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Mehr Freude, mehr Freiheit Sex ist ein Geschenk Gottes – doch gerade als Christinnen erleben wir oft Verwirrung, Schuldgefühle oder Unsicherheiten. Andrea Hansen spricht offen und ehrlich darüber, was Frauen brauchen, um ihre Sexualität als befreiend, lebendig und wohltuend zu erleben. Einfühlsam geschrieben, mit praktischen Tipps und aus sensibler theologischer Perspektive zeigt sie, wie du zurück zu dir selbst findest – zu einem gesunden, entspannten Umgang mit deinem Körper, deinen Bedürfnissen und biblischen Wahrheiten. Dieses Buch begleitet dich auf dem Weg zu mehr Leben, Freude und erfüllter Intimität – ganz im Einklang mit deinem Glauben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2026
Andrea Hansen (Jg. 1986) ist selbstständige Paar- und Sexualberaterin. Am liebsten denkt sie darüber nach, wie Christinnen und Christen ihren Glauben in Leichtigkeit und Gesundheit leben können. Mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern lebt sie im Frankenwald.
Dein Weg zu mehr Leichtigkeit
Sex ist ein Geschenk Gottes – doch warum fühlt es sich dann oft so kompliziert an? Wenn du dich das auch schon gefragt hast, ist dieses Buch für dich. Andrea Hansen lädt dich ein, ehrlich hinzuschauen und neu zu entdecken, was dir guttut. Sie erklärt, womit wir Frauen manchmal zu kämpfen haben und was wir brauchen, um unsere Sexualität als lebendig und wohltuend zu erleben. Mit praktischen Übungen zeigt sie dir, wie du zu einem entspannten Umgang mit deinem Körper, deinen Bedürfnissen und deiner Sexualität findest.
»Ein mutiges, humorvolles und zugleich tiefgehendes Buch, das uns einlädt, Frieden mit unserem Körper zu schließen und unsere Sexualität im Licht eines liebenden Gottes neu zu entdecken. ›Frei und verbunden‹ führt mit Leichtigkeit und Herz zurück in echte Verbindung – zu uns selbst, zu Gott und zu unserem Partner.«
Marina Hoffmann, Bindungsorientierte Familienberaterin
»Dieses Buch öffnet Räume, in denen Frauen ihre Sexualität ohne Angst und ohne religiösen Druck erforschen können. Mit Unterstützung von praktischen Übungen lädt es dazu ein, innere Fesseln zu lösen und gleichzeitig in einer authentischen, liebevollen Beziehung zu Gott verwurzelt zu bleiben.«
Tabea ZornPaar- und Sexualtherapeutin
»Die Paar- und Sexualberaterin Andrea Hansen schreibt einfühlsam und fachlich fundiert über die Lust der Frau und räumt mit frommen Mythen auf, die die Sexualität von vielen Frauen noch heute belasten. Ich finde das Buch so spannend, dass ich es gleich noch einmal lesen werde.«
Christine PoppeTraumacoach und Autorin
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-417-27152-2 (E-Book)
ISBN 978-3-417-01064-0 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2026 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Str. 41 · 71088 Holzgerlingen
brockhaus-verlag.de
Die Vornamen in den Zitaten ohne Quellenangabe wurden geändert.
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel
Weiter wurden verwendet:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen
Die Zürcher Bibel © 2007 Verlags der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich
Lektorat: Christiane Kathmann
Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Stuttgart
Titelbild: Aquarell: Maryna Yazbeck, unsplash
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Für alle Frauen, deren Lust sich zu lange verstecken musste
Über die Autorin
Über das Buch
Stimmen zum Buch
willkommen
kleiner spoiler
TEIL 1 die crux mit der lust der frau
1 das körper-dilemma
2 das gedanken-dilemma
3 das gefühls-dilemma
4 das beziehungs-dilemma
TEIL 2 fünf gamechanger für guten sex
5 gamechanger 1: sex geschieht in modi
6 gamechanger 2: ein orgasmus fällt nicht vom himmel
7 gamechanger 3: lust ist keine glückssache
8 gamechanger 4: ungesunde muster durchbrechen
9 gamechanger 5: dein körper & du im teamplay
ein paar letzte gedanken zu gutem sex
surety culture
dankeschön
anmerkungen
Hey, willkommen!
Wie schön, dass du in meinem Buch blätterst.
Warum es dich wohl neugierig gemacht hat?
Vielleicht, weil du das Gefühl kennst, irgendwie von deinem eigenen Körper abgeschnitten zu sein? Einfach keinen richtigen Zugang zu finden zu deiner Lust und deinem Begehren? Vielleicht, weil du Sex nicht auf die Weise genießen kannst, wie du es dir immer erträumt hast?
Damit wärst du nicht allein. Vielen Frauen geht es so. Und während sie sich anstrengen, irgendetwas zu fühlen, erlebt ihr Partner beim Sex fast wie von selbst die reinsten Höhenflüge …
Wenn diese Worte etwas in dir berühren, dann ist dieses Buch für dich. Es soll dir helfen, dich wieder mit deinem Körper zu verbinden. Du darfst lernen, dir selbst nahe zu sein. Und entdecken, was es heißt, ein sexuelles Wesen zu sein.
Dieses Buch will dich auf eine Reise mitnehmen. Eine Reise zu sexueller Unbeschwertheit. Zu mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit. Und zu tiefem Genuss. Kurz: Auf eine Reise zurück zu dir selbst.
Wie sieht’s aus? Bist du dabei?
Früher dachte ich immer, Sex würde einfach so über mich kommen. So, wie das eben in all den romantischen Filmen vermittelt wird. Erst küsst man sich, dann zieht man sich aus, landet im Bett – und in der nächsten Szene wacht man glücklich und verliebt nebeneinander auf. Das dazwischen, das funktioniert wie von selbst. Und vor allem ist es wunderschön. Überwältigend.
Diese Traumvorstellung half mir über die Wartezeit hinweg, denn mein jetziger Mann und ich hatten uns entschieden, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten.
Nach der Hochzeit merkte ich allerdings schnell, dass meine Gedanken wohl etwas naiv gewesen waren. Ich war immer noch dieselbe Person. Genauso unsicher, schüchtern und unerfahren wie vorher. Und mit dem wie von selbst hat es leider auch nicht geklappt. Ich musste beim Sex irgendetwas tun – die Frage war nur, was?
Wir hatten Sex, aber ich konnte ihn nicht genießen. Ich kannte meinen Körper nicht. Ich wusste nicht, was mir gefiel. Ich hatte keine Orgasmen.
Es war zum Verzweifeln! Da durfte ich nun endlich Sex haben – und nun konnte ich ihm einfach nichts abgewinnen!
In meiner späteren Beratungsarbeit habe ich gemerkt, dass ich mit diesen Erfahrungen kein Einzelfall war. Und dass es viele Gründe dafür gibt.
Viele christliche Frauen leiden.
Sie leiden darunter, dass der Sex, den sie erleben, bei Weitem nicht der ist, den sie sich vor der Hochzeit ausgemalt haben.
Sie sind frustriert und hoffnungslos.
Sie fühlen sich von ihrem Körper abgeschnitten und ihre Sexualität liegt in Ketten.
Viele haben Sex für sich abgeschrieben. Sex und ich – ein Satz mit x. Das ist eben einfach nicht mein Ding.
