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Love your cycle Wie gut kennst du deinen Zyklus und deinen Körper? Siehst du deine Periode als allmonatliches Übel? Sind PMS und Schmerzen für dich normal? Das muss nicht sein! Denn Beschwerden gehören eigentlich nicht zur Menstruation und sollten nicht einfach still ertragen werden. Dieses Buch stellt eine Vielzahl ganzheitlicher Heilmittel für die Menstruation vor, um dich dabei zu unterstützen, wieder selbst für deine Zyklusgesundheit zu sorgen. > Endlich Schluss mit Regelbeschwerden: die wichtigsten Heilmittel für eine natürliche Behandlung > Alles über deinen Zyklus: biologische und energetische Vorgänge sowie geschichtliche, kulturelle und mythologische Hintergründe > Liebe deinen Zyklus: Tipps und Tricks zur Selbstfürsorge und wie du die Qualitäten der einzelnen Zyklusphasen für dein Leben nutzen kannst > Von Silk Touch bis Auslaufschutz: Tabus und Fakten rund um Menstruationsprodukte
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2021
Impressum
Umschlaggestaltung von STUDIO LZ, Stuttgart, unter Verwendung von Abbildungen von Shutterstock.
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© 2021, Herbig in der Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG,
Pfizerstraße 5-7, 70184 Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Projektleitung: Nicole Janke
Redaktion: Gabriele Gaßmann, Stuttgart
E-Book Produktion: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-96859-511-5
Für Laura
und alle Frauen da draußen
Inhalt
Vorwort
Mythen, Tabus und Archetypen
Große Göttin
Drei Tore der Wandlung und Sieben-Jahres-Zyklen
Frau im Mond
Synodischer Monat – Ein kleiner Nachtrag zum Mondumlauf
Namen der Menstruation
Das größte Tabu aller Zeiten
Heiliges weibliches Blut
Von der Heiligkeit zum Heilmittel
Von Hexen und Huren
Das erste Blutopfer · Eva, die Urhexe
Menarche – das Erblühen der Weiblichkeit
Der böse Blick · Passageriten und Initiationsfeste
Sinn und Zweck von Tabus und Aberglauben
Archetypen der Weiblichkeit
Schlangensymbolik · Weitere Symbole
Anatomie und Hormone
Die weibliche Anatomie
Äußere Sexualorgane · Innere Sexualorgane
Der Tanz der Hormone
Östrogene · Progesteron · Gestagene · Weitere Hormone
Menstruation und Zyklus
Der Mythos von der Menstruationsnorm
Die Biologie von Beginn und Ende der Menstruationsjahre
Von zwei, drei und vier Phasen des Zyklus
Die vier Phasen des Zyklus
Synchronisation – Die Abstimmung der weiblichen Rhythmen
Die Energetik der Zyklusphasen
Follikelphase: Jung-Frau und Elfe · Ovulationsphase: Aphrodite und Mutter · Lutealphase: Hexe und Amazone · Menstruationsphase: Alte Frau und Weise Alte
Zyklusstörungen und Menstruationsbeschwerden
Menstruationsbeschwerden aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin
Beschwerden anhand der vier Phasen
Ovulationsphase: Mittelschmerz · Lutealphase: Prämenstruelles Syndrom · Menstruationsphase: Dysmenorrhö und Typusanomalien · Follikelphase: Qi-Mangel
Unregelmäßigkeit und Tempoanomalien
Amenorrhö · Oligomenorrhö · Polymenorrhö · Zwischenblutungen
Heilmittel des Zyklus
Schulmedizin
Schmerzmittel · Hormontherapie · Schwangerschaft als »Therapie« · Gar keine Therapie
Regelmäßigkeit in allen Lebensbereichen
Einstellung zur Menstruation
Die Schuldfrage
Den Körpernachrichten lauschen
Schmerz
Zyklusbeobachtung
Tage-Buch und Zyklus-App · Symptothermale Methode
Versöhnung mit der eigenen Weiblichkeit
Versöhnung mit anderen Frauen
Menstruation und Kinderwunsch
Gefühlsausbrüche und Ehrlichkeit
Kreativität und schöpferische Kraft
Schlaf und Träume
Licht und Mond
Zeit für Ruhe und Loslassen
Menstruations-Raum
Erdung
Die Blutspende der anderen Art
Atmung
Menstruationsmagie und -rituale
Körperreisen und Imaginationen
Bewegung versus Anstrengung
Yoga · Yoni-Eier
Sex und Orgasmus
Hara Shiatsu
Hormonmassage
Kleidung
Ernährung
Gewicht
Genuss- und Suchtmittel
Nahrungsergänzung aus der Naturapotheke
Leinsamen · Brennnesselspinat
Hausapotheke
Entgiftung und Entschlackung · Krämpfe und Schmerzen · Eisenmangel · Ausbleibende, zu schwache Blutung und anovulatorische Zyklen · Zu starke und zu häufige Blutung · Dunkles Blut und Klumpen · Schmierblutungen · Myome · Brustspannen und -zysten
Artikel für die Monatspflege
Geschichte der Menstruationsprodukte
Werbung
Schmutz, Scham und Ekel
Monatliche Luxusartikel
Umweltgifte
Bio-Produkte
Tampons in allen Variationen
Alternativen zu herkömmlichen Artikeln
Stoffbinden · Menstruationstasse · Menstruationsschwämmchen · Menstruationsunterwäsche · Freie Menstruation
Nachwort
Anhang
Dank
Glossar
Quellenverzeichnis
Schlagwortregister
Vorwort
»Am liebsten würde ich das Ganze mit einem Staubsauger absaugen, dann hätte ich endlich meine Ruhe«, sagt Lena, meine 20-jährige Klientin. Ähnliche Dinge höre ich vor allem von meinen jungen Klientinnen in Bezug auf ihre Menstruation. Ich kann es gut nachvollziehen, denn mir ging es mit Anfang 20 genauso. Vor einer Operation, bei der mir eine funktionelle Ovarialzyste entfernt wurde, sagte ich voller Verzweiflung zu den Ärzten: »Schneidet mir doch bitte gleich alles raus.« Mit »alles« meinte ich all meine inneren Geschlechtsorgane. Den Sitz meiner Weiblichkeit. Heute bin ich unendlich dankbar, dass Ärzte und Ärztinnen nicht jedem blinden Wunsch einer jungen Frau nachgeben.
Fast 20 Jahre später sehe ich die Dinge von Grund auf anders. Heute bin ich sehr gerne eine Frau und empfinde meine Menstruation auch nicht mehr als lästig, sondern als einen wichtigen Teil meiner weiblichen Natur. Ich sehe sie jetzt als Geschenk: als Geschenk der körperlichen, psychischen und geistigen Reinigung, als Hilfsmittel, um mit meinem eigenen Inneren besser und tiefer in Kontakt treten zu können – und das Monat für Monat. Um dort hinzugelangen, musste ich mich mit meinem weiblichen Zyklus auseinandersetzen. Ich konnte ihn nicht mehr beiseiteschieben, weil er mir lästig war, oder ständig über meine Grenzen gehen, weil ich glaubte, ich muss während meiner Tage genauso gut wie sonst auch funktionieren. Es war nun endlich an der Zeit, ehrlich zu sein. Zu mir selbst und zu meinem Körper. Als Frauen sind wir nun mal stark von einem Zyklus bestimmt. Der Trick ist nun, dies nicht als Manko oder Minderwertigkeit anzusehen, sondern in Einklang mit unserem ureigenen Rhythmus zu kommen. Denn die Menstruation ist (im Normalfall) so oder so da, egal wie wir ihr gegenüber eingestellt sind. Wäre es da nicht sinnvoll, unsere Ablehnung und unseren Trotz abzulegen und uns stattdessen mit unserer zyklischen Natur zu versöhnen, ja sogar anzufreunden? Aus eigener Erfahrung sowie aus der Erfahrung mit meinen Klientinnen weiß ich, dass sich durch die Einstellung unserem zyklischen Wesen gegenüber sehr viel ändern kann, zum Schlechten wie zum Guten.
