Frauen in der Männer Welt - Bernhard Uhrig - E-Book

Frauen in der Männer Welt E-Book

Bernhard Uhrig

0,0

Beschreibung

Warum schreibe ich als Mann ein Buch über Frauen in der Männer Welt? Man könnte die Frage auch umdrehen. Warum sollte ein Mann sich nicht Gedanken über Probleme und Standpunkte von Frauen machen? Schließlich sind es Männer, die am meisten von patriarchalen und sexistischen Strukturen profitieren und diese oft auch nutzen, um Frauen klein zu halten, zu demütigen oder einfach zu ignorieren. Viele Männer betrachten noch immer Frauen als ihr Eigentum und setzen Gewalt ein, wenn diese anfangen ihre eigenen Wege zu gehen. In diesem Sinne setzen sich Männer als das stärkere Geschlecht und haben deshalb auch eine besondere Verantwortung. Mit diesem Buch habe ich versucht mir über meine eigenen Gedanken und Verhaltensweisen klar zu werden und hoffe andere Männer animieren zu können, über ihre Rolle nachzudenken und überkommene Denkweisen hinter sich zu lassen. Frauen sind Menschen wie Männer, mit eigenen Vorstellungen, Idealen und Wünschen, und dies gilt es zu respektieren. Männer können nur gewinnen, wenn sie Frauen auf Augenhöhe behandeln. Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Identität großgeschrieben wird, und viele glauben, dass nur die jeweilige Gruppe ihre Interessen glaubwürdig vertreten kann. Wenn aber jede und jeder in seiner eigenen Blase bleibt, stirbt die Diskussion und die demokratische Auseinandersetzung bleibt auf der Strecke. Ich halte es für notwendig, dass jede und jeder auch über seinen eigenen Tellerrand schaut. Gesellschaftliche Probleme können nur in einer Gesamtschau betrachtet und gelöst werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Frauen in der Männer Welt

Bernhard Uhrig. 2023

Ich danke meiner Frau Ingrid Kaisers, die über viele Jahre in einem Frauenhaus gearbeitet hat, für zahlreiche Impulse und Anregungen. Wir haben oft diskutiert und manchmal auch heftig gestritten, aber immer wieder zueinander gefunden.

© Bernhard Uhrig 2023

Einstieg

Warum schreibe ich als Mann ein Buch über Frauen in der Männer Welt? Man könnte die Frage auch umdrehen. Warum sollte ein Mann sich nicht Gedanken über Probleme und Standpunkte von Frauen machen? Schließlich sind es Männer, die am meisten von patriarchalen und sexistischen Strukturen profitieren und diese oft auch nutzen, um Frauen klein zu halten, zu demütigen oder einfach zu ignorieren. Viele Männer betrachten noch immer Frauen als ihr Eigentum und setzen Gewalt ein, wenn diese anfangen ihre eigenen Wege zu gehen. In diesem Sinne sind Männer das stärkere Geschlecht und haben deshalb auch eine besondere Verantwortung.

Mit diesem Buch habe ich versucht, mir über meine eigenen Gedanken und Verhaltensweisen klar zu werden und hoffe andere Männer animieren zu können, über ihre Rolle nachzudenken und überkommene Denkweisen hinter sich zu lassen. Frauen sind Menschen wie Männer, mit eigenen Vorstellungen, Idealen und Wünschen, und dies gilt es zu respektieren. Männer können nur gewinnen, wenn sie Frauen auf Augenhöhe behandeln.

Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Identität großgeschrieben wird, und viele glauben, dass nur die jeweilige Gruppe ihre Interessen glaubwürdig vertreten kann. Wenn aber jede und jeder in seiner eigenen Blase bleibt, stirbt die Diskussion und die demokratische Auseinandersetzung bleibt auf der Strecke. Ich halte es für notwendig, dass jede und jeder auch über seinen eigenen Tellerrand schaut. Gesellschaftliche Probleme können nur in einer Gesamtschau betrachtet und gelöst werden.

Das Buch ist in fünf große Kapitel eingeteilt. Im ersten geht es um die Theorie Judith Butlers, die derzeit die Debatte in Sachen Gender und Sexualität bestimmt. Ich gehe der Frage nach, ob die Theorie Butlers geeignet ist, die patriarchalen Strukturen zu erklären und die Forderungen der Frauen voranzubringen, oder eher ein Hemmnis für die Frauenbewegung darstellt. Ist das biologische Geschlecht eine Tatsache, oder kann jede und jeder frei entscheiden, welches Geschlecht gewünscht wird?

