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Mit Frei im Kopf hat Ulrich Halstenbach einen überraschenden Reiseführer in die Tiefen des "alles beobachtenden Ich-Selbst" geschrieben. Dieses "Ich-Selbst" meint die Summe all der Einstellungen, mit denen wir den Alltag erleben und angehen, mit denen wir uns aber auch Themen wie der Philosophie und der Religiosität, der Vernunft und den Emotionen - und sogar der eigenen Einstellung selbst zuwenden. Für den Trainer einer Sportmannschaft ist die Einstellung seiner Spieler ein entscheidender Erfolgsfaktor. Auch der Lehrer erlebt bei seinen Schülern unterschiedliche Einstellungen. Wir alle haben Einstellungen zur Familie, zur Gesellschaft, zum Aufräumen und zum Genießen. Aber die eigene Einstellung zu betrachten, beschreiben und beeinflussen zu können ist eine sehr spezielle Kompetenz. Wir sind, ganz einfach gesagt, mit unserer eigenen Einstellung oft so vertraut, dass sie uns nicht bewusst ist. Als Anleitung zur inneren Orientierung ist dieses Buch mehr als ein Ratgeber. Es ist ein Übungsbuch, auf das sich der Leser mit dem Körper und allen Sinnen einlassen kann. "Frei im Kopf" macht den Leser selbst zum Ratgeber im Themenkreis der Selbstorganisation, das Lesen wird zu einem überraschenden Seminar mit sich selbst.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2012
Ulrich Halstenbach
Frei im Kopf
Haltung, Horizont und Selbstorganisation
www.tredition.de
Ulrich Halstenbach lebt und arbeitet als Unternehmensberater und Psychotherapeut in Wuppertal. Neben seiner langjährigen Erfahrung als Berater, Coach und Trainer in mittelständischen Betrieben und großen Konzernen ist er ausgebildet als Heilpraktiker (Schwerpunkt manuelle Therapie), hat eine psychotherapeutische Ausbildung am internationalen Institut für Bioenergetische Analyse, New York, absolviert, eine langjährige Ausbildung in Gestalttherapie bei Seymore Carter, dem Direktor des Esalen-Instituts, California, sowie viele psychotherapeutische Weiterbildungen, unter anderem mit Stanislav Grof, dem Begründer der holotropen (transpersonalen) Therapie.
Als Schüler von Richard Baker Roshi, dem Dharma-Nachfolger von Shunryu Suzuki Roshi beschäftigt er sich seit mehr als 25 Jahren mit den Sichtweisen des Zen Buddhismus auf das Zusammenspiel von Geist und Körper.
Für Andrea, Philine, Louisa und Johannes
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d.nb.de abrufbar.
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8491-1741-2
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Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Frei im Kopf
© 2012 Ulrich Halstenbach
Lektorat: ProLitera, Friederike Schmitz
Umschlaggestaltung: Stefan Wintgen
Vorwort
1. Die Haltungen
1.1 Das Ziel der Selbstorganisation: Der freie Raum
1.2 Ästhetisches Empfinden
1.3 Die Kosten-Nutzen-Rechnung
1.4 Aufmerksamkeit
1.5 Die Haltung: bestimmt oder entspannt
1.6 Die Haltung des freien Führens
1.7 Das Zusammenspiel beider Haltungen
2. Die Chemie muss stimmen
2.1 Energie, Vergesslichkeit und Adrenalin
2.2 Adrenalin hat seine Zeit
2.3 Die Zwei-Minuten-Regel
2.4 Noradrenalin und Leistungsfähigkeit
2.5 Der Regentropfen im Teich
2.6 Konzentration und Aufmerksamkeit: ein Experiment
3. Mit dem Körper arbeiten
3.1 Den Körper führen
3.2 Üben, sich von Absichten zu lösen
3.3 Räkeln und Gähnen
3.4 Trauer, Zorn und Visionen
3.5 Die Haltung zu den Gefühlen
3.6 Scham, Begeisterung und Motivation
3.7 Auf der Spur der Emotionen: ein weiteres Experiment
4. Ziele und Prioritäten
4.1 Zugehörigkeit können wir spüren
4.2 Ankommen
4.3 Ganz alleine – mit anderen zusammen
4.4 Sich nicht nur mit Türen beschäftigen, sondern auch mit den Räumen
4.5 Der eigene Raum
4.6 Prioritätensetzung – die Kunst der Zurückhaltung
4.7 Prioritäten und die „BAC-Methode“
5. Der Umgang mit der Zeit
5.1 Ansichten, Einstellungen und (Vor-)Urteile
5.2 Zeitbewusstsein
5.3 Zyklisches und lineares Zeiterleben
5.4 Zeit, qualitativ und quantitativ
5.5 Die 90-Minuten-Uhr
5.6 Zeitfenster: mit Abstand mittendrin
5.7 Anfang und Ende
6. Planung und Selbstorganisation
6.1 Das Arbeitsspiel
6.2 Rituale der Arbeit
6.3 Die Beschäftigung mit dem Unangenehmen
6.4 Die Steuerung der Arbeit
6.5 Die Lust an der Schnelligkeit
6.6 Qualität entspannt
6.7 Qualitätsvorstellungen oder Was heißt hier: „Gut gemacht“?
7. Die Ordnung des Raumes
7.1 Nichts geht über Leerheit
7.2 Die Ablage und die Zahl 7
7.3 Auftrieb erzeugen
7.4 Freiheit jenseits von Grenzen
7.5 Dem Leben seinen Zauber wiedergeben
Unsere innere Einstellung – die Haltung, die wir bewusst oder unbewusst einnehmen – beeinflusst unser Leben, im Großen wie auch in den vielen alltäglichen Kleinigkeiten. Aber haben wir uns richtig eingestellt? Hilft mir meine innere Einstellung dabei, mich frei und unbeschwert zu fühlen? Begegne ich dem Leben in einer Haltung, die mir guttut?
„Frei im Kopf“ ist ein Reiseführer in die Tiefen des alles beobachtenden „Ich-Selbst“. Als „Ich-Selbst“ bezeichne ich die Einstellungen, mit denen wir den Alltag, die privaten und beruflichen Herausforderungen erleben und angehen, mit denen wir uns auch Themen wie der Philosophie und der Religiosität, der Vernunft und den Emotionen – und sogar der eigenen Einstellung selbst zuwenden.
Für den Trainer einer Sportmannschaft ist die Einstellung seiner Spieler ein entscheidender Erfolgsfaktor. Auch der Lehrer an einer Schule erlebt bei seinen Schülern individuell unterschiedliche Einstellungen zu den Anforderungen, die diese bewältigen sollen. Wir alle haben Einstellungen zur Familie, zur Gesellschaft, zum Aufräumen und zum Genießen. Aber die eigene Einstellung zu betrachten, sie beschreiben und beeinflussen zu können ist noch einmal etwas sehr Spezielles. Wir sind, ganz einfach gesagt, mit unserer eigenen Einstellung so vertraut, dass sie uns meist gar nicht bewusst ist.