Als meine Buchidee entstand, hatte ich keine Ahnung, dass das Thema Menstruation in den letzten Jahren schon so eine große Welle geschlagen hatte. Ich wollte einfach die wichtigsten Hausmittel sammeln, um mehr Frauen als jene in meiner Praxis zu unterstützen und über einfache, aber effektive Heilmittel informieren zu können. Nach der ersten Recherchearbeit wurde aus dem kleinen Selbsthilfe-Hausapotheken-Büchlein aber schnell mehr. Denn wie konnte ich über Beschwerden und Heilmittel des Zyklus schreiben, ohne sie in einen geschichtlichen, kulturellen und mythologischen Kontext zu setzen? Dies erschien mir, wie ein Bild mit geschlossenen Augen zu betrachten.
Endresultat ist dieses Buch, in dem ich über die weibliche Natur sprechen möchte, den Menstruationszyklus und wie Frauen besser in Einklang mit seinen unterschiedlichen Phasen kommen können. Darüber hinaus gebe ich einen Abriss über die Anatomie des weiblichen Unterleibs, die wichtigsten Hormone und biologischen Vorgänge im Zyklus sowie die zahlreichen Regelbeschwerden und Menstruationsartikel. Ergänzt wird dies durch Mythen und Tabus rund um das Frauenblut sowie eine geschichtliche Übersicht seiner kulturellen Entwicklung.
Außerdem möchte ich aufzeigen, wie viele wunderbare Haus- und Heilmittel als Alternative zu Schmerzmitteln und Hormongaben zur Verfügung stehen, um die prämenstruellen und menstruellen Beschwerden zu lindern oder zu heilen. Ich verwende hier bewusst das Wort »heilen«, da ich davon überzeugt bin, dass das größte Heilungspotenzial in einer jeden Frau selbst liegt und sie selber am besten weiß, was ihr guttut. Leider sind dieses Wissen und der Zugang zum eigenen Körper in vielen Fällen abgetrennt, unterbrochen oder mit Dingen zugeschüttet worden, sodass erst wieder durch Übung und Geduld Kontakt aufgenommen werden muss.
Welcher Weg für die jeweilige Frau der richtige ist, kann nur sie selbst entscheiden. Um aber die passende Richtung überhaupt erst einschlagen zu können, braucht es eine umfangreiche Information über die Alternativen. Aufgrund meines Hintergrunds als Hara-Shiatsu-Praktikerin und Kräuterkundige fließen in meine Arbeit und in dieses Buch Techniken und Heilmittel aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), der europäischen Volksheilkunst sowie der Körper- und Bewusstseinsarbeit ein. Damit, so hoffe ich, wird ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten abgedeckt. Auch kommen einige meiner Klientinnen zu Wort, zum Wohle ihrer Privatsphäre habe ich aber ihre Namen verändert.
Machen wir uns also wieder mit unserem Körper, seiner Funktionsweise und seinen Beschwerden vertraut und verschaffen uns einen Überblick über die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten, so können wir aus dem vielfältigen Angebot bewusst jenes auswählen, welches am besten zu uns passt, und dadurch unsere Gesundheit wieder in die eigene Hand nehmen. Der Menstruationszyklus ist dann nicht mehr eine lästige Plage, sondern wird zu einem natürlichen Teil und Verbündeten von uns.
Manuela Kloibhofer
Juni 2021
Mythen, Tabus und Archetypen
Große Göttin
Es war einmal die Große Göttin. Sie erschuf das Universum aus ihrem heiligen weiblichen Blut. Auch die Erde, der Uterus des Kosmos, wurde von der Großen Mutter während ihrer Menstruation geformt. Dabei rann ihr Blut in den Boden und verwandelte sich in Gold. So sehen es zumindest die Kogi in Kolumbien. Menstruationsblut ist für sie bis heute so wertvoll wie Gold.
Adam, der erste Mensch der Bibel, wurde aus Erde (Adamah) geformt. Das hebräische Wort ādāmāh bedeutet aber vor allem rote Erde oder Lehm. Somit entstand auch der erste Mensch der Bibel, von dem gesagt wird, er wurde von einem männlichen Gott erschaffen, ursprünglich aus der roten Muttererde, dem Menstrualblut der Großen Göttin.
Selbst die Entstehung der Götter lässt sich auf die eine Urgöttin zurückverfolgen. So geht der islamische Gott Allah auf die vorislamische Göttin al-Lāt zurück, die die Menschen aus fließendem Blut erschuf. Ebenso stammen die hebräischen und biblischen Namen für Gott JHWH, Jehova, Jahve und Jahwe von Iahu (erhabene Taube) ab, dem sumerischen Namen für die Große Göttin.
Über die Jahrhunderte geriet das alte Wissen um die Göttin in Vergessenheit. Die Menschen interessierten sich immer weniger für sie, männliche Götter traten an ihre Stelle, und nach und nach nahm ihre Macht ab. Was von ihr übrig blieb, war das Symbol des fruchtbarkeitsspendenden Vollweibs oder der hysterischen Gottesgattin. Diese recht beschnittenen Rollen werden ihr aber in keiner Weise gerecht, denn die Große Göttin verkörpert viel mehr. Sie ist nicht nur die selbstaufopfernde, milde und lebenspendende Muttergöttin, sondern verfügt frei über ihre eigene Sexualität. Fruchtbar ist sie sehr wohl, doch was heute bei der Göttinnenbetrachtung gerne ausgeblendet wird, ist die biologische Voraussetzung für weibliche Fertilität, sprich das Menstruationsblut.
In indischen Tempeln wird bis heute symbolisch die heilige weibliche Sekretion auf das dritte Auge der Gläubigen gestrichen.[1] Da stellt sich doch glatt die Frage, mit welcher symbolischen Flüssigkeit wir uns in katholischen Kirchen eigentlich bekreuzigen?
Damit aber nicht genug. Die Große Göttin verfügt neben ihrer fruchtbaren Seite noch über zwei weitere Gesichter. Dies ist einerseits die der Jung-Frau (ursprüngliche Bedeutung: junge unverheiratete Frau, die nicht an einen Mann gebunden, also unabhängig ist) sowie andererseits die dunkle Seite der weisen Alten, die Weisheit und Trost spendet, aber auch für Tod, Zerstörung und letztendlich Wiedergeburt zuständig ist. Die Schwarze Göttin lebt ihre Sexualität ohne Reproduktionsziel, sie hat die Macht, sich selbst und andere spirituell neu zu gebären. Ihre Stärke ist aber auch Furcht einflößend und wird deshalb bis heute nur zu gerne verdrängt.
Der Archetyp der Großen Göttin ist also nicht nur lieb, mütterlich, sanft und allzeit empfängnis- und gebärbereit, sondern beinhaltet den gesamten Lebenszyklus von Geburt über Tod bis zur Wiedergeburt oder Auferstehung, dargestellt in der Dreiteilung von Jung-Frau, Menstruierende und Alte; Schöpferin, Behüterin und Zerstörerin, der wahren Dreifaltigkeit also.
