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"In beer there is freedom", sagte Benjamin Franklin. So sieht es auch der Autor. In 41 liebevollen Aufsätzen singt er unterhaltsame und wissenswerte Lobeslieder auf das schönste Getränk der Welt: Bier. Und auf das schönste Geschenk der Welt: Freiheit.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Gunnar und Enno. Danke für alles. Der Kampf um die besseren Ideen geht weiter.
Eigentümlich bierselig – Geleitwort von Klaus-Peter Krause
Vorwort des Autors
Gerstensaft und Leidenschaft
India Pale Ale – Kolonialismus im Glas?
Oktoberfest – keine Miesen auf der Wiesn
Bier-Adventskalender
Im Winter ruft der Bock!
Steueroptimierter Alkoholgenuss
Westvleteren 12 – das beste Bier der Welt
Beer prepared!
Liegt die Freiheit im Bier?
Zaubertrank Zoiglbier
Was unter Blumen die Rose, unter Bieren die Gose
In Delirium Tremens
Eine geschichtsträchtige Alkoholbombe
All beers matter!
Die Wiener Schule des Bierbrauens
Freibier gibt es morgen!
Altbier – rheinaufwärts zu Haus
Das Braggot – Kraftstoff des Freiheitsdrangs?
Frei von Alkohol
Session IPA – die süffig-hopfige Leichtigkeit
Im Märzen der Brauer die Fässchen befüllt!
Auf den Spuren von Arthur Guinness
Schwergewichte aus dem Holzfass
Lück muss der Mensch haben
Schwyzer Melange: Bierfondue
Trink, was du bist – Anarkist!
Russian Imperial Stout
Budweiser gegen Budweiser
Mehr Bier-Sanktionen wagen
Pauwel Kwak – starkes Fahrbier mit Tradition
Herb, blond und schlank – norddeutsches Pils
Die oder wir?
Heiltrank Bier und die Krise der Brauwirtschaft
„When in Cologne, drink as the Colognians do!“
Bier als Quelle der Zivilisation?!
Der gute Ruf der Radeberger Brauerei
Hopfen – Opium fürs Volk?
Malz als gespeicherte Sonnenenergie
Wasser als Hauptzutat
Een Brand för twee för foftein Penn
Die Hefe
Danksagung
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Das schönste Getränk der Welt? Bier? Helge Pahl sieht das so. Darf der das? Der darf das. Dass der das darf, versteht sich von selbst. Denn er ist Brauer geworden, braut diesen Trank in eigener Brauerei. Gegründet mit Gleichgesinnten hat er sie 2016 im schleswig-holsteinischen 2000-Seelen-Dorf Wacken. Den Namen hat man doch irgendwie schon mal gehört. Ist das nicht das Dorf mit dem …? Ja, das ist es: mit dem Open-Air-Festival, das gelegentlich im Schlamm versinkt, wenn es tüchtig geregnet hat, und das trotzdem 85.000 Heavy-Metal-Fans unwiderstehlich anzieht.
Ohnehin hat Brauer Pahl mit seiner Wahrnehmung vom „schönsten Getränk“ unglaubliches Glück: Er steht nicht allein; Viele, viele erwachsene Zweibeiner sehen es nicht anders. Wohl gilt Irren als menschlich, aber sämtliche Biertrinker dieser großen weiten Welt können sich nicht irren. Bier ist auch weit mehr als bloß ein Getränk. Wohl ist es auch Labsal für Durst, Labsal in Geselligkeit, Labsal für die geplagte oder ungeplagte Seele. Aber dies alles lässt sich auch vom Wein sagen. Bier dagegen bietet zusätzlich etwas ganz Besonderes: Wer es zu sich nimmt, versorgt sich mit einem Grundnahrungsmittel, einem Nahrungsmittel für die Alltäglichkeit. Und das auch noch überaus bequem: Messer, Gabel, Löffel sind für die Nahrungsaufnahme entbehrlich. Sein flüssiger Aggregatzustand macht’s möglich.