Darf man die Frage nach dem Allgemeinen beim Menschen stellen? Man muss! Jede und jeder von uns hat eine Vorstellung im Kopf, welche Eigenschaften den Menschen vom Tier unterscheiden, d. h. die allen Menschen zukommen, und welche nur für eine bestimmte historische Situation vorherrschen. Erst vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist es sinnvoll, Unterschiede von Frau und Mann ins Auge zu fassen, und zu überlegen, welche Unterschiede genetisch vorgegeben und welche der jeweiligen Gesellschaft geschuldet sind. Auch die Erklärung verschiedener Emotionen und Bedürfnisse wie Sexualität oder Hunger erfordert eine klare Vorstellung der menschlichen Natur, um beispielsweise Sexualität des Menschen von tierischer Sexualität unterscheiden zu können. Wie sonst wollte man erklären, dass wir in unserem Sexualverhalten weder den Schimpansen noch den Bonobos, beide unsere nächsten Verwandte, ähneln, sondern über geschichtliche Prozesse qualitativ Neues entwickelt haben. Was die Unterschiede von Frau und Mann angeht, unterscheiden wir allgemeine Vorstellungen von historischen Besonderheiten. Nur Frauen können Mütter werden, was aber nicht bedeutet, dass sie alle in jeder Gesellschaft Mütter werden müssen, oder gar, dass sich ihr FrauSein auf das MütterDasein reduziert.

Im dritten Kapitel gebe ich einen kurzen Rückblick auf die Entstehung und Entwicklung der Sexualität und verweise darauf, dass im Zuge dieses Prozesses der Bereich Sexualität über die Fortpflanzung hinaus Funktionen aus anderen Lebensbereichen übernommen hat. Schließlich gilt es zu zeigen, wie sich unsere Vorfahren von ihrer Opferrolle, nämlich gejagt und gefressen zu werden, zu Jägern entwickelt haben, die die Spitze der Nahrungskette eingenommen haben.

Der geschichtliche Teil ist keine Geschichte im engeren Sinne, weder eine Geschichte des Geschlechterverhältnisses, der Stellung der Frau noch der Frauenbewegung. Vielmehr ist es eine Art Blitzlicht, in dem markante Umbrüche für die Situation der Frauen beleuchtet werden. In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig zu zeigen, dass Frauen nicht nur Opfer waren, sondern dass sie bietende Chancen und Einflussmöglichkeiten genutzt haben, um ihre jeweiligen Interessen einzubringen oder durchzusetzen. Entsprechend behandle ich die derzeitige Frauenbewegung ausführlicher. Wer aktuelle Entwicklungen verstehen will, muss den Entstehungszusammenhang in Augenschein nehmen.

Im letzten Teil formuliere ich meinen Standpunkt zu der aktuellen Frage, ob es nur zwei oder mehrere Geschlechter gibt.

Teil I. Sex und/oder Gender? Oder, wie Judith Butler die Frauenbewegung ins Abseits führt

Im Jahr 1991 erscheint Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter” in Deutschland und provoziert heftige Debatten in der Frauenbewegung. Inzwischen ist sie die Grande Dame der Gender Studies. In dem genannten Buch legt sie meines Erachtens die wichtigsten Grundlagen für ihr Verständnis von Feminismus, Geschlechteridentität, Begehren und der Bedeutung von Sprache. In nachfolgenden Veröffentlichungen erfolgen je nach Themenstellung unterschiedliche Akzentuierungen, doch in ihren Grundaussagen bleibt sie bei dem Gehalt, der in „Unbehagen der Geschlechter” formuliert wurde.

In Auseinandersetzung mit dem bis dahin vorherrschenden Feminismus und unter Berufung auf Foucault geht Butler davon aus, dass Subjekte zunächst gar nicht existieren, sondern durch politische Interventionen und sprachliche Akte überhaupt erst gebildet werden. „Die Bereiche der politischen und sprachlichen ´Repräsentation´ legen nämlich vorab die Kriterien fest, nach denen die Subjekte selbst gebildet werden” (Butler 2021 S. 16). Gerade für feministische Politik muss die Frage des „Subjekts” (bei Butler in Anführungszeichen!) im Mittelpunkt stehen. „Die politische Konstruktion des Subjektes ist mit bestimmten Legitimations- und Ausschlusszielen verbunden” (a. a. O. S. 17).

Entsprechend dieser theoretischen Vorannahmen geht Butler davon aus, dass natürlich auch Frauen erst dann als Frauen existieren, wenn sie durch die Machtstrukturen festgelegt werden. „Die feministische Kritik muss auch begreifen wie die Kategorien ´Frau(en)´, das Subjekt des Feminismus gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht und eingeschränkt wird, mittels derer das Ziel der Emanzipation erreicht werden soll” (a. a. O. S. 17). Ernsthaft geht sie der Frage nach: „Gibt es eine Gemeinsamkeit unter den ´Frauen´, die ihrer Unterwerfung vorangeht, oder verdankt sich das Band zwischen den ´Frauen´ einzig und allein ihrer Unterdrückung?” (a. a. O. S. 19). Gibt es überhaupt Frauen?

Auch Svenja Flaßpöhler hat sich mit Butler auseinandergesetzt und stellt ernüchtert fest: „Wie sagte Jacques Lacan? ‘Die Frau existiert nicht’. Judith Butler hat sich ich ihrem Buch tief und klug mit dieser fragwürdigen psychoanalytischen Position auseinandergesetzt und sie von innen heraus dekonstruiert, doch in letzter Konsequenz wiederholt sie Lacans Satz – wenn auch mit anderem Vorzeichen und mit einer anderen Intention. Und mit verheerender Konsequenz: Das Subjekt Frau existiert nicht – und also auch keine weibliche Potenz” (Flaßpöhler S. 33)

In ihrem dialektischen Hin und Her und in hermetischen Formulierungen stellt Butler fest, dass man von keiner Geschlechtsidentität behaupten kann, „dass sie aus dem biologischen Geschlecht folgt” (a. a. O. S. 22). Und einige Zeilen weiter: „Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechteridentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt” (a. a. O. S. 23).

