Frédéric - eine außergewöhnliche Liebe - Dominique Faure - E-Book

Frédéric - eine außergewöhnliche Liebe E-Book

Dominique Faure

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Beschreibung

Ist es reiner Zufall, dass sich der Musiker Frédéric und der Autor François begegnen? Sie gehen nacheinander live im Radio auf Sendung, nicht ohne sich zuvor gewisse Ängste einzugestehen, was eine gegenseitige Empathie aufkommen lässt. Auf diese erste Annäherung folgt ein Tête-à-Tête im Restaurant. Frédéric strahlt einen Charme aus, der von Zurückhaltung und diskreter Weiblichkeit geprägt ist und François sofort in den Bann zieht.

Die starke Bindung, die sie Seite an Seite aufbauen, prägen überschwängliche Momente und Augenblicke der Zurückhaltung. Was ist der Grund dafür? Welches Trauma aus Frédérics Jugendzeit bringt ihn so schmerzhaft durcheinander? Was ist François in seiner frühen Kindheit passiert, an das er sich unterschwellig erinnert?

Hin- und hergerissen zwischen außergewöhnlichen Momenten mit Fréderic und solcher voll zerstörerischer Verzweiflung hält François in einem Notizbuch fest, was von nun an den roten Faden seiner Tage ausmacht.

Dieser Roman wurde 2022 mit dem Prix du Roman Gay (dem französischen Schwulenromanpreis) in der Kategorie Romance ausgezeichnet.




ABOUT THE AUTHORS

Dominique Faure trägt mit Freude einen Vornamen, der die beiden Geschlechter mischt. Ein Doktortitel in Literaturwissenschaft zeugt von einem Faible für das geschriebene Wort. Musik, Tierpastellmalerei und die Entwicklung von pädagogischer, außerschulischer Lernsoftware tragen dazu bei, Dominiques Leben zu verschönern. Dominique leitet die Hörbuchkollektion Collection Audiolivre des Verlags Ex Aequo und hat im selben Verlag drei weitere Romane auf Französisch veröffentlicht.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dominique Faure

Frédéric

Eine außergewöhnliche Liebe

Roman

Originaltitel: „Frédéric - Instants de grâce“

Aus dem Französischen übersetzt von

Dieter Moitzi

ISBN : 979-10-388-0818-8

Sammlung : Blanche

ISSN: 2416-4259

Legal Deposit : februar 2024

© Titelbild: Zeichnung Nano Art Qu’En Ciel für Ex Æquo.

© 2024 Alle Rechte für Vervielfältigung, Bearbeitung und Übersetzung sind vorbehalten.

Übersetzung, ganz oder teilweise, für alle Länder vorbehalten. Jegliche Änderung ist untersagt.

Éditions Ex Æquo

6 rue des Sybilles

Dies ist ein Roman. Namen, Personen, Unternehmen, Orte, Ereignisse und Erlebnisse entstammen entweder der Fantasie des Autors oder werden auf fiktive Weise verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen, die sich tatsächlich zugetragen haben, sind reiner Zufall.

Einleitende Worte des Übersetzers

Wenn man einen Roman übersetzt, hat man gleichzeitig eine ungeheure Verantwortung und ein großes Privileg: sich einem längeren Text nicht nur als Leserin oder Leser zu nähern, ihn quasi passiv aufzunehmen, sondern ihn aktiv zu bearbeiten, ihn Wort für Wort zu zerlegen, ganz sachte, um ihn dann wieder und ebenso sachte in einer anderen Sprache zusammenzubauen. Ja, eine verantwortungsvolle und heikle Mission, denn es gilt, dem Originaltext so gut wie möglich nicht nur treu zu bleiben, sondern ihm auch gerecht zu werden.

Wie erwähnt ist es in meinen Augen jedoch vor allem eine Gunst, die sonst nur Spezialisten der Textanalyse vorbehalten ist. Denn Hand aufs Herz – normalerweise genießen wir Romane als pure Konsumenten, lassen uns von der Prosa bezaubern und in andere Lebenswelten entführen, ohne an jedem Wort zu kratzen und zu feilen, ohne um jede Phrase zu feilschen, ohne uns zu fragen, was genau die Autorin oder der Autor mit jedem Satz sagen will. Diesen zurückgelehnten Genuss hat man beim Übersetzen nicht. Unserer wird jedoch ohne Zweifel genau durch dieses Kratzen, Feilschen, Befragen vervielfacht. Neben diversen Wörterbüchern (insbesondere entpuppt sich hier ein guter Thesaurus als bester Freund) verlangt eine gute Übersetzung Einfühlungsvermögen und Neugierde, ein gewisses Sprach- und Rhythmusgefühl sowie eine starke dichterische Ader. Anstelle des Zeitwortes „übersetzen“ bevorzuge ich im literarischen Bereich das Verb „übertragen“, ja sogar „nachdichten“ hat seine Berechtigung.

Hier also die Nachdichtung, falls ich diesen Ausdruck verwenden darf, des wunderschönen Romans „Frédéric“ von Dominique Faure. Zugleich eine dunkle und eine strahlend helle Geschichte, in fließend-gediegenem, wohl abgewogenem Französisch verfasst, dessen Übertragung ins Deutsche mir mehr als einmal die Schweißperlen ins Antlitz schießen ließ. Beifügungen, Halbsätze, Ellipsen zählen im Französischen zum Arsenal guten Schreibens, erweisen sich jedoch als äußerst resistent, will man sie in eine andere Sprache übersetzen. Versteckte Wörter müssen geduldig aus ihrem Versteck gelockt und in die neue Version eingefügt werden; Wortwiederholungen, die im Original Nachdruck verleihen, klingen plötzlich wie ein unentschuldbares Versehen und müssen durch Synonyme ersetzt werden; manche Satzkonstruktionen, die oft im Deutschen umgedreht werden müssen, um sich weniger holprig zu präsentieren, ziehen wiederum die Wiederholung eines Subjekts, eines Objekts nach sich, da ansonsten der Sinn verloren geht.

Ich hoffe, Dominique Faures Roman dennoch und allen Widrigkeiten zum Trotz angemessen und mit eben so viel Liebe und Sorgfalt ins Deutsche übersetzt zu haben, wie er im Original verfasst wurde.

„Frédéric“ beginnt mit einer zufälligen Begegnung, gefolgt von einer der schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. François, Mitte dreißig, allein und alleinstehend, Liebhaber schöner Musik, besucht ein Klavierkonzert und entdeckt dort den Pianisten Frédéric. Ihre Wege kreuzen sich zufällig während einer Radiosendung wieder, zu der beide als Gastsprecher geladen sind. François lädt Frédéric danach zum Essen ein. Eine erste Annäherung, ohne dass an mehr, an Verführung zu denken wäre. Frédéric ist zu ätherisch, zu diskret, zu schwer fassbar, als dass man sich mit ihm ein kurzes Einmalerlebnis vorstellen könnte. François definiert sich darüber hinaus nicht als schwul; er versteht gar nicht, warum er sich zu diesem Musiker so hingezogen fühlt, der nicht ganz Mann, nicht ganz Frau, gleichzeitig ein bisschen von beidem ist. Denn ja, das muss François sich eingestehen, Frédéric zieht ihn unbestreitbar an, und auch er scheint den Pianisten nicht gleichgültig zu lassen. Als Frédéric eine Einladung zu François nach Hause annimmt, kommt ebenso unwillkürlich wie ungeplant eine faszinierende Interaktion ins Rollen. Nach und nach geraten die beiden in den Bann des anderen, sowohl intellektuell als auch emotional. Aber sie tragen, jeder auf seine Weise, eine schwere Last, eine schmerzhafte Geschichte mit sich, und vor allem ist Frédéric sexuell gehemmt, aus schwerwiegenden Gründen, die er nach und nach freiwillig eingesteht. François braucht viel Liebe, viel Geduld, um mit diesem Mann, der ihn immer mehr verzaubert, am Ende eine solide und dauerhafte Beziehung aufzubauen…

Dominique Faure präsentiert diese außergewöhnliche Geschichte in Form einer Ich-Erzählung – François, so erfährt man, hält sie in Notizbüchern fest. Da er den Verlauf der Ereignisse sowie seine Gedanken, seine Wünsche, seine Ängste wie Einträge in ein Tagebuch kritzelt, spricht er manchmal von Frédéric in der dritten Person (er), und manchmal scheint er ihn direkt anzusprechen, zuerst per Sie, später mit dem vertraulichen Du. Diese Eigenheit ruft zu Beginn ein Gefühl der Fremdheit hervor, weicht jedoch rasch dem Eindruck totalen Eintauchens: François erzählt nicht, er lässt den Leser, die Leserin in seine Schuhe schlüpfen und schafft es, die Szenen lebendig zu machen und Emotionen direkt zu vermitteln, zumal man in der wundervollen Prosa Dominique Faures eigenen Atem hören, seine wohlwollende Persönlichkeit wahrnehmen kann, seinen Geschmack, seine eigenen Wunden, seine eigenen Stärken.