Schon das Wasser als sein Hauptbestandteil ist ein lebenswichtiger Stoff. Ohne Wasser ist alles nichts, kein Leben, einfach nichts. Dann die ihm im Braukessel hinzugefügte gemälzte und geschrotete Gerste – sie liefert, nunmehr als Malz, den wesentlichen Nährstoff: Zucker. Nachdem die Maische von ihren festen Bestandteilen getrennt („geläutert“) ist, folgt die Hopfengabe, die dem Sud, je nach Menge und Hopfenart, die gewünschte edle Bitterkeit und mit späteren Zutaten die Aromen gibt. Zum Schluss, wenn der Sud den Braukessel verlassen hat, bringt Hefe die süßliche Bierwürze im Gärtank auf Trab, nämlich zum Gären, sodass Alkohol und Kohlensäure den erfrischenden Feinschliff geben. Im Prinzip also ziemlich einfach, das Bierbrauen, aber mit den möglichen Variationen bei der Rohstoffauswahl und der Verarbeitungsvielfalt eine hohe Kunst, die Braukunst eben.
Alle vier Rohstoffe, die durch diese Kunst im Bier zusammengefunden haben, werden von Pahl überaus kundig und lehrreich beschrieben. So erfährt der Leser, warum Wasser nicht gleich Wasser ist, Malz nicht gleich Malz, Hopfen nicht gleich Hopfen und Hefe nicht gleich Hefe. Alle haben in sich eine Fülle von Besonderheiten, die sich später dem Biergenießer geschmacklich und optisch mitteilen. Malz, so liest er, ist der „Körper“ des Bieres und Hopfen seine „Seele“. Er lernt, wie das Mälzen geschieht, wie Art und Menge des verwendeten Malzes über die Gehaltfülle und Farbe des Bieres bestimmen, warum das Wasser weich sein muss. Er bekommt vermittelt, dass es Bitter- und Aromahopfen gibt, wo Hopfen vor allem angebaut wird, wie die Brauer versuchen, die Aromen des Hopfens beim Kochen der Bierwürze nicht alle entweichen zu lassen, sie die Hopfengaben dem Sud daher erst später hinzufügen oder auch „kalt“ hopfen, um die Aromen dort zu binden, wohin sie gehören: ins Bier. Wissenswert zudem, dass Hopfen antiseptisch wirkt und somit das Bier stabilisieren hilft – in früheren Zeiten eine besonders geschätzte Eigenschaft.
Wie die Brauer Wasser zum schmackhaften, bekömmlichen Gebräu zu veredeln verstehen, ihm den Wohlgeschmack beibringen und abringen, das führt Pahl in diesem Buch mit einer Mannigfaltigkeit des Gerstensaftes vor, von der normale Bierkonsumierer allenfalls ein bisschen Ahnung haben, sich nun aber vom Autor bereichern lassen können. Dieser erklärt ihnen, was Craftbeer, wie beispielsweise India Pale Ales (IPA) oder Imperial Russian Stouts sind.. Das belgische Fahrbier Pauwel Kwak kommt vor, das Ale, das Porter, das Stout, das Budweiser (das tschechische wie das amerikanische), natürlich dat Kölsch, das Radeberger, das Bockbier, das Oktoberfestbier, das norddeutsche Pils, das rheinländische Alt, das Bier als Heiltrank und anderes mehr.
Bereichert wird des Lesers Wissen um die Zubereitung eines Käse-Bier-Fondues, in das man appetitliche Brotstücke tunkt. Und wer „das beste Bier der Welt“ nicht kennen sollte, sich dessen aber nicht zu schämen braucht, erfährt dies im Buch ebenfalls. Doch sei es hier schon mal verraten. Es ist das „Westvleteren 12“. Weiteres darüber müssen Sie sich dann aber durch Lesen etliche Seiten weiter selbst erschließen.
Auch über alkoholfreies Bier, die „Spaßbremse“, findet sich etwas. Pahl zitiert dazu den Kabarettisten Volker Pispers: „Was erwarten Sie denn noch? Ein Volk, das sich alkoholfreies Bier aufschwatzen lässt, das greift auch zu einer kompetenzfreien Regierung.“ Für Pahl ist alkoholfreies „entseelter Gerstensaft“, der jeden ehrbaren Brauer und viele „ehrliche“ Biertrinker erschaudern lasse. Man könne die Unfertigkeit, die Inkompetenz dieser „Biere“ förmlich riechen. Ja, Bier ohne Alkohol ist wie Urlaub ohne Sonne.