Bei allen humanen und rebellischen Intentionen kann Butler unterdrückten und verfolgten Menschen keine Perspektive bieten, denn wenn es kein Subjekt gibt, sind die Menschen auf die von der Gesellschaft gegebenen Positionen festgenagelt. Politische Weiterentwicklung und Widerstand kann es nur geben, wenn ein Subjekt seine Lage erkennt, sie als ungerecht empfindet und dagegen angeht. Im besten Fall mit anderen Menschen gemeinsam. Wenn Butler die Möglichkeit einer Subversion aufgrund des „konstruierten Charakters der Geschlechtsidentität” (a. a. O. S. 59) sieht, so gilt auch hier, dass Frau, Mann oder queerer Mensch zuerst die Widersprüche gesellschaftlicher Moral oder politischer Macht erleiden, erfühlen, erkennen muss, um darauf zu reagieren und möglicherweise Widerstand zu leisten.

Ein Subjekt kann es nur geben, wenn die Menschen mit einem Potential ausgestatten sind, das es ihnen erlaubt in der genannten Weise am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und in die politischen Verhältnisse einzugreifen: Menschen besitzen universelles Potential, das in ihrem Genom verankert ist. An einer Stelle benennt Butler das zugrunde liegende Problem, aber sie meint wohl nicht sich selbst. „Wenn aber die jeweilige ´Kultur´, die die Geschlechtsidentität ´konstruiert´, nach Maßgabe des Gesetzes (oder eines Ensembles von Gesetzen) begriffen wird, ist die Geschlechtsidentität ebenso determiniert und festgelegt wie nach der Formel ´Biologie ist Schicksal´. Nur hätte hier die Kultur an Stelle der Biologie die Rolle des Schicksals eingenommen” (a. a. O. S. 25).

In einem Punkt hat Butler sicherlich Recht. Auch der menschliche Körper und das Geschlecht sind gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen. Kinder wachsen geschützt im Mutterleib heran und dennoch nimmt Gesellschaft ständig Einfluss über Nahrung, die Lebensweise der Mutter, Musik, Bewegung usw. Doch daneben gibt es einen Faktor, den Butler überhaupt nicht auf der Rechnung hat: Das menschliche Genom. Ein Mensch entwickelt sich immer im Zusammenspiel von Genom und Gesellschaft. Aber beide sind nicht sein Schicksal, denn aufgrund seines universellen Potentials, das entsteht, sobald Eizelle und Samen vereinigt sind und ein Subjekt entstanden ist, treibt das entstandene Individuum seine Entwicklung selbst voran in Auseinandersetzung mit den Festlegungen des Genoms und den gesellschaftlichen Einflüssen. Selbst wenn es am Anfang nur ein paar Zellen sind – es will leben, wachsen, sich als Mensch realisieren. Und nichts kann es davon abhalten – außer man tötet es ab. Die Vorstellung eines universellen Potentials, das im Genom verankert ist, macht eine relativ autonome Entwicklung des Embryos und Kindes denkbar. Es ist weder auf eine eng gefasste Genstruktur, in der wesentliche Eigenschaften wie Intelligenz oder Begabung mehr oder weniger festgelegt sind, noch auf gesellschaftliche Einflüsse reduziert, sondern entwickelt sich in aktiver Auseinandersetzung mit beiden Faktoren.

In der Naturgeschichte hat sich Sexualität lange vor dem Menschen entwickelt. Seit hunderte Millionen von Jahren existieren die jeweiligen Individuen als weiblich oder männlich. Auch wenn sich diese binäre Struktur, wie Butler wohl sagen würde, durchgesetzt hat, kann man diese nicht absolut setzen. Nicht nur gibt es in der Natur unzählige Variationen der beiden Pole, von Geschlechtswandel bis zu der Tatsache, dass Männchen die Jungen austragen, auch das Feld dazwischen, die „queeren” Variationen gehören zu dem System dazu. In der tierischen Welt kann man Onanie, homosexuelle Verhaltensweisen und Geschlechtsumwandlung beobachten. Selbst Inzest wird durch natürliche Regelungen verhindert, würde doch dadurch die sexuelle Evolution langfristig wirkungslos bleiben. Irgendwann haben unsere Vorfahren diese Zusammenhänge durchschaut und ihrerseits soziale Normen entwickelt, um inzestuöse Beziehungen zu vermeiden. An diesem Punkt macht es also keinen Sinn von Zwangsheterosexualität zu sprechen, denn dies ist genauso als würde man bedauern, dass man nur zwei Arme hat anstatt sechs oder acht wie die indische Göttin Durya. Genauso wenig macht es an diesem Punkt Sinn den Begriff Sexualität dekonstruieren zu wollen, denn der biologische Fakt lässt sich nicht aus der Welt schaffen.