François und Frédéric lassen den Leser, die Leserin die Hölle durchleben, lassen sie vibrieren, hoffen, verzweifeln, erneut hoffen. Die Geschichte entfaltet sich jedoch ohne große Umkehrungen, ohne Elektroschocks, sie geht fließend voran, linear, wie vorgezeichnet, ohne gänzlich vorhersehbar zu sein. Mit unendlicher Sanftmut, unendlicher Zärtlichkeit, unendlicher Geduld lernen diese beiden Wesen langsam ihren Charakter kennen, ihre Körper, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihre Hürden. Sie verlieben sich und entdecken sich, wortwörtlich, das heißt, sie ent-decken sich für den anderen, entdecken einander, entdecken schließlich auch sich selbst. Sie erwecken einander, sie offenbaren sich; sie zähmen einander nach und nach, jeder lehrt den anderen, jeder „lernt den anderen“ auch, ein wenig wie man eine Fremdsprache lernt, Wort für Wort.

Auch wenn die Titelfigur Frédéric ist, liebenswert und verwundet, ist es vor allem François, der versteckt hinter der Fassade des Erzählers eine besonders wichtige Rolle spielt. Welche Freundlichkeit, welche Beständigkeit, welche Ausdauer! Welche Gefühlsstärke und Überzeugung, welcher Mut! Ein Mann mit einem Überfluss an Liebe, die nur auf die richtige Person wartete, um herauszuströmen, nicht wie ein Sturzbach, sondern wie ein rettender, reinigender, sogar heilender Fluss.

Das ganze Buch vibriert und knistert übrigens vor Erotik – eines der Hauptthemen ist schließlich, wie man seinen Körper lieben lernt und wie man jemanden dazu bringt, den eigenen Körper zu lieben. Die Szenen des Lernens, der Zähmung sind jedoch meilenweit von jeder vulgären und plakativen Pornografie entfernt, werden mit Diskretion, Subtilität, sogar Sublimierung erzählt. Denn Dominique Faures Stil entpuppt sich als Widerspiegelung der beiden Personen dieses Romans: zart und zärtlich, zurückhaltend, einfühlsam, liebevoll. Das macht diesen Roman zu einem von denen, die man nicht so schnell vergessen kann. Eine Geschichte, die dunkel, schwer und drückend hätte sein können, sich aber als das genaue Gegenteil herausstellt: leuchtend in ihrer Hoffnung, überragend in ihrer Liebe, tröstend in ihrer stillen Kraft und Geduld.

Kennenlernen

Wegen der streikenden öffentlichen Verkehrsmittel stecke ich im Stau und sehe ich mich gezwungen, aus dem Taxi auszusteigen und die letzten Meter bis zum Studio von „Radio 13 – Culture“ im Laufschritt zurückzulegen.

Ziemlich außer Atem betrete ich den Raum neben dem Tonstudio, wo ich vom Musikchef empfangen werde. Er dankt mir, dass ich so kurzfristig, binnen einer halben Stunde, antreten konnte. Die Streiks seit Anfang Dezember haben dazu geführt, dass zahlreiche über Frankreich verstreute Gastsprecher der Sendung zu Hause festsitzen. Auf der Liste eventueller Ersatzsprecher hat er mich als achten ausgewählt, weil er befürchtete, niemand anderen zu finden. Er ist also sehr freundlich. Was mich betrifft, fühle ich mich geschmeichelt ob der Anfrage. Er sagt mir, er habe vor mir zwei andere Redner eingeschoben. Ich komme in fünfzehn Minuten dran, kurz nach dem Komponisten, der die Musik zu Daniel Brants neuestem Film geschrieben hat und als einziges Mitglied des Filmteams rechtzeitig eingetroffen ist, um die Promotion zu gewährleisten.

Ich frage: „Der Komponist… Sie meinen Frédéric Melcour?“

„Genau. Kennen Sie ihn?“

„Nein, aber ich habe ihn live gesehen und würde mich sehr freuen, ihn kennenzulernen.“

„Das trifft sich gut. Er steht gerade hinter Ihnen!“

Ich drehe mich sofort um. Tatsächlich steht er mit einem neugierigen Halblächeln auf den Lippen direkt hinter mir. Er kommt mir zierlicher vor als damals, als ich ihn vom hintersten Teil des Konzertsaals aus gesehen habe, wobei er halb vom Klavier und den vier anderen Musikern des Quintetts verdeckt wurde. Seine Hand, die meine schüttelt, ist feingliedrig und kühl. Wir lächeln uns an. Er verrät mir, dass er in wenigen Minuten dran ist und sich in dieser Rolle, die ihn ins Rampenlicht rückt, nicht besonders wohl fühlt. Ich gestehe meinerseits, dass ich mir ebenfalls Sorgen mache, da ich wegen der Ausfälle in letzter Minute geladen wurde und daher nicht weiß, welche Fragen man mir stellen wird. Der Radiomoderator weiß es zweifellos auch nicht. Er hat ja nichts vorbereiten können.

Wir bekommen vage das Interview eines Modeschöpfers mit, der vielleicht wie ich als Pannenhilfe kontaktiert wurde und den wir hinter der Scheibe des Studios erblicken. Es handelt sich um eine Livesendung. Man sollte also etwaiges Stammeln vermeiden. Der Modeschöpfer schlägt sich gut. Unlängst habe ich den Trailer des Films gesehen, über den Frédéric Melcour sprechen wird, und die Musik hat mich aufgerüttelt. Das sage ich dem Komponisten, auf den meine Meinung anscheinend beruhigend wirkt. Jetzt ist er dran. Mit einem ermutigenden Lächeln versichere ich ihm, dass alles gut laufen wird. Man öffnet ihm die Tür. Ich warte. Ich frage, ob man im Raum die Lautstärke aus dem Studio lauter drehen könnte. Man kann. Den Film möchte ich mir gern ansehen. „Évasion“, ein vielversprechender Titel… Daniel Brants letzte drei Filme hatten mir schon sehr gut gefallen. Und die Musik, ebenfalls von Frédéric Melcour komponiert, auch.

Der Musikchef unterbricht mich kurz beim Zuhören, um mich zu fragen, ob ich bezüglich meiner Aktualität über das jüngste Lehrprogramm sprechen werde, das ein aus Sketchen bestehendes Theaterstück zum Ausgangspunkt nimmt und mehrere Themen vermischt; seit Schulanfang verbucht es in den Unterstufen einen gewissen Erfolg. Er lässt mir die Wahl, ich kann auch einen Erzählband über das Anderssein besprechen, der, für ein jugendliches Publikum bestimmt, die Besonderheit hat, dass im Buchumschlag eine von mir selbst gelesene Tonaufnahme des Textes steckt. Ich entscheide mich für das Programm.

Frédéric Melcour verlässt das Studio. Er wirft mir einen fragenden Blick zu, wie er es bei einer Vertrauensperson machen würde. „Sie waren perfekt!“ Und ich betrete nun meinerseits, von wallender Übergangsmusik begleitet, das Studio.

Der Moderator und ich schlagen uns in dieser heiklen Situation ganz gut. Er kennt weder meine Arbeit im Bereich der Pädagogik noch meine Erzählungen. Ich plaudere. Er pflichtet mir bei, in einem improvisierten Duett, das die Leute in der Regie zum Lächeln bringt!

Als ich das Studio verlasse, sehe ich, dass sich Frédéric Melcour immer noch im Wartezimmer aufhält, wo er sich mein Interview angehört hat. Er beglückwünscht mich. Ich bin überrascht und erfreut, dass er dageblieben ist. Ich nehme an meinetwegen? In einem Überschwang, der mir gar nicht ähnlich sieht, sage ich ihm, dass ich unser Gespräch gerne weiterführen möchte. Es ist mehr oder minder Zeit fürs Abendessen, könnte ich ihn in ein nahegelegenes Restaurant einladen…? Sein lächelndes, beinahe gemurmeltes „Ja“ freut mich sehr.

Ich kann es gar nicht fassen, dass ich Ihnen gegenüber am Tisch sitze, in diesem Restaurant ganz in der Nähe des „Studio 13“, in dem wir uns kennengelernt haben. Ihre langen Hände scheinen die Karte abzuwiegen, die Sie aufmerksam unter die Lupe nehmen. Und ich, ich nehme Sie unter die Lupe, mit all meiner Aufmerksamkeit. Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge sind von seltener Feinheit, wie Ihre ganze Person. Ihre leicht- und luftfüßige Silhouette, die ich an meiner Seite gehen sah, ist beinahe die eines Jugendlichen, der Sie schon seit langem nicht mehr sind. Man würde Sie auf höchstens sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig schätzen. Sie sagen mir mit Bedauern, dass Sie ein paar Jahre älter sind, was man nicht erraten kann. Wir sind also ungefähr gleich alt.

Es ist nicht einfach, Sie dazu zu bringen, über sich selbst zu sprechen. Zweifelsohne haben Sie gehört, wie ich dem Musikchef sagte, dass ich Sie live gesehen habe. Um Sie auf diese Bahn zu lenken, erkläre ich Ihnen die Umstände. Ich wurde von einer Freundin, Sophie, in den Saal des Rathauses zu einer Generalprobe vor einem kleinen Kreis von ungefähr fünfzig Personen eingeladen, die Auftakt zu einer Tournee in den französischsprachigen Nachbarländern war. Sie haben es bereits erraten, ich liebe Musik. Unter den Kunstsparten reißt mich keine mehr mit als die Musik, beinahe alle Musikarten! Von der großen Musik, wie man sagt, bis hin zur kleinsten, die in meinen Augen gar nicht so klein ist. Chansons, berühmte Tangomelodien, Zigeunermusik, Jazz der Dreißigerjahre… wenngleich ich zuhause vor allem klassische Musik höre.