Das Buch durchstreift auch Bierlandschaften, die deutsche natürlich, die amerikanische, die britische, die belgische. Die großen und daher trägen, schwerfälligen Bierkonzerne haben durch zahlreiche Neugründungen vorwiegend kleinerer Braustätten erfrischende Konkurrenz bekommen. Biervielfalt und Sorten haben sich durch viel Innovation und Kreativität gewaltig ausgeweitet. Im Craftbeer-Boom sieht Pahl dafür ein Paradebeispiel. Freiheit zu und durch Wettbewerb bewirkt Erstaunliches immer wieder, und die Menschen profitieren davon.
Das Buch durchzieht der Geist erzliberaler, freiheitlicher Gesinnung. Daher ist es auch kein Wunder, wenn sich Pahl immer wieder zu kleinen Abschweifungen mit Anzüglichkeiten gegen inkompetente staatliche Anmaßungen und zu politischen Sticheleien herausgefordert sieht. So zum Beispiel, wenn er über die angstberuhigende und schlaffördernde Wirkung des Hopfens als Heilpflanze als Erklärung dafür findet, warum der bierselige deutsche Michel lammfromm die schleichenden Enteignungen durch seine politischen Akteure hinnimmt und deutlich niedrigere Altersrenten als beispielsweise Franzosen und Italiener erduldet, weil die mehr dem Wein als dem Bier zusprechen. Angenommen der kausale Zusammenhang zwischen Bier und Schläfrig-Machen bestünde wirklich: So unrealistisch es zwar wäre, dem Michel das einschläfernde Bier entziehen zu können, so gewiss dürfte aber – falls doch – des des Michels revolutionäre Auflehnung wohl leider ausbleiben. Mit Bierentzug also wäre den beklagenswerten deutschen Zuständen folglich nicht beizukommen.
Wo politische Machtbesessenheit, totalitäre Machtausübung und Unfähigkeit der Politikergarde zum Vorschein kommen, versteht es Pahl, unter seine Bierbegeisterung die notwendige Kritik einzustreuen, sei es kühl, ironisch oder süffisant. Ein Beispiel dafür sind die Corona-Maßnahmen oder seine Anmerkungen über die Transformation Deutschlands in die „Bundesrepublik Infantilistan“. Diesen freiheitlichen Geist vermittelt Pahl bei den Plaudereien und beim Kenntnisverbreiten über Bier gleichsam nebenbei.
Pahl gehört nämlich zu jener Kategorie Mensch, die sich zu den „eigentümlich Freien“ zählt, wenn sie verbandelt ist mit dem liberal-libertären Monatsmagazin eigentümlich frei. Dort ist in vielen kundigen Bier-Kolumnen entstanden, was hier jetzt als Buch vorliegt. Dabei bricht Pahl für die Freiheit immer wieder Lanzen. Wie um das zu unterstreichen, steht über den Kolumnen wiederkehrend nicht nur „Bier“, sondern „Freibier“, denn spendiertes Bier mundet dem mit ihm Beglücktem nun einmal besonders gut und darf als Aufforderung verstanden werden, die Freiheit des Spendierens häufig genug auch auszuleben und zu genießen. Folgerichtig hat Freibier im Buch eigens ein Kapitel für sich.
Die Freiheit ist für Pahl, verbunden mit dem Bier, sozusagen Programm. In seiner Auftakt-Kolumne heißt es denn auch: „An dieser Stelle möchte ich zukünftig etwas Licht auf das schönste Getränk der Welt im Zusammenspiel mit Freiheit und Unfreiheit werfen. Die unterschiedlichen Auswirkungen der Staatsmacht wie das Reinheitsgebot, die Prohibition und Besteuerung des Produkts Bier werden dabei zum Beispiel Themenfelder sein. Natürlich gilt es auch, anzuschauen, inwieweit da, wo sich der Staat zurückzieht, Biervielfalt, Kreativität und Unternehmertum aufblühen.“ Zuweilen teilt sich Pahls Drang, die Segnungen der Freiheit hervorzukehren, nur in ein, zwei Sätzen mit, zum Beispiel so: „Millionen von Heimbrauern und tausende Brauereien auf der ganzen Welt produzieren eine unglaubliche Vielfalt. Auch hier gilt: Wo die Märkte weitestgehend frei sind, steigen das Angebot und die Qualität.“ Subkutan also teilt sich dem Leser mit: Freier Wettbewerb macht’s.