Seit mehr als 20 Jahren beschäftige ich mich professionell mit den unterschiedlichen Möglichkeiten, an der Einstellung des Menschen zu arbeiten – als Psychotherapeut, Coach, Verhaltenstrainer, als Unternehmensberater und als Heilpraktiker. Beeinflusst haben mich dabei systemische Konzepte, biologische und psychologische Modelle, aber auch naturheilkundliche Methoden wie Akupunktur, Homöopathie und Massagetechniken. Begleitet hat mich in der Zeit immer meine ganz eigene Arbeit an meiner persönlichen Einstellung, anfangs in der Lehranalyse, später durch Supervision und in all den Jahren auch durch Meditation.
Wenn man mit dem Begriff „Psychosomatik“ die Auswirkungen des Psychischen auf den Körper meint, dann bedürfte es eines Gegenbegriffes zur Erklärung der in diesem Buch vorgestellten Methodik, einer Theorie, die die Wirkrichtung vom Körperlichen auf das Psychische – oder weitergefasst, auf den Geist – beschreibt. Bisher haben Medizin und Psychologie einen solchen Begriff noch nicht wirklich formuliert, ganz zu schweigen eine diesen Vorgang beschreibende Theorie.
Das Modewort „Wellness“ kommt einem solchen, noch fehlenden Begriff nur teilweise nah. Man verbindet mit Wellness etwas wie „sich spüren und die Seele baumeln lassen“. Wer sich aber mit Yoga oder anderen östlichen Formen der Haltungs- und Bewegungskultur beschäftigt, kennt die Wirksamkeit bewusst eingenommener Körperhaltung. Etwas weniger „baumelnd“, basiert Yoga oder Tai Chi auf dem Gegenprinzip von Psychosomatik, ihre Wirkung hat ihren Ausgangspunkt im Körperlichen.
Das Beschreiben eines Gegenkonzeptes, „vom Soma zur Psyche“, ist theoretisches Neuland. Wer an dieser Stelle eine fertige Theorie erwartet, wird nicht fündig werden. Jedoch möchte ich meinen empirisch entwickelten Beitrag zu dieser notwendigen theoretischen Diskussion hinzugeben.
Dabei konzentriere ich mich vor allem auf die Beschreibung von drei Grundhaltungsmustern: die Haltung des freien Führens, die Haltung der bestimmten Absicht und die entspannte Haltung. An ihnen mache ich die Auswirkungen auf unsere innere Einstellung deutlich. Wir werden feststellen: Verändern wir unsere körperlichen Haltungsmuster, dann verändern sich unsere Ansichten, unser ästhetisches Empfinden, unser emotionales Erleben und unsere Handlungsmöglichkeiten. Im Zusammenspiel aller körperlichen Sinnesfunktionen kommt dem eigenen ästhetischen Empfinden dabei besondere Bedeutung zu.
Als eine Anleitung zur inneren Orientierung ist dies Buch mehr als ein Ratgeber. Es ist ein Übungsbuch, auf das sich der Leser mit dem Körper und allen Sinnen einlassen kann.
So wie Entdecker unbekannter Kontinente sich an ihrem Kompass orientierten, um einer einmal eingeschlagenen Richtung zu folgen und sich auf ihrem Weg nicht im Kreise zu drehen hat, zeigt auch das vorliegende Buch eine eigene Richtung, hat einen roten Faden.
Mit dem modernen Management-Begriff „Selbstorganisation“ – für den Umgang mit Zielen, Prioritäten, Aufgaben und Terminen – bezeichnet man dreierlei: erstens das Ordnen und Klären des Ausgangspunktes, des „Wo stehe ich aktuell“; zweitens das Formulieren von Zielen, also das „Wo will ich hin“; und drittens die Methodik der richtigen Vorwärtsbewegung, also des „Wie gehe ich die nächsten Schritte“.
„Frei im Kopf“ ist ein etwas anderer Ratgeber zum Thema Selbstorganisation. Durch den weiter ausgelegten Ansatz findet der Leser nicht nur eine Sammlung von Handlungsempfehlungen. Die Lektüre kann zu einem überraschenden Seminar über sich selbst und mit sich selbst werden, aber auch zu einer interessanten Begegnung mit Einflussfaktoren – von unserer steinzeitlichen Vorprägung bis zu den tückischen Fallstricken, die die moderne westliche Kultur für jeden von uns bereithält.
Im Rahmen meiner vielen Schulungen und der Vorträge, die ich gehalten habe, habe ich immer wieder erfahren, wie wichtig lebensnahe Beispiele sind. Geschichten zu erzählen hat mir dabei immer sehr geholfen. Viele der in diesem Buch enthaltenen Erzählungen stammen aus dem Fundus meiner Lehrtätigkeit. An der „Transkription“ erzählter Geschichten in ein Buchmanuskript habe ich mit Unterstützung meiner Lektorin hart gearbeitet.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche, gute Reise mit diesem Buch – hin zu Ihrer eigenen Haltung, zu Ihren Horizonten und den Potenzialen Ihrer Selbstorganisation – zu Erkenntnissen und Stunden angenehmer Leseversunkenheit.
Ulrich Halstenbach
Wuppertal, im Sommer 2012
Wie lieben wir ihn, diesen leeren Schreibtisch, kurz bevor wir in den Urlaub fahren! Alles ist geordnet, nichts liegt herum, nichts ruft danach, jetzt noch erledigt zu werden. Der Schreibtisch ist leer, und das ist ein gutes Gefühl.
Ähnlich ist es in der Küche – wie schön, wenn alles wieder aufgeräumt ist! Kommt man nach einem anstrengenden Tag nach Hause und möchte sich etwas zu essen machen, würde alles stören, was auf der Arbeitsplatte herumsteht.
Der Selbstständige hat ein gutes Gefühl, wenn er frühzeitig seine Steuer erledigt hat und er nichts Ungeklärtes aus dem vergangenen Jahr mitschleppt.
Das Prinzip des freien Raumes ist so bedeutsam, dass ich es mit weiteren Beispielen veranschaulichen möchte. Nehmen wir den Weinliebhaber. Beim Blick in seinen Keller werden wir feststellen, dass dort, wo die besten Weine lagern, Platz im Regal ist. Der Weinliebhaber kann dort ohne Probleme noch einen weiteren guten Tropfen dazulegen, da ist auch für den laienhaften Betrachter Leerheit zu sehen. (Leerheit ist der Zustand des Leerseins.) Aber dort, wo die Regale bereits eng bepackt sind, liegen die Flaschen, die ihm nicht so wichtig sind.
Beim Sammler können wir bereits beim ersten Blick in seine Vitrinen feststellen, an welchen Stücken sein Herz besonders hängt: dort, wo uns Leerheit um die Exponate begegnet. Er hat ihnen mehr freien Raum zugebilligt als den vielen anderen Stücken. Denn Leerheit herzustellen bedeutet Wertschätzung. Entsprechend verhält es sich im Geschirrschrank, im Kleiderschrank, im Bücherschrank, bei den Spielsachen der Kinder, in den Garagen der Autoliebhaber – und schon in den großen mittelalterlichen Kathedralen.