Sophie war beharrlich, denn ich zögerte, ihren Vorschlag anzunehmen. Ich sei zu sehr ein Stubenhocker, behauptete sie, ich müsse wirklich meine eigenen vier Wänden ein bisschen öfter verlassen. Sie hatte nicht unrecht, und in diesem Fall hatte sie sogar vollkommen recht! Ich ging also mit ihr ins Konzert mit. Ich ließ mich vom Schumannquintett, dem wunderbaren Schubertlied „Ständchen“ und Debussys Sonate für Klavier und Geige verlocken… Auf dem Programm stand vor der Pause auch eine Klaviersonate von Beethoven, die ich besonders liebte: die Sturmsonate. Letztendlich also nur Sachen, die mir gefielen.

Als die Musiker des Quintetts, das das Konzert eröffnete, auf die Bühne traten, erschienen Sie als Letzter wie ein Schatten im linken Winkel der Bühne und glitten hinter Ihr riesiges Instrument. Man erblickte bestenfalls Ihr Profil, und als Sie mit den anderen Künstlern zum Gruß nach vorne traten, blieben Sie hinter Ihren Partnern versteckt stehen… Und während der Sturmsonate, wo Sie vom Anfang bis zum Ende ein nüchternes Spiel beibehielten, ohne inspirierte Miene oder Effekthascherei, mutete es bei einer scheinbar so zierlichen Person überraschend an, wie leidenschaftlich Ihre Hände in die Tasten hämmerten. Zerbrechlichkeit, und auch ungeahnte Kraft.

Am Ende des Konzerts forderte Sophie mich auf, mit ihr gemeinsam den Musikern zu gratulieren. Ich hatte Lust, Sie aus der Nähe zu sehen, aber ich befürchtete, Banalitäten von mir zu geben von der Art, welche jeder Künstler schon tausendfach vernommen hat. Sophie kannte zwei Musiker, aber nicht Sie persönlich. Sie wusste nur, dass Sie sehr zurückhaltend waren. Das war ich auch. Ich ging also nicht mit ihr mit. Ich wünschte mir, Sie hätten mehr solo gespielt.

Sie erklären mir darauf, dass Sie nur ungern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Ihnen ist lieber, wenn andere Künstler Sie umgeben. Oder allenfalls im kleinen Kreis, vor Freunden. Ich höre Ihnen zu, als Sie mir ganz schlicht Ihre Befürchtungen, Ihre Vorlieben erläutern, und ich blicke Sie aufmerksam an. Um Ihren Worten Nachdruck zu verleihen, flattern Ihre ausdruckstarken, und dann wieder schnell verhaltenen Hände mit den gepflegten Fingernägeln aus den ein wenig zu langen Ärmeln Ihres feinmaschigen Pullovers hervor, den Sie direkt auf der Haut tragen. Eng an Ihrem Körper anliegend, von blauer Farbe, die ein wenig ins Violette weist, knüpft er an Ihre Augenfarbe an. Ich habe mich schon immer von schlanken, durchscheinenden, entschwindenden und deshalb grazilen Personen angezogen gefühlt. Ich habe nur wenige solche Personen kennengelernt, und niemals sind mir diese, vor allem Frauen, wirklich nahegestanden.

Ihr Gesicht wird von feinen, goldblonden Haaren eingerahmt, in denen hellere Strähnen aufblitzen, je nachdem, wie Sie Ihren Kopf drehen. Der stufige Haarschnitt legt die gerade, lange Linie Ihres Nackens frei und unterstreicht sie. Auf dem oberen Abschnitt Ihres Kiefers lässt ein diskreter, blonder Flaum erahnen, dass Ihre Wangen noch nie eine Rasierklinge gespürt haben. Kein Adamsapfel bricht die grazile Linienführung Ihres Halses.

Während des Mahls lassen Ihre auf Ihren Teller gerichteten Augen einen dichten, kastanienbraunen Wimpernkranz aufscheinen. Ihre schön geformten Lippen ziehen sich manchmal ein wenig schüchtern zu Lächeln des Wohlbefindens auseinander. Sie genießen gerne gutes Essen, sagen Sie mir. Sie haben gezögert, ob Sie die Seezunge auf Müllerinart oder die Jakobsmuscheln nehmen sollten. Ich habe das zur Kenntnis genommen. Ihre leicht geschwungenen, beweglichen und ausdrucksvollen Augenbrauen beleben die Schlichtheit Ihres Gesichts. Ab und an rücken Ihre Finger in einer raschen Geste eine Strähne zurecht, die sich auf Ihre Stirn verirrt hat.

Ich spüre, wie meine Gedanken langsam abdriften. Wie viele Personen, welchen Geschlechts auch immer, haben schon die Lust verspürt, Sie an sich zu drücken? Haben Sie sie gewähren lassen? Ich kann Sie mir kaum in den Armen einer Frau vorstellen. Mit einem Mann? Vielleicht…

Wenn Sie auch nur wenig über sich selbst preisgeben, drücken Sie sich dennoch geschickt und in gewählten Worten aus, gegebenenfalls die Augen zusammenkneifend, wenn Sie nachdenken. Ihre Stimme ist leise, eher hoch, mit recht wenigen Modulationen, ohne jedoch monoton zu sein, und deshalb angenehm. Die Gesten, die sie begleiten, sind gemäßigt, gleichzeitig anmutig, keinesfalls manieriert. Sie sind ein… femininer Mann, an dem die Verknüpfung der beiden Geschlechter sehr natürlich wirkt. Mir fällt auf, dass ich dafür empfänglich bin, sehr empfänglich.

Warten

Drei Wochen und fünf Tage sind seit unserem Treffen vergangen. Sie haben mir gesagt, dass Ihnen die Promotion für den Daniel Brant-Film „Évasion“ strapazierende Reisen mit dem Team abverlangen würde, welches sich auf den Regisseur und die zwei sich abwechselnden Hauptdarsteller beschränkt. Es handelt sich um eine Tournee durch die Kinosäle der Provinz und der französischsprachigen Nachbarländer, wo es ebenfalls Radio- und Fernsehinterviews geben wird. Das Ganze wird drei Wochen dauern. Sie sollten also mittlerweile wieder zurück sein…

In der Zwischenzeit habe ich das Internet ausgiebig nach Ihnen durchforstet, ohne Videos zu finden, nur wenige Artikel und wenige Fotos von Ihnen, bestenfalls im Hintergrund inmitten der Filmteams oder zwischen den anderen Musiker auf der Bühne, als ob Sie sich vor den Blicken der anderen verstecken wollten. Ich habe die fünf CDs gekauft, auf denen Sie mit anderen Musikern angeführt wurden, sowie die drei vorhergehenden Daniel Brant-Filme, deren Filmmusik ich auf meinem Computer abgespeichert und ohne Unterlass angehört habe. Ich habe mir „Évasion“ angesehen, diesen zärtlichen und nostalgischen Film, der genau nach meinem Geschmack war. Die Filmvorschau zeigte nicht nur die besten Augenblicke. Beste Augenblicke gab es zuhauf.

Ich habe mich gefragt, ob Sie während der langen Tournee, die mit ihren endlosen Zug- und Autofahrten sicher all Ihre Zeit in Anspruch nahm, an unser Abendessen, an unser Gespräch, an mich dachten, sei es auch nur ein einziges Mal. Was erhoffte ich mir eigentlich? Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich Sie nicht kontaktieren würde, da Sie viel beschäftigter seien als ich. Sie waren damit einverstanden, mir mitzuteilen, wenn Sie in der Lage sein würden, meine Einladung zum Abendessen bei mir anzunehmen. Aus Höflichkeit? Um sich einer Situation zu entledigen, die Ihnen nicht passte? „Bei mir“… das war zweifellos ungeschickt. Ein guter Grund, zu zögern, vielleicht zu misstrauen? Ich hätte ein Restaurant vorschlagen sollen.

Was erhoffte ich mir wirklich? Dass Sie mich sofort nach Ihrer Rückkehr anrufen, als wäre es ein Notfall, eine Notwendigkeit? Das war lächerlich von mir. Meine pädagogische Arbeit bekam diese wahrscheinlich vergebliche Erwartungshaltung zu spüren. Meine für einen zweiten Band vorgesehenen Erzählungen zum Thema Anderssein nährten sich davon. Die Seezungen warteten im Tiefkühlschrank. Mir wurde bewusst, dass dieses sich Kristallisieren auf Ihre Person, die ich doch so wenig kannte, kleinweise meine Gedanken, mein Bewusstsein, mein Leben in Beschlag nahm.

Kaschmir

Ich frage mich, ob meine Erinnerung stimmt… Gestern war die Verbindung vom Zug aus schlecht. Ich glaube, er hat zu mir gesagt: „Guten Abend, Frédéric am Apparat.“ Kein Familienname. Wir hatten uns im Restaurant nicht namentlich angeredet. Ich hätte nicht gewagt, auf Anhieb nur seinen Vornamen zu verwenden, und „Monsieur Melcour“ kam mir altmodisch vor. Vielleicht war es ihm genauso ergangen? Wie wird er sich melden, wenn er in wenigen Augenblicken an der Gegensprechanlage läutet, denn ich stelle mir vor, dass er pünktlich sein wird?