Und das macht sehr viel mit ihnen. Frauen, die sexuell über Jahre hinweg frustriert werden, verlieren oft ihre Leichtigkeit. Und mit ihrer Leichtigkeit verlieren sie ihre Authentizität. Ihr Selbstwertgefühl sinkt. Sie werden unsicher. Oder härter. Bitter, weil sie eine unterschwellige Wut auf ihre Ehemänner empfinden. Oder sie werden zu unerbittlichen Perfektionistinnen, um wenigstens in anderen Bereichen die Kontrolle zu behalten. All das verstärkt wiederum die Unfähigkeit, Sex zu genießen.
Ein echter Teufelskreis.
Viele Frauen fühlen sich, als wäre das Leben in ihnen eingesperrt. Und sie kommen einfach nicht daran. Sie haben keinen Zugang zu ihrem Körper. Sie leben im Kopf – und kämpfen dort! Womit? Mit unglaublich vielen Herausforderungen gleichzeitig. Diese Kämpfe halten sie davon ab, in ihrem Körper Platz zu nehmen1 und das Leben zu leben, das Gott für sie hat.
Moment mal! Übertreibe ich hier nicht ein bisschen? Hält sexueller Frust wirklich Frauen von Gottes Plan ab?
Wenn wir davon ausgehen, dass Gott uns als sexuelle Wesen erschaffen hat, dann ja. Genauso, wie er uns auch als geistliche Wesen erschaffen hat. Diesen Teil haben wir oft recht gut verstanden. Aber was es heißt, ein sexuelles Wesen zu sein, ist vielen Frauen fremd. Doch damit verpassen wir etwas Wichtiges von dem, was sich Gott für uns gedacht hat. Es ist, als ob ein Teil von uns einfach abgestorben wäre … Hat er überhaupt jemals gelebt?
Woher kommt das? Und warum betrifft es vor allem Frauen? Was machen wir falsch?
Erst mal: Wir machen nichts falsch! Wir haben es lediglich um einiges schwerer als unsere Männer. Schon bei nichtchristlichen Frauen gibt es viele Herausforderungen, die es ihnen erschweren, Sex einfach so zu genießen – im Gegensatz zu Männern. Christliche Frauen stehen vor denselben Hürden – und vor einigen mehr.
Erregung und Sex wurden jahrhundertelang mit Sünde assoziiert. Gefühle von Scham und Schuld führen dazu, dass wir den eigenen Körper bekämpfen und Erregung unterdrücken. Ist eine Christin dann schließlich verheiratet, darf sie sich plötzlich nicht mehr entziehen – jetzt steht sie in der Sex-Pflicht. Eine »echte Christin« übergeht auch hier wieder ihren Körper.
So etwas ist tödlich. Für weibliche Lust, Begehren, Sexualität. Und letztlich raubt es auch der Beziehung die Freude.
Die Sache ist: Sex ist sehr wohl unser Ding! Wenn wir Frauen wüssten, was unser Körper für uns bereithält, dann würden wir uns danach sehnen.
Wir wären frei, wir selbst zu sein. Unsere Sexualität authentisch zu leben. Und würden eine tiefe Verbindung mit unserem Partner erleben. Denn nur, wenn wir echt sind, können wir auf tiefster Ebene eins werden. Wir wären gleichzeitig frei und verbunden. Wir könnten endlich aufatmen.
Dazu müssten wir nur ein paar Dinge wissen – und wir müssten ein kleines bisschen umdenken. Dann, ihr Lieben, würden sich in uns Frauen ganz neue Welten auftun. Wir würden zu neuer Lebendigkeit gelangen. Wir würden das volle Potenzial ausschöpfen, das Gott in unseren Körper gelegt hat. Und der weibliche Körper ist zu einer ganzen Menge Lust fähig! (Männer, seid ihr überhaupt bereit dafür?!)
Guter Sex ist auch für dich. Also, packen wir es an!
JETZT BIST DU DRAN!
Im Buch stelle ich dir neben vielen Fakten, Tipps und Gamechangern auch einzelne Übungen vor. Fühl dich frei auszuprobieren, was dir guttut. Wenn du merkst, dass du bei manchem nicht weiterkommst oder Dinge in dir aufbrechen, scheu dich nicht, dir Hilfe bei Fachpersonen aus Psychotherapie, Sexualtherapie oder verwandten Bereichen zu holen. Mach dir bei den Übungen keinen Stress und beachte deine Grenzen. Manches braucht Zeit, manches braucht Begleitung und ganz wichtig: Du musst nicht alle Übungen durchziehen. Nicht alles passt für jeden. Schau einfach, womit du dich wohlfühlst.
Gott hat uns Frauen mit einem Körper beschenkt, der zu tiefster Lust befähigt ist. Warum erleben wir aber genau diese Lust so selten im realen Leben? Nun – Frauen haben es wirklich nicht leicht. Und das sage ich nicht aus Selbstmitleid. (Gut, vielleicht ein wenig …)
Frauen kämpfen nämlich gleich an mehreren Fronten:
Frauen kämpfen mit ihrem Körper.Frauen kämpfen mit ihren Gefühlen.Frauen kämpfen mit ihren Gedanken.Frauen kämpfen in ihren Beziehungen.
Und das alles gleichzeitig.
Hört sich anstrengend an? Ist es auch!
Als ich 14 war, unterschrieb ich bei einem Jugendgottesdienst ein Keuschheitsgelöbnis. Ich würde keinen Sex haben, bevor ich verheiratet war. Ich war sehr stolz auf diese Entscheidung. In dieser Zeit hörte ich auch mit der Selbstliebe auf. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wohl dabei. Ich schämte mich für meine großen Brüste und zog nur noch XL-Pullover an, um sie zu verstecken. Seit fast zehn Jahren bin ich nun verheiratet und hatte noch keinen einzigen Orgasmus. Es ist, als würde mir der Zugang zu meinem Körper fehlen. Mein Mann denkt, dass ich asexuell bin.
Sina, 34 Jahre
Ist dir schon einmal aufgefallen, wie versteckt das Geschlechtsorgan einer Frau eigentlich ist? Wir kennen die Vulva, also das äußere Genital, ja. Aber sie ist nur ein kleiner Teil des weiblichen Geschlechtsorgans. Die Vagina – das innere Geschlechtsorgan, das meist ganz entscheidend beim Sex involviert ist – ist wie ein blinder Fleck für uns Frauen. Wir stecken den Tampon in die Scheidenöffnung – und da verschwindet er irgendwo (gut, dass wir ihn am Bändchen wieder herausziehen können).
Die Vagina ist unbewohntes Land2. Frauen haben ein Problem: Während Männer ihr Glied bereits im Mutterleib berühren, es dann später als Baby beim Wickeln anfassen, in der Kleinkindphase genau erkunden, ganz zu schweigen von der Berührung jedes Mal beim Toilettengang, berühren Mädchen und Frauen ihre Vagina fast nie. Das führt leider dazu, dass unser Gehirn sie nicht registriert. Bekommt unser Gehirn jedoch nicht ausreichend Signale aus einer Körperstelle geschickt, erscheint diese auch nicht auf seinem Radar. Das bedeutet: Wir haben kein innerliches Abbild dafür angelegt.3 Es ist ein blinder Fleck.