Leerheit herzustellen ist ein tief in uns wohnendes Bedürfnis.
Leider macht es uns die moderne Überflussgesellschaft hierbei schwer. Wir werden schier überschüttet mit Dingen, die wir nicht angemessen unterzubringen wissen.
Beispiel Informationen (denn wir leben im Informationszeitalter): Wohin nur mit all den E-Mails, den Briefen, den Katalogen und Artikeln, den Produktbeschreibungen und Gebrauchsanweisungen, den Belegen und Dokumentationen, den Dateien und Programmen, den Entwürfen und Zertifikaten? Wir brauchen eine Ablage, das steht außer Frage. Diese sollte schlank sein und Leerheit /freien Raum enthalten.
Der Grund für einen überquellenden Schreibtisch ist immer ein voller Schrank im Hintergrund. Hinter jedem Stau auf der Arbeitsfläche steht eine Ablage, deren Aufnahmekapazität ganz oder beinahe ausgeschöpft ist. Ein guter Schrank ist ein Schrank, in dem Leerheit vorhanden ist. Die gibt dem Inhalt Wert. Wenn dies nicht der Fall ist, taugt der Schrank nicht mehr viel.
Mit dem eigenen Kopf ist es ähnlich. Der Kopf ist zum Erfassen und Denken da, nicht zum Festhalten einer letztlich unüberschaubaren Informationsfülle. Mit einem Bild aus der Computersprache: Auf der Festplatte haben wir in der Regel ausreichend Platz, aber im Arbeitsspeicher kann es eng werden. Den müssen wir immer wieder frei machen, der darf ruhig relativ leer sein. Es macht einen großen Unterschied, ob wir einen freien Kopf haben oder nicht. Nur wenn wir Leerheit im Gedankenraum haben, können wir die Dinge wirklich aufnehmen, die auf uns zukommen. Wenn hingegen Aufgaben und Vorhaben, Pläne und Informationen sich dort dicht an dicht drängeln, dann macht die Arbeit keine Freude mehr. Dann haben wir den Kopf nicht frei. Und das nimmt dem Leben Qualität.
Sagen wir über jemanden, er hätte seinen Kopf nicht frei, dann nehmen wir wahr, dass ihn etwas einspannt und seine Aufnahmefähigkeit behindert. Wenn jemand dagegen sagt, er habe für eine Aufgabe den Kopf ganz frei, beschreibt er damit das andere Extrem: einen Zustand höchster Zuwendungsbereitschaft. Dazwischen gibt es Abstufungen. Nicht ganz frei, aber auch nicht völlig verstopft, das hat etwas Normales.
Auch dieser Normalität, dieser nicht optimalen Bedingung, den Kopf nicht richtig frei zu haben, wollen wir begegnen. Wenn wir unsere beruflichen Aufgaben, unseren Alltag und auch uns selbst organisieren, dann ist unser Ziel, den Kopf frei zu bekommen: so frei wie möglich, und dies so oft wie möglich. Ein freier Kopf hat mit Leerheit zu tun: nicht mit der dumpfen Leere einer völligen Erschöpfung, sondern mit wacher, aufnahmebereiter Leere, mit dem Angekommensein und der Lust, Neues starten zu wollen – mit freiem Kopf, frei von allem, was Ballast wäre.
Einen freien Kopf zu haben bedeutet, einer Aufgabe oder Situation ganz viel Raum geben zu können. Wir bieten innere Weite an, das tut den Aufgaben gut und auch den Menschen, denen wir begegnen. Es sind nicht nur die Aufgaben und Vorhaben, Pläne und wichtigen Informationen, die uns die Weite nehmen können. Auch Sorgen und Ängste, Erwartungen und sehnsüchtige Wünsche sowie der gesamte gesammelte Ärger machen es eng in uns. Das Ideal eines freien Kopfes bedeutet, möglichst frei von alledem zu sein, so oft es geht.
Wir betrachten drei Aktivitäten: Planen, Ausführen und Ordnen. Planen ist nach vorne gerichtet, es bereitet uns vor – auf das, was auf uns zukommt. Weil die Wirklichkeit letztlich nicht planbar ist, steuern wir unsere Aktivitäten, wir führen sie aus. Führen ist auf den Augenblick unseres Tuns gerichtet – es bedeutet, bewusst zu handeln. Ordnen heißt, sich mit dem zu beschäftigen, was entstanden oder geworden ist. Wir hinterlassen Ordnung, wenn es möglich ist. Denn Dinge, die nicht ihren richtigen Platz finden, können wir nicht loslassen, sie nehmen uns unsere Beweglichkeit und machen uns unfrei für Neues. Im Planen, Führen und Ordnen begegnen uns somit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Die Freiheit soll natürlich ihren Platz in der Gegenwart finden, nur dort macht sie Sinn.
Selbstorganisation hat das Ziel, Freiräume zu schaffen und Leerheit herzustellen – nicht nur im Kopf, auch auf der Schreibtischoberfläche, in den Schränken und Schubladen, den Ablagen und Archiven, im Terminkalender und auf den Zetteln, auf denen man sich notiert hat, was alles noch zu tun ist.
Der Weg dahin beinhaltet viele Entscheidungen. Manches wird man erledigen müssen, anderes darf man streichen. Manches macht man besser einmal ordentlich, sodass es lange vorhält, bei anderem darf man schnell sein – Hauptsache, weg damit. Die jeweiligen Entscheidungen fallen bei jedem von uns anders aus. Diese konkreten Entscheidungen sind subjektiver Natur, abhängig vom ästhetischen Empfinden des Einzelnen. Was für den einen stimmt, muss für den anderen nicht richtig sein. Für uns alle gilt aber: Wir können nur das organisieren, steuern und zielgerichtet beeinflussen, was uns bewusst ist. Darum ist es wichtig, die Dinge aufmerksam und genau zu betrachten. Dafür nutzen wir eine der wunderbarsten menschlichen Eigenschaften, das ästhetische Empfinden.
Wir wissen heute, dass das Vernachlässigen der ästhetischen Bedürfnisse schwerwiegende Folgen haben kann, dass es uns schwächt und sogar krank machen kann. Eine verstärkte Aufmerksamkeit für diese Bedürfnisse kann dagegen sehr viel Positives bewirken.
Dazu ein durchaus bemerkenswertes Beispiel: Eine spezielle Resozialisierungsinitiative in den USA, die sich um die gesellschaftliche Wiedereingliederung ehemaliger Strafgefangener bemühte, erreichte im gesamtamerikanischen Vergleich die besten Ergebnisse – durch Konzentration auf das Ästhetische. Man erzielte die niedrigste Rückfallquote in erneute Kriminalität, indem vor allem die ästhetischen Rahmenbedingungen der Klientel beachtet wurden – gutes Essen, gute Kleidung, eine schöne Möblierung der Wohnungen, rundherum positive Erfahrungen sowohl im Lebenskomfort als auch im Outfit der Exgefangenen. Diese Initiative brachte herausragende Resozialisierungsergebnisse und bekam viele Preise und Auszeichnungen. Es tut uns einfach gut, wenn wir uns in Rahmenbedingungen bewegen, die wir als angenehm empfinden, die unserem Geschmack entsprechen.