Der Nachteil einer Seezunge ist, dass man sie schnell zubereiten kann, aber im letzten Moment, das heißt in Anwesenheit der Gäste. Ich habe weder Hintergrundmusik aufgelegt noch das Licht eindeutig gedimmt. Es handelt sich um ein Abendessen zu zweit, ja, aber mit zwei Personen, die sich kaum kennen.

An der Gegensprechanlage: ein kurzes und diskretes Klingeln, dass ihm ähnlichsieht.

„Ich bin’s, Frédéric – guten Abend!“

Also war es gestern am Telefon tatsächlich Frédéric, und es wird deshalb bei Frédéric bleiben, einem Vornamen, der mir schon immer gut gefallen hat. Er darf mich „François“ nennen. Ich höre, wie sich der Aufzug vom fünften Stock ins Erdgeschoss bewegt. Wir haben dieselben Initialen: F. M. Frédéric Melcour, François Marchal. Das dürfte auch nicht besonders häufig vorkommen…

Ich öffne die Tür, bevor der Aufzug den sechsten Stock erreicht hat. Frédéric tritt ein wenig überladen mit der Tüte, die den Namen des Weinhändlers unten in meiner Straße trägt, heraus. Charmantes Lächeln im Treppenhaus, während er darauf wartet, dass ich ihn hereinbitte. Schon mehrmals habe ich anerkennend feststellen können, dass Frédéric hervorragende Manieren hat, etwas, das für mich von großer Bedeutung ist. Ich glaube, ich habe sie ebenfalls. Er händigt mir die Tüte mir den zwei unterschiedlichen Weißweinflaschen aus.

„Damit Sie die Wahl haben,“ sagt er mir, „und für den Fall, dass eine davon nach Korken schmeckt… man weiß nie.“

Er zieht seine Jacke aus, die sehr warm aussieht, nimmt danach seinen Schal ab und hängt beide mit einer raschen und eleganten Geste an einen der Wandhaken. Wir betreten das Wohnzimmer.

Frédéric wirft einen anerkennenden Blick auf das geräumige Zimmer, das, an den Vorraum angereiht, auch als Esszimmer dient und wo der bereits gedeckte, ziemlich kleine Tisch gleich neben der Küchentür steht. In der Nähe des Tisches wartet vor der hinteren Wand ein Sofa auf das Ende des Mahls, um uns für einen Kaffee oder einen Verdauungstrunk zu empfangen. Rechts zieht ein Konzertflügel der Marke Gaveau, der eine Ecke einnimmt, seine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe ihn von meiner Großmutter geerbt. Er ist nicht mehr der Jüngste.

Frédéric lächelt. „Das ist aber ein schönes Instrument.“

Die Flaschen wurden ihm vom Weinhändler als passender Wein für die Seezunge empfohlen. Frédéric kennt sich da nicht besonders gut aus. Sie wurden unter den eingekühlten ausgewählt. Wir setzen uns an den Tisch, jeder einen Teller mit Rohkost vor sich. Ich öffne die Flasche Pouilly-Fuissé, während ich mich nach dem Film erkundige. Er hat ab der ersten Woche achtbare Besucherzahlen verzeichnet. Demnächst werden auf Deutsch, Spanisch und Italienisch synchronisierte Versionen herauskommen, was für die Kinobesucher in unseren Nachbarländern ein gutes Zeichen ist. Aber die Reise war mühsam. Und am Ende der sehr straffen Promotionstournee war es zu einer zweitägigen Verzögerung gekommen. Frédéric sagt mir erneut, dass er nur ungern im Rampenlicht steht und dass diese Promotion für ihn jedes Mal eine wirklich lästige Pflicht darstellt.

Da die Küche gleich nebenan liegt, höre ich ihm, während ich unser Hauptgericht zubereite, bei offener Tür zu; er erzählt mir, dass er morgen zu einem Konzert mit Mozartstücken auf drei Tage nach Toulouse fährt. Er soll um 15 Uhr am Flughafen zu den anderen Musikern stoßen. Der Pianist, mit dem er vierhändig Stücke für zwei Klaviere spielen wird, ist aus Toulouse und deshalb bereits vor Ort. Sie kennen sich nicht, aber sein Bekanntheitsgrad in der ganzen Region wird dazu beitragen, dass der Konzertsaal voll sein wird. Sie haben eineinhalb Tage Zeit zum Proben. Ich komme mit unseren beiden Tellern zurück.

Es ist ein Vergnügen, Frédéric dabei zu beobachten, wie er seine Seezunge und das darum drapierte, dampfgegarte Gemüse mit Kartoffeln genüsslich betrachtet. Er hantiert geschickt mit dem Besteck, um das feine und zarte Fleisch der Fischfilets abzulösen. Der Wein ist hervorragend, soweit ich das beurteilen kann. Er trinkt davon nur wenig. Er muss morgen in Form sein und ist, wie er mir bereits im Restaurant gesagt hatte, Alkohol nicht gewöhnt. Das Programm seines Konzerts ist eines, dass mir von vorne bis hinten gefallen würde. Die Fantasie zuerst, die er ganz allein auf der Bühne spielen wird, dann die beiden Stücke für vier Hände mit dem aus Toulouse stammenden Musiker. Nach der Pause tritt er wieder allein auf und spielt ein ungefähr fünfzehn Minuten dauerndes Stück mit nostalgischen Akzenten – diese beiden Solos konnte er leider nicht vermeiden –, dann werden ihn die drei Streicher in einem Quatuor begleiten, dessen Andante, voll von stillen Passagen, eine sonderbare Untergangsatmosphäre widerspiegelt. Ich kenne alle Stücke, die gespielt werden. Ich würde gerne dabei sein. Das Konzert wird weder übertragen noch aufgenommen.

Frédéric wechselt das Thema, kommt vom Konzert auf mich zu sprechen, und überrascht mich: Während der Zugfahrten, während seiner langen Reisen und seiner zahlreichen Wartepausen, eigentlich überall hat er zumindest die Zeit gefunden, meine Erzählungen zu lesen, die er von meiner Website heruntergeladen hatte. Auf seinem winzigen MP3-Player, kaum größer als eine Zündholzschachtel, hat er mir auf dem Rücksitz eines Leihwagens, in einem Zugabteil, auf dem Sitz eines Busses, vom Rest der Welt durch seine Kopfhörer abgeschottet mit Genuss dabei zugehört, wie ich meine Texte „sprach“. Am Abend auch, in seinem Hotelzimmer. Er hat zuerst gelesen, sich dann die Erzählungen angehört. Sein Smartphone hat ihm ebenfalls gestattet, meine Lehrprogramme zu entdecken. Die drei Wochen auf Achse, voll von unzähligen Pflichten, Stress und Verzögerungen, haben ihm erlaubt, meine gesamte Arbeit kennenzulernen! Er drückt sein Interesse aus, das mir keineswegs gespielt vorkommt, während er seinen mit einem Schuss Rum versehenen Fruchtsalat genießt. Dann blickt er auf und sieht mich an und sagt mir überraschend, ganz ohne Anlass, dass meine Augen eine ausgefallene Farbe haben… Seine sind Vergissmeinnichtblau. Das ist eine ausgefallene Farbe. Meine sind nur vage grau, ziemlich hell, aber ohne wirkliche Farbe, in einem Gesicht ohne Besonderheiten, unter mittelbraunem Haar, alles durchschnittlich, eher gewöhnlich. Ich fühle mich dennoch freudig überrascht von dieser Bemerkung… Frédéric fährt sehr rasch mit der Frage fort, was mich dazu treibt, meine Erzählungen aufzunehmen. Muss ich dafür ein Studio aufsuchen? Es handelt sich um eine langwierige Arbeit…

Ich zögere, über mich zu sprechen. Dann wage ich es doch. Ich vertraue ihm an, dass ich die Texte schreibe, um sie selbst vorzulesen. Ich höre mich sprechen, während ich schreibe, natürlich nur im Geist. Und das beeinflusst vor allem den Rhythmus meiner Sätze. Ja, ich spreche mir die Texte oft flüsternd vor, indem ich meine Stimme moduliere, indem ich die Stille der Auslassungspunkte, der Beistriche zum Klingen bringe, indem ich den Hauch meiner Worte hörbar mache. Das ist ein wenig sonderlich, eigentlich recht egoistisch! Ich mache mir selbst Freude, im Großen und Ganzen. Ich nehme mich selbst nachts in meinem Arbeitszimmer mit Blick auf die große Terrasse auf, wo mich mit ein wenig Glück der Mond besuchen kommt. Am darauffolgenden Tag bearbeite ich meine Aufnahme mithilfe eines Tonverarbeitungsprogramms nach. Das Ganze wird anschließend einem Spezialisten anvertraut.