Diese dreifache Göttin wurde aber nicht wie der männliche Gott als abgehobene, mystische, im Himmel lebende Gottheit angebetet, sondern symbolisierte eine ganz reale, erdgebundene Kraft im Hier und Jetzt des weiblichen Lebens. Ganz im Ebenbild der Urgöttin sind Frauen also nicht nur passiv und empfangend, nicht nur Yin, sondern vereinen alle Facetten der Weiblichkeit in sich.
Das Bild der dreifachen Göttin findet sich ebenso in vielen Göttinnenbildern wie Hekate als dreigesichtige Göttin oder die drei Schicksalsgöttinnen (Moiren, Parzen, Nornen oder Saligen), die den Lebensfaden spinnen, messen und abschneiden.
Während ich diese Zeilen schreibe, ist die dunkelste Zeit im Jahr. In zwei Tagen feiern wir das ursprüngliche Fest der Wiederkehr des Lichtes, heute als Weih-Nacht bekannt. Mit der Wiedergeburt des Lichtes werden die Tage wieder länger, und ich freue mich auch schon auf den Segnungsspruch an der Haustüre am 6. Januar. Was ich aber normalerweise nicht dazusage, ist, dass die bekannte Buchstabenkombination für mich weder »Christus mansionem benedicat«, also »Christus segne dieses Haus«, noch die drei heiligen Könige Caspar, Melchior und Balthasar bedeutet, sondern ich mit dem zufriedenen Schmunzeln der Eingeweihten das »C-M-B« für Catharina, Margarete und Barbara mit weißer, roter und schwarzer Kreide auf meine Haustüre schreibe. Diese drei Damen stellen nichts anderes dar als die christliche Version der drei Schicksalsgöttinnen, und diese wiederum sind eine Verkörperung der Dreifaltigkeit der Urgöttin, die trotz allem in den alten Bräuchen versteckt überlebt hat.
Auch die drei Symbolfarben der Göttin Weiß, Rot und Schwarz leben bis heute weiter. Dabei steht die Weiße Göttin für den Neubeginn und Blutaufbau, die Rote Göttin für die Fülle des Blutes und die Schwarze Göttin für Tod und Wiedergeburt.
Drei Tore der Wandlung und Sieben-Jahres-Zyklen
Unser ganzes Leben ist von Zyklen bestimmt. Der Rhythmus der Uhr bestimmt unseren Tagesablauf. Die Nacht löst den Tag ab und umgekehrt, schneller als meist erwünscht kommt schon wieder der nächste Montag. Auch das Jahr teilt sich – in unseren Breitengraden in vier – unterschiedliche Jahreszeiten.
Als die Menschen noch im Einklang mit den natürlichen Zyklen lebten, zergliederte sich das Leben der Frau für sie ganz selbstverständlich in drei Lebensabschnitte, die die drei Gesichter der Großen Göttin widerspiegelten: der Abschnitt des Mädchens oder der Jungfrau, also der unverheirateten, jungen, unabhängigen Frau, die ohne Mann für sich selbst steht und ihre eigene Sexualität lebt, die Phase der fruchtbaren Frau und Mutter sowie die der Seniorin, Greisin oder alten Weisen. Getrennt werden diese Lebensphasen von den Toren der Wandlung, wie die alten Chinesen sie nannten. Diese sind Menarche (erste Regelblutung), Geburt (des eigenen Kindes) und Menopause (letzte Regelblutung), die Himmel (Mädchen), Erde (Mutter) und Unterwelt (weise Alte) repräsentieren. Aber nicht nur die Weisen östlicher Traditionen wussten um die symbolische Macht der Wandlungstore. So drückt es ein altes Sprichwort der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Nordamerikas ähnlich poetisch aus: »Zur Menarche tritt eine junge Frau in ihre Kraft ein, während ihrer menstruierenden Jahre praktiziert sie ihre Kraft, und zur Menopause wird sie ihre Kraft.«[2] Früher wurden diese drei Übergänge von Ritualen und magischen Handlungen begleitet. Dadurch sollte der Übertritt in die neue Lebensetappe erleichtert werden und das Mädchen oder die Frau in das jeweilige Frauen- oder Blutmysterium eingeweiht werden. Heute haben wir es mit Magie und Ritualen oft nicht mehr so am Hut. Gerade aber in Zeiten des Umbruchs (wie bei Menarche, Geburt oder Menopause) kann uns eine Rückbesinnung auf die alten Bräuche oder Neuerfindung unserer eigenen Rituale beim Übergang unterstützen.
Neben den drei Lebensabschnitten gingen die alten Chinesen davon aus, dass es im Frauenleben einen Zyklus von sieben Jahren gibt. Die Frau, die mehr Yin ist, hat demnach einen Yang-Zyklus, da eine ungerade Zahl Yang entspricht.
Yin und Yang
Yin und Yang stehen in der chinesischen Philosophie für gegensätzliche, aufeinander bezogene Kräfte, die nie ohne ihren Gegenpart bestehen können. Beispiele sind heiß, hart, Bewegung, männlich für Yang und kalt, weich, Ruhe, weiblich für Yin. Dies bedeutet natürlich nicht, dass alle Männer hart und ständig in Bewegung sind, während sich die weichen, kalten Frauen nur ausruhen. Yin und Yang sind nie absolut, sondern immer nur Tendenzen, die in Relation zueinander gesehen werden müssen.
Die einzelnen Sieben-Jahres-Abschnitte sind die folgenden:[3]
7 Jahre: Die Lebensessenz (Jing bzw. Nierenenergie) wird kraftvoll, die Haare wachsen stärker, und die bleibenden Zähne kommen heraus.14 Jahre: Die Fruchtbarkeitsessenz reift heran, es kommt zur ersten Monatsblutung. Mit dem Beginn der Fortpflanzungsfähigkeit wird das Mädchen zur Frau.Bis 14 Jahre wird laut Traditioneller Chinesischer Medizin ein Teil der Essenz für das Wachstum verwendet, ab 14 wird es für das Einsetzen der Menstruation benötigt. Hat ein junges Mädchen nun nicht genügend Jing zur Verfügung (zum Beispiel durch angeborene Schwäche, Magersucht oder Leistungssport), tritt die Menarche verspätet oder gar nicht ein.
21 Jahre: Das Wachstum ist abgeschlossen, frau ist nun erwachsen, die Weisheitszähne kommen heraus, Haut und Haare sind besonders schön. Die Essenz hat sich im Normalfall über die letzten sieben Jahre gefestigt und der Menstruationszyklus auf seinen natürlichen Rhythmus eingependelt. Durch Hormongaben wie der Pille oder bei zu frühzeitigen Sexualkontakten kann es bereits zu einer Schwächung der Essenz gekommen sein.28 Jahre: Der Gipfel von Qi und Blut ist erreicht, das heißt, frau steht in ihrer vollen Kraft, auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Körper und Jing sind am stärksten ausgeprägt, Knochen, Sehnen sowie die sekundären Geschlechtsmerkmale sind gut entwickelt. Die Traditionelle Chinesische Medizin sagt, eine Frau wird nie längere Haare haben als mit 28, da die Kopfhaare die Qualität des Jing widerspiegeln. Nach diesem Höhepunkt nimmt die Essenz bereits allmählich ab.35 Jahre: Frau ist durch und durch Frau, jedoch zeigen sich die ersten Falten, die ersten Haare fallen aus, und die Muskeln nehmen an Kraft ab.42 Jahre: Frau beginnt zu ergrauen, die Falten werden deutlicher.49 Jahre: Die Regelblutung versiegt. Mit dem Ende des Jing-Zyklus setzen die Wechseljahre der Frau ein. Die weitere Bereitstellung von Lebensessenz für die Fortpflanzung über die Wechseljahre hinaus würde frau wortwörtlich an die Nieren gehen, also zu viel wertvolle Nierenenergie kosten, die sie nun stattdessen ganz für sich selbst nutzen kann.Auch das Männerleben wird von einem Zyklus bestimmt, welcher nach der Traditionellen Chinesischen Medizin jedoch im Acht-Jahres-Rhythmus verläuft.