Die Fähigkeit zum ästhetischen Empfinden bedeutet, dass wir in der Lage sind, eine Fülle von Wahrnehmungen zueinander in Beziehung zu bringen und sie im Idealfall in ihrer Gesamtheit als stimmig zu empfinden. Mit dieser Fähigkeit gestalten wir unsere Wohnungen, und wir setzen sie ein, wenn wir gute Freunde zu einem schönen Essen zu uns nach Hause einladen. Mit ästhetischem Empfinden hören wir ein Orgelkonzert in einem mittelalterlichen Dom, und der Parfümeur kreiert aus einer Vielzahl von unterschiedlichsten Komponenten seinen neuen Duft.
Wenn wir im allgemeinen Sprachgebrauch davon reden, dass ein Mensch es in seinem Tätigkeitsgebiet zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, dann meinen wir damit, dass er diesen Bereich in seiner Gesamtheit überblickt, dass er mit hohem ästhetischen Empfinden zu handeln vermag. Und wir können selbstverständlich davon ausgehen, dass er dort auch Liebe zum Detail empfindet.
Ästhetisches Empfinden bedeutet, zu spüren, wie die Dinge zueinander passen, was in den Vordergrund gehört und was in den Hintergrund, was die Aufmerksamkeit erlangen und was dagegen nur am Rande erscheinen sollte, was ein guter Anfang ist und was ein gutes Ende. Es ist der Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge.
Im Internetlexikon Wikipedia finden wir dazu: „Die Alltagssprache verwendet den Ausdruck ›ästhetisch‹ oft als Synonym für ›schön, geschmackvoll, ansprechend‹. In der Wissenschaft dagegen bezeichnet der Ausdruck die gesamte Kategorie von Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie wir Objekte wahrnehmen, auch und insbesondere, ob wir sie als schön oder hässlich empfinden.“
Wir werden mit dieser Empfindung zum Beispiel die Funktionsfähigkeit unterschiedlicher Gruppen bewerten. Wenn wir mehrere Teams vergleichen, in denen wir sportlich aktiv waren oder beruflich gearbeitet haben, können wir sagen, in welchem Team es am stimmigsten war, wo beispielsweise gegenseitiger Respekt, die jedem Einzelnen zugebilligte Freiheit, die Klarheit, mit der über Grenzen geredet werden konnte, und die Fürsorglichkeit, die füreinander in Notsituationen vorhanden war, am ehesten ausgewogen waren.
Ästhetisches Empfinden setzt ein waches Beobachten der Situation voraus, es schließt alle Sinne mit ein und ist ein subjektives Empfinden. Wegen seiner Subjektivität fällt es dem Menschen leichter, ästhetisches Empfinden dort zu verwirklichen, wo andere nicht hineinreden. Es ist im Kleinen leichter umzusetzen als im Großen, im Privaten leichter als im Beruflichen, im Häuslichen leichter als im öffentlichen Leben, in der Familie leichter als in der Weltpolitik. Ästhetisches Empfinden ist Voraussetzung, um zu wissen, wo man den Hebel am besten ansetzt.
Aber es beschert uns auch unangenehme Gefühle. Manchmal erleben wir, dass viel Aufwand betrieben wird, um einen Teilbereich eines Themas ästhetisch aufzumöbeln, obwohl daneben etwas liegt, das nicht in der richtigen Verhältnismäßigkeit steht – zumindest nicht zu dem, was gerade in schönsten Anschein gebracht werden soll. Dieses störende Empfinden haben wir manchmal beim Betrachten großer Zusammenhänge, beispielsweise solcher, die mit dem globalen Zusammenwachsen oder mit der Ökologie zu tun haben, aber auch im Kleinen, im Privaten, im menschlichen Miteinander. Auch das entstehende Missgefühl, wenn auf einer Seite Dinge ästhetisch poliert werden, während anderes daneben deutlich vernachlässigt bleibt, kommt aus unserer Fähigkeit zum ästhetischen Empfinden.
Dort, wo wir uns mit diesem Empfinden wohlfühlen, sind wir wacher, aufnahmebereiter und leistungsfähiger. Voraussetzung dazu ist eine gewisse Freiheit. Zwänge setzen diesem Empfinden ihre Grenzen. Sachzwänge, Termindruck und Zeitknappheit, starre Hierarchiestrukturen und Bürokratie können unseren Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge außer Kraft setzen.
Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch, der diese Fähigkeit als ein festes und unveränderliches Ausstattungsmerkmal einzelner Menschen definiert und damit Personen mit höherem von solchen mit niedrigerem ästhetischem Empfinden unterscheidet, werden wir feststellen, dass jeder mit diesem Potenzial ausgestattet ist. Allerdings wird es unter Stress gewaltig reduziert. In einem überforderten Zustand regiert oft nur noch die Kosten-Nutzen-Rechnung, und wir hören andere und uns selbst sagen: „Das geht jetzt nicht anders, das muss so sein, das können wir uns anders nicht leisten.“ Irgendwie schwingt in diesen Aussagen etwas mit, das nicht direkt ausgesprochen wird: „Auch wenn es dir nicht passt, auch wenn es deinem Empfinden widerspricht, auch wenn du dies als unpassend und irgendwie unästhetisch empfindest … es wird so gemacht!“
Keine Frage, es gibt solche Zwänge. Oft sind sie begründet, manchmal aber auch nicht. Sie können zum Beispiel auftreten, wenn im Miteinander jeder Mensch nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit sieht und die Zeit nicht vorhanden ist, sich ausreichend auszutauschen – ausreichend, um ein gemeinsames und umfassendes Bild von der Wirklichkeit zu erzeugen.
Für die Selbstorganisation ist die Fähigkeit zu ästhetischem Empfinden eine Schlüsselfunktion. Den Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge wecken und stabilisieren zu können und ihn wiederherzustellen, wenn er einmal verloren ging, ist ein elementarer Bestandteil des eigenen Verantwortungsbereiches. Die Grundlage dafür liegt in unserem Körper, in unserer Biologie gegründet.
Wir werden uns im Weiteren mit der Fähigkeit beschäftigen, die Verhältnismäßigkeit der Dinge zu erfassen – mit den daraus resultierenden Möglichkeiten wie mit den natürlichen Grenzen. Wir werden uns dafür mit unserer biologischen Natur, mit unseren Vorfahren vor zehn Millionen Jahren, mit der Funktionsweise unseres Gehirns und unserer Körperchemie vertraut machen. Aber zuerst einmal werden wir uns mit dem großen Gegenspieler des ästhetischen Empfindens auseinandersetzen, der Kosten-Nutzen-Kalkulation.