Unser Gehirn verfügt mit der Zeit über eine innere Landkarte von all unseren Körperteilen. Je häufiger die Berührung, desto ausgeprägter und präsenter wird ein Körperteil wahrgenommen. Das Haut-Ich bildet sich bereits im Mutterleib. Dort berührt das Fruchtwasser die gesamte Haut des Fötus. Jede Berührung stimuliert die vielen Rezeptoren auf der Haut, die mit Nerven verbunden sind. Das Gehirn legt nach und nach durch diese taktilen Erfahrungen ein Abbild des eigenen Körpers an. Je häufiger Stimulationen von außen kommen oder muskuläre Kontraktionen innere Rezeptoren aktivieren, desto präsenter ist diese Körperregion im Gehirn.
Da unser Genital selten berührt wird, ist es nicht sehr präsent in unserem Gehirn und wird weniger gut von ihm wahrgenommen. All die Rezeptoren in den Vulvalippen und vor allem in der versteckten Vagina nutzen ihre neuronalen Verbindungen kaum (denn das typische Rein-Raus bei der Penetration ist hierfür nicht hilfreich, wie wir später sehen werden). Deshalb zerfallen die nervlichen Verbindungen und lösen sich auf. Use it or lose it. Die Folge? Wir spüren kaum noch etwas. (Keine Sorge: Unser Gehirn ist plastisch und kann jederzeit neu lernen und lebenslang neue neuronale Verbindungen aufbauen. Darum kümmern wir uns nachher.)
Bei Männern dagegen verläuft vom Glied zum Gehirn gewissermaßen eine Nerven-Autobahn. Da sich etwa die Hälfte des Penis außerhalb des Körpers befindet (ja, liebe Männer, euer Glied ist in Wahrheit fast doppelt so lang – irgendwo tief in euch habt ihr das doch immer schon gewusst!), wird er zwangsläufig berührt und gibt Signale an das Gehirn weiter. Männer haben ihr Glied präsent im Kopf, weil sie es tagtäglich spüren. Sie können an seiner Veränderung ablesen, wann sie erregt sind. Damit nehmen sie ihre Erregung visuell wahr und können sie sogar taktil »begreifen«. Ihr Gehirn ist es gewohnt, Signale aus ihrem Genital zu empfangen. Mit jeder Berührung wird die Nervenleitung verstärkt und ausgebaut. Sie funktioniert 1A. Autobahn – dreispurig!
Das ist bei der Vagina anders. Wir können sie nicht sehen, sie uns manchmal vielleicht nicht einmal richtig vorstellen. Vor allem aber ist sie im Alltag nicht präsent. Gehen wir auf Toilette, nehmen wir die Vulva und den Scheideneingang wahr. Aber die Vagina selbst bleibt versteckt. Unbewohnt. Unbeachtet. Sie wird fast nie berührt. Sie ist allerhöchstens ein Trampelpfad, aber ganz sicher keine Autobahn!
Als Christinnen haben wir es da noch mal schwerer. Während viele Mädchen ihre Vagina in den frühen Teenagerjahren (manchmal auch viel früher) entdecken und es nun aufholen, den Trampelpfad zumindest zu einer befestigten Straße auszubauen, tun sich christliche Jugendliche schwer damit, denn Selbstbefriedigung gilt in vielen Gemeinden als Sünde. Damit haben Christinnen keinerlei Zugang zu ihrem Genital. Zu ihrer Lust. Ja, sie wissen oft nicht einmal, wie ihr Genital genau aussieht. Geschweige denn, wie es funktioniert. Oder was ihnen gefällt.
Ist es da ein Wunder, dass wir beim Sex nicht plötzlich ein Feuerwerk der Empfindungen erleben? Eigentlich nicht, denn die Rezeptoren dafür sind einfach nicht trainiert.
Das ist aber noch lange nicht alles.
Frauen haben außerdem das Problem, dass ihr Genital nicht, wie bei Männern, hauptsächlich mit Erregung verknüpft ist. Wir haben noch ein paar kräftige Dämpfer hinzunehmen. Denn unser Genital ist vielfach mit Schmerzen verbunden.
Denken wir zum Beispiel an die erste Periode. Die häufig damit verbundenen Unterleibskrämpfe sind für Mädchen bis dahin völlig unbekannt. Nicht nur das, das Ganze ist auch beängstigend. Verstörend.
Ein junges Mädchen fühlt sich unsicher. Ist vielleicht geschockt von dem, was sein Körper da mit ihm anstellt. Oder es ekelt sich vor dem Menstruationsblut und entfremdet sich so von seinem Körper.
Viele Frauen quälen sich auch später noch während ihrer Periode. Sie schleppen sich unter Schmerzen zur Arbeit, weil es ihnen unangenehm ist, sich jeden Monat neu krankmelden zu müssen.
Manche erleben Monat für Monat Schmerzen, deren Intensität sogar die von Presswehen toppt!4
84 % aller Frauen haben Regelschmerzen und diese können je nach Grad eine enorme Belastung und Beeinträchtigung darstellen.
Etwa 90 % aller Frauen sind vom prämenstruellen Syndrom (PMS) betroffen, also von Beschwerden in den Tagen vor dem Einsetzen der Periode. Diese Zahl schockt dich vielleicht. Es gibt aber eine große Bandbreite bezüglich der Intensität – sie reicht von kleineren körperlichen Beschwerden wie Akne bis hin zu starken psychischen Belastungen.
PMDS, die prämenstruelle dysphorische Störung, ist eine extreme Form von PMS. Sie ist im DSM-5 aufgelistet, einer Sammlung aller bisher bekannten Diagnosen. Bei der PMDS finden sich viele unterschiedliche psychische Symptome wie Panikattacken, Weinkrämpfe und Suizidgedanken, die die Woche vor der Periode für die Betroffenen sehr belastend machen. Ab dem Einsetzen der Periode fallen diese dann plötzlich auf wundersame Weise von ihnen ab und die Frauen fühlen sich meist ziemlich gut. Bis der ganze Kreislauf nur wenige Wochen später wieder von vorne anfängt.
Was kannst du tun, wenn du von PMS oder PMDS betroffen bist?
• Sorge für einen stabilen Blutzuckerspiegel, indem du regelmäßig isst. Verzichte in der zweiten Zyklushälfte auf Nahrungsmittel, die Entzündungen auslösen können, wie etwa Alkohol, Zucker, Milchprodukte, Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Auberginen, Paprika, Tomate).
• Nimm Nahrungsergänzungsmittel zu dir, die speziell in dieser Zeit hilfreich sind. Manche solltest du täglich einnehmen (krampflösendes Magnesium, zyklusregulierenden Mönchspfeffer), andere nur während der Periode (schmerzlindernde B-Vitamine, entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren, die sogar besser wirken als Ibuprofen, entzündungshemmendes Kurkumin). Du kannst außerdem Melatonin einnehmen, das Regelschmerzen nachweislich lindert und gleichzeitig für einen besseren Schlaf sorgt.
• Gönn dir Ruhe und wärme deinen Unterleib, zum Beispiel mit einer Rizinusölpackung.
• Was dir ebenso helfen kann, sind – tataa – Orgasmen! Ernsthaft! Sie setzen schmerzlindernde Endorphine und Oxytocin frei. Viele Frauen mögen während ihrer Tage zwar keinen Paarsex, die Autoerotik ist hier aber eine super Möglichkeit, Selfcare zu betreiben.