Bei Männern endet der Jing-Zyklus übrigens im Wechsel des Yang mit acht mal acht, also 64 Jahren. Dies bedeutet natürlich nicht, dass das Leben mit 49 (bzw. 64) Jahren aufhört, ganz im Gegenteil. Was zu einem Ende kommt, ist lediglich die körperliche Fruchtbarkeit, der »irdische Zyklus«. Was nun beginnt, ist der »himmlische Zyklus«, in dem geistige und spirituelle Aspekte im Vordergrund stehen.
Schwenkt man den Blick nun von der Traditionellen Chinesischen Medizin zur europäischen Volksheilkunde, findet sich eine spannende Parallele: Auch der Westen kennt Sieben-Jahres-Zyklen. Im Gegensatz zum chinesischen Modell ist das westliche aber für Frauen und Männer gleichermaßen zutreffend und wird von den Planetenkräften bestimmt.
Neben der Drei war die Sieben schon immer eine magische Zahl, und man findet sie in vielen Mysterienschulen. Immerhin wurde laut Bibel die Welt in sieben Tagen erschaffen, das Judentum kennt sieben Lebenselemente und drei Existenzbereiche mit je sieben Untergliederungen, und die Woche hat bis heute sieben Tage und nicht fünf oder zehn. Wahrscheinlich ist die Bedeutung der Zahl Sieben auf Naturbeobachtungen der Mondphasen zurückzuführen (zweimal sieben Tage zunehmender und abnehmender Mond), wodurch wir bei ihrer Bedeutung für den weiblichen Zyklus angelangt wären.
Frau im Mond
Der Mond galt seit Anbeginn der Zeiten als archetypisches Symbol der Frau beziehungsweise für alles Weibliche schlechthin. Das lateinische Wort mensis (Monat) wird bis heute fach- sowie umgangssprachlich als Synonym für die Regelblutung verwendet und ist vom Wortursprung mit »Maß« und »messen« verwandt. Der medizinische Begriff »Menorrhö«, der vor allem bei Disharmonien wie »Amenorrhö« oder »Hypermenorrhö« vorkommt, setzt sich wiederum aus den altgriechischen Wörtern mēn (Monat) und rhéō (strömen, fließen) zusammen und bedeutet Monatsfluss.
Wie kommt nun der Mond ins Spiel? Der ursprüngliche Monat war, wie die Menstruation, am Mondrhythmus ausgerichtet. Es gibt etliche Hinweise darauf, dass der Mond(wechsel) sowie die weibliche Monatsblutung als erstes Maß der Zeiteinteilung und -berechung verwendet wurden[4], so untermauert das auch der älteste Fund eines potenziellen Mondkalenders, der »Adorant vom Geißenklösterle« aus dem Achtal in Deutschland. Er wird auf 35 000 bis 40 000 Jahre geschätzt und ist eine Elfenbeinfigur mit mondsichelförmig erhobenen Armen. Die Form der Arme ist der erste Hinweis auf den Mond. Spannend wird es, wenn man die Figur von hinten betrachtet, denn auf der Rückseite finden sich mehrere Reihen von je dreizehn Einkerbungen, die ebenfalls vermutlich auf den Mond hindeuten, also auf das Mondjahr mit 13 Mondmonaten.
Andere Figurinen weisen zwei bis drei Reihen zu jeweils 29 oder 30 Löchern auf, was einem synodischen Monat entspricht, also der Zeit von Neumond zu Neumond. Bis ins Mittelalter verwendete Menstruationssteckkalender sind diesem System so ähnlich, dass es naheliegend ist, dass die alten Figurinen bereits zur Berechnung und Aufzeichnung der Menstruation verwendet wurden. Dass alle Mondkulte eigentlich Menstruationskulte sind, zeigte auch schon 1927 Robert Briffault in seinem Grundlagenwerk »The Mothers«.
Kein Wunder also, dass der Mond in fast allen Sprachen weiblich ist und die Mondin lange vor der Erfindung vom Mann im Mond als Göttin verehrt wurde. So sehen viele Kulturen die drei Lebensabschnitte der Frau in den Wandlungsphasen des Mondes (voll, zu- und abnehmend) repräsentiert, und manche Naturvölker nennen menstruierende Frauen sogar Mondfrauen.
Mondphasen©Sundora14/Shutterstock
Eine Schwangerschaft dauert ziemlich genau zehn Mondmonate, und auch Empfängnis und Geburt kamen zumindest früher, als die Menschen noch im Einklang mit der Natur lebten, überdurchschnittlich oft zu Voll- oder Neumond vor. In diesem Sinne bezeichnet Henry Tietze die Mondgöttin als große Hebamme.
Wirkt etwa der Mond mit einer unsichtbaren Fruchtbarkeitskraft auf uns? So sahen es auf jeden Fall viele Völker. Beispielsweise war der Mond für das Volk der Khasi im Himalaja ein männlicher Gott, der Frauen, die im Mondlicht schlafen, schwängert. Die Maori in Neuseeland bezeichneten den Mond als lebenslangen, wahren »Ehemann aller Frauen, denn sie menstruieren, wenn der Mond erscheint«.[5] Der männliche Mond der germanischen Sprachen ergibt dadurch (im Gegensatz zur sonst üblichen Mondin) durchaus Sinn.
Selbst der Katholizismus konnte den Einfluss des Mondes auf unsere Kultur nicht schmälern. So wurde er schnurstracks integriert, und Maria bekam den Namen »Mond der katholischen Kirche«. Aus dem alten Mondfest im August wurde Mariä Himmelfahrt am 15. August, und traditionelle Darstellungen von Maria zeigen sie oft gemeinsam mit einer Mondsichel. Da Maria aber eine (auch vom Menstruationsblut) unbefleckte Jungfrau war, schwand die Verbindung zwischen Mond und Menstruation mit dem Bildnis der Jungfrau als Mond der Christenheit. Spätestens jetzt waren Reinheit und Menstruation unvereinbare Gegensätze und die ursprüngliche Bedeutung von Jungfrau verloren, nämlich unverheiratete, jedoch nicht keusche Frau.
Trotzdem erkannten auch nüchterne Wissenschaftler wie Darwin die Parallele von Mond- und Menstruationszyklus. Seiner Theorie zufolge geht die Wirkung des Mondes in Bezug auf das Frauenblut auf die Zeit zurück, als jegliches Leben noch im Wasser weilte und dem Mondeinfluss auf die Gezeiten direkt ausgesetzt war. Wie Ebbe und Flut, so soll demnach der Mond auch die inneren Flüssigkeiten lenken. Dies passiere deshalb verstärkt bei der Frau, so Darwin, weil sie entwicklungsgeschichtlich vor dem Mann da gewesen ist.
Die Vorstellung, dass der Neumond der Auslöser der Menstruation sei, findet sich zu allen Zeiten überall auf der Welt. So herrschte der frühzeitliche Glaube, die Mondin würde sich für ihre Menstruation zurückziehen, wenn sie für die drei Tage des Neumonds nicht zu sehen war. Auch im Mittelalter war es selbstverständlich, dass Frauen zu Neumond menstruierten. Dies wusste auch die mittelalterliche Universalgelehrte Hildegard von Bingen, und schon für Aristoteles war es in der Antike die »Norm«. Hildegard ergänzt noch, dass die Zeugung bei zunehmendem Mond am besten sei, da seien Samen und Blut stark. Luisa Francia erzählt im Buch »Drachenblut«, dass es für die Tuareg-Frauen in Afrika Ende des 20. Jahrhunderts immer noch normal war, ihren Eisprung zu Vollmond, also im Einklang mit dem Mondzyklus, zu haben. Gibt es in der Nacht keine andere Lichtquelle als den Mond, löst der Vollmond tatsächlich den Eisprung aus.[6] Es scheint also durchaus plausibel, dass es früher selbstverständlich war, dass alle Frauen zur selben Zeit im Rhythmus des Mondlichtes menstruierten und ovulierten. Welch Zusammenhalt im Bewusstsein der Frauen es da wohl gegeben haben mag!