Pahl ist ein Schwarmgeist. Dass er für Bier schwärmt, versteht sich. Mit Bier ist er – so die Überschrift im Fragebogen am Schluss des Buches – „beschwingt begeisterungsfähig“. Er schwärmt aber vor allem für Freiheit und setzt, wie er im Fragebogen bekennt, auf „die grenzenlose Schaffenskraft des Menschen in freien Gesellschaften mit freien Märkten“. Und wie nebenbei bekommt er es hin, in seinen Aufklärungen über Bier ökonomische Erkenntnisse liberaler Ökonomen in Kurzform zu vermitteln, die eine und andere Lehrweisheit unterzubringen, darunter beispielsweise die Theorie von den komparativen Kosten des britischen Ökonomen David Ricardo, oder die Wiener Schule des Bierbrauens (das Wiener Lagerbier) mit der Wiener Schule der Nationalökonomie, den „Austrians, zu verbinden.
Beim Lesen drängt sich als Eindruck von der Person des Autors zusätzlich ein „eigentümlich bierselig“ auf. Denn das Schwelgen über Bier und in Bier, also Bierseligkeit, durchströmt das ganze Buch. Und es kann durchaus sein, dass sich der Leser willig mitdurchströmen und mitziehen lässt und dabei erkennt: Es ist schon erstaunlich, was man aus Wasser alles machen kann. Und aus Gerste natürlich. Und Hopfen. Und Hefe. Und wie es geschieht. Und wo. Dies alles, verpackt in einfallsreiche, heitere Plaudereien und amüsante Formulierungen, machen die nun folgenden Seiten das Buch zur informativen und zugleich unterhaltsamen Lektüre.
Appetit bekommen? Dann legen Sie los mit dem Blättern und Lesen!
Klaus Peter Krause im Herbst 2023
Solange ich trinken kann, hat mir das Wort „Freibier“ unbewusst ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. In meinen Lehr- und Wanderjahren waren die Pfennige in meinen Taschen rar gesehene Gäste. Ich zählte sie beim Einkaufen im ALDI penibelst mit, versuchte ihren Wert mit den wenigen Waren in meinem Einkaufwagen und mit meinen in der Zukunft liegenden Bedürfnissen abzuwägen. Obwohl Anfang der 1990er die apokalyptische Klimaerwärmung noch nicht so stark grassierte, war mein Durst nahezu grenzenlos. Es waren diese frühen Jahre des Mangels und die seltenen und kurzen, unbezahlbaren Momente des Glücks, wenn Privatpersonen oder Unternehmen freiwillig und freigiebig kostenlos Bier ausschenkten, in denen sich das Wort „Freibier“ für immer tief und positiv in mein Rückenmark eingebrannt hat.
Während in verhältnismäßig freieren Zeiten das Wort „Freiheit“ wie selbstverständlich keine große Rolle spielt – und wenn doch, es dann semantisch den Sinn von Entscheidungsfreiheit und einhergehender Eigenverantwortung des Individuums einnimmt – wird die Silbe, das Sem, der Begriff „frei“ in autoritäreren Zeiten der Unfreiheit dazu missbraucht, diese zu kaschieren. Eine der absurdesten Neusprechkreationen der bedeutungsraubenden Freiheitsfeinde ist das Wort „Steuerfreibetrag“. Gemeint ist damit „Sklavenfreizeit“, denn nur einem unfreien Menschen kann man zwangsweise Geld abpressen. Ein freier Mensch gehört sich selbst und das impliziert, dass auch die Erträge seiner Arbeit nur ihm selbst und keinem Dritten gehören. Er kann sie freiwillig mit anderen teilen, indem er beispielsweise Freibier ausschenkt,, werden sie ihm aber unter Androhung von Gewalt genommen und wird er somit um seine Lebenszeit beraubt, ist er nicht frei, auch wenn die hehrsten Ziele mit der Raubbeute versprochen werden. In unfreien Systemen wird das Wort „frei“ entweder euphemistisch für eine Unfreiheit (zum Beispiel „Freie Deutsche Jugend“ in der DDR) verwendet oder es markiert ein scheinbares Geschenk. Wie einst wundersam das Manna vom Himmel fiel, beglücken dann Politiker jedweder Couleur auf Geheiß ihrer Freier vermeintlich freigiebig das Volk mit sogenannten Freiheiten, Freibeträgen und errichten Freigrenzen, die nichts anderes manifestieren als ein gesetzliches Zugriffsrecht auf das Eigentum anderer. Das siebte Gebot gilt nicht für die Akteure des Staates.