Regelschmerzen können sich übrigens auch bessern, wenn du Grenzen setzt und dich selbst aus belastenden Situationen befreist – wie eine dysfunktionale Beziehung oder ein Job, der dir nicht guttut. Überprüfe außerdem, ob du möglicherweise eine Histaminintoleranz hast, denn die kann die Symptome verstärken.5
Etwa 10 % aller Frauen leiden unter Endometriose – das sind an die zwei Millionen Betroffene allein in Deutschland!6 Bei dieser chronischen Erkrankung bildet sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe an anderen Stellen im Körper (vor allem im Becken), das genauso wie die Gebärmutterschleimhaut auf hormonelle Reize reagiert und ebenfalls jeden Monat abblutet, mit dem Unterschied, dass es nicht einfach über die Vagina abfließen kann. Stattdessen sammelt sich das Blut im Bauchraum an, was zu Entzündungen, Verklebungen und Narbenbildung führt.7 Und zu höllischen Schmerzen.
Im fortgeschrittenen Stadium kann durch das entstandene Narbengewebe auch die Entleerung der Blase oder des Darms starke Schmerzen verursachen. Oder der Sex. Zum Beispiel während des Orgasmus. Klar, dass es dann mit der Lust nicht mehr weit her ist. Schlimmer noch, eine zunehmende Angst vor Schmerzen beim Sex kann sogar zu Vaginismus, einem unwillkürlichen Scheidenkrampf, führen.8 Auch hinter Unfruchtbarkeit steckt in etwa der Hälfte der Fälle Endometriose.9
Im Jahr erkranken etwa 40 000 Frauen neu.10 Weil es häufig zu Fehldiagnosen kommt, Ärztinnen und Ärzte nicht ausreichend geschult sind oder Betroffene einfach nicht ernst genommen werden, dauert es im Schnitt sechs bis zwölf Jahre, bis die Diagnose gestellt wird.11 Zur Erinnerung: sechs bis zwölf Jahre, in denen die Frau oft monatlich durch die Hölle geht.
Leider gibt es bisher keine Heilung. Noch nicht einmal die Ursache ist wirklich klar. Einzelne Chirurginnen und Chirurgen sind zwar versiert genug, das zusätzliche Schleimhautgewebe operativ zu entfernen, oft bringt das aber nur vorübergehend Linderung. Die Pille kann die Symptome ein wenig mildern, das rächt sich aber häufig nach dem Absetzen, denn dann verschlimmert sich die Symptomatik.12 Seit September 2024 gibt es fünf neue Forschungsprojekte, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden, um die Krankheit endlich besser zu verstehen und Betroffenen besser helfen zu können.13
Bis dahin kann man nur die Symptome behandeln. Abschwächen lassen sich die Beschwerden zum Beispiel mit Bewegung, denn dabei werden entzündungshemmende Stoffe gebildet. Außerdem verstärkt die Arbeit der Muskeln die Durchblutung, was den schmerzenden Bereich wärmt und zusätzlich dafür sorgt, dass Entzündungsstoffe schneller abtransportiert werden. Bei Bewegung werden außerdem Glückshormone ausgeschüttet, die Schmerzen, Stress sowie depressive Phasen abschwächen können.14
Auch Rizinusölpackungen können die akuten Schmerzen mildern. Ebenso hilft die Einnahme von CBD-Öl, Vitamin B und D, Omega-3-Fettsäuren, Kurkumin und Magnesium. Man sollte auf Gluten verzichten und bei tierischen Produkten auf Bio-Produkte zurückgreifen (um zusätzliche Hormone zu vermeiden).15
Neben Endometriose gibt es weitere Krankheiten, die Schmerzen im Genital verursachen können. Lichen Sclerosus zum Beispiel, eine Hautkrankheit, die schuppige, juckende und brennende Stellen an der Vulva auslöst. Du erkennst sie an den weißen Stellen, die sich nach und nach auf deinen inneren Vulvalippen bilden. Zur Diagnostik solltest du einen Termin in einer gynäkologischen Ambulanz vereinbaren. Auch diese Krankheit ist nicht heilbar, aber im Anfangsstadium gut zu behandeln.
Vielleicht hast du auch Schmerzen am After. Zyklusbedingt kann es immer wieder zu Enddarmkrämpfen kommen. Es hilft, wenn du dann auf Toilette gehst und leicht von innen gegendrückst, als wolltest du pupsen. Im Bett kannst du dich auf den Rücken legen, die Beine anstellen und wieder einen leichten Gegendruck von innen aufbauen, als wolltest du Stuhlgang herausdrücken. Auch warme Sitzbäder oder Aspirintabletten können helfen.
In jedem Fall bist du bei Schmerzen im Genitalbereich gut beraten, wenn du eine vertrauensvolle Gynäkologin oder Gynäkologen aufsuchst, der dich ernst nimmt.
Auf eine ganz andere, weniger pathologische Art von Schmerzen bin ich bisher noch gar nicht eingegangen. Dabei liegt sie auf der Hand: Schwangerschaft und Geburt.
Ehrlich gesagt kommt es für mich einem Wunder gleich, dass Frauen, die so etwas durchgemacht haben, danach jemals wieder Sex wollen! Von bleibenden Geburtswunden einmal ganz abgesehen.
Wenn wir also unser Genital wahrnehmen (gerade die inneren Geschlechtsorgane wie Vagina, Gebärmutter oder Eierstöcke), dann in der Regel, weil es wehtut.
Zoomen wir doch einmal auf den Sex selbst. Mit welchen Herausforderungen kämpft eine Frau hier?
Der erste Geschlechtsverkehr ist für viele Mädchen und Frauen nicht besonders genussvoll. Die Öffnung der Vagina wird zum ersten Mal stark gedehnt, manchmal reißt dabei die Schleimhaut etwas ein, die wie ein kleiner Kranz um den Scheideneingang liegt, das sogenannte Jungfernhäutchen.
Die klassische Vorstellung dazu ist übrigens inzwischen wissenschaftlich überholt.16 Der Mythos behauptet, dass es beim ersten Mal wehtun und bluten muss. Was nicht stimmt. Nicht. Stimmt.
Mit diesem Mythos im Hinterkopf beginnen wir Frauen unsere Erfahrungen mit Sex oft von Anfang an komplett falsch. Schmerzen beim Sex werden legalisiert, denn das ist ja normal. Wir tolerieren, dass es wehtut. Beim ersten Mal muss es das sogar, weil es schließlich die Jungfräulichkeit bestätigt, das höchste Gütesiegel einer Frau (wenn man der Purity Culture Glauben schenken mag).
Fakt ist jedenfalls, dass es kein Häutchen gibt, das die Vagina verschließt und das bei der ersten Penetration durchstoßen wird. Es handelt sich beim Hymen vielmehr um eine Schleimhautfalte rund um die Vaginalöffnung. Ohne Funktion.
Man kann an ihm auch nicht ablesen, ob eine Frau bereits Sex hatte oder nicht. Selbst Gynäkologen nicht. Das Hymen verändert sich im Laufe des Lebens und manche Frauen haben nicht einmal eines. Wenn es verletzt wird, heilt es wieder. Und verletzt wird es meist dann, wenn die Frau beim Sex nicht feucht genug war. Das wiederum liegt oft einfach an der fehlenden Erregung beziehungsweise an zu früher Penetration. Oder an einer zu unvorsichtigen. Die Vagina braucht Zeit, um so weich, weit und entspannt zu werden, dass sie einen Penis aufnehmen kann.