Frédéric würde gerne die Terrasse sehen, auf der, wie ich ihm noch erklärt habe, kleine Bäume stehen, in denen oft Vögel sitzen… Darf er? Natürlich. Er folgt mir in seiner leichten und leisen, reservierten Gangart ins Arbeitszimmer. Ich erkläre ihm, dass der große Vorteil dieser Wohnung ihre innenhofseitige, tiefe Erweiterung ist, die das Arbeitszimmer hier und daran anliegend das Schlafzimmer entlangläuft. Sie beherbergt nicht nur die Sträucher, sondern auch viele Blumen, um die ich mich gerne kümmere. Leider gibt es im Januar nur die Christrosen der letzten Jahreszeit, die gerade aufgeblüht sind, und den Winterjasmin mit seinen trompetenförmigen, gelben Blumen, die man nicht besonders gut sieht. Ich schalte das Außenlicht an, und Frédéric macht die Schiebetür auf. Sofort überkommt uns ein kalter Hauch. Er schließt die Tür und entschuldigt sich für seine Neugierde. Er legt seine Hand auf seine Schulter, die er reibt, ohne fest anzudrücken. Mit seinem cremefarbenen Hemd und dem dünnen, kastanienbraunen Pullover, der die gleiche Farbe hat wie seine enganliegende Hose, und seinen aus weichem Leder gefertigten Schnürschuhen ist er nicht warm angezogen. Er meint, dass er kälteempfindlich sei. Er zittert leicht. Ich schnappe mir meinen anthrazitfarbenen Kaschmirpullover, der auf der Lehne eines Stuhls liegengeblieben ist, und halte ihn ihm hin. Entzückt von der extremen Sanftheit und den geschmeidigen Maschen des Stoffes, zieht er ihn mit geschickten Gesten über und streicht mit seinen schönen Händen über die Weichheit, indem er sie kreuzt und bis zum Hals hochgleiten lässt. Wohlig lehnt er den Kopf ein wenig zurück und schließt dabei halb die Augen. Hat er eine Ahnung, welche Anziehungskraft seine Art in mir auslöst? Es sieht nicht danach aus. Die Farbe Anthrazit steht ihm gut. Der Pullover ist ihm eine Größe zu groß, aber man trägt ihn weit. Er ist ein äußerst bequemes Kleidungsstück.

„Behalten Sie ihn. Wirklich. Es würde mich freuen, wenn Sie ihn tragen würden, da er Ihnen doch so gut gefällt.“

Frédéric antwortet nicht, aber er lächelt und blickt nach unten. Er ist verwirrt. Das kann man an seinem Gesichtsausdruck, an seinem Blick ablesen. Ich sehe ihn an. Ich bin durcheinander. Er akzeptiert.

Wir kommen ins Wohnzimmer zurück, wo wir uns noch einen Augenblick aufs Sofa setzen. Ich sage ihm, dass es mir so leidtut, dem Konzert nicht beiwohnen zu können. Ich wäre nach Toulouse gekommen, wenn ich nicht eine unumgängliche Verpflichtung hätte, die Vorführung des jüngsten Programms vor den Schülern eines Lycées. Frédéric unterbreitet mir also eine Idee, obwohl er so etwas noch nie ausprobiert hat: Er wird mich kurz vor Beginn des Konzerts anrufen und sein Telefon in die Innentasche seines Bühnenkostüms stecken, eine lange Jacke, die das erlaubt, ohne dass man es sieht. Aber nur für die Solostücke und vielleicht auch für die vierhändige Sonate auf demselben Klavier. Was den Rest betrifft, würde man die anderen Instrumente nicht ausreichend hören, es wäre sehr unausgeglichen. Ich will den Rest auch. Das ganze Konzert! Und sei’s drum, oder umso besser, wenn ich vor allem das Klavier höre. Mein Gaveau zieht erneut seine Aufmerksamkeit an. Er streicht mit der Hand über das Holz, ohne die Tastatur aufzuschlagen. Es ist halb eins, zu spät, um es auszuprobieren. Ein anderes Mal… Ja! Ein anderes Mal!

Ich bestelle ein Taxi. Frédéric zieht über dem anthrazitfarbenen Pullover seine Jacke und seinen Schal an. Wir nehmen Abschied. Ich halte ihm die Hand entgegen, die er sanft ergreift, indem er seine hineingleiten lässt. Mein linker Arm folgt von weitem seine Konturen, wie um ihn aufzunehmen, sollte er nähertreten. Frédéric macht einen Schritt auf mich zu, und ich umfasse seine Schulter mit meinem Arm. Ich berühre ihn kaum, aber diese Geste ist deutlich, ohne aufdringlich zu sein. Wir stehen so da, nah aneinander, Gesicht an Gesicht, uns beinahe umarmend, ohne uns wirklich zu umklammern.

Ganz leise sage ich ihm: „Schöne Reise.“

Er antwortet sofort: „Ich werde für Sie spielen.“

Ich lächle und murmle ganz nah an seinem Ohr: „Ich werde in Ihrer Westentasche stecken…“

Unsere leichte Umarmung löst sich. Das Taxi wartet unten.

Sie gehen zur Tür vor, die ich Ihnen öffne. Sie treten widerwillig über die Schwelle, Sie entfernen sich im Treppenhaus und beginnen, die Stufen hinunterzusteigen, während Sie sich zu mir umdrehen, wie zu Ihrem Leidwesen. Ich schließe die Tür erst, als ich Ihre Schritte nicht mehr höre, und laufe rasch zum Wohnzimmerfenster hinüber, das auf die Straße geht, um mich zu vergewissern, dass das Taxi angekommen ist, und um Sie natürlich ein letztes Mal zu sehen. Bevor Sie in den Wagen einsteigen, blicken Sie zu mir herauf, der ich Ihnen zulächle, und Sie verschwinden im Taxi, dass sofort losfährt.씍

Improvisation

Heute Abend, 20 Uhr 25, eine SMS von Frédéric, der aus Toulouse zurück ist: „Guten Abend! Ich bin in Orly, und ich muss morgen nach London. Sehr bewegte Zeiten, die bald zu Ende gehen werden. Zum Glück! Ich frage mich, ob ich schnell bei Ihnen vorbeikommen könnte, um Ihnen ein kleines Geschenk auszuhändigen. Es ist schon spät. Ich kann es in den Aufzug legen, ohne Sie zu belästigen…“ Meine Antwort kommt prompt: „Kommen Sie! Wir essen gemeinsam einen Salat.“

Ich mache mich sofort in der Küche ans Werk: Eier müssen hartgekocht werden, Chicorée, Feldsalat, Feta, Mais, gelber Paprika, Tomaten, Spargelspitzen aus der Dose… Ich schneide, ich schnitzle, ich rühre, und ich hole die Beerenmischung aus der Tiefkühltruhe, die ich mit Quargel vermengen werde. Ein improvisiertes Mahl. Aufregung. Und Ungeschicklichkeit, natürlich! Aus den mit meinem Computer verlinkten Lautsprechern Ihr Konzert, ununterbrochen, das ich mit meinem Handy aufgenommen habe.

Gestern haben Sie mich vier Minuten, bevor Sie die Bühne betraten, angerufen, und dann Ihr Telefon in der Innentasche Ihrer Jacke verstaut. Ich habe ein wenig Kulissenlärm gehört, leise Stimmen, dann als kontinuierliches Hintergrundgeräusch Ihren Herzschlag, stoßartig, rasch, beschleunig durch den Stress, das Lampenfieber, die Angst. Schritte. Ihre Schritte. Applaus. Die darauffolgende Stille. Ich habe mir vorgestellt, wie Sie sich hinter Ihrem Instrument sitzend von allem absonderten. Vielleicht mit geschlossenen Augen. Dann haben sich Ihre Finger auf die Tasten des Klaviers gesenkt, um die ersten Noten der Mozartfantasie ansteigen zu lassen, um sie aneinanderzureihen. Ich habe mir seit gestern diesen Beginn, den mir Ihr Telefon weiterleitete, mehrmals angehört. Ich war in Ihrer Westentasche.

Ich beeile mich. Sie könnten von einem Augenblick auf den anderen da sein, was bloß vom Verkehrsaufkommen abhängt. Ein „Geschenk“ für mich… aus Toulouse? Was auch immer es ist, ich freue mich sehr darüber. Ich decke den Tisch mit einem gewissen Hang für Dekoration. Meine Hände zittern ein wenig in Erwartung Ihres Überraschungsbesuchs. Ich fühle mich vom Verlangen überwältigt, Sie zu sehen, Sie besser kennenzulernen, Sie wiederzusehen, vor allem Sie anzublicken, ohne das Geständnis zu wagen, was ich mir eigentlich von mir erwarte, von Ihnen, was ich erhoffe. Ich weiß nicht, ob ich völlig euphorisch oder völlig verwirrt bin. Ich bin orientierungslos, und ich finde mich ziemlich lächerlich.

Mit sechsunddreißig Jahren, nachdem ich mein Liebesleben von vorne bis hinten oder beinahe verpfuscht habe, ertappe ich mich dabei, in jemanden verliebt zu sein, der mich körperlich unweigerlich anzieht. Sie sind ein Mann, selbst wenn vieles an Ihnen ohne jegliche Affektiertheit weiblich ist. Mehr weiblich als männlich? Weder das eine noch das andere, oder die beiden gleichzeitig? Verführt sein… das ist es. Ich fühlte mich nur einmal, am Ende meiner Jugendzeit, von einem Mann angezogen. Nein. Das widerfuhr mir später auch noch. Ohne jegliches körperliche Näherkommen. Ohne Folgen. Keine Illusionen aufkommen lassen. Sich nichts vormachen.