Schlimmer noch – der Staat versklavt den freiheitsliebenden Unternehmer zum Steuereintreiber, zum Zöllner. Bei Androhung von Freiheitsstrafe muss er die Mehrwertsteuer von seinen Kunden abkassieren, er muss Lohnsteuer und sogenannte Sozialabgaben eintreiben und an die nimmersatten Tunichtgute abführen, die damit sich und alle vier Jahre ihren Stimmenfang zum Machterhalt finanzieren.
Naturgegebene Rechte des Menschen werden zu Privilegien erklärt. Zum Angeln, Jagen, Bauen braucht es auf einmal Genehmigungen. Tierhaltung muss registriert, katalogisiert und besteuert sein. Der gefügige Kritiklose merkt davon nichts, er fühlt sich weiterhin frei. Die selbsternannten Verwalter der Freiheit lassen sich indes von ihren Untertanen Freiflüge zum Klimagipfel bezahlen, um zu beratschlagen, wie sie sie noch besser gängeln und auspressen können. Sie sammeln Freimeilen, verschieben Freigrenzen und vermögen sogar, den wilden, bösen, ungezügelten Freihandel mittels tausender Seiten Gesetzestext zu domestizieren und somit unschädlich zu machen. Und zuweilen fließt dabei auch hektoliterweise vom Steuersklaven bezahltes Freibier, womit wir endlich beim Thema sind.
Spätestens seit Milton Friedman wissen wir: There ain´t no such thing as a free lunch – Es gibt kein kostenloses Mittagessen. Und mit dieser harten Erkenntnis zerplatzt für viele Irrgeleitete das gesamte Narrativ vom Freibier (mitsamt seiner Schaumkrone), auf das sie meinten, einen Anspruch zu haben, weil es schließlich ein Menschenrecht sei. Aber nur ein Sklavenhalter glaubt, dass er ein Anrecht auf die Produkte anderer Leute habe.
Für mich indes steht Freibier für den freiwilligen, freimütigen und freigiebigen Austausch zwischen den Menschen. Freibier kann nur Freibier sein, wenn sein rechtmäßiger Eigentümer es freiwillig und ohne Zwang ausschenkt.
Heute wie immer schon ist Bier das Ergebnis von harter, sehr unterschiedlicher und langwieriger Arbeit. Stetig jedoch, dank Schaffung von größeren Produktionsmitteln durch Sparen, ließ sich ihr Aufwand reduzieren, wodurch das Bier immer billiger wurde. Durch internationale Arbeitsteilung über viele Ländergrenzen, durch fortwährenden technischen Fortschritt und Wissensakkumulation über Jahrtausende hinweg konnte die Produktivität erheblich gesteigert werden. Aus diesem Grunde kooperiert der moderne Brauer nicht nur mit dem zeitgenössischen Sudhausbauer und Brautechnologen, mit dem Getreide- und Hopfenbauer und ihren Düngemittel- und Traktorherstellern, mit dem Mälzer und Hefestammzüchter, dem Etikettendrucker, Kronenkorkenbieger und seinem Stahlverhütter, sondern stets auch mit seinen und ihren längst verblichenen Vorgängern aus Altertum, Mittelalter und früher Neuzeit. So technisiert die heutige Bierherstellung ist, sie ist auch und immer eine anthroposophische Reise über Zeiten, Kontinente und fast alle Gewerke hinweg. Und sie ist das akkumulierte Resultat milliardenfachen friedlichen und freiwilligen Austausches. Der ungeheure Erfolg dieser Kooperation spiegelt sich im Ergebnis wider: Die Menschheit produziert heute mühelos und zu geringsten Kosten 1,9 Milliarden Hektoliter Bier pro Jahr.