Aber es gab auch die gegenteilige Auffassung, nämlich dass die Menstruation mit dem Vollmond zusammenfalle. Lange vor dem heutigen jüdischen Sabbat entsprach demnach der Vollmond in Babylon dem »Sabbatu« der Mondgöttin, was bedeutete, dass sie menstruierte. An diesem Tag des Monats wurde geruht.
Aber wann menstruieren Frauen denn nun, bei Voll- oder Neumond? 1586 ist sich der Experte Paré sicher: »Luna vetus vetulas, nova luna juvenes repurgat«[7], was soviel bedeutet wie: Bei Vollmond menstruieren die Alten, bei Neumond die Jungen. Die Begründung dafür liefert 1615 der Arzt Varandé: »Die blut- und saftreichen jungen Mädchen werden bereits unter dem Einfluss des neuen Mondes menstruiert, während es bei den Älteren der ganzen Kraft einer Mondperiode bedarf, um ihre Gefäße zur Öffnung zu bringen.«[8]
Auch mehrere zeitgenössische Autorinnen haben Erklärungen parat. Für Elena Priarollo hat frau den »weißen Mond«, wenn sie brav zu Vollmond ovuliert, denn Vollmond und weibliche Fruchtbarkeit sind verbunden. Glaubt man an den Einfluss des Mondes, ist diese Ansicht nicht unlogisch, denn der Vollmond bringt die Säfte zum Fließen, und bei abnehmendem Mond und Neumond lässt es sich leichter Dinge – wie auch Blut – loswerden. Auch Miranda Gray kennt den weißen und roten Mondzyklus, welche jeweils für die »gute Mutter« beziehungsweise das »böse Weib« stehen. Das Wort Weib geht übrigens nach Vermutung der sprachwissenschaftlichen Forschung auf das germanische wiba (Schleier) oder altnordisch vifadr (verhüllt) zurück, und Weibsbild bezeichnete noch bis ins 17. Jahrhundert eine edle Frau.
Eine alte chinesische Akupunkturregel besagt, dass jene Frauen, die bei Neumond menstruieren, Yin sind, also im richtigen Gleichgewicht. Diejenigen, die bei Vollmond bluten, seien hingegen Yang, und Frauen dazwischen befänden sich im Übergang.
Diese Einteilungen können zwar ganz interessant sein, sie verstärken aber die typische Aufspaltung der Frau in Weiß und Schwarz: die Gute, gesellschaftlich Akzeptierte und die Böse, nicht Geduldete. Und was sagen diese Kategorien konkret für eine Frau aus, die zu Neumond ovuliert, aber gerade einen Kinderwunsch hat? Soll das nun bedeuten, dass sie keine gute Mutter sein oder gar nicht erst empfangen kann? Natürlich nicht! Genauso wenig ist es ausgeschlossen, dass frau während der »braven« Menstruation zu Neumond tiefe spirituelle Erfahrungen macht. Denn Spiritualität funktioniert eben auch ganz ohne Vollmond oder Hexenzirkel am Blocksberg.
»Weder mein Eisprung noch meine Tage passieren zu Vollmond«, denkt sich die eine oder andere Frau jetzt vielleicht, und auch das ist völlig in Ordnung. Trotzdem hängen Mond und Menstruation nicht nur vom Namen her miteinander zusammen. Ist der Zyklus nun nicht beschwerdefrei oder bleiben Eisprung und Blutung ganz aus, steht frau ein riesiges Heilungspotenzial zur Verfügung, das sie unter anderem aus der Mondin ziehen kann. Mehr dazu im Kapitel »Licht und Mond«.
Synodischer Monat – Ein kleiner Nachtrag zum Mondumlauf
Allen, die schon einmal die Tage zwischen zwei Vollmonden gezählt haben, ist sicher aufgefallen, dass es sich nicht immer um die 28 Tage handelt, die wir normalerweise als Mondmonat bezeichnen. Für das Umkreisen der Erde benötigt der Mond 27,33 Tage, den sogenannten »siderischen Monat«, von dem auch die bekannten 28 Tage stammen. Da gleichzeitig aber auch die Erde die Sonne umkreist, benötigt der Mond rund zwei weitere Tage, bis er wieder die gleiche Position zur Erde und Sonne einnimmt. Dies entspricht dann dem sogenannten »synodischen Monat«, der 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten oder 29,53 Tage umfasst, und ist eben genau die Zeit von einem Vollmond zum nächsten oder von Neumond zu Neumond. Betrachtet wird der synodische Monat aber nur als Mittelwert, da die synodische Mondphase in manchen Monaten etwas länger dauert als in anderen.
Warum erwähne ich das eigentlich? Nicht, um einfach nur mit Zahlen zu jonglieren, sondern um aufzuzeigen, wie sehr dies den Normwert von 28 Tagen für den perfekten Menstruationszyklus relativiert. Wenn eine Frau wirklich im Einklang mit den Mondphasen ovuliert und menstruiert, kann ihre Menstruation nämlich gar nicht punktgenau alle 28 Tage eintreten! Es war also zu früheren Zeiten wahrscheinlicher, dass die Frauen im Abstand des synodischen Monats rund alle 29,5 Tage bluteten. Dafür sprechen auch die Forschungsergebnisse von Winnifred B. Cutler: Die Auswertung von vielen Tausenden »Frauenmonaten« ergab, dass fruchtbare Zyklen im Schnitt 29,5 Tage dauern.[9]
Namen der Menstruation
Im Jahr 2015 befragten die Macher der Menstruations-App Clue 90 000 Menschen in 190 Ländern zu den Namen der Menstruation. Die Umfrage ergab um die 5000 verschiedene Ausdrücke, das sind rund 26 pro Land.[10] Namen für die Menstruation sind also so vielfältig wie die Menschen selbst.
Im deutschsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl gebräuchlicher Namen für die Monatsblutung, einige davon sind weitestgehend neutral ausgerichtet: »Regel«, »Tage«, »Sie«, »Tante Emma«, »die Zeit«, »Fluss«, »Roter Strom«, »Roter Teppich«, »Rotbart«, »Barbarossa«, »Freund der Frau«, »sie hat Besuch«, »Erdbeerwoche« etc. Dass die Menstruation eine spezielle Zeit darstellt, die nur der Frau selbst gehört, lassen die Bezeichnungen meine Tage, meine Regel oder meine Zeit anklingen.
Der rote Teppich ist bis heute Symbol der Macht und wird nur für besonders wichtige Personen ausgebreitet. Der rote Strom erinnert an das Rote Meer, zu dem Lilith floh, um allein zu leben, nachdem sie Adam verlassen hatte. Friedrich Barbarossa (Rotbart) gilt als der Friedens-Kaiser des Mittelalters. Im Jiddischen wird die Menstruation noch heute nach ihm benannt.
Positiv, ja sogar poetisch klingen einige wenige Bezeichnungen: »Wohltat der Frau«, »die Rote«, »Rote Blume«, »Rosenblüte«. In Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts finden sich auch Namen wie »Bluom« oder »Monatsblum«.