Weiblich… ja, ich bin es ebenfalls, wenn auch nicht vom Aussehen her. Ich fühle es dennoch. Man sagt es mir. Man wirft es mir manchmal vor… warum?

Gegensprechanlage. Ich drücke auf den Knopf: „Ich erwarte Sie!“ Die Tür ist schon offen, ich höre von weitem, wie der Aufzug mit etwas beladen wird und seine Fahrt nach oben antritt. Parallel dazu vernehme ich im Treppenhaus rasche Schritte, die nach und nach, Stockwerk nach Stockwerk, deutlich hörbarer werden, bis zum sechsten, bis zu mir! Sie kommen zeitgleich mit dem Aufzug an, aber zu Fuß! Ihr Elan führt Sie bis zu mir her, der ich Ihnen die Arme entgegenstrecke und Sie fester an mich drücke als am ersten Abend. Ihr stoßartiger Atem gegen meine Brust und die Auswirkung, die ich in meinem Körper verspüre, lassen mich nicht mehr zweifeln, welche Anziehungskraft mich Ihnen entgegentreibt. Ich frage beunruhigt: „Ist es vernünftig, die Treppe so hochzulaufen?“

Und Sie antworten mir ganz leise, in einem Atemstoß, mehr eine Feststellung als ein Ausruf: „Ich bin komplett verrückt.“

Sie machen sich von mir beinahe widerwillig los: Ihr Koffer wartet im Aufzug. Ich helfe Ihnen. Wir rollen ihn in den Flur. Ich nehme Ihnen Ihre Jacke ab. Sie tragen den anthrazitfarbenen Pullover, und das bereitet mir unerhörte Freude!

Sie sind entzückt von unserem improvisierten Salat, welchen Knäckebrotscheiben als Brotersatz begleiten, die unter den Zähnen knirschen. Sie haben sich mit dem Toulouser Pianisten gut verstanden. Sie haben bereits gemeinsame Pläne geschmiedet. Ihr Terminkalender lässt Ihnen keine Verschnaufpause; morgen Nachmittag Abfahrt nach London für zehn Tage mit Ihren drei Quartettpartnern. Sie nehmen in einem Studio Mozart auf. Aber danach drei Wochen Ruhe! Schätzenswert, in der Tat.

Ich erzähle Ihnen davon, wie gerührt ich in Ihrer Westentasche gelauscht habe, erzähle von der Aufnahme auf meinem Computer, vom Eindruck, dass ich Ihr Herz ganz stark schlagen hörte, bevor Sie die Bühne betraten.

„Ja, sicher! Diese wenigen Schritte, die einen allen Gefahren aussetzen, sind wie der Gang in den Tod.“

Der Vergleich überrascht mich: „So schlimm?“

„Ja, so schlimm,“ antworten Sie mir, die Gabel nachdenklich hochhaltend, während eine irrtümlich in der Wintersaison gelandete Mücke herumfliegt und schließlich in Ihren Salat fällt.

Sie beugen sich über den Selbstmordfall und sagen zum Insekt: „Ich will dir nichts Böses antun, kleines Mückchen, aber auf meinem Teller will ich dich auch nicht haben…“

Sie verwenden Ihre Gabel, um das kleine Tierchen geschickt aufzulesen und sanft auf das Tischtuch zu legen. Sie beobachten es einen Moment, wie es sich schüttelt, bevor es wieder davonfliegt. Ich hätte das Gleiche getan. Wie viele Personen hätten die Mücke getötet, bevor sie sie entfernten?

Ich suche nach einer Einleitung, um Sie dazu zu bringen, über sich selbst zu sprechen, nicht beruflich, sondern persönlicher, intimer. Und Sie sind es, die sie finden: „Sie leben allein, nehme ich an?“

In Anbetracht meines Umfeldes, meiner Verfügbarkeit war der Weg für Sie zweifellos einfacher zu finden als für mich. Es liegt nun an mir, Ihnen ohne Großspurigkeit das zu geben, was Sie wissen wollen, falls Sie es überhaupt wissen wollen: „Ja, ich binde mich selten und schwer. Ich habe mich, um es genau zu sagen, einige Male verliebt… bin in Liebe gefallen, wie man in Québec so hübsch sagt. Aber meine Anwandlungen haben mich immer mit Personen zusammengebracht, die besonders unverfügbar waren oder die ich nicht anzog.“

Mir fällt auf, dass ich momentan im Weiblichen spreche{1}. Ich stelle deshalb richtig: „In Wirklichkeit, und das ist vielleicht wenig verständlich, kommt es nicht auf das Gender der Personen an, sondern auf die Person selbst in ihrer Ganzheit.“

Sie ziehen eine Augenbraue hoch: „Das… Gender?“

Ich werde expliziter: „Ich wollte damit sagen… das Geschlecht. Egal welches Geschlecht, ich kann mich gut anpassen.“

Ich muss präzisieren, ein paar Details vorlegen, nehme ich an. Ich erkläre Ihnen, dass ich einige körperliche Kontakte mit einem Kindheitsfreund hatte, als ich das Lycée beendete. Er und ich hatten keine… wirklich überhaupt keine Erfahrung in diesem Bereich. Im sexuellen Bereich, um es deutlich auszusprechen. Unsere Versuche entpuppten sich als… zumindest chaotisch! In der Folge war ich mit Frauen zusammen, aber… in Wirklichkeit ist es nicht der sexuelle Aspekt, der bei meinen Begegnungen das Hauptmotiv für mich darstellt. Es ist ein Ganzes. Diese Facette tritt… vielleicht sogar… in den Hintergrund.

Ich mache eine Pause. Ist das immer noch wahr?

Ich fahre fort: „Ja, ich weiß, allen geht es nicht so. Ich habe viele Misserfolge verbucht. Das heißt, ein paar, ich würde sie sogar Enttäuschungen nennen. Es bringt nichts, darüber mehr zu erzählen. Darf ich die Frage an Sie zurückgeben?“

Sie lachen diskret, aber lustlos auf: „Ach, meine Erfahrungen in diesem Bereich sind nicht besonders… glorreich und sind es wirklich auch nicht wert, dass ich ihnen zu viel Raum gebe. Ich habe, als ich die dreißig überschritt – ich bin jetzt vierunddreißig –, darauf verzichtet, jemanden{2} auf meinem Lebensweg zu treffen, der wirklich zu mir passen würde. Zwischenmenschliche Beziehungen sind recht schwierig…“

Mir fällt das männliche „quelqu’un“ auf. Ich lasse nicht locker: „Mädchen?“

Ihr Blick verliert sich in einer Ecke des Plafonds, dann sagen Sie mir mit einem ein wenig melancholischen Lächeln: „Ja. Ein Mädchen. Auch bei mir in den Jugendjahren. Na ja… beinahe war da etwas!“

Und Sie lachen freundlich. Mehr werde ich Ihnen nicht entlocken.

Ich räume die Teller ab. Sie helfen mir, tragen die Salatschüssel in die Küche, die Sie hübsch finden. Fayence in Blauschattierungen an den Wänden, Spülbecken honigfarben, wie der gekachelte Boden, das sind die Farben, die Sie am liebsten haben. Alles ist an seinem Platz, ordentlich, sauber. Sie wissen das zu schätzen. Sie sind ebenfalls ein Aufräumer und gut organisiert. Sie kümmern sich um die zwei Kristallschalen und die Löffel, ich um die mit Quargel bedeckten Früchte, eine Ihrer Lieblingsnachspeisen. Ich bin damit unjahreszeitlich, aber ich habe ins Schwarze getroffen. Dieses Mal durch Zufall! Ich hatte auf die Schnelle und zu dieser späten Stunde nichts Besseres zur Hand.

Während ich den falschen Kaffee in der echten, italienischen Kaffeemaschine zubereite, grüßen Sie mein Klavier. Sie öffnen es. Ich sehe, wie Sie mit den Fingerspitzen darüber streifen, wie um es zu streicheln. Es ist 22 Uhr 30, zu spät, um es ohne den Dämpfer auszuprobieren, den Sie niedertreten, nachdem Sie sich auf den Hocker gesetzt haben. Der Kaffee brodelt. Sie drücken ein paar Akkorde in die Tasten, beinahe geräuschlos. Sie lächeln. Sie lächeln mein Klavier an. Als ich aus der Küche zurückkomme, erkläre ich, dass es doppelt so alt ist wie ich, dass es mir von meiner Großmutter vermacht wurde und mir viel bedeutet. Ich begleite darauf hauptsächlich Lieder, zu meiner Unterhaltung und der meiner Freunde. Ich habe früher mehrere Jahre lang klassische Musik studiert, aber… das ist etwas anderes! Ich stelle unsere beiden Tassen auf dem Instrument ab. Sie beginnen, gedämpft, nur für uns zwei, Ihre Lieblingsnocturne von Chopin zu spielen. Eine gemurmelte Nocturne. Mich an den Klavierdeckel lehnend, schließe ich die Augen.

Könnte man glücklicher sein?