Mit dem Start der Kolumnenreihe Freibier in der libertären Monatszeitschrift eigentümlich frei im Sommer 2019 begann für mich eine kleine Reise ins Ungewisse. Ich selbst verfolgte keinen konkreten Redaktionsplan, und auch der Verlag ließ mir die Freiheit, mich von aktuellen Ereignissen, persönlichen Vorlieben, eigenen und externen Inspirationen leiten oder besser gesagt treiben zu lassen. Im Nachhinein betrachtet war das Timing perfekt. Als bis dato weitestgehend unbeschriebenes Blatt hatte ich mich ein paar Monate lang warm schreiben können, bis die größte Krise (nicht nur) für die Brauwirtschaft und Gastronomie seit dem Zweiten Weltkrieg, einhergehend mit einem der größten Raubzüge der Geschichte, einsetzte. Diese Jahre waren weiß Gott nicht freiheitlich, sondern sind gezeichnet von blitzartiger Erosion des sogenannten Rechtsstaates, einhergehend mit einer ungeheuerlichen Übergriffigkeit, unverschämten Anmaßungen, Diskriminierungen, Nötigung bis hin zu Berufsverboten und somit Enteignungen. Die Menschenwürde eines jeden Einzelnen ging als Erstes koppheister. Angefacht von einer durch die Hauptstrompresse verbreiteten Staatspropaganda, entstand ein Klima der Bespitzelung und Denunziation, gepaart mit einer Spaltung der Gesellschaft auf breiter Front. Kollegialität, Nachbarschaften, Freundeskreise und Familienbande zerbarsten unter dem staatlich-medialen Druck. Die monatelange Schließung der Restaurants und Kneipen bedeutete nicht nur den Ruin für viele Wirte und ihrer Mitarbeiter, sie verhinderte auch den wichtigen Austausch und Ausgleich bei Bier und Schnaps am Stammtisch. Aus Gründen. Denn hier hätte das massenmedial belogene Volk schnell durch wenige kritische Geister nachdenklich werden können.
Eigentlich war ich angetreten, ausschließlich das Produkt Bier in all seinen Facetten zu feiern, selbst weiter zu ergründen und hier und da Querverweise und Rückschlüsse auf freiheitliche oder ökonomische Thematiken zu ziehen. Politik, vor allem ihre tagesaktuellen geschwürartigen Wucherungen, wollte ich tunlichst links liegen lassen. Der Umstände halber ist mir das nicht immer gelungen, und so sind einige der vorliegenden Kolumnen auch Zeitdokumente für die Ungeheuerlichkeiten des Covid-Maßnahmenregimes.
Überwiegend finden Sie jedoch kurze Lobeslieder auf Facetten des schönsten Getränks der Welt, gepaart mit Anekdoten, Kuriositäten, Verkostungsnotizen und subjektiven Reisebeschreibungen aus dem grenzenlosen Universum des Gerstensaftes. Die Fachleute, Kollegen und Beergeeks mögen es mir nachsehen, dass ich auf den zwei Seiten nicht immer tief in jedes Thema einsteigen konnte. In wem das Interesse auf mehr Bierwissen geweckt wurde, findet im Anhang ein kleines Literaturverzeichnis zum tieferen Einstieg ins Thema Bier, aber auch in den Libertarismus und der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, zu denen ich immer wieder mal eine Brücke schlage. Die Aufsätze sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet. Sie, geneigter Leser, sind natürlich frei, sich darüber hinwegzusetzen. Schließlich ist dieses Buch Ihr Freibier. Sofern Sie sich erst einmal etwas Basiswissen beispielsweise über Rohstoffe aneignen wollen, blättern Sie ruhig und lesen quer. Und lesen Sie, so wie der Alltag es zulässt, in Dosen. Oft ist weniger mehr. Denn natürliche Gesetze wie Zeitpräferenz und Grenznutzen gelten sowohl beim Bier- als auch beim Lesekonsum.