Ganz anders verhält es sich, als Homo sapiens vor rund 200 000 Jahren die geschichtliche Bühne betritt. Im Laufe der Vor- und Frühgeschichte haben Männer die Vorherrschaft übernommen und über tausende von Jahren Strukturen geschaffen, die ihre Vormachtstellung zementierten. Aber auch in diesem Zusammenhang ist es problematisch von Zwangsheterosexualität zu sprechen, denn der Begriff suggeriert, dass beide Geschlechter gleichermaßen in ihre Rollen gepresst würden. Tatsächlich ist es aber so, dass wir männerfixierte, patriarchale Strukturen haben, unter denen Frauen genauso leiden wie queere Menschen. Vermutlich leiden auch viele Männer unter diesen Strukturen, aber in jedem Fall haben sie die meisten Vorteile.

Eine wichtige Rolle in Butlers Überlegungen spielt die Frage nach Identität, insbesondere der Geschlechteridentität (a. a. O. S. 22 ff). Doch was ist Identität? Identität setzt ein Subjekt, ein Individuum voraus. Ein Individuum, das in dem ständigen Versuch sein universelles Potential zu realisieren immer wieder an seine Grenzen stößt und immer wieder Integrationsleistungen vollbringen muss. Identität ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der mit der Verschmelzung von Eizelle und Samen beginnt und mit dem Tod endet. Während der Kindheit und spätestens mit der Pubertät entwickelt jeder Mensch eine Art Kern-Identität, die relativ stabil bleibt. Doch der Antrieb durch das innere universelle Potential und die Auseinandersetzungen und Herausforderungen, die durch Umwelt und Gesellschaft auf das Individuum zukommen, erfordern immer wieder neue Anpassungen. Eine Vorstellung von Identität ohne Subjekt bedeutet, dass das Individuum immer nur Abklatsch seiner gegebenen sozialen Situation sein kann und auf diese festgenagelt ist. Es gäbe keine politische oder sonstige Entwicklung.

Sobald Samenzelle und Eizelle vereinigt sind, entscheiden die bekannten X-X- und X-Y-Chromosomen über das biologische Geschlecht des Kindes. Doch im Laufe des komplizierten Entwicklungsprozesses beim Embryo kann es immer zu Abweichungen kommen, bei denen einzelne Gene auf einen anderen Chromosomenstrang wandern. Auch der Hormonstoffwechsel und Zellrezeptoren, die auf Hormone reagieren, können dazu beitragen, dass sich ein Geschlecht verändert. Alles in allem lässt sich festhalten: Geschlecht lässt sich nicht auf die beiden Pole reduzieren, sondern ist ein Spektrum unterschiedlicher Geschlechter. Für die meisten Menschen steht allerdings mit der Vereinigung von Eizelle und Samenzelle fest, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit Frau oder Mann werden. Ab der elften oder zwölften Schwangerschaftswoche kann ein Arzt über Ultraschall das Geschlecht des Embryos vorläufig feststellen. Auch wenn Butler die „Geschlechtsidentität radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken” (a. a. O. S. 23) will, man kann es drehen und wenden wie man mag, am Ende bestimmt zunächst unser Genom, ob wir Frau oder Mann werden. Und schließlich folgen rund 90 Prozent der Menschen mehr oder weniger ihrem biologischen Geschlecht. Vermutlich sind es mehr, da ca. acht bis zehn Prozent der Menschen bei derartigen Umfragen keine Angaben machen.

Nachdem sich während der Schwangerschaft das Gehirn des Embryos in mehreren Wachstumsschüben entwickelt hat, übernimmt es nun mehr und mehr die Steuerungsfunktion. Das bedeutet auch im Gehirn ist wie in allen Zellen der grundlegende Trieb, das universelle Potential, eingebrannt und treibt die weitere Entwicklung voran. Die Heranbildung der sexuellen Identität vollzieht sich in mehreren Schritten, wobei sich das Kind aktiv mit seiner sozialen Umwelt und den Empfindungen seines Körpers auseinandersetzt (vgl. Oerter S. 268 ff). Mit zwei Jahren können Kinder die Geschlechter deutlich voneinander unterscheiden und kennen die jeweils typischen Verhaltensmerkmale. In dieser Phase kann es immer wieder zum spielerischen Wechsel der Geschlechterrollen kommen, indem man sich wie das andere Geschlecht kleidet oder es im Spiel nachahmt. Nach und nach ordnen sich die Kinder einem Geschlecht zu, das in der Regel das biologische ist, und bevorzugen dann die jeweiligen Verhaltensweisen, Spiele und Kleidung, die zu dem gewählten Geschlecht passen.

Ab dem vierten bis sechsten Lebensjahr entwickeln Kinder die sogenannte Geschlechterkonstanz, die sich bis zur Pubertät und darüber hinaus hinziehen kann. Das bedeutet, sie haben sich endgültig einem Geschlecht zugeordnet und wissen, dass dies bleibt, auch wenn Verhalten oder Kleidung sich ändern oder sogar dagegen sprechen. In dieser Phase kann es dazu kommen, dass sich Kinder oder Jugendliche nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können, sondern sich zu ihrem eigenen Geschlecht hingezogen fühlen oder generell mit ihrem Körper hadern. Oft ist dies ein angstbesetzter, mühseliger und zermürbender Prozess, bis sie sich eingestehen können, dass sie das gleiche Geschlecht lieben oder sich keinem Geschlecht zuordnen können.