Als ästhetisches Empfinden bezeichnen wir unsere Kompetenz, die Dinge der unterschiedlichsten Bereiche des Lebens in ihrer Verhältnismäßigkeit zueinander wahrzunehmen und darin Ordnung oder auch Unordnung zu empfinden – ohne dabei den Überblick zu verlieren.
Ästhetisches Empfinden bezeichnet nicht nur das visuelle, geschmackliche Empfinden (schickes Design, schöne Wohnung etc.), sondern weiter gefasst die Fähigkeit, alle Wahrnehmungen zueinander in Beziehung zu bringen – sie im Idealfall im Gesamtbild als stimmig und „in Ordnung“ zu empfinden, aber auch Störungen im Zusammenhang erkennen und benennen zu können.
Leider verlieren wir beim Blick auf das Störende oft den Überblick und somit die ästhetische Empfindung für das große Ganze. Dadurch sind wir einmal mit höherem, ein andermal mit geringerem ästhetischem Empfinden ausgestattet. Empfundener Druck, Zwänge und starre Vorgaben wirken dieser Fähigkeit entgegen, Freiheit dagegen fördert sie.
Vor einer Weile unterhielt ich mich mit dem Seniorchef meines italienischen Lieblingsrestaurants. Er ist ein fleißiger Mann, der mit seiner Frau jeden Tag der Woche viele Stunden lang arbeitet. Die Geschäftsführung gab er bereits vor längerer Zeit an die folgende Generation ab. Seine Arbeit ist dadurch jedoch nicht weniger geworden; von einem verdienten Ruhestand ist bei ihm noch nichts zu merken.
Ein- oder zweimal im Jahr fährt er mit dem Auto nach Italien. Wenn er über die Alpen kommt und sich die weite Ebene Norditaliens vor ihm öffnet, wenn er dann eine Tomate aufschneidet und etwas Salz darüber streut, dann spürt er: Er ist dort, wo er hingehört. Eine Tomate mit Salz schmeckt jenseits des Alpenkammes einfach anders als bei uns in Wuppertal – ganz besonders ihm als Italiener.
Seine leuchtenden Augen während dieser Beschreibung machten mir klar, dass es sich für diesen Augenblick lohnt, viele Anstrengungen auf sich zu nehmen: am richtigen Ort eine Tomate mit Salz essen zu können. Dieser Augenblick ist erfüllend und entschädigt für Mühen; es lässt sich lange von ihm zehren.
Wir alle erleben solche Augenblicke. Oft sind es kleine, banale Erlebnisse, in denen wir ein Angekommensein spüren, in denen uns leicht wird und die uns für manches entschädigen. Es gibt ein natürliches Streben nach Erfüllung, eine Sehnsucht nach individuellem Glück, nach unserer ganz eigenen „Tomate-mit-Salz-Erfahrung jenseits der Alpen“. Wir können dies als eine Art von Hunger bezeichnen. Für dessen Befriedigung nehmen wir Mühen auf uns, sind bereit uns anzustrengen, gehen wir Risiken ein und sind manchmal auch bereit zu scheitern.
Alltäglich sind diese schönen Momente nicht – im Gegenteil, meist sind sie ein seltenes Gut. Dabei nehmen wir jeden Tag Mühen auf uns, ersehnen diese Augenblicke, bewusst oder unbewusst, und verpassen doch so viele Gelegenheiten des Ankommens. Wir verpassen sie. Diese Augenblicke sind oft ganz nah, aber wir sind zu weit von ihnen entfernt.
Sicher kennen Sie – so oder ähnlich – die folgende Situation: Sie haben den Wunsch, in einem aufgeräumten Zimmer zu sitzen, zu entspannen und sich an der schönen Ordnung zu erfreuen. Dann räumen Sie alles auf. Aber anstatt sich dann hinzusetzen, fällt Ihnen schon die nächste Aufgabe ein. Und bevor Sie das aufgeräumte Zimmer genießen können, ist es schon wieder unordentlich geworden. „So ist das Leben“, kann man sagen, aber muss es so sein? Eine innere Stimme flüstert: „Man muss eben immer wieder aufräumen, es geht nicht um den Genuss. Stell dir vor, wie es aussähe, wenn du nicht aufgeräumt hättest: Dann wäre es noch viel unordentlicher.“
Wer trägt die Verantwortung dafür, ob wir einen Augenblick Pause machen, nur so, zum Genießen, oder eben nicht? Wo bleibt nach dem Aufräumen der gesunde Egoismus? Wer fordert, weiter aufzuräumen? Nehmen Sie sich einmal für drei Tage probeweise vor, die Früchte Ihrer Arbeit jeweils im direkten Anschluss zu genießen. Lehnen Sie sich zurück und stellen Sie voll Freude fest: „Das ist geschafft und erledigt – gut gemacht!“ Drei bis fünf Minuten reichen schon, und Sie werden merken, wie gut es tut. Es braucht allerdings Übung, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann die eine Tätigkeit aufhört und wo die nächste beginnt.
Betrachten wir die Kosten-Nutzen-Rechnung: Von einem pragmatischen Standpunkt aus gesehen haben wir immer Kosten, auch dann, wenn wir keinen wirklichen Nutzen aus der Tätigkeit schöpfen oder mitnehmen. Würden wir die Kosten ablehnen, würden wir unseren Platz in dieser Gesellschaft verlieren. Der Nutzen hingegen muss erst einmal realisiert werden.
Viel Mühe bedeutet noch lange kein gutes Ergebnis. Eventuell hat man sich richtig angestrengt und das Ergebnis war neutral: nicht gut, nicht schlecht − neutral eben. Von neutralen Ergebnissen kann man nicht zehren, sie stillen unseren Hunger nach schönen Augenblicken nicht, sind ästhetisch nicht befriedigend. Ein anderes Mal erhält man ein erfreuliches Ergebnis ohne besondere Anstrengung. Vielleicht war es sogar ganz einfach. Das Leben beschert einem auch Sonderangebote, es hält sich keineswegs immer an unsere Kalkulation.
Die Kosten-Nutzen-Rechnung gehört zu der Art und Weise, wie wir das Leben bewältigen. Sie suggeriert uns, das Leben sei ein kalkulierbares Geschäft. Sie geht oft auf, aber oft eben auch nicht. Wenn nicht, dann nennen wir es Schicksal. Im Umgang mit der Unkalkulierbarkeit des Lebens – die viel größer ist, als wir es uns üblicherweise eingestehen – unterscheiden sich zwei Gemüter: die Optimisten und die Pessimisten.
Zwar sagen alle: „Ein paar Glücksmomente mehr könnten meinem Leben nicht schaden.“ Oder: „Ein richtig gutes Ergebnis, das wäre schon klasse.“ Aber während die einen eher auf das Auftauchen von Sonderangeboten warten und sich in ihrem Optimismus entspannen, verleugnen die anderen, die Pessimisten, die Existenz der Freundlichkeiten des Lebens und halten es für notwendig, ihre Konzentration und Anstrengung kontinuierlich aufrechtzuerhalten. Von der Kosten-Nutzen-Rechnung her lässt sich für beides argumentieren, beides hat Vor- und Nachteile.