Falls die Feuchtigkeit bei weiblicher Erregung nicht ausreicht, heißt das nicht, dass die Frau anschließend Schmerzen ertragen muss.17 Dafür gibt es Gleitmittel.
Wer beim ersten Mal Schmerzen hat, wundert sich nicht, wenn es auch bei den nächsten Malen wehtut. Und genau das passiert oft. Laut Berufsverband der Frauenärzte in Deutschland empfinden ganze 10 % der Frauen den Geschlechtsverkehr als unangenehm oder sogar schmerzhaft.18
Und das Schlimme daran: Manche Frauen übergehen ihren Körper und hören nicht auf seine Signale. Sie denken: Wer A sagt, muss auch B sagen. Also Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass der Mann schnell kommt. Mit lustvollem Sex hat das Ganze wenig zu tun.
Aber mit Schmerzen beim Sex ist nicht zu spaßen! Auch nicht mit der Angst vor ihnen. Daher ist es so wichtig, dass du deinen Körper nicht übergehst und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ärztlich abklären lässt.
Schmerzen beim Sex – und die Angst davor, diese ein weiteres Mal zu erleben20 – können zur Ursache für Vaginismus werden, einer unbewussten Verkrampfung der Vagina. Bei Vaginismus ist eine Penetration nicht oder nur unter größten Schmerzen möglich.
Häufig liegen die Ursachen für den Vaginismus aber noch woanders. Tief vergraben in der Psyche. Denn Vaginismus kommt bei Frauen mit christlichem oder muslimischem Hintergrund fast doppelt so häufig vor wie in der übrigen Bevölkerung.21
Um als Erwachsene Sex genießen zu können, ist es von entscheidender Bedeutung, wie Sexualität in der Erziehung dargestellt wird. Positiv? Oder doch eher schmutzig, sündig, verboten? Wie reagieren die Eltern, wenn sich ihre Tochter in die Unterhose fasst und das Gefühl von Geborgenheit genießt, das ihr das Streicheln der Klitorisperle vermittelt? Entsetzt? Peinlich berührt? Angeekelt? Je mehr Verbote und negative Botschaften über Sexualität vermittelt werden, desto mehr diffuse Angst baut sich in den Kindern davor auf und jungen Frauen bleibt ihr Genital fremd.
Aber auch das Gegenteil ist ungesund. Wenn Eltern zu freizügig oder grenzüberschreitend sind und das natürliche Schamgefühl ihrer Tochter verletzen, kann das ebenfalls einen unguten, stresshaften Umgang mit Sexualität bewirken.22
Genauso kann sexueller Missbrauch Vaginismus auslösen. Manchmal wird ein Trauma gar generationsübergreifend weitergegeben: Wenn die eigene Mutter missbraucht wurde oder starke Schmerzen beim Sex hatte, gibt sie diese Angst über ihr nonverbales Verhalten weiter. In Untersuchungen wurde sogar belegt, dass Traumata genetisch vererbt werden können.23
Manche von Vaginismus betroffene Frauen haben Angst vor dem, was in die Vagina eingeführt wird. Es könnte zu groß sein und den Unterleib zerreißen, so die Befürchtung. Andere Betroffene haben eher Angst vor dem, was aus der Vagina herauskommen könnte – nämlich ein Baby.
Die Angst vor einer Schwangerschaft spielt oft eine Rolle in einer sexuellen Begegnung. Oder die Angst davor, dass es nicht klappen könnte, wenn die Frau sich von Herzen ein Kind wünscht.
Manche Frauen, die unter Vaginismus leiden, fühlen sich jedoch allein schon von der Vorstellung, für ein Baby verantwortlich zu sein, völlig überfordert. Daher sind die Standardtipps vieler Gynäkologen nicht besonders hilfreich: Schwanger werden und ein Kind kriegen könne den Vaginismus verbessern, da die Geburt die Scheide dann schon »öffne«. Penetration trotz der Schmerzen würde die Scheide weiten. Man solle Medikamente verwenden, um die Vagina zu betäuben oder die Muskulatur zu entspannen, heißt es. Das erinnert leider mehr an Quacksalberei als an moderne Medizin.
Doch der Reihe nach. Was genau ist Vaginismus?
Vaginismus ist ein Scheidenkrampf, der vor oder beim Sex auftritt. Aus Angst vor Schmerzen und Verletzungen verkrampfen die Beckenbodenmuskeln reflexartig. Dabei gibt es verschiedene Ausprägungen: Bei der stärksten Variante verschließt der Beckenboden komplett und es sind auch keine gynäkologischen Untersuchungen möglich, da noch nicht einmal ein Wattestäbchen in die Scheidenöffnung eingeführt werden kann. Bei der mittleren Form wird die Vagina zwar als eng wahrgenommen, aber Tampons können noch eingeführt werden. Bei der leichtesten Variante ist Geschlechtsverkehr unter starken Schmerzen möglich, die meist als stechend, pochend oder brennend beschrieben werden.
Bei Betroffenen wurden selbst unter Narkose Scheidenkrämpfe beobachtet, wenn die Vulva beispielsweise mit Instrumenten berührt wurde. Das zu wissen ist für den Partner sehr wichtig: Der Körper übernimmt hier. Die Frau hat keine Kontrolle. Sie macht das nicht extra. Und schon gar nicht, um ihren Partner zu ärgern oder um ihn sich vom Leib zu halten. Oft ist eine von Vaginismus betroffene Frau deshalb extrem frustriert. Sie wünscht sich von Herzen Sex mit ihrem Partner. Häufig besteht ein Kinderwunsch, während die biologische Uhr tickt. Aber ihr Körper funktioniert einfach nicht.
Betroffene fangen an, an sich zu zweifeln. Sie werden wütend auf ihren Körper und denken: Es klappt doch bei allen, warum nicht bei mir? Was bitte ist falsch mit mir? Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie die Bedürfnisse ihres Mannes nicht erfüllen können, und leben mit Schuldgefühlen, da es schließlich die christliche Pflicht einer guten Ehefrau ist, sich hinzugeben. Druck baut sich auf – und führt zu noch mehr Schmerzen und noch mehr Angst.
Wenn du betroffen bist, dann bist du damit bei Weitem nicht allein!24 Und keine Sorge: Vaginismus ist gut behandelbar. Du solltest die Sache aber nicht alleine angehen. Such dir am besten eine Sexualtherapeutin, die darauf spezialisiert ist und der du vertraust.25
Frauen mit Vaginismus haben oft eine sehr hohe Körperspannung. Die kannst du Schritt für Schritt angehen, wenn du betroffen bist.
JETZT BIST DU DRAN!
Körperspannung verringern
• Lass deine Atmung tief fließen, lockere deine Muskulatur mit millimeterkleinen Mikrobewegungen.
• Spanne einzelne Muskeln im Intimbereich gezielt an und entspanne sie wieder.
• Tanze. Bewege dich.
Grenzen beachten26
Deine Vagina muss neu Vertrauen zu dir gewinnen. Sie muss sich sicher sein, dass du zu ihr stehst, ihre Grenzen beachtest und sie nicht übergehst. Denn du kannst vielleicht deine Körperwahrnehmung »ausknipsen«, aber deine Vagina nicht. Sie blockiert. Ihr Vertrauen gewinnst du, indem du von jetzt an nichts mehr gegen ihren (und genau genommen gegen deinen) Willen tust.
