gebote und die Antwort unsers Katechismus auf die Frage: Was fordert Gott im fünften Gebot? recitiren, und da ich beides ohne Anstand konnte, so schien es dem Herrn Vetter zu beweisen, dass ich doch nicht ganz das verdorbene Mädchen seyn müsse, für das man mich bei meiner Flucht, wie es scheint, geschildert hatte. Nun ward ein Bote an meinen Vater abgeschickt und er auf die Blatte berufen. Der erste Sturm war vorüber, ich durfte den zweiten schon um so weniger fürchten. Mein Vater erschien gegen 10 Uhr. Bist du auch wieder da du und hängte mir ein kleines Scheltwort an. Ich sah bald, dass es nicht so bös gemeint war, doch gab es natürlich noch einige harte Verweise und vieles zu hören. Endlich sagte er: Bleib jetzt bis gegen Abend hier, ich will dann wieder kommen und dich heim holen. Er musste also vorher Bahn machen und den Empfang vorbereiten. Dass er aber dennoch nicht so ganz freundlich ausfiel, kann man sich vorstellen. Der Zwang, den sich die Frau Stiefmutter anthun wollte, gelang ihr nicht einmal. Seid ihr auch wieder da? antwortete sie auf meine Begrüssung, und das war alles. Ihr Ärger war so gross, dass sie nichts zu Nacht essen wollte. Der Vater fing nun an, mir Beschäftigung zu geben, schickte mich zum Mezger und auf den Gemüsemarkt u. s. w. Da war alles nicht recht, was ich brachte. Fragte er sie nach etwas, war die Antwort: Ihr könnt ja die Jungfer Tochter fragen – und in diesem Tone ging’s immer fort. Dann fing sie mit dem Vater an zu zanken: er habe ihr versprochen eine testamentliche Verschreibung zuzustellen, dass sie nach seinem Tode im Besitz seines Vermögens bleiben sollte; jetzt wolle sie einmal das Testament haben u. s. w. Mein Vater antwortete auf dergleichen Dinge meistens in einem heroischen Tone, und so ward der Lärm und das Gezänke immer grösser. Während zwei ganzer Monate, als ich da war, hatten wir nicht einen Tag Frieden. Da sagte ich dem Vater: Lieber Vater, ich will Euch Ruhe schaffen, ich gehe wieder fort zu meiner Mutter. Er konnte mir nichts einwenden, ich packte ein, nahm Abschied – und hatte nun meinen Vater zum letztenmal gesehen, was mir immer sehr wehe that, denn ich liebte meinen Vater wie meine Mutter, und doch war ich genöthigt – eine gewöhnliche auf die Erziehung der Kinder so verderblich einwirkende Folge solcher unglücklicher Ehescheidungen – stets ein getheiltes, zweideutiges Herz zu zeigen.
Ich war nun wieder in Chur bei meiner Mutter angelangt. – Du bist es bald wieder satt geworden, sagte sie; Du hättest die Kosten wohl ersparen können, was hast du jetzt gewonnen? Ihr jungen, halsstarrigen Leute wollt immer Recht haben, wär’ es dir nicht besser gewesen, du wärest bei mir geblieben? Ich weinte; o liebe Mutter, ich will Euch gewiss nun nicht mehr verlassen, ich will jetzt immer bei Euch bleiben war meine, damals gewiss ernst gemeinte, Erwiederung. – Wirklich begann ich nun mich mit mehr Fleiss auf ’s arbeiten zu legen, und da ich ein fähiges Köpfchen hatte, so erreichte ich meine Mutter sehr bald auch in der feinsten Modearbeit. Ich war auch sehr eitel darauf und liess mir nicht mehr gern etwas einreden. Aber auch meine Mutter war eines sehr heftigen Gemüths, und da sie mit Recht mehr wissen wollte, als das Töchterchen, so gab es bisweilen zwischen dem alten und dem jungen Kopfe ein kleines Sträusschen, das aber nie lange dauern konnte, denn die Mutter war so geschwind wieder gut, als sie leicht aufzubrausen gewohnt war. Leider nur war ich oft flüchtigen und starren Sinnes, that nicht, was ich hätte thun sollen, und sah nicht selten links, wo ich rechts sehen sollte. Meine Mutter hatte überhaupt mit allen ihren Kindern sehr wenig Freude. Meine Schwester Louise verliess schon früher das väterliche Haus und wir hatten keine