In einer Zeit, in der Optimismus vorwiegend positiv bewertet wird, Pessimismus fast immer negativ, ist dies eine etwas provokante Aussage. Und am sinnvollsten ist tatsächlich der Mittelweg, auf dem sich der pure Optimismus und der pure Pessimismus zugunsten einer realen Gegenwartseinschätzung vermischen. Dies gilt für die großen, gesellschaftlich relevanten Themen wie auch für die kleinen Themen des Alltags: Der Königsweg liegt meist in der Mitte.
Die Frage, wie jener Mittelweg zu finden ist, wird uns weiter beschäftigen. Unsere Wahrnehmung, die Fähigkeit zur ästhetischen Empfindung und auch der hilfreiche mittlere Weg sind abhängig vom Zusammenspiel dreier Faktoren: der Aufmerksamkeit, der Konzentrationsfähigkeit und der Entspanntheit. Betrachten wir als Nächstes das Zusammenwirken dieser drei Faktoren.
Die Unkalkulierbarkeit des Lebens ist größer, als sie uns oft erscheint. Sie hält uns jedoch nicht davon ab, in alltäglichen Situationen Kosten und Nutzen für anstehende Tätigkeiten geradezu automatisch zu kalkulieren.
Auch die Unwägbarkeiten des Lebens werden einkalkuliert. Tun die einen dies als Optimisten und vertrauen auf das Glück, dann gibt es die anderen, die Pessimisten, die dem Pech den größeren Einfluss einräumen.
Beides hat Vorzüge und Nachteile. Für eine reale Gegenwartseinschätzung ist die Mitte zwischen Optimismus und Pessimismus ein guter Ausgangspunkt.
Etwas in uns weiß, dass vieles besser läuft, wenn wir entspannt sind. Wir kennen die Tücken der inneren Verkrampftheit und die Vorteile des positiven Denkens. Diese Seite in uns hat sich die Sonderangebote des Lebens gemerkt und kann mit diesen argumentieren. Sie meldet sich auch dann, wenn wir große Anstrengungen vermeiden wollen. Hier stellen wir uns gerne schöne Dinge vor und überlegen, wie es wäre, wenn uns dies oder jenes in ausgezeichneter Weise gelingen würde.
Eine andere Seite in uns weiß, dass es ohne Anstrengung einfach nicht geht. Wir kennen die Gefahren, die in mangelnder Konzentration liegen, und manche sind vielleicht mit „Murphys Gesetz“ vertraut: „Alles, was schiefgehen kann, geht auch irgendwann schief.“ Auf dieser Seite wissen wir, dass das Leben kein romantisches Märchen mit garantiertem Happy End ist, dass ohne Anstrengung sich keine guten Ergebnisse erzielen lassen und dass wir dafür Anspannung und Ärger in Kauf nehmen müssen. Hier denken wir über das nach, was schiefgehen könnte, und bereiten uns bestmöglich auf die Tücken des Lebens vor.
Nun müssen wir aber keine Entscheidung treffen, welche die bessere Einstellung ist, der Optimismus oder der Pessimismus – denn mit beiden wir werden unser Leben lang zu tun haben. Mit beiden können und müssen wir auskommen. Auch wenn wir der einen oder der anderen Haltung mehr zuneigen, beide haben ihre Berechtigung, und beide sind durch konkrete Erfahrungen entstanden. Ohne Führung besteht die Gefahr, dass eine Seite die Regie übernimmt – auf eine Art, die unserem Leben nicht guttut.
Diese Einstellungen begegnen uns natürlich auch bei unseren Mitmenschen. Sie kennen sicher Menschen, die ihrer Arbeit mit penetrantem Entspanntheits-Anspruch nachgehen, aber zum Leidwesen der anderen nur selten ein gutes Ergebnis abliefern – und dabei laufend darüber reden, wie gut doch alles sein könnte. Könnte, wohlgemerkt. Und die anderen kennen Sie auch, die ihre Arbeit mit einer strengen „Ich muss mich konzentrieren“-Aura verrichten, denen nichts leicht von der Hand geht und deren daraus resultierende Schwierigkeiten ihr Argument sind, warum sie sich noch mehr konzentrieren müssen. Solche Menschen reden laufend darüber, was alles passieren könnte – und auch diese Aussagen werden im Konjunktiv gemacht.
Nun haben wir oben gesagt, dass beide Seiten geführt werden können. Damit sollten wir weniger unsere Mitmenschen meinen als vor allem diese zwei Wesenszüge in uns selbst, die in unterschiedlicher Gewichtung und in verschiedenen Situationen auftreten. Der eine scheint den anderen mit seinem Erscheinen stets zu verscheuchen, denn sie teilen sich nicht gerne das Revier. Zeigt die eine Seite sich gern in der Arbeit, hat die andere ihr Revier wohl im Privaten. Tritt die eine auf die Bühne, wenn wir in Gesellschaft sind, dann taucht die andere auf, wenn wir etwas alleine machen wollen. Bei genauem Hinsehen in die vielfältigen Lebensbereiche werden wir immer beide Seiten in einem Menschen finden können.
Betrachten wir nun einmal Konzentration und Entspanntheit, dann finden wir auch hier das typische Entweder-oder.
Wenn wir uns entspannen, lässt die Konzentration in der Regel nach. Konzentrieren wir uns stärker, dann spannen wir auch immer etwas an. Eine hohe Konzentration bei tiefer Entspanntheit zu finden ist zwar möglich, aber nicht leicht zu erreichen. Wenn wir es für sinnvoll erachten, diese beiden Seiten zu führen, dann bedeutet das, die Konzentrationsfähigkeit so zu steuern, dass sie nicht die Entspanntheit verscheucht, und, andersherum, die Entspanntheit so zu führen, dass die Konzentration nicht auf der Strecke bleibt. Eine solche Führung ist möglich. Wir beginnen damit, indem wir uns dem Phänomen der Aufmerksamkeit zuwenden, denn diese ist so etwas wie die Dritte im Bunde – und auch der Ausweg aus den Revierstreitigkeiten von Entspannung und Konzentration.
Als Aufmerksamkeit verstehen wir in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, vieles gleichzeitig zu erfassen, viele Details einer Situation mitzubekommen. Sie taucht verstärkt auf, wenn wir in eine komplexe Anforderung geraten, zum Beispiel wenn wir Auto fahren. Dann müssen wir auf das Tempo achten, schalten, die Straßenschilder und den Weg im Auge behalten. Wir dürfen nicht vergessen, das Licht anzumachen, wenn wir in einen Tunnel hineinfahren, und müssen in engen Straßen damit rechnen, dass ein Kind auf die Straße rennt. Hier erleben wir Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit und Konzentration sind sehr unterschiedliche Aktivitäten. Die Aufmerksamkeit streut unsere Wahrnehmung breit in einen Raum und macht den Betrachtungshorizont weit. Die Konzentration hingegen bindet die Wahrnehmung gleichsam an eine Art von Linie auf das Ziel hin und reduziert den Betrachtungshorizont auf das unbedingt Notwendige.