• Sei zärtlich zu ihr, streichle sie sanft.
• Schätze sie wert.
• Habe Mitleid mit ihr, anstatt wütend auf sie zu sein.
• Tausche Liebkosungen mit deinem Partner aus, ohne dass es zu Erregung kommen muss.
• Geh behutsam vor. Bring dich durch sanftes Schaukeln und Bewegen in einen vom Parasympathikus dominierten »Alles-ist-gut«-Modus.27
• Löse die Assoziation Berührung = Schmerz. Zeige deiner Vulva und Vagina, dass Berührung von jetzt an Genuss bedeutet. Inklusive des Respektierens ihrer Grenzen.
Wenn wir Kontrollverlust und Ohnmachtsgefühlen ausgesetzt sind, kann das nicht nur zu Panikattacken und Angststörungen führen, sondern auch dazu, dass unser Körper die Grenzen setzt, die wir selbst noch nicht setzen können.
Manchmal haben wir keine Lust auf Sex, empfinden vielleicht sogar Abneigung dagegen oder gar gegen den Partner. Und trotzdem haben wir Sex. Vielleicht aus vermeintlich geistlichen Motiven, weil eine gute Christin sich nicht entzieht. Möglicherweise haben wir emotionale Gründe, wir tun es, um zum Beispiel Streit zu verhindern oder um nicht abgelehnt zu werden. Nicht selten bleibt unserem Körper dann nur noch, selbst »Stopp« zu sagen – zum Beispiel über Ekel, Wut, Aggression oder eben über Schmerz. Solche starken Emotionen, die sich in uns anstauen, sorgen dafür, dass wir uns vehementer abgrenzen.
Gerade als Christinnen denken wir manchmal, dass es nicht richtig wäre, Grenzen zu setzen und für uns einzustehen. Manche von uns haben gelernt, dass wir uns selbst verleugnen müssen, den anderen höher als uns selbst stellen und unser Kreuz auf uns nehmen sollen.28
Aber kann mit solchen Bibelstellen ernsthaft gemeint sein, dass wir unseren eigenen Körper ausliefern müssen? Ich denke nicht. Vielmehr müssen wir in uns hineinhören und verstehen, was wir nicht möchten, um es dann deutlich zu sagen.
Leider haben viele von uns völlig verlernt, auf unsere Gefühle wie Wut oder Ärger zu hören. Wir haben den Gedanken verinnerlicht: Eine »gute Christin« ist nicht wütend oder rebellisch, sie gibt sich lächelnd und glücklich hin, wann immer ihr Mann nach Sex verlangt. Das kann zu einer krassen Ohnmachtserfahrung führen, die wir jedoch verdrängen, weil Hingabe als Gebot und gottgewollt gesehen wird. Wir gaslighten29 uns damit selbst – das, was wir als schrecklich erleben, nennen wir gut, christlich, Agape-Liebe.
Keine Möglichkeit zu haben, sich zu schützen und abzugrenzen, löst starke Ängste aus. Wenn wir beispielsweise Muskelrelaxanzien einnehmen, um einen Scheidenkrampf zu lösen, verstärkt das die Ohnmacht und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Die Scheide verschließt sich ja gerade, um sich nicht mehr dem vermeintlichen Willen des Mannes unterwerfen zu müssen. Das Problem dabei: Die meisten Ehemänner kriegen überhaupt nicht mit, dass der Sex grenzverletzend ist, weil die Frau aus falschem Pflichtgefühl heraus gute Miene zum bösen Spiel macht. Was für eine Tragödie! Denn die Ehemänner dieser Frauen sind in der Regel keine Monster. Sie wollen, dass ihre Frauen Sex genießen und voll auf ihre Kosten kommen. Von dem Dilemma ihrer Frau kriegen sie gar nichts mit.
Wir Frauen sind also gewissermaßen Schmerzspezialistinnen. Oft erscheinen uns deshalb die Wehwehchen der Männer als geradezu lächerlich. Aber sind Männer wirklich Memmen, während Frauen alles Mögliche aushalten? Oder tendieren wir Frauen einfach aufgrund unserer Erfahrungen dazu, unseren Körper auszuknipsen? Haben wir gelernt, dass es normal ist, dass es wehtut? Sind wir Schmerzen gewöhnt? Beachten wir unseren Körper weniger? Gehen wir erbarmungsloser mit ihm um? Haben einige Männer einfach einen direkteren Zugang zu ihrer Schmerzwahrnehmung – und damit zu ihrem Körper? Ebenso wie in der Sexualität?
Wir Frauen werden schnell ungeduldig mit unserem Körper, wenn er unseren strengen Vorgaben nicht genügt und nicht wie gewünscht funktioniert. Dann wird er zum Feindbild – und einfach ausgeknipst. Und wir schleppen uns trotz Schmerzen überall hin, damit der Laden läuft.
Dabei haben wir oft wenig Ahnung von unserem Körper. Davon was er braucht. Oder wer er ist. Und dass wir dieser Körper sind und uns mit einem solchen Verhalten ins eigene Fleisch schneiden.
Die meisten Frauen haben zum Beispiel keine Ahnung, dass auch ihre Vagina erigiert (nicht nur das Glied des Mannes). Wenn sie erregt sind. Was sie beim Sex leider immer wieder nicht sind.
Das weibliche Genital hat sich aus denselben fötalen Anlagen entwickelt wie das männliche. Die Vagina erigiert allerdings ins Körperinnere. Versteckt. Wieder einmal. Wir können also von außen nicht sehen, ob eine Frau erregt (genug) ist.
Der Penis eines Mannes muss mindestens Erektionsgrad 3 erreicht haben, um steif genug für die Penetration zu sein.30 Eine Frau dagegen hat manchmal sogar Sex mit null Prozent Erregung. Ihre Vagina ist nicht erigiert, sie hat sich nicht nach oben hinten aufgerichtet (in der Fachsprache nennt man das den Tenting-Effekt), sondern liegt wie ein ineinander gefallener Schlauch da. So kann sie ein großes erigiertes Glied viel schlechter empfangen, als wenn sie durch eigene Erektion vergrößert ist.
Die Folge? Wieder einmal Schmerzen.
Wenn sich die Vagina nicht öffnet und aufstellt, stößt der Penis außerdem manchmal während der Penetration gegen die Eierstöcke. Auch das tut weh.
Das weibliche Genital ist mit Schmerzen besetzt. Da kann einem die Lust wirklich vergehen.
Kommt nur noch eine Sache hinzu …
Schönheitsideale gibt es viele. Und kaum eine Frau entspricht ihnen. Mal ehrlich, wer kann es schon mit Fotofiltern aufnehmen?
Die Jugend ist schneller vorbei als gedacht und der Körper steht plötzlich nicht mehr in voller Blüte. Falten, Orangenhaut, Besenreiser, Dehnungsstreifen.
Doch selbst junge Frauen kämpfen mit Minderwertigkeitsgefühlen. Schon junge Mädels brauchen aufgespritzte Lippen oder künstliche Wimpern, um ins Raster zu passen. Dazu kommen all die anderen Probleme: Brust zu klein oder zu groß. Oberschenkel zu dick versus Storchenbeine, insgesamt zu dick oder zu dünn …
Eine Frau, die ihre »Macken« verstecken will, hat beim Sex vor allem eines: Stress. Aber sie wird ihn sicher nicht genießen. Die ständige Selbstbeobachtung und Sorge darüber, wie sie wohl gerade aussieht, erstickt die Lust im Keim.