Gerne freue ich mich über Rückmeldung, konstruktive Kritik, sachliche Diskussionsanregungen und Vorschläge für neue Themen, sei es per E-Mail (freibier@ef-magazin. de) oder auch persönlich. Denn eines ist sicher: Solange ich noch freien Zugang auf meine Geldbörse habe, lade ich Sie, werter Leser dieses Buches, zu einem Freibier ein. Egal, wo wir uns treffen: Die erste Runde geht auf mich. In der Vorfreude darauf, bei einem gepflegten Frischgezapften mit Ihnen über Bier und Freiheit plaudern zu dürfen, erhebe ich mein Glas!
Wohlsein!
zuerst erschienen in ef 195 (Aug./Sep. 2019)
Bier, besser gesagt: Biervielfalt, und Freiheit korrelieren eng miteinander. Das Bierbrauen gehörte im Frühmittelalter zu den alltäglichen Tätigkeiten in fast jedem Haushalt. Es gab also viele „Bierbrauer“, zumeist waren es Frauen, die in der Herstellung weitestgehend frei und unabhängig waren. Lediglich die Verfügbarkeit der Zutaten und die Größe der Kochtöpfe setzten den Brauern natürliche Grenzen. Seit dem Hochmittalter wurde die Bierherstellung zunehmend von der Obrigkeit reguliert, ge- und besteuert. Bierbrauen war nun ein herrschaftliches Privileg, das an Klöster oder Zünfte vergeben wurde. Mit Verordnungen wie zum Beispiel dem Reinheitsgebot griff der Staat unmittelbar in das Produkt ein und beschränkte die natürliche Tendenz zur Vielfalt. Während es dem bayrischen Herzog beim Erlass des Reinheitsgebots darum ging, den knappen Weizen (für sich, seine Soldaten und sein eigenes Bier) einzusparen, erscheint sein neuzeitliches bundesdeutsches Äquivalent, das vorläufige Biergesetz von 1993, wie eine Ausgeburt des Korporatismus.
In den 1970er Jahren entstanden in den USA die ersten Mikrobrauereien. Ausgelöst wurde diese Entwicklung zunächst durch eine Liberalisierung der strengen, noch aus Zeiten der Prohibition stammenden Regelungen zum Hausbrauen. Die damalige Eintönigkeit der amerikanischen Bierlandschaft, die den Konzernkonzentrationen geschuldet war, öffnete den Raum für die neuen, kreativen Brauer. In den 1970er Jahren gab es in den USA nur noch 42 Brauereien, die zudem mehrheitlich das geschmacklich gen null tendierende American Lager produzierten. Aus gelangweilten Bierliebhabern formierte sich allmählich eine Gegenbewegung. Die Gemeinde der Hobbybrauer, die inspiriert von europäischen Bierstilen die eigenen Küchen nun zu Kleinstbrauereien umnutzten, wuchs sehr schnell. Aus ihr heraus gründeten sich die ersten Craftbeer-Brauereien. Der Siegeszug des „handgemachten Bieres“ begann.
Mittlerweile gibt es in den USA über 7.000 Brauereien, die meisten sind sehr kleine Brewpubs, aber die größte Craftbeer-Brauerei hat mittlerweile die größte deutsche Privatbrauerei Oettinger überholt. Apropos Deutschland: Hier sieht die Bierlandschaft historisch bedingt ganz anders aus, dennoch hat es auch in Deutschland zunächst einen erheblichen Rückgang und in den letzten Jahren unzählige Neugründungen gegeben. Jede mittelgroße Stadt hat nunmehr wieder eine Braustätte. Die Szene versucht mit viel Innovation und Kreativität, den großen Platzhirschen Marktanteile abzuluchsen. Es hat einen enormen Zuwachs an Biervielfalt und Sorten gegeben, der weitestgehend von den kleinen, neuen Brauereien erzeugt wurde. Der Craftbeer-Boom ist ein Paradebeispiel dafür, dass große Unternehmen naturgemäß träger und lethargischer sind als kleine. Diese Schwerfälligkeit mündet in Eintönigkeit, die den Konsumenten zunehmend übel aufstößt. Die kleinen Brauereien können diese Lücke mit Innovation und Flexibilität füllen. Weltweit sind Zigtausende neue Unternehmer aus dem Dornröschenschlaf erweckt worden. Gestärkt durch ihre Leidenschaft Bier brachten sie den Mut auf, ihr Leben und ihren Lebensunterhalt frei, selbständig und eigenverantwortlich zu bestreiten.