Nun bedeutet Identität mehr als Geschlechtsidentität. Sie setzt sich zusammen aus zahlreichen Glaubenssätzen, die beschreiben, wie sich eine Person im Kern identifiziert. Sie können bewusst oder unbewusst, positiv oder negativ sein, vor allem sind sie tief in der Gefühlswelt verankert. Sie können auf einer persönlichen Ebene liegen (ich bin ein echter/schwacher Mann; ich bin eine gute/schlechte Mutter), auf sozialer Ebene (ich bin ein waschechter Bayer; eine selbstbewusste Afrikanerin), auf politischer Ebene (ich bin überzeugte Sozialdemokratin; verachte alle Politiker) oder auf religiöser Ebene (ich bin eine gute Katholikin; ein gottloser Mensch). In jedem Fall ist die Identität bei jedem Menschen unterschiedlich vorhanden; man kann davon ausgehen, dass kein Identitätszustand eines Individuums dem eines anderen gleicht.

Die Glaubenssätze bilden den Kern einer Persönlichkeit. Sie können durchaus gegensätzlich sein; wichtig ist, dass das jeweilige Individuum sie für sich vereinbar machen kann. Mit dem universellen Potential im Rücken strebt jeder Mensch nach Glück und Zufriedenheit, wobei diese Ziele bei jedem Mensch ziemlich unterschiedlich definiert und ausgefüllt werden können. Identität hat dabei die Aufgabe eine Weltanschauung und entsprechende Glaubenssätze zu entwickeln, die es dem jeweiligen Individuum erlauben, gesellschaftliche Anforderungen, eigene Bedürfnisse, Erkenntnisse und Sinneswahrnehmungen so zu kombinieren, dass die angestrebten Ziele erreicht werden können.

Vor einigen Monaten wurden in einer TV-Sendung Impfgegner interviewt, die eine Covid-19 Infektion hinter sich hatten und so schwer erkrankt waren, dass sie künstlich beatmet werden mussten. Auf die Frage, ob sie sich nach dieser Erfahrung impfen lassen würden, bestätigten sie ihre Auffassung, dass eine Impfung für sie nicht in Frage käme. Dies verdeutlicht die Macht der Identität. Ihre Glaubenssätze sind ihnen wichtiger als ihre Gesundheit ja selbst als ihr Leben.

Indem Butler das Subjekt in Frage stellt, das Subjekt leugnet, hat sie nicht nur 3000 Jahre europäische Philosophiegeschichte entsorgt, sondern auch ihrem Identitätsbegriff die notwendige Sprengkraft genommen. Da er ausschließlich durch die gesellschaftliche Dimension bestimmt ist, wird der Mensch zu einer Marionette der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist eine zentrale Fragestellung in der Philosophie. Ob man von Subjekt oder Individuum spricht ist in diesem Zusammenhang zweitrangig; entscheidend ist, dass das Verhältnis thematisiert und nicht auf eine Seite reduziert wird.

Sprache ist für Butler im gesellschaftlichen Zusammenhang die zentrale Größe. Ein Kind wird in dem Augenblick zum Menschen, in dem die Eltern feststellen: Es ist ein Mädchen bzw. es ist ein Junge. „Ein Kind (infant) wird in dem Augenblick zum menschlichen Wesen wenn die Frage:”Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ beantwortet ist. Jene Körperfiguren dagegen, die nicht in eine der Geschlechtsidentitäten passen, fallen aus dem Bereich des Menschlichen heraus, bilden das Gebiet des Entmenschlichten und Verworfenen, gegen das sich das Menschliche selbst konstituiert“ (a. a. O. S. 165/166). An anderer Stelle hat Butler ihre Auffassung unter dem Begriff „Performativität” ausführlich erörtert. „Nun, zunächst eröffnet die Performativität offenbar die Möglichkeit, eine der Sprache innewohnende Macht zu benennen: die Macht eine neue Situation zu erzeugen oder eine Reihe von Wirkungen in Gang zu setzen”. Und es ist wohl kein Zufall, dass sie als ersten Zeugen Gott benennt, der die erste performative Äußerung getan habe, als er befahl: „Es werde Licht!” und es ward Licht (Butler 2016 1. Geschlechterpolitik und das Recht zu erscheinen).

Wie wird nun aus einer performativen Sprachtheorie eine performative Theorie der Geschlechter? „Es beginnt damit, dass ein wimmerndes Baby von medizinischen Fachleuten zum Jungen oder zum Mädchen erklärt wird” (a. a. O.). Die Fachleute oder Eltern beeinflussen uns in unkontrollierbarer Weise; „das ist das psychosoziale Auferlegen und langsame Einimpfen von Normen” (a. a. O.). Wir Menschen seien sogar verpflichtet, die Geschlechtsnormen zu reproduzieren, aber die Polizei, die darüber wacht, ist nicht immer auf dem Posten, und dann ergäbe sich die Möglichkeit, die Gendernormen in Frage zu stellen (a. a. O.). Die Aussage „Ein Kind (infant) wird in dem Augenblick zu menschlichen Wesen, wenn die Frage: ´Ist es ein Junge oder ein Mädchen´ beantwortet ist” (Butler 2021 S. 165/166), verdeutlicht erneut das einseitige Menschenbild Butlers. Was war das Baby vor dieser Feststellung, von der Zeugung bis zur Geburt? Ein Zellhaufen, ein Schimpanse, ein Untoter?