Noch vor hundert Jahren hatten Frauen nicht ihre Tage oder Regel, sondern »bekamen ihr Unwohlsein«. Wenn frau bedenkt, wie viel Macht Worte haben, dann kann sie bei diesem Ausdruck ja gar nicht anders, als sich sofort unwohl zu fühlen!
Vor Jahrzehnten wurde der Begriff der »kritischen Tage« geprägt. Aus unerfindlichen Gründen findet sich dieser alles andere als positive Ausdruck immer noch in Frauengesundheitsbüchern des 21. Jahrhunderts.[11]
Im Englischen erschrickt man beinahe über die Wuchtigkeit des Ausdrucks »the curse« (der Fluch), welcher sich im 20. Jahrhundert hartnäckig verbreitete. Dieser Begriff bedeutet nun aber nicht unbedingt, dass alle englischsprachigen Frauen (durch Eva?) verflucht sind, sondern könnte sich eher von »the course« (Kursus, Ordnung) abgewandelt haben. Trotzdem erschütternd, wie aus Ordnung Unordnung beziehungsweise gar Fluch wurde.
Zeitgenössischer sind im Englischen Ausdrücke wie »aunt flow« (Fluss der Tante), »shark week« (Haiwoche) und »blowjob week« (benötigt wohl keine Übersetzung). International verständigen kann man sich mit »Bloody Mary«.
Auf der anderen Seite gibt es auch die Bezeichnung »blood flower«, also Blut-Blume. Sieht man sich das Wort »flower« genauer an, merkt man recht schnell, dass es mit »flow« (fließen) verwandt ist. »Flower« kann somit ebenfalls mit »das Fließende« übersetzt werden und »blood flower« mit »fließendes Blut«. Auch das englische »blessing« stammt vom altenglischen bloedsen, was bluten bedeutet.
Blumiger war die Sprache im alten China. Hier finden sich Begriffe wie »Mondfluss«, »Himmlisches Wasser«, »Roter Saft der Mutter Erde«, »Roter Drachen« und »Elixier der Unsterblichkeit« für das Menstrualblut.
Auch Schwangerschaft, die Zeit nach der Geburt sowie die Menopause werden liebevoll poetisch beschrieben als »die Frucht reifen lassen«, »goldener Monat« und »zweiter Frühling«. Die Tradition des goldenen Monats besteht übrigens bis heute in China. In den ersten 40 Tagen nach der Geburt wird die neue Mutter von weiblichen Familienangehörigen (meist die eigene Mutter und die Schwiegermutter) umsorgt. Sie muss weder kochen, waschen noch sonstige Arbeiten erledigen und kann sich ganz dem Kennenlernen ihres Neugeborenen sowie der eigenen Kräftesammlung widmen, um ihre Arbeiten danach wieder gestärkt und ausgeruht aufzunehmen.[12]
Die Taoisten glauben, dass ein Mensch unsterblich werden könne, wenn er »… den Roten Yin-Saft aus dem geheimnisvollen Torweg einer Frau zu sich nahm; dieser ›Torweg‹ hieß auch die Grotte des Weißen Tigers«.[13] Es ist wohl nicht schwer zu erraten, wo genau diese Grotte zu finden ist. Der »Gelbe Kaiser« soll zu einem Gott geworden sein, indem er den Roten Saft von 1200 Frauen zu sich nahm. Das moderne China hingegen hat sich anscheinend auch bezüglich der Einstellung zur Menstruation an den Westen angenähert. So herrschen laut Clue-Umfrage heute Ausdrücke wie »Unglück« vor.
Weitere poetisch anmutende Bezeichnungen rund um die Menstruation und den weiblichen Unterleib findet man in vielen anderen Sprachen und Kulturen: Wenn ein Mädchen in Indien seine erste Monatsblutung bekommt, sagt man, es habe »die Blüte hervorgebracht«, bei jeder weiteren Regelblutung, »es blüht«.
Bei den Maya wird die Monatsblutung »Blume des Mutterleibs« genannt. Sowohl bei deutschen Bauern, den Mandingo, den Susu sowie verschiedenen Kongo-Stämmen fanden sich ebenfalls die Ausdrücke »Blume« und »Mond« für die Regelblutung sowie die Verbindung der beiden: »Mondblume«. Selbst in der Bibel wird die Menstruation als Blume umschrieben.
Es zeichnet sich hier offensichtlich eine alte, kulturübergreifende Verbindung des weiblichen Zyklus nicht nur zum Mond, sondern auch zu Blume und Blüte ab. Kein Wunder, denn Blut ist etymologisch mit blühen verwandt und die Blüte ein Ursprungssymbol für Fruchtbarkeit und Neuanfang. Wie die Blüten Früchte hervorbringen, so enthält auch das Menstruationsblut die Essenz für die nächste Generation. Die machtvolle, mystische und heilige Komponente des weiblichen Monatsblutes wird anhand ihrer vielen ausdrucksstarken Namen deutlich.
Nach diesem Ausflug durch Zeit und Raum zu den Namen der Menstruation stellt sich eigentlich nur noch die Frage: Warum müssen wir unsere Menstruation überhaupt mit alternativen Ausdrücken umschreiben, auch wenn sie noch so schön klingen? Warum wird das Frauenblut selbst in unserer Sprache tabuisiert? Wieso bringen wir es nicht über die Lippen, einfach zu sagen: »Ich blute gerade«? Und falls wir zu den Mutigen gehören, die es doch schaffen, wieso wird dies dann sofort von den anderen übersetzt mit »Ach so, du hast deine Tage!« oder mit einem abschätzigen »Zu viel Information!« abgewürgt? Was ist denn eigentlich so schlimm daran, wenn jemand erfährt, dass wir Frauen bluten?
Das größte Tabu aller Zeiten
Warum ist die Menstruation nach wie vor ein so großes Tabu? Bevor wir dieser Frage nachgehen, lohnt es sich, das Wort »Tabu« genauer zu untersuchen. Im heutigen Sprachgebrauch wird es normalerweise gleichbedeutend mit verboten verwendet, jedoch nie ohne einen Hauch von Anrüchigkeit.
Ursprünglich kommt Tabu aber vom polynesischen tapu (unberührbar, nicht erlaubt, heilig, durch Sitte und Gesetz geschützt) und wurde erst im 19. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Es bezeichnete gottgeweihte Dinge, die so mächtig und dadurch gefährlich waren, dass es verboten war, sie zu berühren oder über sie zu sprechen. Und was könnte in früheren Gesellschaften als magischer gegolten haben als das Menstruationsblut? Es ist (neben dem Geburtsblut) das einzige Blut, das ohne Verletzung fließt, und stellt, wie früher geglaubt wurde, gemeinsam mit dem Samen des Mannes die Grundsubstanz für die Entstehung neuen Lebens dar. Wie wir heute wissen, ist das nicht ganz unrichtig, denn Menstruationsblut enthält die nährstoffreiche Gebärmutterschleimhaut, die als fruchtbarer Nährboden für den Embryo dient.
Frauenblut war somit heilig und – für Männer – unberührbar. Für die Frauen war es aber alles andere als unberührbar, es war monatliche Realität: die natürlichste weibliche Urerfahrung schlechthin. Aufgrund des überwältigenden Machtpotenzials, das die Menstruation in sich birgt, musste sie durch Tabugesetze geschützt werden. Diese bezogen sich aber immer auf den magischen, manahaltigen Aspekt des Blutes und hatten nie etwas mit Unreinheit oder Sündhaftigkeit zu tun. Per se war tabu weder gut noch böse.