An dieser Stelle möchte ich zukünftig etwas Licht auf das schönste Getränk der Welt im Zusammenspiel mit Freiheit und Unfreiheit werfen. Die unterschiedlichen Auswirkungen der Staatsmacht wie das Reinheitsgebot, die Prohibition und Besteuerung des Produkts Bier werden dabei zum Beispiel Themenfelder sein. Natürlich gilt es auch, anzuschauen, inwieweit da, wo sich der Staat zurückzieht, Biervielfalt, Kreativität und Unternehmertum aufblühen. Und für die renditeorientierten Bierfreunde wird es einige Ideen geben, wie man seine überschüssige Liquidität in bereichernden Gerstensaft investieren kann. Unter dem Decknamen „qualitative easing“ werde ich zudem einige Trinkempfehlungen aussprechen.
zuerst erschienen in ef 196 (Oktober 2019)
Das India Pale Ale (IPA) ist wohl das typische Craftbier schlechthin. Es ist der beliebteste, meistverkaufte und vermutlich mittlerweile vielfältigste Bierstil der Handwerksbrauer, und fast jeder hat mindestens eines im Sortiment. Aber was genau ist eigentlich ein IPA?
Englisch ausgesprochen, hört sich die Kurzform modern und trendig an, das Bier ist jedoch schon ein alter Hase und hat rund 250 Jahre auf dem Buckel. Der Name ist Programm, das Bier stammt hingegen nicht aus Indien, sondern aus England, wurde jedoch ursprünglich zum Export in die einstige britische Kronkolonie gebraut. Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte man modernere Mälzmethoden. Die Temperatur beim Darren, der Trocknung des angekeimten Getreides, konnte nun besser kontrolliert und reguliert werden. Dadurch wurden die Malze und somit auch die Biere deutlich heller, sie wurden „pale“. Die englische Bezeichnung „Ale“ verwendet man genaugenommen nur für obergärige Biere. Im Unterschied zu untergärigen Bieren, die als „Lager“ bezeichnet werden. „Obergärig“ bedeutet, dass das Bier bei einer Temperatur von 16 bis 20 Grad zumeist (aber nicht zwingend) mit typischen obergärigen Hefestämmen vergoren wurde. Im Vergleich zu untergärigen Bieren verläuft die Gärung heftiger und schneller ab, und es entstehen fruchtig-estrige Aromen. Das typische bananige Aroma des Weißbiers verdankt es solch einem Fruchtester, der während der Gärung entsteht.
Das vorherrschende Bier im England des 18. Jahrhunderts war das Porter, ein dunkles, hopfiges und gehaltvolles Ale, das nicht nur die Hafenarbeiter („Porter“) stärkte. Es ist jedoch nicht der Vorläufer des IPAs, vielmehr war dies das October Beer, das sich aufgrund der relativ langen Haltbarkeit besonders gut als Exportbier eignete. Der Seeweg nach Indien war lang und beschwerlich, den Suezkanal gab es ja noch nicht. Das Bier schwappte, in Holzfässern gelagert, den Erdball vier Klimazonen runter und drei wieder nach oben. Das konnte nur ein sehr robustes Bier aushalten. In Zeiten, in denen man nicht hochfiltrieren und pasteurisieren konnte, gab es nur zwei Stellschrauben, mit denen der Brauer lebensverlängernde Maßnahmen für sein Bier ergreifen konnte: Stärke, also höhere Stammwürze und somit höherer Alkohol. Und mehr Hopfen, und somit mehr Bittere. IPAs hatten schon damals Alkoholgehalte von bis zu neun Prozent und waren „englisch“ gebittert.
Es geht das Gerücht, dass das Bier nur aus Platzgründen so konzentriert gebraut wurde und das Starkbier nach Ankunft auf dem indischen Subkontinent auf „normale“ Trinkstärke verdünnt werden sollte. Den britischen Soldaten und Offizieren, die in Indien ihren Dienst leisteten, soll es im Original jedoch hervorragend geschmeckt haben, so dass man von einer Verdünnung absah. Wer schon einmal in Indien war, wird den Gedanken, man solle ein Lebensmittel mit indischem Wasser verdünnen, ohnehin als völlig abwegig verwerfen.