Hinzu kommt bei jungen Müttern: Nach der Geburt ist Frauen ihr eigener Körper oft fremd. Sie kommen mit der Veränderung kaum klar. Vergleichen sich mit anderen. Fühlen sich hässlich und dick. Zudem sind die Brust und das Genital nun mit ganz anderen Funktionen besetzt: Geburtskanal und Milchlieferant für das Baby. Alles tropft, pulsiert und wird malträtiert.
Ja, wir Frauen kämpfen mit unserem Körper.
Aber vielleicht fangen wir besser einmal ganz von vorne an. Welche Rolle spielt unser Körper eigentlich beim Sex? Was ist Erregung? Und was genau passiert da im Körper?
Auf physiologischer Ebene funktioniert Erregung so: Ein Erregungsreiz trifft auf eines deiner Sinnesorgane. Du siehst zum Beispiel deinen Partner in Unterwäsche, liest ein erotisches Buch, hörst ein leises Stöhnen. Es ist individuell unterschiedlich, welche Reize dein Gehirn als Erregungsreiz identifiziert.
Daraufhin wird der Erregungsreflex ausgelöst. Dein Gehirn schickt nun ein Signal an dein Genital und dieses wird stärker durchblutet. Du spürst, dass du feucht wirst. Das Lubrikant, das dabei in deiner Vagina zu fließen beginnt, entsteht aufgrund der erhöhten Durchblutung deines Beckens. (Ein Teil dieses Blutes wird durch die Kapillarwände in die Vagina ausgeschwitzt.) Zusätzlich nimmt dein Muskeltonus zu. Du fühlst dich angespannt, präsent, aufmerksam. Deine Atmung verändert sich: Du atmest schneller und heftiger.
Je höher die Intensität deiner Erregung steigt, desto weniger bist du jetzt noch abzulenken. Dein Fokus verengt sich auf deine Erregung und den Auslöser dafür.
Nehmen wir an, du hast nun Sex. Deine Erregung steigert sich dabei so sehr, dass du über den Point of no Return gelangst. Von jetzt an ist ein Orgasmus unaufhaltsam, denn ein zweiter Reflex wurde aktiviert. Der Orgasmusreflex. Dein Beckenboden zieht sich einmal oder mehrmals im Abstand von 0,8 Sekunden31 zusammen und entlädt damit die in dir angestaute sexuelle Energie.
Während manche Frauen in der Lage sind, mehrmalige Orgasmen zu erleben, sinkt beim Mann die physiologische Erregungskurve schnell nach unten. Die Entspannungsphase tritt ein. Wie lange es dauert, bis das Glied erneut erigieren kann, ist von Mann zu Mann unterschiedlich. Auch bei der Frau sinkt die Erregung und Entspannung macht sich breit.32
Wie du dir vorstellen kannst, läuft das nicht immer so glatt ab, wie ich es beschrieben habe. Manche Frauen wissen nicht, was ihre Erregungsquellen sind. Doch wenn wir unsere Erregungsreize nicht oder nur unzureichend kennen, dann haben wir eines ganz sicher nicht: unsere Erregung in der Hand. Wir sind den Umständen ausgeliefert.
Mal sehen, ob ich heute erregt sein werde. Vielleicht ja, vielleicht nein.
Sind wir nicht erregt, fehlt jedoch das Lubrikant, und Sex kann schmerzhaft werden. Zusätzlich kann es während der Penetration sogar zu kleinen Verletzungen in der Scheide kommen. Außerdem erigiert die Vagina nicht und auch das sorgt für Schmerzen und Verletzungsgefahr.
Ein weiteres Problem: Ist eine Frau erst einmal erregt, heißt das noch lange nicht, dass die Erregungsintensität auch weiter ansteigt. Oft wissen Frauen nicht, wie sie ihre Erregung positiv beeinflussen und steigern können. So schnell wie das Feuer entfacht ist, erlischt es auch wieder. Mitten im Sex. Dann heißt es für viele Frauen: krampfhaft lächeln, Augen zu und durch.
95 % der Männer kommen bei heterosexuellem Sex regelmäßig zum Höhepunkt, während dies nur bei etwa 65 % der Frauen der Fall ist. Das nennt man auch den Orgasmus-Gap, also die Kluft zwischen der Häufigkeit männlicher und weiblicher Orgasmen. In lesbischen Beziehungen sieht das schon anders aus: Hier kommen 86 % der Frauen regelmäßig.33 Insgesamt erleben 20 % der Frauen nur manchmal oder selten einen Orgasmus, 4 % aller Frauen nie.34 Bei Masturbation kommt etwa die Hälfte der Frauen jedes Mal zum Höhepunkt.35
Nur ein Drittel der Frauen erlebt ohne direkte Stimulation der Klitoris einen Orgasmus.36 Deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir nicht über Penetration kommen – denn nur manche Frauen haben das Glück, dass ihre Klitorisperle so günstig liegt, dass sie während der Penetration passend stimuliert wird. Außerdem hängt dies auch von der Position ab.
Ursachen für fehlende oder seltene Orgasmen gibt es viele: Neben körperlichen Gründen wie neurologische Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme sind vor allem psychische Gründe ausschlaggebend: Beziehungsängste und -konflikte, Traumata, Stress und Druck, Mental Load, Depressionen oder Burn-out.37
Das bedeutet aber nicht, dass Frauen nicht zu sexueller Ekstase fähig wären. Sex, wie wir ihn uns meistens vorstellen, ist jedoch oft einfach nicht kompatibel mit dem, was eine Frau braucht, um zum Höhepunkt zu gelangen. Genauer gesagt: Die Art und Weise, wie Männer gerne Sex haben, macht es Frauen schwer, zu kommen. Kaum Vorspiel, schneller Übergang zum Geschlechtsverkehr, kurze, aber heftige Penetration – oft kommen Frauen hier nicht hinterher.
Viele Frauen brauchen etwas mehr Zeit, bis sie erregt sind. Und vor allem benötigen sie häufig erotische Reize dazu. Vielleicht müssen sie auf die richtige Weise berührt werden. Und auch sonst muss vieles stimmen – die Umgebung, der Zeitpunkt, die Beziehung – ehe sie sich ihrer Lust hingeben, statt sie zu verdrängen.
Ohne ein gutes Vorspiel sind Frauen möglicherweise noch nicht einmal richtig erregt, bevor das Ganze schon wieder vorbei ist.
Und bei uns Christinnen gibt es noch eine weitere Hürde für erfüllende Orgasmen.
Purity Culture ist der moderne, aus Amerika herübergeschwappte Begriff für eine christliche Lehre, die schon die gesamte Kirchengeschichte hindurch Priorität hat: Leben in sexueller Reinheit.
Das ist auch kein Wunder, denn die Bibel spricht immer wieder davon, zum Beispiel hier: »Hütet euch vor jeder verbotenen sexuellen Beziehung! Denn mit keiner anderen Sünde vergeht man sich so sehr am eigenen Körper wie mit sexuellem Fehlverhalten« (1. Korinther 6,18). Verse wie diese wurden oft herangezo4gen, um sexuelle Restriktivität zu rechtfertigen. (Überraschenderweise fanden nur 7 % der Teilnehmenden an der großen empirica Sexualitätsstudie körperliche Sünden schlimmer als andere38.)