Selbstverständlich wird mit der Verschmelzung von Eizelle und Samen ein neuer Mensch geboren ausgestattet mit universellem Potential, der sich in unterschiedlichen Stufen der Entwicklung realisiert. Und selbstverständlich ist in dem Genom dieses neuen Menschen angelegt, ob das Kind als Mädchen, Junge oder diverses Kind geboren wird. Die genannten Fachleute schauen dem Geborenen nur zwischen die Beine und benennen, was sie dort sehen. Es ist aber auch keine Frage, dass in der weiteren Entwicklung des Kindes Normen eingeübt, auferlegt oder aufoktroyiert werden, die das Kind auf ein Geschlecht festlegen, das seinen Gefühlen und seinem Selbstverständnis entsprechen oder widersprechen kann. Butler beschränkt sich allerdings in ihren performativen Sprechakten auf Sprache als einzigem Faktor in der kindlichen Entwicklung. Körperliche Nähe, Bewegung, Laufen Lernen, Vorliebe für Kleider und Farben kommen bei ihr nicht vor.

Außerdem sind performative Sprechakte eine sehr einseitige Angelegenheit. Sie bewegen sich nur in eine Richtung, vom Erwachsenen, von den Eltern zu dem Kind. Dass auch Babies, wenn auch zunächst nicht durch Sprechen, über verschiedene andere Möglichkeiten der Kommunikation verfügen, werden alle, die je mit Babies zu tun hatten bestätigen können. Die Eltern, die für ihr schreiendes Baby die Nächte durchwachen mussten, können ein Lied davon singen.

Wenn Butler über Menschen schreibt, spricht sie oft von Körper. „…wenn Körper auf Straßen, Plätzen oder anderen öffentlichen Orten zusammenkommen …”. „Diese Sicht des fremden, ungelernten, feministischen Körpers …”. „Wenn man als Körper auf der Straße erscheint …”. „2. Körperallianzen und die Politik der Straße”. „Wir sind, um es noch einmal anders zu formulieren, als Körper verwundbar durch andere und durch Institutionen …”. „Körper sind, …, immer in gewissem Sinne außer sich!” (Einige Zitate von vielen anderen Formulierungen aus Butler 2016 Kapitel 1 und 2). Sind dies nur zufällige Äußerungen oder sind sie eher Ausfluss ihres einseitigen Menschenbildes? Und wie kann man sie verstehen? Kann ein Körper auf der Straße demonstrieren und den anderen Teil seiner Person, seine Psyche, sein Bewusstsein zu Hause lassen? Sitzt dann die Psyche vor dem Kamin und träumt? Kann man Menschen auf diese Weise zweiteilen? In welcher Situation auch immer, ob privat oder politisch, in der Familie oder in der Öffentlichkeit, ein Mensch agiert immer als Ganzes, als Einheit, auch wenn ihn die Verhältnisse so verstümmelt haben, dass er an ihnen körperlich oder psychisch krank geworden ist.

Bei allem Respekt vor den Zielsetzungen Butlers, nämlich für alle Menschen, speziell für vulnerable Gruppen wie queere Menschen, Frauen oder People of Color einzufordern, dass sie ihr Leben selbstbestimmt und ohne Furcht oder Einschränkungen gestalten können, ihre theoretischen Überlegungen sind nicht dazu angetan, diese Zielsetzungen zu untermauern. Im Gegenteil.

•Durch die Reduktion des Menschen auf seine gesellschaftliche Seite, ist er dazu verdammt, diese immer wieder zu reproduzieren und hat keine Möglichkeiten aus ihr auszubrechen. Gerade wenn es um Menschen geht, die nicht ihrem biologischen Geschlecht folgen können, muss man doch davon ausgehen, dass in ihrem Selbstverständnis eine Art Kompass vorhanden ist, der ihnen zeigt, welches ihr „richtiges” Geschlecht ist. Von der Gesellschaft wird ein derartiger Impuls in keinem Fall kommen.

•Durch die Reduktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf Sprache, und hier wiederum die einseitige Sicht der Sprache auf den dominierenden Einfluss der Erwachsenen, der Autoritäten, auf Babies werden große Teile der sozialen Wirklichkeit ausgeblendet und Kinder auf bloße Empfänger sozialer Normen reduziert.

•Schließlich werden Menschen auf Körper reduziert und diese sind „weniger eine Entität als vielmehr eine lebendige Menge von Beziehungen” (a. a. O. Kapitel 1). Nicht mal der Körper ist eine Einheit, noch weniger der Mensch als Ganzes. Mit dieser Definition hat sich der Mensch quasi in Luft aufgelöst; er ist nur noch ein lebendes Konstrukt der ihn produzierenden Beziehungen.