Wenn wir also die Menstruation schon als Tabu sehen, dann sollte dies im ursprünglichen Wortgebrauch als heilig und deshalb durch Tabugesetze geschützt gesehen werden.
Früher war es Frauen untersagt, während der Menstruation am Gottesdienst teilzunehmen. Dies ist in manchen Religionen immer noch so. Auch dieses Tabu entstand ursprünglich nicht aufgrund der Unreinheit der menstruierenden Frau, sondern wegen ihrer besonderen spirituellen Macht während dieser Zeit, die nicht selten gefürchtet wurde. Sie war aber nicht schmutzig, sondern stand während ihrer Blutung außerhalb der Religion. Die Menstruation ermöglichte ihr sozusagen Zugang zu ihrer ureigenen Spiritualität.
Ähnlich doppeldeutig wie Tabu ist sacer, denn es bedeutet neben heilig und geweiht auch verflucht, weil »einer unterirdischen Gottheit zur Vernichtung geweiht«.[14] In manchen Gegenden wird heute noch mit dem Ausdruck »sacra« geflucht. Hier werden wir ganz schnell wieder an die Menstruation als etwas Heiliges und Gefürchtetes erinnert. Manche munkeln sogar, dass sich das Wort »Sakrament« von sacer und mensis ableitet, also von der heiligen Menstruation.[15] Die Menstruation, das erste Sakrament? So oder so, Frauenblut steht für das Prinzip der Unsterblichkeit. Es ist das Blut des Lebens, das ohne Verletzung vergossen wird.
Heiliges weibliches Blut
Blut heißt auf Hebräisch dam, und die Silben da und dam wurden für die leibliche Bluterfahrung der menstruierenden Frau verwendet. Daraus entstanden mit der Zeit die Göttinnen Danae, Daphne, Danu, Diana und viele andere. Auch die Donau geht ursprünglich auf Danu zurück, wurde aber später vermännlicht, also zur Au des »Don«. Da und dam wurden in weiterer Folge in den indogermanischen Sprachen zur Mutter und Frau allgemein. Heute sieht man den Wortstamm noch in »Dame«, im englischen »damsel« oder »Madam« sowie in Flüchen wie »verdammt« und »damned«. Ich komme fast nicht umhin, ein bisschen verschmitzt zu grinsen, wenn ich an den englischen Ausdruck »bloody hell« (blutige Hölle) denke. Denn die Hölle leitet sich von »Hel« beziehungsweise der Frau Holle, der Urgöttin unserer Breitengrade, ab. Somit wird aus der Verfluchung »verdammte Hölle« auf einmal ein mächtiger Zauberspruch, der uns zurück zum Schöpfungsmysterium der Weisen Alten bringt.
Als Lebenssaft ist Menstrualblut das nährstoffreichste Blut des weiblichen Körpers: reich an Vitaminen, Eiweißstoffen, Kupfer und Eisen. Denn es ist eigentlich nicht reines Blut, sondern besteht aus Gebärmutterschleimhaut, Zervixschleim, Vaginalsekret und Blut. Da es die lebensspendende Nährschicht der Gebärmutter enthält, birgt es reinstes Schöpfungspotenzial in sich, aus ihm kann Leben entstehen. Früher glaubte man tatsächlich, dass die Kinder aus dem Menstruationsblut erschaffen werden, da der Eisprung noch nicht bekannt war und nur die Blutung als offensichtliches Ereignis beobachtet werden konnte. Blieb sie aus, so der Glaube, wurde aus ihr das Baby im Mutterleib geformt.
Frauenblut ist nichts, vor dem uns ekeln müsste oder das uns beschmutzt, im Gegenteil, es ist Ausdruck gesunder weiblicher Lebenskraft, Träger der Seele und Inbegriff des Lebens. Im Unterschied zu »normalem« Blut gerinnt es nicht, da in der Gebärmutter Stoffe produziert werden, die eine Gerinnung verhindern. Immerhin soll es bei einer Befruchtung als Niststätte für den Embryo dienen. Magisch ist es obendrein und ein gewaltiges Machtsymbol, denn wo sonst im Körper kommt es vor, dass Blut ohne Verletzung oder Krankheit fließt?
In der Traditionellen Chinesischen Medizin gilt Blut als Lebenssaft und wichtiger Energieträger, denn das Menstruationsblut ist nicht wie herkömmliches Blut. Für die alten Chinesen war es wie für die Alten unserer Kultur fruchtbare Essenz und Lebenselixier.
Von der Heiligkeit zum Heilmittel
Dass Heiliges die Macht zu heilen hat, ist naheliegend. Immerhin geht der Wortursprung von »heilig« auf »heil« (ganz) zurück. Heilen bedeutet wünschen, verbinden, erlösen. Heilig heißt auch unantastbar, geweiht und Heil bringend. Der Zusammenhang zwischen heilen und heilig ist mittlerweile sogar ausführlich wissenschaftlich untersucht. Ein Beispiel ist der immer wieder bestätigte positive Einfluss des Gebets auf die schnellere Genesung.
Blut, Milch und Honig galten als die drei heiligen Substanzen in matriarchalen Gesellschaften, wobei die beiden Letzteren noch bis heute als Heilmittel eingesetzt werden. Früher wurde auch das Menstruationsblut in vielen Teilen der Welt als Heilmittel verwendet. So galt es in Europa als wirksam bei Gicht, Kropf, Wurmbefall und – nach dem homöopathischen Grundsatz, Gleiches mit Gleichem zu heilen – auch bei Menstruationsbeschwerden. Im Mittelalter sahen Bauern das Menstrualblut als etwas Fruchtbares und Nährendes und verwendeten das Menstruationshemd einer Jungfrau zum Heilen von Pest, Epilepsie und Gicht. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurden diese Hemden Fiebernden zur Heilung angezogen.
Auch Hildegard von Bingen zierte sich nicht, Rezepte mit Menstruationsblut zu verschriften. »Wenn ein Mensch durch Begierde und Maßlosigkeit aussätzig wird, soll er Odermennig nehmen, den dritten Teil davon Ysop und zweimal so viel Gundermann, wie diese beiden ausmachen. Er soll diese Kräuter in einer Badstube kochen und so ein Bad aus diesen bereiten und Menstruationsblut, so viel er bekommen kann, beimischen und sich so ins Bad setzen.«[16]
Als Blutzauber hielt Frauenblut am Türpfosten Dämonen und Hexen fern. Unter der Türschwelle vergraben, schützte es das Haus für immer vor Feuer. Insgesamt galt es als Gegengift gegen jegliches Unheil, und der Besitz von Menstruationsblut bedeutete einen Machtgewinn im Mittelalter.
Nicht nur symbolisch galt Frauenblut als Saft der Unsterblichkeit, denn sogar als Mittel gegen den Tod soll es eingesetzt worden sein. Wie viel Wahrheit doch auch in diesem Aberglauben enthalten ist, denn die Menstruation ist maßgeblich an der Fortpflanzung beteiligt, in unseren Nachkommen leben wir fort und werden somit unsterblich.
Schließlich wurde und wird Menstruationsblut gerne für Liebeszauber verwendet, denn es ist ein machtvolles Aphrodisiakum. So waren viele alte Völker überzeugt, dass eine Frau mit einem Elixier aus ihrem Mensisblut die Liebe eines jeden Mannes gewinnen könne. Noch 1891 soll ein deutsches Mädchen ihr Menstrualblut in den Kaffee eines jungen Mannes gemischt haben, um seine Liebe für sie zu erwecken.[17] Im neuen Millennium erlebt der Menstrualzauber nun seine Renaissance in Büchern moderner Kräuterhexen.[18]
Von Hexen und Huren
Mit der Zeit verblasste der heilige Aspekt des Tabus Menstruation, und was übrig blieb, war die Unantastbarkeit. Es ging so weit, dass Frauenblut als lebensbedrohliche Gefährdung für die Männer angesehen wurde.