Nachrichten von ihr; jetzt war auch mein armer Bruder weggegangen, ohne dass wir erfahren konnten, welchen Weg er genommen habe. Mit einem blinden Menschen ist oft eine Spekulation zu machen, und mein Bruder war schlau genug sich für eigenen Nutzen zu so etwas brauchen zu lassen. – Nun blieb ihr nur noch das jüngste ihrer Kinder, und dieses hatte ihr ja heilig versprochen, sie nicht mehr verlassen zu wollen; eine herrliche Stütze! wenn nur der fatale Leichtsinn nicht gewesen wäre, welcher immer neue Nahrung in der mir scheinbar übertriebenen Eingezogenheit fand, worin mich die gute Mutter in der besten Meinung, wie ich jetzt wohl einsehe, hielt. Ein junges Mädchen wünscht aber auch am Sonntag, wenn es die ganze Woche hindurch gearbeitet hat, spaziren zu gehen und sich ein bischen zu zeigen. Dieses war mir ganz verboten, sie war eine Herrenhuterin, und ich sollte nichts thun als immer nur mit ihr beten, und das war eben nichts für mein nach Luft und Weltfreude pochendes Herz. –
So ging es bis in’s Frühjahr 1778 – ich war 17 Jahre alt und glaubte schon eine lange Zeit meiner schönen Jugend in dieser Zurückgezogenheit verloren zu haben. – Da einst war ich mit meiner Mutter in Zizers, wo wir bei verschiedenen Damen zu arbeiten hatten, und hier fand ich den Anlass eine Bekanntschaft zu machen, die bleibender seyn sollte, als der Aufenthalt bei der lieben Mutter.
Florian Engel von Langwies, Sergeant-Major unter dem Schweizer-Regiment von Diesbach in französischen Diensten, war damals auf Urlaub im Lande, und stand in Zizers auf Werbung. Wir lernten ihn im Hause der Frau Oberst Jost kennen, und wenn ich meinen Lesern sage, dass er ein sehr schöner grosser Mann war, den seine Uniform sehr wohl kleidete, so werden sie mir leicht glauben, dass diese Erscheinung mir nicht halb so schrecklich seyn musste, als jene des Capuziners bei Ragaz. Es ist aber auch zwischen einer Capuziner-Kutte und einer französischen Uniform ein sehr merklicher Unterschied, und was in beiden stecken mag, das kann ein junges Mädchen nicht bekümmern, es greift bloss nach der Schale, den Kern lernt es hernach kosten. – Ach, wie manchens arme Mädchen hat sich schon zu seinem Unglück in eine blinkende Uniform vergafft! – Florian unterhielt die Bekanntschaft mit uns, und machte mir bald Liebesanträge, die mir nicht unwillkommen waren. Er war von guter Familie und im Lande beliebt. Ich glaubte keine Zeit verlieren zu dürfen und mein jugendlicher Leichtsinn liess mich nicht daran denken, dass ich meine so schöne Heimath gegen einen traurigen, von aller Welt abgeschiedenen Ort, wie Langwies, vertauschen müsse und eben so wenig darauf bedacht seyn, dass eine Soldatenfrau sich mit dem Manne einem unstäten Leben und allen Gefahren, denen dieser ausgesetzt ist, bloss giebt. Mitbringen konnte ich ihm auch nichts, und musste also froh seyn, wenn er mit meinem Persönchen allein vorlieb nahm, und so wies ich ihn denn an meine Mutter. Diese gab gern ihr Jawort zu unserer Verbindung, sie dachte wahrscheinlich: geh’ nur junger Schnabel, du wirst auch in die Schule kommen, wie ich darin war. Ich musste aber noch mehrere Klassen durchlaufen, als sie.
Im September 1778 hielten wir Hochzeit, und gingen dann mit einander zum Regiment, das in Strassburg in Garnison lag. Mein Abschied von der guten lieben Mutter geschah nicht ohne Thränen, und die Reue, sie je verlassen zu haben, hat mich während meines ganzen nachherigen Lebens deren noch viele gekostet. Militärs machen sehr leicht Bekanntschaft: mein Mann war sehr beliebt, und wusste mir bald hohe Gönner zu erwerben, wovon ein Beweis ist, dass als ich den 27. Juli 1779 von dem ersten Knaben entbunden ward, wir die Gnade genossen, Ihre Durchlauchten den damaligen Prinzen Max,