Bevor Sie auf dem Sofa Platz nehmen, gehen Sie zu Ihrem Koffer, der im Eingangsflur steht, und ziehen ein flaches, in blaues und goldenes Papier eingewickeltes Päckchen heraus, das Sie mir hinhalten. Das Papier knistert unter meinen Fingern. Ich löse sorgfältig das Band, indem ich den Knoten aufziehe. Es handelt sich um einen langen, cremefarbenen Kaschmirschal… aus… Toulouse! Ein Schal à la Claude Nougaro{3}?! Ich lege ihn mir sofort um den Hals, ich berühre ihn sanft, genieße die Weichheit und Geschmeidigkeit. Ich danke Ihnen. Das ist ein sehr schönes Geschenk…

Schwindelgefühl

Die Zeit will nicht vergehen. Ich sitze an meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer, in meinem Blickfeld die große Terrasse, wo die Vögel herumflirren, hier und dort in den nackten Sträuchern Reste der Nahrung aufpicken und an ihr knabbern, von der ich im Übrigen mehr auslegen sollte… Blau- und Kohlmeisen, Tauben und Spatzen natürlich, Amseln und Hausrotschwänze. Meistens kommen sie zu zweit hierher, in Pärchen.

Es ist mir unmöglich, mich zu konzentrieren. Seit drei Tagen ist Frédéric in London wegen der Aufnahme. Er schickt mir SMS, als wäre ich ein geschätzter Freund, obwohl wir uns erst seit so kurzer Zeit kennen. Er macht sich dort wegen… allem Sorgen! Wie könnte ich ihm von hier aus, wo ich mich befinde, beistehen? Man hat mich in eine Sendung eingeladen, die sich pädagogisch gibt. Ich muss mich auf dieses Interview vorbereiten, eventuelle Kritiken vorwegnehmen. Ich hoffe, dass der Moderator mir rasch die Fragen, die er mir stellen will, per Mail zusenden wird… Ich mache mir ebenfalls Sorgen.

Ich denke an jenen Abend zurück, als Frédéric nach seiner Laufschrittaktion im Treppenhaus ganz außer Atem angekommen ist. Wir haben noch bis spät in die Nacht hinein mit unseren Gläsern in der Hand auf dem Sofa gesessen und geredet…

Meine Hemmungen verlassen mich, und Sie, Frédéric, Sie sind vom Alkohol ein wenig benommen und haben ihren Kopf an die bequeme Rückenlehne des Sofas gebettet. Ihre Augen schließen sich nach und nach. Sie sind kurz davor, in den Schlaf abzudriften, aber gegen alle Erwartung richten Sie sich auf und erheben sich hastig: „Ich muss weg! Es ist sehr spät! Für Sie doch auch. Es tut mir leid, ich habe gar nicht gesehen, wie die Zeit verging.“

Ich stehe ebenfalls auf, und in einem Elan, von dem ich nicht weiß, aus welchen hintersten Winkeln meines endlich einmal mutig gewordenen Verlangens er kam: „Darf ich Ihnen vorschlagen, hier zu übernachten? Ich habe ein sehr nettes Schlafzimmer, und Sie haben sicher in Ihrem Koffer alles Notwendige dabei… Für mich gibt es im Arbeitszimmer eine bequeme Bettcouch.“

Sie schauen nach unten. Ihr starrer Blick fixiert eine Ecke des Teppichs. Ich nehme mir mein überstürztes Handeln sofort übel. Ich bin zu schnell zu weit gegangen. Sie blicken wieder auf und sehen mich an, während Sie die Augen ein wenig zu einem leichten, umrisshaften, flüchtigen Lächeln zusammenkneifen, und Sie antworten mir, dass es Sie… ja… sehr reizt, aber Sie trauen sich nicht, nein, wirklich, Sie können nicht. Ich zögere, ob ich darauf bestehen soll. Mir kommt ohnehin vor, dass es nicht viel bedürfte, um Sie zum Nachgeben zu bringen: „Kommen Sie, schauen Sie es sich an, es ist gleich hier.“

Ich öffne die Tür, schalte eine indirekte Beleuchtung ein und trete beiseite, um Ihnen den Vortritt zu lassen. Sie sehen sich das Zimmer lange an, als ob es ein ungewohnter, verblüffender und wunderbarer Ort wäre, was er in Wirklichkeit nicht ist.

„Man hört hier keinen Lärm, wie Sie sehen. Kein Schlüssel an der Tür. Niemand wird Sie hier stören!“

Sie lächeln mit einem Anflug von Verlegenheit. Sie zögern noch, vielleicht nur formhalber, aber Sie werden sich überreden lassen, ich spüre es, ich weiß es. Also sage ich nichts mehr.

„Es reizt mich wirklich!“, wiederholt Frédéric in einem Tonfall, der an Unschuld grenzt.

Ich versichere ihm, dass ich morgen in der Früh Feingebäck fürs Frühstück besorgen werde. Lächeln. Frédéric geht seinen Koffer holen. Ich bringe ihm eine Flasche Wasser und ein Glas, wünsche ihm eine gute Nacht und verschwinde, nachdem ich die Tür zugezogen habe. Von der Küche aus höre ich schwach Wasser fließen und ein paar leise Geräusche aus dem danebenliegenden Badezimmer. Dann nichts mehr.

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und mache mich auf die Suche nach dem versprochenen Feingebäck. Bei meiner Rückkehr finde ich Frédéric auf dem Wohnzimmersofa vor, auf seinen Knien ein paar Partituren, die er mit dabeihatte. Er lächelt mir zu, sagt, dass er kurz die Nase raus auf die Terrasse gesteckt und die Vögel singen gehört hat, und dass es reizend sei. Nämlich sie so zu sehen. Er hat nicht schlecht geschlafen… Er trägt andere Kleidungsstücke als gestern, aber erneut den anthrazitfarbenen Pullover. Schlank steht er auf und setzt sich an den Tisch, während ich meine Einkäufe ablege und in der Küche den Kaffee zustelle. Tassen und Teller sind bereits aufgedeckt. Er fährt sich anmutig mit beiden Händen übers Gesicht, dass er somit beinahe vollkommen verbirgt, und sagt mit sanfter Stimme: „Ich fühle mich ganz zerknautscht, ganz zerknittert…“

Dann sinkt eine seiner Hände zum Hals hinunter und bleibt dort behutsam liegen. Er schließt die Augen. Ich würde ihn jetzt gerne heimlich fotografieren, dieses Bild von ihm festhalten, dieses vielleicht ein bisschen zerknautschte Gesicht, das ich so gerne betrachte. Eine Stunde später rufe ich ihm ein Taxi. Er hebt seinen Koffer hoch, der schwer ist, und rollt ihn dann, während er sich vorwirft, dass er „nicht viel dicker als ein Spatz“ ist. Er geht nur zögernd, will diesmal den Aufzug nehmen, und ich sage ihm echoartig: „Kommen Sie, fliegen Sie los!“

London

Bereits 11 Uhr morgens, und ich habe wenig geschlafen. Ich war auch „allein“. Kilometerweit voneinander entfernt, waren wir beide „allein“. Ich habe soeben eine Mail des Moderators für das morgige Interview erhalten, in dem er Vorschläge macht, was er mich fragen wird. Keine hinterlistigen Fragen. Ich hoffe, es gibt nichts, dass er mir nicht schon angekündigt hat, nichts Unvorhergesehenes, das mich destabilisieren könnte.

Eine Nachricht von Frédéric holt mich an mein Handy zurück: „Heute Morgen geht alles besser. Aber nur technisch gesehen. Ich, ich bin nicht in Form. Ich habe so wenig geschlafen. Ich weiß nicht, wie ich es schaffe, so schlecht zu spielen! Ich würde mich schämen, wenn Sie mich hörten. Und dennoch… hätte ich so gerne, dass Sie da wären!“

Ich antworte unverzüglich mit zwei einfachen Worten, ohne sie gleich wieder zu löschen: „Ich auch!“

Und der Ton einer SMS lässt eine halbe Stunde später seine zwei Flötentöne erklingen: „Allen Möglichkeiten unserer Wirklichkeit zum Trotz habe ich mich heute Morgen im Hotel erkundigt, ob noch ein Zimmer frei ist. Es gibt noch eins zwei Türen von meinem entfernt, eine hübsche Suite. Ich habe sie reserviert!“

Allen unmöglichen Möglichkeiten zum Trotz, der Zeit zum Trotz, die mir bleibt, im Wettlauf mit ihr, schnappe ich mir ein dünnes Gepäckstück und springe in ein Taxi.

Ich leide ziemlich an Platzangst, wenn irgendwo Gefahr lauern könnte. In störrischen Aufzügen, in endlosen Tunnels, aber meine Zugfahrt unter dem Ärmelkanal wird durch das Verlangen, schnell anzukommen, beflügelt. Ich weiß dennoch, dass seine Studioarbeit erst am späten Nachmittag, vielleicht sogar erst am Abend zu Ende geht…

Es ist 18 Uhr Lokalzeit, als ich die Tür der Suite öffne. Ein schmaler Eingangsbereich führt in ein Wohnzimmer mit weichem Teppichboden. Ein Tisch steht auf der anderen Seite des Zimmers vor dem Fenster. Die Nacht ist fast schon hereingebrochen. Indirekt beleuchtende Lampen verleihen dem Ort ein intimes Gepräge. Es ist ziemlich kalt. Ich versuche, herauszufinden, wie man die Temperatur regelt, aber anscheinend gibt es dafür keine Möglichkeit. Rechts neben dem Tisch führt eine Tür ins Schlafzimmer. Ein großes Bett in der Mitte. Rechts ein ganz kleines Badezimmer. Die Suite ist bequem. Unpersönlich.