Man kann also festhalten, dass Judith Butler der Frauenbewegung mit ihren theoretischen Überlegungen nicht nur keinen Gefallen getan, sondern sie auf ziemlich abschüssiges Gelände geführt hat. Sie predigt Widerstand gegen politische Mächte, aber ihre Theorie verhindert genau dies. Widerstand erfordert Wut, Erkenntnis und Durchhaltevermögen, und diese entstehen nur auf Seiten der Individuen, sie liegen nicht in der Gesellschaft irgendwie herum.

Die Leugnung des Subjekts und die dadurch entstehende einseitige Vorstellung des Menschen hat natürlich auch Folgen für die politischen Ansichten Butlers. Sie hat das Subjekt in der Theorie abgeschafft um es dann in einem Akt voluntaristischer Selbstermächtigung wieder in die politische Sphäre einzuführen. Die Menschenrechte, die sich aus einer allgemeinen, humanistischen Vorstellung des Menschen ergeben und universell gelten müssen, werden eher als kolonialistischer Eingriff des Westens verbrämt mit humanen Verzierungen gesehen, denn als Grundlage für eine gerechtere Welt und eine frauenfreundliche Politik. Entsprechend wird unter dem Schlagwort „Andersheit der Anderen” nicht nur die Andersheit sondern auch die „andere” Unterdrückung von Frauen mit dem Argument der kulturellen Besonderheit gerechtfertigt.

Ausgerechnet die reaktionärsten Länder der Welt, wie Iran und Afghanistan, die durch Terror und Gewalt regiert werden und wo der Frauenhass politisches Programm ist, werden als Beispiel herangezogen, um die „Andersheit der Anderen” zu begründen. So erklärte Butler 2003 in einem Interview, warum die Burka durchaus auch Vorteile hat. „Sie symbolisiert, dass eine Frau bescheiden ist und ihrer Familie verbunden; aber auch, dass sie nicht von der Massenkultur ausgebeutet wird und stolz auf ihre Familie und Gemeinschaft ist. … Die Burka zu verlieren bedeutet mithin auch, einen gewissen Verlust dieser Verwandtschaftsbande zu erleiden, den man nicht unterstützen sollte. Der Verlust der Burka kann eine Erfahrung von Entfremdung und Zwangsverwestlichung mit sich bringen” (Emma 29. 8. 2017). Die Frauen in Afghanistan, Iran oder Saudi Arabien, die schon mal ihre Gesundheit oder Leben aufs Spiel setzen, wenn sie den Schleier absetzen oder sich gar geschminkt in der Öffentlichkeit zeigen, werden es ihr zu danken wissen.

Seit Dezember 2018 darf „divers” in das Geburtenregister eingetragen werden, wenn das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Ob man die Gruppe divers oder queer nennt, ob man 60 oder 72 Geschlechter (vgl. faznet 4. 9. 14) zählt, nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017 haben diese Menschen die gleichen Rechte wie alle anderen Bundesbürger und müssen vor Diskriminierung geschützt werden. Das bedeutet, die diskriminierenden Gutachten müssen abgeschafft und die betreffenden Gesetze dem Spruch des Verfassungsgerichtes angepasst werden. Diese Diskussion macht erneut deutlich, dass die Fixierung auf die Zweigeschlechtlichkeit längst überholt ist.

In ihrem Artikel über Transfeindlichkeit kommt Hanna Lakomy zu dem Schluss: „Ist es nicht die patriarchale Logik selbst, die in sich zusammenfällt, wenn das männliche Geschlecht nicht mehr eindeutig zuzuordnen ist? Das schillernde Spektrum untergräbt die Herrlichkeit des Herrenrechts. Der Mann muss sich seiner Männlichkeit absolut sicher sein können. Es stört ihn ebenso, wenn eine Frau sich anmaßt, ein Mann sein zu wollen, wie wenn ein Mann das männliche Geschlecht entwürdigt, indem er sich zur Frau degradiert”. Und weiter: „Die Lüge des Mann/Frau-Dualismus betrifft nicht nur die 3,3 Prozent trans Menschen in Deutschland. Sie betrifft uns alle. Es geht um nichts Geringeres als die Wahrheit über das Menschengeschlecht” (Berliner Zeitung 5. /6. 2. 22).

Auf der Grundlage ihrer theoretischen Überlegungen kann Judith Butler weder queeren Menschen noch Frauen eine Perspektive bieten. Indem sie das Subjekt aus ihrer Theorie vertrieben hat, bleiben für die betroffenen Gruppen nur noch die trübe Hoffnung, dass ihnen gesellschaftliche Brüche zu Hilfe kommen. Aus eigener Bedürftigkeit, eigenem Schmerz oder eigener Hoffnung können sie eigentlich nicht aktiv werden. Wenn Butler für ihre politischen Forderungen nach gerechter Teilhabe für alle Menschen das Subjekt dann doch wieder Kraft eigener Setzung reanimiert, mag das nachvollziehbar sein, widerspricht aber ihrer eigenen Theorie. Zurück bleibt ein lähmender Widerspruch zwischen Theorie und politischer Praxis.