Beide Begriffe mögen oft als beinahe dasselbe erscheinen. Sie werden in unserer Sprache sogar als Synonyme benutzt, also als Begriffe, die man austauschen kann. Aber ihnen liegen ganz unterschiedliche Gehirnaktivitäten zugrunde. Körperchemie und muskuläre Haltungsmuster sind jeweils ganz andersartig.
Bevor wir uns mit den biologischen und medizinischen Unterschieden von Konzentration und Aufmerksamkeit beschäftigen, fassen wir noch einmal zusammen:
Entspanntheit ist die Fähigkeit, innerlich locker zu bleiben, sich frei zu fühlen, die Dinge mit Humor zu betrachten und sie spielerisch anzugehen.
Konzentration ist die Fähigkeit, sich einer Sache ganz zuzuwenden, sie in ihrem Verlauf zu beobachten, selbst bei sich ändernden Rahmenbedingungen dranzubleiben, sich weder von Unannehmlichkeiten noch von Verlockungen ablenken zu lassen – all das bei einem auf das Wesentliche beschränkten Wahrnehmungshorizont.
Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, viele Dinge im Raum in einer komplexen Wahrnehmung gleichzeitig im Blick zu behalten, bei geweitetem Betrachtungshorizont. Sie ist wichtigste Grundlage unserer Fähigkeit zur ästhetischen Empfindung.
Wenn wir eine dieser Fähigkeiten verstärkt einsetzen, zahlen wir bei den beiden anderen zuerst einmal einen Preis. Wenn wir uns sehr entspannen, lassen Konzentration und Aufmerksamkeit nach. Wenn wir uns sehr konzentrieren, verlieren wir sowohl die Entspanntheit als auch unsere Aufmerksamkeit. Wenn wir versuchen, alles auf einmal mitzubekommen, gehen Konzentration und Entspanntheit dahin.
Bevor wir uns damit beschäftigen, wie wir die beiden Kontrahenten Konzentration und Entspanntheit in uns befrieden und zur Kooperation führen und welche Rolle die Aufmerksamkeit dabei hat, unternehmen wir im nächsten Abschnitt (1.5) eine kleine Reise zurück zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte, um unsere Natur besser zu verstehen.
In der sogenannten Wiege der Menschheit, irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent vor zehn Millionen Jahren, haben unsere Vorfahren eine Art Arbeitsteilung samt dazugehörigem Spezialistentum entwickelt. Sie kannten neben der entspannten Haltung zwei deutlich unterscheidbare Grundhaltungen für herausfordernde Situationen. Aus diesen heraus begegnen wir auch heute noch den Phänomenen der äußeren und inneren Welt sehr unterschiedlich.
Wenn sie uns bewusst sind, bekommen wir eine Wahlmöglichkeit zwischen diesen zwei biologischen Einstellungen oder Geisteshaltungen. Wenn sie dagegen unbewusst bleiben, steuern sie uns im Hintergrund nach ihren Gesetzen. Daher betrachten wir als Nächstes die beiden Reaktionsweisen auf herausfordernde Situationen – als Voraussetzung für die Fähigkeit, hier eine Entscheidung zu fällen.
In unserem Leben wechseln Phasen der Anspannung und Phasen der Entspannung. Konzentration ist dabei mit Anspannung verbunden. Von der Konzentration unterschieden ist die Aufmerksamkeit. Auch diese erzeugt eine für sie typische Spannung, aber eine andere als die Konzentration.
Als Konzentration bezeichnen wir die Fähigkeit, sich einer Sache ganz zuzuwenden und sie in ihrem Verlauf zu beobachten – bei reduziertem Betrachtungshorizont und ohne sich ablenken zu lassen. Aufmerksamkeit ist unsere Fähigkeit, über viele Dinge im Raum in einer komplexen Wahrnehmung gleichzeitig den Überblick zu behalten – bei einem möglichst weiten Betrachtungshorizont.
Unterschiedliche Spannungsmuster und die mit ihnen verbundenen körperlichen Haltungen zu kennen, eröffnet eine sinnvolle Wahlmöglichkeit.
Wir können uns die Lebenssituation unserer Vorfahren auf dem afrikanischen Kontinent – stark vereinfacht und auf unser Thema bezogen – folgendermaßen vorstellen: Vor etwa zehn Millionen Jahren hatten starke klimatische Veränderungen die Lebensbedingungen drastisch verändert. Weite Teile Afrikas versteppten. Die Frühmenschen mussten tagelang ohne Nahrung auskommen können, und in der Folge nahm der Anteil tierischer Eiweiße mit hohem Energiepotenzial auf dem Speiseplan deutlich zu. Die Jagd wird nicht leicht gewesen sein – die Beutetiere waren im hohen Gras erst einmal nicht sichtbar und nur durch Rascheln und vielleicht Geruch wahrzunehmen.
Mit den Veränderungen der äußeren Welt entwickelten sich die geistigen Anlagen und Fähigkeiten wie auch die Körper unserer Vorfahren. Die Hände, die nicht mehr zum Klettern gebraucht wurden, wurden frei für neue Aufgaben. Fantasie und Vorstellungskraft entwickelten sich in dem Maße, in dem der Überblick verloren ging. Die Entwicklung der komplexen Sprache begann.
Wir sehen eine Horde unserer Vorfahren hungrig durch die eintönige Landschaft ziehen – umgeben von mannshohem, ungenießbarem Steppengras, das sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Da – ein Anhaltspunkt für eine mögliche Nahrungsquelle! Vielleicht ein Rascheln im dichten Gras oder der Anblick von am Himmel kreisenden Geiern? Hoffnung und Bedrohung werden sich da spontan gemischt haben. Deutet das Rascheln auf ein Kaninchen oder auf eine giftige Schlange hin? Befinden sich Löwen an der Aasstelle? Da mussten schnelle Entscheidungen her. Es konnte nicht jeder seine eigene Planung mit den anderen diskutieren. Wer zu spät kam, den bestrafte schon damals das Leben.
In dieser Situation sind drei grundsätzlich verschiedene Haltungen auszumachen: erstens die Haltung der bestimmten Absicht, zweitens die entspannte Haltung und drittens die Haltung des freien Führens. Beginnen wir mir der ersten, der statistisch häufigsten und biologisch wahrscheinlichsten Reaktionsweise in herausfordernden Situationen, der Haltung der bestimmten Absicht.