Ich drehe mich im Kreis. Ich werde versuchen, mich zu organisieren, die Zeit verfließen zu lassen, ich weiß nicht bis wann am Abend. Bis dahin muss ich ja warten. Ich entnehme dem Koffer ein paar Sachen und verteile sie da und dort im Zimmer. Ringsum kein Lärm. Das Hotel ist sehr leise. Oder einfach gut isoliert. Als ich wieder im Wohnzimmer stehe, lege ich ein paar nicht ganz vollgeschriebene Zettel auf den Tisch: Es handelt sich um Eindrücke, um Gefühlsmomente, um Wunschvorstellungen, um das hingehauchte Heraufbeschwören der flüchtigen oder längeren Augenblicke, während der Frédéric an meiner Seite war. Hier erzähle ich von seinem verrückten Erklimmen der Treppe, dort von seinem müden Gesicht am Morgen, von seiner Hand an seinem Hals, und dort von seinen Fingern, die die Klaviertasten streifen, um beinahe lautlos die Noten der Chopinnocturne aufsteigen zu lassen. Ich werde weiter und immer wieder diese ephemeren, manchmal intensiven, manchmal kurzlebigen Momente niederschreiben, diese gemeinsamen Momente. Ich werde sie handschriftlich in ein Notizbuch kopieren. Das werde ich ihm schenken. Vielleicht. Was wird er damit machen? Wird er es auf seine Reisen mitnehmen?

Die Zeit vergeht langsam. Ich habe mich nicht mit einem Computer oder einem Tablet belastet. Ich sehe mir vage die E-Mails auf meinem Telefon an. Eine SMS trifft ein, die ich nicht klingeln gehört habe: 19 Uhr 15. „Ich bin gleich da!“ Ich gehe zur Tür und öffne sie einen Spalt breit, damit er eintreten kann. Mein Ohr lauscht auf jedes Geräusch im Gang. Schritte kommen näher. Schwer. Das ist nicht er, natürlich nicht, er, der so leichtfüßig wie ein Elf ist. Ich werde ihn nicht einmal eintrudeln hören… Mein Blick verliert sich in der Nacht hinter dem Fenster. Der Himmel ist nunmehr sternübersät. Eine schöne Winternacht.

Ein dreimaliges diskretes, beinahe zögerliches Pochen, als ob die Hand Angst gehabt hätte, anzuklopfen oder sich den Zugang verwehrt zu sehen. Kaum habe ich gesagt: „Ja!“, öffnet sich die Tür auch schon langsam, nur halb, und leicht nach vorn gebeugt, als ob er nicht sicher sei, dass es ihm erlaubt ist, zeigt mir Frédéric sein hübsches, lächelndes Gesicht. Ich bin bereits aufgestanden, um ihm entgegenzugehen, mit offenen, aber nicht zu offenen Armen. Eine Einladung an ihn, näher heranzutreten. Falls er es wünscht. Falls er es will. Er will! Es ist keine Umarmung. Kein Einander-In-die-Arme-Nehmen. Ich lege meine Arme auf seine. Er legt seine auf meine. Gesicht an Gesicht. Wir sind nicht eng aneinandergedrückt. Stille. Dann weicht er sanft zurück, um sich von mir loszumachen. Wir lächeln uns an.

„Gehen wir nach unten Abend essen?“, sagt er mit seiner klaren Stimme, aber ganz leise, wie ein Zögern, eine Frage, eine Bestätigung.

Er hat seinen Stammtisch. Es ist nicht das erste Mal, dass er in diesem Hotel absteigt, und das Personal ist sehr zuvorkommend. Ein Tisch für zwei in einer Ecke des Saals, zurückgezogen, ruhig. Im Übrigen nur wenig Betrieb. Wenig Lärm. Wir fühlen uns wohl. Frédéric erzählt mir in scherzhaftem Ton, als wollte er sich im Nachhinein darüber lustig machen, vom Ungemach des Vortags im Studio, von seinen Patzern am Morgen, bis zu dem Augenblick, wo meine Nachricht eingetroffen ist, die ihm mitteilte… dass ich komme! Der Nachmittag war dann erfolgreich. Der verlorene Tag konnte eingeholt werden.

Der Aufzug bringt uns in unser Stockwerk zurück. Wir gehen Seite an Seite den Gang entlang. Vor der Tür zu meinem Zimmer verbeugen Sie sich wie für einen kleinen Gruß ans Publikum und wünschen mir eine gute Nacht. Unser heutiges Treffen endet also hier, vor meiner verschlossenen Tür. Sie entfernen sich mit schwungvollen, beinahe tänzelnden Schritten. Wie gibt es das? Ich schließe die Leere des Gangs weg, indem ich meine Tür zustoße. Ich schalte kein Licht an. Ich schließe die Augen, die Faust gegen den Mund gedrückt, ich beiße mir in den Zeigefinger. Ich muss es in Kauf nehmen, gute Miene machen. So ist das eben. Was habe ich mir mehr erhofft? Es ist nicht sehr spät. Ich werde diese Augenblicke im Restaurant niederschreiben, Ihre elegante Geste, als Sie dem Kellner die Speisekarte zurückgaben, Ihr wiederholtes Zögern angesichts der langen Dessertliste…

Erneut ein dreifaches Pochen an der Tür. Es klingt wie vorhin. Die gleiche verhaltene Kraft, der gleiche Rhythmus. Sie sind es! Sie können diese Mal nicht eigenmächtig eintreten. Ich muss Ihnen öffnen. Sie halten einen Toilettbeutel in der Hand und… ein Kissen unter den Arm gesteckt! Ein aufrichtiger, unruhiger, aber bohrender Blick zu mir her: „Ich habe mich gefragt… also, es ist sicher sehr dreist…“

Ich antworte einfach: „Kommen Sie rein!“

Und ich schließe schnell die Tür hinter Ihnen.

Frédéric wird bei mir in diesem großen, kalten, unpersönlichen Bett schlafen. Er liegt rücklings vor mir, nicht an mich gedrückt, ein großes Kissen zwischen uns. Dasjenige, welches er mitgebracht hat, schließt er in seine Arme. Meine Hand ruht auf seiner Schulter. Wir haben unsere Straßenkleider anbehalten. Er ist schnell eingenickt. Ich nehme seine rasch breiter, regelmäßiger, im aufkeimenden Schlaf befriedigter gewordene Atmung wahr. Wir haben keinen anderen Kontakt außer diesem hier gehabt. Mein Körper beinahe an seinem, mein Gesicht nah an seinem Hals, ein Kissen zwischen uns… Ich wollte das Kissen. Er wollte es auch. Er hat mir ganz leise, in einem verlegenen Flüstern eingestanden, dass er schlechte Erfahrungen gemacht hatte, dass er nicht „durchquert“… „durchstoßen“ werden wollte. Ich glaubte, erraten zu können, dass man ihm wehgetan, ihn zweifellos vergewaltigt hat, vielleicht in jungen Jahren? Als Kind? Als Jugendlicher? Ich habe nichts gesagt. Keine Fragen gestellt. Wir werden also eine sanfte Intimität teilen, ohne zerstörerische Anwandlung, ohne unkontrollierten Drang, ohne Gefahr. Ich werde über ihn wachen. Ich werde ihn beschützen. Voll Zurückhaltung, wie es sich ziemt. Das fällt mir leicht. Erstaunlicherweise vielleicht. Oder auch nicht.

Es passiert mir manchmal, ist mir manchmal passiert, dass Personen von mir angezogen werden, mich ansprechen, mich umwerben, mich wollen. Die Kontrolle über mich selbst ist also eine Notwendigkeit geworden, eine zweite Natur. Die Vorsicht verlangte in dieser Hinsicht allerdings, dass ich als erster vorschlage, das dicke Kissen in seiner ganzen Länge zwischen unsere beiden bekleideten Körper zu legen.

Kurz bevor er eingeschlafen ist, hat sich Frédéric bei mir bedankt, obwohl doch ich ihm danken wollte, und dann hat er hinzugefügt, dass er HIV-negativ sei. Ich habe ihm dasselbe für meine Person auch bestätigt. In unserer jetzigen Situation ist das ohnehin ohne Belang.

Der Wecker am Morgen katapultiert ihn früh und mit einer gewissen Eile aus der Suite, nach einem raschen, lächelnden und fröhlichen „Guten Tag“, das darauf hinweist, dass er friedlich geschlafen hat; er entschwindet mit dem Toilettbeutel und dem Kissen unter seinem Arm wie ein Kind mit seinem Teddybären, den es auch nach dem Aufstehen nicht weglegen will.

Er ist verschwunden. Bis wann? Bis zum Frühstück im Speisesaal des Hotels? Ich warte ein wenig später an seinem Tisch auf ihn. Eine SMS: „In vier Minuten!“ Das ist präzise. Und er hat tatsächlich vier Minuten gebraucht, um sich zu mir zu gesellen. Er wird den ganzen Tag wieder ins Studio zurückkehren. Ich werde am Vormittag den Zug nehmen.