Teil II. Frauen und Männer - ganz allgemein

II.1. Ein fundamentaler Trieb

Im Unterschied zu Freuds Psychoanalyse und Watsons Behaviorismus geht Maslow von einem Menschenbild aus, das den Menschen als grundsätzlich gut betrachtet. Destruktivität, Sadismus und Grausamkeit sind demnach keine originären Bedürfnisse, sondern Reaktionen auf Frustrationen unserer inhärenten Bedürfnisse (vgl. Fromm 1985). Dementsprechend sieht Maslow den Menschen in seiner Ganzheit nicht durch niedere Triebe gesteuert, sondern durch ein angeborenes Wachstumspotential angetrieben, um sein höchstes Ziel, die Selbstverwirklichung zu erreichen (Wikipedia: Maslowsche Bedürfnishierarchie, 16. 5. 19) Was kann man unter diesem angeborenen Wachstumspotential verstehen?

Jedes Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Mensch hat das grundlegende Bedürfnis, das zu werden, was es sein soll. Wenn der Samen des Löwenzahns auf die Erde fällt, und er hat Sonne, Feuchtigkeit und genügend Nährstoffe wird er alles daran setzen zu einem erwachsenen Löwenzahn heranzuwachsen, der seine Samen verstreut. Wenn ein Wolfswelpe geboren ist, wird er alles tun, um ein großer Wolf zu werden. In seiner Naturphilosophie beschreibt Hegel die Grundbefindlichkeit alles Lebendigen „mit dem Gefühl des Mangels und dem Trieb ihn aufzuheben Ein solches, das den Widerspruch seiner selbst in sich zu haben und zu ertragen fähig ist, ist das Subjekt” (Hegel Bd. 9, S. 468/469).

Was bedeutet dies für den Menschen? Der Mensch besitzt universelles Potential (vgl. Uhrig 2019). Wenn man sich allein die Berufe in Vergangenheit, Gegenwart und die prognostizierten Tätigkeiten der Zukunft vor Augen führt, wird deutlich, dass die Fähigkeiten grenzenlos scheinen. Gar nicht zu reden von dem Können in den Bereichen Handwerk, Musik, Kunst, der Architektur oder den Wissenschaften. Der Mensch verfügt über universelles Vermögen, das es ihm erlaubt, in den unterschiedlichsten oft auch elenden geschichtlichen Situationen zurecht zu kommen, zu leben und zu überleben, zu arbeiten und zu feiern, Kinder groß zu ziehen und alt zu werden. Nun lebt, wie allgemein bekannt, jeder Mensch in einer bestimmten historischen Situation und in einer bestimmten sozialen Schicht. Er kann also sein universelles Potential immer nur im Alltag dieser genannten Bedingungen realisieren. Manchmal in großen, meistens in kleinen Schritten, aber immer nur ein Stück weit.

Kern des universellen Potentials ist die Vernunft. Tomberg nennt sie Vernunft-Natur, da der Mensch innerhalb der Natur der Natur als eigenständige Macht gegenübersteht. Wie in allen Lebewesen ist im Menschen der Trieb sich zu realisieren angelegt. „Dieser Trieb, da notwendig den Menschen als Vernunft-Subjekt hervorbringend, kann Vernunft-Trieb heißen. So wie im erwachsenen Menschen all sein Sein in seine Vernunftnatur eingeschlossen ist, so ist auch schon in seinem embryonalen Zustand alle seine Triebhaftigkeit durch den Vernunfttrieb als dem spezifisch menschlichen Trieb überhaupt bestimmt. Die menschliche Triebnatur ist an sich Vernunftnatur” (Tomberg S. 61/62). Doch was ist Vernunft? In der klassischen deutschen Philosophie steht die Vernunft im Zentrum aller Überlegungen. Kant definiert sie als Vermögen des Menschen, sein Schicksal allein von sich selber abhängig zu machen. Jedwede Autorität hat sich vor dem Richterstuhl der Vernunft zu rechtfertigen oder sie muss verschwinden. „Das Prinzip der Unabhängigkeit der Vernunft, ihrer absoluten Selbstständigkeit in sich, ist von nun an als allgemeines Prinzip der Philosophie wie als eines der Vorurteile der Zeit anzusehen” (Hegel Enzyklopädie I S. 146). Kant konnte noch hoffen, dass durch Aufklärung und Erziehung die Menschen vernünftig werden würden. Doch im Lauf der Jahre hat sich gezeigt, dass mit dem Komplex der Leidenschaften, Bedürfnisse und Motive eine Struktur besteht, die in einem Spannungs- oder Widerspruchsverhältnis zur Vernunft steht. Wenn ein Mensch heftig liebt oder verliebt ist, und man sagt, er sei blind vor Liebe, so heißt das nichts anderes, als dass sein Gefühl so stark ist, dass die Vernunft überspielt oder gar völlig verdrängt wird, so dass er den Bezug zur Realität verlieren kann. Für das Gegeneinander und Miteinander von Vernunft und Emotion ist also ein Begriff notwendig, der ihre gemeinsame Grundlage reflektiert: Das ist das universelle Potential des Menschen.