Kaum ein Wesen war so gefürchtet wie die menstruierende Frau. So machtvoll sei das Blut aus dem Schoß der Frau, dass ein Tropfen davon auf dem Boden reichen würde, um ganze Viehherden zu töten, die darüber gehen. Laut den Arunta in Zentralaustralien tötet ein Schluck Menstrualblut den stärksten Mann. James Frazer berichtet von einem Aborigine, der seine Frau tötete, als er entdeckte, dass sie während ihrer Menstruation auf seiner Decke gelegen hatte. Vor lauter Angst starb er selbst innerhalb von 14 Tagen.
Sogar aktuelle Schlagzeilen warnen reißerisch: »Achtung! Frauenblut kann Männer töten.«[19] Gemeint ist hier aber nicht das verrufene Menstruationsblut, sondern venöses Blut aus Blutkonserven von Frauen. So wurde gezeigt, dass Männer, die Spenderblut erhielten, eher an einer Immunreaktion verstarben, wenn das Blut von einer Frau stammte, die bereits ein Kind geboren hatte.
In vielen Naturvölkern mussten sich menstruierende Frauen vor Jägern fernhalten, da sie deren Jagdglück zerstören könnten. Es ging so weit, dass es ihnen nicht einmal gestattet war, eine Waffe anzusehen. Beim Essen sollten die Männer ebenfalls Vorsicht walten lassen. So bestand die allgemeine Meinung, dass man durch Speisen die Eigenschaften der Köchin aufnimmt. Die weibliche Energie der Menstruation würde somit ebenfalls auf die armen Männer übertragen.
Esther Harding ging dem alten Aberglauben nach, dass man nicht unter einer Leiter durchgehen soll. In England wurde ihr mehrfach erklärt, ein Tropfen roter Farbe könne herunterfallen. Aber warum denn bitte gerade rote Farbe? Hat Robert Briffault also doch recht, wenn er meint, dieser Aberglaube gehe auf die Furcht zurück, Menstruationsblut könne auf einen tropfen? Ein rotes Kreuz bedeutet bis heute auf der ganzen Welt Ausgrenzung, Tabu. Haben wir es etwa auch hier mit dem Tabu schlechthin zu tun?
Vieles spricht dafür, dass einige der sogenannten Hexenproben im Mittelalter aus der Tabuisierung der Menstruation entstanden sind. Eine dieser Proben war zum Beispiel, dass sich eine Frau vor eine Kanne mit frischer Milch stellen musste. Wurde die Milch sauer, war bewiesen, dass sie eine Hexe sein musste. Dies erinnert stark an die lange bestehende Behauptung, menstruierende Frauen machten die Milch sauer. Aber nicht nur das, da man glaubte, dass die Milch noch irgendwie mit der Kuh verbunden war, durfte die menstruierende Frau selbst auch keine trinken, denn das könnte der armen Kuh Schaden zufügen.
Außerdem hieß es zur Zeit des Hexenhammers trotz schlimmster Folter und Ermordungen ausdrücklich: »Du sollst nicht das Blut einer Hexe vergießen!«[20], da man überzeugt war, im Blut der Frau beziehungsweise der Hexe liege ihre gesamte Macht. Angebliche Hexen fanden den Tod auf vielerlei grausame Arten, aber nie auf eine blutige. Die letzte überlieferte Hexenhinrichtung in Mitteleuropa fand übrigens erst im Jahr 1793 in Südpreußen statt.
Besonders spannend wird es ja immer dann, wenn Wissenschaft und Aberglaube aufeinandertreffen. So scheint es, dass sich die weiblichen Pheromone während der Lutealphase dahingehend verändern, dass sie die Libido beim Mann eher dämpfen als anregen.[21] Könnte dies die wissenschaftliche Basis für die Geschichten von (prä-menstruierenden) Hexen sein, die den Männern ihre Potenz stehlen?
Da lohnt es sich, den Wortursprung von Hexe genauer zu untersuchen. Hexe geht auf althochdeutsch hagazussa zurück, was so viel wie »Heckensitzerin« oder »-reiterin« bedeutet. Denn die lebenserfahrenen und weisen Großmütter der alten Gemeinschaften verbrachten viel Zeit im »Hag«, der Hecke, die nicht nur symbolisch die Innenwelt (das geschützte Dorfleben) von der gefährlichen Außen- oder Anderswelt (der Wildnis jenseits der Hecke) trennte. Sie waren die Vermittlerinnen zwischen den Welten und ihre Herrin Frau Holle. Im Englischen erinnert noch der – ebenfalls mittlerweile unglimpfliche – Ausdruck »old hag« (alte Hexe) an sie. Das englische Wort »witch« kann auf altenglisch wiccian (wahrsagen) sowie althochdeutsch wīh (heilig, geweiht) zurückgeführt werden und ist mit dem germanischen weis(s)a (weise) verwandt. So vieles Weibliche, das heilig war, wurde später verteufelt oder zumindest abgewertet.
Leider ist es in vielen Teilen der Welt immer noch so. In manchen Gebieten Indiens darf frau keine Hochzeit besuchen, während sie menstruiert, denn das würde einen Fluch über das Brautpaar bringen. Interviews der Autorin Anna Dahlqvist aus 2015 und 2016, die sich für die Auflösung des Menstruationstabus einsetzt, zeigen die Scham, Peinlichkeit und Verwirrung vor allem junger Mädchen in vielen Teilen Afrikas und Asiens auf. Sie schämen sich und haben große Angst, ihre Kleidung mit Blut zu beflecken. In etlichen lokalen Sprachen Südindiens ist »Ich bin nicht sauber/rein« ein Synonym für »Ich menstruiere«. In Nordindien sagen 98 Prozent, sie dürfen ihren Körper während der Menstruation nicht waschen. Kein Wunder, dass sie sich dann schmutzig fühlen! Die Menstruation muss ein Geheimnis bleiben, und vor allem Männer dürfen nichts davon mitbekommen. Würden in Uganda andere Personen die blutigen Menstruationsartikel sehen, würde die betreffende Frau unfruchtbar werden, so ein alter Mythos, der sich hartnäckig hält. Sogar Medizinstudenten in Uganda, also gebildete und aufgeschlossene junge Männer, sagen, die Menstruation sei schmutzig und man sollte deshalb erst gar nicht darüber sprechen!
Ähnlich strikt sind die häufigen Tabus rund um Geschlechtsverkehr während der Menstruation. Beischlaf während der Frauenblutung galt im frühen Christentum als sündhafte Form der Sexualität, da in dieser Zeit normalerweise keine Befruchtung stattfinden kann und damals Sex nur zur Reproduktion innerhalb einer Ehe geduldet war. Das mosaische Gesetz verbietet den geschlechtlichen Verkehr sogar eine ganze Woche nach der Blutung, da die Frau noch als unrein gilt. Eine Gesetzesverletzung wird mit der ultimativen Strafe geahndet: »Wenn ein Mann bei einer Frau schläft zur Zeit ihrer Tage und ihre Scham aufdeckt, hat er die Quelle ihres Blutes entblößt, und sie hat die Quelle ihres Blutes entblößt; sie sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.«[22] Orthodoxe Juden handhaben es noch strenger, sie verbieten Sex bis einschließlich 14 Tage nach der Menstruation. Da stellt sich nur die Frage, wie Frauen bei gewissenhafter Einhaltung dieser Regel überhaupt noch schwanger werden können …
Das erste Blutopfer