Eine Überraschung löst beim Menschen eine klar zu beschreibende und immer gleich ablaufende Reaktionsfolge aus. Beim Rascheln im Steppengras wird ein Zusammenzucken durch unsere Vorfahren gegangen sein, das ich genauer beschreiben will, denn es entspricht der Weise, wie wir auch heute noch spontan auf eine Vielzahl unklarer Reize reagieren. Einem manchmal hörbaren kurzen Einatmen folgt der Impuls, die Atmung anzuhalten. Die Muskulaturen insbesondere der Körpervorderseite, des Brustkorbes, des Schultergürtels und der Bauchdecke spannen sich an. Der Nacken verschwindet zwischen den etwas nach vorne kommenden Schultern, der Körper duckt sich ein bisschen und wird sprungbereit durch eine Verstärkung der Wirbelsäulenkrümmung sowie ein leichtes Anwinkeln der Kniegelenke. Das Gewicht verlagert sich dabei nach vorne auf den Vorderfuß. Die Ellbogen zeigen etwas nach außen, die Hände werden leicht nach innen gedreht und geraten in eine greifbereite Haltung. Der Mensch geht in eine sprungbereite, leicht geduckte Angriffsposition und reduziert dabei die Atmung.
Parallel geschieht etwas in der Einstellung der Sinnesorgane. Mit der Frage: „Was erwartet mich?“ oder „Was kommt auf mich zu?“ fokussieren wir alle Sinnesorgane auf diesen Punkt der plötzlich aufgetauchten Beobachtung, der Horizont zieht sich förmlich zusammen. Außerhalb dieser Wahrnehmung liegende Geräusche werden ausgefiltert und ignoriert. Nur die Signale aus der nun wichtigen Richtung werden im Gehirn zugelassen. So dringt der Ruf eines entfernt vorbeifliegenden Vogels nicht mehr zum Bewusstsein durch. Auch das Sehfeld verengt sich auf die vorgegebene Richtung, sodass die peripheren Eindrücke verschwinden; wir reden heute bei hohem Stress von Tunnelblick. Details, die am Rand unseres Blickfeldes auftauchen, werden vom Gehirn ausgeblendet.
Wenn der Geruchssinn beim modernen Menschen auch sehr in den Hintergrund gerückt ist, können wir doch folgern, dass sich dieser Sinn ebenfalls auf wenige, als bedeutsam eingestufte Geruchsmarken beschränkt. Etwas Entsprechendes geschieht im Weiteren auch mit dem Körper-Sinn, jenem Bereich unserer Wahrnehmung, der sich auf die Vermittlung von Signalen aus Haut, Bewegungsapparat und Organen versteht. Viele dieser Empfindungen werden aus dem Bewusstsein ausgeblendet – bis hin zu weitgehender Schmerzunempfindlichkeit.
Wir alle kennen dies: Nach einer herausfordernden Anstrengung kommen wir zur Ruhe und bemerken, dass wir wohl schon längere Zeit Durst hatten, diesen jedoch nicht wahrgenommen haben. Ähnlich verhält es sich mit den „schweren Beinen“, einem Kopfschmerz, einer vollen Harnblase oder einem verspannten Rücken. Oft werden uns diese Empfindungen erst bewusst, wenn unsere Anspannung nachlässt, sie waren ausgeblendet.
Noch ein weiteres Phänomen können wir beobachten. Wie unsere Sinnesorgane wird auch unser Denken plötzlich ganz von diesem „Da“ beherrscht. Dieses „Da“, das vor dem „Hier“ des eigenen Beobachtungspunktes auftaucht, zieht alle Konzentration und alle geistigen Tätigkeiten auf sich. Es beherrscht unser Denken mit einer Intensität, dass es oft unmöglich scheint, die Gedanken wieder davon zu lösen.
Psychologisch kann man hier von einer intensiven Subjekt-Objekt-Beziehung sprechen. Das „Hier“ und das „Da“ werden zu zwei gegensätzlichen Spannungspolen, zwischen denen eine Linie möglicher – gewinnversprechender oder bedrohlicher, sinnvoller oder fraglicher – Handlungsalternativen entsteht. Eine Linie, die es konzeptionell zu erfassen gilt und die unsere Vorstellungskraft aktiviert. In dieser Situation ist der Mensch angespannt. Es gibt dort etwas, das er bewusst oder unbewusst unter Kontrolle bringen will, das nicht über sein Leben bestimmen soll. Hier will er selber bestimmen und dazu aktiviert er seinen Willen. Hier haben wir die Grundlage der Angriffshaltung, der Haltung der bestimmten Absicht.
In obiger Beschreibung finden wir vieles wieder, was wir bereits zur Konzentration gesagt haben. Etwas Wichtiges kommt jedoch hinzu. In der Haltung der bestimmten Absicht wird die schlechteste Möglichkeit zwar nicht für wahrscheinlich gehalten, aber ihr Eintreffen wird bewusst oder unbewusst in Betracht gezogen. Sie ist in der Gesamtkalkulation enthalten. Mit dieser Bereitschaft, den widrigsten Umständen zu begegnen und ihnen zu trotzen, haben unsere Vorfahren manches stattliche Beutetier erlegt.
Danach haben sie wohl gefeiert – ähnlich wie wir, wenn wir etwas Schwieriges hinter uns gebracht haben. Schauen wir uns auch dies genauer an. Sektkorken haben damals noch nicht geknallt. Unsere Vorfahren werden sich zuerst einmal satt gegessen haben, und damit entstand Gelegenheit zur Entspannung. Nach all den Anstrengungen, Entbehrungen und Gefahren kam nun die Gelegenheit einer Ruhephase. Sie werden gerastet und den Ort zu einem Ort der Entspannung umfunktioniert haben – wo man allerlei Blödsinn machen konnte, wo man sich gegenseitig die Knochen abjagte, nachdem der erste Hunger gestillt war. Wo man spielte, Konkurrenten ärgerte und den attraktiven Personen des anderen Geschlechts sein Interesse zeigte. Irgendwann werden sie dann, sich räkelnd und gähnend, nach einem passenden Schlafplatz Ausschau gehalten haben. All das ist Ausdruck der entspannten Haltung. Sie in ein eingängiges Bild zu bringen, ist schwer. Die entspannte Haltung kann voller Bewegung sein, sie hat viele Gesichter, und wir werden noch einigen in diesem Buch begegnen.
So wäre in Anbetracht eines stattlichen, frisch erlegten Beutetieres die Zeit geeignet, es sich uneingeschränkt gut gehen zu lassen. Aber da war die Konkurrenz – die Säbelzahntiger, die Hyänen und all die anderen, die nur auf das Schwinden der Aufmerksamkeit warteten, um den Frühmenschen die Beute abzujagen.
Wir können uns vorstellen, dass es zumindest immer einen aus der Gruppe brauchte, der sich nicht der Entspannung hingab, der die Aufmerksamkeit nicht schwinden ließ, der den Überblick behielt und wachsam auf jedes noch so kleine Geräusch im Steppengras achtete, einen erfahrenen aufmerksamen Führer – oder eine Führerin.
Nach der Haltung der bestimmten Absicht und der entspannten Haltung wenden wir uns nun der dritten Haltung zu, der Führungshaltung.