Verbotene sexuelle Beziehungen können viel Leid über Familien bringen. Ehen gehen zu Bruch, wenn Partner fremdgehen. Kinder erleben Verlust von Geborgenheit und Zuhause. Echte Tragödien. Pornos mögen legalisiert und Prostitution mag zu einem seriösen Beruf aufgewertet worden sein. Beides ist jedoch weiterhin zu großen Teilen extrem frauenverachtend und hält in der Sexarbeit tätige Menschen in einem unwürdigen System gefangen, das mit Recht moderne Sklaverei genannt werden darf. Für viele Betroffene ist es die Hölle auf Erden.39 Kein Wunder also, dass Gott uns davor schützen will.
In letzter Zeit hören wir aber immer mehr davon, dass diese hohen moralischen Werte vor allem jungen Christinnen und Christen zum Verhängnis werden. Schwierig wird es dann, wenn aus solchen Werten strenge Verbote, Regeln und Vorschriften werden. Und davon gibt es unter uns Christen viele. Kein Sex vor der Ehe, keine Masturbation, keine unreinen Gedanken, keine Pornografie, keine Homosexualität. Ver. Bo. Ten.
Gerade Jugendliche, die sowieso dazu tendieren, alles schwarz oder weiß zu sehen, geraten hier schnell unter Druck. Völlig normale körperliche Empfindungen, ausgelöst durch Reflexe, werden als sündhaft erlebt und unterdrückt. Schuldgefühle entstehen. Ganz schnell wird es hier ungesund.
Strenge moralische Vorschriften sind natürlich kein neues Phänomen. Tobias Faix und Thorsten Dietz geben in ihrem Podcast »Karte & Gebiet« einen kleinen Abriss über die Entwicklung der Sexualethik in der Kirchengeschichte.40 Bei den frühen Kirchenvätern galt Sex als grundsätzliche Sünde und war höchstens zu Fortpflanzungszwecken akzeptabel. Daran hat sich in den folgenden Jahrhunderten wenig gebessert. Bis ins 19. Jahrhundert hinein können wir eine körper- und lustfeindliche Theologie und sogar Philosophie beobachten, die nur im 18. Jahrhundert durch die romantische Revolution einen Gegentrend erfahren hat. Damals setzte sich die Idee der Liebesheirat durch.
Abgelöst wurde die körper- und sexfeindliche Entwicklung schließlich im 20. Jahrhundert mit der sexuellen Revolution der 60er Jahre. Sexualität und Ehe wurden entkoppelt, Sex rückte mehr in die Öffentlichkeit und tauchte unter anderem auch in den Medien auf. Geschlechterrollen wurden infrage gestellt.
Jetzt war natürlich klare Kante von den Christen gefragt. Sex wurde unter den Gläubigen zwar inzwischen im Zuge der romantischen Revolution in der Ehe als gut und richtig angesehen und durfte durchaus genossen werden (auch wenn die kirchlichen Vorschriften da noch hinterherhinkten, die den Zweck der Sexualität weiterhin in der Fortpflanzung sahen). Doch musste man sich nun klar gegen das gesellschaftlich immer ausschweifendere Leben positionieren. So verbreitete sich eine Ordnungs- und Gebotsethik. Klare aus der Bibel abgeleitete Regeln wurden benannt: Als einzig legitimer Ort für Sexualität galt eine monogame Hetero-Ehe. Sex außerhalb der Ehe wurde damit klar als Sünde definiert. Das brachte den verunsicherten Christen neue Orientierung und passte auch insgesamt in die christliche Theologie von Liebe und Treue.
So gibt es durchaus viele gute Auswirkungen der Purity Culture. Tobias Teichen und Christian Rossmanith haben ein ganzes Buch darüber geschrieben.41 Neben dem Schutz der Frau, die auf diese Weise nicht so häufig zu ungewolltem Geschlechtsverkehr überredet wird, zählen dazu vor allem Erkenntnisse aus der Bindungsforschung: Sex schafft nach Teichen hormonell eine Bindung zum Sexualpartner. Wenn man Sex außerhalb der Ehe hat, sind die gegenseitige Anziehung und Sehnsucht nacheinander so groß, dass man aufgrund dessen möglicherweise sogar den falschen Partner heiratet. Oder aber man reißt die Bindung durch One-Night-Stands oder häufig wechselnde Partnerschaften ständig wieder ein, was zu vielen Verletzungen auf beiden Seiten führen kann. Christliche Richtlinien können uns daher Orientierung und Schutz bieten, keine Frage.
Eine restriktive, also strenge und durch starke Vorgaben einschränkende Sexualethik kann jedoch auch viel Schaden anrichten. Junge Christinnen und Christen, die mit einer solchen Gebotsethik konfrontiert werden, erleben Sexualität beziehungsweise den Verzicht darauf als Pflichtprogramm.42 Ihr Körper und ihre Sexualität scheinen nicht ihnen selbst zu gehören – zuerst nicht, weil es Sünde ist, sich vor der Ehe selbst oder gegenseitig zu entdecken, später nicht, weil der Körper nun dem Ehepartner gehört. »Vor der Hochzeit darf zu Sex niemals Ja, danach niemals Nein gesagt werden«, wird es im bereits erwähnten Podcast43 treffend formuliert.
Das alles führt zu einer starken Entmündigung, zu einem Verlust von Freiheit und Selbstbestimmtheit. Man entfremdet sich von den eigenen Bedürfnissen. Der eigene Körper mit seinen Empfindungen wird als sündig angesehen. Jungen Frauen wird vermittelt: Dein Körper ist gefährlich! Er verführt zur Sünde. Männer müssen vor ihm geschützt werden, deshalb musst du seine Reize verhüllen.
Wer die Dinge anders sieht oder lebt, wird sehr schnell als »kein richtiger Christ« abgestempelt. Andere leben still und heimlich mit ihren Schuldgefühlen, weil sie denken, dass sie Gott enttäuscht haben. Es herrscht Angst vor Sünde, Angst vor dem eigenen Körper, Angst vor der eigenen Lust, Angst vor erotischen Fantasien, Angst vor Männern und Angst vor Frauen. Wenn man sich den geltenden Regeln widersetzt, muss man zudem mit Sanktionen rechnen, sei es der Ausschluss aus Leitungsaufgaben44 oder von der Mitarbeit bis hin zum kompletten Ausschluss aus der Gemeinde.
Je restriktiver etwas ist, desto größer ist auch die Gefahr von Übergriffigkeit. Gerade im jungen Alter ist man oft noch nicht reif und reflektiert genug, um Übergriffigkeit und (geistlichen) Missbrauch als solche zu erkennen und sich angemessen zur Wehr zu setzen. Es ist erschreckend, dass bereits zwei Fünftel der Teilnehmenden der empirica Sexualitätsstudie Berührungen gegen ihren Willen erlebt haben – das ist ein höherer Prozentsatz als in der Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben, und unglaubliche 90 % der im gemeindlichen Kontext geschehenen Vorfälle wurden entweder gar nicht aufgedeckt oder nicht angemessen aufgearbeitet. Kein Wunder, wenn das Erleben von sexualisierter Gewalt in solchen Fällen mit einer unsicheren Gottesbindung einhergeht.45
